Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Part 15

Chapter 153,838 wordsPublic domain

Eines Tages aber ertrugen es die Menschen nicht länger. In ungeheuren Scharen zogen sie durch die tiefe Finsternis hinaus zu den Verschwörern, griffen sie und erschlugen sie auf der Stelle.

»Arbeiten wollen wir wieder, und die Sonne soll wieder scheinen,« so tönte ihr Rufen mächtig durch das Land.

Als die Sonne das hörte, da erkannte sie, daß die Menschen wieder vernünftig geworden waren, und mit heiterem Strahlenlächeln stieg sie in blendender Helle über dem Horizont empor und hüllte die Welt in ihren wärmenden Mantel.

Die Menschen standen, geblendet von der Helle, unzählbar an Masse draußen und erwärmten die zitternden Glieder. Neues Leben huschte über die bleichen Gesichter. Und tausend Wunder vollbrachten die Sonnenstrahlen, Wunder, auf die die Menschen früher gar nicht geachtet hatten. Sie lösten alle Quellen aus den Banden des Eises, so daß sie murmelnd dahinsprangen, sie tauten Seen und Flüsse auf, ließen die Wellen des Meeres wieder ungehindert dahinrauschen, und Schiffer und Fischer gingen ans Werk. Die Sonne erwärmte die Luftschichten, trieb sie durcheinander, der Wind wehte wieder, die Mühlenflügel drehten sich wieder lustig im Kreise. Da wachten die Wasserfälle auf, denn hoch von den Bergen kamen die Schmelzwasser nieder. Windmüller und Wassermüller rauchten wieder ihre Pfeifen und mahlten fröhlich ihr Mehl, und Hinz und Kunz zogen tiefe Furchen mit dem Pflug in die erwärmte, dampfende Ackerscholle. Die Bäume setzten neue Knospen an, die Vögel, die die schwere Zeit überlebt hatten, kamen aus ihren Verstecken hervor und jubilierten in der Luft, und droben, zwischen den Wolken, zog der Mond, der alte Kunde, mit pfiffigem Gesicht.

Frau Sonne aber lächelte mit runden Backen herab wie eine gute, sorgende Mutter.

Da fielen die Leute nieder auf die Knie und sangen der Sonne ein Loblied, denn ihr Trotz war verflogen.»

Der gläserne Sarg

«Heute, ihr Kinder, kommt die Geschichte von dem Glassarg an die Reihe!»

«Ulebuhle, die kennen wir schon, das ist die Geschichte von Schneewittchen, die von den Zwergen in einen gläsernen Sarg gelegt wurde!»

«Und ich sage euch, ihr kennt sie nicht, denn in meinem Glassarg liegt gar kein Schneewittchen oder sonst eine niedliche Jungfer. Ihr könnt euch nachher ansehen, was in meinem gläsernen Sarge zur Ruhe bestattet ist, denn der Sarg liegt da in dem großen Schrank. Aber erst sollt ihr die Geschichte hören, denn man muß nicht vorher die Rosinen aus dem Kuchen herauspicken!»

Da setzten sich die Kinder und waren gespannt, was der Alte heut wieder ersonnen hatte.

«Ach, es ist lange her, als meine Geschichte begann. Viele Jahrtausende! Ein schöner Sommertag war es, und die Sonne schien warm vom blauen Himmel nieder. In der Ferne rauschte das Meer, und nahebei rauschten die Wipfel der Bäume, denn da stand ein großer Wald.

Eine niedliche kleine Fliege mit zarten Flügeln schwirrte vergnügt in der Sonne daher, zwischen Gräsern und Blumen, und endlich spannte sie die Flügel und schwebte mit leisem Summen hinüber in den Wald. Da standen große Nadelbäume und reckten sich hoch in den Himmel, und es duftete ganz wundervoll harzig, denn die Sonne schien heiß hernieder.

Unsere kleine Fliege setzte sich an einen der mächtigen Stämme, um auszuruhen. Sie putzte mit ihren Beinbürsten die Flügel und den runden Kopf mit den roten Augen, denn alles war verstaubt, wie es bei einem rechtschaffenen Wandersmann eben so ist.

