Die selige Christina von Stommeln
Part 12
Auch meldet der Pfarrer, daß bald nach der Abreise des Petrus ein Interdikt über die Gegend verhängt worden sei -- Erzbischof Engelbert von Falkenburg war der Urheber dieser Maßregel -- Christina mußte deshalb nach Brauweiler gehen, um die h. Kommunion zu empfangen. Die Abtei Brauweiler unterlag nämlich nicht dem Interdikte. Wenn Christina nun ausgehen wollte, um die hh. Sakramente zu empfangen, so drohte ihr der Teufel, wenn sie nicht zu Hause bleibe, so werde er sie mit vielen Plagen heimsuchen und dafür sorgen, daß sie beschämt werde. Als sie nun einmal in der Kirche zu Brauweiler beim Prior gebeichtet hatte und sich dann anschickte, zur h. Kommunion zu gehen, da riß ihr urplötzlich der Teufel die Schuhe von den Füßen und zerfetzte sie; dann stieß er sie mit dem Kopfe gegen die Mauer und zog ihr die Haut von den Füßen. In diesem schmerzlichen Zustande ging sie zum Altare. Noch lange Zeit nachher hatte sie Schmerzen an den Füßen.
Ein dritter Brief, den Bruder Petrus zu Aarhus von Christina erhielt, gibt Kunde von weiteren Prüfungen, die sie betroffen, vom Verluste mehrerer Freunde und von der Verarmung ihrer Eltern. Er ist gegen Ende der Fastenzeit 1272 geschrieben und hat folgenden Wortlaut:
„Ihrem lieben, teuern, allerteuersten Bruder Petrus, Lesemeister der Predigerbrüder in Skeninge, entbietet Christina von Stommeln Heil im wahren Heilande. Da ich nach Euerem Weggange mich lange Zeit hindurch von meinem Bräutigam verlassen fühlte, war ich so niedergeschlagen, daß ich, was viele gesehen, beträchtliche Klumpen geronnenen Blutes gespieen habe.
Klagen muß ich Euch auch meinen Schmerz über das Geschick meiner Freunde. Vor allem melde ich Euch mit Betrübnis, daß der innigstgeliebte Herr Prior von Brauweiler nach Mariä Himmelfahrt gestorben ist. In seiner Krankheit hat er sich mit so flehentlichen Worten meinem Gebete empfohlen, daß ich ohne Tränen nicht davon sprechen kann. Er hat auch gewünscht, ich möchte Euch schreiben, daß Ihr doch für ihn betet. Ich bitte Euch deshalb, daß Ihr so seiner Seele gedenken möget, wie Ihr nach meiner Ueberzeugung es für mich selbst tun würdet, wenn ich gestorben wäre. Er hat mir nämlich, so lange er lebte, sehr viel Gutes erwiesen. Um meinen Schmerz voll zu machen, ist dann auch noch Bruder Gerhard vom Greif weggegangen. Er wurde nämlich als Prior nach Coblenz versetzt. So sind denn nun fast alle meine Freunde von mir geschieden.
Außerdem traf großes Ungemach andere von meinen Freunden und zumal meine Eltern, die ganz verarmten, weil mein Vater in Folge einer Bürgschaft, die er zwischen Juden und Christen übernommen, seine ganze Habe eingebüßt hat. Da er es nicht über sich bringen konnte, hier zu bleiben, ist er für drei Monate aus dem Dorfe weggegangen. Ihr könnt Euch denken, Teuerster, welche Betrübnis es für mich war, als mein Vater, der mir soviel Gutes erwiesen, jeglichen Gutes bar, so von dannen ging. Als er in Cöln war, drängte es mich, ihn dort zu besuchen, um zu sehen, wie es mit ihm stände. Und als ich ihn so niedergeschlagen sah, habe ich herzlich geweint. Am Tage der unschuldigen Kinder mußte meine Mutter nach Cöln, um den Vater zu besuchen, fiel aber vom Karren, brach den Arm und erhielt eine große Wunde am Kopfe. Auch sie zog sich dann nach Cöln zurück. Das war für mich eine neue Trübsal, da sie lange bettlägerig war und viele Auslagen hatte. Auch wurde sie von hochgradigem Fieber befallen, so daß Euere Mitbrüder ihr die h. Oelung erteilten. Ueberdies bekam sie die Blättern, so daß sie nicht wiederzuerkennen war. Sechs Wochen lang lag sie in dieser Heimsuchung in Cöln darnieder. Und so ging ich denn gleich nach den Weihnachtsfeiertagen nach Cöln. Ich konnte jedoch wegen der frischen Wunden keine Schuhe anziehen -- kurz vor Weihnachten hatte ihr nämlich der Teufel Bindweiden durch die Füße gezogen -- und so ging ich denn barfuß nach Cöln bei größter Kälte und in großer Qual an Leib und Seele. Als ich nach einiger Zeit nach Stommeln zurückkam, fand ich Haus und Hof ohne Bewohner. Nichts mehr fand sich dort vor; ich war wie eine Arme und Heimatlose und in gänzlicher Not mußte ich bald hier, bald dort Unterkunft suchen.
