Die selige Christina von Stommeln

Part 16

Chapter 163,175 wordsPublic domain

Christinas Mutter hätte sechshundert Jahre im Fegfeuer bleiben müssen, hätte Christina nicht für sie ihre Leiden und Verdienste zur Sühne angeboten. In der Nacht nach dem dritten Adventssonntage 1282 wurde Christina von den bösen Geistern auf jene Felder geschleppt, die einst ihr Vater besessen hatte, und bei jedem Stücke sprachen sie zu ihr: „Siehe, das sind die Aecker, wegen deren dein Vater in Sünden gelebt und zur Hölle gefahren ist. Wofern du dich nicht auf der Stelle bekehrst, so werden wir dich zu deinem Vater ins ewige Feuer bringen.“ Und da Christina sich an dieses Gerede nicht störte, so rissen die Teufel sie in die Höhe und ließen sie dann zur Erde fallen und das wiederholten sie auf jedem Ackerfelde. Die ganze Woche hindurch wurde Christina in dieser Weise und auch noch durch Verwundungen gepeinigt. Einigen Trost hatte sie jedoch dadurch, daß sie gleich zu Anfang der Woche über die Erlösung ihres Vaters belehrt wurde und so ertrug sie diese Peinen mit Freude. In der Nacht nach dem vierten Adventssonntage wurde sie nach Nettesheim geschleppt und in den drei folgenden Nächten nach Knechtsteden und dort gefoltert. In der dritten Nacht, der h. Weihnacht, rang Christina den Teufel, der sie mit einer Lanze in den Schlamm des Klostergrabens stieß, nieder, bannte ihn fest, bis die anderen Teufel herbeikamen und flehentlich um Entlassung baten. Sie gestanden, daß ihrer zwölftausend seien, daß sie von Gott den Befehl erhalten, Christina zu foltern zur Erlösung ihres Vaters. Am Weihnachtstage wurde Christina nach der h. Kommunion entrückt und wurde gewürdigt, die Seele ihres geliebten Vaters, für den sie soviel gelitten hatte, und zugleich die Seele eines jungen Mannes, des Bruders des Magisters Johannes, vor Gottes Angesicht in Seligkeit und Herrlichkeit zu schauen. Es wurde ihr dabei auch kundgetan, daß die Seele ihres Vaters noch zwölftausend Jahre und die Seele des jungen Mannes noch viele Jahre im Fegfeuer hätten leiden müssen, wenn durch Christinas Verdienste ihnen nicht Hülfe gekommen wäre.

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In der Fastenzeit des Jahres 1283 erreichte die Peinigung Christinas, was die Anzahl der bösen Geister anbelangt, ihren Höhepunkt. Sie schleppten sie zur Nachtzeit gewöhnlich in den benachbarten Wald, „Gohrbroich“ genannt, und in der Nacht vor dem Gründonnerstage sogar in das weitentlegene, von einem grausamen Volke bewohnte Friesland und folterten sie auf alle mögliche Weise. Einem schlachtgeübten Helde gleich triumphierte Christina über den ganzen Höllenschwarm, der seine eigene Ohnmacht und die Allmacht des Herrn, den Christina verehrte, bekennen mußte. Den Gründonnerstag verbrachte Christina in Tröstung. Am Karfreitage schloß sie sich in ihr Kämmerlein ein, und empfing wie üblich die Wundmale des Herrn. Am Karsamstage war sie wieder in großer Freude und nach der Kommunion am h. Ostertage wurde ihr in der Verzückung kundgetan, daß durch ihr letztes Leiden zwei Seelen aus ihrer Verwandtschaft aus dem Fegfeuer befreit worden seien, von denen die eine sonst sechshundert, die andere dreihundert Jahre im Reinigungsorte hätte leiden müssen.