Seht, da kroch langsam mit dünnen Beinen ein vermaledeiter Spinnerich daher und dachte in seinem Sinn, daß die kleine Fliege justament ein artiger Braten zu Mittag wäre. Er setzte vorsichtig ein Bein vor das andere, was keine Kleinigkeit ist, wenn man acht Beine hat, und krabbelte langsam am Baumstamm näher an das kleine Flugtier heran.

Der Spinnerich überlegte sich die ganze Geschichte sehr sorgfältig. Du lieber Himmel, dachte er, viel ist nicht dran an der kleinen Mademoiselle! Da gehen die grünen Flügel ab und die langen Fühlerhörnchen, und es bleibt nicht viel, aber man muß Gott auch für das wenige dankbar sein. Wenn ich nicht ganz vorsichtig bin, erspäht sie mich mit ihren runden Kugelaugen und schwirrt ab, dann ist der Braten dahin, und ich muß vielleicht hungrig schlafen gehen.

Die kleine Fliege war eitel wie alle Frauenzimmer. Sie bürstete unablässig ihre grünseidenen Schleierflügel und zupfte vorn und hinten, beleckte und beschleckte sich wie ein Kätzchen und sah den bösen Feind nicht, der mit List und Tücke näherzog.

Schon war er dicht heran -- da geschah etwas ganz Greuliches!

Die Mittagshitze lag drückend über dem Walde, und die alten Bäume schwitzten in dicken Tropfen das Harz aus. Auf einmal fiel von droben ein dicker Harztropfen, goldgelb in der Sonne funkelnd, nieder, klatschte gegen den Stamm und begrub unter sich die Fliege und Spinne.

Da war es nun aus mit dem Putzen und mit dem Schmausen, Freund und Feind waren eingeschlossen in der zähen gelben Träne des Baumes, zappelten noch ein wenig hin und her, und dann waren sie tot.

Aber neues Harz tropfte von oben hernieder und auf das alte darauf, und schließlich war es ein ganz dicker Batzen geworden, in dessen Innern die beiden Tiere lagen wie in einem durchsichtigen Sarge.

Aber die Weltgeschichte geht ihren Gang ruhig weiter, und alles kommt, wie es kommen muß. Jahrhunderte gingen hin und Jahrtausende. Viele neue Sommer waren gekommen und viele Millionen neue Fliegen mit grünen Flügeln und Spinneriche mit acht Beinen, und niemand dachte mehr an die beiden, die vor langer Zeit da in dem Harztropfen begraben wurden, der unansehnlich und dick an dem Stamm des alten Baumes hing, der längst vermodert im Waldboden ruhte.

Da geschah wieder einmal etwas Neues! Langsam hatte sich das Land gesenkt, und die Wassermassen des Meeres da oben, wo heut die Ostsee rauscht, kamen immer dichter an den alten Wald heran. Eines Tages hatten sie ihn erreicht, und nun spülten die Wellen zwischen den Stämmen, entwurzelten sie, und der Wald mußte sterben. Ein Baum nach dem anderen sank in das nasse Wellengrab, in den Kronen des sterbenden Waldes rauschte der Seewind wilde Gesänge, und die alten Stämme ächzten und stöhnten, wenn sie niederstürzten in das Meer, das ihre Heimat überspülte.

So kam es, daß da, wo früher der Wald rauschte, nun die Ostsee rauscht. Auch der alte vermoderte Baumstamm mit der dicken Harzperle versank in den Fluten, das Meer wälzte Sand darüber, und langsam verweste der Stamm vollkommen. Nur die Harzperle blieb übrig und war im Sande der See begraben.

Und wieder gingen tausend Jahre hin. Da schnob ein mächtiger Sturm über die See, und die Wellen warfen Sand und Schlamm in wilder Wut an den Strand. Seht, da ging ein armer Fischer mit seinem Jungen am Ufer hin und her, der suchte das Harz, das hier vor Jahrtausenden die alten Bäume in dicken Tropfen in der Mittagshitze geweint hatten. _Bernstein_ nannten die Menschen dieses Harz, und sie machten allerlei Perlenketten und Ohrhängerchen aus den gelben Tropfen, die das Alter zu Stein verhärtet hatte.

