Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Part 2

Chapter 23,684 wordsPublic domain

Es war am 23. August des Jahres 79. Ein blauer Himmel lag über dem Meere, und aus Blütengärten zog ein süßer Duft über das Land. Die weißen Häuser der Städte Herculanum und Pompeji glänzten in der Sommersonne, und im Hintergrunde stand der Kegel des Feuerberges, umgeben von grünen Weingärten.

Die Menschen wanderten fröhlich durch die Straßen, saßen bei allerlei Handwerk vor ihren Hütten, und die Kinder spielten zwischen den steinernen Säulen der Torbogen. Am Abend, bei Sonnenuntergang, sollte in dem großen Zirkus ein Wagenrennen sein, und die Frauen saßen in ihren Gemächern und schmückten sich.

Als die Sonne sich hinabsenkte zum Meere, da stand über dem Berge eine dunkle Rauchwolke, und wenn es einen Augenblick still war in den Straßen, hörte man unter der Erde ein dumpfes Brausen und Grollen, aber niemand achtete darauf, denn jahrhundertelang war der brennende Berg friedlich gewesen und die Menschen hatten vergessen, daß er wie ein Panter heimtückisch auf der Lauer lag, sie zu überfallen. Sorglos noch, eilten sie festlich gekleidet zu dem Schauspiel, aber immer dunkler stand über dem Berge die Wolke, immer lauter grollte es in der Tiefe, und ganz leise zitterte der Boden unter den Füßen. Da wandten viele den Blick zu dem Berge, und ein dunkles Ahnen kommenden Schreckens stieg auf in den Herzen der Menschen.

Die Nacht verging noch ruhig, am nächsten Morgen aber stieg die Sonne blutig rot auf, und unheimlich rumorte es in den Schlünden der Erde. Über dem Berge stand eine seltsame schwarze Wolke, riesenhoch. Wie ein Baum erhob sie sich und breitete sich in der Höhe aus gleich einem breiten Blätterdach. Immer weiter und weiter schwebte ihre Masse, sie verdunkelte die Sonne, machte den Tag zur Nacht, und ungeheure Aschenregen senkten sich aus ihr hernieder. Dumpf grollte der Donner vom Berge her, grelle Blitze zuckten durch die zunehmende Finsternis. In der Ferne aber lag im Sonnenschein das Meer und die Küste, und in den Ortschaften dort standen die Menschen und sahen entsetzt nach dem furchtbaren Berge und betrauerten die Menschen, die an seinem Fuße wohnten.

Zur Mittagszeit ringelten sich plötzlich glühende Schlangen aus dem Rachen des Berges hervor, flossen in die Weingärten, verbrannten alles ringsum, zerstörten die Wohnungen der Menschen. Da liefen die Bewohner von Herculanum und Pompeji wehklagend durch die Gassen, eilten mit ihrer Habe fort aus der Stadt, weiter hinaus in die Ebene. Aber ein neues Unheil kam vom Feuerberge! Aus seinem Innern schoß ein unendlicher Hagel von glühenden Steinen, stundenlang, tagelang, der erschlug Hunderte der Fliehenden, und die Landstraßen und Felder waren bedeckt mit Männern, Weibern und Kindern, die in der tiefen Finsternis mitten im hellen Tag untergingen. In Todesangst eilten die andern weiter, umwallt von der sinkenden Asche, umrauscht vom Steinhagel, umzuckt von den Blitzen aus der Höhe. Der Donner rollte. Aus dem Erdboden, der da und dort barst, stiegen giftige Schwefeldämpfe auf, dunkelrot glühend krochen die Schlangen des Feuerbreies, der dem Berge entquoll, immer weiter hinein in die Ebene. Jeder dachte nur an die eigene Rettung. Der Freund verließ den Freund, schreiend wälzte sich der Strom der Fliehenden dahin.

