Die selige Christina von Stommeln
Part 11
„Dem in Christo vielgeliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris entbietet Christina, seine Tochter oder Schwester[42] in Stommeln, Gruß und was immer er gutes und nützliches sich wünschen mag. Teuerster, gar sehr bin ich um Euch bekümmert, und obgleich ich es Euch schon öfters geschrieben habe, so kann ich doch nicht umhin, Euch nochmals zu wiederholen, ein wie großes Verlangen ich nach Eurer Gegenwart habe, die für mich so vorteilhaft war, wie sehr ich Euch =im Herzen Jesu Christi= liebe und wie ich danach verlange, einander wiederzusehen im Reiche unseres Gottes. Deshalb bitte ich Euch, Ihr wollet es doch, wo möglich, so einrichten, daß Ihr Euch einige Zeit zu Cöln aufhaltet. Dann kann ich Euch auch nicht genug danken für die Tröstung, die Ihr mir durch Euere Briefe bereitet habt und die so wohltuend für mich war. Gott wolle es Euch ewig vergelten. Was nun Euern schon früher geäußerten Wunsch anbelangt, ich solle Euch über meinen Zustand Aufschluß geben und das Betreffende in einem Quatern aufzeichnen, so habe ich mir vorgenommen, diesem Wunsche nach Möglichkeit zu entsprechen. Hierin habt Ihr ein Vorrecht; denn sonst niemanden auf Erden könnte ich wohl solche Mitteilungen machen. Mein Versprechen mache ich Euch in dem Vertrauen, daß ihr meine Mitteilungen Euerer Gepflogenheit gemäß sorgsam hütet, wie ich mich selbst hüte. Zudem bitte ich Euch getreulichst, Ihr wollet mir doch recht viele Fürbitter verschaffen, und mir auch mit Euerm Gebete, worauf ich Vertrauen setze, zu Hülfe kommen. Denn ich bin in großer Bedrängnis. In jeder Nacht erdulde ich schweres Leid, so daß es mir vorkommt, als ob ich nicht länger leben könne. Ich empfinde solchen Ueberdruß an mir selbst, daß es mir scheint, diejenigen, die in der Welt sind, hätten ein besseres Leben. Auch verzweifle ich an Gott, obschon mir das zuwider ist. Das alles verursacht mir größere Pein, als ich Euch jetzt zu sagen vermag. Und mit Gottes Hülfe kämpfe ich so gegen diese Anfechtungen, daß mir durch Nase und Mund Blut hervordringt. An nichts Gutem habe ich mehr Freude. Habet doch Mitleiden mit mir! Ich fühle mich schwach am ganzen Körper, besonders in der Seite und am Kopfe. Aeußere Plagen habe ich jedoch seit Weihnachten vom Dämon keine zu erdulden gehabt. Am Mittwoch nach Invocabit (2. Fastensonntag) kam eine Menge von Dämonen in mein Kämmerlein und hielten ein Gespräch, wobei ich anfänglich zuhörte. Sie sprachen miteinander davon, wieviel Uebles sie mir zugefügt, in welchen Versuchungen sie mich überwunden hätten und in welchen sie überwunden worden seien, und welche Strafe sie dann erlitten. Als sie endlich weggingen, ließen sie die Fetzen meines Obergewandes zurück, das sie verbrannt hatten.
[42] In seinen Briefen hatte Petrus Christina bald als Tochter, bald als Schwester angeredet. Den Titel „Schwester“ gab er ihr wohl in Folge des oben erwähnten Verbrüderungsbriefes.
