Chapter 7
Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und schnitten sich wie zwei Säbel. Dann kam eine Barchette mit singenden Sklaven vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter auf das Wasser . . .
Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham ergriff sie leicht über die Worte und Gedanken des Tags vorher wie über eine geheime und später sich mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände vor das Gesicht . . . und tat sie rasch hinweg, daß ihre Blicke groß gegen den ungeheueren Horizont schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, in dieser Minute, daß dieser, daß er trotz allem »O Las Casas!« dessen Ehrgeiz an fremden Küsten wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als alles, was an sie herankam. Sie dachte an Quijada, und es schien ihr jetzt, als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.
Später kam Quijada. Er sprach wieder über Las Casas. Er sprach nie über sich oder über sie. Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen in der Beziehung auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist und weil sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie das Verschmähen ihres Besitzes um einer Tat willen, sie bis zu den äußersten Grenzen der Idee entflammt, ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine Nichtachtung des Bluts erscheint -- und wie sie nur aus gekränktem Eros heraus denken können und tun . . . so empfinden sie, unbewußt vielleicht, vielleicht oft, immer -- es ist möglich und einerlei -- den Haß des Mannes auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über alles umronnen stehn von ihrem Blut!
Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.
Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen Gärten.
Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grüßte und ging nach dem Palast.
»Las Casas . . .?«
»Beruhigen Sie sich!«
Sie sah ihn an.
Bleich.
Da sagte er heiser: »Las Casas!«
* * *
Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere vor ihm . . . öffneten den Vorhang. Er stand vor dem König.
»Sie?« sagte der.
Las Casas verbeugte sich.
»Warum kommen Sie?«
»Der Prinz ließ mich rufen.«
»Duell . . .?«
»Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen den Prinzen) nannte ihn irgendwas. Ich schlage mich für den Prinzen.«
Der König winkte ab.
Langsam drehte er sich um und schaute durch das Fenster.
»Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.«
Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König ihm das Gesicht zu, nahm einen verzierten Dolch, schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und sagte gütig und klar:
»Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.«
Las Casas lächelte verzerrt und ging.
Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis er in den Eckraum kam, den ihm der Prinz überlassen hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen, der die Galeere kommandiert hatte, die den falschen Bassa fing.
Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem Lächeln, verlegen und geschmeichelt auf ihn zukam, griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf einem Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen Armen ihm zu vor ihn. Er rief ihm gleichzeitig, daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme für seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, nicht wußte, was das war, befahl er ihm, den einen Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex von fassungsloser Enttäuschung.
»Holländische Münzen . . . ge . . . fäl . . . schte . . . Molinillos --?«
»Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit anderem als mit einer -- Imitation belohne?«
Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht geschlagen war. Er stemmte sich auf, als wolle er den Beutel wegwerfen.
Da begann Las Casas' Gesicht zu zittern: »He,« tief er, »Herr!« -- und es klang wie der Ton eines der krummen Hörner an einer königlichen Barchette: im Befehl unabwendbar . . . und es knickte den Zornigen. Er ging mit hängenden Armen.
Las Casas promenierte noch über eine Stunde in der Kühle des Korridors, bis die Herren kamen, ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn umarmte. Das Rendezvous war in einem gesperrten Teil des Gartens zwischen einer Fontäne und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß nach wenigen Minuten seinen Gegner durch den Nabel mitten durch, daß der Herzog von Medina-Sidonia mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung nicht unterlassen konnte, daß an der Stelle, da ihm das Leben geworden sei, es wieder verströme.
Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die Löwen. Ihre Augen wurden grün vor Gier. Es pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen. Dann brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins in ein erschütterndes Gebrüll aus -- durch die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper rasend dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen kitzelte.
Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum Palast, traf Las Casas auf Juana und Luis Quijada, der sich um sie bemühte. Sie war auf eine Bank zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand sie auf.
Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl.
Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten einen gleichen in hetzenden Takten selig geschwellten Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper aufeinanderdrangen und sich umschlossen, obwohl sie sich nicht bewegten . . . und wie wenn ihr Blut aus den Adern presse, heraustrete und ineinanderströme.
Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte von irgendwo her, von der Seite her? -- -- -- neben ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die Stimme Quijadas:
»Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu Ihrem Erfolg heute -- -- wie ich ihr Unglück bedaure -- sonst.«
Las Casas' Blick fuhr an ihm vorüber wie an einer Wand. Drehte die Schultern, entblößte seine Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die Hand. Sie sahen sich in das Weiße. Dann ging er.
