Die selige Christina von Stommeln
Part 5
Christina aber ist gerade ein Musterbild von Demut und Gottesliebe, die sie dem Teufel besonders verhaßt machen mußte. Sie war zudem nicht bloß mit außerordentlichen übernatürlichen Gnadengaben ausgerüstet, sondern auch mit natürlichen Vorzügen aufs vornehmste bereichert und geschmückt.[24] Petrus von Dazien gibt uns von ihr bei seinem zweiten Besuche folgende Schilderung: „Ich hatte Gelegenheit, ihre Sitten und ihr Verhalten genau zu beobachten und zu prüfen und reiflicher Erwägung zu unterziehen, wie ich früher ihre Geduld und Bescheidenheit betrachtet hatte. Obgleich nun Manches in ihren Zuständen vorkam, was der gewöhnliche menschliche Verstand nicht fassen und erklären kann und was nach meiner Meinung den Charakter des Uebernatürlichen und Wunderbaren an sich trägt, so habe ich doch zum mindesten das bemerkt, daß sie eine erstaunliche und für solche, die es nicht aus dem Augenschein feststellen konnten, unglaubliche Enthaltsamkeit übte, eine mit Anständigkeit verbundene Freundlichkeit und eine mit Gottesfurcht gepaarte Heiterkeit besaß und dazu eine vor allen ausgezeichnete Demut und Fröhlichkeit bei Erniedrigung und Zurücksetzung. Sie redete Weniges und nur Erbauliches, und wenn man sie über etwas befragte, antwortete sie mit Bescheidenheit. Sie redete mitunter auch wohl ein munteres, nie aber ein leeres oder müßiges Wort. Sie trug Ordenskleidung, die gleich entfernt war von überflüssigem Zierart wie von gesuchter Demut. In ihrem Wandel war etwas wunderbar Tugendhaftes, das alle, die sie sahen oder mit ihr umgingen, sehr erbaute. In ihrem Wandel und Wesen suchte sie sich nach Möglichkeit den andern Menschen anzubequemen und alles Auffallende zu vermeiden, um zu keinerlei Gerede Veranlassung zu geben.“[25]
[24] _V. C._ 143.
[25] _V. C._ 10-11.
Was nun die Beurteilung der teuflischen Quälereien, denen Christina ausgesetzt war, anbelangt, so sind, nach Befund der Tatsachen, drei Arten zu unterscheiden. Zunächst liegen, wie bereits gesagt, körperliche Mißhandlungen vor, die mit den Sinnesorganen wahrnehmbar waren. Diese wurden von vielen Zeugen wahrgenommen. Auch ließen die dadurch hervorgerufenen Verwundungen ihre sichtbaren Spuren zurück und heilten erst allmählich auf natürlichem Wege. Wenn z. B. in der Jülicher Handschrift[26] berichtet wird, der Teufel habe der Christina mit einer Zange zwei Backenzähne auf grausamste Weise ausgerissen, so findet dies seine Bestätigung im Befunde des im Grabmal der Seligen zu Jülich aufbewahrten Schädels. An ihm sind die Grübchen zweier Backenzähne zugewachsen, wie es zu geschehen pflegt, wenn Zähne im jugendlichen Alter entfernt werden. Diese Tatsache ist bisher von niemanden beobachtet worden. Verfasser nahm sie wahr beim Wiederverhüllen des Schädels nach der durch Weihbischof Hermann Josef Schmitz vorgenommenen kanonischen Untersuchung der Gebeine am 17. Februar 1897.
[26] _V. C._ 149.
Der größte Teil der an Christina verübten Quälereien ist jedoch visionären Charakters, vollzog sich im Innenleben Christinas und war für andere nicht wahrnehmbar. Darüber belehrt uns Christina selbst. Denn sehr häufig betont sie, man solle nicht glauben, daß die von ihr berichteten Vorgänge sich alle tatsächlich ereignet hätten, sie teile seelische Empfindungen mit, sie habe Zustände inneren Leidens und Kämpfens gehabt, die so auf sie einwirkten, als hätten sich die Dinge wirklich zugetragen.[27] Diese Quälereien erfolgten regelmäßig durch lebhaft in die Erscheinung tretende und auf das Vorstellungsvermögen einwirkende Bilder.
