Die selige Christina von Stommeln
Part 7
Im Dominikanerkloster zu Cöln befand sich in jener Zeit ein Bruder aus der Provinz Toskana in Italien namens Aldebrandino (Hildebrand), der in der Wissenschaft wohl gebildet und ein tüchtiger Prediger war. Auch er hörte von Christina, und da er wußte, daß Bruder Petrus sie näher kannte, ersuchte er ihn, mit ihm nach Stommeln zu gehen. Petrus war aber, wie er bemerkt, auch mit den Einwohnern von Stommeln ziemlich bekannt, namentlich aber mit der Herrin des Ortes, der Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln, die eine Gräfin von Virneburg war. Am 22. Juli, einem Sonntage, dem Feste der h. Maria Magdalena, gingen die beiden nach erhaltener Erlaubnis, nicht aus Neugier, sondern aus Andacht nach Stommeln. Sie kamen dort an zur Zeit der Vesper und gingen deshalb zunächst zur Kirche. Nach dem Gottesdienste begrüßten sie ihre Freunde und gingen dann zu den Wohnungen, die ihnen angeboten worden waren. Kurz nachher kam auch die Aebtissin Geva mit ihren Mägden an.
„Am andern Morgen,“ schreibt Petrus, „gingen wir zur Kirche, und da wir mit der h. Messe warteten, bis die Aebtissin zur Kirche kam, ging ich in der Zwischenzeit zu Christina, die in der Kirche war, begrüßte sie und fragte sie, wie es ihr gehe. Sie antwortete: „Ich habe Kopfwehe, weil ich seit vierzehn Tagen nicht mehr geschlafen habe. Wenn ich mich zu Bette lege, so überfällt mich eine so große Hitze, wie wenn ich in siedendes Wasser gelegt würde. Daher ist auch mein ganzer Körper mit Bläschen bedeckt, die vor Hitze aufbrechen und so kann ich gar nicht schlafen.“ Sie bat mich, ich möge für sie beten. Ich tröstete sie und ermahnte sie zur Geduld. Darauf ging ich wieder ins Chor, hörte eine h. Messe, die für die Verstorbenen gehalten wurde, und las dann selbst die h. Messe von den Engeln. Denn Montags pflegte ich die h. Messe von den Engeln zu lesen, wenn kein Hindernis entgegenstand. In der h. Messe gedachte ich in besonderer Weise Christinas, wie sie mich gebeten und wie ich es ihr versprochen hatte.“ Mittags wurde bei der Aebtissin im Fronhofe gespeist. Nach der Vesper trafen noch zwei andere Studiengenossen des Bruders Aldebrandino aus Cöln ein, nämlich Bruder Balduin aus Flandern und Bruder Mauritius aus Reval. Abends wurde wieder bei der Aebtissin gespeist. Dann machte diese mit ihren Mägden und den adeligen Stiftsfräulein, deren sechs da waren, einen Spaziergang ins Feld und auf ihren Wunsch gingen die Brüder mit ihnen. Nach dem Spaziergange setzte sich die Aebtissin auf einem Hügel vor ihrem Hofe auf einen Sitz, und die Brüder und die Stiftsfräulein setzten sich um sie herum. Als man eine Weile hin und her geredet hatte, sprach der Pfarrer zur Aebtissin: „Gnädige Frau, ihr habt hier vier gelehrte Studenten des Predigerordens aus verschiedenen Provinzen vor Euch. Saget ihnen, daß sie über irgendeine theologische Frage eine Unterredung halten.“ Die Aebtissin ersuchte darauf den Petrus, irgendeine Streitfrage zu behandeln. Petrus aber bat die Aebtissin, sie möge auf ihrem Wunsche nicht bestehen, weil er befürchtete, es möchte, wie gewöhnlich, zu hitzig hergehen. Sie aber ließ nicht nach, weil sie noch nie einer gelehrten Disputation beigewohnt hatte und begierig war, eine solche zu hören. Auf den Vorschlag des Pfarrers stellte sie die Frage zur Verhandlung: „Wem unser Herr einen größern Vorzug verliehen, dem Petrus, dem er seine Kirche, oder dem Johannes, dem er die glorreiche Jungfrau, seine Mutter, anvertraut habe.