Die selige Christina von Stommeln

Part 6

Chapter 63,744 wordsPublic domain

Als nun diese Art des Seelenjubels nachließ, begann sie in ihrer Rede mehrere Worte miteinander zu verbinden und gleichsam vollständige Sätze zu bilden, in denen sie Danksagung und Lobpreis ausdrückte. Denn sie tat einige Erwähnung von dem Zustande, in dem sie gewesen war, und von den Wohltaten, die sie empfangen hatte, obgleich sie sich in einzelnes nicht einließ. Es war überaus rührend zu hören, wie sie dabei ihre eigene Armseligkeit und die großmütige Freigebigkeit und herablassende Güte ihres Bräutigams hervorhob. Von dem einen zum andern übergehend, redete sie bald von ihrer eigenen Geringheit und Unwürdigkeit, bald wieder pries sie die unermeßliche Güte Gottes. Diese Art und Weise der Rede dauerte etwa die Zeit einer Messe. Darnach begann sie in größter Bitterkeit des Herzens und unter einem großen Tränenstrome die vielen Armseligkeiten ihrer irdischen Verbannung so sehr zu beklagen, daß ich derartiges Weinen früher nie gesehen habe. Ich hatte zwar bis dahin auch geglaubt, daß die Füße des Herrn, wie das Evangelium berichtet, von den Tränen eines Weibes benetzt wurden; seitdem aber habe ich mir diese Worte, durch ein solches Beispiel belehrt, tiefer eingeprägt. Und ich meine, diese Jungfrau würde mit ihren Tränen nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt des Herrn, wenn die Gelegenheit dazu sich dargeboten hätte, benetzt haben. Da nun auch so eine Stunde vorübergegangen war, begann sie, gleich einem andächtig Betenden, Gott dem Herrn inbrünstig jene anzuempfehlen, die sich ihr empfohlen hatten. Ich bemerke dies deshalb, weil ich hier zuerst wahrnahm, daß sie wieder aus Antrieb der menschlichen Vernunft und natürlichen Erkenntnis handelte ... Nachdem sie so ihre Freunde und Wohltäter, die ihr nur irgendetwas Gutes erwiesen hatten, angelegentlich dem Herrn empfohlen hatte, betete sie auch ganz innig für ihre Feinde, falls sie solche haben sollte, damit der Herr ihnen verzeihe, ob sie nun geflissentlich oder aus Unverstand gegen sie gesündigt. Das setzte sie hinzu, weil einige, da sie die Wahrheit nicht kannten, lieblos über sie geredet hatten. Schließlich begann sie denen, die mit ihr gesprochen, zu antworten und sich nach gewöhnlicher Art der Menschen zu verhalten, ohne jedoch Erwähnung zu tun von dem, was vorgegangen war. Es schien ihr vielmehr unangenehm zu sein, wenn sie jemanden davon reden hörte.

Abb. 4. Bild Christinas aus der Cölner Kartause (vor 1639)

Siebentes Kapitel.

Dritter und vierter Besuch des Petrus. Christina empfängt die Wundmale des Herrn.

