Die seltsamen Geschichten des Doktor Ulebuhle

Part 11

Chapter 113,896 wordsPublic domain

Der kleine Franz nahm den Notizblock und schrieb darauf: »Diese Kraterberge des Mondes sehen alle aus wie hohle Backenzähne!« Da lachte der Professor und schrieb darunter: »Ja, da hast du recht, mein Junge, nur daß diese Backenzähne oft fünfzig Kilometer breit sind.«

Die Reisenden schritten nun weiter, nach der anderen Seite zu, wo das Land in Dunkelheit gehüllt war, denn dort schien die Sonne nicht mehr hin, und es begann an dieser Stelle die von der Sonne abgewendete Nachtseite des Mondes. Franz hatte sich schon lange gewundert, wie merkwürdig schnell und leicht er auf dem Monde laufen konnte. Als er nun zum Spiel einen Stein aufnahm und ihn in die Luft warf, da blieb er überrascht stehen! Der Stein flog so hoch, daß er ihn kaum noch sehen konnte, und kam erst in großer Entfernung zu Boden. Der alte Professor aber hatte seinem Spiel und seinem Erstaunen zugesehen und bedeutete ihm, einmal aufzupassen. Der alte Herr nahm einen kleinen Anlauf, und dann sprang er vor einem kleinen Hügel vom Boden ab, hoch in die Luft, über den haushohen Hügel hinweg, und schwebte sanft jenseits wieder herunter. Es sah so komisch aus, wie der gute alte Professor da plötzlich mit wehenden Frackschößen und flatternden Haaren, mit schlenkernden Armen und seltsam herumrudernden Beinen in der Höhe hinsauste, daß Vater und Sohn zunächst nicht aus dem Lachen herauskamen. Aber dann faßte sie doch das Erstaunen über das Gesehene, und so probierten sie denn auch diese Luftsprünge (wenn man so sagen kann, da es auf dem Monde keine Luft gibt!). Die des Vaters fielen noch viel höher aus als die des Gelehrten. Der Vater schleuderte auch Steine, die so weit fort flogen, daß man sie aus dem Auge verlor. Dann aber traten sie zu dem Professor, um sich erklären zu lassen, weshalb ihre Kraft hier auf dem Monde zu Leistungen hinreichte, die auf Erden der stärkste Mann nicht zu vollbringen vermöchte. Hob der kleine Junge doch Felsblöcke empor, die auf der Erde sein starker Vater nicht hätte heben können. Aber der Astronom wußte auch dafür eine einfache Erklärung.

Er setzte sich nieder und schrieb: »Der Mond ist viel kleiner als die Erde. Man könnte aus der Erde neunundvierzig Monde machen. Der viel kleinere Mond zieht auch alle Gegenstände, die sich auf ihm befinden, nicht so stark an wie die große Erde, daher kommen uns also alle Steine und so weiter auch auf dem Monde viel leichter vor, wir brauchen viel weniger Kraft, um sie zu heben, oder können mit unserer Kraft viel schwerere Steine hier aufheben und viel weiter werfen als auf Erden. Da wir selbst auf dem Monde nur etwa sechsmal weniger wiegen als auf der Erde, so können wir uns mit unserer Kraft auch sechsmal leichter bewegen und über sechsmal höhere Hügel hinwegspringen als auf der Erde! Seht, das ist alles ganz einfach, und nirgends in der Welt gibt es Hexerei. Alles geht natürlich zu, und wenn man viel gelernt hat, kann man auch viel erklären!«

Es ist wirklich eine schnurrige Welt hier, dachte der kleine Junge. Wenn ich mir von der Erde ein Pfund Schokolade mitgebracht hätte und würde es hier nachwiegen, so wäre es nur noch ein sechstel Pfund, selbst wenn ich gar nichts davon genascht hätte!