Nach der prüfungs- und schmerzreichen Adventszeit des Jahres 1283 wurde ihr am Weihnachtstage in der Verzückung auch die Auszeichnung zuteil, daß sie drei Seelen, für die sie so bittere Schmerzen hatte erdulden müssen, von den Strafen des Fegfeuers befreit, vor Gottes Thron erblickte. Die eine war die des Oheims des Magister Johannes, die zweite die der Großmutter Christinas und die dritte die einer Matrone aus Cöln, welche bei ihren Lebzeiten Christina besonders geliebt hatte. Gleichzeitig mit diesen wurde noch eine große Anzahl anderer Seelen aus den Qualen des Reinigungsortes in des Himmels Seligkeit eingeführt, die ohne Christinas stellvertretende Sühne noch viele Jahre im Fegfeuer wären zurückgehalten worden.

Im Juni 1284 hatte Christina eine Erscheinung. Es zeigte sich ihr die Seele eines Adeligen, der einige Tage vorher in einem Gefechte bei Aachen gefangen genommen und dann aufs Rad geflochten und getötet worden war. Er hatte mehrere Jahre in Sünden dahin gelebt, jedoch die gute Gewohnheit beibehalten, täglich zu Gott zu beten und auch sonst war er gutherzig. Er hatte das Glück, vor seinem Tode eine reumütige Beichte ablegen zu können, und so wurde seine Seele durch Gottes Erbarmen vor der Hölle bewahrt, jedoch zu den schwersten Strafen des Fegfeuers verurteilt. Die Seele dieses Mannes sah Christina in der Qual und hörte ihn mit jämmerlicher Stimme rufen: „Erbarme dich meiner, o Vater der Barmherzigkeit, und habe Mitleiden mit mir, der ich mich in so schweren und unerträglichen Leiden befinde; denn du hast mir nach deiner wunderbaren und unaussprechlichen Güte die Barmherzigkeit erwiesen, mich vor der Hölle zu bewahren. Nun flehe ich zu dir, du wollest mich auch aus dieser so schweren und unerträglichen Marter befreien.“ Christina erbot sich, für ihn zu leiden, wurde infolgedessen von einer großen Schar böser Geister zwei Wochen lang aufs grausamste gehämmert und sonstig gefoltert, erhielt dann aber am Sonntag vor Petri Kettenfeier die Versicherung, daß jenem Manne soviele Jahre von seinen Strafen erlassen worden seien, als Teufel gewesen, die sie seinetwegen gequält hätten. Dann erlitt sie nach dreitägiger Pause zwei Wochen hindurch bis zum Feste der Himmelfahrt Mariens, dann wieder zwei Wochen lang vor dem Feste der Geburt Mariens und noch sechs Nächte nach diesem Feste die Qualen des Fegfeuers. Doch erst am Feste der Himmelfahrt Mariens 1285, vor dem sie abermals acht Tage hindurch die Fegfeuersmarter erduldet hatte, wurde sie in der Verzückung gewürdigt, zu sehen, wie die Seele jenes Edelmannes aus dem Fegfeuer erlöst und mit der Himmelsfreude beglückt wurde. Bei ihm befanden sich noch sieben andere Seelen von Männern, die sieben Jahre vorher, in der Gertrudisnacht 1278, beim Ueberfall Aachens durch Graf Wilhelm von Jülich, in der Stadt Aachen erschlagen worden waren, und außer diesen noch neun andere aus verschiedenen Gegenden, die, wenn Christina nicht für sie gelitten, sonst noch viele Jahre in den Flammen des Reinigungsortes hatten leiden müssen.

Zwischen Ostern und Pfingsten 1285 hatte sie die Fegfeuerspein zur Erlösung von neun armen Seelen erduldet, deren Einzug in den Himmel sie am Pfingsttage in der Verzückung schaute. Eine dieser Seelen war die eines sehr weisen und gebildeten Cölner Bürgers, der vor anderthalb Jahren gestorben war. Dieser hatte einst Christina mit einigen anderen Ordensjungfrauen in sein Haus aufgenommen, ihr Gastfreundschaft erwiesen, sich nach Tisch unbemerkt zu den Füßen Christinas niedergeworfen und sie inständigst gebeten, doch seiner vor dem Herrn zu gedenken. Seit jenem Tage hatte Christina allezeit seiner im Gebete gedacht. Ohne Christinas Hülfeleistung hätte die Seele dieses Mannes angeblich dreißigtausend Jahre zur Abbüßung ihrer Sündenstrafen im Fegfeuer bleiben müssen. Eine andere Seele war die der Mutter eines Mädchens, das mit Christina sehr befreundet war. Diese hätte hundert Jahre im Fegfeuer zubringen müssen. Zwei andere waren Seelen von Frauen aus Cöln, die vor zwei Jahren gestorben und noch dreißig Jahre hätten leiden müssen, die fünf übrigen Seelen waren solche von Knaben, die ungefähr fünfzehn Jahre alt waren.

