Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Part 18

Chapter 183,291 wordsPublic domain

»Himmel,« sagte der alte Christian, »das ist sicher ein Urian-Professor und Sterngucker. Ja, ich glaube, die sind auf allen Sternen gleich. Nun, seine Brille kann er so leicht nicht verlegen wie mein Herr, der sie bald in die Zuckerdose hineinlegt und bald in den Briefkasten steckt und dafür die Briefe in der Rocktasche herumträgt, denn diese Brille ist so groß, daß man darüber stolpern kann!«

Der Ankömmling hatte inzwischen mit Ehrerbietung den Präsidenten begrüßt. Sicher hatte er schon die neue Nachricht von dem Eintreffen seltsam fremdartiger Wesen vernommen und betrachtete sie jetzt durch seine Brille wie wir einen seltenen Käfer. Dabei schwibbte sein Rüssel, schnurrige Grunztöne ausstoßend, auf und nieder.

Der Professor jedoch hielt ihm plötzlich das Blatt mit den Sternen vor Augen, und der gelehrte Uranussterngucker, denn ein solcher war er wirklich, erkannte sie sofort und sprach erstaunt auf seine Landsleute ein. Der Professor deutete auf die Sterne und auf sich, und machte durch allerlei Zeichen klar, daß er und sein Begleiter aus dem Sternenraum zum Planeten Uranus heruntergekommen wären.

Da verschwand der Uranussterngucker und kam nach kurzer Zeit mit einem großen Metallkasten wieder. Er enthielt feine Metallblätter, die mit rot gefärbten Zeichnungen bedeckt waren. Es war so etwas Ähnliches wie ein Himmelsatlas. Da nahm er ein Blatt hervor, auf dem war die Sonne abgebildet und alle Erdkugeln, die sie umkreisen. Der Professor deutete mit dem Finger auf den Uranus und dann auf die Leute ringsum. Sie machten Zeichen der Zustimmung. Ja, man befand sich auf dem fernen Erdenstern Uranus. Dann aber deutete der Professor auf sich und Christian und legte den Finger auf den Punkt der Karte, wo nahe der Sonne die Erde abgebildet war.

Der fremde Astronom hatte ihn begriffen. Er gab Laute höchsten Erstaunens von sich und erklärte seinen Gefährten, daß jene seltsamen Geschöpfe aus den warmen, sonnennahen Räumen stammten, von jenem fernen Sternlein, das man nur schwer selbst in den besten Fernrohren auf dem Uranus zu sehen vermochte.

Lange versuchte man noch, sich zu verständigen, bis endlich Christian, der es vor Hunger nicht mehr aushalten konnte, mehrfach sehr deutlich gegen seinen Bauch klopfte und mit den Fingern in den weit geöffneten Mund fuhr. Er hatte die Freude, daß man ihn begriff.

»Mein Herr, der Professor, ist so zerstreut, daß er seelenruhig verhungert, ohne es zu bemerken,« sagte er knurrig.

Alle erhoben sich. Offenbar war es auch Ruhezeit geworden, denn in den Straßen wurde es still. Man führte die Erdensöhne in ein schön durchwärmtes Gemach, mit eigenartigen Möbeln und Lagerstätten, die aus gepolsterten Säcken oder Häuten bestanden. Auf warmen Metallschalen brachte man Speisen verschiedenster Art. Sie schmeckten nicht schlecht, aber es schien nichts dabei zu sein, das aus dem Pflanzenreich stammte, und vor allem waren sie unseren Freunden zu fett.

Endlich waren sie allein, und auf ihren Lagern ausgestreckt, besprachen sie noch lange die seltsamen Erlebnisse.

