Die selige Christina von Stommeln
Part 2
so singt ein Dichter des 13. Jahrhunderts. Der selige Albert der Große, der hervorragendste Gelehrte seines Zeitalters, stand damals an der Spitze des Hauptstudiums der Dominikaner zu Cöln, wo Thomas von Aquin sein Schüler war. Nicht bloß aus Deutschland, sondern auch von auswärts strömten die wißbegierigen jungen Leute, vor allem aber die von ihren Provinzialen als die talentvollsten befundenen Dominikaner nach Cöln, das als Sitz der Gelehrsamkeit mit Paris wetteiferte. Stommeln war der Erholungsort, wo an den schulfreien Tagen die Cölner Dominikaner gerne verweilten. Sie fanden dort gastliche Aufnahme nicht bloß auf dem Hofe des St. Cäcilienstiftes, sondern auch im Pfarrhause und bei Gutsbesitzern. Bruder Mauritius sehnte sich, als er in Paris studierte, nach Cöln zurück und seinem „Stommeler Aegypten“, wie er sich in einem Briefe an Christina vom 15. Juni 1271 scherzhaft ausdrückt.[1] Dort hätten sie frische Eier bekommen und schmackhaftes Gemüse zum Fleische. In Paris jedoch seien die Eier verderbt und kleiner als die Eifler Eier, die sie zu Cöln gegessen. Christina solle jedoch den Brief niemanden zeigen, damit er nicht etwa eine üble Note erhalte, der Frau Beatrix aber sagen, daß sie für die vom Kapitel heimkehrenden Brüder frische Eier und Zulage frischen Käses bereite. Auch Bruder Folkwin in Gotland erinnerte sich später noch mit Dankbarkeit der in Stommeln zugebrachten Tage und schickte zur Bekundung dieser Dankbarkeit der Christina einen größeren schwarzen Löffel aus Horn, Christinas Schwester Hilla einen kleinen schwarzen Löffel, der Hilla vom Berge einen weißen mit schwarzem Griffe und der Tochter des Vogtes ebenfalls einen schwarzen Löffel aus Horn.[2]
[1] _Vita Christinae_ 243.
[2] A. a. O. 250.
Auch für den Schulunterricht der Knaben sowohl wie der Mädchen war in Stommeln gesorgt. Die Knaben unterrichtete der Magister Johannes, der entfernt mit Christina verwandt war und später Priester wurde.
Die Gerichtsbarkeit wurde ausgeübt durch einen im Orte ansäßigen Vogt, der in der Nachbarschaft Christinas wohnte und mit ihrer Familie befreundet war. In dieser wohlgeordneten, frommen und wohlhabenden Pfarrgemeinde erblickte Christina das Licht der Welt im Jahre 1242. Der Tag ihrer Geburt ist nicht näher bekannt. Daß sie am 24. Juli, dem Feste der h. Jungfrau und Martyrin Christina, geboren sein soll, ist nur eine Vermutung. Ihr Vater war ein vermögender Ackerwirt. Er hieß Heinrich Bruso und seine Frau Hilla. Vom Geburtshause Christinas sind noch Mauerreste erhalten geblieben. Es lag inmitten des Ortes an der Hauptstraße, dort, wo gegenüber die Eschgasse zu der auf einer ziemlichen Anhöhe gelegenen alten Pfarrkirche abbiegt. Es war ein Gehöfte mit einem Doppelhause, einem ältern großen Hause und einem kleinern Anbau. Noch immer führen die dort befindlichen Baulichkeiten den Namen Brusohaus, und früher, als Stommeln noch zum Herzogtum Jülich gehörte, war dort auch der Wohnsitz des Amtsverwalters.
Christina war nicht das einzige Kind ihrer Eltern. Sie hatte einen ältern Bruder namens Heinrich, der etwas weltlich gesinnt war, wohl den Versuch gemacht hatte, ins Kloster Kamp einzutreten, es aber wieder verlassen hatte und nach Cöln übergesiedelt war. Außerdem hatte sie einen jüngern Bruder, Sigwin genannt, für den sie in mütterlicher Liebe besorgt war. Dieser trat als Laienbruder in den Dominikanerorden ein und zwar in der Provinz Dazien, erhielt den Namen Gerhard, weil der Name Sigwin in Schweden nicht gebräuchlich war, und führte zur größten Zufriedenheit die Geschäfte eines Prokurators, da alle Einnahmen und Ausgaben des Klosters durch seine Hand gingen. Wie Christina zwei Brüder hatte, so hatte sie auch zwei Schwestern. Eine hieß Hilla und die andere Gertrud. Beide scheinen älter gewesen zu sein als Christina. Eine von ihnen wohnte später in Cöln; die andere heiratete und blieb anfänglich in Stommeln. In Poulheim wohnten nahe Blutsverwandte Christinas, zwei Schwestern nämlich und deren Brüder.
