Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle
Part 16
Ich aber schwirrte weiter und weiter, über die tripolitanischen Berge, über Tunis und die immergrüne Oase Biskra, über die weißen Häuserreihen der Stadt Constantine, und überall, wo die Menschen mich kommen sahen, wo mein Staubmantel die Sonne rostbraun färbte, das Klingen und Singen der Milliarden wirbelnder Sandkörnchen in der Luft Botschaft brachte vom Wüstensohne Samum, da eilten sie erschreckt in die Hütten und Häuser.
Bei Sonnenuntergang stand ich am Ufer des Mittelländischen Meeres. Der Staub war meinen Flügeln entglitten, und ich war müde. Ich war an der Grenze meines Reiches und meiner Macht. Ich verschnaufte ein wenig und kehrte um. Der Mond stand schon am Himmel, und bleich lag das Sandmeer der Wüste vor mir, als ich wieder jene Stelle kreuzte, an der ich der Karawane begegnet war. Ein verwehter Hügel nur war erkennbar, aus dem die Gebeine der schwer beladenen Kamele herausschauten und da und dort das Gesicht eines Menschen starr und grünlich im Mondenschimmer leuchtete.«
Der Samum schwieg.
»Da hast du etwas Schönes angerichtet, Lausbub,« sagte der alte Blizzard und strich den vereisten Bart. »Man hört selten etwas Gutes von dir. Überall in der Sandwüste bleichen die Gebeine von Menschen und Tieren, die dein heißer Atem erstickt hat, die du lebend im heißen Sande begrubst. Am besten wäre es, der Wettergott gerbte dir tüchtig das Fell!«
Da zog sich der Samum gekränkt in eine Felsenspalte zurück und murmelte unverständliche arabische Flüche vor sich hin. Dann aber nahm sein Bruder, der Orkan, das Wort.
»Ich,« sagte er, »habe das ganze Jahr hindurch meine Plage. Bruder Samum haust in wenig bewohnten Gegenden, und bei ihm geht es das ganze Jahr gleichmäßig zu. Er ist ein Faulenzer. Ich aber habe alle Hände voll zu tun, und in meinem Reich sind große Wälder und Felder und Städte und Meere mit vielen Schiffen. Blas' ich zu wenig, laß ich's nicht genug regnen, dann ist die Ernte schlecht. Dreh' ich den Wasserhahn mal ordentlich auf und schnaufe mal so recht aus voller Brust und blitze und donnere, dann geht wieder alles zum Teufel auf den Feldern, und die Bauern laufen gleich in die Kirche und beschweren sich beim Himmelsvater. Am schlimmsten aber sind die Schiffer! Da fahren sie mit ihren Nußschalen auf dem großen Weltenmeer herum, und wenn man sie mal mit dem Frackschoß streift, gleich ist das Unglück fertig! Das tollste ist mir im Frühjahr passiert. Ich saß gemächlich ein paar Wochen im Riesengebirge und spielte mit dem alten Rübezahl Karten. Auf einmal kommen ganze Stöße Beschwerdebriefe, wo denn der Wind bliebe, und der Regen. Die Baumblüte sei in ganz Europa, aber der Wind fehle, der den feinen Blütenstaub von Blume zu Blume trage und sie befruchte, damit der Herbst auch Äpfel und Birnen und Kirschen bringe. Zudem sei es staubtrocken in Gärten und Ackern.
Herrgott, sage ich zum alten Rübezahl, ich muß schleunigst fort. Er schimpft wie ein Starmatz, denn er hat gerade alle vier Asse in der Hand, ich aber werfe die Karten hin und huiii hinaus, über die Berge, und hinein ins Land.