[27] _=Putabam= me sanguineas sudare guttas (V.C. 71); =Videbatur= mihi quod totum corpus meum combureretur (72); =Videbatur= mihi quidquid oraovi quod in nomine daemonis orarem (73); =quasi= flamma apparuit, =quasi= hoc emitteret in os meum ... =quasi= cupiens me devorare (86); =videbatur= ei, quod aperiretur abyssus (137); angelos ... =corporalibus oculis non videbat=, sed ... angelorum consolationes =in corde suo spiritualiter et veraciter cognoscebat= (109); eam daemones =in corde= taliter illudebant, quod ad spectaculum tormentorum suorum multitudinem populi adesse =credebat= (171); =non visibiliter sed in corde sensibiliter= diversa tormentorum genera sustinuit (20); singula tormentorum genera vehementi cordis impetu pertransivit, =nec minor erat cruciatus et dolor, quam si omnia corporaliter pateretur= (201)._
Bei einer Anzahl von Belästigungen geschah die Einwirkung auf das Vorstellungsvermögen nicht durch Bilder, sondern durch Truggestalten, die dem körperlichen Auge wahrnehmbar waren. Um derartige Vorgänge handelt es sich, wenn Christina hier und da beteuert, dieselben seien nicht bloß innerlich gewesen, sondern hätten sich auch äußerlich abgespielt.
Es kommen im Seelenleben Christinas mitunter auch gestaltlose Einwirkungen vor, wie sie den sogenannten Verstandesvisionen eigen sind, die in unmittelbarem Verkehre himmlischer Geister oder Gottes selber mit der menschlichen Seele bestehen.
Auch verdient hervorgehoben zu werden, daß, wiewohl im Leben Christinas zeitweise das Dämonische so stark in den Vordergrund tritt, doch nirgendwo sich etwas findet, was mit dem in späterer Zeit auftretenden Hexenwahn irgendwie verwandt wäre.
Schließlich sei noch auf den bisher von niemanden beobachteten Nebenumstand hingewiesen, daß Christina im Gegensatz zu ihrer Umgebung den bösen Feind niemals als Teufel (_diabolus_) bezeichnet; sie bedient sich stets des gewählteren Ausdruckes Dämon, was einerseits von der Zartheit ihres Empfindens, andererseits aber auch von der Genauigkeit der Berichterstattung Zeugnis ablegt.
Fünftes Kapitel.
Erster Besuch des Petrus von Dazien bei Christina im Advent 1267.
