Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Part 17

Chapter 173,798 wordsPublic domain

Die Hochwälder ächzten unter der Last der Schneewuchten, die die Wipfel trugen. Die Äste waren im scharfen Frost glasiert mit dicken Schneekrusten. Sie verloren ihre Biegsamkeit, und wenn ich durch die Forsten sauste, zerbrachen Riesenbäume, gebeugt von der Last, wie Glasstangen. Ganze Bergwälder zerstörte der Schnee- und Windbruch, und es ging ein Klagen und Wimmern durch Tann und Eichforst.

Aber ich bin ein alter Mann! Nicht lange währt meine Kraft. Nach wenigen Stunden lag ich selbst ermattet am Rande der Hudson-Bay. Die Welt hatte ich in blendendes Weiß verwandelt, mein Leichentuch deckte die Erde, doch die Sonne brach durch das Gewölk, und schon zerfraß sie die kunstvollen Eis- und Schneebauten, löste das Leben aus der Erstarrung.«

Der Alte schwieg.

»Brüder,« sagte der Orkan, »wir haben uns nichts vorzuwerfen! Jeder von uns tat, was er mußte. Die Taube kann nichts für ihre Sanftmut, der Tiger nichts für seine Wildheit. Der Herr der Welt hat uns so erschaffen wie wir sind!«

Der Samum und der Tornado stimmten ihm bei. »Die Sitzung der Stürme in der Höhle des Demawend ist beendet,« sagte der alte Blizzard. »Laßt uns nun von hinnen ziehen, jeder zu seinem Werk. Ich werde dem alten Wettergott alles getreulich berichten! Und nun laßt uns scheiden bis zum Wiedersehen am nächsten Familientage übers Jahr!«

Die Stürme erhoben sich. Sie breiteten ihre Schwingen und machten sich reisefertig.

»Allah sei Preis, daß ich aus eurer kalten Gegenwart erlöst werde!« sagte der Samum. Er kroch hinaus ins Freie und verschwand, Wärme um sich breitend, gen Süden.

»Lebe wohl, Wüstensandfaß!« schrie ihm der Orkan nach und brauste mit rollendem Donner und Regengüssen nach Westen zu, dem Lande Europa entgegen.

»Wir haben ein gutes Stück Weges gemeinsam, Eisbart,« brüllte der Tornado. »Auf zum Dollarlande!«

»Du gehst mir zu schnell,« winkte der Blizzard ab, »und außerdem ginge es den Menschen übel, wenn wir beide gleichzeitig über ihr Reich hinwegzögen. Geh' nur voran, wilder Bursche!«

Da heulte der Amerikaner mit Getöse davon, und noch von weitem hörte man ihn brüllen: »Lebe wohl, alter Griesgram und Nußknacker!«

Dieser jedoch zögerte noch ein Weilchen, dann aber flog er in großen Höhen bedächtig seiner fernen Heimat zu, und Schneesternchen rieselten nieder auf die wilden Felsengipfel des Kaukasus.

Die Menschen drunten hörten stundenlang ein wunderliches Brausen hoch droben, wo die Adler kreisen: das Wanderlied der Stürme.

Seht, Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «das war die Geschichte von den Stürmen! Hört ihr, wie der Orkan auf den Schornsteinorgeln spielt? Zieht die Mützen über die Ohren und knöpft die Mäntel zu, und dann trabt heim. Liegt ihr dann im warmen Federbett und hört den Wind an den Fensterladen winseln, so gedenkt im Herzen jener, die da draußen in der weiten Welt, im Ozean, in Felsenbergen, im Sandmeer der Wüste ankämpfen gegen die wilden Burschen aus der Höhle von Demawend.»

Die sonderbare Welt

Das war einmal ein wirklich schöner Abend. Die Linden blühten in Ulebuhles Garten, und es war warm und still.

«Seht, wie klar die Sterne leuchten!» sagte der Alte. «Laßt uns das große Fernrohr aufbauen und sie betrachten.»

Da bauten wir den Himmels-Operngucker unter den Bäumen auf, und der alte Ulebuhle zeigte uns den Mond und die Gestirne.