Der kleine Junge stieß mit seinen nackten Füßen gegen ein dickes Ding im Sande, hob es auf.

»Sieh, Vater!« rief er fröhlich, »da habe ich ein großes Stück gefunden, das bringt wohl einen halben Taler.«

Der Vater nahm das Bernsteinstück und reinigte es vom Sande, dann hielt er es gegen das Licht.

»Potztausend, Junge!« rief er vergnügt. »Das nenne ich ein Glück am frühen Morgen! Zwei Tierchen sind drin eingeschlossen in dem gläsernen Sarg, eine Fliege und eine Spinne. Das Stück kaufen die gelehrten Herren drinnen in Greifswald wohl um ein Goldstück, denn zwei Tiere in einem Bernsteintropfen, das ist eine Seltenheit.«

Ja, die gelehrten Herren in Greifswald kauften den gläsernen Sarg, und endlich kam er an den alten Ulebuhle, und nun wollen wir ihn gemeinsam betrachten. Seht, da liegen die beiden Tierchen noch so, wie sie der Tod vor vielen Jahren überraschte. Die Jungfer Fliege, die da im hellen Sonnenschein auf dem Stamm saß und ihr Röcklein putzte, der arge Spinnerich, der auf der Jagd nach dem Mittagsbraten war. Man sieht noch jedes Härchen an ihnen und sieht noch, wie sie im Sterben die Beine streckten. Man sieht, wie sie vergeblich in dem zähen Harzbrei umherruderten, denn rings um die Beine sind lauter trübe kleine Ringel und Kringel. Ja, da kann man die ganze Geschichte, die sich vor zehntausend Jahren zugetragen hat, in allen Einzelheiten anschauen, als ob man damals dabei gewesen, und sieht, daß es damals schon niedliche Fliegen und böse Spinneriche gab. Ja, die Welt ist uralt!»

Gebrüder Sturm

Das war ein böses Ungewitter! Der Sturmwind hatte sein ganzes Orchester aufgeboten; er sauste und brauste, heulte und winselte, pfiff und klirrte durch Stadt und Land und über die Bergwälder. Auf den Schornsteinröhren pfiff er wie auf Klarinetten, er harfte in den Telegraphendrähten, rasselte mit den blanken Barbierbecken wie mit Schellenbäumen, klirrte mit den Fensterflügeln, die er auf und zu warf, winselte an den Ritzen und Schlüssellöchern der Türen, raufte brausend den Bäumen den dichten Haarschopf des Blätterwerks und heulte um die Dachgiebel und kreischenden Wetterfahnen. Er balgte sich mit großen Papierfetzen, die er bald hoch emporwirbelte, bald am Boden dahinschleifte, er kollerte den runden Hut des alten dicken Gerichtsrates einen Kilometer weit fort, hielt ihn an und blies ihn hohnlachend weiter, sobald sich der Herr Rat schnaufend bückte, bis er ihn endlich mit einem kühnen Wuppdich ins Wasser warf. Er drehte Tante Juliens Regenschirm vollkommen um, so daß es aussah, als wollte die gute Tante zum Himmel hinauffliegen, und dem Registrator, der am Fenster stand und darüber lachte, warf er plötzlich einen Blumentopf durch die Scheiben, und da lachte er nicht mehr.

Ja, so war es, und dazu kam der Regen, der den wilden Sausewind in all seinen Schandtaten kräftig unterstützte, und die beiden hatten es fertiggebracht, daß die Straßen der Stadt wie ausgestorben waren und die Kinder die Nasen gegen die Fensterscheiben drückten, um zu sehen, ob denn der graue Himmel sich nicht endlich lichten wolle, denn mit dem Herumtollen draußen war es nichts. -- Am Abend aber trippelten sie doch mit flatternden Mänteln und wehenden Halstüchern hinüber zum alten Hause des Doktor Ulebuhle, denn das war just das rechte Wetter, um eine gute Geschichte zu hören, besonders wenn man eine Tasse süßen Tee dazu trinken konnte.