Kehren wir nunmehr zu Christina zurück, die wir im Advent des Jahres 1267 im Pfarrhause zu Stommeln zurückgelassen haben, wo sie den ersten Besuch des Dominikanerpaters Petrus von Dazien erhalten sollte. Wie das kam, soll uns Petrus selbst erzählen. „So weit meine Erinnerung reicht, schreibt Petrus,[28] hatte ich seit meiner frühesten Kindheit allezeit eine innige Freude, wenn ich etwas hörte von dem Leben, den Tugenden, den Leiden und dem Tode der Heiligen und besonders von Jesus, unserem Herrn, und seiner glorreichen Mutter. Wenn ich dann über das Gehörte nachdachte, so brachte das meinem Herzen viele Tröstungen. Infolgedessen fing ich schon damals an, die Welt mit ihren Lüsten geringzuschätzen und öfters sprach ich mit meinen leiblichen Brüdern darüber, wie wir die Welt verlassen möchten. Dabei entstand in meinem Herzen eine besondere Sehnsucht. Ich verlangte und wünschte nämlich, der Herr möchte mir mit seiner Gnade behülflich sein, irgend einen seiner Diener kennen zu lernen, durch den ich den Wandel der Heiligen nicht bloß in Worten, sondern in Tat und Beispiel sicher und klar erlernen könnte.... Unter diesem Sehnen flossen viele Jahre dahin, wie ich meine, wohl über zwanzig Jahre. In dieser Zeit hat nun freilich der Herr mir mehrere Personen beiderlei Geschlechtes gezeigt, an denen ich mich oft erbaut habe. Doch wurde durch sie niemals mein Verlangen gesättigt. Je mehr ich solche fromme Seelen antraf, desto mehr sehnte ich mich wieder nach andern. Denn in keiner fand ich, was ich suchte, und mein Sehnen blieb ungestillt. Endlich hat der Vater der Erbarmungen ... mich ganz unerwartet eine solch fromme Seele, die ich suchte, finden lassen. Eine aus vornehmer Familie entsprossene Frau namens Alfradis, die einen Mann, der ebenfalls vornehmen Standes war, geehlicht hatte, wurde schwer krank und sandte zum Bruder Walter, der seit langer Zeit ihr Beichtvater war. Er ging zu ihr am Tage vor dem Feste des h. Apostels Thomas und nahm mich als Begleiter mit. Wir kamen erst spät an jenem Hause an. Während nun Walter die Beichte jener Frau hörte und ich im Hause saß, kam zu mir eine Begine, Aleidis mit Namen, und fragte mich, woher ich gekommen sei. Ich antwortete: Von Cöln. Da sprach sie: Wärest du doch in unserem Dorfe gewesen und hättest einmal die wunderbaren Dinge gesehen, die dort an einem Mädchen geschehen! Am Nachmittage des folgenden Tages nun gingen wir, wie es Walter bestimmte, nach jenem Pfarrdorfe und kehrten im Pfarrhause ein, wo sich damals jenes Mädchen befand wegen der Bedrängnis, die man befürchtete.... Als ich ins Pfarrhaus eintrat, sah ich ärmlichen Hausrat, betrübte Menschen und eine junge Person, die etwas seitwärts saß und das Gesicht mit dem Mantel verhüllt hielt. Diese stand auf, als Bruder Walter eintrat, und grüßte ihn. Aber in demselben Augenblicke stieß der Teufel sie rückwärts, sodaß ihr Kopf heftig wider die Wand anschlug. Die Anwesenden erschraken darüber, waren aber noch mehr in Angst wegen der Trübsale, die nach den Erfahrungen der früheren Jahre noch zu befürchten waren. Während nun diese alle in Sorge und Betrübnis waren, wurde ich allein mit einer ganz besonderen, ungewohnten Freude erfüllt, fühlte eine innerliche Tröstung und war ganz von Staunen ergriffen. Ich begriff nicht, was mit mir vorging, und wurde darob betroffen, weil ich fürchtete, man möchte es merken.... Um nun diese meine Gemütsstimmung zu verbergen, suchte ich mit den Hausgenossen, mit dem Herrn Pfarrer nämlich und seiner Mutter, mit seinen Schwestern und anderen Personen, die gerade im Hause waren, ein Gespräch anzuknüpfen. Mein