O, was gibt es doch so viele Welten draußen im Sternenraum! Sonnen und Erden und Kometen die Menge. Ja, wer hätte es gedacht, daß die Erde nur wie ein Apfel an einem mächtigen Baum ist, und daß ringsum noch viele tausend Äpfel hängen. Aber mit dem Fernrohr sieht man es ganz genau, Berge und Täler, Wolken und Länder und Meere auf anderen Sternen.

«Da schaut einmal schnell hinein in das Glas,» rief der Alte. «Seht ihr die kleine mattschimmernde Kugel schweben? Das ist eine ganz, ganz ferne Erde. _Uranus_ nennt man sie. Ach sie ist so fern, man kann sie kaum noch sehen, und bitter kalt ist es da, denn die Sonne kann kaum noch mit ihren Strahlen hinlangen, so fern ist das alles. Ja, das ist eine sonderbare Welt, und es läßt sich eine schnurrige Geschichte von ihr erzählen. Kommt in die grünumwachsene Laube, wo das Mondlicht so eigen flimmert, da läßt es sich gut plaudern von der sonderbaren Welt des Uranus, die eine ferne Erde ist.

Seht, da saß ein alter Professor und Sterngucker an seinem mächtigen Fernrohr und schaute hinein in das Sterngewimmel. Sonnen sah er schweben und Kometen in weiter Ferne. Aber das Schönste waren doch die Erdensterne, die Planeten, denn da sah man Länder und Meere und Schnee und Wolken.

»Ach ja,« seufzte der alte Professor, »wenn man doch einmal wirklich da hinauf spazieren könnte, denn mit dem Fernrohr sieht man noch immer nicht genug. Eines weiß ich! Komme ich wirklich einmal in den Himmel, dann bitte ich den Herrn der Welt, zunächst einmal eine Reise nach den fernen Erden machen zu dürfen.«

Ja, so dachte der alte Sterngucker und grübelte so lange, bis er in seinem tiefen Lederstuhl einschlief, denn es war Mitternacht vorbei, und der Holunder blühte und duftete so stark, daß man ganz betäubt wurde.

Auf einmal ging die Tür des Sternwartenturmes auf, und der Tod trat herein. Er trug einen dunklen Mantel um sein bleiches Klappergebein, und auf seinem Schädel saß ein breiter schwarzer Schlapphut. Er trat auf den Sterngucker zu und sagte: »Lieber Herr Professor, Ihre Uhr ist abgelaufen. Wenn es Ihnen weiter keine Unbequemlichkeiten macht, so verlassen wir jetzt diese Welt und beziehen eine andere. Sie haben sich die Sterne siebzig Jahre von unten angesehen, nun werden Sie die Geschichte droben viel besser betrachten können, und die Erde dazu, denn die sieht man droben im Himmel auch als fernen Stern dahinschweben!«

Der alte Christian, des Professors Diener, der schon dreißig Jahre bei ihm war, erwachte plötzlich, denn er war in seinem Sessel ein wenig eingenickt. Er rieb sich verwundert die Augen. Sapperment, da stand der Tod bei seinem Herrn und holte ihn ab zur letzten Reise.

»Christian,« sagte der Professor, »was willst du hier allein ohne mich auf der Erde? Wir gehören zusammen, also komm mit!«

»Ja,« meinte der alte Diener, »das ist wohl das Beste, denn was wollen der Herr Professor ohne mich im Himmel anfangen? Herr Professor haben ein schlechtes Gedächtnis, verlegen fortwährend Brille und Schnupftabaksdose und Taschentuch und Schirm, vergessen Hut und Mantel beim Spazierengehen, da ist es besser, ich komme mit. Und was tue ich auch allein auf der Welt!«

»Mir ist es recht!« meinte der Tod. »Die Uhr des alten Christian tickt auch nur noch schwach. Da ist es ein Abmachen!«

»Gut,« sagte der Professor, erhob sich aus seinem tiefen Stuhle, nahm noch schnell eine Prise und schritt zur Tür.