»Wollen mir der Herr Professor nur mal erklären, weshalb unsere Urianbrüder so gräßliche Kerle sind?« sagte endlich Christian und machte sich aus seinem Sacktuch eine Nachtmütze zurecht, denn ohne diese konnte er nicht schlafen. »Ich werde die ganze Nacht von ihnen träumen, wie damals, als Herr Professor mit mir in Afrika waren, wo wir den vermaledeiten Tausendteufelsbraten von Riesen-Seespinnerich sahen!«

»Ach, Christian!« rief kopfschüttelnd der Professor, »du bleibst doch immer der alte Holzkopf, trotzdem du nun schon dreißig Jahre bei einem gelehrten Herrn Dienste tust! Wir erscheinen ihnen ebenso häßlich wie sie uns. Du mußt doch bedenken, daß jedes Geschöpf von der Natur so ausgestattet wird, wie es für seine Welt zweckmäßig ist. Darum hat der Fisch Flossen und atmet durch Kiemen, und darum hat der Vogel Flügel und haben die Raubtiere eine feine Nase, zum Wittern ihrer Beute. -- Nun sieh mal, mein guter Christian: Der Uranus ist eine kalte und dunkle Welt, die ganz wenig Wärme und Licht von der Sonne erhält. So haben die Leute hier möglichst große Augen, um recht viel Licht damit einfangen zu können. Die Luft ist sehr dicht und leitet den Schall sehr kräftig. Du merktest selbst, wie mächtig unsere Stimmen droben erklangen. Die Uranusleute brauchen also keine Ohrmuscheln am Kopfe wie wir, zur Verstärkung des Schalls, und darum hat ihnen die Natur auch keine gegeben!«

»Und wie ist es mit ihren Rüsselnasen, Herr Professor? Sie könnten beinahe einen Fünfer mit vom Boden aufheben, wie der Elefant Jumbo in der Menagerie, der Herrn Professor damals die Regenschirmkrücke abriß!«

»Nun, Geschöpfen, die nicht gut sehen können, gibt die Natur dafür meist eine gute Nase. Alle Rüsseltiere sind Nasentiere, können dafür aber schlecht sehen. Wegen der Dunkelheit auf dem Uranus können die Leute hier trotz ihrer großen Augen nicht besonders viel sehen, daher brauchen sie die große Rüsselnase.

Du siehst außerdem, daß sie dick und rund sind, eine dicke Fettschicht ihren Körper bedeckt. Bedenkst du aber, daß magere Leute, wie wir beide, leicht frieren, und daß die Eskimos, die am Nordpol der Erde leben, ebenfalls fett sind und auch viel Fett essen, weil es die Kälte besser ertragen läßt, so siehst du wohl, daß alles seine Ursache hat. Die Leute sind hier ferner sehr kräftig und plump gebaut. Es hängt damit zusammen, daß auf dieser mächtigen Weltkugel alle Dinge schwerer sind und die Menschen mehr Kraft brauchen, um Steine zu heben, sich fortzubewegen und dergleichen. Da hat ihnen die Mutter Natur eben kräftigere Muskeln und Knochen gegeben!

Du siehst, alles läßt sich erklären, und wenn wir länger hier sind, werden wir alles verstehen. Eins ist wohl sicher. Auf der _Oberfläche_ dieser Welt leben keine Menschen, denn sie ist dunkel und vereist. Sie bauten sich ihre Städte tief unten, wo es warm ist. Auch die Erdkugel ist ja im Innern noch heiß, und je tiefer man hinabsteigt in die Bergwerke, je wärmer wird es. Ebenso scheint es hier zu sein. Morgen will ich versuchen, mehr darüber zu erfahren!«

»Vielleicht steigen wir morgen hinauf, wenn es Tag ist, die Sonne scheint und wärmt, Herr Professor!«

»Da kannst du lange warten, Christian, einige zwanzig Jahre vergehen, bis es hier wieder Tag wird, wenn man dieses trübe Sonnenlicht hier Tag nennen kann. Diese Gegend auf dem Uranus hat ungefähr vierzig Jahre Tag und Sommer, und dann wieder vierzig Jahre Nacht und Winter!«