“ Bruder Aldebrandino, der unter den Brüdern der älteste war und im Erbteile des h. Petrus, dem Kirchenstaate, das Licht der Welt erblickt hatte, übernahm es, die Würde des h. Petrus zu vertreten, Bruder Petrus hingegen verteidigte die jungfräuliche Reinheit des h. Johannes und seine vertraute Freundschaft mit Jesus. Während nun Einwendungen und Lösungen von den Beiden vorgebracht wurden, wobei die zwei Studiengenossen miteingriffen, kam plötzlich ein Mädchen herzugelaufen und rief dem Pfarrer, er möge schleunigst kommen. „Wir glaubten,“ sagt Petrus, „es handle sich um einen Kranken, der am Sterben liege.“ Als aber der Pfarrer mit dem Mädchen gesprochen, rief er mir laut zu, ich solle samt Aldebrandino schnell kommen; der Teufel habe Christina in eine Grube voll Morast geworfen. Wir brachen die Disputation ab, liefen so schnell wir konnten und fanden Christina ganz in schmutzigen Schlamm versenkt. Nur ihr Kopf ragte noch hervor, den Hilla vom Berge aufrecht hielt. Petrus, der zuerst angelangt war, sprang mit den Schuhen in den Morast hinein und suchte mit Hilla, sie aus dem Schlamm herauszuziehen, vermochte es aber nicht, bis der Pfarrer und Aldebrandino zu Hülfe kamen. Nunmehr wurde Christina, die nur mit ihrem langen, weißen Untergewande bekleidet war und Kopf und Hals mit dem Schleier umwunden hatte, in den auch ihre erhobenen Hände eingehüllt waren, herausgezogen, eine kleine Weile aufs Stroh gelegt und dann ins Haus getragen. Die Mägde trugen sie, Aldebrandino aber stützte den Kopf und Petrus die Schultern. Sie wurde ins Bett gebracht und es fand sich, daß sie ganz empfindungslos war, jedoch war der Körper nicht starr. Nach einer halben Stunde begann sie wie aus einer Ohnmacht zu sich zu kommen, jedoch nicht stufenweise wie beim Erwachen aus der Verzückung, und sie weinte bitterlich. Sie beklagte sich beim Herrn darüber, daß Männerhände sie berührt und getragen hätten. „Solch eine Beschämung sprach sie, ist für mich hart über alles; leicht wäre es mir, alles zu erdulden, was du von mir verlangst, mag es auch noch so unerträglich sein, wenn ich es nur vor dir allein zu leiden hätte.“ Petrus wollte sie trösten, indem er bemerkte, daß nichts unziemliches vorgekommen sei; sie aber wollte keinen Trost annehmen, pries aber Gottes Fügung. Darauf kehrten die Brüder mit dem Pfarrer zu ihrer Wohnung zurück.
Tags darauf, am Feste der h. Christina und Vorabend des h. Apostels Jakobus, gingen die Brüder mit dem Pfarrer wieder zu Christina und begrüßten sie. Sie wurden von Christina freundlich empfangen und begaben sich dann zur Kirche, um die h. Messe zu lesen. Zuerst las Aldebrandino, dann hielt Bruder Petrus am Altare des h. Apostels Petrus die Messe vom h. Geiste und während er beim Memento Christinas gedachte, wurde seine Seele von einer nie empfundenen süßen Freude erfüllt und Tränen strömten ihm aus den Augen. Der Pfarrer brachte unterdessen Christina die h. Kommunion. Nach Beendigung der hh. Messen drang Aldebrandino in Petrus, er möge mit ihm zu Christina gehen, da er gehört hatte, daß sie nach der h. Kommunion in Verzückung zu kommen pflege und ihr Leib dann starr werde. Sie gingen hin, fanden Christina im Bette liegen, das Gesicht mit dem Schleier und den Körper mit einer anständigen, aber ärmlichen Decke bedeckt, und so regungslos, daß man nicht einmal das Atemholen bemerken konnte. Aldebrandino trat näher ans Bett hin und berührte ihre Schulter. Da er aber nichts von Starre bemerkte, wandte er sich voller Entrüstung zu Petrus hin und rief in seiner feurigen Art: „Bruder Petrus, Lüge ist es, was man mir von diesem Mädchen gesagt hat, daß sie so tief in Verzückung komme, daß ihr Leib hart werde.“ Petrus sagte ihm, er möge noch ein wenig zuwarten; denn zwischen der Kommunion und der Starre pflege eine längere Zeit zu verstreichen. Doch Aldebrandino ging aufgebracht weg und beklagte sich, daß man ihn falsch berichtet habe. Das mißfiel dem Petrus sehr.