»Halt!« rief Christian, »vergessen Sie Ihren Schirm nicht, denn nun kriegen wir keinen wieder.«

Da schritten sie denn mit dem Tode davon, und in Sturmessausen ging es hinauf zum Himmel. Es dauerte gar nicht lange, so standen sie droben am Himmelstor, und Petrus kam, sie zu begrüßen. Der Tod aber machte seine Verbeugung und ging davon, denn er hatte alle Hände voll zu tun.

»Ah, Sie sind der berühmte Professor Quadratwurzel,« sagte Petrus und strich seinen weißen Bart.

»Nein, nein,« entgegnete der Professor, »so heiße ich nicht, ich habe nur ein dickes Buch über Quadratwurzeln geschrieben!«

»So, so!« meinte Petrus, »das habe ich verwechselt! Aber nun kommen Sie, ich werde Ihnen einen guten Platz am Himmelsfenster aussuchen, da können Sie den ganzen Tag die Sterne sehen. Zu den anderen Professoren dürfen Sie nicht; jeder von ihnen sitzt allein, denn sonst streiten sie sich von früh bis spät, und Streit darf nicht sein im Himmel. Hier gleich links, Zimmer Nr. 3, gibt es die Flügel, denn Flügel müssen Sie haben im Himmel, sonst sind Sie nur ein _halber_ Engel.«

»Ach,« seufzte der Professor, »ich möchte noch gar nicht in den Himmel! Kann ich den lieben Gott nicht persönlich sprechen? Ich wollte ihm eine Bitte vortragen!«

»Um Himmels willen,« rief Petrus, »das geht nicht! Erstens hat Gott Vater alle Hände voll zu tun, und dann ist er auf die Professoren nicht gut zu sprechen, weil sie beinahe alles besser wissen wollen als er selber! Aber tragen Sie mir nur Ihre Bitte vor; vielleicht kann ich sie erfüllen.«

»Ja,« sagte der Professor, »mein ganzes Leben lang habe ich auf der Erde gesessen und habe mit dem Fernrohr nach anderen Erden geschaut, nun möchte ich doch gar zu gern einmal so eine ferne Erde besuchen. Und darum wollte ich den Herrgott bitten!«

»Und welche Erde soll das sein?«

»Nun, da ich auf der Erde gelebt habe, die dicht bei der Sonne schwebt, so möchte ich mal auf einem von der Sonne fernen Erdenstern Umschau halten. Vielleicht auf dem _Uranus_!«

»Na,« meinte Petrus, »eine schöne Gegend ist das nicht, und Sie werden schön frieren, aber mir soll es recht sein, denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich! -- Eins aber sage ich Ihnen: Länger als vier Wochen dürfen Sie nicht bleiben, denn Ihre Uhr ist nun mal abgelaufen, und Menschen mit abgelaufenen Uhren gehören in den Himmel oder in die Hölle. Das hat der liebe Gott so angeordnet, und es läßt sich nicht ändern! Und dieser Mann? Will er auch nach dem Uranus?«

»Ich ginge viel lieber in den warmen Himmel und sähe mir den ganzen Krempel aus der Ferne an,« sagte der alte Christian, »aber mein Herr hat es anders bestimmt, und da kann der Christian nicht fortlaufen!«

»Gut, so wartet draußen vor dem Tor. Gleich wird ein Sternenbote euch von hinnen tragen, nach jener Welt, die ihr erwählt. In vier Wochen holt er euch wieder ab! -- Auf Wiedersehen! -- Halt! -- Vergessen Sie Ihren Schirm nicht!«

Petrus verschwand.

Plötzlich fühlte sich der Professor von unsichtbaren Händen emporgehoben. Es rauschte wie schwerer Flügelschlag, und fort ging es wie Sturmessausen. Dem Professor vergingen die Sinne, er sah und hörte nichts, und als er wieder zu sich kam, fühlte er Boden unter den Füßen, und eine gewaltige, mit Posaunenton rufende Stimme sagte: »Sie sind auf dem Uranus, wie es Ihr Wille war. Hier ist Ihr Schirm. Leben Sie wohl!«

Da rauschte es wieder in der Luft, und der Unsichtbare enteilte.