Das Fest der Verkündigung Mariens wurde im Jahre 1268, da der 25. März auf den Passionssonntag fiel, am vorhergehenden Samstage gefeiert. An diesem Samstage traf Bruder Petrus zu seinem dritten Besuche in Stommeln ein. Er war diesmal begleitet von Bruder Karl, der von Paris gekommen war und im Begriffe stand, über Cöln nach seiner Heimat Dazien zurückzureisen. Petrus hatte ihm von Christina erzählt und ihm auch die beiden schrecklichen Nägel gezeigt, die der Teufel ihr ins Fleisch hineingetrieben hatte. Bruder Karl wurde darob so ergriffen, daß er gar sehr Christina zu sehen wünschte. Auch erbat er sich von Petrus einen der Nägel zum Geschenke. Petrus gab ihm den kleinern. Nach erhaltener Erlaubnis machten die Brüder sich am Nachmittage des 24. März auf den Weg, kamen nach der Komplet in Stommeln an, und kehrten im gastlichen Pfarrhause ein, wo sie auch die Nacht zubrachten. Als sie nach dem Abendbrote miteinander plauderten, fragte Petrus den Pfarrer, wie man es wohl einrichten könne, daß man Bruder Karl, der gar sehr darnach verlange, Christina kennen zu lernen, seinen Wunsch erfüllen könne. Freundlich entgegnete der Pfarrer: „Ladet sie morgen ein, mit euch zu speisen.“ Ich erwiderte: „Es steht mir nicht zu, jemanden einzuladen.“ Darauf sagte der Pfarrer. „Sie wird lieber kommen, wenn ihr sie einladet.“ Ich lud sie denn auch, schreibt Petrus, am folgenden Morgen ein. Da wir nun zu Tisch gehen sollten, fanden wir sie dastehen, bereit, uns Wasser über die Hände zu gießen. Während sie uns zum Händewaschen einlud, kamen mir unwillkürlich die Worte Elisabeths in den Sinn: „Woher mir dieses, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Doch ließ ich die Dienstleistung geschehen, um Christinas Demut und ihren frommen Sinn nicht zu beschämen. Weil der Pfarrer uns am vorhergehenden Abende gesagt hatte, in Christinas Handfläche sei das Zeichen des Kreuzes erschienen, suchte ich bei Tisch ihre linke Hand zu beobachten. Es gelang mir jedoch nicht zu sehen, was ich wünschte. Als wir aber nach Tisch am Herdfeuer saßen nach Sitte der Deutschen, bat mich Christina, ihr etwas von Gott zu reden. Ich erklärte ihr also die vier oder drei hauptsächlichen Eigenschaften der Serafin nach dem seligen Dionysius;[30] denn ich wußte, daß sie gerne von der Liebe Gottes reden hörte. Darob wurde sie so ergriffen, daß sie die Magd ihrer Mutter, die zu ihr geschickt worden war und sie dreimal angeredet hatte, nicht bemerkte und ihr keine Antwort gab. Ich hielt nun eine Weile inne und sprach zu ihr: „Warum hast du der Magd deiner Mutter keinen Bescheid gegeben?“ denn ich kannte damals ihr Wesen nicht hinlänglich. Sie erwiderte: „Wenn auch die ganze Habe meiner Mutter in Gefahr wäre, so wäre es mir doch augenblicklich unmöglich, mich damit zu befassen.“ Während sie nun so im Geiste ergriffen war, öffnete sie ihre linke Hand und ich erblickte in ihr etwas, wie ich es in meinem Leben nicht gesehen hatte ... In der weißen Hand der Jungfrau sah ich das Kreuz unseres Herrn von blutroter Farbe. Es war aber nicht wie mit Farbe oder Blut aufgemalt, sondern durch sichtbare Wunde in das Fleisch eingeprägt, und zudem mit zierlichen Blümchen geschmückt. Bruder Karl sah auch das Kreuz und war von allem, was er gesehen und gehört, höchlich erbaut. Am folgenden Tage gab er der Jungfrau zum Zeichen besonderer Verehrung sein schönes, kleines Psalterium, das er zu Paris für sich gekauft hatte, da er vernommen, daß der Teufel ihr letzthin am Tage Pauli Bekehrung ihr Psalmenbuch, das einzige, das sie besaß, mit Gewalt aus der Hand gerissen und verschleppt hatte. Lächelnd bemerkte ich dazu: „Gott will mehr geben, als der Teufel rauben kann,“ zog dann mein kleines Diurnale hervor, das mir Bruder Absalon seligen Angedenkens, der Provinzial von Dazien, in meinem Noviziate geschenkt hatte, und sprach: „Schau, da der Teufel dir ein Buch genommen, so gibt Gott dir dafür zwei.“ Dabei überreichte ich ihr das Diurnale und wir schieden recht erbaut von dannen.

[30] Pseudodionysius, _De caelesti hierarchia. cap. 7_.