Genosse saß inzwischen ein wenig von uns entfernt bei jenem Mädchen und hielt ihr verschiedene Beispiele vor von der Geduld Christi und der Heiligen. Jene meine Freude aber prägte sich so stark in meine Seele ein, daß auch bis jetzt, wo schon elf Jahre seitdem verflossen sind, sie nicht bloß mir im Gedächtnis haftet, sondern mir auch wie gegenwärtig fühlbar ist. Ich habe in jener Stunde, wie ich glaube, gewiß irgendeine göttliche Einwirkung empfangen. Während ich nun so dasaß und den Leuten zuhörte, auch mitunter ein munteres oder ernstes Wort dazwischen redete, waren meine Augen und Gedanken dahin gerichtet, wo jene Person sich befand, deren Nähe ich meine Umwandlung zuschrieb ... Wie ich nun meinen Genossen und jenes Mädchen genau beobachtete, sah ich, daß der Teufel es siebenmal stieß, viermal wider die Wand rücklings und dreimal wider eine Kiste zu ihrer Linken und zwar mit solcher Gewalt, daß die Stöße auch für die ferner Stehenden hörbar waren. Was mir besonders auffiel, war der Umstand, daß bei diesen heftigen Stößen das Mädchen weder Seufzer noch Schluchzen vernehmen ließ, ja nicht das geringste Zeichen von Ungeduld oder Schmerz weder durch Wort noch Geberde zu erkennen gab, sondern ruhig blieb, ohne einen Laut des Murrens oder der Klage von sich zu geben. Ich konnte mich nun nicht länger mehr halten und sprach zu Bruder Walter: „Liebster Vater, ich weiß nicht, ob Ihr es bemerkt, wie der Teufel das Mädchen so heftig stößt. Es wäre wohl gut, wenn Ihr mit ihm etwas weiter von der Wand und der Kiste abrücktet und ein Kissen hinter ihren Kopf legtet, damit, wenn noch weitere Stöße erfolgen sollten, die Heftigkeit des Anpralles durch die weiche Hinterlage gemildert werde.“ Man tat dieses auch. Wie wir nun noch eine Weile dagesessen hatten, hörte ich das Mädchen auf einmal aufseufzen, wie wenn es plötzlich von etwas Schmerzhaftem betroffen worden wäre. Als die Frauen, die um es herumsaßen, dies bemerkten, fragten sie nach der Ursache des Aufseufzens. Es antwortete: „Ich bin an den Füßen verwundet.“ Man sah nach und fand es so. Denn an jedem Fuße fand sich eine frisch blutende Wunde. Als die Verwundete auf solche Weise viermal von neuem aufseufzte, wurde ich von Mitleid ergriffen und bei dem Weinen und Schluchzen derer, die um sie saßen und bei jedem neuen Aufseufzen neue Wunden sahen, stand auch ich auf und sah, wie ich meine, bei den beiden letzten Aufseufzungen nach, und ich erblickte die Wunden in ihrem Entstehen, noch bevor das Blut hervorquoll. Denn gewöhnlich pflegt es einige Augenblicke zu dauern, ehe das Blut nach der Verwundung hervorfließt. Hiermit nun hatte diese Mißhandlung ein Ende. Sieben frisch blutende Wunden erblickte ich auf der oberen Seite der Füße, und zwar vier auf dem einen und drei auf dem anderen Fuße. Da ich aber zweimal aufgestanden war und die Sache mich sehr interessierte, habe ich genau acht gegeben und bemerkt, daß jedesmal eine neue Wunde hinzugekommen war. Unterdessen war die Nacht nach dem Feste des h. Apostels Thomas angebrochen und ich, der ich vorher von Freude erfüllt war, war nun voll des Mitleidens. Bruder Walter wünschte, daß wir jetzt die Komplet beteten. Wir beteten sie mit allen Zusätzen nach Vorschrift und zwar in Gegenwart der Jungfrau. Und als wir zu Ende waren, kniete die Jungfrau nieder, Bruder Walter legte ihr beide Hände auf das Haupt und sprach das Johannesevangelium zum Schutze gegen die Wut des bösen Feindes. Hierauf bat ich ihn um die Erlaubnis, mit den Hausgenossen die Nacht durchwachen zu dürfen. Er gestattete es und ich geleitete ihn zu seiner