Die selige Christina von Stommeln
Part 17
Petrus von Dazien, der, selbst vom Geiste Gottes erfüllt, Christina so wirksam zu trösten verstand, er sollte schon bald aus der irdischen Wanderschaft abberufen werden, um das ewige Heil dort oben zu schauen. Zu Anfang des Jahres 1287 war er aus Gotland nach Bordeaux, jedenfalls zur See, als Gefährte seines Provinzials, zum Generalkapitel gereist. Den Rückweg machte er dann auf demselben Wege bis Antwerpen, reiste dann aber zu Lande bis Löwen, von wo er am 1. Juli an Christina schrieb, daß die Reise langwierig und mühselig sei, und er viele Beschwerden und körperliche Schmerzen erduldet habe, doch die unverdrossene Liebe überwinde alles, und wenn er auch mit dem linken Fuße stark hinke, so hoffe er doch im Herrn, in einer Woche zu Stommeln zu sein. Er erinnert dann noch Christina daran, daß sie ihm Reliquien der Heiligen und Magister Johannes ihm zwei Sexterne über die Wunderwerke Gottes versprochen habe. Ob Petrus wirklich im Jahre 1287 nach Stommeln gekommen ist, wissen wir nicht. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich. Er starb auf Gotland in der Fastenzeit 1288 und Bruder Folkwin meldete am 9. September 1288 die Trauerbotschaft nach Stommeln. Durch Reisen und Geschäfte, so schreibt er, sei er gehindert, öfter zu schreiben. „Jetzt aber zeige ich Euch mit Schmerz und unter Tränen an, daß unser ehrwürdiger Vater, der Bruder Petrus, weiland Prior und Lesemeister unseres Klosters, in der Fastenzeit im Herrn entschlafen ist. Seine Seele empfehle ich inständigst Euern heiligen Gebeten und bitte Euch zugleich, daß Ihr seine Seele den Gebeten der Schwestern, die bei Euch sind, sowie auch dem Gebete der Schwestern in Cöln, die er kannte, angelegentlichst empfehlen wollet.“ Der früher von Christina mehrmals geäußerte Wunsch, dem Bruder Petrus im Tode bald nachzufolgen, ging nicht in Erfüllung. Der Herr ließ sie noch nahezu fünfundzwanzig Jahre hier auf Erden. Jedoch bildet das Jahr 1288 einen Wendepunkt im Leben Christinas. In ihm wurde sie ihres geistigen Vaters und Trösters beraubt; in ihm sollten aber auch die Beunruhigungen und Quälereien seitens der Mächte der Finsternis ein Ende nehmen. In ihm löst sich ja auch die aus der Machtgier der Fürsten und Völker des Niederrheins erwachsene Unsumme von Haß und Eifersucht in der folgenschweren Schlacht von Worringen aus, in der die Heeresmächte sämtlicher Fürsten der niederrheinischen Lande miteinander kämpften. Veranlassung zum Kriege war die Thronfolge im Herzogtum Limburg. Im Jahre 1282 war der Herzog von Limburg ohne männliche Nachkommenschaft gestorben. Graf Reinold von Geldern und Graf Adolf von Berg stritten um die Erbschaft. Letzterer übertrug seine Ansprüche an den Herzog Johann von Brabant, und nun entstand Spannung, Streit und Zwietracht zwischen den Genannten nicht bloß, sondern auch zwischen allen benachbarten Fürsten. Auf Seite des Grafen von Geldern standen der Erzbischof von Cöln, Sigfrid von Westerburg, Graf Heinrich von Luxemburg, Adolf von Nassau, der spätere deutsche König, Dietrich von Cleve, Johann von Limburg an der Lahn, Walram von Falkenburg, Dietrich von Moers und andere Herren. Johann von Brabant hatte zu Verbündeten den Herzog Walram von Jülich, Graf Eberhard von der Mark, Adolf von Berg und andere. Die Erbitterung des Grafen von Jülich gegen den Erzbischof