Mit Schiffen wollte man vom Meere her den Bedrohten Rettung bringen, aber der Steinregen vertrieb die Seeleute, und einige, die gelandet, erstickten in den giftigen Dämpfen, die dem Boden entstiegen.

Viele von den Einwohnern der unglücklichen Städte waren in den Häusern zurückgeblieben. Sie fürchteten in dem Steinregen umzukommen und verkrochen sich in ihren Gemächern vor dem dichten Staub, der die Luft erfüllte. Da harrten sie der Stunde der Erlösung von all den Übeln. Aber drei Tage und drei Nächte wütete der schreckliche Berg. Immer dichter fiel der Staub, immer höher türmten sich die Steine. Die Häuser versanken darin, die Menschen wurden begraben in der heißen Asche, und jeder Laut erstarb.

Fern auf den Höhen aber standen die Bewohner glücklicherer Orte und sahen Herculanum und Pompeji untergehen.

Als am vierten Tage der Himmel sich wieder ein wenig geklärt, das unterirdische Rollen nachgelassen, die Sonne wieder ein wenig die noch immer mit Asche gefüllte Luft durchdrang, wagten sich mutige Männer heran an die Stätten des Grauens, aber keine Spur mehr fanden sie von den Ortschaften, die hier gestanden. Bis an den Knien versanken sie in der heißen Asche, Herculanum und Pompeji waren vom Erdboden verschwunden, versunken im Aschenmeer, und in der Ferne ragte der Feuerberg düster und drohend aus der stauberfüllten Luft.

Da wandten sie sich verstört und traurig um und verließen das weite Aschenfeld, auf dem vor wenig Tagen noch zwei reiche Städte gestanden.»

Der Wassertropfen

«Kinder,» sagte der Doktor Ulebuhle, «heut will ich euch die Lebensgeschichte eines winzigen kleinen Tropfens erzählen, den ihr alle kennt und der euch schon überall in der Welt angenehm und unangenehm begegnet ist, und dieser kleine Wicht ist der _Wassertropfen_!»

«Ulebuhle, das wird aber nur eine kurze Geschichte werden, denn so ein Wassertropfen ist eins, zwei, drei hin und beim Teufel, und dann ist die Geschichte aus!»

«Schnedderengteng, ihr Naseweise und Galgenvögel!» schnob der Alte los und putzte sich mit seinem großen, buntgeblümten Taschentuch die Hornbrille. «Erst einmal abwarten! Und wem's nicht paßt, der drückt sich. So ein Wassertropfen hat mehr erlebt als ihr, und ist vor allen Dingen nützlicher und alten Leuten weniger ärgerlich.»

Da saßen wir Kinder denn schnell nieder, schluckten unseren Tee und hackten mit dem Sägewerk unserer Zähne gewaltige Stücke aus dem Kuchen der alten Christine, denn der war allemal gut und voller Rosinen.

«Seht,» hub der alte Ulebuhle an, «da saß ein kleines Mädchen im Garten auf der Rasenbank unter dem Holunderbusch, und eine Träne rann ihm über die Wange. Des Mädchens Mutter war zu Grabe getragen worden, und das ist der traurigste Augenblick im Leben eines Menschen, denn Leute gibt es viele auf der Welt, aber nur _eine_ Mutter. -- Die Träne funkelte wie ein Diamant auf der Wange des Mädchens, denn die liebe warme Julisonne spiegelte sich in ihr. Das war die Geburtsstunde unseres Wassertröpfchens, denn eine _Träne_ ist ja nichts anderes als ein Wassertropfen edelster Art; der Schmerz ist seine Mutter.

Aber unser Wassertröpfchen selbst war gar nicht traurig. Dem kleinen Wicht gefiel es ganz gut auf der Welt. Er saß da schön weich und warm und liebäugelte mit der Frau Sonne, die hoch oben im Blauen stand, als unentgeltliche Zentralheizung im großen Weltgebäude. Da hinauf zu der hellen Lampe möchte ich auch einmal, dachte das Tröpfchen, und es war, als ob es die Sehnsucht nach der Sonne verzehrte, denn es wurde immer kleiner und kleiner, und schließlich ward es ganz unsichtbar für ein menschliches Auge.

