Die selige Christina von Stommeln

Part 10

Chapter 103,617 wordsPublic domain

„Dem in Christo geliebten, teuersten Bruder Petrus von Dazien aus dem Predigerorden zu Paris entbietet Christina von Stommeln den Ausdruck ihrer Liebe und die Gabe ihres Gebetes. Aus Euerem Briefe ersah ich, welch' besondere Liebe Ihr zu mir heget. Ich wundere mich nicht darüber, daß Ihr dasjenige, was innerlich im Herzen, dem Auge des Herrn allein sichtbar, vorgeht, auch äußerlich durch Wort und Schrift zu erkennen gebet. Doch wisset, daß auch die Liebe, die ich zu Euch im Herrn trage, nicht gemindert wurde durch Euer Weggehen; ich empfinde sie vielmehr jetzt bei Euerm Fernsein lebhafter als bei Euerem Hiersein, und wenn ich Euer im Gebete gedenke, so füllen sich meine Augen mit Tränen bei der Erinnerung an Eueren treuen Beistand und Euere Liebe in Christo. Als ich Eueren Brief lesen hörte, konnte ich die Tränen nicht unterdrücken, wiewohl das ausgesprochene Lob mir nicht zukam, ich aber doch durch die in ihm hervortretende liebevolle Gesinnung vollkommen getröstet wurde. Auch der Umstand, daß gerade Bruder Mauritius den Brief überbrachte, vermehrte meine Betrübnis an jenem Tage, weil er bei der Abreise Euer Begleiter war. Ihr ginget damals so schnell fort, und vor großer Betrübnis konnte ich nicht so zu Euch reden, wie ich es wünschte. Und wenn Brüder aus Euerer Gegend hierher kommen, so befällt mich Traurigkeit, da ich Euch ferne weiß in der Verbannung. Aus Eueren Worten schöpfte ich besondern Trost. Und wenn Ihr vom Geliebten sprachet, dann sah ich Euch in solcher Begeisterung, daß auch mein Herz mit Freude erfüllt wurde und in Jubel ausbrach. Diese Freude aber und diesen Jubel konnte ich vor Niemanden kundgeben als vor Euch, weil Ihr mich verstandet. Gerade deshalb bin ich betrübt, weil ich seit Euerem Weggange niemanden mehr habe, vor dem ich mich so geben könnte und dürfte. Denn ich fürchte mich vor Jedermann, und mit niemanden kann ich verkehren wie mit Euch. Einstmals, als ich in Leiden war, habt Ihr mir liebevolle Aufmerksamkeit erwiesen, und ich habe Euch mit dem Gegenteil vergolten. Doch nicht Euretwegen benahm ich mich so, sondern wegen anderer Dinge, die in meinem Herzen vor sich gingen. Ich bitte Euch deshalb, es mir nicht zu verübeln. Ich versichere Euch, daß ich in meinen Trübsalen niemanden lieber zum Beistande habe als Euch. Ihr waret immer bereit, zu mir zu kommen, wenn ich geplagt wurde. Derohalb bin ich jetzt betrübt, weil ich seit Euerer Abreise manches leiblich und geistig erduldet habe, und ich Euch dieses lieber mündlich als schriftlich mitteilen möchte.