Der alte Ulebuhle hockte in Schlafrock und Filzschuhen in seinem noch älteren Lehnstuhl, rauchte wie ein Postdampfer aus seiner langen Pfeife und knurrte dann und wann, denn das Zipperlein plagte ihn bei solchem Wetter und zwickte und zwackte in seinen alten Knochen.

«Kinder,» sagte er knurrig, «das ist ein Tausend-Teufel-Wetter, und der Sturm wirft mit Dachziegeln und Blumentöpfen nach anständigen Leuten. Da sitzt es sich gut in der warmen Stube bei einem gemütlichen Schnickschnack. Aber draußen in der weiten Welt geht es noch ganz anders her mit dem Unwetter, und was ein richtiger Seemann und Wandergesell ist, der ferne Länder und Meere gesehen hat, der lacht über die Mütze voll Wind, vor der wir Stadtmenschen uns in unseren Höhlen verkriechen, denn was so ein echter Sturm ist, das wissen wir gar nicht. Seht, Kinder, es geht den Menschen so ähnlich wie den Fischen in der Meerestiefe. Die haben um sich und über sich den Wasserozean, und wir haben über uns den Luftozean und leben auf seinem Grunde. Und wie der Fisch auf dem Trockenen ersticken muß, so wir, wenn man uns aus dem lufterfüllten Raum herausnehmen würde. Und wie im Meere gewaltige Strömungen sind, so im Luftmeer. Die Sonne aber ist es, die diese Luftströmungen macht. Sind sie gering, so nennen wir sie Wind, und sind sie stark, so heißen sie Sturm. Die Sonne erhitzt die Luft in heißen Ländern, und dann wird sie leicht und steigt empor, und von allen Seiten strömt dann die schwerere kalte Luft herbei, und so entstehen Wind und Sturm. Wenn man in einem ganz schnell fahrenden Eisenbahnzug sitzt, dann saust man in jeder Sekunde fünfundzwanzig Meter dahin, die Stürme aber rasen mitunter fünf- und sechsmal schneller über die Erde, und dann zerstören sie alles, was Menschen geschaffen haben, und sind gefährliche Bösewichter. Davon aber will ich euch heute etwas erzählen. Rückt näher herzu und spannt eure Lauscher weit auf, denn jetzt kommt die Geschichte von den Stürmen!

Die wilden Brüder Sturm sahen sich das ganze Jahr nicht. In allen fünf Weltteilen wirbelten sie umher und plagten die Menschen, aber an einem ganz bestimmten Tage kamen sie zu einer Familiensitzung zusammen, und dann war es ruhig in der Luft, kein Blättchen regte sich, und die Matrosen auf den großen Segelschiffen, die weit herüber fahren nach Westindien, brannten sich behaglich die Tonpfeifen an und freuten sich, daß sie nicht viel zu tun hatten. Immer an diesem Tage im Jahre kamen die Winde zusammen. Sie trafen sich auf dem Berge Demawend, tief unten in Persien, der über viertausend Meter hoch in den Himmel strebt. Da war eine gewaltige Höhle tief in den Felsen eingegraben, um den die Wolken zogen wie Vögel um den Kirchturm. Am frühen Morgen schon war der erste der Gebrüder Sturm erschienen. Es war der _Samum_ oder Sandsturm. Der hatte es nicht weit. Er kam geradenwegs aus der heißen Wüste Afrikas, der Sahara, und war quer über das Mittelländische Meer geflogen. Die Perser, die da drunten umherwanderten mit ihren großen Lammfellmützen, wunderten sich, wie warm es plötzlich wurde, denn der Samum brachte einen ganzen Strom Sonnenglut aus seiner heißen Heimat mit und schüttelte gelben Wüstensand aus seinen mächtigen Schwingen, so daß die ganze Luft davon erfüllt war und ihn die Perser zwischen den Zähnen knirschen fühlten.