Die Betrachtung des Leidens Christi war Christinas liebste Andachtsübung. Sie brachte ihr immer Trost und Erquickung. Kein Wunder, daß Satan ihr diese Andacht zu verleiden suchte. Er quälte sie, wie der Pfarrer Johannes berichtet,[31] in dieser Fastenzeit mit einer langwierigen Versuchung wider den Glauben an das Leiden Christi. Es kam ihr der Gedanke, Gott habe überhaupt nicht gelitten. Wenn sie in die Kirche eintrat und das Kreuz erblickte, dachte sie bei sich: „Das ist ein Bild, was soll dies? Es liegt nichts wahres zu Grunde.“ Sie hatte großes Leidwesen über diese Versuchung, und ihr Herz mühte sich ab in der Bekämpfung dieser Zweifel. Dann sprach der Versucher zu ihr: „Glaubst du, dein Gott habe gelitten? Es ist nicht wahr. Alles, was man davon erzählt, ist erlogen, mögen die Geistlichen sagen, was sie wollen.“ Wenn sie die h. Kommunion empfing, blieb sie ohne Erquickung und beim Gebete verspürte sie keinen Trost. Am Donnerstage nach dem Weggange der beiden Brüder, es war acht Tage vor dem Gründonnerstage, betete sie, als sie der Mette beiwohnte, also zum Heilande: „O mein Geliebter, du bist allzeit mein Helfer gewesen und du weißt, daß dein Leiden immer für mich ein Trost war, befreie mich nun von dieser Plage; denn ich kann diesen Unglauben nicht länger ertragen.“ Und alsbald zeigte sich an ihrem ganzen Haupte etwas wie eine Dornenkrone. Diese wurde ihr so eingedrückt, daß über Gesicht und Hals das Blut herabfloß und alsbald kam sie außer sich. Als sie wieder zu sich kam, war jene Versuchung verschwunden. Von diesem Augenblicke an bis Ostern konnte sie an nichts anderes denken als an das Leiden des Herrn. Am Gründonnerstage fing sie abends spät auf einmal an beängstigt zu werden und am ganzen Körper zu zittern. Blutstropfen begannen schließlich von ihrem Körper zu rinnen. Die Angst war so groß, daß sie glaubte, alsbald sterben zu müssen, und dieser Zustand dauerte bis zur Non, d. h. bis drei Uhr nachmittags des Karfreitags. Da öffneten sich die fünf Wundmale und zwar an ihrer Seite, an den Füßen und den Händen, und am Haupte erschien die Dornenkrone. Auch wurde sie mit Galle getränkt, und ihr Mund war davon mit solcher Bitterkeit erfüllt, daß sie keinerlei Speise verkosten konnte. Sie lag da wie halbtot jene Tage hindurch bis zum Ostertage, wo sie in solchen Seelenjubel eintrat, daß es wunderbar war. Seit jener Zeit kam sie, so oft sie an das Leiden des Herrn dachte oder davon reden hörte, jedesmal, wenn nicht gerade besondere Prüfungen sie heimsuchten, außer sich. Auch hatte sie hinfort eine solche innere Erleuchtung, daß die h. Schrift ihr besser verständlich wurde. Zudem glaubte sie von Gott alles erlangen zu können, was sie begehrte. Wenn jemand mit ihr ein Gespräch anknüpfte, so erkannte sie innerlich, in welcher Absicht dies geschah.

[31] _V. C._ 121-123.