Beständige Trübsale, die acht Tage vor dem Feste des h. Johannes des Täufers ihren Anfang nahmen, suchten mich heim bis zum Feste der Himmelfahrt der allerseligsten Jungfrau. So oft ich zum Tische des Herrn ging, wurde ich am darauffolgenden Tage zur Zeit der Komplet durch ein glühendes Eisen erschreckt, ebenso, wenn ich beichten wollte, so daß ich vergaß, was ich sagen wollte. Auch bin ich vierzehn Tage hindurch, wenn ich mich anschickte, zum Tische des Herrn zu gehen, in solche Angst geraten, daß ich glaubte Blut zu schwitzen. Nachher vermochte ich nicht, der h. Messe beizuwohnen oder das Wort Gottes zu hören oder von Gott zu reden oder zu ihm zu beten, ohne durch jenes glühende Eisen erschreckt zu werden. Und wenn ich nach dem Empfange des Leibes des Herrn mich an meinen gewohnten Platz verfügte, so blieb mein Herz ohne allen Trost. Das war für mich über alles Maß bitter, und so ging es fort, bis zu genanntem Feste. Schließlich bin ich außen am Munde sichtbarlich verbrannt worden, so daß sich ums Kinn weiße Brandblasen zeigten. Nachdem dieses Verbrennen eine Zeit lang gedauert hatte und dann Heilung eingetreten war, wurden mir in einer Nacht die Ohren verbrannt. Als dies nachließ, wurden mir Augen und Stirne versengt und zwar so erbärmlich, daß es das Mitleid meiner Freunde erregte. Denn die Augen waren in Folge der Verletzung angeschwollen und große Brandblasen waren über denselben aufgetreten. Später wurde mir auf der Straße in Gegenwart des Bruders Wilhelm Bonefant und des Bruders Gotfrid von Werden die Nase versengt. Während ich nun solche Plagen am Körper erlitt, erduldete ich noch größere in meiner Seele infolge von Versuchungen. Denn der Dämon riet mir, ich sollte meinen Gott verleugnen und so sein, wie die übrigen Menschen. Und wenn ich dann überdachte, wie ich an Leib und Seele gequält wurde, und alles göttlichen Trostes entbehrte, dann wurde ich so niedergeschlagen, daß es zuweilen schien, als sei ich von meinem Gott ganz und gar verlassen. Ich verlor dann ganz meine Fassung, wie Ihr es einmal gesehen habt. Mitunter, wenn ich beten oder beichten wollte, kam es mir vor, als ob mein ganzer Leib und das Buch in meinen Händen, ja auch mein Herr Pfarrer selbst, bei dem ich beichtete, in Flammen stände. Später wurde meiner Schwester Gertrud, als sie bei mir im Bette schlief, nachts die Nase versengt, weshalb sie in den folgenden Nächten sich von mir fern hielt. In der letzten Nacht (vor Maria Himmelfahrt) hatte ich vom ersten Hahnenschrei bis kurz vor Tagesanbruch einen jammervollen Kampf zu bestehen. Der Dämon kam mit einem glühenden Eisen und durchbohrte mir damit die Ohren, und während er das Eisen in meinen Ohren festhielt, rief er, ob ich jetzt meinen Gott verleugnen wollte; sonst wolle er mich auf der Stelle töten; denn er habe Macht dazu. Ich antwortete, seine Mühe sei vergeblich; denn ich sei bereit, tausendmal für Christus den Tod zu erdulden. Als ich das gesagt, kam ein Feuerstrom wie aus einem Ofen und verbrannte mir das ganze Gesicht, so daß ich die ganze Nacht dalag und sozusagen nicht wußte, wo ich war.

Als ich wieder zu mir kam, war es mir zu Mute, als wollte ich dergleichen noch mehr leiden, und alle Plage der Seele und des Leibes war gänzlich von mir gewichen.

In derselben Nacht waren mir auch vier Dämone erschienen. Sie standen da, wie wenn sie gezwungen gewesen wären, zu erscheinen und nannten ihre Namen. Sie bekannten, wenn auch ungern, daß der Allerhöchste ihnen Erlaubnis gegeben habe, solches an mir zu tun, sie aber dafür desto größere Pein zu leiden haben würden. Schließlich sprach ich unerschrocken: „Ich beschwöre euch in Kraft des Leidens Christi: warum habt ihr mich so verbrannt?“ Sie erschienen und antworteten, weil Gott meine Sinne für das Fest habe reinigen wollen. Als sie nun anfingen, mich zu loben, wandte ich mich zum Gebete. Da nun taten sie, als ob sie weinten und entflohen dann mit einem solchen Getöse, als ob sie das Dach mit sich genommen hätten. Tags darauf sah mein Gesicht ganz verbrannt aus. Wangen, Augen, Nase und Stirne, alles war voller großer Brandblasen. Ich kam allen vor, als hätte ich kein Angesicht mehr; ich war wie eine Aussätzige und von Gott Geschlagene. Auch vorher hatte ich viele Mißhandlungen im Angesichte erlitten, wovon noch Narben zu sehen sind. Nachdem dies alles vorüber war, erschien mir der Dämon zweimal in Gestalt eines Begarden. Ich fragte ihn, was er wolle, und warum er mich verfolge. Er antwortete: „Ich verfolge dich, um dich zum Zorne zu reizen oder zu anderen Sünden. Du aber erhebest gleich deine Hände zu Gott und betest um Nachlaß der Sünden. Er aber ist barmherzig und vergibt dir, und so bemühe ich mich vergeblich.“