Inständigst bitte ich Euch, lasset mich doch öfter wissen, wie es Euch geht. Wenn Ihr wüßtet, welche Freude mir Euere Briefe machen, würdet Ihr mir gerne schreiben. Es grüßen Euch mein Vater und meine Mutter. Ich bitte Euch, wie für mich, so auch für sie zu beten.“
Diesen Brief erhielt Bruder Petrus am Tage des h. Petrus von Mailand (29. April) zugleich mit einem ganz kurzen Schreiben des Pfarrers Johannes. Dieser machte noch, jedoch ohne Vorwissen Christinas, Mitteilung davon, daß sie am Sonntag Reminiscere (2. Fastensonntag), während Bruder Gerhard vom Greif vom Leiden des Herrn predigte, die fünf Wunden sowie die Dornenkrone empfing und mit Galle getränkt wurde. Am Karfreitag erschienen desgleichen an ihren Händen und Füßen, sowie an der Seite und Stirne die Wundmale wie in den vorhergehenden Jahren. Vor Pfingsten hatte Christina drei Nächte nacheinander ein merkwürdiges Gesicht. Sie schaute und gewahrte alle Peinen der Hölle: Heulen und Weinen, Hammerschläge, Qual der Hitze und der Kälte, Kröten und Schlangen, Gestank und Qualm und viele andere, die sich mit Worten nicht ausdrücken lassen. Infolge dieses Gesichtes überfiel sie eine große Angst wegen ihrer Sünden, da sie sah, welch unerträgliche Qualen in der Hölle und im Fegfeuer den Menschen treffen wegen der Sünden, die so bald vollbracht sind. Sie wünschte deshalb, sofern es dem Willen Gottes entspreche, daß eine von den Schlangen, die sie gesehen, sie quäle für ihre Sünden und sie reinige, damit sie so den Strafen des Fegfeuers entgehe. Und in der Tat, die Schlange kam auf sie zu, zischte ihr entgegen, ringelte sich um ihre Glieder und zernagte ihre Eingeweide, so daß Christina aufschrie vor Angst und Schmerz. Zwei Wochen dauerte diese furchtbare Qual. Dann verschwand die Schlange und die seligste Jungfrau kam im Schlafe zu Christina mit einem Becher in der Hand und sprach: „Nimm hin, Geliebteste, und trinke; dann wirst du gesunden und aller Schmerz wird von dir weichen.“ Süßer als Honig dünkte dieser Trunk der Schwergeprüften und drei Tage hindurch wich dieser Geschmack nicht aus ihrem Munde.
Abb. 8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.
Zwölftes Kapitel.
Besuche des Petrus in Stommeln bei seiner Rückkehr von Paris.
Bereits zu Ostern 1270 war nach Cöln die Kunde gekommen, Bruder Petrus werde in Bälde aus Paris zurückkehren. Jedoch reiste er erst am Sonntage nach dem Feste des h. Jakobus (27. Juli 1270), begleitet von Bruder Nikolaus, von Paris ab und langte zwei Tage vor Maria Himmelfahrt in Stommeln an. Tags darauf machte Petrus der Christina einen kurzen Besuch. Es war ja der Vorabend des höchsten Marienfestes, ein Fasttag, den Christina, wie alle ähnlichen Tage, in strengster Zurückgezogenheit zuzubringen pflegte. Bruder Nikolaus drang darauf, noch am selben Tage nach Cöln zu gehen, um dort mit den Brüdern das Fest zu begehen. Bruder Hiddo jedoch, ein Ordensmann von hohem Ansehen, der neun Jahre hindurch Provinzial der deutschen Provinz gewesen, befand sich gerade in Stommeln. Er war Beichtvater und Ratgeber der Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln, die auf ihrem Hofe in Stommeln weilte, und Hiddo war deshalb zum Feste herübergekommen. Dieser riet den beiden Brüdern, in Stommeln zu bleiben bis zum Nachmittage des Festtages. Sie folgten dem Rate, übernachteten auf dem Hofe des Cäcilienstiftes und gingen am Maria Himmelfahrtstage nach Tisch mit Bruder Hiddo nach Cöln.
