Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Part 13

Chapter 133,692 wordsPublic domain

»Großmächtiger Herr Kurfürst,« sagten die Gelehrten, »der Kometstern ist nichts weiter als eine viele tausend Meter dicke Wolke von Steinen. Die meisten Steine sind nicht größer als eine Erbse, aber es sind auch welche darunter, so groß wie ein Wagenrad. Wenn die Wolke der Sonne nahe kommt, wo es erschrecklich heiß ist, dann fängt sie an zu glühen, und leuchtende Gase bilden sich aus den Steinen, die hinter der Wolke als ein wundervoller, schimmernder Schweif herziehen, wie der Rauch hinter dem Kohlenfeuer. Wenn aber der Komet wieder von der Sonne fortzieht, dann wird er wieder kalt und leuchtet nicht mehr, und der schöne Schweif nimmt ein Ende!«

»Das läßt sich hören,« sagte der Kurfürst. »Jetzt aber geht und beruhigt unser Volk. Es wird sich ja bald zeigen, ob ihr recht gesprochen habt, denn dazu seid ihr da, und ich bezahle euch Jahr und Tag euer Gehalt, daß ihr die Sterne studiert. Habt ihr aber falsch gesprochen, so wird ein peinliches Gericht über euch gehalten werden. Und nun geht!«

Da verbeugten sich die Sterngelehrten tief und verließen den kurfürstlichen Hof. Der Kurfürst aber ließ in allen Städten anschlagen, was die Sternkundigen von dem Kometen berichtet, und befahl jedermann, wieder in Ordnung zu leben und fleißig zu arbeiten, und wo noch ein Tänzer und Dudelsackpfeifer, ein Tagedieb und Prasser sich blicken ließe, dem solle der Stadtvogt mit einem nicht zu dünnen spanischen Rohr das Sitzleder gerben, daß es eine Art habe. Ja, solches befahl der hohe Herr bei strenger Strafe!

Da bekam denn so mancher wegen des leuchtenden Kometen ein christlich gemessenes Schock spanischen Pfeffers, aber das war auch das einzige Unglück, das der Schweifstern fürder anrichtete. Langsam wurde er immer kleiner und blasser, und endlich sah man ihn nur noch als ein winziges Wölkchen am Sternenhimmel verschwinden, genau so, wie ihn der Turmwächter hatte kommen sehen.

Da erkannten der Kurfürst, seine Räte und alles Volk, daß die Sternkundigen wahr gesprochen hatten. »Gut,« sagte der Fürst, »so will ich euch zur Belohnung noch ein größeres Fernrohr bauen lassen, damit ihr die Sterne so deutlich betrachten könnt wie nie zuvor.«

Und das tat er, denn er war ein strenger und gerechter Herr.

* * * * *

Der Komet aber zog in seiner Bahn wieder unbekümmert dahin. Er ahnte nicht, daß die Menschen solche Angst seinetwegen ausgestanden. Im bitter kalten Weltenraum schwirrte er, tausendmal schneller als die schnellsten Vögel, von der Sonne und von der Erde fort. Selbst in ihren großen Fernrohren konnten ihn die Sternforscher auf der Erde nicht mehr erkennen, denn er war endlich viele tausendmal weiter von ihr entfernt als der Mond.

