Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle
Part 14
Da reiste er an einen fernen Ort, wo ein paar Menschen an der furchtbaren Krankheit daniederlagen. Weit draußen hinter hohen Zäunen, in niederen Häusern eingepfercht, fern von allen Menschen gehalten, damit sie nicht alle anderen mit in den Tod jagten, fand er sie. Er hatte zwei solche Flaschen mitgebracht wie die, welche hier in meinem Schrank steht, und in ihnen eine Flüssigkeit, in der die winzigen Teufelchen weiterzuleben vermochten. Mit größter Vorsicht brachte er auf der Spitze einer Nadel eine kleine Menge hinein in die Flaschen, mit größter Vorsicht verschloß er sie und brachte sie wohlverwahrt in eisernen Kästen, die er nie aus seinen Händen ließ, nach Bangalore in seine stille Studierstube. Mit rasender Schnelligkeit vermehrten sich die gefährlichen Teufel von Bazillen in den Flaschen. Aus Hunderttausenden wurden Millionen, Milliarden, tausendmal tausend Milliarden, und wenn er nur eine Nadelspitze von der Flüssigkeit unter sein wundervolles Vergrößerungsglas brachte, so sah er sie als winzige Pünktchen, wie ein Komma geformt, in unzähliger Menge darin herumwimmeln.
Da versuchte er denn alle möglichen Mittel, die man den Menschen als Medizin eingeben konnte, versuchte, ob die argen Feinde starben, wenn er einen Tropfen davon hineinwarf in das Gewimmel. Ganz vorsichtig mußte er das alles machen, denn wehe, wenn er auch nur die Nadel, mit der er aus seinen Flaschen ein winziges Tröpfchen der Todesflüssigkeit herausnahm, unachtsam fortgeworfen. Ein Mensch konnte sie ergreifen, die winzigen Kobolde hafteten an seinen Händen, kamen in seinen Mund, vermehrten sich rasend schnell in seinem Körper, er mußte sterben und steckte alle um sich her an, und immer weiter und weiter zog dann der schwarze Tod. Stets waren die Flaschen, in denen der Tod millionenfach hockte, in den eisernen Kästen verborgen, und die Schlüssel trug Doktor Gravesgrave um den Hals.
Der Doktor hatte einen eingeborenen Diener, der hieß Shingar. Er war lang und mager, die Backenknochen standen weit hervor in dem dürren Gesicht. Dunkle Augen glühten darin, und ein eisgrauer kurzer Kinnbart stand mit stachlichten Haaren weit vor. Er trug einen Turban auf dem Kopfe, und eine braune Kutte schlotterte um seine dürren Glieder. Ein wilder Haß glühte in dem Inder gegen die Fremden, die aus dem fernen Europa hierher gekommen waren, das Land seiner Väter zu beherrschen, jene Fremden, die an einen anderen Gott glaubten und den Inder verachteten. Ja, er haßte sie und gehörte einem über das ganze Land verbreiteten Geheimbunde an, der einstens aufzustehen hoffte, die Fremden zu verjagen.
Da er nun schon ein alter Mann und gezwungen war, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, so blieb ihm nichts anderes übrig, als dem fremden Herrn, der so seltsame Arbeiten machte mit geheimnisvollen Instrumenten und Gläsern, zu dienen. Dieser Herr war gut, und man konnte mit ihm leben, aber dennoch mußten sie eines Tages fort, die fremden Eindringlinge, die das heilige Land der Väter beherrschten.
»Shingar,« hatte eines Tages der Fremde gesagt, »rühre nie diese Flaschen an, und sollte ich einmal plötzlich sterben, so nimm die eisernen Kästen, grabe ein tiefes Loch in die Erde und verscharre sie, daß kein Mensch sie findet. Der Tod sitzt in diesen Flaschen. Ein paar Tropfen davon in das Trinkwasser, und viele Menschen können sterben.«
Shingar hatte es schweigend gehört. Leise nur nickte er mit dem Kopfe, aber ein dämonischer Gedanke zog durch sein haßerfülltes Herz. Wenn man mit diesem rätselhaften Tod in der Flasche doch all die Fremden vernichten könnte, die Fremden dieser Stadt und die des Landes!