Bei der Aebtissin wurde um drei Uhr -- es war ja Fasttag -- gespeist und nach Tisch ersuchte Aldebrandino den Petrus, ihn zu Christina zu begleiten. Petrus aber wollte nicht. Aldebrandino jedoch ließ nicht nach mit Bitten, und so entschloß sich doch schließlich Petrus dazu, mit ihm zu Christina zu gehen. Auch der Pfarrer ging mit. Christina lag noch geradeso da, wie am Vormittage, das Gesicht zur Wand gerichtet. Aldebrandino stellte sich zu Häupten des Bettes und beobachtete alles genau. Da er nun kein Lebenszeichen mehr an ihr wahrnahm, auch kein Atemholen mehr bemerken konnte, legte er noch einmal seine Hand auf ihre Schulter und fand diese so starr, wie wenn der Tod eingetreten wäre. Die Härte, die er wahrgenommen, brachte sein Herz zur Erweichung. Doch schwieg er einstweilen still. Nachdem sie noch eine Weile schweigend dagesessen, kam Christina in etwa zu sich, jedoch nicht so, daß sie mit den Sinnen etwas wahrnahm, sondern bloß, daß sie atmete und der Körper sich etwas regte. Da fügte es sich, daß sie den linken Arm ausstreckte, wobei die Hand sich etwas öffnete. Als nun Aldebrandino, der scharf aufpaßte, in der Handfläche das oben beschriebene purpurrote Kreuzchen erblickte, rief er, von Rührung übermannt, laut aus: „Wehe mir Ungläubigen! daß ich es jemals gewagt habe, wider eine solche Heiligkeit zu reden! Nie habe ich so etwas gesehen, und keinem würde ich es glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen geschaut! Wehe mir! wie konnte ich so unsinnig sein, wider eine solche Heiligkeit zu reden! Wahrlich, die ganze Welt vermag nicht, ein solches Kreuz zu bilden!“ Während Aldebrandino dieses und ähnliches aus Herzensdrang in großer Aufregung sprach, weinten alle vor Rührung. Auch Aldebrandino weinte bis zur Vesper, machte bald sich selbst Vorwürfe, pries bald Gottes Wunderwerke und ging einher wie trunken im Geiste. Zur Vesperzeit gingen alle zur Kirche. Als sie am Fronhofe vorbeikamen, trafen sie die Aebtissin an der Türe des Hauses sitzen. Auf deren Frage, ob sie Christina gesehen, sprach Bruder Aldebrandino: „Gottes herrliche und wunderbare Werke haben wir heute geschaut. Nie hätte ich geglaubt, daß solches zu unseren Zeiten geschehe.“ Und er erzählte dann den ganzen Hergang. Am folgenden Tage, dem Feste des h. Jakobus, nahmen die Brüder Abschied von der Aebtissin und sprachen dann, bevor sie den Rückweg nach Cöln antraten, bei Christina vor. Sie war wieder im gewohnten, natürlichen Lebenszustande. Petrus fragte sie unter anderm, wie es gekommen, daß sie in den Schlamm geraten sei. Da erzählte sie Folgendes: „Am Tage vor dem Feste der h. Christina ergriff mich, als du weggegangen, ein solcher Schauer und eine solche Angst, daß ich nicht wußte, was mit mir vorging. Um diese Beklemmung in etwa zu mildern, legte ich mein Obergewand ab und machte die Betten meiner Mitschwestern zurecht. Als ich das getan und auch so meine Beklemmung nicht gewichen, ging ich aus dem Kämmerlein, worin ich mich mit meinen Mitschwestern befand, hinaus und kniete nieder vor einer Kiste, die im größern Hause stand, jedoch nahe an der Türe des Gemaches, aus dem ich herausgekommen war. Während ich nun zu Gott betete, er möge meine Trübsal mildern oder mir Geduld verleihen, sie zu ertragen, kam es mir plötzlich vor, als komme durch die große, nach Morgen befindliche Türe des größern Hauses eine schauerige, schwarze Wolke herangezogen, und umhülle meinen Kopf. Was nun noch weiter mit mir geschehen ist, davon weiß ich nichts, bis ich mich im Bette liegend gefunden habe.“
Neuntes Kapitel.
Achter, neunter und zehnter Besuch des Petrus zu Allerheiligen, im Advent und zu Weihnachten 1268. -- Seelenjubel, Besudelung.