Die Reisenden schritten rüstig weiter, immer weiter nach dorthin, wo es Nacht auf dem Monde war und die geringe Schwere ihres Körpers bewirkte, daß sie äußerst schnell vorwärts kamen und nicht müde wurden. Die Sonne sank tiefer und tiefer zum Horizont herunter, und ganz plötzlich waren sie mitten in der tiefsten Finsternis, denn so eine allmähliche Lichtabnahme zwischen Tag und Nacht wie auf der Erde gibt es auf dem Monde nicht, weil eben keine Luft vorhanden ist, die noch lange nach Sonnenuntergang von den Sonnenstrahlen erhellt wird. Nur einige Berggipfel, zu denen die Sonnenstrahlen noch hinaufdrangen, glänzten wie aus blankem Eise geformt, als aber auch diese durch andere Berge verdeckt wurden, war es rabendunkel ringsum, und man sah nicht die Hand vor Augen. Der Vater wollte ein Zündhölzchen entflammen, aber es blitzte nur auf und verlosch wieder; er hatte vergessen, daß in einem luftleeren Raum ja nichts brennen kann. Aber auch dafür hatte der Professor gesorgt, denn an seinem Gürtel hing eine große elektrische Handlampe, die genügend Licht auf den Weg warf. Sie gingen noch ein gutes Stück, da zeigte sich plötzlich tief unten am Horizont ein heller Schein. Eine runde, leuchtende Kuppe wurde sichtbar, die immer mehr wuchs, je weiter sie wanderten. Es war genau so, als wenn auf Erden der Mond aufgeht. Immer mehr rundete sich diese Lichtscheibe, die da am Horizont des Mondes emporstieg, und endlich stand sie leuchtend unter all den Sternen schon ziemlich hoch droben über den Berggipfeln, und zwar so hell, daß man ringsum alles klar erkennen konnte und der Professor seine Lampe löschte.

Die Mondreisenden standen und blickten voll Staunen zu dem seltsamen Monde empor, der da am Himmel des Mondes aufging, aber diese leuchtende Scheibe war wohl zwölfmal größer, als auf Erden der Mond erscheint. Und auf ihrer Oberfläche sahen der Vater und Franz helle und dunkle Flecke, die ihnen merkwürdig bekannt vorkamen, grade so, als hätten sie sie schon früher wo gesehen. Da zog der Astronom seine Notiztafel hervor und schrieb ein paar Worte, die unsere Freunde in großes Erstaunen versetzten:

»_Jene Scheibe dort droben am Mondhimmel ist die Erde!_« Und wirklich, es war so. Deutlich sah Franz die ihm vom Schulglobus bekannten Umrisse der Länder und Meere auf der Erde, das große Dreieck von Südamerika, den Atlantischen Ozean und am Südpol die weiße Kuppe der Eis- und Schneefelder. So war den Reisenden nun der Mond zur Erde geworden und die Erde zum Monde, und der gelehrte Professor erklärte ihnen, daß das alles ganz selbstverständlich sei, denn genau so, wie von der Erde aus gesehen der Mond als ein Gestirn am Himmel schwebt, muß vom Monde aus gesehen die Erde als Gestirn erscheinen, nur daß sie größer ist.

Da wandelten denn die Reisenden im _Licht der Erde_ auf dem Monde spazieren, wie die guten Leute da auf Erden im Mondenschein promenieren. Aber der Anblick der so fernen Erde, die doch so schön war mit ihren Wäldern und Feldern, ihren Blumen und Vögeln, ihren Meeren und Flüssen und geschäftigen Menschen, hatte dem Vater und dem kleinen Franz plötzlich die Sehnsucht ins Herz gesenkt, wieder dahin zurückzukehren, zu ihrem kleinen Hause mit dem Gärtchen und zu der Mutter, die gewiß schon in tausend Ängsten sehnsüchtig nach dem Himmelsschiff ausschaute. Der kleine Junge trat an den Vater heran, ergriff seine Hand und deutete nach der Erde hinüber. Und der Vater verstand ihn. Er ging auf den gelehrten Mann zu, legte seine Hand auf seine Schulter und machte ihm begreiflich, daß man nun umkehren müßte, zurück zu dem Luftschiff, um die Rückreise anzutreten.