»Um des Himmels willen, was für ein verrückter Stern ist das!« rief Christian. »Vierzig Jahre lang sieht man die Sonne nicht und lebt wie ein Schlamm-Molch in tiefster Finsternis, und dann wird es wieder vierzig Jahre nicht dunkel? Nein, das ist keine Welt für mich! Wenn nun hier jemand während der langen Nacht geboren wird, da kann er, wenn er mit vierzig Jahren stirbt, niemals in seinem Leben die Sonne sehen. Und die lange Nacht, das ist etwas für Riesenfaulpelze!«

»Nun, Christian, die Leute wohnen ja hier unterirdisch bei künstlichem Licht und werden schon durch eine ihnen angenehme Einteilung des Tages Arbeit und Schlaf trennen. Aber hier, nahe dem Südpol des Uranus, ist es tatsächlich so, wie ich dir sagte. Der Uranus braucht vierundachtzig Jahre, um einmal die Sonne zu umwandern. Zweiundvierzig Jahre lang ist der Südpol dieses Erdenballes der Sonne zugekehrt, und dann kommt wieder zweiundvierzig Jahre lang der Nordpol an die Reihe. Wir sind hier, wie mir mein Uranuskollege klarmachte, nahe dem Südpol und befinden uns in der zweiundvierzigjährigen Nacht. Wollen wir also die Sonne sehen und die dicht bei ihr dahinziehende Erde, so müssen wir zur anderen Halbkugel hinüber reisen. Und das wollen wir morgen in Begleitung des Astronomen und eines hohen Staatsbeamten auch tun. -- Jetzt aber wollen wir schlafen, mein Freund, denn ich bin todmüde.«

Sie drehten sich jeder auf die andere Seite, und als sie die Köpfe auf die Polster legten, erlosch auch das Licht an der Decke.

Die beiden Erdensöhne erwachten durch ein wohl drei Minuten währendes, melodisches Summen, das die ganze Uranuswelt durchtönte. Es war das Signal, das den Beginn des neuen Tages verkündete. Sie erhoben sich von ihren Lagern, und alsbald flammte auch das Licht wieder auf. Christian machte nun erst eine »Entdeckungsreise« durch die Räumlichkeiten, wie er sagte. Und man war hocherfreut, alles vorzufinden, was man brauchte. Da floß in einem Nebenzimmer unablässig warmes Wasser in eine in den Felsen gehauene Wanne, und in einem Nachbarraum war auf Matten am Boden die Tafel gedeckt. Da die Uranusbewohner sehr klein waren, zudem die Anlegung der Gänge, Wohnungen, Straßen in den Felsen eine gewaltige Arbeit machte, weshalb man sie so niedrig wie möglich baute, konnten unsere Freunde nur gebückt gehen, was recht unbequem war. Die Uranier pflegten auf Matten am Boden zu sitzen, und die Erdensöhne mußten es ihnen schon des Raummangels wegen nachtun. Da saßen sie nun vor ihrem Frühstück und fanden, daß es sich hier ganz gut leben ließ. In Heißwasserbädern standen Krüge mit einer nach Fleischbrühe schmeckenden Flüssigkeit. Kleine warme Pasteten lagen in einem ebenfalls im heißen Wasser stehenden Metallkasten, und Christian fand, daß sie recht wohlschmeckend waren.

»Das heiße Wasser scheint in dieser Welt eine große Rolle zu spielen,« sagte der Professor und nahm eine Prise. »Hätte ich nur meine Tabakspfeife bei mir,« klagte der alte Diener, »dann wollte ich mit Herrn Professors Erlaubnis ein paar Züge tun, denn das Rauchen ist nun mal meine Leidenschaft.«

»Es scheint,« sagte sein Herr, »als rauche man hier nicht. Wahrscheinlich, um die Luft reiner zu erhalten, denn natürlich ist es keine Kleinigkeit, in diesen unterirdischen Städten gute Luft zu schaffen. Sieh, das Ding, das da oben in der großen Deckenöffnung schnurrt, ist sicher ein Ventilator. Der Schacht, durch den wir hinabstiegen in diese Unterwelt, scheint ein Luftkanal gewesen zu sein.«