Nun denkt ihr sicher, die Geschichte ist aus, denn der Tropfen ist fort, wie wir es gleich anfangs gesagt haben, und der alte Ulebuhle ist zu Ende mit seinem Latein. Aber da irrt ihr sehr, ihr Grünspechte, denn jetzt fängt meine Geschichte eigentlich erst richtig an. Glaubt nur ja nicht, daß der Wassertropfen nun nicht mehr vorhanden war, weil man ihn nicht mehr _sehen_ konnte. Es geht überhaupt nichts verloren in der Welt, denn das wäre eine schöne Türkenwirtschaft. _Alles bleibt bestehen, nur die Form ändert sich._

Unser Tröpfchen hatte sich in der Sonnenwärme in lauter winzige Wasserbläschen aufgelöst, die so ähnlich beschaffen waren wie eine Seifenblase, nur unendlich winziger. Da schwebten sie nun hin in der lauen Luft, und der Wind trieb sie langsam vor sich her. So kamen sie schließlich über eine große Heide, wo dünne Kiefern im heißen Sande standen. Der Sand war so warm, daß er die Luft erhitzte, und wie die heiße Luft im Zimmer emporsteigt, zur Decke, so auch hier. Der Luftstrom strebte aufwärts, immer höher und höher, und nahm die Bläschen unsres Wassertropfens mit sich, hoch hinauf in den blauen Äther. Ein Flieger sauste schnurrend vorüber und hätte beinahe die Teilchen des Tropfens auseinander gewirbelt, und dann wäre es um ihn geschehen gewesen, aber es ging noch einmal gut ab.

Da oben war es empfindlich kalt, und wie die Wärme die Teilchen des Tropfens auseinandergezogen hatte, so _verdichtete_ sie die Kälte wieder, und mit vielen tausend Millionen anderen zusammen bildeten die Wasserteilchen eine _Wolke_. Weit da drunten lag die Erde, mit winzigen Dörfchen, und das kleine Mädchen, das hinaufsah zu der weißen Wolke, die da in der Höhe wie ein Schiff hinsegelte, dachte gewiß nicht daran, daß in ihr der Wassertropfen schwebte, der als Träne aus ihrem Auge geflossen war. Seht, so geht es oft im Leben, daß wir an einem guten alten Bekannten vorbeigehen und ihn nicht erkennen, weil er alt und grau geworden ist und einen anderen Rock an hat als damals, als wir mit ihm gut Freund waren!

Der Wassertropfen segelte in der Wolke weit über Länder und Meere und dachte ein über das andere Mal: Wie groß ist doch die Welt und wo überall wohnen doch Menschen! -- Als der Abend kam, da war die Wolke drunten im Süden, über dem Mittelländischen Meere, und in der Ferne blinkten die Lichter der italienischen Küste. Aus dem Meere aber stieg immer mehr Feuchtigkeit empor zu den Wolken, so daß die Luft das viele Wasser nicht mehr tragen konnte, denn es war nach Sonnenuntergang sehr kühl geworden, und die Wasserteilchen hatten sich immer mehr zusammengeballt, bis es wieder Tropfen wurden. Da beschloß denn die Luft, die ganze Gesellschaft einfach abzuschütteln. Der Wind brauste daher, und mit Millionen anderen fiel unser Wassertropfen aus der Wolke nieder, schneller und schneller. _Er war zum Regentropfen geworden!_

Drunten rollten die grünlichen Wellen des Meeres. Ein großer Dampfer mit roten, grünen und weißen Lichtern rauschte in voller Fahrt daher und warf mächtige, weißschäumende Strudel mit seiner Schiffsschraube auf. Die Steuerleute standen auf ihrem Posten und spähten scharf hinaus in das Dunkel. Ganz in der Ferne sah man ein helles Licht, das abwechselnd aufblitzte und wieder verschwand; das war der Leuchtturm der Hafeneinfahrt von Neapel. »Wir müßten schon lange im Hafen sein,« sagten die Steuerleute, »und nun fängt es auch noch an zu regnen!« Und dann schimpften sie über Wind und Wetter, denn es ist kein Vergnügen für einen Seemann, in Sturm und Regen auf dem Posten zu sein.