Hören wir nunmehr den Bericht des Bruders Petrus über die Stigmatisation Christinas. Am Karsamstage sagte ihm der Prior, er solle mit Bruder Gerhard vom Greif nach Stommeln gehen; denn der Pfarrer hatte um Aushülfe gebeten. Freudig gehorchte Petrus und er machte sich mit seinem Gefährten nach Tisch auf zu seinem vierten Besuch in Stommeln. Als sie ins Pfarrhaus eintreten wollten, kam ihnen die Mutter des Pfarrers, eine hochbetagte Frau, entgegen und sagte zu Petrus, den sie von früher ja kannte: „Liebster Sohn, schade, daß du gestern nicht hier warest. Du hättest Gottes Wunderwerke geschaut, wenn du hier gewesen wärest.“ Gleichsam scherzend entgegnete Petrus: „Vielleicht kann ich morgen auch dergleichen sehen.“ -- „Nein, sagte sie, niemals ist in unserer Zeit auf dieser Erde so etwas gesehen worden und wird auch wohl nicht mehr gesehen werden.“ Da ich merkte, schreibt Petrus, daß sie etwas Wichtiges uns mitteilen wollte, fragte ich sie: „Was ist denn Neues geschehen, wovon du soviel Aufhebens machst?“ Da begann sie zu erzählen und sprach: „Gestern sind an einem Mädchen hier im Dorfe die Zeichen des bitteren Leidens deutlich erschienen“ und sie fügte dann noch einiges über die Umstände des Vorganges hinzu. Petrus wurde darob sehr gerührt und wäre am liebsten sofort zu Christina ins Haus der Aleidis gegangen. Allein sein Gefährte war zu müde, um mit ihm gehen zu können. Am Ostertage ging Christina ganz in der Frühe zur h. Kommunion. Nach Tisch gingen der Pfarrer und Petrus zu ihr. Sie lag zu Bett und hatte das Gesicht sorgfältig mit dem Schleier bedeckt. Petrus hatte von der Mutter des Pfarrers gehört, Christinas Gesicht sei ganz blutig unterlaufen, wie wenn es mit Stöcken wäre zerschlagen worden. Er setzte sich deshalb zu Füßen des Bettes, um womöglich einen Blick auf das Gesicht tun zu können. Der Pfarrer, der sich zu Häupten gesetzt hatte, begann zu Christina zu reden vom Osterlamme; denn dieses habe sie am Morgen genossen. Und als die Beiden hierüber einige herzliche Worte wechselten, traf es sich, daß Christina sich räuspern mußte, wobei sie den Schleier etwas lüftete. Da ich am Fußende saß, schreibt Petrus, sah ich ihr Angesicht unter dem Schleier, und wahrlich, es war nicht wie das Angesicht eines Engels, sondern eher wie das Angesicht des ewigen Hohenpriesters, und gar wehmütig anzuschauen. Denn es war ganz blutrünstig, ja fast schwarz. Bald darauf sah ich es noch einmal und meine Augen wurden starr beim Anblicke. Staunen ergriff mich und ein wunderbares Mitleiden mit dem leidenden Heilande ergriff meine Seele.... Ich ging nun mit dem Herrn Pfarrer zur Kirche, um die Vesper zu halten. Nach Landesbrauch war die Vesper schon früh nachmittags beendigt, sodaß man kaum sagen konnte „_Quoniam advesperascit_“ (es will Abend werden), und der Pfarrer ging mit Bruder Gerhard abermals zu Christina. Petrus folgte ihnen. Auf dem Wege trafen sie noch zwei andere Brüder, nämlich Johannes von Muffendorf und Nikolaus, die wahrscheinlich auf einem benachbarten Dorfe zur Aushülfe gewesen waren. Diese vier Brüder nun gingen mit einigen anderen frommen Personen zu Christina, um sie zu begrüßen, hielten sich indes dort nicht lange auf. Es wurde aber bestimmt, daß am folgenden Tage Bruder Gerhard und Bruder Johannes beim alten Vogt, Bruder Nikolaus hingegen und Bruder Petrus bei Christina speisen sollten. Am Ostermontag nun gingen Bruder Nikolaus und Bruder Petrus nach dem vormittägigen Gottesdienste zur Wohnung Christinas, beteten dort mitsammen in ihrer Gegenwart die Tagzeiten vom h. Geist und von der allerseligsten Jungfrau und setzten sich dann vor Christinas Bett zum Essen nieder. Während wir nun mit ihr aßen, schreibt Petrus, habe ich dreimal in ihren Händen die Wundmale Christi beobachtet. Mitten in der inneren Fläche einer jeden Hand sah ich eine Wunde. Sie war rund, hatte den Umfang eines Sterlings, das rohe Fleisch war sichtbar, und nicht sah sie aus wie gemalt, sondern sie war in etwa ins Fleisch hineingedrückt. So sahen die Wunden auch die ganze Osteroktav hindurch aus mit dem Unterschiede, daß sie jeden Tag etwas kleiner wurden. Auch auf dem Rücken der Hand war eine Wunde, die sich der inneren gegenüber befand, ihr an Größe entsprach und so aussah, als ob sie die Spur eines die Hand durchdringenden Nagels gewesen wäre.