Nach drei Schritten wieder bog er um: »Graf Oropesa, . . . Sie sagten . . . vielleicht, daß Sie mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt, Ihre Segler zu rüsten.«
Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle spielte, sagte scharf, den Schnurrbart kauend: »Sie haben mir nicht den Gefallen getan, mich für diesen Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären. Auch im Großzügigen wie in der Verachtung weiche ich Ihnen nicht.«
»Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung haben, jetzt . . . gleich . . . sofort -- Auf Wiedersehen.«
Er machte eine schwache Geste nach dem Meere und ging.
Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen nahm, brachte ein Diener ihm einen Brief von ihr. Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder. Nur dieses: »Komm --!«
Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: »Komm!« Es fielen ihm ein die Abende im Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor Sehnsucht wie der Horizont und darüber erschrak, zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn so, daß er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er sich selbst empfindend, langsam zurückkehrte in die Umgebung und sich gewaltig zufammenraffte und toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb:
»Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen, wo ich Dich aufschob bis nach dem Erfolg. Ich müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs. Du aber wärst feig, wenn Du nachher mich nicht verachtetest.«
Aber in der Dämmerung fand er sie in dem Garten. Sie spannte die Arme nach ihm. Da fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte und die verbotene, selbstversperrte Sehnsucht in einem knabenhaften Weinen in ihren Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre Schenkel, und sie sagten kein Wort. Doch er warf ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ, lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein Mund.
Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte, erhielt er ein Billet. Er erbrach es am Ufer noch, einen Fuß in der Barchette.
Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil das Dunkel ihr Blut quälte, und raste nun nach ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! auf den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein.
Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte ein ganz kleiner Hucker mit unmäßig geschwellten Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann stand darin. Warf einen Brief herauf.
Sie schrieb: »Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . die Härte . . . warte -- trotz alledem. --«
Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die Augen rot -- eine überreife Frucht. Die Lippen hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie eine weiße Falte lag der Mund in dem Gesicht.
Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen an den beiden Abenden, die folgten, ins sinnloseste betrinken. Er schenkte es ihnen.
Zehn Tage später liefen die drei Segler des Luis Quijada aus.
Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden.
Juana hielt die flachen Hände an die Brust und fing den Herzschlag auf darin und warf ihn den Galeeren nach.
Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte sie auch sein Fehlen doch, da sie ganz allein war. Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr das Kühlende seines Hasses. So glaubte sie. Manchmal erschrak sie.
Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer Donner sich sammle, wie wenn ein Bergwerk einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus dem glatten Himmel sause irgendwo. Und sie bedauerte, daß sie nicht tiefer hören könne, und streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf, höher . . . und ward straff gegen jeden Anprall und scharf wie eine Lanze.
* * *
Bandieren und Standarten spannten sich auf Las Casas' Galeeren. Morgens und abends bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das Meer wechselte blau und grün. Gegen Mallorka zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende Monde auf dem Grund. Die Sklaven ließen die Ruder und beugten sich über die Geländer und starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie zu prügeln, und sie krochen wie die Hunde zurück.
Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer Seide mit Las Casas' Wappen in Granaten bestickt. Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht vorüber.
Bei der Insel Galita war eine Falle für den Bassa gelegt. Zwei kleine Segler mit Lamawolle und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden nachts, lautlos.
Las Casas kreuzte ganz Tunis ab.
In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische Caramuzzals ein, die völlig braun waren und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. Sie schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus kleinen Kanonen. Beim Entern sprang ein Mann zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott lobend. Las Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in Ketten legen. Die anderen schlug sein Henker mit der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten wurden auf die Ruderbänke geschmiedet. Die Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere stach die Sonne zusammen.
Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang (sein Blick hatte den gewöhnlichen Wahnsinn der Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn langsam totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. Das fiel vor ihm hin und nannte sich einen Franziskaner aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten war. Er küßte die Füße Las Casas', und als der ihn nach dem Versteck des Bassa fragte, heulte er auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß er den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches gab er singend die Weisungen für das Schiff.
Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und versprach ihm straflose Freiheit, wenn sie den Bassa fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe seines Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei -- -- -- für den anderen Fall. Der Renegat allein lobte nur Gott.
Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den Bassa überraschen sollten, sahen sie eine gelbe Caramuzzal in einem schönen Bogen eine Mauer von Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von beiden Seiten wurden sie mit Brandpfeilen und glühenden Eisen überschüttet.
Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert Soldaten aus, fing und erschlug eine Anzahl Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene Nubier saßen vor des Bassas Kajüte. Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein stehendes Lager und den Harem hätte.
Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten Morgen. Sein Herz ging hoch, als ob er ganz dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten. Die Galeeren sollten so lange kreuzen.
Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer.
Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner seine Hymnen, bis ihm ein Offizier mit einem Koran als Knebel das Maul verstopfte.
Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren sie, daß am Abend der Bassa in aller Flucht vorbei gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu weisen, obwohl sie schrien und sich wehrten aus Furcht.
Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender fiebervoller Ring wälzte der Himmel sich um den Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in der Luft wie Sand. Sie mußten die Augen senken, und das Blut zog sich ihnen wie gefroren im Kopf zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos wurden, schrien plötzlich etwas, rannten ein Stück in die leichten Dünen und verbeugten sich . . . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen Laut. Nur das war: wie wenn der grünliche Schlauch am Himmel sich langsam um sie zusammenziehe.
Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, zündeten Feuer an und stellten Wachen aus. Die Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf der einen Seite die Männer, auf der anderen Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne scharf in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen in die Arme. Dann spielte die Muschel allein. Auch sie schwieg.
Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte, daß es Zuversicht sei. Er wußte (ganz unstreitbar), daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie war zu zweifeln? . . . Juana? Er würde sie dann in fiebernden Händen besitzen.
Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper zitterte unter dem Gedanken.
Er hob den Kopf. -- Ja . . . Bisamrosen hatten um die Bank gestanden und geduftet. Und Nelken.
Sehr scharfe Nelken. -- -- --
Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von Beduinen um das Lager und senkte seine Lanzen in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden sie und einige andere, trennten ihn von ihnen und ritten mit ihm die Nacht durch und den ersten Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein Kamel. Sie gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere. Er trank es nicht. Mittags ritten sie weiter. Rötlicher Nebel schoß vor die Sonne und glühte die Kehlen aus.
Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann ritten sie eine hohe Düne herunter. Ein Park von Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand um ein paar Bäume und einen Brunnen. Las Casas trank Wasser. Abends fragte er, ob sie ihn zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein --! Da wuchs alle Kraft in ihm und durchbebte ihn wieder.
Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier: »Gute Stute . . .« Denn seine Hände waren gebunden. Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er schritt durch Gewölbe und Gänge und stand in einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben Steinen, zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen. Eine Laterne stand auf dem Tisch, Wein, Brot, Früchte.
Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen bärtigen Türken. Sie verhandelten über sein Lösegeld. Während sie sprachen, senkten des Türken Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las Casas' Hand hoch, ein wenig. Sein Dolch lag auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. »Gib dir keine Mühe!« lächelte der Türke. Der Marques hatte die Waffe schon gepackt. Er sauste mit einem heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen einen dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen aus Zorn und kehrte ruhig zurück. »Ich sagte es dir«, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt.
Allein er ließ ihm den Dolch.
»Sag mir das eine!« fragte der Marques scharf. »Bin ich bei Yousouf Bassa?«
Der andere lächelte: »Nein.«
Sie einigten sich über das Lösegeld und Las Casas blieb allein. Es ging schon gegen Morgen. Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann.
Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür war nicht verschlossen und er sah keine Wache. Er stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel eines Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. Es roch modrig. Von Zeit zu Zeit merkte er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber er mied sie. Plötzlich fühlte er Schwindel, und die Furcht, daß er sich im Kreise bewege, zog ihm das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel, wie er bleich ward und schlug hastig den Gang in einen Kreuzstollen ein, der das Gewölbe durchbrach. Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang getastet hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab, eine Dämmerung schwoll auf, leichte Helle lockte, und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes, das größer wurde und ihm entgegenströmte im Nahen und Mond ward . . . und ihn hinauszog auf einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht.
Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt in der Mitte, als schwämmen sie auf dem Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen blitzende Strahlen Quecksilber.
Las Casas schlich über den taghellen Hof, an die Mauer geduckt und von dem schmalen Gurt ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen zwei Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah hinein.
Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und schaute müd und regungslos dem Spiel eines jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben eine Zeit so. Innen der Türke in das Betrachten versunken, der Marques fand nicht den Augenblick, sich von dem Posten geräuschlos zu lösen.
Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob die Augen. Die Augen mußten über das Fenster . . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in die Luft, Glas splitterte, ein Dolch schlug neben Las Casas' Kopf vorbei durch die Scheibe und verlor sich zischend und blinkend nach den Brunnen.
Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine Blicke faßten plötzlich eine dunkle Öffnung in dem hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht und glatt. Während er suchte, fing ein runder Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle tauchten auf und spielten mit dem ersten. Sie glitten übereinander und vermehrten sich, bis die eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte Las Casas, die Wände seien Spiegel. Er suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er fand keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in die Augen. Da hieb er mit einem Aufschrei bebend vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es einen Ruck, eine Öffnung, durch die er schritt fünf Schritte bis in sein Zimmer.
Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte herein. Sie betrachtete ihn lang und eingehend. Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort, ihn anzusehen.
Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte: »Ich kann mit dir machen, was ich will.«
Las Casas zuckte die Achseln.
»Wenn du mich liebtest«, meinte sie nach einiger Zeit ernst und überlegen, »kostete es dich den Kopf. Zwei, drei Schnitte . . .« . . . sie fuhr sachlich mit dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah ihn an, als ob sie immer mehr über ihn erstaune.
Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der Marques die Linien ihres Körpers nach und wandte sich langsam nach der Wand.
Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und brannten ihr Bild in die Mauer. Sie war sehr schön.
»Mein Vater hat sieben Monde«, fuhr ihre Stimme fort, »ich habe den Alten schlagen lassen, dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und dich.«
Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. Da fuhr ein Lachen mit tausend süßen Spitzen in ihr Gesicht: »Alle Querstollen führen in den Hof«, lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie ihm vor das Gesicht. Dann lenkte sie ab: »Deine Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht sehr braun . . .« Sie strich mit der Handfläche neugierig und schauernd über seinen Hals.
Der Marques packte ihre Hand und warf sie mit spitzen Fingern zurück. Sie zog sie erstaunt an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms und senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht und drohte ihrem hellbraunen Spielzeug überrascht:
»Wenn ich will, kann ich dich an das Bein einer Kamelstute binden lassen, die nach Tripolis geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules Wasser zum Trinken. Oder du mußt Sand scharren im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem Kopf stehen und durch die Nase lachen.«
Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. Rasch flog ihr Fuß aus dem Pantoffel, das Bein schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und zupfte ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las Casas schlug mit der Hand hart auf den Fuß, der sich zurückzog.
Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich gering gemacht und wie ein Schwein oder gleich einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang auf ihn zu und drückte sich an ihn und strich ihm über den Arm und den Hals. Sie begriff ihn nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er warf sie, während seine Finger die ganze Schönheit ihres Körpers begriffen und im Gefühl bewahrten, ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen die Wand, stieß einen kleinen spitzen Ruf aus, zog ihr Tuch bis unter die Augen und ging.
Einmal noch floh Las Casas.
Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit vielen Begleiterinnen dunkelblaue Bohnen und Winden begoß.
Er wußte nun, daß er ganz -- wie ein Tuch und ein Stein -- in ihren Händen sei. Aber die Erniedrigung war nicht tief genug, daß er sich tötete. Er spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam zu. Einmal setzte sie sich auf seine Knie und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr. Um so stärker aber stieg das Bewußtsein der Berufung in ihm.
Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er sie abschüttelte, obwohl sie sah, wie seine Lippen brannten.
Doch langsam sahen Las Casas' Augen sie nicht mehr. Sie sahen trüb aus wie Zisternenwasser. Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte es drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren Finger vor die Pupille und stieß danach. Sie brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm der Stern auf dem Weiß.
Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien eingeritzt standen, und flüsterte an sein Ohr: »Palast-Plan . . . Palast-Plan«, bis er begriff und ihn vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine List.
Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den Lippen. Sie küßte ihn auf den Mund und sah ihn traurig an: »Was willst du?« Der ganze Körper bat.
Da floh er.
Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels, glitt über Terrassen und Galerien und tauchte in einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog. Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang. Er schritt minutenlang. In Abständen waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen hatten. Einige waren aus einem porösen Stein, andere völlig glatt. Er streichelte seine Hände kurz und stolz: »Kluge Hände«. Ein Übermaß von Freude stand ihm bis zum Kopf, bereit, durch Mund und Augen übermäßig aufzuspringen. Plötzlich packte er einen Auswuchs und empfand im gleichen Moment, daß seine Hand in einer Zahnreihe lag. Er half mit der anderen und erschrak, wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen verschwanden, die feucht waren und sich anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips sei. Wie er aufatmend vorwärts trat und sein Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen die Tür, die hinausführen mußte.
Seine Hände aber erkannten die Schönheit wieder, die sie einmal gefühlt hatten, und packten sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem. Da gab er nach. -- -- --