Hätte Doktor Gravesgrave geahnt, welche Gedanken der Inder in seinem Hirn bewegte, er hätte ein großes Unheil verhüten können!
Eines Tages aber kam das Unglück über Bangalore. Der europäische Stadtteil hatte sich immer weiter ausgedehnt und man baute eine neue Straße. Da stand ein alter indischer Tempel im Wege, und da er schon ein halber Trümmerhaufen war und nur wenig besucht wurde, so zerstörte man ihn ganz, um Platz zu schaffen. Die Inder aber waren voll Zorn über die Tat und glaubten, die Fremden wollten ihnen damit ihre Mißachtung beweisen, ihre heiligen Stätten hohnvoll vom Boden tilgen, ihre Religion schmähen. Aufs neue flammte ihr Haß auf, der Wunsch, die Eindringlinge zu züchtigen, zu verjagen, ein Blutbad unter ihnen anzurichten wie damals, als vor Jahrzehnten Nena Sahibs und Tantia Topis Scharen die verhaßten Engländer niedergemetzelt.
Da schien dem fanatischen Shingar die Zeit gekommen, die Europäer in Bangalore zu vernichten. Sein Haß war stärker als alle Überlegung, und als der Zufall auch noch zu Hilfe kam und den gelehrten Doktor, seinen Herrn, zu einer kleinen Reise nötigte, da stand sein Entschluß fest.
Am späten Abend, als alles ringsum still und einsam und nur aus der Fremdenstadt leise von einem Fest Musik herübertönte, erbrach er die Tür zum Studierzimmer des Doktors, erbrach er den Schrank, der die eisernen Kästen mit den Flaschen, die immer warm stehen mußten, enthielt. Lange arbeitete er an den Schlössern, doch widerstanden sie all seinen Bemühungen. Endlich meißelte er die ganze Rückwand des einen Kastens ab, und nun hatte er die gefährliche Flasche, die Flasche des Todes, in der Hand.
Da stand er, von einer Kerze nur matt beleuchtet, schwarz fiel sein riesiger Schatten auf Wand und Decke. Sein braunes Gesicht verzog sich zu einem wilden und teuflischen Grinsen, das Weiße in seinen Augen flimmerte wie Perlmutter, sein eisengrauer Bart sträubte sich am dürren, spitzen Kinn weit vor, triumphierend schwenkte er in der knochigen Hand die bauchige Kolbenflasche mit dem langen Hals, den ein großer Wattepfropfen verschloß, und auf dem das Totenkopfsiegel zur größten Vorsicht warnte.
Seltsame indische Sprüche murmelte er vor sich hin, und dann flüsterte er: »Wenige Tropfen in das Trinkwasser und viele Menschen können sterben, sagte der gelehrte Mann, der mit den Flaschen so ängstlich ist wie die Mutter mit dem Kind im Schlangenbusch. O weiser Mann, du gabst uns selbst das Mittel, euch alle zu vernichten. Nicht Pulver haben wir, Flinten und Kanonen wie ihr. Ihr fühlt euch sicher im Schutz der Feuerrohre, dies aber ist eine Waffe, die schnell und lautlos eine ganze Stadt vernichtet!«
Er verbarg die Flasche des Todes sorgfältig unter der braunen Kutte, verließ rasch das Haus und verschwand im Walde. Langsam stieg der Weg an, und nach einer halben Stunde hatte er den kleinen Hügel hinter der Stadt erreicht, wo sich die Wasserleitung befand, die das europäische Viertel versorgte. Das große Bassin lag in einer niederen Halle aus Mauerwerk. Leise schlich Shingar herzu. Es war dunkel ringsum, nur das Blattwerk der Bäume hob sich vom gestirnten Himmel ab. Schwach hörte man das Wasser in dem großen Rohr rauschen, das zur Stadt niederführte. Nur wenig Licht war in der Halle. Durch das niedere Fenster sah man den Wärter in einer Ecke sitzen. Er rauchte seine Pfeife und las in den letzten Zeitungen, die die Post aus dem fernen England herübergebracht in das indische Wunderland. Neben ihm hingen an einem Brett große eiserne Schlüssel und Hebel zum Öffnen des Wasserbassins, zum Abdrehen der Leitung.