Aber der schüttelte den Kopf. »Das Flugschiff ist zerschellt,« so schrieb er nieder, »wir müssen hier bleiben!«

»So werden wir es ausbessern,« entgegnete der Vater.

»Nein! Hierbleiben, hier ist es interessant, und ich muß noch viel untersuchen hier oben, denn ich werde ein ganz dickes Buch über den Mond schreiben.« Das war die Antwort des Astronomen.

Der Vater redete heftig auf ihn ein und machte dem eigensinnigen Professor schwere Vorwürfe, daß er sie hierher gelockt, ohne ihnen die Rückreise zu ermöglichen, und der Alte stampfte mit dem Fuße auf und entgegnete nur immer das eine: »Wir bleiben hier!«

Es war plötzlich, als ob der alte Gelehrte zu einem teuflischen Dämon geworden wäre. Seine Augen blitzten höhnisch hinter den Brillengläsern hervor, und er fuchtelte wild und drohend mit den Händen in der Luft herum, so daß der kleine Junge in Angst und Schrecken geriet.

Und da mit einem Male waren die beiden Männer zusammengeraten. Sie rangen miteinander und suchten sich zu umfassen. Immer weiter schoben und zerrten sie sich, und nun standen sie ganz nahe an einer tiefen Felsenspalte, die rabenschwarz ins Unbekannte ging. Da lief der weinende kleine Junge hinzu, packte den Vater am Rock, um ihn hinwegzuzerren von dem dunklen Abgrund, aber schon war es zu spät. Sie stürzten, sie fielen immer tiefer, immer weiter ins bodenlose, undurchdringliche Dunkel ...

Und plötzlich fühlte der kleine Junge, wie eine Hand ihn erfaßte, es wurde Licht ... da stand die Mutter vor seinem Bett und sagte lächelnd:

»Ei guten Morgen, Herr Langschläfer! Wach auf! Die Sonne steht schon hoch droben. Ich hörte dich schreien im Schlaf, du hast geträumt, ja ja, das kommt davon, wenn man noch spät abends vom Monde plaudert!«»

Die Schwalbe und der Telegraphenpfahl

«Heute», sagte der Doktor, «kommt die Geschichte von der Schwalbe und dem Telegraphenpfahl. Die ist nicht lustig und ist auch nicht traurig, und wer sie nicht hören will, der läßt es bleiben. Basta!

Ja, da wandern die blanken Telegraphendrähte von der großen Stadt weithin weg durch Felder und Wälder. Längs der Eisenbahn ziehen sie dahin, und wenn die Vögel darauf sitzen, sehen sie aus wie Notenlinien mit dickköpfigen Noten. Das geht durch stille Dörfer, immer auf hohen Stangen, und die Kinder halten die Ohren an die dicken Pfähle, denn sie summen eine sonderbare Melodie, aber die machen sie nicht selbst, sondern es ist der Wind, der auf den Drähten spielt wie auf einer Harfe.

Und dann geht es über Land, wo das Getreide gelb in der Sonne steht, und geht durch stille Buchenwälder mit frischem Grün, immer weiter und weiter, bis wieder eine neue Stadt kommt, mit Rauch und Staub und lärmenden Menschen.

Da, wo die Felder jenseits des Dorfes aufhörten und eben der grüne Wald anfing, stand ein Telegraphenpfahl, der hielt mit starken Armen die Drähte beieinander droben, dicht unter den grünen Zweigen der Bäume. Eine Schwalbe mit blauschwarzem Frack und weißer Weste kam dahergeflogen. Sie setzte sich auf den Telegraphenpfahl, wippte mit dem Schwänzchen und pickte dem alten, ewig brummenden Burschen auf seinen dicken Holzschädel.

»Pitt, komm mit,« sagte sie, wippte zierlich und hackte mit ihrem kleinen Schnabel dem Alten vertraulich aufs neue auf den Holzkopf.

»Reisende Musikanten sind lockere Vögel,« brummte der. Aber er war nicht böse, denn er liebte die kleinen munteren Sänger, die von weit her kamen und ihm guten Tag sagten.