Voll von Leid bin ich gegenwärtig und auf noch mehr Leid mache ich mich gefaßt. Und doch muß ich Vorsorge treffen und den ganzen Tag über sehe ich der vollständigen Losreißung von den Meinigen entgegen. Darum, teuerster, bitte und ersuche ich Euch, doch für mich zu beten in Anbetracht der großen Notlage, in die ich gekommen bin, auf daß Gott mich in diesen Prüfungen ohne Sünde erhalten möge, mir unerachtet der Ablenkung seine Gnade nicht entziehe und schließlich mein Leid verwandele in Freude, die niemand mir nehmen kann.
In der gegenwärtigen Fastenzeit, in der ich diesen Brief schreibe, entbehre ich jeglicher Gnadenerweisung und der Freude am Gebet. Dabei werde ich von innerlichen Versuchungen heftig geplagt. Ueberdies kommt der Dämon, wenn ich bete, in Gestalt einer eigroßen Spinne -- Christina hatte besondern Ekel vor Spinnen -- mir ins Gesicht gekrochen und belästigt mich. An einem Finger hat sie mir Blasen verursacht und ich befürchte, daß sie mir deren noch mehr beibringen wird. Teuerster, nochmals bitte ich Euch, wollet wo möglich, sobald Ihr könnt, mich besuchen; denn ich bedarf Eueres Rates und möchte Euch gerne wiedersehen. Lebet wohl in unserm Herrn Jesus Christus.“
Am Karfreitage (22. April) des Jahres 1272 empfing Christina die fünf Wunden wie in den früheren Jahren und am h. Ostertag genoß sie überreichlichen Trostes. Auch verschwanden an diesem Tage die Narben der Wundmale, worüber sie sich sehr freute. Vor Maria Himmelfahrt war ihr längere Zeit hindurch jegliche Tröstung entzogen und es war ihr, als ob Gott ihr niemals eine Gunsterweisung erzeigt hätte. Am Tage des h. Laurentius begann der Teufel morgens ihr besonders heftig zuzusetzen und in der folgenden Nacht versengte er ihr die Haare, so daß der Geruch davon sich durchs ganze Haus verbreitete. Dann stieß er ihr ein glühendes Eisen in den Rachen, zog es aber wieder heraus, und stieß es ihr dann in die Eingeweide. Das verursachte ihr unaussprechliche Qual. Sie hatte sich aber vorgenommen, am folgenden Tage zur h. Kommunion zu gehen und sie sprach deshalb: „Ich sage Dir, Dämon, daß ich vorhabe, morgen meinen Geliebten zu empfangen.“ Der Dämon antwortete, indem er einen Dolch hervorzog: „Wenn Du das tust, so steche ich Dich in die Zunge und vereitle Dein Vorhaben.“ Und da sie von ihrem Vorhaben nicht abließ, stieß der Teufel sie wirklich mit dem Dolch in die Zunge und ließ ihn darin stecken. Als sie morgens zur Kirche kam, floß das Blut noch aus dem Munde.