Schon in der Kindheit stand Christina, die ein gewecktes Mädchen war, unter besonderer Einwirkung der göttlichen Gnade. In dem freilich erst nach ihrem Tode von einem Ungenannten verfaßten Bericht über ihr Leben lesen wir, daß der Jesusknabe dem fünfjährigen Kinde öfters erschien, es im Glauben unterrichtete, es beten lehrte und ihm zum frommen Leben Anleitung erteilte. Christina zeigte denn auch viel früher als andere Kinder Verständnis für göttliche Dinge, ging gerne in die Kirche und wohnte dort täglich mit kindlich frommer Andacht dem h. Meßopfer bei. Als sie sechs Jahre alt war, schaute sie bei der Wandlung das Jesukind in den Händen des Priesters, das zu ihr sprach: „Siehe, ich bin hier zugegen, stets bereit, Barmherzigkeit zu erweisen. Wer also um Barmherzigkeit fleht, wird Barmherzigkeit erlangen.“ Als sie sieben Jahre zählte, wurde sie von einem Engel im Geiste ins Paradies geführt, wo sie himmlische Geheimnisse schaute und mit unaussprechlicher Wonne erfüllt wurde. Ein Seraph kam dort zu ihr, begrüßte sie als die Auserlesene Jesu Christi und machte ihr kund, daß durch sie viele Sünder bekehrt, viele Gerechte gestärkt und getröstet und viele Seelen aus dem Fegfeuer würden befreit werden. Als der Engel sie dann wieder zur Erde zurückgeführt und sie zu sich gekommen war, hub sie an zu singen ein Lied, das so anfing:
Rosen und Lilien auf grünenden Auen Ueberall prächtig und lieblich zu schauen, Wie mein Brüderlein Jesu Christ, Wenn man seiner Liebe genießt.
Im Alter von neun Jahren wurde sie um das Fest Mariä Verkündigung drei Nächte nacheinander im Geiste von einem Engel der allerseligsten Jungfrau Maria vorgestellt und in jeder dieser Nächte sang sie dreimal nacheinander zuerst die Sequenz vom h. Geiste, die zu Pfingsten beim Hochamt gesungen wird:
_Veni sancte spiritus, Et emitte caelitus Lucis tuae radium_
Komm, o Geist der Heiligkeit, Aus des Himmels Herrlichkeit Sende Deines Lichtes Strahl,
und sodann die von der allerseligsten Jungfrau, welche anfängt mit den Worten:
_Ave rosa generosa Salve candens lilium_,
Sei gegrüßt Du edle Rose Gruß Dir Lilie blendendweiß,
und wenn sie diese Gebete beendet, so warf sie sich nieder vor der h. Gottesmutter und sprach folgendes Gebet:
_Deprecor vos, mater misericordiae, per amorem dilectissimi filii vestri, ut mihi apud ipsum peccatorum meorum veniam impetretis necnon et amicitiam et favorem eiusdem filii vestri mihi procuretis._
Mutter der Barmherzigkeit, ich bitte Dich bei der herzlichen Minne, die Dein vielgeliebter Sohn zu Dir getragen hat, Du wollest mir bei ihm Verzeihung meiner Sünden erlangen sowie auch die Freundschaft und die Huld dieses Deines Sohnes mir erwirken.
Die h. Gottesmutter aber beantwortete jedesmal dieses Gebet mit den Worten: „Freue dich, teuerste Tochter, und frohlocke; denn du wirst die Braut und Freundin meines vielgeliebten Sohnes sein.“ Seit jener Zeit wußte Christina diese beiden lateinischen Sequenzen auswendig, obschon sie den Psalter noch nicht gelernt hatte, und wurde jedesmal, wenn sie dieselben singen hörte, mit großer Wonne erfüllt.