und Kurfürsten von Cöln sowie die Spannung zwischen der Stadt Cöln und dem Erzbischofe spielten mächtig in den Streit hinein. Sechs Jahre lang wurde gegenseitig gerüstet. Der Erzbischof selbst zog mit 14000 Mann auf das Schlachtfeld. Am 5. Juni 1288 kam es bei Worringen zur Schlacht. In der Abteikirche zu Brauweiler hatte Sigfrid vorher einen feierlichen Gottesdienst gehalten und seine Mannschaften durch eine feuerige Ansprache aufgefordert, die von den Gegnern im Erzstifte verübten Greuel zu rächen. Sigfrid und Reinold standen auf den beiden Flügeln, Heinrich von Luxemburg im Zentrum. Ihnen gegenüber standen Adolf von Berg und Arnold von Looz, im Zentrum dagegen Herzog Johann von Brabant. Durch einen geschickten Meisterzug lockte Erzbischof Sigfrid den Feind auf von Wassergräben durchschnittenes Gelände und wäre so beinahe gleich nach Beginn der Schlacht Sieger geworden. Allein durch das Ungeschick seiner ungestüm herandrängenden Bundesgenossen wurde Verwirrung angerichtet; die Lage des Erzbischofs und des Grafen von Geldern verschlechterte sich. Mit großer Tapferkeit wurde beiderseits gekämpft, lange wogte der blutige Kampf unentschieden hin und her, zuletzt neigte sich der Sieg auf die Seite der Brabanter. Elfhundert Leichen deckten die Wahlstatt und von den Verwundeten starben siebenhundert bald nachher. Unter den Gefallenen waren Graf Heinrich von Luxemburg und sein Bruder Walram, desgleichen Heinrich von Westerburg, des Erzbischofs Bruder. Sigfrid selbst wurde gefangen genommen, desgleichen Adolf von Nassau. Auch Reinold von Geldern wurde auf der Flucht eingeholt und mußte sich ergeben. Erzbischof Sigfrid verbrachte die erste Nacht seiner Gefangenschaft in der Kirche zu Monheim und blieb dann ein Jahr lang auf Schloß Burg an der Wupper in strenger Haft des Grafen Adolf von Berg.
Die sechs Jahre anwährenden Kriegsunruhen machten auf Christina, deren Heimat Stommeln, an der Grenze zwischen den Jülicher Landen und dem Cölner Erzstifte, nur zwei Stunden vom Schlachtfelde Worringen entfernt gelegen war, einen tiefen und betrübenden Eindruck. Der Gedanke an die vielen Greuel und Frevel, die der Krieg herbeiführte, und besonders die Befürchtung, es möchte mancher im Kriege umkommen, ohne mit Gott versöhnt zu sein, und in die Hölle fahren, hatte sie bewogen, Gott den Herrn zu bitten, er möge sie leiden lassen, um die einen vor dem Tode zu bewahren und denen, die fallen würden, die Gnade einer seligen Sterbestunde zu erlangen. Der Herr nahm ihr Anerbieten an und schickte ihr anderthalb Jahre hindurch vor der Schlacht ganz besondere Leiden. Den Teufeln wurde gestattet, sie am ganzen Körper mit spitzigen Eisen und Scherben zu zerkratzen und zu schinden, so daß er nur eine Wunde war, und diese Wunden wurden dann noch, um den Schmerz zu erhöhen, mit Salz eingerieben. Bluttriefend, einem Schlachtopfer gleich, dem h. Bartholomäus, den sie von Jugend auf besonders verehrte und der für Christus geschunden wurde, ähnlich, lag Christina auf ihrem Schmerzenslager inmitten des um sie her herrschenden Kriegeslärms und Kampfgetümmels. Trotz der grausamen Folter, die sie an allen Gliedern ihres Leibes quälte, und trotz des großen Blutverlustes nahm sie nur wenig Nahrung zu sich. Während dieser ganzen Zeit von anderthalb Jahren aß sie nichts anderes als etwas Ingwer. Das war ihre ganze Speise.