Anfangs ließ ich mir noch etwas Zeit, ich fuhr fünfzig Kilometer in der Stunde; als ich dann aber unten einen Schnellzug sah, der mich überholte, da breitete ich die Schwingen und legte gewaltig zu, so daß der Schnellzug bald weit hinter mir zurückblieb. Und als ich so über Deutschland dahinschwebte, da sah ich denn, daß die Frau Sonne mal wieder eine Seite im Kalender überblättert und viel zu stark eingeheizt hatte für die Jahreszeit. Die jungen Bäumchen ließen in ihrem Durst die Ohren hängen, und die Blumen sahen blaß und kränklich aus. Da trieb ich mir dann den Wasserdunst, der reichlich aus Meeren, Seen und Flüssen aufstieg, zusammen, trieb ihn empor, kühlte ihn ab und schuf die schönste, graublau und weiß gemusterte Wolkendecke, so daß die Sonne ihre Strahlenpfeile nicht mehr herniedersenden konnte auf die verschmachtende Erde. Und dann ließ ich es so ganz langsam und bedächtig trippeln und tröpfeln.
Unten, in den Dörfern, standen Bauer Jochen und Krischan Päsel, nahmen die Piepe aus dem Munde, nickten bedächtig mit dem Kopfe und sagten: »Man tau! Dat is höchste Tid!« In der Stadt schimpften natürlich wieder ein paar vornehme Damen, daß ich die Spitzenkleider und die neuen Sommerhüte ruiniere. Auch eine Schar Kinder, die mit Lehrer Meier einen Schulausflug machte, erhub ein zorniges Geschrei. Sie streckten die Zungen heraus, zu den Wolken empor und sagten: »Sechs Wochen war Sonnenschein; heut natürlich gießt es Feuereimer!«
Bauer Jochen und Krischan Päsel aber standen noch immer da unten, pafften ihren Kanaster, spuckten links und spuckten rechts und sagten: »Dat is vör de Katz! Man en beten döller!«
Kann man's den Menschen recht machen? Da wurde ich ärgerlich, drehte alle Schleusen auf und ließ es gießen wie am Sintfluttage. Und dann kramte ich die alte Donnerbüchse raus und die Hageltrommel und musizierte ein Gewitter, daß es eine Lust war. Die Menschen in den Städten rannten wie besessen, als ich so daherpfiff. Tante Jules falscher Zopf, Lehrer Meiers neuer Hut und die zum Fenster herausgeflogenen Gardinen der Frau Wirklichen Geheimen Staatsrätin wirbelten mitten auf dem Schillerplatz einen steirischen Dreher, und alle Regenschirme schnappten über vor Vergnügen. Der Volksgartenwirt, der so dick war wie ein Weinfaß, war puterrot vor Zorn. »Herr des Himmels,« schrie er, »wer wird nun heut' abend kommen, mein schon etwas saures Bier und die schon nicht mehr frischen Hammelbraten essen? Ich bin ein geschlagener Mann!« Die Droschkenkutscher und Schirmflicker aber jubelten: »Immer feste! Das gibt Geld in den Beutel!«
Wem kann man's recht machen?
Während ich so über das Festland dahinzog, über Oder und Elbe, über Weser und Rhein und die Wälder erfrischte, die Saaten tränkte, die heiße Stickluft aus den Städten jagte, hatte ich aber nicht genug acht auf die See. Kann man seine Augen überall haben, gleichzeitig Obacht geben auf den falschen Zopf der Tante Jule, die Birnbäume in Jochens Garten und den Frachtdampfer >Nordstern<, der da von Schweden nach England unterwegs ist und sich den Klippen nähert? -- Ich brauste dahin mit Blitz und Donner, die Sonne war schon untergegangen, die blaugrauen Wolkenmassen hingen tief hernieder, man sah keine tausend Meter weit. Den Menschen auf ihrem Schifflein wurde es unheimlich. Meine grellen Blitze schienen Himmel und Erde in Brand zu setzen, der Donner rollte und grollte zwischen den Wolkenwänden wie die zürnende Stimme des Herrn der Welt. Ich peitschte die graugrünschillernden, sich überschlagenden Wogen, die mit wildem Trotz, mit weißen Häuptern gegen mich ankämpften, und brauste über die weite Wasserfläche, doppelt so schnell als die schnellsten Kriegsschiffe der Menschen. Ich pfiff und heulte mein Kampflied gegen das alte, widerspenstige Meer und brachte es in Wut und Aufruhr, und zu spät erst entdeckte ich plötzlich in der Ferne die roten und grünen Signallaternen des >Nordstern<. Der arbeitete mit aller Macht seiner Maschinen gegen mich an. Aus seinen Schornsteinen quoll wie Schafwolle der dicke schwarzbraune Qualm. Zuweilen hob eine Riesenwelle das Hinterteil des Schiffes weit aus dem Wasser, und die Flügel der blanken Schiffsschrauben rasselten dann in der Luft, daß man glauben konnte, das ganze niedliche Spielzeug würde zerbersten wie die Spieluhr eines Knaben, die von hoher Felsenwand in eine wilde Felsschlucht stürzt.
