Die selige Christina von Stommeln
Part 13
Als wir nun bis zum Pfarrhause gekommen waren, wo wir das Erforderliche besorgen wollten, um die h. Messe lesen zu können, stand die Frau des Glöckners da, schaute mich neugierig an und sagte schließlich: „Wie heißet Ihr?“ „Petrus,“ entgegnete ich. Darauf fragte sie weiter: „Woher seid Ihr?“ „Aus Dazien,“ gab ich zur Antwort. Da eilte sie gleich auf die Straße hinaus und rief, so laut sie konnte: „Christina! Christina! komme zurück, wenn Du eine Messe hören willst.“ Da nun auch wir auf die Straße hinausgingen, trafen wir mit Christina, die zurückkehrte, zusammen. Als ich sie grüßte, wußte sie vor Staunen und Ergriffenheit kaum zu antworten. Schließlich sagte sie: „Woher kommt Ihr?“ Ich antwortete: „Von Gott dem Herrn gesandt bin ich gekommen.“ Als mein Gefährte und ich Messe gelesen, speisten wir mit Christina in der Klause, wobei der Schulmeister Johannes den Gastgeber machte. Auch der Herr Pfarrer -- Heinrich hieß er -- gesellte sich zu uns. Als ich tags darauf nach der Vesper auf Christinas Begehr die Schriftstelle auseinanderlegte: „Ein gutes, geschütteltes, gerütteltes und gehäuftes Maß wird man Euch in den Schoß schütten“, kam sie derartig in Verzückung, daß sie weder zu Nacht speisen noch reden konnte. Ja, sie war derart in Gott versunken, daß sie gar nicht mehr achtete auf das, was gesprochen wurde. Sie war ganz mit ihrem Geliebten beschäftigt; sie hatte für nichts anderes Sinn und nur Worte der Andacht brachte sie hervor. Und in Anbetracht dieser großen Liebe zu ihrem Bräutigam ruhte alle Sinnestätigkeit. Zweimal aber brach sie währenddem in die Worte aus: „Teuerste! lasset uns Gott lieben, denn er ist überaus liebenswürdig. Teuerste! was sollen wir ihm wiedervergelten für so viele Wohltaten, die er uns erwiesen hat?“ ... Als sie endlich in etwa zu sich kam, geleiteten der Schulmeister Johannes und Aleidis sie zu ihrer Wohnung. Als es sich nun traf, daß ich neben ihr ging, fragte sie, wer das sei. Es wurde ihr geantwortet: „Bruder Petrus.“ Da sagte sie: „Bruder Petrus, wenn Du von Gott reden willst, bist Du willkommen. Wenn Du aber zu etwas anderem gekommen bist, so mache schnell und gehe dann; denn sonst würden wir Deiner bald müde sein.“ Die ganze folgende Nacht hindurch blieb sie in diesem Zustand der Innerlichkeit. Tags darauf fingen jene, die obiges gehört, mit dem Ausdruck des Bedauerns an, darauf die Rede zu bringen, daß jemand mich beleidigt habe. Sie antwortete: „Gewiß, wer solches gesagt hat, ist gar zu dreist gewesen.“ Sie hatte keine Erinnerung mehr an das, was sie am vorhergehenden Abende gesagt hatte. Wir blieben drei Tage in Stommeln und gingen dann nach Cöln, wo wir freundlich von den Brüdern aufgenommen wurden, besonders von denen, die mich von der Studienzeit her kannten, und ganz besonders von Bruder Johannes von Greif, der damals Unterprior war, und Bruder Johannes von Muffendorf. Bruder Gerhard vom Greif erkundigte sich nach Christina und belobte ihren Fortschritt auf dem Wege der Heiligkeit. Ich blieb nun ungefähr einen Monat lang in Cöln und wurde durch Gottes Gnade von meinem Seelenleiden geheilt. Auch verschaffte ich mir neun Häupter der hh. Jungfrauen (aus der Gefolgschaft der h. Ursula) und eines von der thebäischen Legion. Unsere Cölner Ordensbrüder besorgten mir diese unter Beihülfe des Bruders Folkwin.