Durch ihre Leiden und Gebete erlangte sie von Gott die Gnade, daß Graf Adolf von Berg in jener Schlacht dem Tode entging und auch nicht gefangen genommen wurde und die beiden Grafen von Luxemburg nebst sehr vielen andern, die dort umkamen, durch die Barmherzigkeit Gottes vor der Höllenstrafe bewahrt blieben.
Christinas Leiden hatten den Höhepunkt erreicht. Nach der Wut des Kampfes trat endlich Friede ein im Lande. Nach der Zeit der Versuchungen und Prüfungen kamen nun auch Jahre friedevollen Trostes für die heldenmütige Dulderin Christi. Die von einem Ungenannten verfaßte Lebensbeschreibung Christinas schließt mit den Worten: „Nach der Schlacht bei Worringen hörte jegliche Verfolgung seitens des Teufels gänzlich auf. Zu dieser Zeit hat Christi Braut durch die Gnade ihres Bräutigams den Luzifer samt allen Teufeln, die in und außer der Hölle sind, durch standhaften Kampf und heldenmütigen Sieg überwunden, so daß sie über alle Feinde: Fleisch, Welt und Teufel, glorreich triumphiert.“
Christina war, um mich der Redeweise der h. Teresia zu bedienen, eingetreten in die siebente Wohnung der Seelenburg, in der es fast nie Geistestrockenheit noch innere Beunruhigung mehr gibt. Hier sprudelt dem verwundeten Hirsche labendes Quellwasser in Fülle. Hier findet die Taube, nach dem Verlaufen der Flut, den Oelzweig zum Zeichen, daß sie festen Boden gewonnen inmitten der Strömungen dieser Welt. Die Seele ergötzt sich im Zelte Gottes in fast ungetrübter Ruhe und ist frei von jeglicher Furcht, der böse Feind könne sie umgarnen. Sie ist nämlich vergewissert, daß Gott selbst es ist, der hier wirkt. Und wenn auch in diesem Seelenfrieden mitunter aus irgend einem äußeren Anlasse eine Beunruhigung eintritt, so ist sie von ganz kurzer Dauer und vermag nicht, die Seele in ihrer Entschlossenheit, in keinem Stücke vom Wege der Gottwohlgefälligkeit abzuweichen, wankend zu machen.
Der Born, an dem die Seele sich labt, ist die Seitenwunde Christi, aus der geflossen jenes Geheimnis der Liebe, das da ist unsere Stärkung auf der Wanderschaft zum himmlischen Vaterlande. Häufig und mit innigster Sehnsucht nahte Christina dem Tische des Herrn. Wie würde sie aufgejubelt haben, wäre es ihr vergönnt gewesen, täglich das Sakrament des Leibes und Blutes Jesu Christi zu genießen. Damals war es nicht Sitte, außerhalb der Hochgezeiten des Jahres zum Tische des Herrn zu gehen und Christina war zu bescheiden, um durch öftere Kommunion Aufsehen zu erregen. Jedoch benutzte sie jeden sich darbietenden festlichen Anlaß, um sich im Sakramente mit Christus zu vereinen, so daß sie durchschnittlich monatlich zum Tische des Herrn hinzutrat. So läßt sich aus den zufälligen Angaben des Petrus von Dazien feststellen, daß sie z. B. im Jahre 1279 zu Allerheiligen die Kommunion empfing, dann am Katharinentage, dann wieder zu Weihnachten, Mariä Lichtmeß, zweimal in der h. Fastenzeit, am