Die kleinen Menschlein waren wacker und mutig und arbeiteten aus Leibeskräften, und man mußte alle Hochachtung vor ihnen haben. Gern wäre ich ihnen zu Hilfe gekommen, aber es war zu spät! Das Schiff wurde mit voller Wucht gegen eine Felsenklippe geworfen, nahe der englischen Küste. Es zersplitterte, lief voll Wasser, kippte auf die Seite. Die Menschlein wurden fortgespült wie Zündhölzchen. Einige wurden auf die Klippen geworfen und kamen wohl mit dem Leben davon, die meisten aber versanken lautlos im tiefen Meer. -- Ich bemitleidete sie, aber ich konnte ihnen nicht helfen. Es ist das Unglück der kleinen, schwachen Geschöpfe, daß sie sich mit ihren niedlichen Spielsachen mitten hineinwagen in den Kampf der Elemente!«
Der Orkan schwieg, und sein alter Bruder, der Blizzard, wiegte nachdenklich das Haupt.
»Es sind in jener Sturmnacht noch sehr viele Schiffe und Fischerboote untergegangen, und auch Flora betrauert schweren Schaden, den dein Ungestüm, vor allem die Hagelwetter in Feld und Garten angerichtet haben. Du wolltest es sicher gut machen und hast auch Dürre und Hitze vortrefflich bekämpft, aber dein wildes Balgen mit dem Meer, mit Neptun, unserem alten Widersacher, hat dich verführt, Rücksichten gegen die Menschen fallen zu lassen, und das war unrecht. Aber wir sind alle Sünder, und so ziemt es mir nicht, zu richten.«
»Zu spät erst,« verteidigte sich der Orkan, »bemerkte ich sie, denn mein Auge hing über halb Europa und dem ganzen Nordmeer. Aber ebensowenig wie die Menschen ihre Eisenbahnzüge noch eine Minute vor dem Zusammenstoß aus voller Fahrt zum Stillstand bringen können, kann ich der ungeheuren Kraft gebieten, im Augenblick zu verwehen wie ein Nichts. Auch der Mensch muß vorsichtiger sein!«
Plötzlich sprang der Amerikaner auf, der Tornado oder Wirbelsturm. Er lachte aus vollem Halse, daß es dröhnte, und tanzte einen richtigen Niggertanz. Dann pflanzte er sich breitspurig vor dem Orkan auf und sagte: »_Old boy_, du bist der richtige europäische Kleinstädter. Ihr fangt an zu weinen wie eine zimperliche Jungfer, wenn ihr irgendwo ein paar Fensterscheiben eingeschlagen habt oder ein alter Frachtkahn ersoffen ist. _By Jove!_ Wenn die Ameisen sich ausgerechnet da anbauen, wo die Elefanten spazieren zu gehen pflegen, so dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie da eines Tages ums Leben kommen! Wo geholzt wird, da fallen Späne! Wir in Amerika denken anders darüber, und wenn ich einmal meinen wilden Tag habe, so kümmere ich mich den Teufel um die Menschlein und ihre Werke!«
»Du bist allenthalben als ein übler Bursche bekannt und bringst uns alle in Verruf, alter Freund,« sagte mißbilligend der Blizzard. »Es nimmt noch einmal ein schlimmes Ende mit dir!«
»Nur nicht so selbstgerecht, alter Grislybär! Wo du hausest, da haben die Menschen auch keinen Grund Halleluja zu singen!«
»Macht, daß ihr zu Ende kommt,« schimpfte der Samum, »ich habe Sehnsucht nach der Sonne Afrikas!«
»Hört mich an, _old boys_! -- Die Menschen sind ein widerspenstiges und freches Gezücht, besonders da drüben bei mir in den Staaten! Da rühmen sie sich, die Naturkräfte besiegt zu haben, Meister der Welt zu sein, diese Knirpse mit ihren Kartenhäusern, ihren blinkeblanken Spielsachen, die auf dem Meere fahren, auf eisernen dünnen Bändern bis hoch in die Berge hineinklettern mit ihren piepsenden und pfauchenden Wasserkochern. Da spannen sie ihre kupfernen Spinnfäden hinaus in alle Lande, und in letzter Zeit werden sie immer dreister und fahren hoch oben in den Wolken mit mächtigen aufgeblasenen Würsten und schnurrenden Spindeln umher. Zudem schießen sie mit künstlichem Blitz und Donner Eisenstücke in die Luft. Sollen wir uns all das von diesen Ameisen gefallen lassen und gar noch Rücksicht darauf nehmen? Sie sind unsere Feinde, unsere Sklaven, und dabei wollen sie _uns_, die Riesen, zu Sklaven machen. Tut, was ihr wollt! Ich für mein Teil werde diese Zwerge bekämpfen, wenn sie meine Kreise stören!«