Christina hatte in ihrem letzten Briefe an Petrus diesem den Wunsch ausgedrückt, er möge sich bei seiner Rückkehr aus Paris einige Zeit in Cöln aufhalten. Als nun Petrus bei Christina am Vorabende vor Maria Himmelfahrt vorgesprochen, hatte diese ihn gefragt, ob er sich in Cöln aufhalten würde. „Nein,“ hatte Petrus geantwortet, „es müßte denn ein unvorhergesehenes Hindernis eintreten.“ Christina hatte darauf erwidert: „Möchtet Ihr doch durch irgend etwas genötigt werden, zu bleiben.“ Als die beiden Brüder nun zwei Nächte in Cöln geschlafen und Bruder Nikolaus, der für die Reise Vorgesetzter des Petrus gewesen zu sein scheint, am darauffolgenden Tage unbedingt abreisen wollte, wurde er in der Nacht von einem sehr heftigen Fieber ergriffen, das ihn sieben Wochen lang ans Bett fesselte und fast an den Rand des Grabes brachte. Während dieser Zeit kam Petrus eines Tages auf einige Stunden nach Stommeln. Bruder Mauritius nämlich und Bruder Andreas von Esch (_acsiensis_) mußten studienhalber nach Paris reisen. Sie gingen über Stommeln und Petrus gab ihnen bis dahin das Geleit, mußte aber noch am selben Tage nach Cöln zurück, um die Nacht hindurch wieder bei dem kranken Gefährten Nikolaus sein zu können. In jenen Tagen kam Christina einmal nach Cöln und während sie dort war, raubte ihr der Teufel acht cölnische Schillinge (_solidi_), die sie dem Petrus geben wollte, damit er sich dafür einen neuen Rock kaufen könne. Denn sie hatte gesehen, daß er dessen sehr bedurfte. „Doch, schreibt Petrus, der Teufel störte sich nicht an ihre Wohltätigkeit noch an meine Dürftigkeit.“
„Als aber Bruder Nikolaus, so fährt Petrus fort, wieder zu Kräften gekommen war, ging ich ihm voraus nach Stommeln, um meine dortigen Freunde zu besuchen, und als ich am Tage des h. Erzengels Michael mich mit Christina über Gott und seine Liebe unterhielt, stellte sie im Laufe des Gesprächs an mich die Frage: „Bruder Petrus, da du jetzt von mir scheidest, so befrage ich dich über ein trautes Geheimnis: sage nur, wenn du es weißt, was ist die Ursache unserer gegenseitigen Liebe?“ Ich wurde stutzig und antwortete: „Ich glaube, daß Gott der Bewirker und Urheber unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft ist.“ Sie entgegnete: „Daran zweifle ich nicht; allein ich möchte wissen, ob dir in dieser Hinsicht ein unzweifelhaftes Kennzeichen und eine besondere Gnadenerweisung zuteil geworden ist.“ Ich suchte einer Beantwortung auszuweichen, weil ich nicht die Unwahrheit sagen wollte, und andererseits Vorwürfe des Gewissens fürchtete. -- Petrus hatte nämlich am Christinatage des Jahres 1268 ein Malzeichen in der linken Hand erhalten, das er sorgfältig geheim gehalten hatte. -- Christina aber fuhr fort: „Ich weiß, daß die Zeit unserer Trennung und meiner Verlassenheit ganz nahe bevorsteht. Deshalb offenbare ich dir ein Geheimnis, das ich dir sonst nicht mitgeteilt haben würde. Erinnerst du dich noch, wie du zuerst zu mir gekommen bist gegen Abend mit Bruder Walter guten Angedenkens, wo ich dich zum ersten Male gesehen habe; ich saß nicht weit von dir, hatte mich auf ein Kissen etwas angelehnt und den Kopf geneigt?“ „Dessen erinnere ich mich,“ sagte ich. Sie aber fuhr fort: „In jenem Augenblicke erschien mir der Herr, und ich sah meinen Geliebten und ich hörte, wie er zu mir sprach: „Christina, kennst du den Mann, der dort an der Seite sitzt, nach der du den Kopf hingeneigt hast, und ist dir kund sein Loos?