»Pitt, komm mit,« sagte die Schwalbe, das hatte sie sich so angewöhnt, denn ihre Mutter hatte es schon gesagt und ihre Großmutter, und es ist Schwalbenart.

»Ich stehe hier schon zwanzig Jahre,« sagte der Telegraphenpfahl, »und ich komme hier nicht weg. Ich bin ein alter getreuer Beamter. Es wäre eine schöne Geschichte, wenn die Telegraphenstangen auch so in der Luft herumfliegen wollten wie ihr Federvolk.«

»Ich komme von weit her,« sagte die Schwalbe, »von dort, wo die Sonne wärmer scheint und der Himmel so tief blau ist wie die Kornblumen. Da liegen sonnige Küsten am Meer, Lorbeerhaine stehen am Ufer, goldgelbe Zitronen und Orangen hängen im dunklen Laub, und die Menschen sind fröhlich und singen lustige Lieder zur Laute. Ja, da ist es schön. Pitt, komm mit.«

»Ja,« sagte der alte Pfahl, »das muß wohl schön sein. Unsereiner sieht von all dem nichts und tut hier oben seinen Dienst als alter Beamter. Wenn ich nicht Obacht gäbe auf die Drähte und ihnen den Willen ließe, dann gäbe es eine schöne Verwirrung in der Welt. Sie sind widerspenstig und zerren wie ein Fleischerhund, der an der Kette liegt, aber ich halte sie in Ordnung, denn Ordnung muß sein bei einem alten Beamten, der treu ist und pensionsberechtigt!«

»Aber es ist langweilig,« zwitscherte das Schwälbchen und zupfte an seiner weißen Weste. »Ich komme durch die ganze Welt und höre viel Neuigkeiten. Wenn du willst, erzähle ich dir welche.«

»Ach Gott,« meinte der Telegraphenpfahl, »Neuigkeiten kannst du mir nicht erzählen, die kommen hier alle durch meine Drähte, und da höre ich sie zuerst.«

»Aber die Dinge, die ich heute auf meiner Reise sah, die sind dir noch unbekannt, denn ich komme in eilendem Fluge herauf aus dem Süden, und was da geschah, das kannst du nicht wissen, alter Holzkopf!«

»So schnell kannst du gar nicht fliegen wie die Gedanken der Menschen hier in den Drähten, windiger Federball. Mit Blitzesschnelle sausen die Begebenheiten aus aller Welt hier an mir vorüber. Wenn man nicht aufpaßt wie ein Jagdhund, sind sie schon wieder hundert Meilen fort, ehe man noch recht verstanden hat, um was es sich handelt. Ja, die Menschen sind kluge Leute und haben es weit gebracht. Da braucht man nicht vom Ort, braucht keine weiten Reisen zu machen und hört doch alles, was in der Ferne, weit über Länder und Meere vor sich geht. Das kommt hier alles durch diese dünnen Drähte hindurch. Telegramme nennen es die Menschen. Ganz da in der Ferne, in der großen Stadt sitzen die Männer, die die ganze Geschichte machen. Da haben die Drähte in einem großen Hause ein Ende, und dieses Haus ist das Telegraphenamt. Da stellen sie in sonderbaren Gefäßen eine ganz schnurrige Sache her, eine unsichtbare Kraft, noch zarter wie der feinste Windhauch und doch mächtig und stark. Kommt man mit dem Finger an diese Geräte, dann gibt es einen Schlag und es ist, als bisse es einem in die Hand. Diese seltsame Kraft nennen die Menschen Elektrizität. Was aber das tollste ist, sie läuft schneller davon als der wildeste Sturmwind, schneller als die schnellsten Vögel fliegen, so schnell wie der Blitz, der ja auch von der Elektrizität fabriziert wird. Und mit dieser sonderbaren Kraft schicken die Menschen ihre Worte und Gedanken durch diese Drähte, so daß man sie am anderen Ende genau verstehen kann. Ja, so ist es, die Gedanken der Menschen schwirren auf elektrischen Flügeln durch diese Drähte. -- Aber nun mußt du erzählen, was du auf deiner Reise erlebt hast.«