Viele Jahre waren vergangen, da kam der Komet in großer Ferne an einer anderen Erde vorbei, die war wohl ein paar hundertmal größer als unsere Weltkugel, auf der die Menschen wohnen. Ja, wer mit so einem Kometen mitfliegen könnte durch die Sternenräume! Was sieht er nicht alles, was wir Menschen nie zu sehen kriegen! Da wandert er dicht am Monde vorbei und schaut hinein in die tiefen Krater und späht wohl umher, ob er nicht irgendwo etwas Lebendiges sieht, aber nichts regt sich auf der ausgestorbenen Mondwelt, und nur die Sonne glitzert an den hohen Felsenwänden. -- Dann huscht der himmlische Wandersmann wieder dicht an der Sonne entlang und blickt hinein in das brodelnde Glutmeer, aus dem in hunderttausend Meter hohen Springbrunnen das wilde Flammenfeuer emporschießt, und dann späht er neugierig auf die Erde, sieht die Eisbären auf den Schneewüsten des Nordpols, sieht die Beduinen in weißen Mänteln durch die heiße afrikanische Wüste reiten. Sieht, wie sich die Erde dreht im Wechsel von Tag und Nacht und Länder und Meere im Sonnenschein glänzen. -- Dann aber trifft er auf seinem Wege andere Erden in weiter Ferne, die alle rund wie Tennisbälle um die feurige Sonne wandern. Große trifft er und kleine, und auf allen ist es wieder anders. Auf manchen leben andere Menschen von sonderbarer Gestalt, und auf manchen sind sie schon ausgestorben, oder sie sind noch nicht erschienen, weil es noch so heiß auf dem Stern ist, daß man da verbrennen würde, wie der Fisch, der in kochendem Wasser leben sollte.

Ja, was sieht so ein Komet alles, der dahinbummelt durch die Sternenräume!

Eines Tages also kam unser Komet ganz dicht an einer anderen Erde vorbei, die ein paar hundertmal größer war als unsere. Ein mächtiger Ball war es. Wolken umzogen ihn, und viele Monde tanzten rings um die Weltkugel.

Der Komet war ein fürwitziger Bursche, er rückte dem Riesen so nahe auf den Leib, daß er fast seinen Wolkenring berührte. Aber es bekam ihm schlecht!

»Schönen guten Tag,« schrie der Komet und rauschte auf den großen Burschen los.

»Bleiben Sie mir vom Leibe, Luftikus, oder es gibt ein Unglück!« brüllte der andere.

Aber schon war es zu spät! Krach, rannten sie aneinander, daß die Funken stoben. Der Erdenstern aber hatte einen härteren Schädel, und so erging es dem Kometen erbärmlich. Er wurde in mehrere Stücke auseinandergerissen, in einzelne Wolken von Staub- und Steinmassen, die nun hintereinander her durch den Weltenraum zogen. Da war es nun aus mit der schönen Herrlichkeit des Schweifsternes. Nie wieder konnte er nun als ein schimmernder, alle Welt in Bewunderung und Staunen, in Angst und Schrecken setzender Prinz bei der Erde erscheinen, und trübselig wandelte er dahin.

Und als die Zeit erfüllt war, als er nun wieder seine große Reise vollendet und nach hundertfünfzig Jahren zur Sonne zurückkehrte, da guckten sich die Sternkundigen die Augen nach ihm aus. Sie schraubten immer stärkere Linsen in ihre großen Operngucker, aber sie konnten nichts von dem Fremdling sehen. Es ist schnurrig, sagten sie, damals war er so groß, daß alle Menschen in Todesangst kamen und glaubten, er würde die Erde zertrümmern, und nun bleibt er ganz unsichtbar. Sie wußten nicht, daß den alten Bummler auf seinem Wege ein schwerer Unglücksfall betroffen, und daß er krank und siech, gewissermaßen auf Filzschuhen durch den Sternenraum dahinzog.

»Er ist tatsächlich verschwunden,« sagten die Sterngucker, die mit blaugefrorenen Nasen eine kalte Winternacht nach der anderen am Fernrohr saßen. »Übermorgen müßte er der Erde am nächsten stehen und sie fast berühren, aber er scheint nicht wiederzukommen!«