Mitten in dieser Zeit, nämlich am Tage nach dem Feste des h. Erzengels Michael, ging ich mit Bruder Folkwin wieder nach Stommeln zu Christina. Wir fanden sie zu Bette liegen und sehr schwach. Ueber unsere Ankunft aber war sie sehr erfreut. Und als ich sie nach dem Grunde ihrer Schwäche fragte, sagte sie: „Der Dämon hat mir in dieser Woche die Haut vom Rücken gezogen, so daß man sich wundern muß, wie ein Mensch dabei noch leben kann.“ Am folgenden Tage, Sonntag den 1. Oktober, zeigte Petrus der Christina das früher am Sankt Christinatage an der linken Hand erhaltene Malzeichen und sie bestätigte ihm mündlich alles, was im Quatern schriftlich durch Pfarrer Johannes niedergeschrieben worden war. Auch machte sie ihm die in Kapitel 2 bereits berichteten Mitteilungen über Verwundungen, die man ihr während der Verzückung beigebracht hatte. Am folgenden Mittwoch kamen alle Beginen von Stommeln zusammen und bereiteten den beiden Ordensbrüdern ein schönes Mittagsmahl. Auch der Pfarrer Heinrich sowie Gerhard, der Sohn des Vogtes, und der Schulmeister Johannes gehörten zu den Gästen. Nach Tisch hielt Bruder Petrus einen Vortrag über die geistige Freude unter Zugrundelegung der Schriftstelle: _Laetare Jerusalem_ (Freue dich, Jerusalem) und im Laufe des Nachmittags kehrte er mit Bruder Folkwin wieder nach Cöln zurück.
„Zum dritten Male,“ schreibt Petrus, „ging ich nach Stommeln am Tage der elftausend Jungfrauen, als ich auf der Rückreise in meine Provinz begriffen war. Auf den folgenden Tag lud uns der Herr Pfarrer und seine Schwester, Frau Benigna, die nach Kleid und Wandel eine Begine war, zu Tische. Da nun bei Tische die Rede auf die Reliquien kam, die ich zu Cöln erhalten, und Benigna meine Hochachtung und Verehrung gegen Reliquien bemerkte, sagte sie: „Hätte ich das gewußt, so hätte ich Euch gerne das Haupt einer Jungfrau geschenkt, das ich zu Cöln habe.“ Als ich darauf erwiderte, ich möchte es mir gerne ausbitten, sagte sie: „Ich würde es Euch mit Freuden geben, wenn ich wüßte, wie Ihr es bekommen könntet.“ Daraufhin sprach der Herr Pfarrer: „Ehe er dieses Hauptes entbehren soll, gehe ich selber lieber zu Fuß nach Cöln und hole es.“ Und das tat er auch wirklich. Am folgenden Morgen machte er sich in der Frühe auf und noch vor der Abenddämmerung war er wieder zurück und trug jenes Haupt am Halse. Mit größter Freude nahm ich dasselbe entgegen und habe es von Stommeln bis Lübeck am Halse getragen, wodurch mir sehr oft große Süßigkeit des Herzens bescheert wurde.