Shingar kauerte sich nieder und wartete, überlegte, wie er unbemerkt an das Wasserbassin gelangen könne. Die Nacht war schwül und drückend. Es war heiß in der niederen Halle, und die Luft war dumpf. Schon war es spät. Da sah Shingar, wie dem Wärter der Kopf tiefer sank, wie die Zeitung seinen Händen entglitt. Ein Lächeln ging über das Gesicht des Inders. Alles ging ihm gut an diesem Tage. Er wartete noch ein Weilchen, dann eilte er auf leisen Sohlen zu der Tür. Aber sie war von innen verschlossen. So mußte er den Weg durch das Fenster nehmen. Das war gefährlich, denn es konnte Geräusch machen, aber es mußte geschehen. Sein oberer Flügel war ein wenig geöffnet, um frische Luft hereinzulassen; da hindurch mußte der Weg gehen. Der Inder zog seine Sandalen aus. Jede Bewegung überlegend, langsam, ganz langsam erkletterte er den Sims, das Auge fest auf den Schlummernden gerichtet, jeden Moment bereit, wieder herabzuspringen, wenn der erwachte. Aber die schwüle Luft, die späte Stunde hielt den Wärter weiter in traumlosem Schlaf.
Die dürre Gestalt des Inders zwängte sich durch das schmale Fenster. Zentimeter um Zentimeter drückte er es vorsichtig weiter auf, immer spähend, ob sein leises Knarren den Schläfer störte. Er trug das gefährliche indische Messer bei sich, es wäre ihm ein Leichtes gewesen, den Mann stumm zu machen, aber vielleicht hätte man die Tat zu früh entdeckt, Verdacht geschöpft, das Wasserwerk abgestellt.
Endlich stand er mit beiden Beinen auf dem inneren Fensterbrett. Nun glitt er geräuschlos nieder, trat auf leisen Sohlen an den Tisch, löschte die Lampe. Er tastete sich an das Wasserbassin, steckte die Flasche des Todes tief hinein in die Flüssigkeit, schlug vorsichtig mit dem Griff seines langen Messers dagegen. Nur ein leises Klingen hörte man unter Wasser, dann fielen die Scherben lautlos nieder zum Boden des Kessels.
Ein wildes Triumphieren ging über die eingefallenen Wangen des Fanatikers. Er lauschte einen Augenblick, dann glitt er wie eine Katze zum Fenster zurück, schwang sich lautlos empor und stand nach wenigen Minuten wieder draußen im Freien. Durch den dichten Busch eilte er heimwärts. Nicht eine Spur von seinem Tun war zurückgeblieben, und nie hat man erfahren, wie das grausige Werk geschah.
* * * * *
Wenige Tage nach dem nächtlichen Rachewerk Shingars brach in dem Europäerviertel von Bangalore eine Krankheit aus. Nur wenige wurden zunächst befallen, aber ihre Zahl wuchs von Tag zu Tage, aus Hunderten wurden Tausende. Voll Grauen erkannten die Ärzte, daß es die Cholera sei. Niemand wußte, woher sie kam, und weshalb sie gerade in dem reinlichen Europäerviertel ausbrach, nur mitten im Lande, in dieser einen Stadt hauste, statt wie früher die schmutzigen, engen, ungesunden Stätten der Hindus zu befallen. Ganze Familien starben aus, ganze Häuser, ganze Straßenzüge. Der Tod raste mit mähender Sense durch die Europäerstadt. Der Vater verließ die Seinen, der Bruder den Bruder, alles floh, was noch fliehen konnte, aber der Tod eilte ihnen nach, erschlug sie auf der Flucht. Niemand konnte helfen, niemand wußte Rat. Ein böses Ahnen zog durch das Herz der wenigen Ärzte, die noch am Leben waren. Sollte die schreckliche Seuche aus dem Hause des Doktor Gravesgrave kommen? Er war verschwunden, verreist, sagte man. Sie eilten hinaus zu seinem Hause. Es war verschlossen. Man erbrach es. Im Vorflur lag zusammengekrümmt mit schrecklich verzerrtem Gesicht der Leichnam seines Dieners Shingar. Ihn hatte als einen der ersten der Tod aus der Flasche erreicht, er hatte ihn mit eigenen Händen nach Hause gebracht. An seinen Fingern hafteten genug der tödlichen Keime, zwei Tage nach seiner Tat schon verendete er hilflos in dem einsamen Hause. Zur selben Stunde auch erlag der Mann im Wasserwerk dem Feinde, der von hier aus seinen Weg nahm in die unglückliche Stadt.