»Ich war da unten im Süden in den sonnigen Gärten. Schöne seltene Blumen dufteten. In einem Hain von alten Bäumen stand ein Schloß. Es war alles von Gold und Silber darin, und hohe Spiegel von Kristall deckten die Wände. Ein kranker König wohnte dort. Er saß im Hain bleich und elend in einem Sorgenstuhl. Seine Diener standen um ihn herum, viel Herren und Damen in kostbaren Gewändern. Alles war stumm. Die Sonne schien so warm, die Blumen dufteten so süß, die kleinen Vögel sangen so lieblich in den Zweigen, aber eine Träne rann dem König über die fahlen Wangen, denn er wußte, daß er sehr krank sei und sterben müsse. -- Es war zu traurig, ich strich dicht über ihn hin und sagte: Pitt, komm mit. Er hörte es, denn er lächelte ein wenig und hob den Blick ... aber dann flog ich fort und weiß nicht, wie die Geschichte zu Ende gegangen ist.«

»Aber ich weiß es,« sagte der alte hölzerne Wächter. »Es kam hier durch die Drähte durch. In wenigen Sekunden waren die elektrischen Boten aus dem fernen Süden bis hier heraufgeeilt in den kalten Norden, wo des Königs Reich liegt, und Trauer geht durch das Land, denn der gute König ist am nämlichen Abend, als die Sonne hinter den Bäumen des schönen Gartens ins Meer sank, gestorben.«

»Es ist schnurrig,« sagte die Schwalbe, »ich komme im schnellsten Fluge von dort unten her, und doch weißt du besser über die Dinge, die sich da zugetragen haben, Bescheid als ich selbst.«

»Ja, das ist alles die Elektrizität und die Telegraphie,« meinte der Hölzerne, und man sah es ihm an, daß er stolz darauf war, ein Telegraphenbeamter zu sein.

»Ich flog über die Alpen hinweg,« sagte die Schwalbe, »o wie glänzten die vereisten Gipfel, die mächtigen Schneefelder im Sonnenlicht. Die Felszinnen ragten hoch in den Himmel hinein. Ich sah einen Eisenbahnzug drunten am Fuße der Bergwände dahinkriechen, und dann kam etwas Seltsames! Aus der Höhe rollten mächtige Schneemassen zu Tal, wahre Berge von Schnee ballten sich zusammen und fuhren abwärts. Sie rissen Felstrümmer und Geröll mit sich und knickten die hohen Tannen unten in den Bergwäldern. Es war eine gefährliche Geschichte, und man hörte den Eisenbahnzug drunten ängstlich kreischen, und dann kamen die Schneemassen über die glitzernden Schienen des Bahnstranges, ja weicher Pulverschnee hüllte selbst den Zug ein, und da saß er nun fest im weißen Meer mit allen seinen Menschen, eingegraben im Schnee zwischen den hohen Felswänden. Ich hätte gern gesehen, wie sie die Sache nun wieder in Ordnung gebracht haben. Aber ich mußte weiter und flog nordwärts.«

»Siehst du,« sagte der Telegraphenpfahl, »ich wußte schon alles, was du berichtest. Die ganze Geschichte ist schon längst hier durch die blanken Drähte geschnurrt, und heut abend lesen es die Leute in der großen Stadt, wenn sie in Schlafrock und Filzpantoffeln gemütlich auf dem Sofa sitzen und ihren Tee trinken, in der Zeitung, denn der Telegraph hat es gemeldet. Es war eine große Schneelawine, die du da in den Bergen niedergehen sahst, und eben kam die Nachricht durch, daß es noch viele Stunden dauern wird, bis der Schienenweg wieder frei ist und der Zug weiterfahren kann. Von allen Dörfern kommen die Menschen mit Schaufeln und Picken herbei, den Schnee fortzuräumen, ein ganzes Bataillon Soldaten kämpft gegen den Racker Schnee, aber nicht mit der Flinte, sondern mit der Schippe.«