Gründonnerstage, zu Ostern, am dritten Sonntage nach Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten. Später, zumal nachdem Magister Johannes Priester geworden und ihr die h. Kommunion reichen konnte, ging sie häufiger, nämlich durchgehends alle vierzehn Tage, zu den hh. Sakramenten. Mit welch heiligem Ernste, mit welch auferbaulicher Sammlung sie sich auf den Empfang des allerheiligsten Sakramentes vorbereitete, sahen wir im Verlaufe der Lebensbeschreibung des öftern. Den ganzen vorhergehenden Tag zog sie sich gänzlich von der Welt zurück und die Nacht durchwachte sie im Gebete, einzig und ausschließlich damit beschäftigt, sich vorzubereiten auf den Empfang ihres himmlischen Bräutigams, und in seliger Vereinigung mit ihm verbrachte sie den Kommuniontag gewöhnlich im Zustande der Verzückung an ihrem liebgewonnenen Plätzchen hinter dem Hochaltar der Pfarrkirche. Wenn es für Christina nicht tunlich war, Christum den Herrn so oft, als sie es gerne gewünscht hätte, im Sakramente zu empfangen, so vereinigte sie sich desto öfter im Geiste, nämlich der Sehnsucht nach, mit ihm. Eine wundersame Art dieser geistigen Kommunion ist aus der Fastenzeit des Jahres 1281 zu berichten. In der zweiten Fastenwoche jenes Jahres war Christina drei Nächte nacheinander in der widerwärtigsten Weise von den bösen Geistern gequält worden. In den beiden ersten dieser Nächte sandte der Herr einen Engel, um Christina zu trösten und zu heilen. In der dritten Nacht aber kam der Hohepriester und oberste Hirt Jesus Christus selbst zu ihr, nicht sichtbar, sondern nur dem Herzen Christinas innerlich wahrnehmbar, und trug einen Kelch von lauterm Gold, die h. Hostie darauf, in seiner Hand, machte das Kreuzzeichen über Christina, und siehe, alle Verwundung und Belästigung war verschwunden, und dann reichte er ihr die h. Hostie, indem er sprach: „Nimm hin, meine Braut und Freundin; das ist mein Leib.“ Dann reichte er ihr auch den Kelch und sprach: „Das ist mein Blut, das für dich vergossen wurde; durch dieses wirst du mit Sicherheit über alle Feinde siegen. Fürchte dich also nicht, sondern streite tapfer; denn ich werde dein sicherer Sieg und dein ewiger Lohn sein.“ Nach diesen Worten verschwand die wundersame innere Kundgebung, ließ aber in Christinas Seele Stärkung und Tröstung zurück.
Mit der Andacht und dem frommen Empfange des allerheiligsten Sakramentes verband Christina auch eine Andachtsübung, die erst in unsern Tagen Gemeingut der Christenheit geworden ist, nämlich die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu, aus dem der Welt das Heil geflossen.
In ihren Briefen erwähnt sie des öftern das Herz unseres Erlösers und dem Bruder Petrus beteuert sie, daß sie ihn im Herzen Jesu liebe (S. 128), sie wünscht ihm Tröstung im Herzen Jesu (S. 123) und bittet ihn im geliebtesten Herzen Jesu, sich ihres Bruders Sigwin anzunehmen (S. 129).