Am Mittwoch nach Kreuzerhöhung befand ich mich abends in meinem Kämmerlein, damit beschäftigt, mich auf die h. Kommunion vorzubereiten, die ich am kommenden Morgen zu empfangen gedachte. Ein Licht brannte auf dem Stuhl, der neben meinem Bette stand. Da kam der Dämon in Gestalt meines Bruders, der in Cöln wohnt, und in sein Wamms gekleidet, herein. Er machte den Eindruck eines stark Verwundeten und war voll Blut. Er sprach zu mir: „Erschrecke nicht, geliebteste Schwester! Siehe, da ich hierher kommen mußte, wie ich es mitunter zu tun pflege, kamen feindliche Menschen und verwundeten mich. Hilf mir also meine Wunden verbinden und mache, daß Mutter nichts davon gewahr wird.“ Ich warf mich nieder zum Gebete, erkannte, daß es der Dämon war und rief aus: „Blutdürstige Bestie, was verfolgst du mich?“ Er entgegnete: „Ich sehe, du hast wieder andere Ratschläge; diese Wunden hast du mir verursacht.“ Bei diesen Worten verschwand er. Als ich neulich in der Kirche im Gebete hingestreckt war, wurde ein Teil der Türe zertrümmert, ich wurde verwundet, verlor meine Schleier, und das Buch, das Ihr mir so schön ausgeziert habt,[39] wurde entwendet und ist fort. Infolge der erlittenen Verwundung konnte ich acht Tage lang nicht gehen und ich fürchte, daß ich das Schmerzgefühl nicht los werde. Dies alles schrieb ich Euch, damit Ihr mit mir Gott herzlich danket für alle seine Wohltaten; denn er kommt mir stets in der Trübsal zu Hülfe und führt alles zu einem guten Ende. Ich habe niemanden, dem ich diese und andere Vorgänge lieber mitteile als Euch; denn es ist anscheinend für mich heilsam, wenn Ihr davon wisset. Lebet wohl, ja tausendmal wohl! Es grüßt Euch bestens der Pfarrer, meine Mutter und mein Vater, deren Schulden mir einige Sorge machen und die ich deshalb Eurem Gebete empfehle. Es grüßen Euch meine Schwester Hilla und Hilla vom Berge, meine Nichte Hilla, die blinde Aleidis und ihre Nichte Engilradis. Durch den Ueberbringer lasse ich Euch einige Geschenke zugehen: ein Biret zum persönlichen Gebrauch und ein Käppchen. Es ist Gewürz darin zum essen. Wenn ich sonst noch etwas hätte, was Eueren Wünschen entspräche, so würde ich es Euch gerne schicken. Hilla vom Berge sendet Euch ihren Schleier. Ich bitte Euch bei der Liebe Gottes, wenn Ihr etwas von mir zu erhalten wünscht, so lasset es mich wissen. Es quält mich sehr, daß ich nicht weiß, wie lange Ihr dort bleiben müßt, und ich kann ohne Betrübnis nicht daran denken. Auch möchte ich gerne wissen, wie es mit Euerer Gesundheit steht. Schreibet mir doch bald darüber. Auch bitte ich Euch bei der Liebe meines Gottes, wenn Ihr aus dieser Welt scheidet, so lasset mich, wenn Ihr es bewirken könnt, nicht lange nach Euch in dieser Verbannung zurück. Noch einmal: Lebet wohl! Empfehlet mich getreulich Euern Freunden ins Gebet. Die Reklusen grüßen Euch bestens. Betet für sie; denn sie tun mir Gutes. Betet für Bruder Gerhard vom Greif; denn er ist sehr krank, und man fürchtet, daß er stirbt. Er ist mir ein sehr treuer Beistand.“

[39] Es ist dasselbe Buch, das der Teufel ihr früher entrissen und dann am Pfingstfeste wiedergebracht hatte. Petrus hatte es nachher mit goldenen Blumen auswendig bemalen, mit silbernen Krampen, kunstvoll gewebter Hülle und schönen Lesezeichen versehen lassen.