»Alter Bursche, du hast ihnen neulich nicht schlecht zugesetzt, als du durch ganz Mittelamerika fuhrwerktest. Alle Zeitungen, selbst in Europa, waren voll von den Verheerungen des Wirbelsturmes! Nun beichte, wie das war!«
»Gut, Bruder Orkan, das will ich tun, und dann wirst du nicht mehr weinen wegen der paar Blumentöpfe, die du hier in deinem alten gemütlichen Europa auf die Straße geworfen hast. -- Ihr wißt, ich mache es nicht wie ihr, ich _blase_ nicht, sondern da, wo ich am stärksten wirken will, da _sauge_ ich! Wie ein ungeheurer Elefantenrüssel hängt mein saugender, ständig wirbelnder Wolkentrichter aus der Höhe nieder, und alles, was ihm in den Weg kommt, das saugt er schlürfend ein, reißt er hoch empor, um es irgendwo wieder krachend niederzuwerfen. Was aber nicht gutwillig mitgeht, das zerbricht meine eiserne Gewalt. Nur schmal ist das Gebiet meiner Macht, aber dort bin ich auch ein unerbittlicher Herrscher, der Menschenwerk nicht schont. Die Spur meines Weges ist sichtbar wie die einer Sense, die eine tiefe, kahle Furche durch das Kornfeld zog.
Von den Höhen des Felsengebirges, im gesegneten Lande Colorado brach ich auf. Von Gipfeln, die im ewigen Schnee wie Silber glänzen, stieg ich an einem heißen Maitage nieder. Langsam zunächst schraubte ich mich durch die Felsentäler. Hinter mir war der Himmel wie eine Mauer, blauschwarz und drohend. Die wilden Bergmassen des Felsengebirges boten mir trotzig die Stirne, suchten meine Wucht zu brechen. Aber meine Kraft wuchs von Minute zu Minute. Mit der vierfachen Geschwindigkeit eines Schnellzuges rannte ich gegen die steinernen Wände. Jahrhunderte alte Bäume, dick wie Tempelsäulen, zersplitterte mein Zorn. Ein Eisenbahnzug, aus der Kansasebene emporkeuchend zu den Felsen, kam mir in den Weg. Er fauchte an steiler Wand mit seinen zwei Riesenlokomotiven immer weiter bergan, unter sich Abgründe mit rauschenden Bergwassern, die über gefallene Riesenbäume hinwegtobten, die schon zu Zeiten hier lagen, als die Menschen noch keine Eisenbahnen kannten. Ich rannte gegen das rollende Spielzeug an, so daß es zu stürzen drohte. Es kreischte wild auf. Die Bergmassen warfen seinen Schrei tausendfach wieder, aber er ging unter in dem Dröhnen und Brausen der Luftmassen, die ich durch die Felsenschluchten schleuderte. Ich duckte mich nieder zu neuem Sprunge, rannte aufs neue gegen die rollende Schlange. Die Fenster der Wagen zersplitterten. Da und dort flog ein Wagendach ab und segelte wie ein Fetzen Papier zur Tiefe. Dann trat der Zug in einen Tunnel ein. Er hielt! Er gab den Kampf mit mir auf. Nur die letzten Wagen der Schlange schauten noch aus dem dunklen Felsenloch hervor. Ich hatte nicht Zeit, ich mußte weiter, aber noch einmal sprang ich ihn an. Fünfmal schneller als ein Schnellzug warf ich meine breiten Flügel gegen das Menschenspielwerk. Meine Kraft war so stark, daß ich auf jeden Quadratmeter mit einer Wucht von fünfzehn Zentnern drückte. -- Rasselnd wankten die beiden letzten Wagen des Zuges, vollgefüllt mit Gepäck und Post. Sie stürzten, die eisernen Verbindungen rissen, sie kollerten von dem glänzenden Schienenstrang herunter, über die Felsenwand hinweg in die finstere Schlucht. Wie Zündholzschachteln sah ich sie tief unten verschwinden.