Am Allerheiligenfeste 1285 schaute sie in der Verzückung sechs Seelen, für die sie in der vorhergegangenen Woche gebüßt hatte. Es waren Seelen von verheirateten Männern, die im selben Jahre in den Ländern jenseits des Meeres im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen waren. Drei davon hießen Petrus, einer dagegen Sibodo, einer Hermann und einer Heinrich. Diese hätten hundert Jahre Fegfeuer zu erdulden gehabt.

Im Advent 1285 erduldete sie wiederum die Fegfeuersqualen und in der Verzückung erhielt sie am Weihnachtstage die frohe Kunde, daß vierzig Seelen aus dem Kerker der Reinigung befreit worden seien. Zwei davon waren aus Stommeln, und zwar war die eine die Seele einer Begine Hildegundis, die andere die Seele einer Witwe namens Elisabeth. Die übrigen waren aus entfernten Gegenden am Ufer des Meeres. Unter ihnen befanden sich zehn Männer, von denen drei Priester waren; die übrigen waren Frauen.

Am Lichtmeßtage 1286 wurde sie in der Verzückung durch die Erlösung dreier Seelen beglückt, von denen die eine die Seele eines bereits vor vielen Jahren verstorbenen Verwandten war, für dessen Seelenruhe sie schon lange Jahre gebetet hatte. Die beiden andern waren Seelen von zwei Frauen aus Cöln, Mutter und Tochter. Am Freitage nach Pfingsten, den 7. Juni 1286, wurde Christina nach der Kommunion entrückt und wurde getröstet durch die Erlösung von abermals drei Seelen, für die sie die Fegfeuerspein erduldet hatte.

Siebenzehntes Kapitel.

Christinas letzte Prüfungen, friedevoller Lebensabend und seliges Ende.

Die Gnade der Beharrlichkeit ist bekanntlich ans Gebet geknüpft. Darum versucht der Feind des Menschengeschlechtes es bis zum Aeußersten, selbst bei den Auserlesenen, daß sie vom Gebete ablassen oder es lau und lässig verrichten.

In der dritten Nacht nach Christi Himmelfahrt 1282 trat der Versucher in das Zimmer der im Gebete begriffenen Jungfrau und sprach zu ihr mit furchterregender Stimme: „Wie lange willst du, Starrsinnige, den Weg der ewigen Verdammnis gehen? Denn du, und zwar du allein, trittst mit Füßen die weisen Verordnungen der Väter und der Ordensstifter. Zur Zeit der Ruhe wachest du, betest in unnützer Weise und zur Zeit des Essens übest du Enthaltsamkeit und Fasten. Und so handelst du in allen Stücken verkehrt und erfüllst nicht Gottes Willen, sondern deinen verdammlichen Eigenwillen. Und darum wirst du vom Allerhöchsten in unsere Hand gegeben.“

Als er so gesprochen, bedrohte er sie mit grausamer Folter, wofern sie sich nicht zur Ruhe begebe und das Beten sein lasse. Christina aber sprach unerschrocken: „Mühe dich nicht vergeblich ab, böser Dämon, mich durch Lügengerede und Drohungen vom Lobe meines Herrn Jesu Christi abzubringen. Jemehr du mich davon abzukehren suchst, desto mehr bestärkst du mich darin und solltest du mir selbst meine Zunge rauben, so würde doch mein Herz und meine Seele fortfahren, den Herrn zu preisen.“ Darauf machte sich der Versucher beschämt von dannen.