Über der Tür leuchtete plötzlich eine rote Lampe auf. Gleich darauf betrat der Uranus-Astronom mit einem anderen Manne, der drei Steine an der Stirn trug, die Hoheitszeichen der Uranier, den Raum. Sie begrüßten ihre Gäste, indem sie sich mehrmals mit den Fingern auf den glänzenden Kopf klopften und einen hellen Ton ausstießen, der wie ein kurzes Trompetensignal klang. Unsre Freunde versuchten das, so gut es ging, zu erwidern, wobei der Professor mit seinem ebenfalls glänzend-kahlen Schädel im Vorteil war. Nach einigen Andeutungen, ob die Fremden gut geschlafen und gespeist hätten, machte man ihnen klar, daß die Reise zur Nordhalbkugel beginnen könne. Erst suchte der Professor noch seine Brille, die Christian endlich im Schlafsack fand -- »wahrscheinlich hat er sie nachts auf den Hühneraugen gehabt!« brummte der alte Diener -- und dann ging es fort.

Man bestieg einen kleinen, besonders bereitgestellten Bahnwagen, der für eine längere Reise eingerichtet war, und in schneller Fahrt sauste man dahin, bald geradeaus, bald senkrecht tiefer hinein in die unterirdische Welt, auf schnellstem Wege dem Ziele zu. Durch Zeichen und durch Zeichnungen auf Metallplatten gaben die Uranier nun alle möglichen Erklärungen und Schilderungen ihrer seltsamen Welt. Da erfuhr der Professor dann folgendes:

Zur Zeit lebten keine Menschen mehr auf der Oberfläche des Sternes; die Kälte war zu stark, und die langen Zeiten der Finsternis verhinderten höheres Leben. Aus Spuren, die man am Äquator, da, wo es noch am wärmsten und hellsten war, gefunden hatte, ging hervor, daß vor grauen Zeiten wilde Menschen da gehaust, als die Oberfläche dieser Welt noch wärmer war, weil das innere Feuermeer noch bis dicht unter die Erdkruste flammte, sie wie eine Ofenplatte erwärmte. -- Jetzt hausten am Äquator nur noch wenige Tiere mit mächtigen Zottelpelzen, die sich von Flechten und Moosen ernährten, die da spärlich wuchsen.

Seit vielen Jahrtausenden lebten die Uranier unterirdisch. Die Städte lagen in Etagen übereinander. Je tiefer sie lagen, je wärmer waren sie. Luft wurde durch große Pumpwerke in Schächten herabgeführt, die verbrauchte Luft oben abgesaugt.

Es führten Schächte aus den tiefen Städten hinunter bis zu Stellen, wo es siedeheiß war. Dahin leitete man auch das Wasser unterirdischer Quellen und Seen und verdampfte es. So erhielt man die Kraft zum Treiben von Maschinen. Im Gestein fand man überall Metalle, aus denen alle möglichen Gebrauchsgegenstände hergestellt wurden. In mächtigen unterirdischen Höhlen wuchsen filzige Flechten, aus denen man Stoffe für Kleider webte. Auch Tiere seltsamer Art, zumeist mit dichtem Haarkleid, hausten da und wurden gezüchtet. In warmen Seen gab es Fische und Muscheltiere, große eßbare Würmer und dergleichen. So ließ es sich ganz gut da unten leben, und niemand kam auf den Gedanken, daß es anders sein könnte, denn die Gewohnheit schafft des Menschen Glück.

Der Professor notierte sich das alles sorgfältig. »Wenn ich im Himmel bin, werde ich ein großes Buch darüber schreiben. Vielleicht kann es zur Erde gebracht werden, und dann ärgert sich mein Kollege Sauerbrot, daß er es nicht schreiben konnte!« sagte er fröhlich.