Zu Allerheiligen lud der Pfarrer von Stommeln den Bruder Petrus und den Bruder Aldebrandino ein, herüberzukommen. Schon tags vorher in der Frühe machten sich die Beiden auf den Weg und kamen noch vor der Messe in Stommeln an. Als sie zu Tische gerufen wurden, fragte Aldebrandino, wo Christina sei. Man antwortete ihm, sie sei deshalb nicht gekommen, weil sie der Andacht und dem Gebete obliege, da sie am folgenden Tage zur h. Kommunion gehen wolle. Diese Entschuldigung gefiel dem Aldebrandino sehr wohl. Am Allerheiligentage empfing Christina während der h. Messe nach den übrigen die h. Kommunion und ging dann ihrer Gepflogenheit gemäß auf ihr stilles Plätzchen hinter dem Hochaltar, wo sie sich zur Danksagung in gewohnter Weise hinstreckte und bis lange nach der Komplet verblieb. Nach der Non wurde die Kirche geschlossen. Als die beiden Brüder mit dem Pfarrer zu Mittag gespeist, gingen sie mit diesem zur Kirche, um sich dort an Christina zu erbauen. Sie konnten jedoch nicht eintreten, weil der Küster mit dem Schlüssel nicht zur Hand war. Während sie wohl eine Stunde lang vor der Kirche warteten, vernahmen sie in der Kirche eine gar liebliche Stimme, die zwar dem Petrus als eine menschliche erschien, jedoch der Melodie nach und, was Schmelz und Zartheit anbelangt, menschliche Singweise übertraf. Man hörte deutlich, daß es nur eine Stimme war und daß die Töne, die süß wie Honigseim dahinflossen, sich zu einer Melodie zusammenschlossen, ohne daß jedoch artikulierte Worte damit verbunden waren. Als der Küster endlich gekommen war und die Kirche aufgeschlossen hatte, gingen die drei hinein und fanden dort niemanden als Christina. Sie lag noch an derselben Stelle, war empfindungslos und starr am ganzen Körper und hatte das Gesicht mit dem Mantel bedeckt. Der unterdessen verstummte Seelenjubel wurde nach einer Weile wieder vernehmbar und die drei beobachteten, daß er aus Christinas Brust herkam. In diesem Zustande blieb Christina bis zum Abendgottesdienste.
Abb. 5. Handschuhe und Buchtäschchen Christinas.
Abb. 6. Gebetstäfelchen Christinas.
* * * * *
Tags darauf, am Allerseelentage, kam es durch die Mutter und eine der beiden Schwestern des Pfarrers, jedenfalls Hadewig, zu einer sehr aufgeregten Szene gegen Christina. Die beiden Dominikaner erachteten es infolgedessen für ratsam, daß Christina auf einige Zeit nach Cöln gehe, bis die Erbitterung sich gelegt. Dies geschah auch. Was die Veranlassung zur Erregung gab, wird von Petrus nicht angegeben, ist aber unschwer zu erraten. Der Sturm spielte sich im Pfarrhause ab. Der Pfarrer war nicht wohlhabend. In seinem Hause sah es ärmlich aus. Er hatte seine alte Mutter und zwei Schwestern bei sich, zudem wird seine Wohltätigkeit gerühmt. Es ist daher begreiflich, daß es schwer wurde, die Auslagen des Haushaltes zu bestreiten. Das mehrtägige Verweilen der beiden Dominikaner im Pfarrhause nun wird wegen der damit verbundenen Unkosten die besorgte alte Frau aufgebracht haben und die Schuld hiervon schob sie in ihrem Unmut Christina zu. Hiermit stimmt auch, daß Petrus bei seinem nächsten Besuche, der im Advent stattfand, nicht im Pfarrhause einkehrte und daß er sich dreimal bitten ließ, ehe er der durch Christinas Eltern erfolgten Einladung Folge gab. Die Mutter des Pfarrers scheint sogar soweit sich vergessen zu haben, daß sie ihren eigenen Sohn verdächtigte. Denn gegen Ende des Jahres 1269 schreibt Bruder Mauritius dem Petrus, die Mutter des Pfarrers und seine Schwester, die wegen des Vorfalles mit dem Pfarrer zerfallen waren, hätten sich mit ihm wieder ausgesöhnt und die übeln Nachreden, die sie über ihn und andere geführt, als Verleumdungen, zu denen der Teufel sie aufgestachelt habe, widerrufen und zwar bei denjenigen, vor denen sie dieselben vorgebracht.[34] Nach dem Tode des Pfarrers jedoch hat seine Mutter nochmals Vorwürfe gegen Christina erhoben, als ob diese daran Schuld gewesen, daß der Pfarrer keine größere Barschaft hinterlassen hatte.[35]
[34] _V. C._ 150.
[35] _V. C._ 81.