Felsblöcke schleuderte ich hinterher und haushohe Tannen. Dann hatte ich den Rand des Gebirges erreicht und stieg nieder in die Ebene. Düster und drohend stand mein blauschwarzes Wolkenheer ringsum und machte den Tag zur Nacht. Wie einen Elefantenrüssel steckte ich meinen dunklen, alles zerbrechenden, alles aufsaugenden, sich ständig in wildem Wirbel drehenden Lufttrichter nieder zur Erde. Vor mir lagen die großen Viehweiden von Texas. Büffelherden flohen vor meinem alles ergreifenden Arm, verwegene Reiter auf schnellen Pferden jagten über die Grassteppen, um mir zu entkommen. Hier aber konnte ich mit voller Kraft, ungehindert durch Felsenwände, dahinschwirren. Ein Wäldchen stellte sich mir entgegen, ich knickte es wie ein Elefant die Gräser, die seinen Lauf hemmen wollen. Ich schraubte mit meinem Rüssel hundertjährige Bäume hoch in die Luft, trug sie mit mir, warf sie wie Besen mitten in die enteilenden Viehherden hinein. Ein Rancho stand da drunten, ein hölzernes, einstöckiges Landhaus mit Garten darum. In ihm wohnten die Besitzer der Viehherden und ihre Leute. Ich nahm eine Tanne, warf sie wie einen Speer durch die Bretterwand. Die kleinen Menschlein, die sich immer rühmen, daß sie die Naturkräfte beherrschen, lagen blaß und zitternd am Boden. Da wandelte mich die Lust an, ihnen zu zeigen, daß die Naturkräfte noch immer Selbstherrscher sind auf Erden. Ich rüttelte und schüttelte ihr Wohnkästchen wie eine Maikäferschachtel, riß es mit einem ganzen Stück Gartenboden ab, mein saugender Rüssel faßte es, hob es empor und setzte es einige hundert Meter weiter in einem Wäldchen wieder nieder, wobei allerdings die ganze Sache ein wenig durcheinander kam[7]. Ich tat es so sanft wie möglich, denn es lag mir nicht daran, die Menschlein in der Holzkiste zu töten, sondern ihnen eine Lehre zu geben. Ich glaube, sie haben sich doch etwas gewundert, die klugen Ameisen!«
»Allah ist groß, und seine Werke rühmen Himmel und Erde!« sagte der Samum. »Der Bruder aus Amerika kann Märchen erzählen wie ein Derwisch! Ein ganzes Haus durch die Luft tragen, das ist mehr, als die Propheten verkünden!«
»Tausend Donner!« schrie der Tornado, »was sagt diese vertrocknete Wüstenmumie? Er hält meinen Bericht für Humbug!! _By Jove_, da soll doch gleich ...«
»Nur Ruhe!« beschwichtigte der Blizzard, »was uns der verwegene Bursche hier erzählt, ist leider alles richtig! Alle Zeitungen der Menschen haben alles Unheil, was er damals anrichtete, genau notiert, und die Gelehrten haben dicke Bücher darüber geschrieben. Sie nennen jene Taten den Wirbelsturm von Galveston.«