Am Feste Mariä Himmelfahrt oder tags darauf diktierte Christina dem Pfarrer Johannes ein kurzes Schreiben, das Petrus zugleich mit den drei vorhin mitgeteilten zu Aarhus erhielt. Es bringt inhaltlich nichts Neues, enthält vielmehr Wiederholungen, ist aber bezeichnend für den Zustand des Verlorenseins, der Christina beim Diktieren überraschte. Sie geriet nämlich beim Diktieren in Verzückung. Das Briefchen lautet wie folgt:
„Ihrem vielgeliebten Vater und teuersten Freunde, dem Bruder Petrus, Lesemeister in Skeninge, wünscht seine Tochter Christina immerwährende geistige Teilnahme am himmlischen Gastmahl, Fülle der Wonne, Erhebung zum Wunderbaren und Erquickung durch Gnadeneinströmung. Oefters habt Ihr mir vorgehalten, daß ich Euch nicht schriebe; in letzter Zeit aber habe ich Euch vier Briefe geschrieben, die Euch durch die Brüder zugestellt werden sollten -- ich weiß aber nicht, ob Ihr sie erhalten habt. In diesen Briefen habe ich Euch vieles berichtet über das, was mir der Dämon nach Euerem Weggang angetan hat, und auch solches, was meine Freunde betrifft. Und weil ich Euern Wunsch in dieser Hinsicht kenne, so dürft Ihr Euch versichert halten, daß ich Euch sehr gerne schreiben würde, wenn ich Gelegenheit hätte, die Briefe abzuschicken. Was mir bis zum Advent zugestoßen, habe ich Euch geschrieben. In der Fastenzeit kam, wenn ich betete, regelmäßig der Dämon in Gestalt einer Spinne und belästigte mich, soviel er konnte. Teuerster, ich bitte Euch, bleibet mir ein treuer Freund; denn vor allen Menschen setze ich mein Vertrauen auf Euch und ich verlange mehr nach Euerem Besuche, als Ihr glaubt. Möge er mir vor meinem Tode zuteil werden! In Brauweiler ist der Prior, mein trautester Freund, gestorben. Teuerster, gedenket seiner in Treue und betet für meine Eltern, die sich in größter Trübsal befinden.“ --
Dann fügt der Pfarrer Johannes bei: „Soeben, als sie den Brief diktierte, vermochte sie nicht weiter zu reden, weil sie sich in fortwährendem Jubel befand.“
Petrus tröstete Christina in einem herzlichen Antwortschreiben, indem er sie hinweist auf die Herrlichkeit des Himmels, in der er mit ihr in ewiger Seligkeit zusammen zu sein hoffe. Auch Bruder Mauritius schickte von Paris ein Trostschreiben. Er habe, sagte er, ein so herzliches Mitleiden mit ihr, je schwächer das weibliche Geschlecht sei, um dem Ansturm solcher Leiden gegenüber standzuhalten. „Doch, fügt er hinzu, da ich Euch als ein in Drangsalen starkmütiges Weib erkannt habe, so hoffe ich zum Herrn, der die Stärke jener ist, so auf ihn vertrauen, daß er Euch Standhaftigkeit und Kraft von oben verleihe, um auszuharren bis zum guten Ende.“
Bruder Petrus wurde unterdessen nach Strengnäs im Södermanland versetzt, wo er wie in Skeninge das Amt eines Lesemeisters bekleidete. Von dort schrieb er mehrere Male an Christina; teilte ihr unter anderem mit, daß auch in dortiger Gegend Gott ihn durch einige gottgeweihte Jungfrauen erfreut habe, von denen einige das Ordenskleid des h. Dominikus trügen, andere das der Beginen angelegt hätten. Eine von diesen komme Freitags in Verzückung und erhalte zuweilen die fünf Wunden. Die meiste Zeit bringe sie im Gebete und in der Betrachtung zu und dazu sei sie bemüht, Almosen zu geben und den Armen zu dienen. Diese begnadete Jungfrau habe eine innige Liebe zu Christina, nenne sie ihre Schwester und wünsche, sie kennen zu lernen und womöglich mit ihr zusammenzuleben. Auch habe sie ihm Einiges, was in Christinas Briefen enthalten war, lange vorher offenbart. „Wundert Euch nicht, so schließt Petrus seinen Brief, daß ich Euch seltener schreibe; denn ich habe nicht oft Gelegenheit, einen Brief abzuschicken, weil ich tief ins Land hinein wohne, von wo aus selten Reisende und niemals Kaufleute hinausreisen. Meine geistliche Tochter, die ich Euere Schwester genannt habe, bittet mich, Euch ihrerseits zu grüßen ... Ich empfehle Euch die Seelen meiner beiden leiblichen Brüder, die nach meiner Rückkehr beide in einem Jahre gestorben sind. Grüßet alle unsere Freunde, insbesondere den Herrn Pfarrer, Euren Vater und Euere Mutter, alle Schwestern des Namens Hilla, des Pfarrers Schwester Gertrud und die blinde Aleidis. Betet für mich.“