Dann erzählte der Professor, ebenfalls durch Zeichen und Zeichnungen, von der Erde, und so verging die Zeit. Der Bahnwagen rollte durch Orte und kam an Bergwerken vorbei, er fuhr durch mächtige Höhlen, in denen Seen lagen, und kam einmal so tief hinein in die Unterwelt, daß der Professor und sein Diener sich vor Hitze nicht zu lassen wußten. »Am Gottes willen,« sagte der, »hier kommt man auf seine alten Tage noch an den Bratspieß wie eine Ente!«

Endlich aber, nach vielen Tagen, hatte die Fahrt ein Ende, und man entstieg dem Gefährt. Jetzt, deutete der Uranusbeamte an, geht es durch die Oberwelt. Wir sind auf der südlichen Halbkugel und werden die Sonne sehen. Alle hüllten sich in mächtige Pelze, und man stieg durch einen Luftschacht hinauf. Es wurde kälter und kälter, und schließlich war man am Gitter angelangt, trat hinaus.

Ja, da war es Tag und Sommer! Aber was für ein »Tag«, und was für ein »Sommer«! Ein trübes Dämmerlicht, gegen das eine mondhelle Nacht auf Erden blendende Lichtfülle gewesen wäre, lag über der vollkommen vereisten Landschaft. Am Himmel standen die Sterne, und nahe dem Horizont glänzte ein blendend heller Stern von mächtigem Glanze: _die Sonne!_

»Da ist die Sonne, die liebe Sonne!« rief der Professor und deutete mit dem Regenschirm auf den wundervollen Stern. »Dicht dabei muß auch unsere Heimatserde schweben!«

»Was, dieser Stern ist unsere mächtige Sonne? Oh, wie hat sie sich verändert!« rief Christian. »Und wo ist die Erde?«

»Sie steht von hier aus gesehen ganz dicht bei der Sonne, verschwindet in ihren Strahlenflügeln. Nur ein großes Fernrohr kann sie uns sichtbar machen!«

Der Uranus-Astronom winkte. Man begab sich etwas abseits, wo schon für die Erdengäste ein Fernrohr aufgebaut war, das freilich ganz anders aussah wie irdische Ferngläser und aus großen Metallspiegeln bestand. Es wurde auf die Sonne gerichtet, und dann wurde das Erdensternlein gesucht.

Der Alte zog den Professor näher. Er schaute hinein in den Spiegel. Ja, da schwebte ein zitterndes Lichtpünktchen: _die Erde!_

»Ach, du lieber Gott!« rief der enttäuschte Christian, »dieses Fünkchen, das aussieht, als sei es aus meiner Tabakspfeife geflogen, ist unsere Erde? Nun, ich glaubte wenigstens, unser Haus mit der Sternwarte zu sehen und die Blumenstöcke vor dem Fenster, die nun wohl schon ganz vertrocknet sind! Himmlische Güte, _das_ ist die Erde!«

»Ja, das ist sie,« sagte der Professor.

»Nun, ich wollte, wir wären wieder dort, ich könnte Herrn Professor wieder die Pantoffeln hinter dem Ofen wärmen, meine Pfeife im Garten rauchen und aufpassen, daß die jungen Studenten nicht der Katze eine alte Bratpfanne an den Schwanz binden!«

Auf einmal rauschte und brauste es in der Höhe, und eine Posaunenstimme rief nieder aus den Wolken. Die beiden Uranier bekamen einen Todesschreck. Ihre Augen rollten wie Kegelkugeln, und ihre Rüssel schnoberten entsetzt in der Luft herum. Dann aber liefen sie schleunigst zum Schacht und verschwanden in der Tiefe.

Die Stimme aus der Höhe rief abermals:

»Wo seid ihr, Erdensöhne? Eure Zeit ist abgelaufen!«

»Heiliger Chinchinchindra von Kalkutta,« raunte Christian dem Professor zu, »es ist der Flügel-Heinrich, der uns in den Himmel zurückbringen will.«

»Ich will aber nicht in den Himmel!« schrie wütend der Professor.

Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter, er ließ vor Schreck den Schirm fallen, denn blendende Helligkeit war mit einem Male um ihn. Dann riß er weit und erstaunt die Augen auf.