“ Ich antwortete: „Herr, diesen Mann kenne ich nicht und sein Antlitz habe ich niemals gesehen.“ Da sprach er weiter: „Betrachte diesen Mann genau; er ist dein Freund und wird es auch fürderhin sein und er wird Vieles für dich tun. Aber auch du sollst für ihn tun, was du für keinen andern Sterblichen tun wirst. Wisse auch, daß er mit dir im ewigen Leben vereinigt sein wird.“ Das nun, Bruder Petrus, ist die Ursache, weshalb ich dich liebe und weshalb ich so vertraut gegen dich bin.“ Während Christina dies sprach, dankte ich Gott unter Tränen, daß er mich zum Freunde einer solchen Person hatte machen wollen und zum Mitwisser so großer göttlicher Geheimnisse. Doch habe ich dies, was mir Gegenstand innigster Tröstung gewesen, in meinem Herzen verborgen gehalten ... Ich hoffe aber durch Christi Freundin Christina Verzeihung der Sünden und Gnade zur Ausübung guter Werke zu erlangen. Am folgenden Tage, dem Tage des h. Hieronymus d. J. 1270, reisten Bruder Nikolaus und ich von Stommeln ab. Bruder Johannes Hespe und Bruder Helinrich, Studierende aus der Provinz Dazien, wie auch der Herr Pfarrer und seine Schwester Gertrud, Hilla vom Berge und Christina nebst mehreren andern Personen begleiteten uns eine Strecke Weges. Während ich nun mit Christina einherschritt, übergab sie mir den Quatern, worin Einiges über ihren Zustand, das sie auf meinen Wunsch hin hatte aufzeichnen lassen, enthalten ist. Dieser Quatern ist meines Erachtens gemeint, wenn oben gesagt wurde, sie werde für mich tun, was sie für keinen andern Sterblichen tun werde. Als wir zwei nun des Weges gingen, der eine ebenso betrübt und traurig wie die andere wegen der bevorstehenden Trennung, sprach ich endlich: „Teuerste Christina, es ist Zeit Abschied zu nehmen. Lebe wohl im Herrn.“ Als sie das hörte, antwortete sie nicht, sondern verhüllte mit dem Mantel ihr Gesicht, setzte sich auf die Erde und weinte reichlich und bitterlich. Da ich sie so weinen sah, rief ich dem Bruder Nikolaus, der etwas vorangegangen war, er möge zurückkommen, um sich von Christina zu verabschieden, damit wir dann weiter reisen könnten. Als dieser zurückkam, stand Christina auf. Wir verabschiedeten uns nun, empfahlen uns einander ins Gebet und setzten dann die Reise fort. Bruder Nikolaus aber schenkte der Christina seinen Rosenkranz, den er vier Jahre hindurch getragen hatte. Er war nämlich durch Christinas Anblick, wie er gestand, mit großer Verehrung gegen sie erfüllt worden. Als wir weggegangen, setzte sich Christina wiederum auf die Erde, bedeckte ihr Gesicht mit dem Mantel und weinte bitterlich.“
Dreizehntes Kapitel.
Briefwechsel nach des Petrus Rückreise nach Schweden. Christinas Eltern und Pfarrer Johannes sterben. 1270-1279.
Nach seinem Weggange von Stommeln blieb Bruder Petrus zwei Jahre lang ohne Nachricht von Christina. Erst als er nach Aarhus in Jütland zum Ordenskapitel kam, erhielt er mehrere Briefe von ihr, die aber nacheinander zu verschiedenen Zeiten geschrieben waren. Durch Schreiben des Bruders Mauritius aus Paris vom 15. Juni 1271 hatte Christina erfahren, daß Petrus nach vielen Beschwerden am Freitage nach Mariä Lichtmeß gesund und wohlbehalten in Skeninge angekommen war, dort am Mittwoch nach dem Feste des h. Matthias sein Amt als Lesemeister angetreten habe und wünsche, von ihr Nachricht zu erhalten.