Klatsch! Da lag unser Regentropfen plötzlich im Meer und hatte seine Reise von der Wolke zur Erde vollendet. Das ist doch endlich wieder etwas Reelles, dachte er. So als Luftikus in den Wolken zu schweben ist eine gefährliche Sache, denn man kann nie wissen, wo man hinfällt, wenn's abwärts geht. Aber so im Ozean zu schwimmen, wo man eigentlich hingehört von Rechts wegen, das ist eine sichere Sache. Aber o weh, es kam ganz anders! Er war noch nicht eine Minute im Meer, da brauste mit voller Fahrt der Dampfer daher, und man hörte das taktfeste Stampfen seiner Maschinen. Und so eine große Schiffsdampfmaschine ist ein gefräßiges Ungeheuer, das gierig Kohlen und Wasser verzehrt, um den Dampf zu erzeugen, der die Schiffsschrauben in Bewegung erhält, die den Dampfer vorwärts treiben. Da war eine Saugpumpe seitwärts am Schiff, und die saugte grade in dem Augenblick, als unser Wassertropfen an ihr vorbeiglitt, mit breitem Maul neues Wasser in den Schiffskessel, um das verbrauchte zu ersetzen.

Das Tröpfchen fühlte sich plötzlich ergriffen, in einem rasenden Strudel fortgerissen und langte wenige Sekunden später _im Schiffskessel_ an. Herr Gott, war das eine schreckliche Geschichte! In diesem eisernen Ungetüm war eine Siedehitze, denn gewaltige Feuergluten durchströmten die Kesselröhren, um das Wasser in Dampf zu verwandeln. Dem Tröpfchen wurde weh und übel; es wurde von der Hitze gezwickt und gezwackt und auseinandergezerrt, und schließlich war es wieder in seine Teile aufgelöst, war _Wasserdampf_ geworden, der unter ungeheurem Druck wallend und zischend in ein enges Rohr hineingepreßt wurde. Es geht ans Leben, dachte das Tröpfchen, das eigentlich keines mehr war, jetzt ist es aus mit mir, das kann kein Teufel überstehen, und ich bin ein verlorener Mann! Auf einmal tat sich eine winzige Öffnung vor ihm auf, die führte in den Zylinder der Dampfmaschine. Mit ungeheurer Gewalt schoß der Dampf da hinein und drückte, voll Wut über die schlechte Behandlung, die ihm im Kessel widerfahren, gegen den dickschädligen Kolben, der ihm den Weg versperrte. Dieser wich verblüfft zurück, schob die Kolbenstange vor sich her, und die gab den Stoß wieder weiter an die riesige Kurbel, die die Schiffsschraube drehte und das Schiff vorwärts trieb.

Weiter aber wollte man auch gar nichts von den Wassertropfen, die das vollbracht! Der Dampf entwich durch eine Öffnung, da war es wieder kühl, und die Bläschen schlossen sich wieder eng aneinander und bildeten Tropfen. So kam denn auch unser kleiner Wicht wieder aus der Hölle heraus und rann durch einen Wasserhahn ins Meer.

Seht, Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «so ist das nun in der Welt! Wenn einer arbeiten soll, dann geht das nicht ohne Plackereien ab, und man hat seinen Ärger dabei, aber wenn's vorüber ist, dann sieht man doch, daß man was Nützliches getan hat, und das ist auch was wert, und der Mann im Arbeitskittel ist allemal mehr wert als der Nichtstuer, und wenn sein Rock noch so verbrämt ist!