Seht, Kinder, als diese Zeit gekommen war, da war euer alter Ulebuhle ein junger Mann, der auch nach dem Himmel guckte, um den berühmten Kometen zu sehen. Und als nun der Tag kam, an dem der Schweifstern ganz dicht bei der Erde stehen sollte, da wanderte er hinaus ins Freie, um die Sterne zu betrachten. Es war ein kalter Winterabend, und die Sternlein blitzten wie lauter Diamantsplitter in der klaren Höhe. Auf einmal, gegen Mitternacht, kamen viele Sternschnuppen geflogen. Erst wenige, dann mehr, und dann Hunderte und Tausende, Stunden um Stunden! Halt, halt, sagten die Sterngucker, da ist endlich der Komet! Himmel, wie hat er sich verändert. Er hat sich aufgelöst in lauter kleine Teile, und nun wandert die Erdkugel mitten durch den ganzen Krempel. All die einzelnen Steinchen und Staubmassen, aus denen der Kometenkopf bestand, schwirrten nun einzeln durch die Lufthülle der Erde, entzündeten sich da und glühten und sprühten. Ja, es war ein wundervolles Feuerwerk und kostete nicht einen Pfennig; der alte Petrus gab es ganz umsonst!

Manchmal kamen größere Steine, und dann glühten sie grün und rot auf hoch droben und krachten wie Raketen. Auf einmal, siehe da, kam ein ganz großes. Es puffte und zischte und knallte und zerbarst in tausend schimmernde Funken, und die fielen zur Erde nieder. Huiii! ging es plötzlich, als wenn eine Flintenkugel daherpfiffe, und dann sagte es Ratsch und knatterte gegen einen alten Baum, der am Wege stand. Wir liefen hinzu, und da lagen ein paar kleine Steinchen auf der harten Schneedecke unter dem Baum, Steinchen, die von der Sternschnuppe abgesplittert waren, Steinchen, die zu dem Kometen gehörten. So hoben wir sie auf und brachten sie als Andenken mit nach Hause.

Den meinen aber ließ ich einsetzen in die Busennadel. Seht her, da ist er! Hat er nicht eine ganz absonderliche Geschichte? Er ist ein Stück von dem schrecklichen Kometen, der vor Jahrhunderten die Menschen geängstigt, er wanderte weithin durch die Sternenräume, besuchte den Mond und die Sonne, sah, wie es auf anderen Sternen aussieht, und fiel endlich aus Himmelshöhen nieder zur Erde. Ja, er hat eine absonderliche Geschichte wie kein Stein sonst in der Welt!»

* * * * *

«Ulebuhle,» sagten die Kinder, «flunkert Ihr uns auch nichts vor, und bestehen die Kometen wirklich nur aus solchen Steinen?»

«Galgenvögel!» sagte der Alte grimmig, «wenn der Ulebuhle etwas sagt, dann ist es so. Geht hin in das Museum, da könnt ihr solche vom Himmel gefallenen Steine von Kometen aufbewahrt finden, und wenn ihr des Abends die Nase hinaufreckt zum Himmel, so werdet ihr dann und wann so ein Steinchen als Sternschnuppe fliegen sehen, das sich verspätet hat und nun einsam hinter der aufgelösten Kometenwolke daherzieht wie ein Schulbub, der die Zeit verschlafen. Jetzt aber trollt euch von dannen, denn die Geschichte von der Busennadel ist zu Ende!»

Der Tod in der Flasche

Der alte Ulebuhle saß vor seinem Raritätenschrein und kramte in alten Erinnerungen. Längst schon hatte die treue Christine die Studierlampe mit dem grünen Schirm gebracht, leise waren die Kinder in das Zimmer getreten, aber der seltsame Alte saß noch immer schweigend und in Gedanken versunken vor seinem Schrein.