Wie der leibhaftige Teufel fuhrwerkte er in die Höhle des Demawend hinein. »Bei Allah!« schrie er, »welch eine Hundekälte ist hier oben. Nicht zum Aushalten. Da lob' ich mir meine Wüstensonne und den schönen heißen Sand, in dem sich Löwen und Schakale sonnen und die Schlangen ihre Eier ausbrüten. Welch ein elendes Loch das ist! Außerdem bin ich wieder der Erste am Platze. Eh die anderen Kerle kommen, werde ich einen schönen Schnupfen weg haben.«

Darauf schlug er seine breiten Schwingen wie einen Mantel um sich, kauerte verdrießlich in der äußersten Ecke nieder und träumte vor sich hin.

Gegen Mittag rauschte und brauste es in der Höhe, als seien tausend Teufel losgelassen. Die Wolken jagten Sturmvögeln gleich von dannen, der Regen prasselte wie ein Trommelwirbel, der Donner rollte wie Geschützfeuer von hundert Kanonen durch die Berge, und der flammende Strahl des Blitzes zuckte blendend von den Wolken zur Erde. Inmitten eines grauslichen Hagelschauers kam der zweite der Brüder angefegt, der _Orkan_ oder Gewittersturm.

Lachend und Regen und Hagel wie einen Gießbach von seinen bleigrauen Flügeln schüttelnd, tobte er in die Höhle hinein. »Pfui Teufel,« schnauzte er, »was für eine vermaledeite staubige Luft ist hier drinnen. Beim Vater aller Meere, da wird einem ja die Kehle trocken!«

Da erkannte er endlich den Samum in seiner dunklen Ecke. Er stürmte auf ihn zu. »Bruderherz,« schrie er mit donnerndem Lachen, »da bist du ja, altes Wüstensandfaß! Zum Millionen-Donnerwetter, daher die Stickluft! Aber es macht nichts, sei mir gegrüßt, Sohn der Sonne!«

»Bei Allah und den Propheten, bleib' mir vom Leibe,« zischte der Samum, »welch ein Betragen! Dieses Gepauke und Geblitze, diese Flut von Wasser. Es ist gräßlich. Du riechst nach Fischen und Teer! Bleib' mir vom Leibe, du weißt, ich kann die Nässe nicht vertragen. Das nächste Mal werden wir uns bei mir im Lande treffen, damit du erst einmal trocken wirst.«

Der Orkan lachte gutmütig. »Du bist noch immer der alte Ofenhocker, mein Junge,« sagte er, »die ganze Bude hier ist voll Wüstensand, und man sieht nachher wieder aus wie ein Mehlsack, wenn man ins Freie kommt!«

So nörgelten sie noch eine ganze Weile miteinander, bis ein immer stärker werdendes Geräusch ihnen die Ankunft des dritten Bruders anzeigte. Der kam näher und näher, und erschreckt flohen die Menschen drunten in ihre Häuser. Es brüllte in der Luft und rauschte, als wälze sich ein ganzer Ozean heran. Der Himmel war nach Osten zu schwefelgelb, und von Westen her kam eine ungeheure schwarze Wand herangebraust, aus der ein Wolkentrichter bis auf die Erde reichte. Dieser Trichter drehte sich mit rasender Geschwindigkeit, und er saugte alles in sich hinein, über das er hinwegzog, Sand und Kräuter, Dachziegel und Wasserpfützen, und was nicht mitging, das brach er krachend ab, so daß die Bäume unter ihm zusammenknickten wie Zündhölzer. Der _Tornado_ oder Wirbelsturm war es, der verheerend daherkam. Nun aber hatte er die Höhle erreicht, und wie aus der Kanone geschossen, fuhrwerkte er hinein.

Sein Ungestüm war derart, daß der Samum aus seiner Ecke fortgeweht wurde und heulend bis an die Decke der Höhle flog. Den Orkan aber drehte es wie einen Kreisel rundum und kollerte ihn in einen Winkel.