Daraufhin schrieb dann Christina folgenden Brief:
„Dem besonders geliebten Bruder und Vater Petrus vom Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet die besonders geliebte und ergebene Christina von Stommeln den Ausdruck ihrer aufrichtigen Liebe aus tiefstem Herzen, im Feuer und in der Süßigkeit des h. Geistes, im Glanze und in der Schönheit Jesu Christi. Teuerster, als wir uns letzthin trennten, war ich so voller Betrübnis, daß zwei Tage hindurch meine Augen nicht aufhörten, Tränen zu vergießen beim Gedanken daran, daß ich nunmehr des Trostes entbehren müßte, den Ihr mir in Christo zu spenden pflegtet. Und so oft ich seitdem einen Bruder aus dem Ausland hier ankommen sah, erneuerte sich mein Schmerz über Euer Fernsein. Ja, wahrlich, nach dem Abschiede von Euch bin ich wie eine Verbannte und Hoffnungslose nach Hause gegangen, als eine von ihren treuen Freunden Verlassene. Denn ich finde keinen, der mir so gesinnungsverwandt wäre, der es so verstände, mit meinen Schwachheiten Mitleid zu haben, der solch allseitige Erfahrung besäße. Euch allein vertraute ich und würde Euch meines Herzens Geheimnisse mehr als irgend einem Menschen auf Erden anvertraut haben, wenn ich bei Euch hätte bleiben können. Ich stehe zwar zu mehreren Brüdern in freundschaftlicher Beziehung; allein sie sind mir doch nicht das, was Ihr mir waret. Ihr wißt, weshalb.
Acht Briefe habt Ihr mir seit Euerer Abreise zugesandt. Dafür vermag ich Euch zeitlebens nicht hinlänglich zu danken. Denn unter den unzähligen Beweisen Euerer Güte nehmen Euere Briefe die erste Stelle ein. Die Verdolmetschung dieser Briefe konnte ich nie anhören, ohne Tränen zu vergießen, weil sowohl der Inhalt mich erfreute, und weil ich auch die Treue Euerer Liebe erkannte.
Nunmehr zu den Mitteilungen. Vierzehn Tage nach Euerer Abreise sagte mir der alte Feind: „Bruder Petrus ist auf der Reise von Räubern getötet worden.“ Zaghaft, wie ich bin, schenkte ich ihm Glauben und war acht Tage hindurch über die Maßen betrübt. Dann aber betete ich zu Gott unter Tränen: „Herr, mein Gott, der Du allein die Wahrheit bist, tue mir kund, ob wahr ist, was der Dämon gesagt hat.“ Darauf erschien mir im Traumgesicht die allerseligste Jungfrau und sprach: „Beruhige Dich; Petrus lebt noch. Der Dämon hat Dich betrogen. Darin hast Du gefehlt, daß Du Dich über die Maßen betrübt hast. Den Worten des Dämons sollst Du keinen Glauben schenken.“
Teuerster, bisweilen melden Euere Briefe Zweifel, als ob ich Euerer vergessen hätte. Dem ist nicht so. Was ich versprochen, werde ich mit Gottes Gnade halten, und ich hoffe, mit Euch zusammen ewig im Himmel zu leben. Ich bedauere es, Euch nicht öfter über meinen Zustand Mitteilung machen zu können. Wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte, so würde ich Euch noch lieber schreiben und geschrieben haben, als Ihr mir. Ja, wenn ich selbst schreiben könnte, so würde ich Euch manches mitteilen, was ich jetzt füglich nicht mitteilen kann.
Ihr führtet gern den Spruch im Munde:
_Pluribus intentus minor est ad singula sensus._ Ist der Sinn auf Vieles gewandt, so leidet das Einzelne.