Eine merkwürdig geformte Glasflasche hielt er in der Hand. Sie war mit einem Holzkorken geschlossen, über dem ein dicker Wattebausch lag, und eine dicke Schicht schwarzen Siegellackes saß wie eine Haube oben darauf. Ein Papierstreifen, mit Tinte beschrieben, voll lateinischer Worte, überzog den kugelrunden Bauch der Flasche, die in einen langen dünnen Hals auslief. Eine verdickte gelbliche Flüssigkeit, gleich festgewordenem Leim füllte das Gefäß, ein Totenkopf, weiß auf schwarzem Papier gemalt, umgeben von drei Kreuzen, saß wie ein Siegel oben am Halse. Die Flasche paßte in einen dick mit Watte ausgefütterten eisernen Kasten, den ein kunstvolles Schloß vor unberufener Öffnung schützte, und auf diesem Kasten klebte ein vergilbter Zettel mit der kaum noch lesbaren Aufschrift: Bangalore, in den Tagen des Schreckens. Doktor Gravesgrave.

«Ulebuhle,» sagten die Kinder nach langem geduldigen Schweigen, «was ist in der sonderbaren Flasche, die Ihr so lange betrachtet?»

Da erwachte der Alte wie aus einem Traum. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und sagte: «Kinder, ich war mit meinen Gedanken weit fort und habe euch nicht eintreten hören. Laßt mich erst die Flasche wieder verschließen und bleibt davon!»

Da tat er den gläsernen Kolben wieder behutsam in den eisernen Kasten und verschloß ihn dreimal sorgfältig. Dann verschloß er den Schrein und langte nach seiner Pfeife.

«Was war in der Flasche?» fragten die Kinder.

Da sah sie der alte Ulebuhle lange eigentümlich an und sagte ernst: «Der Tod!»

Das klang so schön gruselig und geheimnisvoll, und die Kinder witterten eine schöne Geschichte hinter der ganzen Sache. So bestürmten sie den gelehrten Alten mit tausend Fragen, bis er knurrig Ruhe gebot und -- tief in seinem Lehnstuhl vergraben -- sich anschickte, die Geschichte vom Tod in der Flasche zu erzählen.

«Schweigt,» sagte er, «denn es ist eine lange Geschichte, und wenn man nicht gut aufpaßt, kann man sie nicht verstehen, denn es handelt sich um eine gelehrte Sache und um ein großes Unglück.»

Da setzten wir uns still rings um den Alten herum, und er begann:

«Ich hatte einen Jugendfreund, der hieß Gravesgrave. Er war klüger als wir alle zusammen und studierte später auf allen möglichen Universitäten die schwere Kunst, die Krankheiten der Menschen zu erkennen und zu heilen. Aber ganz besonders wollte er herausbekommen, wie man die Pest, die Cholera, die schwarzen Pocken und andere böse Krankheiten bekämpfen könne, die mit einem Male über die Erde hereinbrechen wie der furchtbare Würgeengel selbst und ganze Städte, ganze Provinzen, ganze Länder aussterben machen.

Eines Tages, als er sich in England befand, hatte er gehört, daß im fernen Indien eine furchtbare Pest wüte, an der Hunderttausende starben. Kein Mensch wußte, woher sie kam, wie sie zu heilen sei. Sie griff um sich wie ein Feuer, das zur Hochsommerzeit einen ausgedörrten Kiefernwald befällt, von Baum zu Baum springt und erst erlischt, wenn der ganze Wald verkohlt am Boden liegt. So auch erlosch die Krankheit an manchem Ort erst, wenn nichts mehr zu töten war.

Machtlos standen die berühmtesten Ärzte, die aus Europa hingeschickt wurden nach dem fernen Indien, ja sie mußten trachten, sich selbst zu retten im großen Sterben. Die Inder aber taten gar nichts. Sie beteten zu ihrem Gott und sagten, es sei sein Wille. Der Mensch könnte dagegen nichts tun.

Der rätselhafte Tod aber wütete weiter.

