Die sechs Mündungen: Novellen

Chapter 8

Chapter 83,822 wordsPublic domain

Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die um sie kreisten. Er senkte die Augen. Zwei Beduinen empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf ein Tier und ritten neben ihm. Er hatte den einen Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie ihm einen Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche. Als sie ihn verließen, sagten sie ihm, daß es knapp ein Tageslauf sei.

Er hielt sie an.

Er hielt sie an und fragte: »Wer war es, der mich losließ?«

»Die Tochter Yousouf Bassas . . .« sagten sie. -- -- -- -- -- -- -- -- Er wartete, bis sie verschwunden waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte.

Hiermit und so war er fertig mit ihm.

Durch die Hand sah er sein Blut. »Juana . . . ja . . . mein Blut -- -- unser Blut --« schrie er und stachelte den Hengst mit dem Dolch.

Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge rauschten über ihm. Endlos blendeten die weißen Kaktusfelder in der Ferne.

Ein Tuareg begegnete ihm.

Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen hielten sich so fest, daß ihre Hände sich nicht rührten.

Endlich: Bäume . . . Bäume! Eine Allee. Orangenallee . . . Er fiel vom Pferde, umarmte es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des Tiers. Am nächsten Tag fand er die Galeeren. Am gleichen Mittag rannte eine Patrouille von ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene Schlacht. Der Bassa schlug ein und bezeichnete den Platz.

Sie stachen sofort los. Las Casas kam in Streit mit den Offizieren. Er trieb die größte Eile an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle sein wollte. Denn er mußte auf jeden Fall die Stellung an der Küste haben, damit er den Feind gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine Unmöglichkeit sei und auf diese oder jene Form dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere wollten erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe lag. Doch Las Casas sagte, daß sie nach der Schlacht Wasser genug haben würden hier oder da, und er wies auf das Meer und in die Richtung des Hafens; da schwiegen sie, denn er lächelte dabei.

Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und knirschten, als die raschen Takte des Vorsängers ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen.

Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem Vorderdeck, unbeweglich, den Blick auf das Meer ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen in das ruhige Wasser.

Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm wie zwei Segel, die ihn nach der endlichen Tat hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er wenig und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein Lächeln, fast spöttisch, kräuselte seinen Mund. Er schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz durchfuhr ihn stürmisch und sengte seine Augen.

Er drehte sich und es war ihm, daß einige Bänke die Ruder weniger tief streckten und so den Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne mitten auf dem Steg zwischen den Bänken mit Sklaven zwei Neger hinrichten. Die nächsten schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern stand Wut.

»Wasser . . . !« brüllte ein langer Portugiese und drohte. Las Casas lächelte ruhig und sehr gefaßt und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen.

Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn hob, schwellte und maßlos mit sich selbst erfüllte, daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und seine endlos beschwingten Gefühle über alle Schicksale hinausstiegen und der Tod ihm nur ein geringschätziges Spiel (wie mit Masken) erschien.

Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden Tag.

Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf und färbte das Wasser so. Und als bedrücke das Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner Seele, horchte er in sich hinein und fand wie ein Pizzicato in der Ruhe seines höchsten Geschwelltseins den Gedanken an Juana und riß ihn heraus und maß ihn mit den letzten Erlebnissen und der Idee seiner Tat. Die Kartaunen des Vorderdecks lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten die Galeeren mit glühenden Kugeln. Eine zischte zwischen die Ruderer und verbrannte sie. Es roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten auf und ließen die Ruder.

Da ließ Las Casas die Hörner blasen.

Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine Schlinge fiel vom Hauptmast. Sie legte sich um den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und schwang ihn, der sich verrenkte und mit den Armen, die Hände zu Fäusten gekrallt und die Zeigefinger nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über das Schiff.

Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben sich und schäumten auf die Caramuzzals ein.

Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana ganz aus sich. Nur die Tat sollte sein. Er stand auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal. Eine Flagge deckte sie: Rot mit sieben schwarzen Monden.