Ruhestätte, die man ihm aus Ehrfurcht vor seinem Alter und seiner Frömmigkeit im Pfarrhause selbst bereitet hatte.... Als ich nun mit seiner Erlaubnis wieder zur Jungfrau zurückkam, um ihr Trost zu spenden und auch durch sie mittels der Wunderwerke des Herrn Trost zu empfangen, fand ich zwei Lichter im Hause, die bis zum Morgen brannten, und sieben Personen, die nicht abwechselnd, sondern alle mitsammen die Nacht hindurch ununterbrochen Wache hielten, bis es Tag wurde, ohne daß auch nur einer sich zur Ruhe niederlegte. Man hielt dies für notwendig, weil ein jeder der Anwesenden von der Wut und Bosheit des Teufels die heftigsten und unerträglichsten Angriffe zu befürchten hatte. Sie waren froh, als sie mich zurückkommen sahen, und ersuchten mich, dort Platz zu nehmen, wo mein Gefährte vordem gesessen hatte. Ich tat es, und als ich dort eine Weile in Stillschweigen gesessen, fragte mich jene Jungfrau: „Wie heißet Ihr?“ Ich antwortete: „Petrus.“ Da sprach sie: „Guter Bruder Petrus, erzählet mir etwas von Gott; ich höre so gerne etwas von ihm, wiewohl ich wegen meiner jetzigen Bedrängnis zu meinem Bedauern nicht sonderlich achtgeben kann.“ Auf ihren Wunsch, dem sich auch die übrigen anschlossen, erzählte ich ihnen nun, obschon ich der Mundart noch nicht vollkommen mächtig war, zwei Beispiele aus dem Leben der Brüder, die ich für erbaulich hielt, das eine, wie die seligste Jungfrau einen Kartäuser gelehrt habe, ihr zu dienen und sie zu lieben; das andere, wie ein Bruder des Predigerordens durch die h. Messe, die ein befreundeter älterer Bruder für ihn gelesen, aus dem Fegfeuer, in dem er fünfzehn Jahre lang gewesen war, befreit worden sei.
[28] _V. C._ 2-10.
Als ich die Erzählungen beendigt hatte, hielt ich ein wenig inne. Da auf einmal seufzte die Jungfrau auf, heftiger wie gewöhnlich. „Was ist geschehen?“ fragte ich. „Ich bin am Knie verwundet,“ sagte sie. Nach einer Weile, in der man wohl ein Miserere hätte beten können, stöhnte sie wieder, zog ihre rechte Hand durch den Aermel ihres Kleides nach innen, fuhr damit unter ihrem Kleide herab, zog dann einen eisernen Nagel hervor, der mit frischem Blute überronnen war und gab ihn mir in die Hand.... Ich fand ihn viel wärmer, als er es durch Berührung des menschlichen Körpers hätte sein können.... Da es nun, wie mir dünkte, Mitternacht war, ging ich zu meinem Gefährten, um nach Ordensbrauch mit ihm die Mette zu beten. Wir beteten die Mette von der allerseligsten Jungfrau, und als wir die Laudes begonnen, entstand im Hause ein solches Jammern, daß wir das Gebet abbrachen, ohne Nachricht abzuwarten, gleich zu der Jungfrau und ihrer Umgebung hineilten und fragten, was geschehen sei. Man sagte uns, die Jungfrau sei schwer verwundet worden. Mein Gefährte setzte sich neben sie und fand sie in tiefer Betrübnis und fast ohnmächtig. Bald jedoch kam sie wieder zu sich, zog dann die andere Hand ähnlich wie früher durch den Aermel nach innen und langte einen anderen Nagel hervor, der mit frischem Blute benetzt und gleich heiß war wie der erstere, aber eine viel grauenhaftere Form hatte. Sie gab denselben meinem Gefährten in die Hand mit den Worten: „Schauet da, womit ich verwundet worden bin.“ Alle betrachteten den Nagel, staunten über seine schreckliche Form und entsetzten sich. Ich aber bat, man möge ihn mir zum Geschenke und steten Andenken überlassen. Man gab ihn mir und ich habe ihn bis zum heutigen Tage aufbewahrt, auch an ihm ein Zeichen gemacht, wie tief er in das Fleisch eingedrungen war. Denn das Fleisch, das noch daran hing und das anklebende Blut, ließen das ganz deutlich erkennen.