»Ich will nicht in den Himmel!« schrie er noch einmal.

»Ja, wollen Herr Professor denn in die Hölle, um Gottes willen!« sagte die Stimme seines alten Dieners neben ihm.

»Ich will auf dem Uranus bleiben, zum Geier!«

»Auf dem Uranus??? -- Wie kommen Herr Professor denn auf den Uranus?«

»Christian, du schrecklicher Holzkopf, bist du denn ganz und gar übergeschnappt? Wir sind doch auf dem Uranus.«

»Erlauben der Herr Professor, ich bin auf der Erde.«

»Ja, wie kommst du denn auf die Erde?«

»Genau so wie der Herr Professor! Ich wurde eines Tages da geboren, ohne meine Einwilligung! Aber Herr Professor machen mich ganz ängstlich! Herr Professor sind doch nicht krank und fiebern? Ich lag drinnen auf meinem Ruhebett, auf einmal höre ich Herrn Professor laut schreien. Ich eile herbei, da finde ich Herrn Professor am Fernrohr im Stuhl eingeschlafen. Es ist ja schon gegen Morgen, und die Sonne muß bald aufgehen. Herr Professor scheinen lebhaft geträumt zu haben.«

»Geträumt? Nur geträumt? Ja, ist denn nicht mein Regenschirm auf dem Uranus liegengeblieben?«

»Er steht noch immer da bei der Tür in der Ecke, Herr Professor!«

»Ja,« sagte der alte gelehrte Herr und erhob sich mühsam und mit steifen Gliedern aus seinem tiefen Stuhl, »ja, dann war das alles ein Traum!«

Er rieb sich die Augen und schlurfte kopfschüttelnd hinweg.»

Fußnoten

[1] »Lähn« nennen die Tiroler die Schneelawinen.

[2] Das Käuzchen gehört zu den Eulen, und sein eigenartiges Geschrei vermag im nächtlichen Walde furchtsame Leute zu erschrecken.

[3] 30 Faden = 55 Meter.

[4] _Kalfatern_ nennen die Seeleute das Dichtmachen eines Fahrzeuges durch Werg und Pech.

[5] Die Wissenschaft von den Sternen heißt »Astronomie«, und die Sternkundigen nennt man »Astronomen«.

[6] Guten Tag, meine teuren Brüder!

[7] Diese sowie andere hier erzählte Sturmwirkungen sind in der Tat so geschehen.

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Verlag Ullstein & Co, Berlin

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Das Werk Francés ist von einem Forscher geschrieben, der die Phantasie und die Sprachkraft eines Dichters hat. Nicht ein prähistorisches Ereignis ist in diesem großen Gemäldezyklus die Schöpfung, sondern ein Hergang, der sich immer erneuert. Immer noch bebt in den glühenden Tiefen die Erde und baut an Gebirgen kommender Äonen. Immer wogt die salzige Flut um die Länder, hier abreißend, dort hinzutragend. Immer wandern und sterben, durch Sonne und Luft verwitternd, die eisigen Alpengipfel. Üppig und schön blüht die Vegetation; doch nicht in fernen Erdzeiten, sondern in einer, die nur wenig zurückliegt, vielleicht erst in der Gegenwart hat sie diese Üppigkeit und Schönheit erreicht. Immer wirft das Leben alte Formen zu den Toten und bringt in geheimnisvoller Anpassung neue hervor. Nur ein Tag ist die Geschichte der Erde und dennoch uferlose Ewigkeit. Mit einer Versinnlichung, die die Rätsel der Geologie hell überleuchtet, wie ein Erzähler von einem Bild zum andern führend, gibt Francé Zusammenfassungen letzter Resultate. Jedem Leser verständlich, gehört dieses Buch zu den Meisterwerken einer volkstümlichen Darstellungskunst.

Verlag Ullstein & Co, Berlin

Ullstein & Co Berlin

Anmerkungen zur Transkription

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Eigentlich war das Jahr des Kometen 1680 und nicht 1690, wie hier geschrieben (S. 152).

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.