Aber seine Tat zog immer weitere Kreise, wie der Raubvogel, der in den Höhen sein Reich umzirkelt. Der Sensenmann machte nicht Halt im Viertel der Fremden, er sprang hinüber in die dicht gedrängten Vorstädte der Eingeborenen, raste durch ihre engen Gassen, machte sie zu stillen, ausgestorbenen Stätten. Der Schrecken lief mit Sturmeseile durch das Land, ergriff Nachbarstädte, wanderte mit den Kleidern der Entflohenen von Ort zu Ort, saß verborgen in den Frachten der Güter, die mit Bahn und Wagen von Bangalore zu anderen Handelsplätzen wanderten. Die Sense des Todes mähte und mähte.
Längst war Doktor Gravesgrave zurück. Die Stadt war wie ausgestorben. Er eilte in sein Haus, Schreckliches ahnte ihm. Er fand den toten Diener noch an der alten Stelle. Er fand in seinem Schrank den zertrümmerten Eisenkasten. Die eine der Flaschen war fort. Er sah die Werkzeuge Shingars umherliegen, er ahnte alles. Es war zu spät, er konnte nicht mehr helfen, niemand konnte es. Da packte er seine Sachen in eine große Kiste, auch den anderen Kasten mit der zweiten Flasche. Längst waren die Keime darin während seiner langen Abwesenheit abgestorben und unschädlich. Aber auch er sollte dem Ort des Schreckens nicht mehr entfliehen, dem sein Tun, das nur Gutes schaffen wollte, so schweres Unglück gebracht. Auch ihn ergriff die Krankheit, einsam starb er in dem totenstillen Hause, und er starb gern, denn es schien ihm eine Sühne für die grausige Tat, die doch nicht seine Schuld war. Der Tod aber stand triumphierend an seinem Sterbelager. Er hatte seinen Feind besiegt.
Langsam erlosch die furchtbare Seuche, die die winzigen Kobolde in der Flasche hervorgerufen. Der Tod lehnte die Sense in die Ecke und ruhte von seiner Arbeit. Langsam auch kam wieder Hoffnung und Freude über die Stadt. Die Entflohenen kehrten zurück, die Arbeit begann wieder, das Leben ging seinen alten Gang.
Ein Freund des Doktor Gravesgrave zog in das ausgestorbene Haus. Er fand die Kiste mit den prächtigen Vergrößerungsgläsern, mit gelehrten Büchern und einem Bericht über das Unglück von Bangalore. Er fand auch einen Brief an den Doktor Buhle, fern in Deutschland, und sandte Brief und Kiste her. So kam der alte Ulebuhle in den Besitz der Flasche des Todes und der genauen Nachrichten über das Unheil, das sie oder ihre Gefährtin angerichtet. Seht, da steht sie im Schrank, und man sieht es ihr nicht an, daß sie eine große Vergangenheit hat, gelehrte Sachen, ein großes Unglück und weite Reisen erlebte.»
Der Alte schwieg.
«Ulebuhle,» sagten die Kinder, «sitzt der Tod noch immer in der Flasche?»
«Nein, er ist längst gestorben, aber mit gefährlichen Dingen muß man auch dann noch vorsichtig umgehen, wenn sie schlummern. Auch dem toten Löwen nähern wir uns mit Scheu und Vorsicht, und wir sprechen leise am Orte, wo die Sense des Knochenmannes durch die Halme ging!»