Christina selbst sprach kein Wort mit Petrus über die Wundmale. Petrus aber verhörte sorgfältig im einzelnen Christinas Vertraute, die alles gesehen und gehört hatten, über den Vorgang und zwar Hilla vom Berge, des Pfarrers Schwester Gertrud, die blinde Aleidis und eine andere Jungfrau weltlichen Standes aus Stommeln. Diese alle bekundeten übereinstimmend Folgendes: Am Gründonnerstage, als die Mette vom Karfreitag beendigt war, zur Zeit der Abenddämmerung, geleiteten wir Christina zur Wohnung der Aleidis. Da begann sie in einer uns ungewohnten Weise zu reden und sprach: „Geliebte Gefährtinnen, ich weiß nicht, was mit mir vorgeht.“ Und als sie das gesagt hatte, begann sie zu zagen und innerlich bestürzt zu werden. Die Angst nahm derart zu, daß sie kurz vor Mitternacht Blut schwitzte, und diese Bestürzung dauerte fort bis zum folgenden Tage, wo wir wegen des Gottesdienstes alle zur Kirche gingen. Die Aleidis aber, die wegen ihrer Blindheit und Körperschwäche allein bei Christina zurückgeblieben war, sagte Folgendes: „Ich habe ein Krachen gehört, wie wenn ein Mensch derart ausgereckt würde, daß alle Knochen aus den Gelenken gerissen würden. Auch habe ich Stimmen und Worte gehört, die ich in meinem Leben nicht offenbaren werde.“ Nach der Osteroktav ging Petrus mit Gerhard vom Greif wieder nach Cöln zurück.

Christina ist nicht die einzige unter den Seligen des Himmels, die mit Christi Wundmalen hienieden bezeichnet wurde. Allgemein bekannt ist diese Auszeichnung vom serafischen Patriarchen, dem h. Franz von Assisi. Weit häufiger jedoch als in der Männerwelt tritt diese Erscheinung bei gottseligen Personen des weiblichen Geschlechtes uns entgegen. Kein Wunder. Das Uebernatürliche baut sich ja auf das Natürliche auf. Das Weib hat nun aber ein reicheres Gemütsleben als der Mann; die Liebe und das Mitleid sind mithin bei ihm weit lebhafter als beim Manne. Die Wundmale aber sind der äußere Ausdruck der innigsten Liebesvereinigung mit dem gekreuzigten Heiland, des herzlichsten Mitleidens mit der grausamen Marter, die er aus Liebe zu uns erduldet hat. Dieses Mitempfinden ist derartig lebhaft, daß nicht bloß die Seele ganz und gar davon durchdrungen, sondern das ganze Wesen des Menschen, mithin auch der Leib, davon ergriffen wird. Und so wird denn durch die Glutpfeile der göttlichen Liebe nicht bloß die Seele verwundet, sondern auch der Körper dem Gekreuzigten verähnlicht; es treten die hh. Wundmale an ihm in die Erscheinung.

An das Wundmal der Dornenkrone erinnert eine merkwürdige Färbung des Stirnbeins der seligen Christina, die in einem kranzförmigen, grünlichen, mit roten Punkten durchsetzten Geäder von Fingerbreite besteht. Wie das Geäder des Marmors erst dann klar zutage tritt, wenn er geschliffen wird, so ist auch dieser grünlichrote Streifen erst dann bemerkt worden, als der Schädel Christinas, der alljährlich am 6. November den Gläubigen zum Kusse dargeboten wird, infolge der jahrhundertelangen Verehrung glatt und blank geworden war. Peter Lull, der um 1680 in Jülich war, spricht zuerst von diesem grünlichen Kranze in seinem Büchlein „_Lilium inter spinas_“ und P. Steinfunder aus Essen beschreibt ihn genau in zwei an den Bollandisten Papebroch gerichteten Briefen, von denen der eine im Jahre 1685, der andere im Jahre 1692 geschrieben wurde. Wie Steinfunder, so erklärte auch Josef von Görres in seiner Mystik[32] diese Erscheinung damit, daß die bei Lebzeiten erhaltene Dornenkrone bis zur Knochensubstanz des Schädels vorgedrungen sei. Wegen ihrer Merkwürdigkeit wurde sie im Titelblatt in Farbendruck wiedergegeben.