»Ja, ja,« zwitscherte das Schwälbchen, »seit die blanken Drähte durch die Welt gehen, können wir fliegenden Boten keine Neuigkeit mehr erzählen. Wir müssen nach den Urwäldern auswandern, denn da gibt es noch keine Telegraphendrähte, aber da sieht man auch nicht so viel Interessantes wie in der großen Welt, wo die Menschen wohnen.«

»Höre,« sagte der alte Pfahl, »was alles mit Blitzesgeschwindigkeit hier hin und her schnurrt. Gutes und Böses, Lustiges und Trauriges. Da ist ein berühmter Mann gestorben, sagen die Drähte. Eine Minute später erzählen sie, daß irgend wo eine Mutter ein Kind geboren hat. Ein Schiff ist auf dem Meere untergegangen, schnurrt es. Ein armer Mann, der für seine Kinder kaum das Brot kaufen kann, hat plötzlich das große Los gewonnen. Trauer und Freude schnurrt hier entlang, und der Wanderer, der durch die stille Waldstraße zieht, sieht nur blanke Drähte und weiß nicht, was für wichtige Dinge sie über seinem Kopf hinweg erzählen. -- Aber nun mußt du weiter berichten, vielleicht weißt du eine Neuigkeit, von der die Drähte nichts berichten.«

»Ich flog durch einen dunklen Wald. Ein einsames Haus stand darin. Ich ruhte einen Augenblick auf dem Giebel. Ein schlechter Mensch kam aus dem Walddunkel herangeschlichen, er sah unheimlich aus und trug eine Flinte unter dem Mantel verborgen. Er stieg durch ein Fenster. Nur eine Frau war in der kleinen Stube, die saß am Bette ihres Kindes und wartete, daß ihr Mann, der Waldhüter, heimkehre. Ich hörte sie ängstlich schreien, hörte, wie der Bösewicht sein Gewehr abschoß, und dann war es stille.

Nach einer Weile stieg er mit einem Bündel geraubten Gutes wieder aus dem Fenster heraus. Er sah sich scheu um, niemand hatte ihn gesehn, und er verschwand schnellen Schrittes im Dunkel der Tannen. Ich allein habe den Räuber gesehen, ich flog über ihn dahin und schrie unablässig: Pitt, komm mit, Pitt, komm mit, aber er entschwand im dichten Gehölz meinen Blicken und ist entkommen.«

»Nein, er ist nicht entkommen,« sagte der alte Stamm, »aber er wäre entkommen, wenn die blanken Drähte des Telegraphen nicht durch die Welt zögen. Der Waldhüter war nicht mehr weit, er hatte den Schuß gehört. Sein Weib lebte noch und wird wieder genesen. Mit schwacher Stimme konnte sie erzählen, wie alles gewesen und wie der Räuber ausgesehen. Sie beschrieb sein wildes Gesicht und seine Kleidung. Auf seinem blinkenden Rade fuhr der Waldhüter wie ein Sturmwind nach dem nächsten Marktflecken und berichtete alles. Und nun kam der Telegraphist an die Reihe. Er schickte durch die Drähte Zeichen und Worte, erzählte die ganze Geschichte, beschrieb genau den Täter und was er entwendet, und die Drähte trugen die Nachricht mit Blitzesschnelle von einer Bahnstation zur anderen, von einer Stadt zur anderen, so daß bald jeder Landgendarm wußte, was sich zugetragen.

Ganz spät in der Nacht wollte der Räuber, der auf dichten Waldwegen weit hinweg geeilt war, auf einer kleinen Bahnstation in den Zug steigen, um in die große Stadt zu fahren, wo niemand ihn kannte. Aber da stand ein Mann mit einer Pickelhaube und einem mächtigen Schnauzbart. Seine scharfen Augen besahen sich jeden, der daherkam, und dann verglich er sein Aussehen mit der Beschreibung, die die Drähte von dem Bösewicht gegeben. Sieh, da kommt der Vogel geflogen, sagte er plötzlich, denn der Flüchtling hatte den kleinen Bahnhof betreten. Und ehe er sich nur zur Wehr setzen konnte, hatte man ihn gepackt, mit Ketten gefesselt, und als ein Gefangener fuhr er nun der großen Stadt zu, in der er seinen Raub verbergen wollte. Wären die Drähte nicht gewesen, er wäre entwischt, denn wer kann ohne sie überallhin so schnelle Nachricht geben!«