Am Morgen kehrte ich wieder nach Cöln zurück. Ich weiß nicht, ob ich mich je in meinem Leben in solcher Gemütsverfassung befunden habe, so daß ich damals am liebsten, wenn ich gekonnt, die Messe von der allerseligsten Jungfrau gelesen hätte zur Danksagung für die mir von Gott erwiesenen Gnaden. Nun glaubte ich die Psalmstelle zu verstehen: „Helle ist mir geworden die Nacht in meiner Wonne; denn vor dir hat die Finsternis kein Dunkel und hell wird die Nacht wie der Tag. Denn so wie ihr Dunkel, so ist sein Licht.“ (Ps. 138, 11-12.) Und mit den Jubeltönen des Exultet fährt dann Petrus fort: „O glückliche Nacht! o selige Nacht, die du für mich geworden zum Anfang der göttlichen Erleuchtungen, bei denen Nacht und Tag nicht mehr wechseln. O süße und wonnevolle Nacht, in der mir zuerst verliehen wurde zu verkosten, wie lieblich der Herr ist. Das ist die Nacht, in der ich gewürdigt wurde, zuerst die Braut meines Herrn zu sehen.“ Nur eines beklagte Petrus, daß sie für ihn zu kurz war. „Möchte von nun an,“ so schließt er, „meine sündige Seele erneuert und ich in einen neuen Menschen umgewandelt werden, so daß ich zu neuem Leben erstehe und den Tod nicht schaue in Ewigkeit!“
Sechstes Kapitel.
Zweiter Besuch des Petrus. Christinas Entrückung und Seelenjubel.
Nach dem Advente verließ Christina das Pfarrhaus. Im darauffolgenden Jahre, 1268, einem Schaltjahre, fiel das Fest des h. Apostels Matthias, das in Stommeln noch heute als das des zweiten Pfarrpatrons besonders feierlich begangen wird, auf den Samstag vor dem ersten Fastensonntag. Der Pfarrer von Stommeln hatte seinen guten Freund, Bruder Gerhard vom Greif aus dem Dominikanerkloster in Cöln, gebeten, zur Aushülfe herüberzukommen. So bot sich für Bruder Petrus eine Gelegenheit, die Schritte wieder nach Stommeln zu lenken. Hören wir ihn selbst, wie er seinen zweiten Besuch in Stommeln beschreibt: „In der nächstfolgenden Fastenzeit ging ich wieder bei dargebotener Gelegenheit nach dem früher genannten Orte, nach dem meine Sehnsucht stand, als Begleiter des Bruders Gerhard vom Greif, dem Beichtvater besagter Jungfrau ... Wir kamen dort an am Samstage vor dem ersten Sonntage der Fastenzeit. Am Sonntage nun lud der Herr Pfarrer seinem Freunde, dem Bruder Gerhard, zuliebe auch dessen geistige Tochter auf Mittag zu Tisch. Sie folgte der Einladung und speiste mit uns. Darüber hatte ich viele Freude; denn so hatte ich Gelegenheit, ihre Sitten und ihr Verhalten genau zu beobachten ... Nach Tisch, als der Pfarrer einen Kranken besuchte, begab es sich, daß eine Person -- jedenfalls die sangeskundige Gertrud, Schwester des Pfarrers, -- aus Andacht den Hymnus: _Jesu dulcis memoria_ in unserer Gegenwart sang und nach der lateinischen Strophe auch jedesmal die deutsche innig-fromme Uebersetzung[29] mitsang. Dadurch wurde ich mehrmals zu Tränen gerührt. Da wurde mit einem Male die Jungfrau dermaßen im Geiste entrückt, daß sie in allen ihren Sinnesorganen unempfindlich und am ganzen Körper starr war und kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Was uns aber noch mehr in Erstaunen setzte, man konnte gar kein Atemholen mehr an ihr bemerken. Ich gestehe, daß ich bei diesem Anblicke vor Freuden weinte und vor Verwunderung außer mir war und für eine so große Gabe des göttlichen Einflusses dem Geber Dank sagte. Denn was hier vor sich ging, konnte ich keiner natürlichen Ursache, noch menschlicher Einwirkung zuschreiben; ich erkannte darin vielmehr die Nähe Gottes ... Einen solchen Zustand hatte ich noch nie an einem Sterblichen wahrgenommen und ich glaubte, hier geschehe, was der Apostel andeutet, wenn er schreibt: „_Sive mente excedimus_“, d. h. mögen wir im Geiste entrückt sein ... Und ich begann nun, desto genauer alle Geschehnisse zu beobachten, auf alle Worte zu hören, und auf alle Bewegungen und Geberden zu merken und sie meinem Gedächtnisse tiefer einzuprägen, weil ich alles dem Hulderweis besonderer Gnade zuschrieb.