[32] Bd. II. S. 415.

Achtes Kapitel.

Drei weitere Besuche des Petrus an den Festen Kreuzauffindung, Pfingsten u. Maria Magdalena.

Am Tage vor dem Feste des h. Martyrers Petrus von Mailand, der im Jahre 1252 den Tod erlitten und im Jahre 1253 von Innocenz IV. heilig gesprochen worden war, wurde Bruder Petrus, was ihm selten geschah, im Kloster zu Cöln an die Pforte gerufen, und unter den Personen, die da mit ihm sprachen, befand sich auch Christina. Aus Andacht war sie zu dem Feste nach Cöln gekommen, um die Dominikanerkirche zu besuchen und des Ablasses teilhaftig zu werden. Bruder Petrus sagte ihr, Bruder Mauritius habe ihn ersucht, auf einige Tage mit ihm auszugehen, worauf Christina die Beiden einlud, nach Stommeln zu kommen.

Am Tage vor dem Feste Kreuzauffindung gingen nun beide Brüder nach Stommeln, wo sie freundliche Aufnahme fanden. Am folgenden Tage erklärte Bruder Petrus nach Tisch in Gegenwart einer ziemlichen Anzahl von Personen die Stufen der Betrachtung nach Richard von Sankt Viktor, wobei Christina große Freude empfand. Nach dem Vesperbrot wünschten mehrere einen Spaziergang zu machen bis zu einem gewissen Wasser. Man machte sich auf den Weg und ging paarweise wie in Prozession. Petrus ging mit Christina und die Beiden unterhielten sich über die Süßigkeit Gottes. Unter anderem fragte Christina den Petrus, wie es komme, daß einige Priester schneller, andere langsamer die h. Messe läsen. Petrus antwortete mit einem Gleichnis: „Wenn jemand, sprach er, den Mund voller Mohnsamen nimmt und die Süßigkeit jedes einzelnen Körnchens verkosten will, so muß er länger kauen und braucht deshalb mehr Zeit wie einer, der sie ganz herunterschluckt. So auch muß jener, der die Süßigkeit der einzelnen honigfließenden Worte des Kanons verkosten will, diese etwas langsamer aussprechen.“ Die Erklärung gefiel Christina und sie stellte alsbald eine andere Frage: „Guter Bruder Petrus,“ sprach sie, „nimm mir meine Frage nicht übel. Wie ist es dir, wenn du Messe liesest?“ Petrus antwortete: „Wohl, sehr wohl.“ Daraufhin kniete Christina mit beiden Knien nieder und neigte sich mit dem Angesichte tief bis zur Erde hin. Nachdem sie sich wieder erhoben, wurde der Rückweg nach Stommeln angetreten, wo unterdessen noch zwei andere Dominikaner, nämlich Bruder Heinrich von Bedburg (_beitbur_) und sein Begleiter eingetroffen waren. Die Gesellschaft speiste zu Abend und ging dann mit Christina in den Baumgarten, der an das Speisezimmer anstieß. Auf die Bitte der Gesellschaft erklärte Petrus die Stelle aus dem Hymnus von den hh. Jungfrauen: „_Post te canentes cursitant_, d. h. Sie folgten dir lobsingend nach.“ Darauf sprach er von der Größe und Weite des Himmels und bezog sich auf die Schriftstelle „_O Israel, quam magna est domus Dei_, d. h. O Israel, wie groß ist Gottes Haus“[33] und auf des Ptolomäus Darlegungen über den Lauf der Gestirne. Während Petrus sprach, kam Christina in Verzückung. Als Petrus dies bemerkte, hielt er inne. Etwa zwölf Personen, darunter mehrere Geistliche, saßen im Kreise beisammen und beobachteten den Vorgang, der für manche etwas neues war. Die Geistlichen nannten ihn Entzückung (_raptus_). Christina blieb in der Entzückung so ziemlich vom Untergange bis zum Aufgange der Sonne. Die Brüder aber gingen am Morgen wieder nach Cöln zurück.