* * * * *

Das erste, was der Professor spürte, war eine entsetzliche Kälte. Sie war so stark, daß im Augenblick der Hauch am Munde zu dicken Eiszapfen gefror und das Blut in den Adern zu erstarren drohte. Es blieb dem Sterngucker nichts anderes übrig, als schnell zu laufen, um sich warm zu machen. Aber er kam kaum vorwärts. Als ob er plötzlich aus Blei geworden wäre, so schwer war sein Körper, und trotz aller Anstrengung kam er nur ganz langsam weiter.

Der alte Christian trottete mühsam mit dem blaugrauen Riesenschirm hinterher.

»Ach du lieber Himmel, Herr Professor,« seufzte er endlich und blieb stehen, »das ist ja eine jammervolle Welt! Diese Kälte, diese Schwere in den Gliedern, da haben wir richtig den Himmel mit der Hölle vertauscht!«

»Christian, maule nicht schon gleich zu Anfang! Der Uranus ist neunzehnmal weiter von der Sonne entfernt, und da muß es natürlich viel kälter sein als auf der Erde. Das habe ich vorher gewußt. Außerdem ist diese Weltkugel beinahe hundertmal größer als die Erde und zieht alle Gegenstände darum viel, viel kräftiger an. Das ist ganz ähnlich wie bei einem großen und einem kleinen Magneten. Darum sind wir hier so schwer. Das ist doch ganz in der Ordnung!«

»Schöne Ordnung,« brummte Christian, »wenn einem die Nase abfriert und die Beine am Boden kleben!«

Ringsum war pechschwarze Nacht, und die Sterne flimmerten droben am Himmel. Nirgends sah man Baum und Strauch, keine Spur einer menschlichen Niederlassung, auch keinen Lichtschimmer in der Ferne, der sie verraten hätte. Die Welt des Uranus schien ausgestorben, unbewohnt. Rings türmte sich in gewaltigen Massen blankes Eis. Der eigentliche Boden war gar nicht zu sehen. Bei der furchtbaren, immer auf dieser Welt herrschenden Kälte konnte ja Wasser überhaupt nicht in flüssiger Form existieren.

Plötzlich wurde es unten am Horizont heller, und es dauerte nicht lange, so sah man einen sehr bleichen, nur ganz schwach leuchtenden Mond emporsteigen.

»Du lieber Gott,« schimpfte Christian, »auf dieser elenden Erde taugt selbst der Mond nichts. Er ist so schwach wie eine Ölfunzel.«

»Sieh,« rief der Professor, »da kommt noch ein zweiter Mond herauf.«

»Ja, und da ein dritter, noch kleinerer. Hier scheinen die Monde im Dutzend billiger zu sein!«

»Vier Monde hat der Uranus. Man kann sie von der Erde aus in einem großen Fernrohr deutlich sehen.«

»Aber sie taugen alle miteinander nichts,« schimpfte der alte Diener.

»Sei still, Dummkopf!« schrie erbost der gelehrte Mann. »Erstens sind sie viel kleiner als der Mond der Erde, und zweitens erleuchtet sie die ferne Sonne so wenig, daß sie nur ein schwaches Licht widerstrahlen. Es kann doch nicht alles hier so sein wie auf der Erde, Nörgelpeter. Sei froh, daß du anschaun kannst, was vordem nie ein Mensch gesehen!«

»Endlich ist es ein wenig heller geworden, im Licht der drei Tranlampen da oben, aber man sieht nichts als Eis und keine Spur von Menschen. Es ist Zeit, daß wir ins Warme kommen.«

Der Professor schwieg. Er war mit seinen Gedanken beschäftigt. Ja, der Uranus schien unbewohnt. -- Sie wanderten noch ein gutes Stück, mühsam und ganz ermattet, da hielt der Gelehrte plötzlich inne. Nicht weit entfernt schimmerte aus dem Boden ein Lichtstrahl hervor. Sicher, da war eine Lampe unter der Erde, oder vielmehr unter dem Eise.