Am Freitage nach St. Martin 1280 ging Christina morgens mit großer Sehnsucht zur Kirche, um die h. Kommunion zu empfangen. Da kam hinter ihr die Dienstmagd ihres in Cöln wohnenden Bruders Heinrich, die Christina hieß, auf dem Kirchweg hergelaufen, faßte sie am Kleide an und sprach: „Teuerste Jungfrau, warum habt Ihr nicht auf mich gehört. Schon eine Weile laufe ich Euch nach und oft schon habe ich Euch zugerufen. Kommt doch schnell wieder um; denn ich habe Euch einen wichtigen Auftrag von Euerem Bruder mitzuteilen.“ Christina erwiderte: „Teuere Namensschwester, verzeihet mir, wenn ich Euch beleidigt haben sollte. Denn der Herr weiß es, daß ich Euch gar nicht rufen gehört habe. Wisset aber, daß ich durchaus nicht mit Euch zurückgehen werde.“ Da begann das vermeintliche Dienstmädchen zu seufzen und sprach mit tränenerstickter Stimme: „Teuerste Jungfrau, nun muß ich es Euch gerade heraussagen, weshalb ich gekommen bin. Euer Bruder Heinrich ist tödlich verwundet und er schickt mich zu Euch. Und so bin ich die ganze Nacht hindurch gelaufen, um Euch desto eher die Nachricht bringen zu können. Ihr wisset ja, daß dieser Euer Bruder ohne Furcht und Erkenntnis Gottes, zum großen Nachteile seines Seelenheiles, immer in der Welt gelebt hat. Kommet also Teuerste, und stehet Euerem Bruder bei, der dem Tode nahe ist; denn Ihr könnt durch Euere frommen und heilsamen Ermahnungen in seinem Herzen das Feuer der Buße wecken, das Licht der Erkenntnis Gottes entzünden und so seine Seele der Pforte der Hölle entreißen und dem himmlischen Vaterlande zuführen.“ Aus diesen wohlgesetzten Worten, die darauf berechnet waren, in Christinas Herzen Regungen der Selbstgefälligkeit hervorzurufen und sie vom Empfange der h. Kommunion abzuhalten, schöpfte sie Argwohn und gab zur Antwort: „Gott, der Schöpfer und Erhalter aller Menschen, wolle nach seiner Güte meinen Bruder stärken und erhalten. Ich kann aber jetzt nicht umkehren; denn ich habe mir vorgenommen, die h. Kommunion zu empfangen.“ So sprach sie und ging eiligen Schrittes auf die Kirche zu. Im gleichen Augenblicke aber fiel ein schwarzer Hund sie an, zerrte sie an den Kleidern und hinderte sie am Weitergehen. Christina aber rief den Namen Jesu Christi an und befahl dem Versucher, zu offenbaren, wer er sei. Dieser gestand nun, daß er es gewesen, der in Gestalt der Magd ihr nachgelaufen, sie über die Verwundung ihres Bruders belogen, um ihr Gemüt zu verwirren und sie von der h. Kommunion abzuhalten.

Mit innigster Liebe hing Christina an ihrem jüngsten Bruder Sigwin, weil er ein gelehriges Herz zeigte, sich auf dem Wege der Vollkommenheit unterweisen zu lassen. Der Teufel, der jede Neigung des Herzens erspäht, um sie zu Versuchungen auszunutzen, wußte auch aus dieser besondern Zuneigung Christinas zu ihrem Bruder ihr einen Fallstrick zu drehen. Als Sigwin nach Schweden abgereist war, und noch keine Nachricht über seine Aufnahme in den Predigerorden eingetroffen war, nahm der Versucher zu drei verschiedenen Malen Sigwins Gestalt an und trat Christina auf dem Kirchweg hinter dem Dorfe entgegen. Das erste Mal wurde sie über seine vermeintliche Rückkehr sehr betroffen, faßte sich aber und umarmte ihn sehr freundlich, ohne zu vermuten, daß es der Versucher sei. Dieser aber konnte seine Freude über die Ueberlistung Christinas nicht verbergen und verschwand unter Hohngelächter. Als er aber zum dritten Male in Gestalt Sigwins sie auf dem Kirchwege zu beunruhigen versuchte, erkannte sie, vom Herrn belehrt, allsogleich seine Arglist und sprach zu ihm: „Weshalb verwandelst du Bösewicht dich in fremde Gestalten? Und warum beunruhigst du mich unter der Gestalt meines Bruders?“ Er antwortete: „Wenn ich dich auch nicht vollends habe hintergehen können, so wollte ich doch wenigstens dein Gebet unterbrechen, weil ich wußte, daß dein Herz Hinneigung hat zu deinem Bruder.“ Als Christina dies hörte, kniete sie nieder und bekannte sich schuldig vor dem Herrn, in dem Punkte nämlich, daß ihre Andacht so lau gewesen, daß der Dämon in Gestalt ihres Bruders sie darin habe stören können.