Abends vor dem Tage der Abreise erhielt Christina, als sie die Vesper betete und unsere Reise Gott anbefahl, eine große Tröstung, die sich in ihrem Aeußern offenbarte. Sie war nämlich bei der Abendmahlzeit munterer als gewöhnlich. Als ich sie nun nach dem Essen nach dem Grunde ihrer Munterkeit fragte, sagte sie: „Seit zwei Tagen war ich niedergeschlagener Stimmung wegen Euerer Abreise. Als ich nun vorhin unter dem Baume die Vesper betete und Euch in großer Betrübnis des Herzens Gott anbefahl, sprach der Herr zu mir: „Sei ohne Sorge. Ich war mit Bruder Petrus, als er hierher kam; ich werde auch auf der Rückreise sein Führer sein.“ Auch sagte er: „In mir habe ich Euere gegenseitige Liebe gegründet und ich werde sie auch in mir erhalten.“ Diese Worte gaben mir Veranlassung, von der Süßigkeit der göttlichen Liebe zu reden. Christina wurde darob derart gerührt, daß sie wegging, vollständig entrückt wurde und starr und regungslos dalag. Am andern Morgen, dem Tage der hh. Krispin und Krispinian (25. Oktober), lasen wir Messe, frühstückten und darauf hielt ich eine Ansprache über die Schriftstelle: _Convertere anima mea in requiem tuam, quia dominus benefecit tibi_ (Kehre in deine Ruhe ein, meine Seele, denn der Herr hat dir Gutes erwiesen). Hierauf nahmen wir Abschied von Christina und von denen, die bei ihr waren, empfahlen uns einander dem Herrn und so reisten wir ab. So endete der fünfzehnte Besuch im Jahre 1279.“
Fünfzehntes Kapitel.
Vom Advent 1279 bis zum Advent 1280.
Ueber Neuß und Düsseldorf, Soest und Minden gelangte Petrus mit seinem Begleiter Folkwin Freitag den 24. November 1279 nach Lübeck, schrieb von da an Christina sowohl wie an Magister Johannes, ging am 26. November zu Schiff, erlebte in der Nacht vor St. Luzia einen furchtbaren Sturm, landete aber am Tage nach St. Luzia glücklich in Kalmar, woselbst er im Dominikanerkloster überwinterte und an Christina sowohl, wie an Magister Johannes und Hilla vom Berge Briefe schrieb. Im Briefe an Christina setzt Petrus auseinander, daß er Christina um Christi willen liebe. „Möge die Welt,“ sagt er, „lärmen, spotten, verkleinern, zürnen und abraten, so werde ich doch die Braut meines Herrn aus Herzensgrund lieben -- wegen des Bräutigams selbst.“ Grund der Liebe ist Christus. Christina aber ist dem Petrus Wegweiserin und Vorbild geworden, um Christus zu finden, ihn zu lieben und feiner zu genießen. Im Frühjahr 1280 fuhr Petrus mit Folkwin nach der Insel Gotland und sie langten am weißen Sonntage in Wisby, der Geburtsstadt des Petrus, an. Hier trat dieser das Amt eines Lesemeisters an und schrieb bald nach seiner Ankunft einen Brief an Christina, in dem er unter anderm meldet, daß ein Teil der hh. Reliquien, die er in Cöln erhalten, glücklich angekommen sei. Auch entschuldigt er sich, daß er dem Magister Johannes noch nicht die versprochene Schrift, gemeint ist das erste Buch der Jülicher Handschrift, zugeschickt habe. Es habe ihm nämlich bisher an Pergament und an einem Schreiber gefehlt.