Da hörte der Doktor Gravesgrave von den Dingen, und er erkannte, daß grade dort für ihn der rechte Platz sei, denn Seuchen zu studieren und zu vertreiben, das war sein Wunsch und Wille. So schiffte er sich denn ein zu der weiten Reise und landete endlich nach glücklicher Fahrt an Indiens Küste. Furchtlos durchstreifte er die Stätten des Schreckens, ausgestorbene Städte und Landstriche. Er studierte unablässig, wie gesunde Leute in wenigen Stunden erkrankten und starben, wie der geheimnisvolle Tod sie wie der Räuber hinterm Busch anfiel und zu Boden schlug, ohne daß sie selbst wußten, wie es kam und warum es kam.

Doktor Gravesgrave grübelte Tag und Nacht, Woche um Woche, er untersuchte Lebende und Tote, Gesunde und Kranke und konnte das Rätsel der Krankheit nicht entdecken. Er wurde aber nicht mutlos. Wie ein tapferer Soldat stürzte er sich immer aufs neue in den Kampf gegen den geheimnisvollen Würger, und wie durch ein Wunder entging er selbst der Krankheit und dem Tode. Eines Tages, als er wieder in seinem Studierzimmer saß und bei einer Pfeife darüber nachdachte, daß all seine Arbeit bisher erfolglos gewesen sei und die armen Menschen im Lande noch immer zu vielen Tausenden starben, kam er auf den Gedanken, daß man vielleicht den unsichtbaren Feind im Blute der kranken Menschen entdecken könne. Da ging er hin und nahm das allerstärkste Vergrößerungsglas, das er unter all seinen vielen Instrumenten hatte, ein mächtiges Mikroskop, mit dem man die Dinge dreitausendmal vergrößern konnte. Dann rief er seinen jungen Diener, der kerngesund war, stach ihn mit einer kleinen Nadel ganz wenig in den Arm, so daß ein kleines Tröpfchen Blut hervortrat, und brachte den kleinen Blutstropfen unter sein mächtiges Vergrößerungsglas.

Habt ihr schon einmal einen Tropfen Blut unter dem Mikroskop gesehen? Das sieht gar sonderbar aus. Da sieht man eine helle Flüssigkeit und in der schwimmen Millionen gelbliche runde Blättchen, wie kleine Tellerchen. Das sind die roten Blutkörperchen. In einem winzigen Blutstropfen sind an die zwanzig Millionen dieser kleinen Scheiben enthalten, und an die fünfzigtausend Milliarden kreisen unablässig durch eure Adern, wie in der großen Stadt das Wasser in den Wasserleitungen durch tausend Kanäle und Röhren strömt. Und dann sind da noch andere kleine Scheiben, die sind weiß, und es sind ihrer viel weniger. Das sind die Polizeisoldaten in den Adern. Dringt irgend ein böser Feind, der die roten Blutkörperchen zerstören will, in das Blut ein, so stürzen die weißen Blutkörper über ihn her und suchen ihn zu töten. Ja, es ist ein wunderbares Leben in den Adern unseres Körpers, ein Gewimmel wie in einer großen Stadt. Sobald aber die Millionen und Abermillionen Blutkörperchen krank werden oder gar absterben, dann ist es um uns geschehen, dann erstirbt das Leben in den Straßen unseres Leibes, dann sterben wir selbst.

Der gelehrte Doktor Gravesgrave schaute durch sein wundervolles Glas hinein in den Tropfen Blut seines Dieners, er sah die roten und die weißen Blutkörperchen, aber sie waren frisch und lebendig, und es war alles in Ordnung.

Am anderen Morgen jedoch lag der arme braune Teufel bereits auf seiner Matte und murmelte, schwerkrank, Gebete. Der geheimnisvolle Tod hatte ihn in der Nacht überfallen. Sein Herr stand dabei und konnte ihm nicht helfen. Aber er hatte einen guten Gedanken. Er nahm wieder eine Nadel und stach ein Tröpfchen Blut aus dem Arm des Burschen hervor, und wieder besah er ihn unter dem mächtigen Glase. Ja, das war ein guter Gedanke, denn nun machte er eine wichtige Entdeckung! Da sah er, wie winzig winzige Lebewesen in dem Tröpfchen Blut hin und her schossen, die gestern noch nicht darin gewesen. Deutlich konnte man sehen, wie sie die roten Blutkörperchen anfielen und verzehrten. Er sah, wie die weißen Blutkörper, die Polizisten der Adern, sich den gefräßigen Räubern entgegenwarfen, viele von ihnen töteten, aber ihre Zahl war so groß, daß die Weißen mit ihnen nicht fertig werden konnten und immer mehr rote Scheibchen zerfressen und vernichtet wurden. Es war ein wilder Kampf in diesem Tröpfchen Blut, und ein viel wilderer Kampf mußte im Körper, in den Adern des kranken jungen Inders vor sich gehen.

Da sprang der gelehrte Doktor fröhlich auf. »Ha,« rief er, »nun habe ich den geheimnisvollen Tod entdeckt. Mit eigenen Augen habe ich ihn gesehen. Im Blut der Kranken schwimmt er, ein gefräßiger Räuber, den Lebenssaft vernichtend und zerstörend. In den Adern der kranken Menschen kämpft ein ungeheures Heer von Räubern gegen die Schutzgarde der weißen Blutkörper. Er überwindet sie, tötet die roten Träger des Lebens, und der Mensch muß sterben!«

Aber dann wurde Doktor Gravesgrave wieder still und traurig. »Ach,« klagte er, »was nützt es mir, und was kann es den Kranken nützen, daß ich nun weiß, _weshalb_ sie sterben müssen, _helfen_, helfen kann ich ihnen auch damit nicht, und darauf allein kommt es an. Ja, wenn ich wüßte, wie dieses Heer von Räubern, wie diese seltsamen winzig winzigen Geschöpfe in das Blut, in die Adern der Menschen hineingelangen, dann vielleicht könnte ich helfen. Aber, ach, ich werde es niemals erfahren!«

Da ging er wieder hinab zu dem jungen Inder, der sterbend auf seiner Matte lag. Er legte nasse Tücher um seine heiße Stirn und gab ihm kühle Getränke, aber jener fühlte all das kaum noch. In seinen Adern ging der Kampf zu Ende.

Doktor Gravesgrave betrachtete ihn traurig. Eine kleine grünliche Fliege saß auf des Kranken brauner Brust. Nun flog sie fort und schwirrte um des Doktors Hand, um sich dort niederzulassen. Dem Doktor war sie widrig. Eine Fliege, die eben auf dem Körper eines Sterbenden gesessen, mochte er nicht dulden, und er verjagte sie. -- Aber wie er das tat, da zuckte plötzlich ein Gedanke durch seinen Kopf. Wenn nun diese Stechfliege, die ihren kleinen Rüssel hineinsenkt in das Blut der Menschen, von einem Kranken zu einem Gesunden fliegt, erst dort sticht, das kranke Blut hineinsaugt, und dann ihren Rüssel wieder in das Blut des Gesunden senkt? Konnte sie nicht auf diese Weise die winzigen Lebewesen, die gefährlichen Räuber in die Adern der Gesunden hineintragen?«

Der Doktor sprang plötzlich wie ein Besessener im Zimmer herum, er jagte mit seinem Hut hinter der grünen Stechfliege her, und endlich fing er sie. Dann stürzte er in sein Studierzimmer, zerlegte mit feinen Zänglein, winzigen Nadeln und Messerchen den Rüssel und den Körper der Fliege und brachte alle Teile nacheinander unter sein Mikroskop. Da sah er denn hinein in die ungeheuer vergrößerte Stachelröhre, die unter dem Glase wie ein Rohr aus einem Pumpwerk aussah, besetzt mit Tausenden von spitzen Härchen. Er sah, wie in diesem Stachel der Fliege winzige Spuren von dem Blut des Kranken hingen, mit zertrümmerten roten Blutkörperchen und mit vielen jener winzigen Wesen, jener Räuber der Adern. Er sah, daß sie noch immer lebten, und wenn jene kleine grüne Stechfliege ihren Stachel in seine Hand gesenkt, dann hätte auch ihn die Krankheit befallen, dann wären jene winzigen Räuber, die die Fliege aus dem Blut des Kranken mit sich geführt, in seine Adern eingedrungen, hätten sich millionenfach vermehrt, hätten ihn in wenigen Tagen getötet. Die grüne Fliege war der Verbündete jener unsichtbaren Heerscharen der Pest, und wenn man sich vor dem Stich der Fliege schützte, so blieb man gesund.

Das war die große Entdeckung des Doktor Gravesgrave. Er reiste so schnell es ging nach der Hauptstadt des Landes, erzählte den Fürsten und Herren, den Männern, die das Land regierten, alles, was er wußte, von den Räubern im Blut und von der grünen Fliege, und zeigte ihnen durch sein Vergrößerungsglas, was er selbst gesehen. Und in alle Welt drang der Ruhm des gelehrten Doktors, der endlich ein Mittel gefunden hatte, die indische Pest zu verjagen, Millionen Menschen vom Tode zu retten. Und nun begann ein furchtbarer Kampf gegen die grüne Fliege. Sie wurde verfolgt mit Feuer und Gift, ihre Brutstätten in den sumpfigen Niederungen der Flüsse, wo sie im hohen Schilf lebte, wurden abgemäht und ausgeräuchert, vom kleinsten Hindububen bis zum ältesten indischen Weisen jagte alles auf die grüne Fliege, und wenn wirklich noch jemand wo erkrankte, so brachte man ihn in einen Raum mit Fenstern, die durch dichte Drahtnetze verschlossen waren, so daß keine Ameise, viel weniger eine Fliege hineingelangen konnte. Da starb die Pest langsam aus, der besiegte Würgeengel zog sich grollend zurück in die Einöden der Sümpfe, wo allein noch an wenigen Stellen die grüne Fliege hauste und selten ein armer Fischer seinem Geschäft nachging.

Doktor Gravesgrave aber wurde fürstlich belohnt. Die Kaiserin von Indien ernannte ihn zu ihrem Oberhofarzt und ließ ihm ein Mikroskop bauen, noch größer und wertvoller als sein eigenes, und die Großen des Landes kamen mit kostbaren Geschenken, reich besetzt mit Edelsteinen.

Das war eine glückliche Zeit für den braven Doktor, aber auf gute Tage folgen schlimme, und sie treffen oft schuldlos den Guten wie den Bösen. Der Doktor zog sich nun in die große indische Stadt Bangalore zurück. Da mietete er draußen vor den Toren, inmitten eines großen Gartens, ein kleines Landhaus, und hier, wo es so friedlich war, so seltsame Bäume grünten, so farbenprächtige Blumen blühten, so fremdartige Vögel pfiffen, rächte sich der unerbittliche Tod, dem er so viele Opfer abgejagt, an dem gelehrten Doktor Gravesgrave.

Und das ging so zu! Ihr wißt, daß der allgewaltige Tod zuweilen der Kleinarbeit müde wird und durch Krieg, durch Erdbeben und verheerende Seuchen in kurzer Zeit so viele Menschen fortrafft wie sonst in Jahren. Eine solche Krankheit ist die Cholera, die in früheren Zeiten ganze Länder verödet hat, vor allem aber das ferne Indien seit Jahrtausenden plagt. Tausend und abertausend Millionen winziger Lebewesen, die Bazillen, dringen in den Körper ein und sie bringen die Cholera, vernichten das Leben.

»Ich werde ein Mittel finden,« sagte Doktor Gravesgrave, »ein Mittel, das die gewaltigen Heere der kleinen Räuber im Körper zerstreut und tötet. Hier will ich unablässig sitzen und arbeiten, bis ich es gefunden habe, denn ich bin der Doktor Gravesgrave, der gegen den Tod kämpft.«