Ein anderes Mal kam ihr, als sie zur Kirche ging, jemand nach in Gestalt eines Briefboten und fragte sie, ob sie die Jungfrau sei, die Christina von Stommeln genannt werde. Betroffen sprach sie, warum er so genau nach ihrem Namen frage. Er entgegnete, Bruder Petrus aus Gotland habe ihn gesandt, um ihr einen Brief zu überbringen und Näheres über ihren Bruder Sigwin mitzuteilen. Da freute sich Christina und ersuchte ihn, es nur gleich zu erzählen. Da fuhr jener fort: „Erschrecket nicht, Sigwin ist gestorben.“ Da erhob Christina die Augen gegen Himmel und sprach: „Wenn der gute Knabe, mein geliebter Bruder, der Welt abgestorben ist, so bete und wünsche ich, daß er ewig leben möge im Herrn Jesus Christus.“ Und als sie das gesagt, begann sie bitterlich zu weinen. Sobald sie begonnen zu weinen, hatte sich die Gestalt des Briefboten als Trugbild des Versuchers erwiesen. Christina wies alsbald den Betrüger von sich. Dieser aber erhob ein lautes Hohngelächter und rief: „Nun habe ich dich doch wenigstens zum Weinen gebracht,“ und dann verschwand er.

Am Dreikönigentage des Jahres 1283, als Christina frühe vor der Messe um das Dorf zur Kirche ging, nahte sich ihr der Versucher abermals und sprach: „Wolltest du doch mir folgen und dein leeres Geplapper -- er meinte das Stundengebet -- aufgeben, so würde ich dich mit Reichtum und Ehren überhäufen und dich die Kunst lehren, wie du im Augenblicke an jedem beliebigen Orte der Welt sein könntest. Dann könntest du auch sofort jenes Kloster besuchen, in dem dein Bruder sich befindet, den du so sehr liebest und sehen, wie er sich befindet und daraus großen Trost gewinnen.“ Christina fertigte ihn ab mit den Worten: „Weiche von hinnen mit deiner Wissenschaft und deinem Trost; Jesus Christus beut mir wahre Wissenschaft und sichern Trost.“

Alle Verführungskünste bietet der Feind des menschlichen Heiles auf, um die Seelen, die auf dem Wege der Vollkommenheit mutig voranschreiten, zu verwirren und vom rechten Wege abzubringen. Schmeicheleien und Lobhudeleien wechseln ab mit Drohungen und Mißhandlungen. So wurde auch Christina nicht immer mit Schreckbildern geplagt. Als Christina in einer Nacht nach Pfingsten im Jahre 1281 wegen der drückenden Hitze in ihrem Hofe auf und ab ging und betete, zeigte sich eine Lichterscheinung in Gestalt eines Jünglings über ihr in den Lüften, die mit ihren Strahlen Haus und Hof erhellte. Christina erkannte diese Erscheinung als Täuschung, beschwor deren arglistigen Urheber im Namen Jesu Christi zu verschwinden oder sich in Finsternis zu verwandeln, und alsbald trat Dunkelheit ein. Im Januar 1282 kamen Engelsgestalten zu ihr, als sie nachts in ihrem Kämmerlein im Gebete wachte. Brennende Kerzen trugen sie in ihren Händen und mit den süßesten Worten erhoben sie Christinas Verdienste, und sagten, sie seien von Christus beauftragt, ihr an dieser Stätte, wo sie soviel für ihn gelitten, in dieser Nacht zu dienen und ihr aufzuwarten, und ihr durch die Helle des Lichtes Tröstung zu bereiten. Christina aber erkannte auf den ersten Blick das Blendwerk des Teufels, verdemütigte sich in ihrem Herzen vor dem Herrn und sprach dann: „Geister der Finsternis, durch Jesus Christus, der da ist der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters, beschwöre ich euch, abzulegen den Glanz des Lichtes, der euch nicht zukommt und zurückzukehren ins Reich der Finsternis.“ Und alsbald war der gleisnerische Spuk verschwunden und an seine Stelle trat wieder der grausame Verfolger.