Im Jahre 1252, als sie zehn Jahre zählte, erschien ihr in einer Nacht Jesus Christus selbst im Traumgesichte in Jünglingsgestalt. Christina erschrak. Christus aber sprach zu ihr: „Vielgeliebte Tochter, siehe, ich bin Jesus Christus. Gelobe mir Treue, und zwar so, daß du mir immerwährend dienest. Sollte dich übrigens jemand um ein anderes Verlöbnis angehen, so sage ihm, daß du dich Jesu Christo selbst in seine Hände verlobt habest“ -- dabei ergriff er ihre rechte Hand und legte sie in die seine. -- „Bei den Beginen,“ so schloß der Herr, „sollst du bleiben.“ Als Petrus von Dazien sie siebenundzwanzig Jahre später über diese Erscheinung befragte, sagte sie: „Ich sah den lieben Heiland im Glanze solcher Herrlichkeit und in solcher Schönheit, daß ein menschliches Auge es nicht zu ertragen vermag. Deshalb kam ich von Sinnen und drei Tage und drei Nächte hindurch war ich für alle körperlichen Wahrnehmungen unempfänglich.“ Von diesem Tage an hatte ihr Geist keine Ruhe mehr, sondern immerdar quälte sie sich mit dem Gedanken, wie sie zu den Beginen kommen könnte.
Wie sie elf Jahre alt war und nach Weise der Schulkinder den Psalter lernte, kam es ihr, wenn sie die Psalmen las, vor, als ob sie zu demjenigen rede, dem sie Treue gelobt hatte. Und dann konnte sie nicht anders als weinen vor seliger Freude.
Zweites Kapitel.
Christina bei den Beginen in Cöln.
Das engelgleiche Töchterlein des Heinrich Bruso wuchs inzwischen zur blühenden Maid heran. Sie war mit allen Vorzügen ausgestattet, die ihre Hand auch für die erlesensten aus der Schar der Jünglinge begehrenswert machten. Sie war das Kind wohlhabender und angesehener Eltern. Schlank von Wuchs und kräftig von Gestalt, machte sie mit ihrem frischen, edelgeformten und von goldblondem Haar umwallten Gesichte den Eindruck jungfräulicher Anmut. Kein Wunder, daß die Eltern daran dachten, sie zu verloben; denn sie hatten keine Kenntnis von dem Traumleben ihres Kindes. Doch Christina widerstrebte diesem Vorhaben. „Bei den Beginen sollst du bleiben,“ so hatte der Herr ihr gesagt, und dieser Weisung wollte sie folgen. Ohne Vorwissen der Eltern begab sie sich deshalb am St. Katharinentage des Jahres 1255, als sie dreizehn Jahre alt war, nach Cöln. Es schneite und stürmte und sehr kalt schnitt der Wind. Nichts hatte sie von Hause mitgenommen, als ein leinenes Tuch, das sie über den Kopf geworfen hatte. Eine Frau, die sie mitgenommen, zeigte ihr den Weg. Die Freude, bald zu den Beginen zu kommen, beflügelte ihre Schritte. Die einzige Besorgnis, die sie auf diesem Wege hatte, war die, jene Frau könne sie möglicherweise verraten oder in Cöln, wo sie unbekannt war, in ein Haus führen, wo ihre Ehre und Unschuld Gefahr leiden könnte. Sie langte jedoch glücklich in Cöln an und ging sofort zu den Beginen, wo sie auch aufgenommen wurde.