Endlich: Yousouf! --

Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so war es von der Sonne durchtränkt.

Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung, in der durchbebtesten Ekstase seines Lebens den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige Freude durchschwang ihn. Er hatte den Dolch durch den Mund gezogen. Seine Hände hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle Kanonen entluden sich und schrien gegeneinander.

Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und brüllte etwas mit leuchtenden Augen zurück, was das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn an. Und als hätten die nicht gehörten Worte etwas gelockert, als hätten sie ihn das gefragt, um was er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen, die sich zerrissen an dem Dolch im Mund:

»O alles . . . hätte ich auf den Bauch geschmissen Dreck gefressen, drei Monate oder vier . . . wären meine Gedärme zerfetzt daran . . . hätte ich den Bart säubern müssen des Bassa jeden Tag von Eiern und Speisen und schlechten Küssen, wäre ich stinkend geworden und nach Übelem riechend und hätte ich keine Zähne mehr im Mund und wäre ich gewesen wochenlang beschämt bei alten Weibern, die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern aus den Gliedern quellend . . . o, alles nichts, klein, sehr klein, -- -- -- kein Lachen . . . keinen Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen Moment, gegen dieses Steigen -- -- -- und was Juana ist -- -- -- was ihr Andenken ist . . . es wiegt nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht einmal mein Brüllen ist es wert . . .« -- -- --

Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat.

Seine Lippen zuckten zerrissen.

Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten.

Die Offiziere standen um ihn.

Blut rann über sein Gesicht.

Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer nach rechts. Geknarr und Erschütterung knirschte auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte. Dunkle Massen strömten hinüber.

Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz ruhig stand Las Casas auf der Poppa. Sein Gesicht war hell und stet wie eine Fahne.

Aber dann: -- -- als er hinübersprang und sah, wie Bassa Yousouf mit vielen Kugeln durch den Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben und vorbeitrugen dicht an ihm . . . kniete er, wo er stand, nieder, warf sich auf den ersten Toten, der aus der Brust blutete, küßte die Brust -- -- -- und stammelte: »Juana«. Stammelte: »Juana«. Nichts weiter. Nur dies.

Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas betrachtete ihn genau. Er sah seiner Tochter ähnlich . . . die Wolke über der Stirn . . . die Braue und der Nasenflügel . . . Las Casas erstaunte über die Leiche. Er wußte nichts damit anzufangen. Er roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen, fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr mit den Fingern in die Wunden des Bassa und untersuchte sie.

Dann zuckte er die Achseln und trat zurück.

Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand.

Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren traten auf ihn zu: Sie seien stolz . . . unter ihm . . . dieser Sieg -- -- --

Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa . . . Er strich die Stirn: Ja. Er lag da. Auf der Poppa . . . tot? . . . Tot!

Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte ihn. Es war die erste Tat im Reich. Gewiß. Er hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios.

Die Sonne ward schon gelb und stieg.

Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und gab das Signal zur Abfahrt.

Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck.

Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn: »Teilung der Beute . . . Ruhe . . . Soldaten . . . die Sklaven seien ausgelaugt.«

Las Casas stemmte sich hoch: »Wir fahren!«

Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen.

Niemand sprach.

Sieben türkische Caramuzzals waren erobert worden, auf die Soldaten verteilt wurden. Die Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den Harem.

Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten, sprangen den Leuten Arme und Lippen auf. Die Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten kaum.

Weißglühende Wut schwelte in den Augen der Soldaten.

Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der Wind ihn zuerst kühlte. Die Leiche Yousouf Bassas lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal auf ihr, dann sogen sie sich wieder glühend, brennend in den Horizont fest. Er freute sich über die Tat. Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana weggesprungen sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich, als könne er ihre Umrisse mit den Händen fassen. Es war unmöglich -- wie konnte es sein, lachhaft und kindisch? -- daß er sie dreimal verschmäht hatte. Er blickte auf den Toten. Es war doch so. Doch er verstand die Wichtigkeit dieser Tötung nicht mehr.

Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns zu mäßigen. »Die Leute verrecken vor Durst. Die Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den Mäulern,« sagte heftig der junge Offizier.

Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen. Das Tempo blieb das gleiche. Es ward Nachmittag.

Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. --

Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche einen Garten voll Lauben und Gerüchen und eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt, in der er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den Atem. Es preßte alles beiseite. Er mußte ohne einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er schob den Toten mit dem Fuß zur Seite, da er ihn plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache verlegte (die in seiner eigenen Brust saß), daß er Juana verschmäht hatte.

Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem Ventil: »Wasser!« Es war ein gellender, trockener Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner Nähe. Aber dort brach es aus: »Wasser!« . . . und schlug hinüber und zündete und an hundert Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern. Die Augen waren ihnen stier geworden, und die weißschweißigen Gesichter brannten.

Las Casas' Hirn schob blitzschnell den Gedanken vor: Gefahr! Sein Bewußtsein packte zu und begriff dumpf, daß ihm ein Hindernis entgegentrete. Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor:

»Schmeiß,« schrie er, »Geschmeiß,« und wieder: »Vieh . . . Ihr wollt weniger tun, Hunde, wo ich mehr Eile habe. -- Sklavenführer, aufs Vorderdeck! . . . Die Riemen in die Peitschen gezogen . . . Zehn Takte rascher gefahren im Viertel der Stunde. -- Den Bankersten die Bastonade!« . . . Seine Stimme war wieder beherrscht geworden. Die Riemen klatschten über die Rücken.

Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen, das sie kühlte und ihren Schweiß wegschwemmte. Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden, daß sie schrien über das Geschenk.

Am Morgen stand einer auf als Deputat: »Wir können nicht mehr.« Niemand hörte auf ihn.

»Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns auf den Bauch diese Zeit. Dann streifen wir das Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.«

»Einen halben Tag . . .« johlten die anderen.

Der Deputat drohte: »Wir brechen die Ruder . . .« Da gab Las Casas Befehl, ihm, dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge aus dem Munde zu nehmen und ging hinunter, die Zähne in den Lippen und bleich. Denn es schmerzte ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten nur ein Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern daran hing und auf alles niederfiel, was es sperrte: »Juana!«

Er ließ den Sklaven Wein geben. Das Geringe berauschte sie. Die Galeeren zogen rascher.

Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler aufgesperrt, aber noch entfeuert.

Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender, bis einer schrie:

»Weiber -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«

Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine Stille schob sich nach, die alles preßte.

Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten ihre Ketten gegen die Bänke:

»Dein Ver--spr--e--e--e--chen . . . am selben Abend . . . zwei . . .

Schuft! -- -- -- Du . . .«

Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen. Die Aufseher peitschten sie mühsam wieder an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem Fleisch.

»Ihr werdet sie haben, eh' der Tag 'runter ist. Wenn ihr euch eilt, Bande! Dann sind wir in Cartagena.« Las Casas' Stimme klang knapp, unendlich beherrscht.

»Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!«

Las Casas ließ sie.

Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, erschrak er. Es blitzte ihm durch den Kopf -- er müsse den Abend in Cartagena sein -- -- um alles.

Er ging auf dem Deck herum und zerbog die Hände ineinander, bis er den letzten Entschluß sich abgepreßt hatte.

Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem Harem herüberzuschaffen. Er wußte (in brennendster Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems beim Umladen nach der Schlacht gesehen hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste waren kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte rund mit Gold gemalt. Sie sollten vor ihnen tanzen, daß sie rascher führen.

Alle mußten hinuntersteigen.

Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und Las Casas.

Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven die Gesichter weiß wie die Planken, die Augen rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las Casas' Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze.

Dann fingen die Boote an hinüberzufahren zur Caramuzzal, die den Harem trug. Die Wächter hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend vor Scham und Schmerz, wie irgendwo einem Geifer aus dem Maul rann, während er blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in Strömen aus dem Gesicht. Sie sahen aus wie Pilze, auf die plötzlich Tau fällt.

Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel auf die Schiffe. Die Gesichter waren ins Unkenntlichste verzerrt. Wo manches Nase oder Mund sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten Qual.

Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er tat, empörte seine Seele. Er schlug die Arme übereinander, daß sie ihm die Brust einbogen, biß die Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte vor Zorn über sich. Er flüsterte: »Juana« und empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte den Abend in Cartagena sein (er kam den Abend nach Cartagena) oder wahnsinnig werden oder zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen diesen Willen.

Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der Männer. Dabei empfand er, wie die Galeere mit erstaunlicher Geschwindigkeit flog.

In der drückenden Stille hinter seinem Rücken bohrten die achthundert Augen sich auf die Caramuzzal, an der die Boote gerade anlegten. Ein silbernes Horn (wie rein es scholl zwischen den Masten und gelben Segeln!) hob sich mit zartem Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief einmal (wie klang sie jung und nach Andalusien!): »Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.«

Las Casas wandte sich nicht um.

Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen von einem Gedanken und hob den Arm mit einem raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand wußte, wollte er Einhalt rufen oder winken.

Doch die Geste wirkte unsächlich.

Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus allen Brüsten lösender Schrei über die Galeere hin. Es war zu viel.

Einer der Sklaven hatte Las Casas' Bein gepackt. Las Casas verschwand unter der gebeugten Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, und flog wie ein Ball auf die andere Seite. Sie warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links. Vierzig auf der anderen Seite. Einer senkte seinen Mund auf seinen Hals. Ein anderer schlug seinen Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, Gefangene, erschlugen die Offiziere, befreiten sich und vergaßen ihn über ihrem Gelage.

Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte im Horizont auf.

Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind herauf. Drei Schiffe mit roten aufgebauschten Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber von seinem Segler. Denn er war es.

Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert um die Reeling hängen. Die Leiche Las Casas' ließ er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner Fanale.

Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen und bestieg die Caramuzzal, die des Bassas Harem trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein. Die anderen schenkte er seinen Soldaten. Darauf stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit lackiertem Mahagoni und Zitronenholz. Sie hatten sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der lächelnd und zärtlich scherzend mit ihnen sprach, zutraulich Kakao und Orangenwasser.

Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward Abend, als sie in Cartagena einliefen. Große Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte kommen. Das Banner Las Casas', Quijadas, das von Kastilien und die rote Fahne mit sieben Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana stand am Steg.

Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht und ans Land gestellt. Quijada folgte. Las Casas' Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, unter der weißen Fanale, auf der sein Wappen stand. Um seine Stirn saß festgebissen mit einem dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie ein schlechter Heiligenschein.

Juana taumelte.

Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung wieder in sich selber ein. Und da sie nicht allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern das Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie um den Liegenden herum und raffte ihr Gesicht auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer über einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz auf Luis Quijada zu und legte ihren Kopf an seine Brust.

Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche ihrer Entschlossenheit, aber er tat doch den Arm um sie, denn er hielt sie nicht für schlechter als die drei Besten aus seinem Harem.

Yup Scottens

Yup Scottens wette niemals. Sie wüßten es alle.

Das Blut steige ihm noch röter unter das breit und tot herabfallende Haar. Er schlage auf den Tisch. Jedesmal würde er auf den Tisch schlagen, wenn wieder einer vom Wetten spreche.

Also schweige man davon.

Ob Yup verheiratet sei?

Nein.

Und es würde besser sein, auch danach nicht zu fragen.

Leise höchstens, ganz leise könne man davon erzählen.