Die Verarmung, die Christinas Eltern getroffen, dauerte fort. Von Gram und Kummer getroffen, starb ihr Vater um das Jahr 1276. Im folgenden Jahre gegen Peter und Paul starb auch Christinas geistiger Vater und besonderer Wohltäter, Pfarrer Johannes von Stommeln, der bisher ihre Briefe geschrieben. Bruder Nikolaus von Westeräs (_Westra-aros_) überbrachte die Trauerbotschaft dem Bruder Petrus nach Strengnäs. In einem Schreiben vom Tage nach dem Feste des h. Dionysius (10. Oktober) ersuchte dann Petrus Christina, ihm baldigst Mitteilung über ihren Zustand zu machen. Bruder Laurentius könne ihr als Schreiber dienen. Dieser Bruder Laurentius war gebürtig aus Swealand, dem mittlern Teil Schwedens, in dem Skeninge gelegen war, und studierte damals in Cöln. An ihn schrieb nun Petrus, er möge der Christina seinen an sie gerichteten Brief verdolmetschen und auch die an ihn gerichteten Briefe Christinas schreiben. Da Petrus keine direkte Gelegenheit nach Cöln hatte, so gab er die Briefe dem Bruder Olaw aus Skara mit, der im Herbste 1277 nach Paris ging. Von Paris nun brachte Bruder Helinrich diese Briefe im folgenden Jahre Freitags nach Margaretentag, also am 15. Juli, nach Cöln. Tags darauf schickte Bruder Laurentius ein Briefchen nach Stommeln, um Christina zu melden, daß ein Brief von Bruder Petrus für sie angekommen sei und er den Auftrag habe, diesen ihr persönlich zu verdolmetschen. Es sei jetzt auch Gelegenheit gegeben, ein Antwortschreiben an Bruder Petrus nach Schweden abgehen zu lassen, was vielleicht das ganze Jahr hindurch nicht mehr der Fall sein werde. „Christina kam, so schreibt Bruder Laurentius, gleich am folgenden Tage mit ihrer Nichte Hilla nach Cöln, obgleich sie die Arbeit stehen lassen mußte, da es die Zeit der Ernte war. Euern Brief übersetzte ich ihr, so gut ich konnte. Mit welcher Rührung sie ihn entgegennahm, zeigten die Tränen, die sie reichlich vergoß.“
Als Christina den Brief des Bruders Petrus vernommen, diktierte sie allsogleich dem Bruder Laurentius das Antwortschreiben, wie folgt:
„Dem ehrwürdigen Vater in Christo, ihrem verehrungswürdigsten und liebevollsten, entbietet die geringste seiner Töchter mit ihren Gebeten sich selbst und wünscht ihm, falls es noch etwas Besseres geben kann als Gesundheit, auch dieses durch Vermittlung seines getreuen Bruders Laurentius. Nachdem ich Euern Brief bekommen und volleres Verständnis von ihm erhalten, da ist nach dem Verlust meiner Freunde und meiner zeitlichen Güter und nach schwerster körperlichen Bedrängnis mein Geist innerlich wieder aufgelebt und ich, die ich den Mut hatte sinken lassen, begann wieder aufzuatmen. Mit welcher Herzensfreude ich diesen Brief meines geliebtesten Vaters vernommen, mit welcher Hurtigkeit ich unerachtet körperlicher Ermüdung und ungelegener Zeit zu seiner Entgegennahme herbeigeeilt bin, dafür kann unser gemeinsamer Dolmetsch glaubwürdiges Zeugnis ablegen. Es ist ja natürlich, daß ein Brief von demjenigen, dessen persönliche Gegenwart so viel Liebes hatte, für mich etwas Erfreuliches war. Mein Geist wurde mit süßer Wonne erfüllt und die Qualen, die der menschlichen Gebrechlichkeit und zumal der Schwäche eines Mädchens, schier unerträglich vorkamen, wurden gelindert.