Petrus erwiderte den Brief Christinas mit einem längern schönen Antwortschreiben, in dem er darauf hinweist, daß nur die Liebe Christi ungeteilt unser Herz beherrschen muß. Er schließt mit den Worten: „Es lebe und wachse in Euch die Liebe Christi, es lebe die Demut, es lebe die Freundschaft, deren Ziel in den Worten ausgesprochen ist: Betet für einander, damit ihr selig werdet.“ Christina erhielt diesen Brief des Petrus mit andern am 18. Dezember 1269. Um diese Zeit, es war ja der Advent, war sie wiederum heimgesucht von allerlei neuen schrecklichen Plagen, die eine Steigerung alles bisher Dagewesenen darstellen und sich sogar bis zu einer Art Besessenheit (_obsessio_) erhoben, in der der Teufel sich der Sprachorgane Christinas bediente, um zu sagen, was dieser innerlich ganz und gar widerstrebte. Hierüber machte sie in den Weihnachtstagen dem Petrus Mitteilung, wie folgt:

„Ihrem vertrautesten Freunde und getreuesten Vater in Christo, dem Bruder Petrus von Dazien in Paris, entbietet seine Tochter Christina den Ausdruck ihrer großen Liebe und ihr Gebet. Teuerster, ich kann Euch nicht genug danken für die Briefe, die Ihr seit Euerer Abreise mir mehrmals geschickt habt. Mein größter äußerlicher Trost besteht darin, von Euch etwas zu vernehmen. Darum kann ich auch Euere Briefe nicht lesen hören ohne Tränen zu vergießen. Ich habe sie alle noch beisammen und verwahre sie bis zu Euerer Rückkunft. Im Briefe vom Mittwoch nach dem Sonntag Gaudete (3. Sonntag des Advents) führt Ihr Beschwerde darüber, daß Euch keine Mitteilung geworden sei über die zugesandten Geschenke und über meinen Zustand. Das ist allein dem Umstande zuzuschreiben, daß der Bote zu schnell wegging. Ich würde Euch weit häufiger über meinen Zustand unterrichten, wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte. Den Verbrüderungsbrief Eueres Ordens besitze ich nunmehr.[40] Ich danke Euch herzlich für denselben.

[40] Dieser Verbrüderungsbrief gab Christina Anteil an allen Gebeten und Verdiensten des Dominikanerordens.

Ihr erkundigt Euch nach meinen Leiden, von denen Ihr gerne etwas erfahren möchtet. So wisset denn, daß ich vor Allerheiligen vierzehn Tage hindurch eine eigenartige Versuchung hatte. Es kam mir vor, als ob ich alles, was ich betete, im Namen des Dämons betete. Das verursachte mir großes Leidwesen. Was ich sagte, sagte auch der Dämon. Bei der Erhebung der Hostie konnte ich den Leib des Herrn nicht sehen, sondern der Dämon kam mir vor die Augen und sprach: „Schau! nun siehst du, daß ich dein Gott bin.“ Und wenn ich meine Knie beugen wollte, so stieß er mich so heftig auf die Knie, daß ich nicht von der Stelle konnte. Als ich am Mittwoch vor dem Feste (das auf den Freitag fiel) in der Kirche war, kam der Dämon, raffte zwei Häringe aus einer Schüssel, beschmutzte diese und warf sie mit dem Schmutze in die verschlossene Beginenklause. Auch sagte er mir, er habe einer ältern Begine, die mir nicht wohlgesinnt war, aus der Klausur des Beginenhauses ungefähr zehn Cölnische Schillinge herausgeholt und sie in die Abortsgrube der Dominikaner geworfen. Diese fand denn auch, daß dem so war. In der Nacht blieb ich mit meinem Vater und meinen Befreundeten in der Kirche. Da zerdrückte mir der Dämon alle Glieder und nahm mir einen Schuh vom Fuße weg, den er dann später im Hause meines Vaters vor meinen Augen dem Knechte an den Kopf warf. Auch warf er ein Fenster ins Haus hinein mit solch schrecklichem Getöse, daß mein Bruder fast wahnsinnig wurde. Einmal als ich betete, verletzte er mich an der Nase, sodaß sie blutete. Am Vorabende von Allerheiligen entwich er mit gewaltigem Gebrüll und unter Besudelung der Klause in Gegenwart der Hilla von Ingendorf und der Reklusen. Auch nannte er seinen Namen vor ihnen und sagte, er heiße Barlabam. Am Feste Allerheiligen blieb ich ohne alle göttliche Tröstung und auch nachher habe ich solche selten genossen.