Am Vorabend des h. Laurentius (9. August) des Jahres 1280 erhielt Petrus auf dem Provinzialkapitel auf Alsen (_Aslonia_) einen ausführlichen Bericht des Magisters Johannes, den dieser am Freitag vor St. Urbanus (24. Mai) geschrieben hatte. Aus demselben ersehen wir, daß Christina im Advent 1279 von gänzlicher Dürre des Herzens heimgesucht wurde und zudem, wenn auch nicht in körperlicher Weise, ganz neue teuflische Quälereien zu erleiden hatte. In der zweiten Adventswoche wurde sie im Geiste in bitterster Kälte hingeschleppt über hartgefrorene Erdschollen, durch Dorngestrüpp und Hecken hingerissen zu einem Sumpf im nahen Walde, dort verhöhnt, durch Drohungen und Gotteslästerungen gequält, schließlich an einen Baum aufgeknüpft und gliedweise verstümmelt. Das wiederholte sich bis zum Weihnachtsabende. Dabei sah Christina das Schauerliche der Oertlichkeiten, ihre schimpfliche Entblößung, die Schar der Teufel und fühlte den entsetzlichen Schmerz der Verwundungen. Die Teufel trieben ihr Blendwerk so weit, daß sie sagten, sie wollten zu Christinas Beschämung alle Männer des Dorfes zusammenrufen, so daß Christina wirklich zum Glauben kam, es ständen Leute umher, um sich an ihrer Qual und ihrer Entblößung zu weiden, was aber wirklich nicht der Fall war. Es erging der seligen Christina bei diesen Vorgängen geradeso wie der h. Teresia, als ihr Herz mit einem Pfeile durchbohrt wurde. „Es war dies,“ sagt Sankt Teresia, „kein körperlicher Schmerz, sondern ein geistiger, wiewohl auch der Leib und zwar in nicht geringem Maße an demselben teilnahm.“ In der Nacht vor dem h. Abend erhielt die durch den Advent hindurch fortgesetzte Folter ihre Krönung durch die Enthauptung Christinas. Diese zagte nicht, sondern empfahl sich dem, der tötet und wieder lebendig macht. Noch vor Tagesanbruch hörten alle Qualen auf; die bösen Geister, zwölf an der Zahl, gestanden, daß alles, was sie gesagt und getan, Lug und Trug gewesen, und als Christina ihnen im Namen Jesu befahl, sich zu entfernen, schieden sie unter großem Geheul von dannen. Von da bis zum Weihnachtstage blieb Christina in Sammlung des Geistes und großer Sehnsucht des Herzens, bis sie in der h. Kommunion sich mit ihrem Bräutigam vereinigte. Sie geriet so schnell in Entzückung, daß sie nicht einmal zu ihrer gewohnten Stelle hinter dem Altare gelangen konnte, sondern zur Seite des Altares hinsank und dort regungslos bis zum dritten Tage verharrte, überströmend vor Wonne und Seligkeit, ohne irgend etwas wahrzunehmen und ohne irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen.
Von Weihnachten bis zum ersten Sonntag der Fastenzeit 1280 erfreute sich Christina, abgesehen von einigen Tagen vor Mariä Lichtmeß, großer Tröstungen und geistiger Freude. In der Nacht vor Mariä Lichtmeß wurde sie jedoch versucht, die h. Kommunion am folgenden Tage zu unterlassen, weil sie bisher irre gegangen und erst ein besseres Leben beginnen müsse. „Da habt ihr mir eine gute Ermahnung gegeben,“ antwortete Christina den Versuchern, „denn es ist Zeit, daß ich mich zum wahren Leben, das Christus ist, bekehre.“ -- Enttäuscht begannen nun die Versucher Christina zu quälen, indem sie dieselbe mit Haken zerfleischten. Christina achtete dies alles gering, ging, wiewohl ihre Wunden bluteten, morgens zur h. Kommunion und wurde alsbald entrückt.
Die folgende Fastenzeit brachte eine Prüfung neuer Art. Der Heiland, der Christina in mannigfacher Weise schon die Präge seiner Aehnlichkeit aufgedrückt hatte, ließ sie vom ersten Fastensonntage bis zum Gründonnerstage das Leiden stellvertretender Buße für die Sünden der Menschen durchmachen. Wie die öffentlichen Sünder am ersten Fastensonntage aus dem Heiligtum des Gotteshauses verwiesen wurden, um am Orte der Büßer Sühne für ihre Vergehungen zu leisten, und erst am Gründonnerstage wieder zur Gemeinschaft der Gläubigen Zulaß erhielten, so wurde Christina in genannter Zeit