Die Beginen bildeten einen nach Art einer Ordensgemeinschaft organisierten Stand weiblicher Personen, die als Jungfrauen, Ehefrauen und Witwen sich zu einem enthaltsamen Leben entschlossen hatten. In Folge der Kreuzzüge war damals die männliche Bevölkerung in unseren Gegenden bedeutend verringert, und für einen erheblichen Teil der weiblichen war mithin die Ehelosigkeit der gewiesene Weg. Es war natürlich, daß diese weibliche Bevölkerung Anschluß an die bestehenden Ordensgenossenschaften suchte. Die Prämonstratenser waren es, die zuerst dieser Frauenbewegung sich annahmen, dann ihr aber, als sie ihnen zur Plage wurde, wieder den Rücken kehrten. Darauf versuchten die Zisterzienser die Lösung derselben Frage, die aber auch ihnen ebenso wenig wie den Prämonstratensern gelingen sollte. Notgedrungen bildete sich nun diese der Enthaltsamkeit geweihte Frauenwelt zu einer selbständigen Eigenart des Ordenswesens aus, zum Beginentum. Ohne Gründer und ohne Gründerin aus dem Drange der Verhältnisse geboren, entwickelte es sich vorzugsweise in den belgischen und rheinischen Landen zu großer Blüte. Seine Wiege ist die Stadt Nivelles in Brabant, wo im Jahre 1207 das erste selbständige derartige Kloster entstand. Als kirchliche Organisation wurde das Beginentum anerkannt durch Papst Gregor IX., der ihm am 30. Mai 1233 einen Schutzbrief ausstellte. Den Anforderungen, die der Völkerapostel an die gottgeweihten Frauen und Jungfrauen stellt, nacheifernd, bemühten sich diese frommen Frauen, nicht bloß ein keusches, enthaltsames Leben zu führen, sondern auch den Geist des Gebetes zu pflegen, die hh. Sakramente häufiger zu empfangen, ein Leben der Entsagung zu führen und sich in den Werken der christlichen Barmherzigkeit zu üben. Sie trugen einfache, eigene Kleidung von schwarzer Farbe, verrichteten das kirchliche Stundengebet, pflegten aber auch mit besonderer Vorliebe das Rosenkranzgebet[3]; wohnten gewöhnlich in nächster Nähe der Pfarrkirche, trugen Sorge für die hh. Gewande, die Reinheit und den Schmuck des Gotteshauses, unterrichteten die Mädchen, pflegten die Kranken und beherbergten die durchreisenden Fremden. Ihr Reformeifer erweckte jedoch vielfachen Widerspruch. Man warf sie zusammen mit der Sekte der Apostoliker und Albigenser, und weil in jenem Zeitalter ein Lütticher Priester namens Lambert, zubenannt _le bègue_, d. h. der Stammler († 26. März 1187), viel von sich hatte reden machen wegen seines Reformeifers, der ihn in einen Streit mit seinem Bischof verwickelt hatte, in Folge dessen er zensuriert und eingekerkert wurde, so nannte man sie Beginen, womit der Begriff der Ueberkirchlichkeit und Widersetzlichkeit verbunden war. Doch der Priester Lambert war mit Unrecht bekämpft worden; in der Tat war er ein Mann Gottes. Papst Luzius III. hob das Urteil des Lütticher Bischofes auf und gab dem unschuldig Gemaßregelten die Vollmacht zu predigen wieder. Die neuen Ordensfrauen brauchten deshalb den ihnen in kränkender Absicht zugelegten Beinamen nicht zurückzuweisen und er ist ihnen in der Folge verblieben, wiewohl Lambert _le bègue_ geschichtlich mit ihnen keinerlei Zusammenhang hat.[4] Als die beiden Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner sich hierzulande auszubreiten begannen, kamen die Beginen wie von selbst in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen. Mit diesen beiden Ordensfamilien, die im ersten und zweiten Orden das eigentliche Ordensleben für das männliche und weibliche Geschlecht organisiert hatten, war nämlich ein dritter Orden planmäßig verbunden, der eine losere Form des Ordenslebens für Weltleute darstellte. Dieses Tertiarierwesen war aber seiner Idee nach der Grund zur Bildung des Beginentums gewesen. Es ist deshalb auch nicht zu verwundern, daß die Beginenhäuser sich um die Klöster der Dominikaner und Franziskaner zu gruppieren pflegten. Im 15. Jahrhundert sind die Beginen durch die kirchlichen Behörden veranlaßt worden, eine bestimmte Ordensregel anzunehmen. Sie entschieden sich für die Augustinerregel. Die noch heute blühenden Klöster der Zellitinnen in Cöln, Düren, Neuß und Aachen sind dem Ursprunge nach Beginenklausen.
[3] Am Grabmal des Erzbischofs Engelbert III. († 1368) im Cölner Dom sind auf der nördlichen Langseite die Schreibrüder, auf der südlichen aber Beginen und sonstige Ordensfrauen in ihren eigentümlichen Trachten, meistens mit Rosenkränzen verschiedenen Formates in den Händen, dargestellt.
[4] Vgl. Die Anfänge der Beginen. Dr. Jos. Greven, Münster, Aschendorf, 1912.