»Ja, _old boys_! Galveston! Das war es! Das ist die große Stadt am Ufer der mexikanischen Seen, über die ich hinfuhr, als die Wälder und Weiden von Texas hinter mir lagen. Ein Wagen mit einem Ochsengespann kam mir entgegen. Ich hob die ganze zappelnde Gesellschaft empor und trug sie von dannen. Gleich am Eingang der Stadt stand wieder so ein niedliches Spielzeug der Menschen, ein Haus mit vielen schnurrenden Rädern drin, die alle getrieben wurden durch einen Kessel, in dem Wasser kochte. Unter dem Kessel war Feuer, und ein hoher steinerner Turm stand draußen, der qualmte wie eine Pfeife. Ich gab ihm einen Rippenstoß, da fiel er um, brach das Genick. Dann riß ich den Wasserkessel aus der Wand und legte ihn draußen auf die Wiese. Dann erst ging ich in die Stadt und habe da noch manchen kleinen Scherz vollführt. Ein großer Platz war da inmitten der Häuser, und auf dem Platz stand ein mächtiges eisernes Ding mit hellen Lichtern daran, die den Platz beleuchteten. Ich habe mir redliche Mühe gegeben, dem alten eisernen Burschen zu einer Luftfahrt zu verhelfen, aber sie hatten ihn an schweren Steinplatten tief in den Boden eingeschraubt. Da er absolut nicht mitwollte, ergriff ich seine eiserne Säule mit meinem Rüssel und drehte sie sechsmal um und um, so daß ein Korkenzieher daraus wurde. Er steht noch so da. Die Menschen bewahren ihn als Andenken an meinen Einzug in die Stadt. Kandelaber heißt der verdrehte eiserne Kerl! -- -- Ich hob Türen und Fenster aus, deckte Dächer ab, zerriß tausend kupferne Spinnfäden, die die Leute überall auf den Dächern ausgespannt hatten, und spielte im Hafen, wo viele Schiffe lagen, zum Tanz auf, bis sie der Teufel geholt hatte.
Weit draußen auf See kam ich erst wieder etwas zur Ruhe, und gegen Abend schlief ich ein! Tausend Donner, es war ein arbeitsreicher Tag!«
Die Brüder Sturm schwiegen! Die Heldentaten des Amerikaners waren doch etwas zu stark. Sie erkannten, daß es ein gefährlicher Bursche war, und hüteten sich, mit ihm in Streit zu kommen. Nur der alte Blizzard ergänzte seine Erzählung und sagte: »Du hast vergessen zu sagen, daß deine Heldentaten bei Galveston fünftausend Menschen das Leben kosteten.«
»_By Jove_, war es so? Ich habe sie nicht gezählt! Aber in ihren Kriegen bringen sie sich ja selbst zu Millionen um. Mit Absicht tat ich es nicht. Ich blies einmal die Erde rein von allen faulenden Düften und tötete ungezählte Mengen von schädlichen Insekten und Bazillen, und das war für die Menschen auch etwas wert, denn es schützte sie vor Krankheiten und gab ihnen eine gute Ernte. -- Nun aber erzähle du, alter Eisbart, der du immer nur andere auszankst, damit auch wir dir die Wahrheit geigen können!«
Der Blizzard strich seinen langen, vereisten Bart, räusperte sich und begann: »Ich bin alt und grämlich geworden. Mir fehlt die Glut des Samums, die Frische des Orkans, die Kraft des Tornados. Ich trage ein Totenkleid und breite es, wo ich wandle, über die Erde. In blendendes Weiß hülle ich die Welt, und über Nacht verwandle ich die bunten Bilder, die der Maler Herbst mit vieler Mühe hinzaubert, in Schwarz-Weiß-Kunst. Ich bin friedlich, und doch muß auch ich Menschen und Tieren und Pflanzen weh tun! >Der weiße Tod< nennen sie mich.