In der Nacht vor Christabend des Jahres 1280 betete sie, als die Geister der Bosheit sie unmenschlich marterten und sie mit dem Tode bedrohten, folgendermaßen:
„O Herr Jesus Christus, Du Leben der Menschen und Heil aller, die auf Dich vertrauen, ich bitte Dich durch Dein glorreiches Leiden und Sterben und =durch Dein süßestes Herz, das aus Liebe gebrochen ist=: sollte es Dein Wille sein, daß ich von diesen bösen Geistern getötet werde, so nimm mein angstvolles Herz in Gnaden auf und verbirg es in Deinem süßesten Herzen.“
In der Nacht des Donnerstags vor Petri Stuhlfeier 1281 rief sie inmitten der Folter also:
„O mein Herr Jesus, meine einzige Hoffnung von Jugend auf, der Du in meinen Leiden allezeit mein treuer Helfer und liebevollster Tröster gewesen bist, keine Wut der Verfolger, keine Heftigkeit der Peinen soll mich jemals, so lange ich lebe, von Dir trennen. Wenn ich jetzt sterben muß, so nimm mich nach Deiner Liebe in Gnaden auf und =verbirg mich in Dein süßestes Herz=.“
In der Fastenzeit des Jahres 1282, als sie, wohl im Geiste, hinausgeschleppt auf den Galgenberg bei Stommeln, mit dem Tode bedroht wurde, sprach sie wehmutsvoll:
„O Herr Jesus Christus, Du süßeste Liebe, in Deine Hände befehle ich meine Seele. Nimm sie in Frieden auf und =bewahre sie in Deinem süßesten Herzen auf ewig=. Meinen Leib aber lasse, wenn es Dein gütigster Wille ist, von den Dämonen zerrissen werden und eines Todes sterben, wie es Dir wohlgefällig ist.“
In der Nacht vor Weihnachtsabend 1283, als sie mit Durchbohrung des Herzens bedroht wurde, erhob sie die Augen gen Himmel und flehte also:
„Herr Jesus Christus, geliebtester Bräutigam, Du weißt es, daß ich allezeit gewünscht habe, mein Herz möchte brechen aus Liebe zu Dir; wenn Du Dich nun jetzt würdigest, diesen meinen Wunsch zu erfüllen, so sage ich Dir von ganzem Herzen Dank und =empfehle meine Seele in Dein süßestes Herz=.“
Die sicheren Kennzeichen der Vereinigung mit Gott sind nach der h. Teresia das Verlangen, Gott zu preisen, für ihn zu leiden, Buße zu üben, verbunden mit dem inbrünstigen Verlangen, daß alle Menschen Gott erkennen und lieben möchten, woraus dann bittere Pein entsteht bei der Wahrnehmung, daß er beleidigt wird. Mit diesem Verlangen ist nach der h. Teresia naturgemäß verbunden das Verlangen nach Einsamkeit.
Alle diese Kennzeichen treten im Leben Christinas klar zutage. Die Liebe zur Einsamkeit war es jedenfalls, die sie in ihrem stillen Heimatdorfe zurückhielt und sie bestimmte, den wiederholten und dringenden Einladungen, nach Schweden zu kommen, nicht Folge zu geben. Die Liebe zur Einsamkeit war es, die sie bewog, nach dem Weggang ihres Bruders Sigwin ein kleines Heim, dort gelegen, wo das alte Holzkreuz, rückwärts der dem großen Kreuzhof gegenüberliegenden jetzigen Christinakapelle, in Stommeln steht, zu beziehen, von wo sie hinter dem Dorfe her über den jetzigen Berlich unbeachtet und ungestört zur Kirche gehen konnte. Dort konnte sie in der Verborgenheit ihren frommen Uebungen und Bußwerken obliegen, dort konnte sie die außergewöhnlichen Gnadenerweise, mit denen die Huld des Herrn sie zu beglücken pflegte, verborgen halten. Wie sehr sie darauf bedacht war, diese besonderen Gnadenerweisungen, namentlich die hh. Wundmale, zu verbergen, erhellt aus dem Umstande, daß die Lederhandschuhe, mit denen sie am Ostertage, wenn sie zur Kommunion ging, die Hände verhüllte, damit die noch nicht ganz vernarbten Wundmale neugierigen Blicken entzogen würden, erhalten geblieben sind. Sie wurden als verehrungswürdige Gewandstücke nach Christinas Tode sorgfältig aufbewahrt, schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts mit gestickten Seidenhüllen, auf deren einer Christina vor dem Heilande, auf der anderen Christina vor dem Bilde