Ein anderes Mal wurde sie auf dem Sandberge in Stommeln in die Lüfte erhoben, mit Lichtglanz umhüllt und von Gestalten, die Engeln ähnlich sahen, mit jubelnden Zurufen begrüßt und eingeladen, zu ihnen zu kommen. Aber auch diese List verfing nicht. Christina verachtete das Gaukelspiel, ließ sich nicht zur Selbstgefälligkeit verleiten und erwiderte, sie wolle lieber aus Liebe zu Christus leiden als trügerische Tröstungen annehmen. Doch auch wirkliche Tröstungen wundersamer Art bereitete ihr mitunter der Herr des Himmels und Gebieter der Natur. Als die Unholden der Finsternis sie in einer Nacht des Adventes 1285, der vorletzten vor Weihenacht, am zugefrorenen Sumpfe im Gohrbroich gar jämmerlich zugerichtet hatten, kamen sieben Wölfe herbei; die ihre natürliche Wildheit ablegten, gleich sanften Lämmern an Christina herantraten, mit ihrem warmen Hauche ihre erfrorenen Glieder erwärmten und dann vor ihr die Köpfe senkten, als wollten sie zum Abschiebe Christinas Segen erbitten. Da dankte Christina im Herzen ihrem Schöpfer, wurde innerlich getröstet und gebot dann im Namen Jesu Christi, dem selbst die wildesten unvernünftigen Geschöpfe gehorchen, den Teufeln, zu bekennen, weshalb sie ihr so unmenschliche Qualen zugefügt hätten. Sie bekannten, daß sie auf Befehl Gottes sie für die Sünden anderer gepeinigt hätten, verschwanden alsdann, und Christus selbst trat herzu, um Christina in ihr Kämmerlein zurückzuführen. Christinas Seele vertieft sich an Demut, steigt an Gottwohlgefälligkeit. Nicht mehr sind es Engel, die Christina nach überstandener Folter erquicken und trösten, der Herr der Engel selbst, Christus, der Seelenbräutigam, würdigt sich, sie heimzusuchen und gleich ihm wird sie durch Leib und Kreuz Siegerin und Gebieterin über die stolzen Mächte des Reiches der Finsternis. Was David im 90. Psalme singt, das traf auch, wie Petrus von Dazien[52] in einem seiner Briefe an Christina bemerkt, bei dieser zu. Sie spricht zum Herrn: „Meine Zuflucht bist du und mein Hort, mein Gott, ich vertraue auf dich. Und der Herr rettet dich vor des Jägers Schlinge und vom bösen Worte. Mit einem Schilde umgibt dich seine Wahrheit, nicht hast du zu fürchten vor den Schrecknissen der Nacht, vor dem schwirrenden Pfeile, der bei Tage fliegt, vor dem Unholde, der im Finstern schleicht ... Seinen Engel hat er geboten, dich zu schützen auf allen deinen Wegen; auf den Händen werden sie dich tragen, daß du nicht deinen Fuß an einen Stein stoßest. Ueber Vipern und Basilisken wirst du einherschreiten und niedertreten Löwen und Drachen ... Rufst du zu mir, so spricht er, so werde ich dich erhören; bei dir bin ich in der Bedrängnis, ich befreie dich und ich verherrliche dich. Mit der Länge der Tage will ich dich ersättigen und dich schauen lassen mein Heil.“

[52] _V. C._ 252.