der tröstlichen Gegenwart ihres Bräutigams gänzlich beraubt und ihre Seelenfreude in Trauer und Trockenheit verwandelt. Sie war wie ausgeschlossen aus dem Herzen ihres Bräutigams. Trotzdem unterließ sie nichts von ihrem Gebete, hielt an in stetem Wachen und kämpfte mit mannhafter Stärke gegen alle Anfechtungen. Zur Trostlosigkeit gesellten sich vom zweiten Sonntage an auch noch besondere Versuchungen. Der Fürst der Finsternis liebt es ja, sich als Engel des Lichtes aufzuspielen. In Gestalt der beiden Dominikaner, denen Christina das meiste Vertrauen schenkte, des Petrus von Dazien nämlich und des Gerhard vom Greif, kamen zwei böse Geister nachts zu Christina, quälten sie mit allerlei Behauptungen, suchten sie von der Verkehrtheit ihres Lebens zu überzeugen und rieten ihr, einen andern Wandel anzufangen. Wiewohl Christina bei Anbruch des Tages die Täuschung erkannte, so war es ihr doch immer wieder in den folgenden Nächten so, als ob jene beiden Brüder wirklich ihr Vorhaltungen machten. Sie kamen nämlich in jeder Nacht wieder, brachten immer neue Gründe vor, um sie irre zu machen, und da sie standhaft blieb und sich zum Gebete wandte, wurde sie auf grausame Art gequält. Bald war es flammendes Feuer, bald siedendes Pech, dann Schwefel, das sie vom Gebete abschrecken sollte. Dann wurde sie mit Steinen zermalmt, dann mit einem Beile zerhackt und in der Nacht vor Gründonnerstag mit Lanzen zerstochen. Zweimal ging sie in dieser Zeit zur h. Kommunion, empfing aber keinerlei Tröstung. Ihr liebstes Gebet war in diesen Heimsuchungen der 87. Psalm: „_Domine Deus salutis meae._ Herr, Gott meines Heiles, Tag und Nacht ertönt mein Wehklagen vor Dir“, der so recht ihre Verlassenheit und Seelenpein zum Ausdruck bringt. Nicht mehr war in dieser Zeit der Name des himmlischen Bräutigams auf ihren Lippen; sie nannte ihn nur ihren geliebten Vater. Alle Betrachtungen und Unterredungen und Gebete Christinas waren während dieser ganzen Fastenzeit nur ein Widerhall dessen, was in der h. Messe oder im kirchlichen Stundengebet aus den Propheten oder Evangelien über das Leiden des Herrn gelesen wurde. Am Morgen des Gründonnerstages, dem Ende der Bußzeit, wurde Christina in der Verzückung wiederum ins himmlische Brautgemach eingeführt, erhielt Vergebung der Sünden, wurde der Anschauung ihres Bräutigams gewürdigt und mit seliger Wonne erquickt. Vom Abende des Gründonnerstages bis zum Karsamstage sonderte sich Christina gänzlich vom Verkehr mit den Menschen ab und zog sich in ihr Kämmerlein zurück. Alle Marter, die der Herr am Karfreitag erduldet, erneuerte sich der Reihe und Zeitfolge nach an Christina. Gegen drei Uhr war sie im Todeskampf; die Seite öffnete sich, das Herz schien zu brechen und um drei Uhr hauchte sie aus. Sie lag da wie eine entseelte Martyrin, ihre Seele aber wurde gewürdigt zu verkosten, wie groß die Liebe Christi gewesen, die ihn bewogen hatte, für uns zu sterben. Am Karsamstage leuchtete aus Christinas Blick himmlische Seligkeit hervor, ihr Antlitz strahlte wie das eines Engels, ihr ganzes Aeußere war wie verklärt. Sie war mit Christus auferstanden. Fröhlich und jubelnd ging sie am Ostermorgen zur Kirche, empfing die h. Kommunion, wurde alsbald entrückt und mit überströmender Wonne erfüllt.
In der dritten Woche nach Ostern nahte Christina wiederum dem Tische des Herrn, hatte aber in der vorhergehenden Nacht Störung im Gebete verbunden mit Quälung durch Pfriemenstiche zu erleiden.