[33] Baruch 3, 24.

Zum Pfingstfeste kam Bruder Petrus mit Bruder Gerhard vom Greif zum sechsten Besuche nach Stommeln. Am Pfingstmorgen empfing Christina nach den übrigen Gläubigen während der h. Messe die h. Kommunion und begab sich dann in den hinter dem Hochaltar befindlichen Raum, wo sie bis lange nach der Komplet blieb. Sie lag dort in der bereits beschriebenen Körperhaltung, wie sie bei den Cölner Beginen üblich war und die nicht unähnlich ist jener durch Madernas Marmorbild verewigten Haltung, in der Sankt Cäcilias Leichnam ins Grab gebettet wurde. Sie hatte das Gesicht mit dem Schleier und die Hände mit dem Mantel bedeckt, war ohne alle Empfindung gegenüber der Außenwelt und am ganzen Körper starr. Sie war in Verzückung. Als nun die Vesper und im Anschluß an sie auch die Komplet gesungen wurde, und der Psalm: „_Ecce unc benedicite Dominum_, d. h. Wohlan, nun preiset alle den Herrn“ angestimmt wurde, kam auf einmal vor den Augen des Volkes ein in ein Täschchen gehülltes Buch von der westlich im Turme befindlichen Eingangstüre durch die ganze Kirche geflogen, prallte gegen die nach Morgen gelegene Chorwand deutlich vernehmbar an und fiel dann mit Geräusch zu Füßen des Bruders Petrus nieder, der mit seinem Begleiter Gerhard und dem Pfarrer im Chorgestühl saß. Die drei meinten im ersten Augenblicke, die an der Südseite gegenübersitzenden Schulknaben hätten das Geräusch verursacht. Doch da sahen sie das Buch vor sich auf dem Boden liegen. Der Pfarrer erkannte es sofort wieder als das Psalmenbuch, das von unsichtbarer Hand am Tage Pauli Bekehrung der Christina entrissen worden war; denn er hatte es selbst geschrieben und er kannte auch das Buchtäschchen. Er sprach zu Bruder Petrus, er möge das Buch aufheben. Petrus tat dies und reichte es dann an Bruder Gerhard vorbei dem Pfarrer. Dieser besah es und sagte dann in der Ausdrucksweise des Landes: „Bei der Seele meines Vaters, das ist das Buch der Christina!“ Die das Buch umhüllende Tasche war naß und übelriechend, wie wenn sie in einer Kloake gelegen. Er zog das Buch aus dem Täschchen, wobei der Aermelsaum seines Röckleins naß wurde, das Buch aber war ganz unverletzt und wohl erhalten. Darüber wunderten sie sich. Ein gewisses Feuer der Andacht durchzuckte die drei, sie sprachen den unterbrochenen Psalm bis zu Ende und stimmten dann mit erhöhter Stimme den Hymnus der Komplet „_Veni creator spiritus_“, wie es damals nach Cölner Brauch üblich war, an und sangen denselben so feierlich, daß die mit Menschen besetzte Kirche sich darüber verwunderte. Nach der Komplet hielt dann Bruder Gerhard eine Ansprache an das Volk und zeigte ihm auch das Psalmenbuch und das Buchtäschchen. Christina aber lag währenddem noch immer in Verzückung. Von den Leuten aber kam niemand auf den Gedanken, daß etwa irgend ein loser Bursche das Buch in die Kirche hätte hineinwerfen können. Auch die Brüder, die sich noch vier Tage in Stommeln aufhielten, sowie der Pfarrer konnten nichts derartiges in Erfahrung bringen. Christina aber stieg seit jenem Vorgange, der viel besprochen wurde, im Ansehen der Leute, die sagten: „Nun haben auch wir einmal etwas von den wunderbaren Dingen Christinas mit eigenen Augen gesehen.“