Seit jener Zeit bis Weihnachten hatte ich fortwährend zu leiden, was mir sonst niemals widerfahren ist. Es stiegen nämlich in meinem Herzen ohne Unterlaß Gedanken auf über Gott, als ob er gerade so sei wie ein anderer Mensch. -- Diese Plage darf kein anderer wissen, als Ihr allein. -- Aus dieser Vorstellung entstanden dann wieder andere Gedanken, so daß es mir vorkam, mein Geliebter sei meiner nicht würdig. Und doch war mir dieses überaus widerwärtig und betrübte mich über die Maßen. Er wollte nämlich, daß mein Herz ihm fluche und seinen heiligen Namen lästere. Mehrere, auch einige von Eueren Ordensbrüdern, haben ja gehört, wie der Dämon deutlich aus meinem Munde heraus wider Gott redete. Und hierbei kam mir mein Bräutigam, der mir soviel Gutes erwiesen hat, vor, wie ein Nichtswürdiger, der voller Eifersucht ist. Im Widerstande gegen diese Versuchungen habe ich derart gelitten, daß mir Blut aus Mund und Nase hervordrang. Bei der Kommunion ging es mir gerade so. Welche Bitterkeit mir das verursachte, könnt Ihr Euch denken. Ich klage Euch das als meinem getreuen Beistande. Bestürzung befiel mich auch bei der Erinnerung an meine früheren Beziehungen zu meinem Bräutigam, und daß an Stelle von Tröstung und Freude nunmehr gänzliche Bitterkeit mein Anteil sei. Eine andere Versuchung betraf meinen Herrn Pfarrer. Was immer er tat, mochte er nun meine Beichte hören oder mir den Leib des Herrn reichen, nichts von dem, woran ich doch früher soviele Freude hatte, gefiel mir, und er selbst kam mir vor wie ein Nichtswürdiger. Zu alle dem hatte ich noch eine Versuchung, die ich weder dem Herrn Pfarrer noch einem andern Menschen offenbaren konnte. Ihr wollet ihrethalben, wie ich vertraue, zu Gott für mich beten.

Mit meinen äußern Leiden verhielt es sich folgendermaßen: Gleich nach dem ersten Adventssonntage kam der Dämon und warf die Türe meines Kämmerleins so ins Haus hinein, daß diejenigen, die darin waren, meinten, das Haus stürze ein. Hierauf brachte er einen Totenkopf, warf denselben hin und her und grinste mich aus seinen Augen heraus schrecklich an. Dann warf er denselben der Schwester des Pfarrers, Gertrud, an den Kopf und unserm Knechte in die Seite, band ihm dann denselben an den Hals und ließ ihn schließlich bei uns liegen. Fast die ganze Pfarre kam hierüber in Aufregung.

Später warf er mit fürchterlichen Steinen meinem geliebten Vater nach dem Kopfe und brachte ihm zwei Wunden am Arme bei. Gertrud, des Pfarrers Schwester, verwundete er schrecklich an der Stirne. Eine Jüdin, die gerade hinzukam, nichts nach ihm fragte und sagte, er würde sich nicht unterstehen, ihr so etwas anzutun, warf er mit einem schweren Stein an den Kopf. Es tat mir wehe, daß er Leute meines näheren Bekanntenkreises so verletzte. Später warf er einen großen Stein zwischen die beiden Brüder Heinrich von Bedburg und Nikolaus. Dem Prior von Brauweiler biß er elf Wunden in die Hand. Auch dem Bruder Johannes von Muffendorf brachte er eine große Wunde bei. Den Pfarrer biß er in die Hand. Einem andern Mönche[41] brachte er fünf Bißwunden bei. Auch biß er eine Begine aus Brauweiler und Eueren Sohn Adolf, den Scholaren des Herrn Dechanten der Cölner Domkirche. Auch an mich machte er sich heran, warf mir mit einem Steine nach dem Kopfe, und verwundete mich so am Kopfe viermal, nach den Knien sechsmal, wobei er mich einmal verwundete, fünfmal auf den Rücken, und kratzte mich neulich wund am Knie mit der Scherbe eines Trinkkruges. Endlich warf er mich mit einem vierpfündigen Steine zwischen die Schultern, so daß ich Blut spie, mit fünferlei andern Steinen und mit Tierknochen. Fünfmal schnürte er mir in Gegenwart von Knaben die Finger und Fußgelenke so fest zusammen, daß Blut floß. Auch preßte er mir wie mit eiserner Hand die Zehen derartig zusammen, daß unter den Nägeln das Blut hervorquoll. Desgleichen preßte er meinen Arm so, daß er ihn beinahe verrenkte. Eine besondere Plage, welche die ganze Adventszeit hindurch andauerte, bestand darin, daß er mir ungezählte Wunden in den Rücken biß und immer wieder mit den Zähnen in die Wunden einhackte, so daß das Blut von den Seiten und vom Rücken herabfloß. Auch biß er mich derartig in die Füße, daß die beiden Zahnreihen unter der Haut aufeinanderkamen. Er tat das mit aufgesperrtem Maule, und zwar so, daß er den Biß in die Fersen und Fußgelenke wiederholte. Jene, die das Blut fließen sahen, konnten sich des Weinens nicht enthalten.