Freitag der darauffolgenden Woche (24. Mai) vollendete Magister Johannes das Schreiben an Petrus, dem vorstehende Mitteilungen größtenteils entnommen sind, bittet gegen Schluß desselben den Petrus, er möge für Christina, ihrem Wunsche entsprechend, das Lob- und Dankopfer darbringen und auch das versprochene Buch ihr baldigst zugehen lassen. Gemeint ist die Fortsetzung des ersten Buches der Jülicher Handschrift, in dem Petrus, ohne Christina mit Namen zu nennen, im Anschluß an dreiundvierzig, in leoninische Hexameter gefaßte, dem Buche vorangestellte Leitsätze das Ideal einer gottseligen Jungfrau schildert, unter anderem ihre Züchtigkeit im Blick, ihre Klugheit in der Rede, ihre Frömmigkeit im Werke, die Innigkeit ihrer Gottesliebe, ihre Herzensgüte im Umgang, ihre Enthaltsamkeit im Genusse von Speise und Trank, ihre Bescheidenheit im ganzen Benehmen hervorhebt und ihre Fasten, Nachtwachen, Leiden, Kämpfe und Triumphe feiert.
Magister Johannes hatte den Anfang des Buches, den er bereits von Petrus erhalten hatte, der Christina vorgelesen und erklärt. „Sie hat sich dadurch,“ so schreibt Johannes an Petrus, „gar sehr erbaut und mit solcher Herzenseinfalt zugehört, daß sie sich über Euch nicht genug wundern konnte, warum Ihr von dieser Euerer geistlichen Tochter ihr nie etwas gesagt hättet.“ In ihrer Demut kam es ihr nämlich nicht in den Sinn, daß von ihr selbst im Buche die Rede war.
Am Mittwoch nach Apostel-Teilung (17. Juli 1280) ging ein neues Schreiben von Magister Johannes und Christina an Petrus, das verschiedene Mitteilungen über Christinas innere Erlebnisse enthält, vornehmlich aber die Aufnahme Sigwins, des Bruders Christinas, in den Dominikanerorden bezweckte.
Wir entnehmen demselben, daß Christina am Vorabende von Christi Himmelfahrt, als sie nach der Beichte in der Kirche allein zurückblieb, um dem Gebete obzuliegen, darin wieder vom Versucher durch Lärm und Getöse gestört wurde, ihre Verachtung gegen diese Versuchung aber dadurch bekundete, daß sie anfing mit lauter Stimme zu singen. Magister Johannes, welcher in der an die Kirche anstoßenden Klause damals seine Wohnung hatte, öffnete das in die Kirche Einblick gewährende Fenster und beobachtete den ungewohnten Vorgang. Am Feste der Himmelfahrt unseres Herrn empfing Christina die h. Kommunion, wurde entrückt, verkostete einen Vorgeschmack der Himmelsseligkeit und wiederholte im Seelenjubel gar oft den Vers des Psalmes: _Ascendit deus in iubilatione_ -- Der Herr ist aufgefahren unter Jubelsang. -- Dem Briefe des Magisters Johannes fügte Christina am Schlusse folgende Bitte bei:
„Im Uebrigen bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, bei der Treue und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, in der ich Euch liebe und mich auch freue, von Euch wiedergeliebt zu werden, Ihr wollet aus meinem Herzen alle Besorgnis wegräumen und meiner Seele volle Freiheit verschaffen, indem Ihr bezüglich meines Bruders dem Wunsche, den ich Euch bei Euerer Anwesenheit hierselbst, leider nicht nachdrücklich genug, kundgegeben und den ich in meinem letzten Schreiben inständigst in Erinnerung gebracht habe, wie ich zuversichtlich hoffe, zu entsprechen Euch bestrebt. Ich darf Euch nicht verhehlen, daß seit Euerer Abreise dieser auf das Seelenheil meines Bruders gerichtete Wunsch immer lebhafter geworden ist. Ich befürchtete nämlich, sein jugendlicher Sinn könnte ihn, der jetzt noch heilsamen Ratschlägen ein williges Ohr leiht, weltlichem Treiben zuführen und so, was Gott verhüten möge, sein Seelenheil in Gefahr bringen. Deshalb bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, recht herzlich bei der Treue und Liebe, die uns miteinander verbindet, Ihr möget womöglich bei der ersten besten Gelegenheit die Erlaubnis nachsuchen, baldigst in unsere Gegend kommen zu dürfen. Solltet Ihr aber für Euere Person diese Erlaubnis nicht erlangen können, so wollet durch befreundete Ordensbrüder oder durch vertrauenswürdige Boten meinen Bruder wissen lassen, was er tun soll oder wie er zu Euch gelangen soll. Sollte man aber nicht sonderlich geneigt sein, meinen Bruder in den Orden selbst aufzunehmen, weil er ein Laie ist und wenig geeignet dazu, so wollet doch dafür Sorge tragen, daß er dem h. Ordensleben in irgend einem Orte angeschlossen werde, aber in der Nähe Euerer Stadt, damit Ihr ihn, den Fremdling und Ausländer, in väterlicher Liebe mit frommem Zuspruch im Dienste Christi mitunter bestärken könnt.