Meine Lage, worüber Ihr Bericht zu erhalten wünscht, ist gar traurig und verwirrt und das gerade Gegenteil von Euerer glücklichen Wohlfahrt, die Gottes mächtige Huld noch mehren möge. Denn von zeitlichen Gütern bin ich dermaßen entblößt, daß fast Alles aufgezehrt ist. Unser Hof ist in fremde Hände als Besitztum übergegangen. Das große Haus, in dem wir bisher noch immer wohnten, war vor Alter baufällig und ist, nicht ohne Lebensgefahr für die Bewohner, zusammengestürzt. Wir aber sind keineswegs in der Lage, es wieder aufbauen zu können. Auch habe ich keinen Freund mehr, der uns beistehen oder auch nur trösten könnte.
Ueberdies erdulde ich sehr harte Verfolgungen und Plagen von meinem Widersacher. Neulich hat er mir mit einer Zange zwei Backenzähne in grausamer Weise ausgerissen[44]. Von andern unzähligen Trübsalen, die ich erlitten, kann ich Euch nicht gut Mitteilung machen, bis wir etwa eine mündliche Aussprache haben, nach der ich sehr verlange. Das aber ist mir härter als alles, daß ich in unserm Dorfe, wo ich wohne wie früher, niemanden habe, dem ich mein Herz rücksichtlich der wunderbaren Vorgänge zu erschließen wage. Deshalb halte ich das Meiste in meinem Herzen vergraben; nur derjenige hat Kenntnis davon, der die Herzen durchforscht, den ich auch mit gutem Gewissen zum Zeugen anrufe. Nichts, glaube ich, wäre mir in diesem Leben lieber, als wenn ich Euch vor meinem Tode dieses offenbaren könnte. Wie das aber geschehen könnte, weiß ich nicht. Denn zu Euch überzusiedeln, wie Ihr es mir so getreulich anbietet, möchte ich auf keine Weise versuchen. Und doch würde ich es gerne tun, wenn ich mit Euch mündlich die Sache besprechen und Ihr dann, nachdem Ihr vollständig Kenntnis von meiner Lage genommen, es dennoch für ratsam halten solltet. Für Euer Anerbieten aber möge Euch belohnen jener, „der die Hoffnung der Verzagten ist und der große Tröster in der Qual“.[45] Lebet wohl, liebster Vater, mein einziger und getreuester. Ich empfehle Euch inständigst die Seele meines Vaters und die des Herrn Pfarrers. Nochmals: Lebet wohl!“
[44] Die Spuren davon sind noch am Schädel der seligen Christina erkennbar. Siehe S. 37.
[45] In der lateinischen Urschrift lautet die Stelle: _qui est spes desolatis magnaque consolatio in tormentis_. Sie ist dem Osterhymnus der Cölner Kirche entnommen. Coll. Rit. S. 73.
In dem bereits vorhin erwähnten Begleitschreiben zu diesem Briefe macht Bruder Laurentius zum Einsturz des Hauses folgende Bemerkung: „Während die ganze Familie und dabei auch kleine Kinder im Hause waren, und ein mächtiges Feuer brannte, stürzte das Gebäude plötzlich zusammen. Jedoch wurde niemand verletzt, und auch das Feuer richtete keinen Schaden an, was einige für ein Wunder halten. Der Zusammensturz war vollständig; nur die Kammer, in der Christina war, blieb stehen. Doch auch sie wurde von den herabstürzenden Balken hart getroffen.“
Einige Zeit nachher, im Herbste 1278, starb auch Christinas Mutter. Petrus wurde im selben Herbste auf dem Provinzialkapitel in Wisby zum Lesemeister dieser seiner Geburtsstadt Wisby auf der Insel Gotland ernannt, weshalb er von da an Lesemeister von Gotland genannt wird.