Tim Porker müßte dann die Beine vom Tische nehmen. Denn ihr Ledergeruch würde stören. Und dann hätte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker hinter der Farm gedüngt. Kinder, man sei ja nicht so, aber Tim müsse diese Lederranzen von den Füßen nehmen und sie vor die Tür stellen. Noch weiter, zwanzig Meter vom Haus weg . . . so . . . und auch dann stänken sie noch. Aber weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den algerischen Tabak rauche, wegen dem man allein fünf Jahre in der Fremdenlegion sein könnte. Selbst wenn man kommandiert würde . . . Oder doch nicht, nein . . . nicht . . . Aber komisch, wo er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht wegzusehen, warum denn auch. Yup Scottens wüßte manches davon, und wenn er wieder da sei, in drei Tagen wohl ungefähr -- denn schließlich sei er doch der beste Reiter --, er würde möglicherweise davon erzählen. Ralf sollte doch schweigen. Es sei ein Irrtum. Yup hätte an manchen Abenden beim einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr erzählt, als sie wüßten und dächten. Alle miteinander.

Tim Porker müsse auch die Strümpfe ausziehen. Es ginge nicht anders. Frischgedüngte Äcker brächten auf so verfluchte Gedanken, röchen einem an mit Erinnerungen. Boys! wer hörte die gern! Nach den Sternen speien nachts durch die blanke Kühle, hundertmal denselben Büffel anschießen, eh man ihm die Kugel ins Ohr brennt, Mestizen an den Beinen aufhängen, daß die Köpfe wie Früchte platzten, Kinder, ja, alles, gern -- aber nicht an frischgedüngte Äcker denken!

Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die Pferde fräßen. Büffelmist solle hereingekehrt werden und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang schneien.

Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm die Pfeife geben. Wie? Yup werde länger brauchen? Yup wisse, daß nur für vier Tage zu essen da sei. In vier Tagen werde Yup den Transport herbringen. Heiho! Yup.

Ganz andere Fahrten hätte Yup gemacht.

Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott. Und wenn sie morgen früh einen Tunnel nach seinen Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die Stiefel blieben draus.

Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am Gebirg, der plötzlich wie ein Signal an der Eisenbahnstrecke, die Yup drei Tage von hier kreuzen müsse -- also der wie ein Signal umgeklappt sei in eine stechend kühle Nacht. Sie hatten auf dem heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt, das Hirn geglüht, aber sie hätten gefroren. Der Schein des Feuers wäre die Felswand hinaufgeklettert, aus der sternüberhängten Nacht hätte ein Fuchs gebellt, spitz und lang auslaufend. Manchmal. Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm erzählt, warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches habe er schon früher geahnt, denn Yup habe dies schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm aber auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz dem Ring an seinem Finger. Yup habe ihm alles erzählt. So:

»Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens, und hatte ein schönes Geschäft. Es war seine Erfindung, auf Emailleschilder eine grüne Schrift anzubringen, die abends leuchtete. Die Fabrik lief famos. Yup bastelte an neuen Erfindungen, ritt, spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren Leute, ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte Schuhe an den Füßen -- ich sehe dich nicht an, Tim Porker --, aber sonst waren sie wie wir, hatten knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell säuberlich in eine Ecke hin, fuhren sechs Tage, immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich, und keiner wußte anders, als daß sie zusammengehörten, einer zum nächsten, jeder zum andern, sich herausbeißen würden und ginge der letzte Zahn zum Teufel, immerfort, daß sie beisammen bleiben müßten. Stets.

Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura hieß. Ein komischer Name -- aber er verliebte sich in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst ging er Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei Abenteuern; trotzdem er den Weibern gefiel -- er sagte es nicht --, aber er besaß früher eine volle Brust, ich sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings, ja, jetzt sind sie nach innen gebogen und haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht, Kinder, Yup hatte gerade Beine, jetzt aber sind sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist.

Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist auch egal. Hat ein wenig gestottert und mit einem glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe weggeschaut, denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr begreift das nicht, kann euch auch einerlei sein. Ich habe einen Stein nach einem Fuchs geschmissen, der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt.

Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura und ging alle freie Zeit zu ihr. Die anderen begriffen das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei etwas aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup Scottens. Sie versuchten ihn wieder zu bekommen. Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er von den Haaren der Miß Laura. Das war ihnen langweilig, begreiflicherweise.