[41] Er war aus dem Kloster Quinheim.

In der letzten Woche brachte er eine geschundene Katze, drückte sie mir mit Gewalt in den Mund und ließ sie darin stecken. Am folgenden Tage steckte er mir den Kopf einer Katze in den Mund, und mein Mund wurde dabei so voll Blut, daß die Umhersitzenden dasselbe herausfließen sahen. Auch stopfte er mir Fleisch von Thieräsern in den Mund. Er stieß mich mit den Füßen so gegen einen Sessel, daß man diesen nicht losbekommen konnte. Im Beisein der Brüder verbrannte er mein Oberkleid am Rücken und lies ein kleines Stück daran am Halse übrig. Auch mein Unterkleid verbrannte und zerriß er. Mein besseres Unterkleid nahm er mir im Beisein anderer weg, als ich es auszog. Er goß mir auch unsichtbaren Schwefel in den Mund, so daß ich nur solchen Geschmack im Munde hatte. Etwas wie eine Flamme erschien mir die ganze Nacht hindurch und es kam mir vor, als ob er sie mir in den Mund brächte. Zuweilen zeigte er sich als Ungeheuer mit fürchterlichen Zähnen und tat, als ob er mich verschlingen wollte. Stimmen ließen sich vernehmen wie die eines Ochsen und eines Schafes, was mir großen Schrecken einjagte. Oefters führte er hohe Gespräche über Glaubenssachen und führte dabei Schriftstellen an. Doch es gebricht mir die Zeit, Euch alles zu schreiben.

Teuerster, Ihr könnt Euch nicht denken, welche Qual mir dies alles verursacht hat, zumal ich Euch, meinen allezeit getreuen Helfer, in meinen Leiden nicht bei mir hatte. Unzählige Tränen vergieße ich bei der Erinnerung an Euere Güte, Euer Mitleid und Euern hülfreichen Beistand. Wiederum muß ich Euch die Abwesenheit meines Geliebten klagen; denn ich kenne keinen Menschen, der mich in dieser Bitterkeit so versteht, wie Ihr. Doch beginnt der helle Tag in etwa zu leuchten.

Ich danke Euch sehr für das mir gesandte Kleid und die andern Geschenke, die mir Freude machen. Ihr habt gezeigt, daß Ihr alles, was für mich gut ist, zur Ausführung bringt. Ich schreibe Euch dies alles, weil ich Euch Vertrauen schenke. Lebet wohl, geliebtester im Herrn! Betet für meinen Vater und für meine Mutter. Euch zu schreiben, wie es mir im Herzen ist, das vermag ich nicht wegen meiner Euch bekannten Scheu.“

Der Pfarrer Johannes, der Christinas Brief geschrieben, fügte demselben folgende Nachschrift bei:

„Der Pfarrer bittet Euch, noch folgende Mitteilungen entgegen zu nehmen: Ihr möget wissen, Bruder Petrus, daß Euere Tochter Christina am Vorabende von Weihnachten glänzend befreit worden ist. In Gegenwart vieler -- es waren anwesend Bruder Gerhard vom Greif und sein Gefährte, der Prior von Brauweiler mit seinen Begleitern und noch mehrere andere -- rief der Dämon laut und allen vernehmbar, daß Gott gut sei und er gelogen habe; er heiße „Schütterich“ (_scutericht_). Auch von den andern Versuchungen ward sie befreit und die Gnade Gottes ist reichlich zu ihr zurückgekehrt.“

Drei Tage vor Lichtmeß, mithin am 30. Januar 1270, erhielt Petrus vorstehenden Brief Christinas. Er antwortete ihr in mehreren Briefen, die einzelne in Christinas Brief angeklungene Fragen des geistigen Lebens behandeln, nämlich das Unvermögen, vollständig das Empfinden wiedergeben zu können, die Abwesenheit des Geliebten, den Anbruch des Tages u. dgl. Er bittet Christina, ihm in einem Quatern, d. h. einem Hefte von vier Pergamentblättern in Folio, eingehendere Mitteilung über ihren Zustand zu machen. In der Fastenzeit sandte dann Christina dem Petrus folgendes Schreiben: