Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle
Part 12
Als der Eisstrom die Meeresküste erreicht hatte, die steil abfiel in das tief drunten rauschende Wasser, da schwebten plötzlich ungeheure Eismassen frei in der Luft, dort, wo das Land ein Ende hatte und das Meer begann. Es knisterte und knasterte im Eis, es dröhnte und bullerte und gab breite Risse, und plötzlich brach die schwebende Masse ab. Ein Eisblock, aus dem man wohl zehn Großstadthäuser hätte bauen können, brach vom Gletscher, seiner Mutter, los und stürzte mit Donnergepolter in das wild brausende und schäumende Meer, so daß es in mächtigen Wellen und Strudeln wild sich empörte und bis zum Himmel weißliche Wassersäulen emporsandte.
So ward unser Eisberg geboren!
Wie eine schwimmende Burg lag er da im eisigen Wasser, mit Türmen und Wällen und Spitzen, und langsam trieb ihn die Meeresströmung fort von der Küste, immer weiter nach Süden, am Baffinsland vorüber, entlang der Küste von Labrador, hoch oben im Norden Amerikas, und schließlich hinein in den Atlantischen Ozean.
Und siehe da, je weiter der Eisberg nach Süden abtrieb, fort von seiner nordischen Heimat, je lichter und wärmer wurde es. Endlich kam auch die Sonne wieder hervor. Als ein tiefroter Ball zog sie dicht über dem Horizont dahin, wie ein feuriges Rad, das auf dem Wasser rollte. Aber wie sah unser Eisberg aus! Welch ein wundervoller Anblick! Er war zu einem Zauberschloß geworden. Von fern sah er aus wie eine brennende Festung. Die rotglühende Sonne spiegelte sich in den glitzernden Eiswänden, flammende Garben schienen aus dem Innern hervorzudringen, denn mächtige Sprünge durchzogen die kristallene Burg, in denen das Licht sich brach und in allen Farben funkelte wie im Demantstein.
Die Sonne stieg, je tiefer der Eisberg nach Süden kam, immer höher empor, und immer wärmer wurden ihre Strahlen. Sie schmolz langsam tiefe Höhlen hinein in die schwimmende Burg. Das Wasser tropfte an allen Ecken und Kanten unablässig, und Tausende von mächtigen Eiszapfen, dick wie Eichen und lang wie Telegraphenstangen hingen an den Seiten nieder. Große Tore schmolz die Sonnenwärme hinein in den kristallenen Bau, den die Kälte gezimmert, Säulen und Balkone entstanden darin, Türme und Giebel. Blendendweiß lag das Feenschloß des hohen Nordens zur Mittagszeit auf den blauen Wogen des Ozeans, rotglühend funkelte es, wenn des Abends die Sonne im Meer versank, grünlich flimmerte das Mondlicht zur Nachtzeit in seinen Eisgalerien.
Hoch wie eine Kirche ragte der Berg von Eis über dem Wasserspiegel empor, aber zehnmal tiefer und mächtiger dehnte er sich noch unter dem Wasser, dem Auge unsichtbar, denn seine Schwere brachte es mit sich, daß sein größter Teil eingetaucht blieb im Wasser.
Eines Tages aber, als ein heftiger Wind über das Wasser fuhr, gab es eine Katastrophe! Die Sonne hatte auf der Mittagsseite so viel Eis abgeschmolzen, warme Strömungen im Wasser hatten dieselbe Seite so stark benagt, daß der Eisberg aus dem Gleichgewicht gekommen war. Immer schräger stellten sich seine Wände, immer mehr hob sich der Eisfuß auf der einen Seite aus den Wellen heraus, und als ein heftiger Windstoß gegen die Eiswände anprallte, da stürzte die ganze riesige Burg um, und was unten lag, kam nach oben.
Das Meer wurde bis in seine Tiefen aufgerührt durch den umkippenden Berg. Eine halbe Stunde weit ins Meer hinaus wanderten die mächtigen Wellen, die der Sturz verursacht, weißschäumender Gischt sprühte hoch hinauf in die klare Luft, und rauschend gurgelte das Wasser um den kristallenen Riesen. Aber dann zog er wieder, von der Meeresströmung fortgetragen, langsam und ruhig seines Weges weiter, immer entlang an der Küste von Neufundland.
Scharen von Seevögeln ließen sich auf seinem Dache nieder, flogen kreischend, mit silberglänzenden Flügeln, weithinweg und kamen wieder, gefangene Fische in den scharfen Schnäbeln.
Der Eisberg aber trieb und trieb, und langsam kam er auf die große Fahrstraße der Schiffe, die von Neufundland herüberfahren nach den englischen Inseln.
Ein großer Dampfer, der »Nordstern«, fuhr langsam durch die dunkle Nacht. Droben glitzerten die ewigen Sterne, und drunten schäumten die Wellen. Ebenhard, der Steuermann, stand, den Südwester auf dem Kopfe, die Öljacke über der wollenen Strickjacke, auf seinem Posten und blickte scharf durch die Dunkelheit. Er schob sich ein mächtiges Stück Kautabak zwischen die Zähne und stapfte in seinen dicken Schmierstiefeln von einem Fuß auf den anderen.
Der Kapitän, die kurze Stummelpfeife im Munde, trat herzu. Sein langer grauer Bart flatterte im Winde. »Ebenhard,« sagte er, »wir sind bei den miserablen Straßen, wo die verdammten Eisberge von Norden her südwärts treiben. Jetzt heißt es Maul zu und Augen auf, sonst haben wir plötzlich einen solchen Burschen in den Rippen sitzen! Ich habe noch zwei Mann nach vorn geschickt, mit Augen wie Habichte, und auch der Mann im Ausguck ist angewiesen, Löcher in die vermaledeite Dunkelheit zu gucken, aber man kann nicht genug auf der Hut sein!«
»Ich habe eine feine Nase für die eisigen Biester, Kapitän,« sagte der alte Steuermann und spuckte nach Seemannsart kunstgerecht ein handliches Stück Priem vier Meter weit über die Planken, »ich bin ihnen oft hier herum begegnet, den niederträchtigen Burschen, und ich hab's im Gefühl, wenn sie sich so in der Dunkelheit heranschleichen. Aber die Hauptsache sind die Thermometer!«
Ja, die Thermometer waren die Hauptsache. Da hingen zwei links und rechts am Schiff im Wasser, und zwei andere hingen beim Steuerhause in der Luft. So konnte man genau verfolgen, ob die Temperatur im Wasser und in der Luft fiel, denn die mächtigen Eisberge strahlen so viel Kälte aus, daß es schon auf weite Entfernung an den Wärmemessern zu spüren ist, wenn sie in der Nähe eines Schiffes dahintreiben.
»Ich werde die Wasserthermometer im Auge behalten, Ebenhard, seht Ihr nach den Luftthermometern,« sagte der Kapitän, und dann ging er mit wiegendem Seemannsgang davon.
Die Wellen rauschten leise, die roten und grünen Signallichter und die weißen Positionslaternen spiegelten sich im Meer, am Horizont tauchte das Sternbild des Orion auf, und die Milchstraße zog als leuchtendes Band über den Himmel hinweg. Viele Augen starrten durch das Dunkel nach schimmernden Wänden, die plötzlich und verderbenbringend haushoch neben dem Schiff auftauchen konnten.
Aber langsam verschleierten sich die Gestirne, die Positionslaternen warfen wie ein Scheinwerfer kleine Strahlenbündel voraus, denn dünner Nebel kam auf. Erst war er nur gering, aber er nahm schnell an Dicke zu, und nach einer Stunde war man mitten in einem weißlichen Schwaden. Da konnte kein Auge durchdringen.
Des Nebelhornes schauriger, langgezogener Ton hallte weit durch die Einöde des Meeres, um entgegenkommende Schiffe, die die Lichter des »Nordsterns« nicht mehr zu sehen vermochten, zu warnen, und auch die Ohren der Seeleute lauschten nun angestrengt hinaus, ob aus der Ferne der gleiche Ton zu ihnen herüberdrang.
Oll Ebenhard wetterte allerlei zwischen den Zähnen hindurch und verbrauchte mehr Priem, als es christlich war. In dicken Tropfen rann der Nebel an seiner Öljacke nieder, und sein Bart war naß. Da kam auch der Kapitän wieder.
»Das ist eine schöne Teufelei, Ebenhard,« schimpfte er. »Nebel ist hier immer verdächtig, denn die vermaledeiten Eisbiester können ihn durch ihre Abkühlung der Luft hervorrufen. Ich wette, es sind welche in der Nähe, aber wie soll ein ehrlicher Christenmensch durch diese Waschküchenluft hindurchblicken? Jetzt können wir uns nur noch auf den alten Herrgott und die Thermometer verlassen.«
»Tjä,« meinte der Steuermann, »es is die schwere Not in dieser gottverlassenen Gegend bei den Neufundlandbänken. Da soll der Deubel zur See fahren. Aber ich habe einen Riecher für die Biester, und noch wittert mein Dufthorn nüscht!«
»Wenn wir nur erst diese Nacht hinter uns haben, Alter,« sagte der Kapitän, »morgen früh sind wir aus der Zone der Gefahren heraus, und bei Tage sind alle Deibel halb so schlimm. Aber jetzt gehe ich an die Thermometer!«
Er verschwand im Nebel.
Nach einer halben Stunde tönte plötzlich die Stimme Oll Ebenhards durch das grauliche Dunkel: »Kapitän, es riecht sengrich. Es kommt so eine gewisse Luft über Backbord, dat is Eis.«
»Um Himmels willen,« sagte der Kapitän, »es wird doch nicht! Es kommt mir freilich so vor, als ob das Wasserthermometer um einen halben Strich gefallen sei, aber es ist so wenig, daß man nichts drauf geben kann!«
»Aber es riecht sengrich, Kapitän, da bin ich gut vor, und dat is Eis!«
Der Kapitän ging wieder zu seinen Instrumenten. Kurz darauf kam er eiligen Schrittes zurück. »Ebenhard, weiß Gott, die Thermometer fallen!«
»Tjä, das Luftthermometer auch. Deubel nochmal, jetzt sind wir richtig dran an so ein infamigtes Biest!«
»Ja, und wo mag er liegen, von wo mag er uns zutreiben?! Ist er _vor_ uns, _hinter_ uns, kommt er von Backbord? Sind wir vorüber, kommen wir ihm näher, ist er fern, ist er nah? Man weiß nicht aus noch ein!«
Tiefe Sorgenfalten standen im Gesicht des Mannes, dem das Schiff mit seiner Ladung, seinen Passagieren und seiner Besatzung anvertraut war. Ein gefährlicher Feind war in der Nähe des »Nordsterns«, und keine Seemannskunst der Welt konnte vor ihm schützen, denn da man den Ort des Eisberges nicht kannte, so war jedes Manöver überflüssig. Was man auch tat, immer konnte man gegen den kristallenen Riesen anrennen.
»Kapitän,« sagte der Steuermann, »wir müssen es nehmen, wie es kömmt, denn wir können nicht gegen an. Vielleicht, daß wir im letzten Augenblick, wenn der Berg uns zu Gesicht kömmt, noch das Unheil abwenden. Alles andere ist Gott befohlen!«
Der Kapitän eilte fort. Er rief die Mannschaft zusammen, gab Anweisungen zur Rettung bei einem Zusammenstoß mit dem schwimmenden Feind und ließ die Maschinen langsamer laufen, um die Gewalt eines Zusammenstoßes zu mildern. Mehr aber konnte er auch nicht tun. Alle Augen spähten hinaus in das Dunkel.
Es war unheimlich still. Ganz in der Ferne, kaum hörbar, dröhnte dumpf ein Nebelhorn. Die Wellen gurgelten leise an den Seiten des Schiffes, das nur langsam noch dahintrieb, auf der Hut vor seinem eisigen Gegner. Noch war er unsichtbar, verborgen im Unbekannten.
Und mit einem Male wuchs undeutlich eine graue Wand voraus empor. Schwach beleuchtet von den Lichtern des Schiffes. Wie ein Gespenst stand sie plötzlich in abenteuerlichen Formen da, mit hängenden Girlanden von Eis, mit ragenden, verschnörkelten Türmen, ein Ungetüm, das sich riesenhoch im Nebelwallen verlor. _Der Eisberg!_
-- Kalt wehte es herüber. Die Männer erschauerten.
Aber das alles dauerte nur einen Augenblick, dann war jeder am Werk. Das Steuerruder drehte vom Eisberg ab, die Schiffsschraube arbeitete mit voller Kraft rückwärts, alles wurde getan, um dem drohenden Zusammenstoß zu entgehen. Nur langsam hemmte das nun einmal in Bewegung nach vorn begriffene Schiff seinen Lauf. Schiff und Eisberg schienen wie zwei bissige Hunde drohend um einander herumzugehen. Da knisterte und knasterte es am Schiffsboden, kreischte und schleifte. Der Kiel des »Nordsterns« hatte den unter Wasser liegenden Eisfuß des Berges erreicht, aber schon war seine Bewegung so verlangsamt, daß eine starke Beschädigung des Fahrzeuges verhindert wurde. So nah waren jetzt die glitzernden Wände des Eisberges, daß sich die rote Backbordlaterne an ihnen widerspiegelte. Flämmchen schienen in den Sprüngen und Brüchen des Eises zu tanzen. Der »Nordstern« erzitterte bei der Berührung mit dem kristallenen Sockel des Riesen, er legte sich ein wenig seitwärts, das Ruder wurde verstellt, die Maschine manövrierte hin und her, kreischend glitt der Kiel wieder von dem splitternden Eise ab. Langsam, ganz langsam zunächst, dann aber mit wachsender Geschwindigkeit trieb das Schiff rückwärts, vom Eisberge ab.
Vom Schein der Positionslaternen beleuchtet, zog die glitzernde Burg lautlos und gespenstisch dicht vor dem »Nordstern« vorüber, jetzt glänzte eine spiegelnde Fläche grünlich im Schein der Steuerbordlampe, dann entschwand der Gefährliche, südwärts treibend, wie ein blasser Schemen im dichten Nebel.
»Himmel und Hölle,« sagte Steuermann Ebenhard, »das war eine ganz unchristliche Geschichte, und nicht für einen Wald voll Affen möcht' ich sie noch mal erleben!«
Dann entdeckte er, daß er keinen Priem mehr zwischen den Zähnen hatte, und schüttelte bedenklich den grauen Kopf, denn das war ihm noch kaum passiert seit zwanzig Jahren, und er ersah daraus, daß es eine aufregende Sache gewesen mit diesem Burschen, den sein Dufthorn richtig erschnuppert hatte, ehe noch ein Auge ihn sah.
»Ja, Oll Ebenhard,« meinte der Kapitän, »da sind wir nochmal mit Gottes Hilfe so drum herum gekommen, aber um ein Zimmermannshaar breit, und der verdeubelte Nordländer hätte uns den >Nordstern< zusammengeknickt wie eine alte Hutschachtel! Jungens,« rief er dann, »ich denke, daraufhin geziemt uns ein gutes Glas Grog, und dafür will ich sorgen!«
Er stapfte davon, und aufs neue nahm der »Nordstern« seinen Kurs auf, ostwärts, dem Lande Europa zu.
* * * * *
Der Eisberg aber trieb langsam weiter und weiter, immer wärmeren Gegenden zu. Die Sonne fraß mit immer zunehmender Glut an ihm herum, das immer wärmer werdende Meer umschmeichelte ihn, unterhöhlte ihn, so daß er mehr und mehr zusammenschmolz. Er verlor alle Augenblicke das Gleichgewicht, überschlug sich, seine ragenden Türme zerflossen, die Säulen zerfielen, die hängenden Zapfengalerien tropften ab wie Wachsfäden von der brennenden Kerze, er wurde klein und unansehnlich.
So trieb der eisige Sohn des hohen Nordens bis nahe an die afrikanische Küste, und als in der Ferne die Palmenhaine Marokkos sich im Meer spiegelten, zerfloß die letzte dünne Scheibe von Eis in den warmen Wellen und der Eisberg hatte aufgehört zu sein.»
Die Busennadel
Der alte Ulebuhle trug Sommer und Winter ein kleines buntes Seidentüchlein um seinen dürren Hals, das durch eine große Busennadel zusammengehalten wurde. Es war eine merkwürdige Nadel. Sie war nicht von Gold und nicht von Silber, kein Edelstein und keine Perle bildete ihren Kopf, und doch mußte sie sehr wertvoll sein, denn einmal suchte sie der merkwürdige Alte und war sehr ängstlich, daß sie verloren sein könnte. Ein unansehnlicher, roher schwarzer Stein, so groß wie ein Kirschkern, bildete den Kopf der Busennadel, und wir Kinder schauten sie oft an, weil wir vermuteten, daß es irgend eine besondere Bewandtnis mit ihr haben müsse. Irgend eine schnurrige Geschichte steckt dahinter, sagten wir, und einmal muß der gute Alte damit herausrücken!
Und als wir eines Tages wiederkamen, da brachten wir auch die verlorene Busennadel wieder mit. «Ulebuhle,» schrien alle zugleich, «da ist sie! Sie lag drunten vor Eurem Gartenfenster. Wäre nicht ein Frosch vorübergehuppt, wir hätten sie nicht gesehen. Aber nun müßt Ihr auch erzählen, warum Euch das eiserne Ding mit dem unansehnlichen Stein so wertvoll ist. Bestimmt ist es eine spannende Geschichte!»
Der Alte lächelte verschmitzt und nahm eine riesige Prise aus seiner Schnupftabaksdose. «Spitzbuben,» sagte er, «fast möchte ich glauben, ihr habt die Nadel versteckt, um beim Wiederbringen die Geschichte zu hören. Aber da die alte liebe Nadel wieder da ist, so sollt ihr auch belohnt werden, denn der Stein am Kopf, der euch so unscheinbar vorkommt, hat in der Tat eine Geschichte, die interessanter ist als manche Räuberpistole, denn der Stein in der Busennadel ist von weit her. Er stammt nicht aus den Tiefen der Erde noch vom Grunde des Meeres, er ist nicht auf Bergeshöhen gewachsen, noch schufen ihn die Menschen, ja, er wurde überhaupt nicht auf der Erde erzeugt. Ferner als der Mond und manche Sterne war er einst unserer Erde. _Aus dem Weltenraum_ kam er nach vieltausendjähriger Wanderung zu uns. Seht, das habt ihr ihm nicht angesehen, dem Unscheinbaren, und nun merkt auf, denn jetzt kommt seine Geschichte und alles was mit ihr zusammenhängt.»
Der Alte setzte sich in seinem Stuhl zurecht, zündete seine lange Pfeife an und begann:
«Das war im Jahre 1690. Die kleine Stadt lag friedlich noch im Schlafe, nur der Turmwächter, der hoch oben im Turm der uralten Kirche saß und auf Feuer und anderes Ungemach aufpaßte, war wach und spähte hinaus in die Winternacht. Die Sterne standen glitzernd zu vielen Tausenden am weiten Himmelsbogen, und der Alte im Turm kannte sie fast alle, denn viele Jahre saß er schon einsam in der Höhe und machte sich über Welt und Menschen seine Gedanken.
Da sah er droben ein schwaches, lichtes Wölkchen stehen, das er bislang noch nicht gesehen. Am anderen Tage war das Wölkchen wieder da, und nach einer Woche war es immer heller und größer geworden und hatte seine Gestalt verändert. Da sah der alte Turmwächter, daß es ein _Komet_ war, der langsam der Erde näher zog.
Ein wundervoller, heller Stern, heller als alle anderen, weithin strahlend, entstand aus der lichten Wolke, und ein wundervoller, schimmernder Schweif zog hinter dem Stern her. Der Komet wuchs und wuchs; immer näher kam er der Erde. Blendender Glanz ging von ihm aus, sein Schweif war so gewachsen, daß er den ganzen Himmel überspannte; wie eine mächtige Rute hing die seltsame Lichtgestalt droben am Firmament.
Wenn es dunkel wurde, dann standen die Menschen zu vielen Tausenden auf den Gassen oder wanderten ins Freie, vor die Tore der Stadt, um den wunderbaren Stern zu sehen. Kein Mensch hatte je am Sternenzelt so Seltsames erschaut. Der König der Sterne schien gekommen, denn alle anderen verschwanden in seinem Glanz und Schein, alle anderen wurden verdeckt, und der riesige Komet nahm den ganzen Himmel ein.
Da wisperten und flüsterten die Menschen geheimnisvoll in allen Ecken und Gassen, und ihre Gesichter wurden besorgt. Was hatte es zu bedeuten, daß der Vater im Himmel ein so seltsames, nie gesehenes Zeichen, eine so feurige Rute über die Erde hinstreckte?
Und immer glänzender wurde der schreckliche Komet, immer strahlender sein Stern, immer größer sein schimmernder Schweif. Die Menschen standen ängstlich in den Gassen und zitterten vor dem Zorn des Herrn der Welt.
Da kam ein fremder Mönch von weither in die Stadt gezogen. Er hatte ein blasses, strenges Gesicht, in dem zwei dunkle Augen düster brannten. Eine graue Kutte trug er, mit einem hänfenen Strick darum, und barhäuptig wandelte er durch die Gassen. -- Als es Abend wurde und die Menschen wieder hinaus liefen, den wunderbaren Stern zu sehen, da stand der Mönch am Toreingang auf dem Steinblock und hatte die Hände erhoben zum Himmel, an dem der Komet in magischem Glanze leuchtete.
»Männer und Frauen dieser Stadt,« sagte er, »seht ihr den vom Himmelsvater gesandten Stern droben erschrecklich leuchten? Seht ihr die feurige Rute, die der zürnende Gott drohend über euch erhebt? Euch droht die gerechte Strafe für alle Missetat, die ihr begangen. Habt ihr nicht einer den anderen bestohlen, wo es ging? Hat nicht der Kaufmann betrogen und gefälscht, hat nicht selbst Mord und Aufruhr durch die stillen Gassen der Stadt getobt? Wer hat dem Nächsten in seinen Nöten geholfen, wie Gottes Sohn am Kreuz geboten, und wer hat Vater und Mutter Ehrfurcht erwiesen, wie das Gesetz es befahl? Immer weiter habt ihr euch vom Wege des Heils entfernt. Die Kirchen sind verödet, ihr habt den alten Gott in frevelhaftem Übermut abgesetzt, nun wird er euch mit dem himmlischen Feuer kommen, da ihr seine Güte nicht verstanden. Er sendet den schrecklichsten Kometen, den die Welt gesehen, über die Erde hin, Pest und Hungersnot, Krieg und Mord, Feuersbrunst und Weltuntergang wird er euch bringen, die ihr des Heilands vergessen, die ihr den Herrn geschmäht und verraten. Der letzte Tag ist gekommen, der Tag der Rache und der Vergeltung für alles, was verharrt in Unglauben und Sünde. Macht euch bereit, vor den Richterstuhl des Herrn der Welt zu treten. Wenige Tage noch, und der Komet wird sich niedersenken zur Erde, mit Feuer und Tod!«
So sprach der Mönch. Er stand mit bleichem Gesicht wie ein Rächer, der unbekannt aus fernen Landen kam. Der Schein des Kometen leuchtete auf seinem Antlitz gespenstisch, seine Arme reckte er drohend in den Himmel, das Kruzifix in seiner Rechten funkelte, sein graues Büßergewand wehte im Winde. Die Menge sank nieder auf die Knie und betete. -- Der Mönch aber verschwand still wie er gekommen, doch lange noch stand seine ernste Gestalt, sein bleiches Gesicht mit dem strafenden Blick im Gedächtnis der Menschen, und seine Worte vergaßen viele nach Jahrzehnten nicht.
In feierlichen Prozessionen bewegten sich in den nächsten Tagen die Massen zur Kirche, um den Himmelsvater zu bitten, den schrecklichen Kometen, der den Untergang der Welt bringen sollte, wieder fortzunehmen vom Sternenzelt. Die Glocken läuteten noch nie so oft zum Kirchgang wie jetzt, und frommer Gesang und Orgelspiel tönten allenthalben aus den Gotteshäusern.
Aber ein noch größerer Teil der Menschen hatte nun ganz den Kopf verloren. »Das Ende der Welt ist gekommen, der jüngste Tag,« sagten sie, »nun ist es zu spät, Buße zu tun, nun müssen wir doch sterben und verderben, was wollen wir uns da noch plagen! Der Komet wird uns alle hinwegraffen, die Guten und die Bösen, laßt uns die letzten paar Tage noch fröhlich sein. Was sollen wir noch arbeiten und schaffen? Das Ende der Welt ist da!«
Sie warfen Hammer und Kelle, Nadel und Elle, Axt und Spaten hin und schmausten und pokulierten Tag und Nacht. Überall quiekte die Flöte, brummte der Dudelsack, zirpten die Geigen, und die Menschen tanzten, bis sie umfielen. Die Frommen wollten ihnen wehren, da gab es blutige Kämpfe in den engen Gassen. Die Stadtwache hieb mit der Waffe dazwischen, durch die nächtliche Stille tönte Tanzmusik und Orgelklang, Beten und Fluchen und das Geschrei der Kämpfenden, und über alldem leuchtete der Komet mit wunderbarem Glanze.
Ja, es war eine tolle Zeit, und niemand wußte mehr, wie es enden solle. Da trat der hohe Rat des Kurfürsten zusammen und besprach den tollen Wirrwarr des Landes und die Not und Angst und Unordnung seiner Bürger. Der Kurfürst ließ die weisen Magister und Professoren zusammenkommen und trug ihnen auf, Mittel zu finden, Unheil abzuwenden, das Volk zu beruhigen.
Die berühmtesten Sterngucker des Landes wurden herbeigeholt, damit sie ihre Meinung über den Kometen sagen möchten, und ob er wirklich sich niedersenken werde auf die Erde, alles zu vernichten.
»Nein,« sagten die Sterngelehrten, »das wird er nicht tun, und der Mönch hat den sündigen Leuten nur Angst machen und sie zurückführen wollen auf den Weg der Tugend und der Gottesfurcht, wie es Rechtens ist.«
»Aber morgen schon kann der Komet mit der Erde zusammenstoßen und alles in Trümmer schlagen und verbrennen,« sagten manche.
»Nein,« riefen die Sterngelehrten, »er steht zehnmal weiter als der Mond von der Erde und zieht nun langsam fort. Bald wird er verblassen und ganz klein werden, ferner und ferner wird er wandern und im Sternenraum verschwinden.«
»Aber wo kommt der wunderbare Fremdling des Himmels her und wo geht er hin?« forschten die kurfürstlichen Räte.
»Seht,« antworteten die Sternkundigen, »der Komet läuft schon viele Jahrhunderte lang immer rundum einen mächtig weiten Weg um die Sonne. Alle hundertfünfzig Jahre kommt er wieder und besucht sie, und dann muß er auch an der Erde vorbei. Vor hundertfünfzig Jahren war er schon einmal da, und auch damals haben die Menschen geglaubt, daß die Welt untergehen wird, aber sie steht heute noch. Seht nur in den alten Geschichtsbüchern nach, da werdet ihr es finden.«
Der Kurfürst ließ alle alten Chroniken und Historienbücher kommen und erkannte, daß die Sternkundigen recht hatten. »Aber so erzählt uns,« befahl er, »was so ein Komet für ein sonderbarer Stern ist, und ob er uns schaden kann!«