»Himmelhund!« fluchte er, »das sind wohl amerikanische Ringkämpfermanieren! Laß das, zum Teufel!«

Der Samum heulte wie ein Schakal vor Wut und spie eine wahre Flut arabischer Schimpfworte gegen den groben Bruder. Der aber lachte in tiefem Baß wie ein Bär aus vollem Halse und schrie ein über das andere Mal:

»_Good day, my dear brothers!_«[6] Denn er war ein echter Amerikaner und kam eben aus Kalifornien herüber.

Seine Brüder aber schimpften noch lange mit ihm herum, und es war ein Höllenspektakel in der Höhle. Der Tornado aber machte sich nicht viel daraus, rauchte sich eine kurze Stummelpfeife an und schnitzte zum Zeitvertreib mit seinem Taschenmesser aus einem Eichenstamm, der sich zwischen seinen Flügeln festgeklemmt hatte, Zahnstocher.

Gegen Mittag, wo es sonst schön warm war im Perserlande, kühlte es sich plötzlich stark ab. Es wurde kälter und kälter, die Sonne verschwand, und hoch droben bildeten sich niedliche Federwölkchen, die aus lauter Eisnadeln bestehen. Dann aber fing es in der Höhe an zu schneien, erst langsam, dann immer stärker, und endlich kam mit einem eisigen Winde, der das Blut in den Adern gefrieren machte, ein undurchdringliches Schneetreiben, so daß man keine fünf Schritte weit sehen konnte. Aus weiter Ferne kam der vierte Bruder daher, der _Blizzard_ oder Schneesturm.

Er war der älteste der Gebrüder Sturm. Weiß waren Haar und Bart, lange Eiszapfen hingen daran herunter, flimmernde Schneemassen bedeckten seine Flügel, und Eisklumpen hingen an den Füßen. Wo sein Atem hinkam, erstarrte alles Leben. Gemächlich trat er schnaufend in die Höhle.

»Seid mir gegrüßt, Brüder, in der Höhle des Demawend!« sagte er und schüttelte den Schnee von seinem Körper.

Die Höhle war urplötzlich mit eisiger Kälte gefüllt, und sofort jammerte der Samum wieder los: »Beim Barte des Propheten, du hast hier noch gefehlt! Welch eine entsetzliche Kälte. Ich komme um!« Damit kroch er in eine Felsspalte, um sich nach Möglichkeit vor dem erstarrenden Hauch seines Bruders zu schützen. Auch der Orkan brummte über den Eisbären, denn sofort gefror das Regenwasser, das noch von seinen Flügeln tropfte.

»Meine Brüder,« sagte der Blizzard, »laßt uns nicht miteinander hadern! Wir sehen uns das ganze Jahr nur einmal und müssen unsere Eigenheiten ertragen. Die trockene Hitze und den Sand des Samum, das Donnerwetter und die Regengüsse des Orkan, das alles zerbrechende Ungestüm des Tornado und meine Kälte- und Schneemassen, das alles ist den anderen Brüdern unangenehm, aber wir haben eben jeder ein anderes Handwerk und leben in verschiedenen Ländern, und so müssen wir aufeinander Rücksicht nehmen. Laßt also den Streit. Wir haben wichtigeres vor. Ihr wißt, daß ich als der Älteste von uns Vieren am Neujahrstage dem alten Wettergott über unser Tun und Lassen Bericht erstatten muß. Es sind wieder bittere Klagen über uns eingelaufen. Die Menschen haben sich bei Petrus über alle möglichen Zerstörungen beschwert; Neptun, der Beherrscher der Meere, war sehr wütend auf uns, und Flora und Fauna, die Beschützerinnen der Pflanzen- und Tierwelt, klagen über Verwüstungen der Gebrüder Sturm in allen Zonen. Ich sehe schon, es wird ein ganzer Sack voll Anschuldigungen gegen uns einlaufen, und wir müssen sehen, wie wir's am besten wieder ins reine bringen. Vor allem aber berichtet nun über eure schlimmen Taten, denn es ist besser, ich weiß Bescheid und kann gleich meine Entschuldigungen vorbringen!«