Das älteste Beginenhaus in Cöln ist der Konvent „_ver Selen_“, der 1230 gegründet wurde, sich in der Stolkgasse befand und dem Dominikanerkloster, dessen Stelle jetzt die Hauptpost einnimmt, gegenüberlag. Allem Anschein nach war es dieses Haus, in das Christina eintrat. Denn wir lesen von ihr, daß sie die Dominikanerkirche fleißig besuchte. Im Kloster erhielt Christina jedoch bald Besuch. Ihre Mutter hatte erfahren, wo sie sich hinbegeben. Sie kam nach Cöln, und unter Tränen bat sie ihre Tochter, doch wieder mit ihr nach Stommeln zurückzukehren. Christina indes war nicht hierzu zu bewegen. Zum Entgelt versagte die Mutter ihr jegliche Aussteuer. Ein ganzes Jahr hindurch ließ sie ihr nicht die mindeste Unterstützung zukommen, sodaß Christina darben mußte und an manchen Tagen nicht einmal Brot zum Essen hatte. Einige Beginen redeten ihr deshalb zu, sie sollte doch wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Sie aber lehnte dies ab, da sie lieber dem Willen Gottes gemäß im Kloster in Armut, als bei den Eltern im Ueberfluß leben wollte. Sie blieb ungefähr vier Jahre bei den Beginen in Cöln und übte sich dort eifrig in der Schule der Vollkommenheit. Sie liebte die Einsamkeit, um dem Gebete obliegen zu können; auf Erholung und Unterhaltung nahm sie nicht Bedacht. An jedem Samstage und an allen Vorabenden der Heiligenfeste fastete sie bei Wasser und Brot. Sie trug ein einfaches, wollenes Kleid, aber kein leinenes Unterzeug. Ein fest anliegender Gürtel umschlang ihre Lenden. Sie schlief allein. Holz und Stein bildeten ihr Ruhelager, damit sie desto eher erwache und zum Gebete sich erhebe. Zweihundertmal beugte sie das Knie in jeder Nacht und tagsüber flehte sie zu allen Heiligen, deren Namen sie kannte, sie möchten ihr die h. Liebe erwirken. Ihr Stundengebet verrichtete sie gewöhnlich mit dem ganzen Körper seitwärts zur Erde hingestreckt, Freitags dagegen streckte sie dabei die Arme in Kreuzesform aus und so legte sie sich dann auch auf ihr Ruhelager. Strümpfe trug sie nicht; sie hatte nur Sohlen unter den bloßen Füßen. Die Hälfte des Jahres fastete sie, ohne irgendwelche Fleischnahrung zu sich zu nehmen. Ihr gewöhnliches Getränk war Wasser, sehr selten nahm sie etwas Bier. Alles, was nach Weichlichkeit aussah, war ihr zuwider. All ihr Sinnen und Trachten war unablässig darauf gerichtet, zu betrachten, wie vieles und wie schmerzliches Christus für uns gelitten hat.
Christina besuchte, wie gesagt, mit Vorliebe die Dominikanerkirche. Im Jahre 1225 waren die Dominikaner nach Cöln gekommen. Die Stiftsherrn zum h. Andreas hatten ihnen ihr in der Stolkgasse gelegenes Hospital zur h. Maria Magdalena geschenkt. Dieses Hospital hatten die Dominikaner zur Kirche umgewandelt, an deren Stelle Albert der Große 1271 die zu Anfang des 19. Jahrhunderts niedergelegte prächtige Kirche gotischen Stiles zum h. Kreuz erbaute. In jener älteren Magdalenenkirche war eines Tages Christina in die Betrachtung des bitteren Leidens unseres Herrn versenkt. Da wurde sie mit einem Male entrückt. Sie war wie entseelt und mußte aus der Kirche nach Hause getragen werden. Drei Tage lang dauerte dieser Zustand. Die Beginen aber, mit denen sie zusammenlebte, wußten diesen Zustand nicht zu beurteilen. Sie meinten, das müßte ein Anfall von Geisteskrankheit oder von Fallsucht gewesen sein, und sie hielten deshalb Christina für eine Minderwertige.
So ergeht es ja in der Regel den von Gott besonders begnadigten Personen. Sie werden für unsinnig gehalten und Gott läßt dies zu, um sie vor Ueberhebung zu bewahren.