Als die Sonne feierte
«Die Menschen,» so erzählte eines Abends der alte Ulebuhle, «waren einmal wieder mit sich, mit Gott und der Welt unzufrieden. »Ach,« sagten sie, »es ist ein Kreuz. Das Leben ist viel Arbeit und wenig Vergnügen. Es müßte umgekehrt sein, und kurz und gut, wir wollen nun endlich einmal eine schöne Weile ausruhen!«
Da ließen sie alles stehen und liegen und sagten Feierabend! Alle Räder standen still, und keine Esse rauchte mehr. Die Häuser ragten halbfertig mit großen Gerüsten in den Himmel hinein, die Schneider rührten keine Nadel mehr an, die Schuster drehten keinen Pechdraht mehr und klopften kein Leder, die Kaufleute schlossen ihre Läden, die Bergleute fuhren nicht mehr zur Grube, und kein Fischer warf mehr Netze aus. Am meisten freuten sich die Ochsen und die Kälber. Sie brummten und blökten vergnügt in die Welt hinein, denn niemand wollte ihnen mehr das Fell über die Ohren ziehen.
Die Bauern draußen auf dem Lande, Hinz und Kunz und Jochen Päsel, kamen im Kruge zusammen, rückten ihre Zipfelmützen von einem Ohr auf das andere und sagten: »Ja, wenn die Lüt in de Stadt nischt mehr duhn, wat wulln wie da noch dat Feld bestelln, da duhn wie ook nischt mehr!« Und so ruhten Pflug und Egge, Sense und Dreschflegel. »Macht wie ihr wollt,« meinten die Städter. »Wir haben noch alle Speicher bis an die Decke voll Korn und alle Keller voll Kartoffeln, wir brauchen vorläufig eure Feldfrüchte nicht!«
Die Sonne stand droben im Blauen und machte verwunderte Augen ob all der sonderbaren Geschehnisse auf Erden.
»Ja,« sagte der alte Mond zu ihr und rauchte noch eine Wolkenpfeife an, »der Teufel ist in die Menschen gefahren. Ich habe schon manches Jahrhundert lang den Erdball umwandert, ich habe schon viele verrückte Geschichten auf Erden mit angesehen, aber so toll waren sie bisher noch nicht. Ich glaube, es nimmt ein schlechtes Ende mit den Menschen, denn die Arbeit hält doch alles in Ordnung beieinander, aber wenn sie nun nicht eine Hand mehr rühren wollen, werden sie bald ganz zugrunde gehen. Mir soll es recht sein. Ich mache nach wie vor meine Nachtbeleuchtung und führe die goldenen Sternenschafe auf die Weide und damit basta!«
Als nun aber auch die Bauern die Felder nicht mehr bestellten, Hinz und Kunz und Jochen Päsel den ganzen Tag im Kruge saßen, Karten spielten und Kümmel mit Rum tranken, da wurde es Frau Sonne zu viel. »Ja, wozu scheine ich denn noch,« rief sie eines Tages unwillig aus. »Wenn ich keine Saaten mehr zu reifen habe und euch nicht mehr bei der Arbeit leuchten brauche, so hat es keinen Zweck, denn faulenzen könnt ihr auch im Dunkeln, und wenn die Sonne auf die faule Bärenhaut scheint, dann ist das nur ungemütlich. Also besinnt euch und arbeitet wieder, sonst mache ich selbst Feiertag!«
»Laß uns in Ruhe, Frau Sonne,« brummten die Menschen, »mach, was du willst, wir machen es auch!«
Da ging die Sonne am Abend mit zornrotem Gesicht unter und kam am nächsten Morgen nicht wieder. Sie feierte!