An einem Novembertage zog ich, als es mir auf den Höhen zu kalt wurde, schwer bepackt mit ungeheuren Schneewuchten durch Britisch-Kolumbien nieder zur Ebene. Als ich meine Schwingen ausbreitete, war der Himmel den Menschen verfinstert in eintönigem Grau, und am hellen Tage konnte man keine hundert Schritte weit sehen. Überall brannten die Menschen ihre Lichter an. Ich schüttelte meinen grauen Wolkenmantel, und ein Flockengestiebe begann, wie es die ältesten Leute der Gegend sich nicht zu erinnern wußten. In wenigen Minuten war die weite Welt in meine glitzernden Schleier von kristallenen Sternen eingehüllt. Der Schnee fiel so dicht, so schnell und schwer, daß niemand mehr Weg und Steg fand, meterhoch alles verweht war. Er fiel so dicht, daß es schien, als hüllte sich die Erde in eine weiße Dampfwolke. Niemand sah mehr etwas! Er sah den Baum nicht, der dicht vor seinen Augen stand, das Haus nicht, gegen das er im nächsten Augenblick anrannte.
Ein Viertelstündchen nur, und die Welt war nicht mehr wieder zu erkennen; kein Mensch konnte mehr laufen, kein Wagen mehr fahren. Unübersteigbare Schneemauern wehte ich zusammen. In den Straßen der Städte stockte alles Leben. Eiskalt pfiff ich daher und warf meine spitzen Eisnadelgeschosse zu Millionen dem Wanderer ins Gesicht. Die Straßen verödeten. Die Häuser schneiten ein. Die schwere Last der Schneewuchten zerriß das Spinnennetz, mit dem die Menschen von Haus zu Haus sprechen; Dächer brachen ein, und von den schiefen Flächen und Gesimsen stürzten Schneeberge gewuchtig in die Tiefe.
Die Dörfer waren eingeschneit; bis zu den Dachsparren lagen die niederen Hütten im weißen Pulverschnee. Die Menschlein versuchten sich herauszuschaufeln, aber mein eisiger Atem, der Anprall meiner spitzen Nadeln trieb sie zurück.
Eisenbahnzüge tobten mit heißer Wut, mit wildem Kreischen und Rädergerassel gegen mich an. Sie keuchten und schossen heiße Dampfstrahlen gegen mich. Ruhig drückte meine Hand die Spielwerke fest im glitzernden, weißen Meer. Da kreischten sie ihre Hilferufe in die Ferne, und andere Spielzeuge kamen, sie zu befreien! Es waren schnurrige Dinger. Sie sausten auf den Schienen dahin, stürzten sich mutig vorwärts. Ihr Dampf trieb große Flügelräder, die den Schnee in weitem Bogen seitwärts warfen. Sie pusteten und stöhnten, erlahmten, fuhren aufs neue wütend an. Ich ließ sie gewähren, bis sie ermattet und keuchend stillstanden und im weichen Schnee eingegraben waren, den sie vom Schienenweg räumen wollten, um den langen Zügen da draußen den Weg zu ebnen.
Alles stockte, alles erlahmte, nichts kam mehr vorwärts in dem wimmelnden Ameisengetriebe der Städte, und die Menschen waren verzweifelt über ihre Ohnmacht. Niemand kam in die Dörfer hinein, niemand heraus. Unablässig warf ich meine Schneewuchten nieder. Die Eisenbahnzüge staken ringsum fest in dem weißen Meer. Die Postwagen mit den Reisenden, die mitten in den stillen Bergtälern von mir überrascht wurden, versanken bis über die Achsen in den alles hemmenden Massen, und in ihnen saßen die Leute frosterstarrt als meine Gefangenen. Draußen auf der See verwandelte ich die Schiffe in abenteuerliche Gestalten. Ich bedeckte alle ihre Segel, ihre Masten und Rahen, ihre Geschütze und Winden, ihre Kommandobrücken, ihr Seilwerk mit ungeheuren Schneemassen, die langsam vereisten. Hilflos trieben sie einher, wie Schmetterlinge, die in ein Honigglas gefallen sind.