Es ist doch nicht zu sagen, was man alles erlebt, dachte das Tröpfchen. Hätte ich wohl je geglaubt, als ich im Sonnenschein auf der Wange des kleinen Mädchens schwebte, daß ich noch einmal helfen würde, einen Dampfer nach Neapel zu treiben?! Es geht schnurrig zu in der Welt.

So schwamm denn das Tröpflein mit den _Wellen_ dahin und erholte sich von den ausgestandenen Schrecken, denn es war ganz vergnüglich, so an den sonnigen Küsten des Südens, mit ihren Orangen- und Olivenhainen, dahinzutrollen und den Italienern und Spaniern beim Singen ihrer Nationallieder zu lauschen. Um die Mittagszeit brannte die Sonne aber derart auf die See nieder, daß viel Wasser _verdunstete_ und als feiner bläulicher Schleier träge über Meer und Küste lag. Die Leute, die draußen auf den Feldern und in den Gärten arbeiteten, bekamen rote Köpfe; fortwährend wischten sie den Schweiß von der Stirne und sagten ein über das andere Mal: »Puh, wie ist es schwül!«

Auch unser Wicht schwebte wieder mit in dem warmen Dunst, und es war recht langweilig, denn auch der Wind schlief, und so blieb die ganze Gesellschaft immer an derselben Stelle, in öder Eintönigkeit. Erst gegen Abend erwachte der Wind, und langsam trieb er den Wasserdampf vom Meere hinweg, hinüber zur afrikanischen Küste. Hier war der weiße Sand von der Sonnenglut erhitzt wie eine Ofenplatte, und die Hitze trieb den blauen Dunst empor wie einen Luftballon, bis er hoch im Blauen schwebte. Hier aber war es eisig kalt, und aus den Wasserteilchen schuf der Frost winzige spitze Eisnadelchen, bis eine ganze _Wolke von Eisnadeln_ entstanden war. Das geschah in sehr großer Höhe, wohl zehntausend Meter über der Erde, und nur die allerhöchsten Wolken schweben so fern vom Erdboden, wo kein Flieger und kein Luftschiff mehr hinaufsteigt. Es waren aber auch ganz besondere Wolken. Die Leute, die sie von der Erde aus sahen, sagten erfreut: »Ei seht, was für seltsame Wolkenfederchen da oben hinziehen. Es sieht aus, als habe der alte Petrus seine Bettdecke ausgeschüttelt!«

Der scharfe Wind trieb die Eisnadelwolken nach Norden, bis sie über hohen, schneebedeckten Bergen standen, und das waren die _Alpen_. Tief drunten waren wunderschöne grüne Wiesen, auf denen bei den Almhütten Kühe weideten, und noch tiefer niedliche Dörfchen. Droben aber glitzerten die Gipfel von Eis und Schnee, und es war ganz einsam und still.

Langsam senkte sich die Wolke infolge ihrer eigenen Schwere immer tiefer, und die winzigen Eisnadeln drängten sich aneinander und wurden zu wundervollen Sternchen, so schön, wie sie der größte Künstler nicht zierlicher hätte herstellen können, und dann fielen sie langsam, langsam zur Erde nieder: _Es schneite!_

So war aus unserem Wassertropfen ein kunstvolles Wunderwerkchen geworden, ein _Schneesternchen_, und das hatte der Künstler Frost geschaffen, ohne alle Werkzeuge, und zu Millionen in einer einzigen Minute! Das Sternchen wirbelte nieder, andere gesellten sich unterwegs zu ihm, legten sich daneben, darauf und darunter, und so entstand eine Schnee_flocke_, und mitten darinnen hauste unser winziger Wicht.