»Alter,« sagte die Schwalbe, »mit dir kann man sich keine Neuigkeiten erzählen, denn du weißt sie alle am besten. Ich bin aber doch froh, daß sie den Bösewicht erwischten. Lebe wohl, alter Holzkopf, künftig werde ich mich in die Wipfel der alten Tanne setzen, sie weiß nichts von den blanken Drähten, und alles, was ich ihr berichte, ist neu und interessant.«

Damit flog der kleine Vogel zwitschernd davon, und noch von weitem hörte man ihn rufen: »Pitt, komm mit!«

Die Telegraphenstange brummte laut vor sich hin. Ein Wanderbursch, der da unten vorbeizog auf der Straße, einen grünen Zweig am Hute und ein Ränzel auf dem Rücken, hörte es, aber er wußte nicht, was sie sagte.»

Der Eisberg

An einem Frühlingstage saß der alte Ulebuhle tief in seinem Sorgenstuhl vergraben. Sein Zöpfchen baumelte über die hohe Lehne, die große Hornbrille schwebte wie ein Fahrrad auf seiner Nase, und mächtige Rauchwolken stiegen aus seiner langen Pfeife auf.

So saß er, als wir eintraten, in seiner verräucherten Studierstube und las die Zeitung.

«Kinder,» sagte er, «ihr habt gehört, daß draußen auf dem Weltmeere ein Amerikafahrer mit Mann und Maus gesunken ist. Viele hundert Menschen sind mit ihm in die finstere Tiefe gegangen. Da steht es haarklein in der Zeitung. Ein Berg von Eis hat das Unheil angerichtet, und wenn ihr Lust habt, so sollt ihr nun eine solche Eisberggeschichte hören. Sie trug sich vor langen Jahren zu und war so ähnlich wie das, was hier die Zeitung berichtet. Es ist eine kalte Angelegenheit, und dazu trinkt sich allemal eine warme Tasse Tee gut. Ruft die alte Christine, damit sie uns nicht vergißt, und dann setzt euch um den warmen Ofen, denn es geht weit herauf nach Norden, wo das kalte Grönland liegt.

Ja, das ist ein unwirtliches Stück Erde. Eskimos leben da und Robben- und Walfischfänger, und das Renntier scharrt sich unter dem Schnee seine Nahrung, das graugrüne Moos, hervor. Seht, da oben ist die Heimat des Eisberges, dessen Geschichte ich euch heute erzählen will. Wochenlang geht da im Winter die Sonne nicht auf, ein eisiger Nordsturm fegt durch das Land der Kälte und der Dunkelheit, und bis auf fünfzig Grad unter den Gefrierpunkt sinkt das Thermometer. Da ist das Vorzimmer des Nordpoles. Immer höher und höher türmen sich Eis und Schnee. Eine fast zweitausend Meter hohe Eisschicht bedeckt das Land, aus der nur die Bergeshäupter wie Inseln hervorschauen. Aber immer neues Eis kommt hinzu, das Land kann es nicht fassen, und so schiebt es langsam, ganz langsam gewaltige Eisströme der Küste zu, wo es etwas wärmer ist und das Meer rauscht. Diese ungeheuren Eisströme sind viele tausend Meter breit, und man nennt sie Gletscher. Ein solcher Gletscher war die Mutter jenes Eisberges. Langsam schob sich der kalte kristallene Strom dem Meere zu. Es war seit Wochen Nacht. Die Sonne stand tief unter dem Horizont, nur die Sterne blinkten wider an den glitzernden Eiswänden, und in wunderbaren, grünlichen Lichtern spielte des Nordlichtes geheimnisvoller Schein über der kalten, einsamen Welt des Nordens.