Auch der alte Diener sah es, und mit letzter Kraft humpelten die beiden Wanderer darauf zu. Richtig, da war eine Öffnung im Boden, so groß wie ein Brunnenschacht, und ein Gitterwerk verschloß sie. Man sah eine Treppe aus glänzendem Metall, die in die Tiefe führte, und Lampen beleuchteten den Weg hinunter in das Innere des Schachtes.

»Gott sei Dank!« rief Christian. »Wo Lampen sind und eiserne Treppen, da sind auch vernünftige Leute; vielleicht vernünftiger als auf Erden,« fügte er mit einem Blick auf seinen Herrn hinzu, aber der untersuchte schon das Gitter, um hineinzugelangen.

»Es läßt sich nur von innen öffnen,« sagte er, »es muß hochgeklappt werden, denn es soll wohl das Hineinfallen von Steinen oder von Eis in den Schacht verhindern. Aber ich wette drei Jahre von deinem Leben, daß irgendein Signal vorhanden ist, das drunten in der Tiefe anzeigt, daß jemand hinein will, denn die Uranusmenschen werden doch wohl mal aus ihren unterirdischen Löchern hervorkriechen!«

»Ganz meine Meinung,« sagte Christian. »Aber wenn wir nicht bald hineinkommen, sind wir erfroren. Ich kann kein Glied mehr rühren. Indessen schnuppert meine Nase warme Luft, die aus dem Schacht herausdringt. Himmel, was ist es kalt auf diesem vermaledeiten Urian!«

»Halt!« schrie plötzlich der Professor, »ich hab's. Da, diese Metallplatte; ich glaube, man muß mit dem Fuß darauftreten. Das wird das Signal sein, die Gitter zu öffnen.«

»Die Platte hat eine schnurrige Form. Wenn die Menschen hier solche Füße haben, dann müssen es Elefanten sein, mit Entenbeinen!«

Aber schon hatte der Professor die Fußplatte mit großer Anstrengung niedergedrückt. Freilich, er mußte das ganze Gewicht seines Körpers wirken lassen, ehe sie sich bewegte. Da gab es drunten irgendwo in der Tiefe ein merkwürdiges Signal. Es klang wie ein Nebelhorn. Bald darauf ertönte dasselbe Signal nahe dem Schachteingang.

»Ich bin gespannt wie ein Trommelfell und wie der Hahn einer Reiterpistole,« sagte Christian und kraute sich hinter die Ohren. »Wenn es man gut abgeht! Wir haben keine Waffe als Ihren Regenschirm, Herr Professor, und damit kann man keine Schlacht gewinnen. Am besten ist es, wir rufen schleunigst den Flügel-Heinrich wieder, der uns hierher gebracht hat. Ich wollte, ich säße bei Herrn Abraham im Himmel, oder wenigstens auf unserer Sternwarte. Eben fällt mir ein, daß ich vergessen habe, die Blumentöpfe vor dem Fenster zu begießen!«

»Ruhig, alter Maulwurf!« wisperte der Professor, »da kommt einer heraufgekrochen!«

Ja, man sah eine dunkle Gestalt aus der Tiefe aufsteigen, aber noch war nichts Näheres zu erkennen. Je weiter sie indessen nach oben kam, ins helle Licht, um so länger wurden die Gesichter der beiden Erdensöhne, und Christian zitterte wie ein Pappelzweig im Winde.

»Heiliger Chinchinchindra von Kalkutta,« flüsterte er, und seine Haare standen wie Zündhölzer einzeln kerzengrade in die Höhe, »welch ein Monstrum kommt da angekrochen. Es ist eine ganze Menagerie zu einem einzigen Schnedderengteng zusammengekocht. Ich wollte, ich läge zwölf Klafter tief unter der Erde!«

»Ei, ei, ei,« wisperte auch der Professor, »ein erschröcklich Exemplar von Menschenbruder im Sternenraum!«

Der Uranusbewohner war oben angelangt. Man sah ihn jetzt in voller Deutlichkeit.