Abb. 9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.
Vierzehntes Kapitel.
Bruder Petrus kommt aus Schweden nach Stommeln, um Christina zu besuchen. 1279.
Als Bruder Petrus obigen Brief Christinas erhalten und ihm auch noch sonst Mitteilungen über das Mißgeschick, das über sie hereingebrochen, zugegangen waren, da, so schreibt er, entbrannte mein Geist, und mein Herz wurde heftig bewegt und ich sann darüber nach, wie ich sie wohl trösten könnte. Ich begab mich zum Provinzial, Bruder Augustinus, (nach Westeräs), um von ihm die Erlaubnis zu einer Reise nach Cöln zu erlangen. Dreierlei Gründe lagen zu dieser Reise vor. Erstlich wünschte ich von der geistigen Trockenheit befreit zu werden, an der ich schon lange gelitten und die mich mitunter so niedergeschlagen machte, daß man für mein Leben fürchtete. Zweitens ging mein Verlangen danach, die glorreichen Schutzpatrone Cölns, nämlich die dort ruhenden Martyrer und Jungfrauen, für die ich seit meiner Cölner Studienzeit eine besondere Verehrung hatte, zu besuchen, mir von ihnen Reliquien zu verschaffen und diese dann in mein Vaterland zu übertragen. Drittens, um die in Christo geliebte Christina, nach deren Wiedersehen ich verlangte, zu besuchen und sie im Herrn zu trösten, wie sie es wünschte, und wie es meinem frommen und mitleidigen Sinne entsprach, um aber auch andererseits von ihr Tröstung und Erleuchtung zu erhalten. Mit Gottes Hülfe und (wie ich vertraue) durch Christinas Verdienste ist alles nach Wunsch glücklich von statten gegangen, und es hat sich bestätigt, daß „unverdrossene Liebe alles überwindet“.[46] Am Pfingstmontage also brach ich von Westeräs auf, kam dann nach Gotland, wo ich eine Zeitlang blieb, und gelangte schließlich nach Lübeck. Und wahrhaftig, ich, der ich früher keine halbe Meile zurücklegen konnte, ohne zu ermüden, Einkehr zu nehmen und Halt zu machen, ging jetzt einen ganzen Tag, ohne sonderliche Ermüdung zu verspüren. Es war am Tage nach der Oktav des h. Laurentius (18. August). Am Tage der Oktav von Maria Geburt (15. Sept.) langten wir in Stommeln, dem lang ersehnten, von Gott mit vielen Vorzügen begnadigten, vor allem aber durch die Frömmigkeit seiner Bewohner ausgezeichneten Orte, an. Als wir uns nun diesem Dorfe näherten, sahen wir von Ferne die Leute aus der Messe nach Hause gehen, -- es war nämlich Freitag[47] -- zuletzt aber gingen zwei Beginen. Da sagte ich zu Bruder Folkwin, meinem Begleiter: „Siehe, da geht Christina.“ Denn auch ihn trug Verlangen, sie zu sehen. Man konnte aber Christina gut von andern unterscheiden. Denn, wie sie sich im Umgange durch Erbaulichkeit und im Aussehen durch Frömmigkeit auszeichnete, so hatte ihr Gang eine würdevolle Gemessenheit. Um es kurz zu sagen, in all ihrem Tun und Handeln, in Gang und Bewegung leuchtete ein verklärender Schimmer besonderer Anmut hervor, so daß ein jeder, der mit frommem Sinne ihr Benehmen beobachtete, nicht daran zweifeln konnte, Gottes Gnade und Gottes Gegenwart sei bei und in ihr.
[46] Petrus ändert hier den Wahlspruch des alten Römervolkes: „_Labor improbus omnia vincit_“ (Unverdrossene Arbeit überwindet alle Hindernisse) um in den der Sachlage mehr entsprechenden: „_Amor improbus omnia vincit._“
[47] Am Rande der Jülicher Handschrift ist die Bemerkung eingetragen: An Freitagen hören in Stommeln gewöhnlich alle die h. Messe.