Die Schneeflocke fiel hoch oben in den Bergen zu Boden, und da lag sie mit Milliarden zusammen, und Milliarden neue kamen hinzu und legten sich darüber. Da lag nun die ganze feuchte Gesellschaft, und es war eine höchst langweilige Geschichte, denn es war da oben öde und kalt, und man war gefangen. Das Wassertröpfchen seufzte sehr und dachte darüber nach, wie schön es doch war, da oben im Blauen umherzusegeln, und wie warm die Sonne da drunten an den Gestaden des Mittelmeeres gewärmt hatte, wo lustige Menschen in bunten Gewändern lustige Lieder sangen, und wie wechselreich doch überhaupt das Leben war.

Aber nichts ist ewig, und alles nimmt einmal ein Ende! Eines Tages, als das zu Eis erstarrte Wichtlein da oben in den Bergen monatelang gelegen hatte, kam der Frühling ins Land gezogen, und vor ihm her zog mit brausenden Liedern sein Herold, der Tauwind. Der kam auch in die Berge und machte die Schneemassen weich und schmiegsam. Sie kamen langsam ins Rutschen und wurden nur noch durch eine schräge Gesteinsplatte notdürftig festgehalten, aber das Tröpfchen sah ein, daß sie da wohl nicht lange würden hängen bleiben, und daß die geringste Kleinigkeit hinreichen würde, sie allesamt hinabzuschleudern in die Tiefe. Das war eine gefährliche Sache, aber unser Wicht konnte nichts daran tun, sie zu ändern, denn er war einfach in der Masse gefangen.

Unten im Tal lag ein Dörfchen mit niedlichen Tiroler Häuschen und freundlichen biederen Leuten darin. Zuweilen, wenn der Frühlingswind so recht übermütig durch die Gassen pfiff, nahmen die Bauern die Pfeife aus dem Munde, guckten bedächtig herauf zu den Berghängen droben, und sagten: »No, jetzt muß ma fein Obacht gebn. Dös is die Zeit, wo die Lähn[1] zu Tal kimmen!«

Eines Tages, als wieder neuer Schnee gefallen war und die Luft besonders still und warm erschien, zog der Schmölzler-Seppl seine langen Stiefel an und stieg hinauf zur kleinen Sennhütte auf den Bergwiesen. Und wie er so dahinstapfte und bald oben war, da sauste es plötzlich hoch droben gar sonderbar, und eh der Seppl noch recht zur Besinnung kam, da brauste eine ungeheure weiße Masse auf ihn zu: _eine Lähn oder Lawine!_ Wäre der Schmölzler-Seppl grade mitten davor gewesen, so war's um ihn geschehen, so aber war er etwas seitwärts. Die riesigen Schneemassen warfen den guten Seppl um, drehten ihn siebenmal umeinand, so daß seine Arme und Beine wie Windmühlenflügel umherwirbelten, und dann war er plötzlich mitten in der zu Tal sausenden Schneekugel eingebacken wie eine Speckgriebe in einem Kartoffelknödel. Da rollte er denn schneller, als er hinaufgekommen war, mitten in der weichen Masse wieder hinab ins Dorf. Sie prallte gegen einen Heuschober und zerfiel, und die erschreckten Leut, die angsterfüllt aus ihren Häuschen herausgestürzt waren, sahen, wie sich der gute Schmölzler aus dem weichen Grab, das ihn nur wenige Minuten beherbergt hatte, herausarbeitete und humpelnd und fluchend in der Lawinenkugel seine Pfeife suchte.

Die Hauptmasse der Lawine aber hatte Gott sei Dank das Dorf seitwärts liegen lassen. Fauchend und krachend, riesige Bäume wie Zündhölzer abknickend, kam sie angestürmt, und ein heftiger Sturmwind ging ihr voraus. Sie verwüstete einen großen Teil des Waldes, schlug eine große Scheune wie eine Zigarrenkiste zusammen, und dann kamen ihre Massen endlich an einer Berglehne, wo ein Bach floß, zum Halten. Da waren denn die guten Tiroler Leut von Herzen froh, denn vor ein paar Jahren erst hatte eine solche Lawine den ganzen Ort begraben und Menschen und Vieh, Häuser und Scheunen vernichtet.