der Gottesmutter dargestellt ist, umgeben. Mit ihrem Gebetstäfelchen und dem gewirkten Täschchen, in dem sie ihr Psalmenbuch aufzubewahren pflegte, sind sie noch heute als teuere Andenken in ihrem Grabmale bei den heiligen Gebeinen hinterlegt (Abb. 5). Sie müssen ihr also auch wohl bis zum Lebensende gedient haben. Es liegt somit der Schluß nahe, daß auch die Wundmale wie früher in der Leidenszeit, so auch später in der Friedenszeit sich alljährlich am Karfreitage an Christina erneuert haben. Nachdem Petrus von Dazien, ihr vom Herrn selbst bestellter Seelenführer, in die ewige Heimat hinübergegangen war, hat Christina allem Anscheine nach niemandem mehr, abgesehen von der Beichte, über ihre inneren Erlebnisse und Zustände Mitteilungen gemacht. In ihrer Einsiedelei lebte sie in inniger Gottvereinigung, äußerster Genügsamkeit, am Spinnrocken sitzend und stets dem Gebete obliegend, bis sie im Alter von siebenzig Jahren abberufen wurde zur beseligenden Vereinigung mit ihrem himmlischen Bräutigam im Hochzeitssaale des ewigen Lebens. In der Nachschrift des ersten Buches der Jülicher Handschrift, die nach dem Urteil der Sachverständigen aus der Zeit von 1342-1400 herrührt, heißt es wie folgt: „Die von Gott und den Menschen geliebte Braut Christi Christina legte im zehnten Jahre ihres Alters das Gelübde der Keuschheit ihrem Bräutigam Jesus Christus ab, dem sie unter mannigfachen und andauernden Versuchungen ... Nachstellungen und Martern der bösen Geister durch ein frommes Leben und unbesiegte Standhaftigkeit diente bis zum Jahre 1312 den 6. November, welcher der Tag des h. Leonhard war und auf den Montag fiel, an dem sie zur Zeit der Morgendämmerung beim ersten Hahnenschrei aus diesem irdischen Lichte in glücklichem Tausche hinüberschied ins ewige Licht.“
Achtzehntes Kapitel.
Christinas Verehrung nach dem Tode und deren Bestätigung durch Papst Pius X.
Die Heiligen leben nach ihrem Hinscheiden aus dieser Welt nicht bloß weiter bei Gott in ewiger Seligkeit, sondern sie herrschen auch mit ihm, wie die Schrift bezeugt. Der Herr liebt es, durch Vermittlung derer, die seine getreuen Diener und auserlesenen Freunde auf dieser Erde waren, den Erdenpilgern mannigfache Erweise seiner Huld und Erbarmung an Leib und Seele zukommen zu lassen. Für solche, die zeitlebens, vom Geiste Gottes getrieben, ihr Glück darin fanden, andere glücklich zu machen; die von Gottes Liebe entzündet, sich erschöpften in Werken christlicher Nächstenliebe, muß es ja auch im seligen Leben dort oben Möglichkeit und Gelegenheit geben, Erbarmen und Liebe zu üben, da ja die Himmelsherrlichkeit die Natur nicht zerstört, sondern nur erhebt und veredelt und das mit Hülfe der Gnade hienieden Begonnene zur Vollendung bringt. Auf die Anrufung der Heiligen erfolgen denn auch erfahrungsgemäß ganz auffallende Gebetserhörungen und der Herr verherrlicht die Grabstätte seiner Auserwählten nicht selten mit Wunderwerken. Auch Christinas Grab sollte glorreich werden. Sie wurde bestattet auf dem Kirchhofe zu Stommeln an der Nordseite des noch jetzt stehenden Turmes der alten Pfarrkirche, die anmutig auf der Höhe gelegen, Dorf und Umgegend beherrscht. Laut der bereits vorhin erwähnten, aus dem 14. Jahrhundert stammenden Nachschrift des ersten Buches der Jülicher Handschrift geschahen nach dem Tode Christinas viele auffällige Heilungen an ihrem Grabe. Auch Werner von Titz schreibt in seinen um 1586 verfaßten Annalen von Neuß zum Jahre 1330, um jene Zeit habe angefangen berühmt zu werden die selige Christina, eine heilige Jungfrau, die aus Stommeln gebürtig sei. Umständlich aufgezeichnet von diesen Heilungen ist jedoch nur die des Grafen Dietrich IX. von Cleve, die Veranlassung zur Errichtung eines Kollegiatkapitels in Stommeln werden sollte.