Die Entzückung ist jedoch weit davon entfernt, etwas Krankhaftes zu sein. Es hat ja auch Männer von Ruf gegeben, die künstlerische Begabung, zumal das Dichter- und Musikergenie, als eine Art von Wahnsinn ansahen. Und doch ist solch' künstlerische Begabung ein Zeichen höchster Geisteskraft und Geistesgesundheit. Noch viel mehr sind Verzückungen Aeußerungen höchsten Geistesaufschwunges. Freilich können gottbegnadigte Personen und desgleichen Dichter und Musiker gerade so gut geisteskrank werden wie andere Menschen; allein an und für sich haben mystische Zustände und künstlerische Begabung mit Geisteskrankheit nichts zu tun. Es gehört freilich ein Kennerauge dazu, krankhafte Erscheinungen von mystischen Zuständen zu unterscheiden, weil gewisse äußere Aehnlichkeiten vorliegen bei aller Verschiedenheit des Wesens. Die Kenntnisse eines auch noch so hervorragenden Nervenarztes reichen da nicht aus; der eigentliche Fachmann ist da der mit den Zuständen des übernatürlichen Seelenlebens entweder durch eigene Erfahrung oder durch eindringendes Studium der Wissenschaft der Heiligen vertraute Geistesmann.
Die h. Teresia, eine der vorzüglichsten Lehrmeisterinnen des geistlichen Lebens, wußte wohl zu unterscheiden zwischen Weiberohnmachten und Verzückungen. Sie kannte beide Zustände aus Erfahrung. Auch träges, träumerisches Versunkensein beim Gebete hat mit Verzückung nichts zu tun. Diese ist vielmehr ein machtvoller, urplötzlicher Aufschwung der Seele zu Gott, ihrem Urheber. Es sind nicht mehr die natürlichen, von der Gnade unterstützten Fähigkeiten der Seele, die da tätig sind; es ist vielmehr der Geist Gottes selbst, der h. Geist, der durch seine sieben Gaben, zumal durch die Gabe des Verstandes, den menschlichen Geist anregt und leitet. Ein unmittelbares Schauen der Gottheit, wie es im Zustande der Verklärung eintritt, findet freilich nicht statt. Dazu bedarf es des Lichtes der Herrlichkeit. Auch bei der mystischen Vereinigung wird die Seele geleitet auf dem Wege des Glaubens, der nicht im Schauen aufgegangen ist. Allein die Seele ist auf eine höhere Stufe des übernatürlichen Lebens erhoben, welche die Mitte hält zwischen dem gewöhnlichen Gnadenzustande und der Himmelsseligkeit. Vermöge der Eingießung der Gaben des h. Geistes sind es nicht so sehr die natürlichen Seelenkräfte, die tätig sind, es ist vielmehr der Geist Gottes, der von der Seele Besitz ergreift und in ihr tätig ist. Da ist nun höheres, göttliches Licht, da ist ein Vorgeschmack der Seligkeit und Wonne des Himmels. Würde jemand aus nebelumlagerter Finsternis plötzlich in der h. Weihnacht in den in hellster Beleuchtung prangenden Cölner Dom eintreten und sein Ohr von den Klängen überirdischer Musik entzückt werden, er würde sprachlos dastehen, staunen und genießen. Und wenn dies Schauen und Genießen auch nur eine Viertelstunde währen sollte, es würde ihm zeitlebens unauslöschlich vor der Seele stehen, und niemand würde ihm einreden können, er habe nur ein Traumbild geschaut. Aehnlich ist es mit der Seele, die entzückt wird. Beim Einfluten des Lichtes der Gottheit wird sie sprachlos. „Der Atem stockt, sodaß sie, wenn auch die Tätigkeit der anderen Sinne noch andauert, durchaus nicht reden kann. Manchmal jedoch hört urplötzlich alles auf, es erkalten die Hände und der ganze Körper erstarrt derart, daß es den Anschein gewinnt, die Seele sei nicht mehr da, und mitunter kann man auch keinen Atem wahrnehmen. Dieser empfindungslose Zustand dauert jedoch nur kurze Zeit; denn sobald dieser gewaltige Aufschwung etwas nachläßt, scheint der Körper wieder einiges Leben zu gewinnen und atmet wieder auf, um aufs neue zu sterben und der Seele ein höheres Aufleben zu verschaffen. Bei all dem dauert eine solche großartige Verzückung nie lange. Es kommt aber auch vor, daß nach ihrem Aufhören der Wille so versenkt und der Verstand einen ganzen Tag oder mehrere Tage so entrückt bleibt, daß es den Anschein hat, er könne auf nichts achten als auf das, was den Willen zur Liebe zu erwecken vermag. Hierzu ist er in vollkommen wachem Zustande, dagegen ist er ganz eingeschlafen, wo er einem Geschöpfe besondere Aufmerksamkeit zuwenden soll.“