Er war kleiner als ein Mensch. Kaum dreiviertel so groß. Sein Körper glich einer Kugel mit Armen und Beinen. Gewaltige Fettmassen polsterten das ganze Wesen aus. Die Beine waren dick wie Elefantenbeine, die Füße klumpig und unförmig, unten platt wie Teller oder Bleiplatten. Auf ihnen saß wie eine Kugel der ungegliederte Körper. Seitwärts ragten unförmig dick zwei Arme hervor. Die Hände hatten acht Finger, durch Schwimmhäute verbunden, und vorn hatten sie kleine Tellerchen, wie man sie bei manchen Fröschen findet.

Auf dem Rumpf saß -- ohne Hals -- ein merkwürdiger Kopf. Er war fast so groß wie der Leib. Seine Farbe war schwärzlich-grau, wie die eines Seehundes. Vor allem fielen die riesenhaften Augen auf. Sie waren so groß wie Obsttellerchen und tiefdunkel. Ohren waren nicht zu sehen am Kopfe, wohl aber ein rüsselartiger Mund. Kein Haar sproßte auf dem Kopfe oder im Gesicht. Die Haut glänzte wie die eines Seehundes.

Entsetzt traten die beiden Erdmenschen zurück, aber auch der Uranusbewohner schien erschreckt, und seltsame Laute, wie dumpfe Klarinettentöne, kamen aus seinem Rüsselmunde.

So blickten sich die Bewohner zweier verschiedener Erden lange erstaunt und furchtsam an. Dem Uranusmann erschienen die Fremden genau so häßlich und mißgestaltet wie er ihnen. Er trat fortwährend kräftig auf die Signalplatte, und hastig kamen von unten immer neue Gestalten gleicher Art herauf, bis der ganze Gitterraum von ihnen erfüllt war. Alle standen starr und aufs höchste verwundert.

Da trat aus dem Kreise einer hervor. Auf seiner Stirn glänzte ein blanker Stein wie ein Diamant. Er beleuchtete die Fremdlinge mit einer hellen Lampe und sprach mit eigenartiger, melodischer Stimme auf sie ein. Natürlich verstanden sie nicht, was er sagte.

Aber der Professor griff mit den Händen das Eis an, schüttelte sich vor Kälte und zeigte abwärts, in die Tiefe des warmen Schachtes. Und die Uranusmänner, die selbst unter der Kälte hier oben litten, verstanden sein Begehren. Ihr Führer öffnete das Gitter, und die ganze Gesellschaft, die Erdbewohner mit sich führend, stieg abwärts, hinein in die Eingeweide der Uranus-Welt. Und je mehr man in die Tiefe kam, um so wärmer wurde es. Mit Staunen sahen die Reisenden, daß sich hier eine ungeheure unterirdische Welt auftat. Es sah aus wie in einem großen Dachsbau, in dessen einzelnen Gängen Bienenwaben stehen. In mehreren Etagen übereinander zog sich ein Netz von unterirdischen Straßen hin durch das Gestein, und die Häuser oder vielmehr die Wohnungen waren zu beiden Seiten in die Felswände eingegraben. Es wimmelte überall von Uranusmenschen wie in einem Bienenstock von Bienen, und die in die Felswände gehauenen Wohnungen glichen wirklich Bienenstöcken mit Hunderttausenden von Zellen.

Ein merkwürdiges künstliches Licht beleuchtete die Straßen, die freilich nur eng und niedrig waren. Es gab aber auch solche, in denen unablässig kleine flinke Bahnen fast geräuschlos dahinglitten. Die Luft war gut hier unten und alles äußerst reinlich gehalten.

All diese Beobachtungen konnten die beiden Fremden freilich erst nach und nach machen. Zunächst brachte man sie durch den nur engen und selten benutzten Schacht bis zur nächsten Straßenetage und schob sie sofort in einen der flinken Bahnwagen. Freilich, sie mußten sich an die Erde setzen, denn für so große Wesen war die Uranuswelt nicht eingerichtet: keinen sah der Professor, der größer war als auf Erden ein sechsjähriges Kind, aber ihre Kraft übertraf ganz sicher die des kräftigsten Menschen.

Der Wagen glitt schnell durch die lange Gasse, blieb an ihrem Ende stehen und senkte sich langsam, wie ein Fahrstuhl, in die Tiefe. Man fuhr an verschiedenen Straßenetagen vorbei, und in einigen hundert Metern Tiefe bog die Bahn auf Befehl des Mannes mit dem glänzenden Stein auf der Stirn in eine Straße ein. Sie war breiter als die anderen und die Felswände reich verziert und mit seltsamen Zeichen bedeckt. Vor einem besonders prächtig geschmückten, hell beleuchteten Teil der Felsstraße hielt der Wagen. Viele Uranusmenschen liefen herbei, und als der Professor und sein Diener dem Gefährt entstiegen, erhob sich ein allgemeines Staunen und ein seltsames Durcheinanderschnattern von Klarinettentönen. Da sahen die Reisenden auch die ersten Frauen. Sie waren noch kleiner als die Männer, noch runder, und in seltsam glitzernde Gewänder gehüllt, die den Eindruck machten, als seien sie aus bunten Glasfäden gewebt. Sie fuhren entsetzt und schnurrige Laute aus ihren Rüsseln hervorstoßend zurück, als sie die schrecklichen Mißgestalten der Menschen sahen.

»Ach du lieber Gott,« sagte Christian, »hübsch sind sie wirklich nicht, und nicht für einen Wald voll Affen möchte ich eine von ihnen heiraten!«

Die Menge machte gehorsam sofort Platz, als der Mann mit dem Stein dazu aufforderte, und dann betrat man den Eingang des Regierungsgebäudes. Man schritt durch beleuchtete, schön verzierte Felsengänge, und endlich wurden unsere beiden Freunde in ein Zimmer geführt, in dem auf dicken weichen Matten reichgekleidete Uranusmenschen saßen. Alle hatten mehrere glänzende Steine auf der Stirn, denn es waren hohe Beamte. Der in der Mitte aber trug ein funkelndes Diadem auf dem Kopfe, denn er war der Präsident dieses Teiles des Uranus-Reiches.

Staunen und Kopfschütteln auch hier. Erregtes Schnattern der Rüssel. -- Dann hielt der Gitterwächter, der die Fremden zuerst gesehen, einen Vortrag über alles Geschehene. Der Präsident winkte, näher zu treten, und nun kam endlich der Professor dazu, eine Verständigung zu versuchen.

»Christian,« hatte er schon unterwegs gesagt, »Leute, die solche Bahnen und Straßen, Kleider und Lampen haben, wissen sicher auch etwas von den Sternen, und sicher gibt es auch hier Sterngucker, und mit denen werde ich mich schon verständigen!«

Der Professor griff in die Tasche, zog Papier und Bleifeder hervor und malte Sterne hin, und schließlich eine ganze Anzahl Sternbilder, den großen Bären, den Orion und andere, die man am Himmel des Uranus genau so sieht wie am Himmel der Erde. Die Uranusmenschen sahen mit ihren großen Telleraugen andächtig zu, und plötzlich tuteten sie mit ihren Rüsseln erstaunte Töne. Ja, sie hatten begriffen. Sie zeigten nach oben, zur Decke, zum Himmel, und schleunigst sandte der Mann mit dem Diadem auf der Stirne einen Diener mit einem Auftrage fort.

»Ich wette, Christian, daß man einen Sternkundigen herbeiholen läßt,« sagte der Professor, »und daß in den Leuten der Gedanke aufgeblitzt ist, daß wir Menschen von anderen Sternen sind!«

»Es ist das reine Klarinettenkonzert,« meinte Christian, der alte Diener. »Wie wäre es, wenn ich dem Gevatter Urian mit den Kompott-Telleraugen mal ein Stücklein vorpfiffe, >Ach du lieber Augustin< oder so dergleichen. Sie würden es für unsere Sprache halten.«

Aber schon öffnete sich der Vorhang des Raumes wieder, und der Diener trat mit dem Manne ein, der hierher befohlen war. Es war ein ganz alter Uranusbewohner, das sah man auf den ersten Blick. Sein Seehundskopf zeigte tausend Falten, und vor seinen trüben Augen saß ein Ding, das sicher eine Art Brille war. Er ging gebeugt und stützte sich auf einen dicken Metallstock.