Graf Dietrich litt derartig an der Gicht, daß er weder gehen noch stehen, noch Speise zum Munde führen konnte. An seiner Schloßkapelle zu Monterberg bei Calcar versah damals Kaplansdienste ein Johannes von Stommeln, der wahrscheinlich dieselbe Persönlichkeit ist mit dem ehemaligen Magister Johannes von Stommeln und nachmaligem Kaplane Christinas. Durch diesen wohl erhielt Graf Dietrich Kunde von den Heilungen, die sich am Grabe Christinas zu Stommeln zutrugen, und auch er beschloß, sich dorthin fahren zu lassen. Am 2. August 1339 kam er nach Stommeln und ließ sich in einer Sänfte hinauf zum Kirchhofe tragen. Das Grab wurde geöffnet und die Gebeine herausgenommen, um in die Kirche übertragen zu werden. Dietrich verrichtete am Grabe Christinas ein Gebet, man gab ihm eines der Gebeine (ein Fingergelenk) in die Hand, und alsbald knisterte es in seinen Gliedern, wie wenn man dürres Reis zerbricht. Urplötzlich fühlte er sich geheilt, sprang auf, stieg zu Pferde und ritt von dannen, voller freudiger Dankbarkeit gegen Gott, der auf die Anrufung seiner Dienerin Christina ihm den Gebrauch seiner Glieder wiedergegeben hatte.
Die Heilung des Grafen Dietrich war die Veranlassung zur Stiftung zweier Kollegiatkapitel, nämlich desjenigen von Cleve und desjenigen von Stommeln.
Graf Dietrich verlegte nämlich das von ihm am 15. Februar 1334 zu Monterberg errichtete Stift mit Genehmigung seines Vetters, des Cölner Erzbischofs Walram von Jülich, im Jahre 1341 nach Cleve. Am 18. März des genannten Jahres legte er selbst den Grundstein zum neuen Chore der ehemaligen Stiftskirche und nunmehrigen Pfarrkirche zu Cleve. Eines der Chöre wird im Jahre 1425 bezeichnet als geweiht der seligsten Jungfrau und der seligen Christina.[53]
[53] Die Stadt Kleve. Beiträge zur Geschichte derselben von Dr. Robert Scholten. Kleve 1879, S. 417.
Die Stiftungsurkunde des Kollegiatkapitels von Stommeln ist nicht mehr vorfindlich. Aus der vom Cölner Erzbischof Walram von Jülich unter dem 4. Mai 1342 ausgestellten Uebertragungsurkunde, die im Staatsarchiv zu Düsseldorf beruht, geht jedoch hervor, daß das Stift oder Kollegiatkapitel vollständig in Stommeln bestand, jedoch keine hinlänglichen Einkünfte hatte. Es bestand aus einem Dechanten und zwölf Stiftsherren. Der erste Dechant des Stiftes hieß Gotfrid, und als Stommeler Stiftsherren werden aufgeführt: 1. Petrus von Unkelbach, 2. Herpern von Kentzwilre, 3. Johannes Knode, 4. Johannes von Stommeln, 5. Jakob von St. Andreas, 6. Johannes von Caster, 7. Wilhelm von Zülpich, 8. Ludwig von Randerode, 9. Philipp von St. Andreas, 10. Reinard von Nideggen, 11. Johannes von Arscoit, 12. Konrad von St. Cäcilien.