[29] Die erste Strophe der alten Uebersetzung lautet: „Jesu, wie süß, wer dein gedenkt! Sein Herz vor Freuden überschwenkt. Noch süßer über alles ist, Wo du, o Jesu, selber bist.“
Als sie nun in diesem Zustande, ein wenig nach vorn geneigt, Gesicht und Hände mit dem Schleier verhüllt, etwa drei bis vier Stunden auf einer Bank gesessen hatte, seufzte sie unter Schluchzen auf, so daß sie am ganzen Körper etwas in Bewegung kam. Dann begann sie ein wenig aufzuatmen; jedoch ging dies leichter und langsamer vor sich, als es sonst bei Menschen zu geschehen pflegt. Die Bewegung beim Atmen war so gering, daß es besonderer Aufmerksamkeit bedurfte, um sie wahrzunehmen ... Es war nämlich, wie gesagt, die Bewegung beim Atmen geringer und die Zwischenzeit zwischen Ein- und Ausatmen größer wie gewöhnlich. Als sie nun auch in diesem Zustande die Zeit von ungefähr zwei Messen hindurch gesessen hatte, fing sie an tiefer und überhaupt so zu atmen, wie Menschen gewöhnlich zu atmen pflegen. Darauf begann sie auch zu reden, jedoch so leise, daß man es selbst bei aufmerksamem Hinhorchen kaum verstehen konnte und auch nicht in vollständigen Sätzen, sondern in einzelnen Ausrufungen voller Liebe und Süßigkeit, wie: Liebevollster, süßester oder herzinnigster, trautester oder Bräutigam. Und dabei jubelte sie auf unter freudiger Erregung des ganzen Körpers, das einem Aufhüpfen ähnlich sah, und zwar in ganz ungewohnter Weise. Das Jubeln ging in einem Atemzuge vor sich und dauerte ein Miserere lang und dann trat wieder eine ebensolange Zeitdauer hindurch Unbeweglichkeit ein. Es wiederholte sich dann derselbe Vorgang des freudigen Aufhüpfens, Jubelns oder Jauchzens -- ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, sagt Petrus, denn ich habe früher so etwas nie gesehen -- und nahm ungefähr die Zeit von zwei Messen in Anspruch. Diejenigen, die bei ihr saßen, weinten vor Freude ob der Inbrunst der Andacht und der Glut der Liebe, die in dem Vorgang zu Tage trat.“ -- Es ist dieses Aufjubeln der Seele eine im Leben der innigen Vereinigung mit Gott mitunter hervortretende Erscheinung. Beim Einströmen der göttlichen Liebeswonne wird die Seele gleichsam trunken vor Seligkeit. Sie vermag sich nicht mehr zu fassen vor übergroßer Wonne, ihr Herz strömt über und so führt sie unwillkürlich eine Art mystischen Reigens auf, ähnlich demjenigen der jungfräulichen Chöre im Hochzeitssaale des himmlischen Bräutigams, und süße Jubeltöne entströmen ihren Lippen, wie sie in unnachahmlicher Meisterschaft wiederklingen in den Melismen der Gradual- und Allelujagesänge des gregorianischen Chorals.