Aber wie war die Masse dort oben ins Rollen gekommen? O, sehr einfach! Ein Raubvogel hatte sich nur einen Augenblick ganz hoch oben niedergelassen, und als er wieder abstrich, da rollten unter seinen Krallen lose Eisstückchen bergab, um die sich der weiche Schnee herumrollte zu einem Ball, der immer größer und größer wurde, und als der Ball dann die mächtige überhängende Schneeschicht erreichte, in der unser Wassertropfen gefangen lag, da riß er sie mit sich, und nun wuchs und wuchs die Masse ins Ungeheure und stürzte als Lawine donnernd zu Tal.

Unser Wicht hatte natürlich von all dem nichts gesehen, und es dauerte lange, ehe er aus seinem Gefängnis befreit wurde. Erst als die Sonne Tag um Tag immer länger und wärmer schien, taute die Schneemasse hinweg, und endlich kam auch des Wichtes Befreiungsstunde! Da war wieder der blaue Himmel über ihm, und die liebe Sonne streichelte den erfrorenen Gesellen mit ihren Strahlenfingern. Da taute sein Herz auf, er wurde wieder der Wassertropfen und rann in den unter ihm murmelnden Bach, der frisch und klar dahinfloß.

Das war fürwahr ein lustigeres Leben, als so still und gebunden im Eise zu stecken! Das Bächlein hüpfte von Stein zu Stein, durchfloß das Dorf, kam durch saftige Wiesen und dann in einen lieblichen Talgrund. Da war es ganz reizend, und eine Wassermühle klapperte zwischen grünenden Buchen. Der alte Müller hatte eine weiße Mütze auf und nagelte hinter dem Hause an einer Schiebkarre, vorn aber, am Mühlenwehr, stand sein Gesell und seine Tochter, und die beiden hatten sich so viel schöne Dinge zu sagen, daß sie Gott und die Welt und die Mühle drüber vergaßen. Das Wassertröpfchen floß durch die dicke Holzrinne, die zum Mühlrad führte, stürzte rauschend in dessen breite, mit Moos bewachsene Speichen, so daß es sich knarrend drehte und drinnen die Mahlsteine die Weizenkörner knirschend zu Mehl zerrieben, und lief dann unten wieder hurtig im Bach davon. Es konnte grade noch sehen, wie der Müllerbursch die schmucke Dirn fest an seine rotsamtene Weste drückte, und wollte gern zuschauen, wie die Geschichte weiter gehen würde, aber da bekam ihn ein Strudel beim Schopf zu fassen und wirbelte ihn hinweg. -- So geht es immer in der Welt! Wenn es anfängt interessant zu werden, müssen wir von dannen, und die Geschichten haben dann keinen Schluß!

Der Tropfen rann noch manchen guten Kilometer im Bach dahin, dann aber wurde der dünner und dünner, denn er lief über brüchiges Gestein hinweg, und das Wasser sickerte durch tausend Ritzen hinab in den Erdboden. Da war es stockdunkle Nacht und wenig interessant. Die Tropfen wanden sich mühsam durch tausend feine Kanäle und Löcher und sanken tiefer und tiefer in die Felsenmassen. Allerlei Gestein durchrieselten sie, kamen an Eisenlagern und Silberadern vorüber und lösten allerlei Salze auf, die da im Schoß der Berge ruhten. Schließlich aber traten all die versickerten Tröpfchen als Quelle wieder ans Tageslicht. Kühl und klar war das Wasser, und es schmeckte ein wenig nach den Salzen, die es gelöst, weshalb die Ärzte meinten, es sei gut für die Leute, die sich ein zu rundes Bäuchlein angemästet hätten.