Es erübrigt mir, teuerster Vater, Euch von ganzem Herzen für die mir unwürdigen durch soviele Wohltaten an Leib und Seele erwiesene Güte zu danken. Da ich jedoch nicht im Stande bin, Euch Euere Güte entsprechend zu vergelten, so bitte ich flehentlich Denjenigen, dem zu Liebe Ihr das Alles getan habt und noch tut, er möge selbst Euer übergroßer Lohn sein.
Es grüßt Euch Johannes, der Lehrer (_rector_) der Knaben, der mir allerwegen besondern, vertrauten und treuen Beistand leistet. Auch bitte ich, teuerster, zugleich mit Magister Johannes recht dringend, Ihr wollet, sofern Ihr wünscht, er solle Euch schreiben oder da bleiben, wo er jetzt ist, das uns versprochene Büchlein mit den weitern Darbietungen, die Ihr zu unserer Erbauung oder Tröstung geeignet erachtet, uns möglichst bald zugehen lassen. Magister Johannes hat mir den Teil davon, den wir hier haben, zweimal vorgelesen und ich muß Euer Liebden gestehen, daß ich nie etwas gehört habe, was mir solche Freude bereitet hat. Auch wundert es mich gar sehr, daß Ihr mir von dieser Euerer Tochter oder Freundin nie etwas gesagt habt, obschon Ihr doch seit langer Zeit mit mir befreundet seid.
Es grüßt Euch auch mein Bruder Sigwin; betet doch für ihn zu Gott. Desgleichen Hilla vom Berge mit allen Euern Freundinnen; sie bitten, Ihr möget für sie beim Herrn Fürsprache einlegen. Grüßet auch, wenn Ihr könnt, den Bruder Folkwin und saget ihm, er solle für uns alle zu Gott beten.“
Weil Christina in ihren Briefen öfter von der Liebe und Freundschaft sprach, die sie mit Petrus verband, so setzte Petrus in seinem Antwortschreiben die Gründe der wahren, in Gott gegründeten Liebe auseinander, die auch bei räumlichem Getrenntsein keinerlei Einbuße erleidet. Den Freund, so führt er schließlich aus, sollen wir in Gott und den Feind um Gottes willen lieben. So sei auch Christus für alle Menschen, auch für seine Feinde gestorben. Wiewohl nun aber der Tod des Herrn hinreichend gewesen sei, um Freunden und Feinden Erlösung zu bringen, so hätte er sie doch in Wirklichkeit nur den Freunden gebracht. Wie daher hinreichende und wirksame Gnade nicht in der Bemessung des Spenders, sondern in der Bewertung des Empfängers den Grund ihres Unterschiedes hätten, so sei auch Christi Tod von verschiedenem Werte gewesen für seine Freunde und für seine Feinde.[48]
[48] Die im Munde eines Schülers des h. Thomas von Aquin bemerkenswerte Stelle über die Wirksamkeit der Gnade hat folgenden Wortlaut: „_Quamvis ergo amicis et inimicis mors domini ad liberationem suffecit, solis tamen amicis eam effecit. Et ideo: quantum differunt sufficientia et efficientia, non in dantis largitate, sed in recipientis utilitate, tantum dominus inter amicos et inimicos suos distinxit sua morte pretiosa._“ _V. C._ 194