So wünsche ich denn umgekehrt, daß Ihr mir Euere besondere Sorgfalt angedeihen laßt, da ich ja, wie Ihr sagt, Euer einziges Pflegekind bin. Teuerster, wie groß mein Schmerz ist wegen Euerer Abwesenheit, vermag ich nicht zur Genüge zu schildern. Aber mein größter Schmerz ist es, daß ich Euch über meinen Zustand nicht so schreiben kann, wie ich gern wollte. Ach! Teuerster, es ist nicht mehr wie ehedem, als Ihr nebst Bruder Aldebrandino mit mir nach Ossendorf ginget, wo Ihr mir soviel Tröstliches gesagt habet. Solch erlesene Erweise der Güte waren für mich allzeit der Weg zu größeren Gütern. Ich danke Euch recht sehr für Euere mehrfachen Geschenke. Ohne Auslagen zu scheuen, habet Ihr Euch über Gebühr angestrengt und mehr getan, als ich wünschte. Für Euer Heiligtum[43] danke ich verbindlichst und für den Rock. Diesen ziehe ich nur an Festtagen an; denn ich möchte, so Gott will, ihn mein ganzes Leben lang tragen. Ach! Teuerster, was fehlte mir, als Ihr hier waret? Vor Euch hatte ich keine Furcht; und Ihr habt meine Worte und meine Handlungen, meine Freude und meine Trauer niemals übel gedeutet, sondern alles nach der guten Seite hin ausgelegt als wahrer Freund, der meine Gesinnung kannte. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Ich lege mir Stillschweigen auf, weil ich Eueres Gleichen nicht finde und auch nicht zu finden suche. Als die härteste Pein erachte ich es aber, daß Ihr von mir weggegangen seid wie einer, der verbannt ist ohne Hoffnung auf Rückkehr.
[43] Es ist wohl das mit Reliquien umkränzte, zweiteilige Gebetstäfelchen (Diptychon) gemeint, das noch im Grabmale Christinas in Jülich aufbewahrt wird.
Als Ihr Euch auf der Reise befandet, war ich immer Euretwegen besorgt wegen der Witterung, der Beschwernis und Weite des Weges, ob Unfall Euch etwa getroffen, ob Ihr gute Unterkunft und gastliche Aufnahme unterwegs gefunden; und immer flehte ich zu Gott, daß er Euch eine glückliche Reise verleihen wolle. Und nun ist mein größter Wunsch, daß Ihr mir recht viele Freunde anwerben wollet, die für mich bei Gott Fürsprache einlegen. Besorget mir auch, wenn ich Euch überleben sollte, einen treuen Freund, der nach Euerem Tode Euere Stelle bei mir vertritt. Ueberdies beschwöre ich Euer Liebden, mir von Euerem Geliebten die von mir ersehnte Gnade zu erwirken, daß er mich nach Euerem Heimgange nicht länger möge leben lassen, sonder vielmehr mich zugleich mit Euch und in Teilnahme an Euern Gütern, gestützt auf den Geliebten hinwandern lasse ins Himmelreich. Desungeachtet bitte und wünsche ich dennoch, daß Ihr, wofern es immer möglich ist, in Anbetracht unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft, mich Unwürdige vor Euerem Tode noch einmal besuchen wollet, teils weil ich sehr darnach verlange, teils weil ich Euch vieles zu offenbaren habe, was ich keinem andern mitteilen kann. Wenn Ihr irgendeinen Wunsch habt, so lasset ihn mich wissen; denn ich bin gerne bereit, alle Euere Wünsche zu erfüllen. Lebet wohl in unserem Herrn Jesus Christus. Betet auch, Teuerster, ich bitte Euch, für meinen Herrn Johannes, den Schreiber dieses Briefes.“
Mit diesem Briefe Christinas gelangte gleichzeitig ein anderes Schreiben von ihr an Petrus, das über neue Versuchungen berichtet. Christinas Trauer und Niedergeschlagenheit über des Petrus Abreise benutzte Satan dazu, um sie zu versuchen, dem Ordensleben zu entsagen. Ihr Herzeleid und ihre Trostlosigkeit klagt sie dem Petrus folgendermaßen:
„Ihrem teuersten und liebwertesten Vater und besondern Freunde, dem Bruder Petrus aus dem Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet Christina von Stommeln alles, was er sich an Ehrbezeigung und Liebe wünschen mag. Teuerster, was die Plagen anbelangt, die mich nach Euerem Weggange betroffen haben, so wisset, daß kurz vor Allerheiligen (1270) der Dämon mich durch einen bösen Ratschlag versucht hat. Da ich aber durch Gottes Barmherzigkeit seine Versuchung zurückwies, drohte er mir, mich bei den Haaren in die Höhe zu ziehen. Das setzte er schließlich auch ins Werk und zog mich an den Haaren über die Decke, den Dachboden meiner Kammer, die Ihr kennt, und stieß mich dann mit dem Leibe gegen den Dachstuhl. Vor dieser Quälerei zog er ein Schwert, zerschnitt damit der Hilla das Kleid und verletzte ihren Rücken. Als ich aber über meiner Kammer lag, fuchtelte er mit dem Schwerte, wie alle, die da waren, es gesehen haben, bis mein Vater zum Herrn Pfarrer lief. Dieser eilte alsbald herbei und hörte bereits auf unserem Hofe das Sausen des Schwertes. Als er aber eintrat, sah er, wie über dem Dachboden der Kammer ein Schwert einhersauste, Hände aber sah er nicht. Als er nun eine Leiter ansetzte, um hinaufzusteigen, wurde er daran gehindert, weil der Dämon ihm wiederholt Schläge auf den Kopf versetzte. Mein Vater versuchte dann mit einer Stange das Schwert hinwegzuschlagen, aber da hieb das Schwert in die Stange hinein. Endlich als mein Herr Pfarrer beherzt heraufkommen wollte, ließ der Dämon das Schwert fallen und so trug man mich hinab. Später, als ich bei dem Bruder Johannes von Muffendorf beichten wollte, kam der Dämon und schlug mich aufs Auge. Dann erschien er mir in Gestalt desselben Bruders und sprach. „Teuerste Tochter, ich habe dieselbe Versuchung wie du; um jeden Preis will ich mit dir aus dem Orden austreten.“ Ich antwortete. „Was sagt Ihr, Herr? Glaubt Ihr etwa, ich hätte Euch deshalb meine Versuchungen offenbart, weil ich in dieselben einwilligen möchte? Das empört mich. Ich glaubte, Ihr würdet mich trösten. Wisset Ihr nicht, daß ich lieber sterben möchte, als meinen Gott verlassen?“ Bruder Johannes hörte diese Worte und wurde sehr betrübt. Er fürchtete, ich würde aufschreien und ihn beschämen; denn er wußte nicht, daß der Dämon die Sache angestiftet hatte. Im Advent (1270) bereitete mir der Dämon folgende Leiden: Zwei bewaffnete Fäuste legte er mir auf die Schultern und schüttelte meinen ganzen Körper so, daß ich beinahe erstickte und viele Ordensleute mich nicht halten konnten. Zudem zog er mir die Zunge aus dem Halse, so daß alle es sahen, und sie verharrte in solcher Starre, daß niemand sie zurückbringen konnte. Da aber betete ich und indem ich mit dem Daumen das Kreuzzeichen über meine Zunge machte, sprach ich: „Herr Jesus Christus, wenn jemals diese Zunge dich würdig gelobt hat, so befiehl dem bösen Feinde, daß er sie verlasse.“ Und alsbald ließ er sie los. Ich aber blieb vierzehn Tage lang stumm. Dem Bruder Johannes schnitt er eine große Wunde in die Hand. Dem Bruder Johannes von Kreuzburg machte er Schnitte in zwei Finger, und als derselbe Bruder einmal da saß und bei Kerzenschein in seinem Buche las, schlug ihn der Teufel mit einem schweren Steine an den Kopf, riß ihm das Buch weg und warf ihn in seinem Mantel aus dem Zimmer. Die Schwester des Pfarrers schnitt er in den Daumen. Einem Laien hatte er den Daumen nahezu abgeschnitten.“
Diesem Briefe Christinas fügte der Pfarrer noch eine Nachschrift bei, in der die Reihe der teuflischen Mißhandlungen ergänzt und erläutert wird. Unter anderm erfahren wir, daß der Teufel, als er schließlich am Vorabende vor Weihnachten abließ, Christina zu schütteln, sich entfernte mit den Worten: „_=Louvelois scheindhof=_“ (schmähliche Hofschinderin), mir ward Gewalt gegeben, Dich zu versuchen; doch mit Schande weiche ich zurück und werde die verdiente Strafe empfangen.“