»Die Sonne ist wirklich fortgeblieben,« meinten die Menschen, und manche machten doch bedenkliche Gesichter. »Nun wird es kalt werden,« sagten sie, »und rabenschwarze Nacht wird es auch am Tage sein.« »Nachts wird es helle,« schrien die anderen, »da scheint der gute alte Mond!«
Aber als es Nacht war, blieb es stockdunkel, und auch der Mond schien zu feiern. Da gingen die Menschen zu den berühmtesten und gelehrtesten Sternkundigen und fragten, was sie von der Sache hielten, und warum der Mond nicht scheine.
»Ja,« meinten die, »er kann nicht, denn wenn die Sonne nicht mehr ihr Licht aussendet, so bleibt auch der Mond im Dunkeln, denn er wird ja erst von der Sonne erleuchtet und strahlt nur das geliehene Sonnenlicht wieder.«
»Gut,« schimpften die Menschen, »so soll er es lassen. Dann beleuchten wir die Städte mit unseren elektrischen Lampen und heizen mit Elektrizität.« Da heizten sie ihre Kessel mit Steinkohlen, setzten ihre mächtigen Dampfmaschinen in Gang und machten elektrischen Strom, der durch hunderttausend Lampen ging und Haus und Stadt erhellte. Aus den Steinkohlen machten sie auch Gas. Sie erhitzten sie in großen Kesseln, so daß das Gas aus ihnen entwich, leiteten es durch Röhren in alle Häuser und brannten es an. Da konnten sie sich an Gasöfen wärmen und auf Gasöfen kochen, und sie lachten über die Sonne.
Eines Tages aber waren die Steinkohlen aufgebraucht, und da die Bergleute nicht für die anderen arbeiten wollten, sondern auch ihren Feiertag zu machen wünschten, hörte das Wasser in den Kesseln auf zu kochen und die Maschinen standen still. Da gab es auch kein Gas, kein Licht und keine Wärme mehr, und die Leute murrten.
Die anderen aber sagten: »Nur nicht verzagt, wir werden auch ohne die Sonne fertig! Haben wir keine Steinkohlen mehr, um unsere Maschinen zu treiben, so nehmen wir die Kräfte des Wassers zu Hilfe. Das Wasser strömt in tausenden Wasserfällen von den Höhen herab, da bauen wir mächtige Wasserräder und Turbinen, die dreht das herabstürzende Wasser, und sie drehen uns unsere elektrischen Maschinen. Da haben wir wieder Licht und elektrische Wärme!«
Als die Menschen aber zu den Wasserfällen kamen, da floß kein Tropfen mehr hernieder. Nicht als ob das Wasser eingefroren war, nein, es war überhaupt keines mehr in den Wasserfällen. Da gingen sie zu den Gelehrten und sagten: »Erklärt uns, wie es kommt, daß die Wasserfälle versiegt sind.«
»Ja,« sagten die weisen Räte, »das ist ganz einfach! Die Wasserfälle kommen von den Bergen herab, weil die Sonne hoch droben den Schnee und das Eis schmilzt und wieder zu Wasser macht. Da die Sonne nicht mehr scheint, so schmilzt auch das Eis und der Schnee nicht mehr, und so kann es auch keine Wasserfälle geben. Auch der Regen, der in den Bergen niedergeht, rauscht in den Wasserfällen zu Tal. Da aber die Sonne kein Wasser mehr aus Flüssen und Meeren verdunstet, so steigt auch kein Wasserdunst mehr empor zu den Wolken, es entstehen keine Regenwolken mehr, und so gibt es auch keinen Regen und keine Wasserfälle! Das alles hat die Sonne durch ihre Wärme in Gang gebracht, aber nun, wo sie feiert, ist es aus damit.«
»Es sollte doch mit dem Teufel zugehen,« meinten die Menschen, »wenn wir uns von der Sonne unterkriegen lassen würden! Wißt ihr, was wir jetzt machen? Wir benutzen den Wind. Der Wind treibt uns große Windmühlen, und mit ihrer Kraft drehen wir unsere Räder und elektrischen Maschinen. Auf, laßt uns große Windmühlen bauen.«
»Ach du lieber Gott,« meinten ärgerlich die Zimmerleute und die Schmiede, »da geht ja die Arbeiterei schon wieder los!«
Aber die anderen entgegneten, das müßte nun mal auf kurze Zeit so sein, und wenn die Windmühlen erst fertig wären, könnten wieder alle feiern.