»Den Menschen kann man es nie recht machen,« brummte der Orkan. »Schläft man oder bläst man zu wenig, so klagen sie, daß das Korn nicht wächst und die Bäume keine Früchte tragen und die Segelschiffe nicht vorwärts kommen und die Windmühlen stillstehen. Tut man mal einen ordentlichen Schnaufer, so ist es ihnen auch nicht recht. Da sollen sie sich halt das Wetter selber machen!«

»Ja, so ist es,« sagte der Tornado. »Die Menschen sind undankbar, und Flora ist eine zimperliche Jungfer, die über jedes abgeknickte Bäumchen anfängt zu greinen!«

»Macht euch nicht besser als ihr seid, ihr wilden Burschen,« entgegnete der Blizzard. »Mir macht ihr nichts vor! Als ich noch jung war, trieb ich's ebenso. Aber nun wollen wir nicht unnötig Zeit verlieren! Berichtet eure Schandtaten!«

Da hockten die vier Winde in der Mitte der Höhle des Demawend nieder, und der Jüngste von ihnen, der Samum, hub an zu erzählen:

»Eines Tages ging nicht alles wie es sollte, und die Menschen hatten da wohl recht, über mich zu klagen, aber es geschah nicht mit Absicht. Ich lag auf dem Berge Mogodom, in der Oase Kauar, und schlief. Unter mir dehnte sich weit in die Ferne das mächtige Sandmeer der Wüste Sahara. Die Sonne brannte unbarmherzig nieder. Die Steine waren so heiß, daß sie die Gräser versengten. Schlangen und Krokodile lagen träge und mit offenen Mäulern da, und ein alter Löwe, den die Hitze aus dem heißen Sande vertrieben, träumte neben mir im Schatten eines dürren Dattelbaumes. Der stinkende grüne Tümpel der Oase, in dem die Krokodile faulenzten, dampfte vor Hitze. Es war totenstill ringsum.

Am Nachmittag, als die Sonne sich senkte, wachte ich auf. Der Löwe neben mir, die Schlangen im Sande, die Krokodile im Tümpel schliefen noch immer, und es war furchtbar langweilig. Da sah ich weit in der Ferne eine Kette dunkler Punkte ganz langsam im heißen Wüstensande dahinschleichen, und die Neugierde trieb mich, zu sehen, was es sei. Zudem war es auch Zeit, an die Arbeit zu gehen. Es war seit Wochen glühheiß und trocken, alles verdorrte. Ich mußte ein wenig mit dem großen Quirl im Luftmeer herumrühren, vom Meere her Feuchtigkeit herzutragen, vielleicht daß es mir gelang, einen Regen zusammenzubrauen. Da erhob ich mich denn gegen Abend, breitete die Flügel aus und schwirrte davon, der Kette von Punkten zu, die noch immer in der Ferne langsam dahinkroch.

Gewaltige Massen glühendheißen Staubes und Sandes rissen meine Schwingen mit. Die ganze Luft war davon erfüllt, so daß der Himmel tiefgelb erschien und die Sonne einen rostroten Schein annahm. Alle Tiere krochen in ihre Höhlen, und als ich nun jener Punktreihe näher kam, sah ich, daß es eine Karawane von Kaufleuten war; zehn Kamele führten sie mit sich, und nebenher ritten Beduinen in weißen Mänteln. Als sie mich in der Ferne in meinem rotgelben Staubschleier dahinstürmen sahen, warfen sie sich nieder in den Wüstensand, der unabsehbar, in lauter Wellen sich türmte, bis fern am Horizont. Die Kamele drängten aneinander und ließen sich nieder auf die Knie, und zwischen ihnen lagen die Menschen, das Gesicht zum Erdboden gewendet. Ich aber brauste über sie dahin wohl drei Stunden lang, dem Meere zu, und achtete ihrer nicht. Hätte ich gewußt, daß der glühendheiße Atem sie ausdörrte, daß der unaufhörlich auf sie niederrieselnde feine Sand sie begrub, ich hätte einen anderen Weg genommen. Wer kann wissen, daß die Menschen so empfindlich sind, und weshalb wagen sie sich in das Sandmeer, wenn sie so leicht darin zugrunde gehen!