Da bauten sie denn bei Tag und Nacht mächtige Windmühlenflügel und große Triebwerke und froren jämmerlich dabei, denn es wurde immer kälter auf Erden. Endlich aber war auch dieses Werk getan, und nun brauchte nur noch Wind zu wehen, dann drehten sich die großen Flügel, drehten sich mit ihnen die mächtigen Räder und elektrischen Maschinen, und dann gab es wieder elektrische Kraft und Licht und Wärme. Aber sie warteten und warteten, doch es kam kein Wind. Kein Blättchen regte sich, kein Staubkörnchen wirbelte auf.
Da gingen die Menschen wieder zu den Gelehrten und sagten: »Nun erklärt uns, wann endlich einmal Wind wehen wird!«
Die Weisen aber seufzten schwer und rückten an ihren großen Brillen, und endlich sagten sie: »Es wird überhaupt kein Wind mehr wehen, solange die Sonne nicht scheint, denn die Sonne ist es, die den Wind und den Sturm macht. Sie erwärmt an manchen Gegenden die Luft mehr als an anderen. Da steigt die warme Luft empor, fließt von einem Erdort zum anderen, und dieses Strömen der Luft, das ist der Wind. Wenn die Luftmassen schnell dahinströmen, dann ist es Sturm, und wenn sie langsam ziehen, dann säuselt es nur so ein wenig in den Zweigen. Da nun die Sonne die Luft nicht mehr erwärmt, so strömt sie auch nicht mehr, und ihr habt eure Windmühlenwerke umsonst gebaut.«
Da schimpften die Menschen von früh bis abend und fuhren sich gegenseitig in ihrer Wut in die Haare, aber davon wollten die Windmühlen sich auch nicht drehen. »Ihr müßt wieder hinabsteigen in die Gruben und neue Kohlen aus dem Gestein herausschlagen,« riefen die Leute den Bergarbeitern zu, aber diese weigerten sich, denn sie wollten nicht schaffen, wenn die anderen feierten. »Wir aber wollen nicht erfrieren!« brüllten die Menschen, und so gab es überall Aufruhr und Streit und blutige Köpfe. Die Leute holzten alle Wälder ab, um das Holz zu verbrennen und sich eine warme Suppe und eine warme Stube zu machen, aber viele erfroren bei dieser Arbeit im Freien.
Es wurde immer kälter und kälter auf Erden, und es war ein Leben wie am Nordpol. Das Meer war hundert Meter dick in die Tiefe gefroren, so daß kein Schiff nach fernen Ländern fahren konnte, Getreide und andere Dinge zu holen. Kein Fischer konnte ein Netz auswerfen. Die Tiere des Waldes verendeten vor Kälte, die Vögel fielen erfroren aus der Luft herunter, ihr Blut war zu Eis erstarrt. Der Erdboden war bis in die Tiefen hinein gefroren und fest wie ein Felsen, kein Pflug konnte ihn durchdringen. Tiefe, schaurige Dunkelheit lag über der Welt, nur die fernen Sterne glitzerten aus der eiskalten Höhe auf die unglückliche, von der Sonne verlassene Erde.
Es wurde immer jammervoller mit den Menschen. »Wir wollen wieder arbeiten,« schrien sie, »wir wollen wieder Licht und Wärme, Wolken und Wind, grüne Wälder und wogende Kornfelder, Vogelsang und Blumenduft, wir wollen die Sonne wieder droben haben im Blauen, ja die Sonne, die Sonne, die die Menschen so froh macht und glücklich und reich!«
Die Anführer aber, die all das Unglück angezettelt, die alle Maschinen angehalten, alle Arme gelähmt hatten, die sich gegen die Sonne verschworen, widersetzten sich der Menge, denn sie hatten noch Kohlen und viele gute Dinge für sich heimlich in Sicherheit gebracht und lebten herrlich und in Freuden in einer verborgenen Klause, fern im Walde.