Chapter 6
Im folgenden Saal standen größere Gruppen. Er mußte wie durch eine Gasse gehen. Alle grüßten ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn es war niederer Adel.
Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen, die in Röte brannten von Decken und Möbeln und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder von ihm über die Spiegel fuhren und Hellebardiere standen, die den König zum Bad begleiteten . . . und wo sonst nichts war als das einsame Hallen seines Schrittes.
Und dann löste sich aus einer Nische ein junger Mann und ging auf ihn zu mit einer sicheren und allgemeinen Haltung.
»Sie haben . . .?« fragte er.
»Ich habe . . . Luis Quijada . . .«, sagte Las Casas und riß die Papierrolle auf, die seine linke Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und verbeugte sich kalt und so unwillkürlich, wie wenn er auf einem Schiff stünde. Er hatte blonde auffallende Haare.
»Ich werde«, sagte er fest und beiläufig, »dann eigene Segler ausrüsten -- -- -- auf jede Gefahr.«
Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer. Der Abend hatte das Glas dunkel-silbern gemacht, und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament gemalt in der Füllung.
Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte ein wenig in Geringschätzung, indem er erhabenen Erfolg wünschte und die Treppen hinunterstieg, aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll.
Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten lag, und ließ sich nieder und wartete, bis man ihn gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war kühler geworden.
Ein Stern blinkte über der Mauer.
Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen Kies. Sie kamen über ein Boskett, und dann blieb sie stehen und öffnete eine Tür.
Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon und schritt durch ein Boudoir in ein helles Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein weißer Arm streckte sich ihm entgegen, von dem ein weiter Ärmel zurückfiel. Er stürzte darauf und küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen Kopf neben den der Frau und seine Wangen brannten nach ihren hinüber und machten sie rot, obwohl sie sich nicht berührten.
»Sie haben die Erlaubnis . . .?«
»Ich habe sie . . .« und seine Hände fuhren nach ihren Hüften und zuckten rasch zurück. »Ich fahre heute nacht . . .«
Sie schnellte auf: »Nein -- -- -- morgen!«
Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der Augen mit den Lidern und meinte, als ob sie nun erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und ruhig: »Wie könnten Sie das möglich machen, Marques? Sie waren gestern noch beklagt, weil Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten heute den Auftrag, den Räuber zu jagen, nach dem jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch schon gerüstet sein?«
»Ich habe drei Schiffe.«
Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis, indem sie nach ihm blickte. Seine Hände zitterten, und die Lippen verzerrten sich vor Stolz:
»Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer nur verkauft habe, um Geld zu bekommen für diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich sagte ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte, daß seine Ungnade darauf folge, weil er es nicht liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und so fortfliegen und so . . . daß ich es aber getan hätte, weil mein Wunsch, ihm durch die Expedition zu nützen, heftiger gewesen als die Scheu vor seinem Zorn.
Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel und setzte es am Fenster in die Sonne und spielte und sprach mit ihm.
Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht in dem Raume sei -- -- so sehr nahm diese Bewegung den Glauben an die eigene Wirklichkeit.
Dann aber ward ich zornig, Juana, und da mir Tränen in das Gesicht schwammen, drehte ich mich um und schrie das entsetzliche Bild seines Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte wie seine Ruhe, mit heftigen Worten an, als ob er es sei.
Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der beiden Kaufleute aus Lissabon, um die ich beklagt bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt zu werden und so unter Eure Augen zu kommen, was ich anders nicht konnte, da Ihr zornig auf mich wart der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint leer wie ein geschriebenes zu sein.
Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube . . . -- Ich sagte: Dann tue ich es auf die Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären. Ich fange Yousouf . . . auch dann und -- gegen Sie, Sire.
Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte: Auch dazu hätten Sie mein Geld zum Equipieren nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen selbst das.
Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer hätte, aber da er wußte, wie gering es war, lächelte er wieder.
Da zwang mich das Weh meiner Lippen -- und es schrie in meiner Brust wie ein Degen im Gefecht -- daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief, daß ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen sei, aber daß ich es ihm doch sage: Daß ich drei Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel von Brügge, gebaut in Barcelona, Santa Maria, Coruña . . . daß ich die letzten Kredite auf meinen Namen genommen, die Kerker der Dominikaner nach Sklaven geplündert, daß ich den Albaycin in Granada nächtelang durchsucht und aus den Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen, was in meine Fäuste fiel und kräftig war . . . Zuhälter, arabische Matrosen, drei hünenhafte Priester . . . und daß ich fahren würde die Nacht -- so oder so.
Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde Sie verhaften.
Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana, mein Kopf brannte, aber ich zerbrach den Degen nur und warf ihn gegen die Wand.
Ah, sagte der König und ließ das Tier und zweifelte: Haben Sie Mut . . .
Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in der Hand, langsam . . . während das Furchtbare des königlichen Zornes mir entgegenquoll.
Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs Arme kamen über seine Wut auf mich zu und drückten die meinen, und er zerriß das Diplom, das auf den Grafen von Oropesa, Luis Quijada, gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch das Fenster fliegen und klebte sein Siegel auf meines -- -- --«
»Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!« Juana warf sich zurück und gab ihre feuchten Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten und in dem Erglühen seines Gesichts wie zwischen jungen und heftig aufgebrochenen Rosen spielten.
Dann fragte sie rasch: »Weiß es Luis Quijada?«
»Er fragte mich.«
»Was sagten Sie ihm, Marques?
»Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen sagen, daß ich nicht, wie ich könnte nach meinem Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn mir allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn er die Expedition, von der er sagte, rüstet. Das Meer ist ihm frei.«
Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an den Händen nach ihm hin: »Sie werden den Auftrag da zurücknehmen!« Er verneinte.
Sie flehte: »Marques, erklären Sie ihn als zum Töten erlaubt, als Brigant!« Da schwoll Las Casas' Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend stampfte er den Fuß auf den Boden und bat sie hochmütig und verächtlich, nicht zu scherzen und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu verlangen, daß er Luis Quijada für wert hielte, seine Rivalität zu fürchten. Und er bewegte die flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer Fliege schlage.
Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: »Ich werde den Auftrag nicht ausrichten. Aber nur um des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute nie mehr bei mir sehe.«
Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich neben ihrem Bett und zwang sie so lange, bis sie zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt gewesen, wenn sie Quijada die Beachtung des Hasses geschenkt hätte.
Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre Brust. Seine Hand fing an heftig zu schwanken vor Verhaltenem.
Er stand auf.
»Ich gehe.«
Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses verwirrte sie und blätterte sie auseinander in Begehr und Hilflosigkeit: »Nein . . . morgen --!«
Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke. Wie sie auffuhr, sah er nur das Innige ihrer Form, den Druck des Körpers in den Kissen -- und dann roch er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang sich zurück und roch sie nur, sah nichts, hatte kein Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern.
Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt, war es ihm.
Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen.
»Morgen --?« knirschte er, denn selbst die Stimmbänder waren mit Blut überschwemmt. Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren und riß ihn weg, taumelnd, und legte ihn wieder hin und Härte und Knabenhaftes verstießen sich gegenseitig von seinen Mienen.
Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken und zog ihn von neuem herunter: »Warum -- du . . . heute?« Sie stieß es brennend heraus und in Scham. Sie stand halb und war halb gekauert in der Ecke des Bettes. Sie faßte seinen Kopf, daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und ihre Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten, während die Handflächen kühl nach den Schläfen hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf Auge.
Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange schon schrien: »Sie sollen bleiben, Marques . . . hier -- --« und zitterte.
Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von einer Welle aufgejagt und gesteilt warf er sich auf die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und drückte die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen den Körper hinauf nach dem Hals auf den dünnen Batist.
»Corazon!« . . . stammelte sie. Und wieder: »Corazon!« . . . mit hingebenden Lippen. Seine Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung ineinander verkrampft.
Sein Mund spannte sich in allen Qualen und mit von Küssen halbzerfressenen Worten sagte er: »Nein!« und viele Male: »Nein.« Und als er ruhiger war, kam es ihm in das Bewußtsein, daß er sie liebe und daß sie ihn liebe und daß er es immer schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand und kam nicht weiter, und sein Kopf füllte sich schwer mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht genug sei. »Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende und Schreiende in meinem Blut geht weit darüber.« Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff ihres Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande nach dieser Tat, die endlich soweit vorbereitet war, und indem er davon sprach, sprühte das Aufleuchtende der Meere und Flotten vor seinen Augen auf und raste in grellroten Kreisen über ihn: »Ich will den Bassa nicht nur jagen, aufhängen, schinden, weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß und Isabella, die eine Verwandte ist, schändete und seinen Leuten ließ zwei Wochen lang. Seit ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn Gedanken packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede Phase des Kampfes, mag er sein vor Venedig, bei Cadix, in Marokko . . . ich weiß wie eingebrannt im voraus die kleinste Schwankung des Gefechts. Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn nicht im Traum schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so umkreist, daß ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich mehr von ihm weiß wie von mir. Der Name Bassa Yousouf macht mich blind. -- -- Ich fahre heute nacht.«
Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem Haar. Sie ließ ihn, denn sie begriff das Heiße in ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz umschloß, aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz, als er sich aufriß und sie nicht nahm und sie brennend verließ.
Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie mit Gold, als käme er von einer Liebesnacht.
Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein wenig gepreßt schon von Jasmin, aber der Mond, der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine flaue Dämmerung hing zwischen den Masten.
Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem Schatten einer Mauer, nahm ihn und landete im Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg am Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, jemand schoß eine Pistole in das Schweigen. Sofort rasten Männer über den Steg und schlugen mit langen Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten, am Vorderdeck sammelten sich dunkle Haufen, hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa blitzten die Offiziere.
Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu sechst an jedem Ruder zweihundertvierzig Sklaven. Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur sechsten Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet. Die letzten und die Massen Soldaten auf der Proda erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen und Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten die blutunterlaufenen Hunderte Augen um ihn. Er schrie sie an:
»Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! Dazu habe ich euch gekauft. Das wißt ihr. Ihr werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. Dafür spritzt ihr das letzte Blut aus den Nägeln. So ist dies ausgemacht. -- -- Ihr sollt noch mehr haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen ist, sei jeder frei. Jeder kriegt tausend Maravedis. Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr bekommt Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. Ich gebe euch die Offiziere zum Schinden frei, wenn ich falle und sie hindern euch. -- -- --«
Er hob den Blick zum Himmel. Denn das Schweigen schwelte dumpf unter ihm. Die Augen der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert Lichter auf den Bänken.
»Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus Yousouf Bassas Harem. Eine braune und eine helle. Am selben Abend noch . . . --«
Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf. Grunzende Töne johlten herauf. Schreie rissen sich los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund. Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen zurück, glänzend wie Fische im Wasser. Viele knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen zu ihm winkend oder den Kopf auf den Steg legend, daß er darauf trete.
Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten hoch. Eine große Fanale senkte sich über die Poppa. Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen. Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten Armen zurück, zogen sie an, Ruder schäumten durchs Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge schnellte die Galeere aus dem Maul des Hafens in das leichte blaugelbe Band, das über dem Wasser lag und Horizont war. Links und rechts zwei Zungen stießen nach.
Von drei Vorderdecks blies man: Benedito sea Dioz.
Die Sonne ging auf.
* * *
Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie kamen eines Abends an. Eine Goelette legte an bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie fuhren in die Nacht zurück. Am nächsten Tage fingen sie ein paar holländische Segler, die in der Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San Sebastian.
»Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast setzen und ihn nachts im königlichen Garten aufpflanzen«, sagte Las Casas zu seinen Offizieren, und sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit den besten Perlen spielten, die er zu einer Kette gebunden hatte und indem seine Gedanken um den Nacken Juanas flossen.
Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf der Proda. Aus dem Korb rief einer und meldete etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte.
Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille mit gekappten Masten. Die Besatzung fehlte; nur einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig geworden. Ihre Ladung war Florentiner Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen waren sie überfallen worden. »Hui«, rief einer, auf einem nackten Widder-Gallion reitend, immer: -- -- »die Weiberchen« und schälte mit einem Nagel an dem Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man war auf der Spur. Mittags brannte es neben der Munition.
Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der Abend war ruhig, und es ging kein Löffel Wind. Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch. Las Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige Stille und das maßlos blaue Meer, auf dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken davon lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl zu musizieren, die Offiziere warnten. Doch er ließ die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das Meer aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut war wie das Hüpfen einer kleinen Welle gegen das Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit tausend Stimmen: Juana! anschrie.
Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette zu senden und löste sie von seinem Gürtel und warf sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge.
Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den Zaffarin-Inseln. Sofort meldete es von oben: »Zwei Gallionen.« Las Casas kletterte selbst hoch, beschirmte die Augen. Es waren Mudjaren und Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste herunter. Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie schäumend, und die Ruder überschlugen sich. Immer rascher raste seine Stimme, die selbst den Takt sang. Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze. Doch trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon so dicht herangekommen, daß die Soldaten anfingen, in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein Vorsprung verschluckte sie. Die hinterste hißte eine Fahne. -- -- -- -- -- -- --: Schwarz, ein goldener Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf -- -- -- die Flagge der Hauptschiffe Yousoufs.
Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte einen großen Araber und ließ ihn hinrichten (er wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein Blut in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen die Füße lief.
Er betrachtete sie genau während des Vorgangs. Doch es erschien kein Ausdruck auf ihren von Stumpfheit abgefeilten Gesichtern.
In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. Fortwährend gingen Signale hin und her. Am Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften Biegungen durcheinander. Von der Mitte einer Insel schoß in Abständen ein weißliches Feuer hoch. Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das Wasser.
Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen auf der Poppa. In der Dunkelheit konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter von dem Bassa und konnte ihn nicht fassen. Die Sklaven ruderten die ganze Nacht in Schweißwolken gehüllt. Es roch noch nach Blut.
Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch dunkel war, nach verschiedenen Seiten durch. Sie hörten auf den Galeeren nur ein fernes Brausen, als streiche ein großer Vogel mit der Brust über das Wasser.
Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres Forcas zu. Die andere Galeere schwamm eine Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die Lichter löschen, Anker werfen und ruhen. Denn ihm schien das Tempo Las Casas' wahnsinnig.
Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. Sie hetzten den ganzen Tag, verloren sich, fanden sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie. Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß das Dunkel sie weg. Die Nacht kreuzten sie vor dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen. Sie sprangen hinüber. Am Mast stand ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte mit weißer Glut. Die Planken waren gesprungen. Der Türke war mit nassen Stricken an den Baum gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der Hitze und ihm das Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt war.
Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen machten. Da sprang einer vor und deutete in sein Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten ihn an dem einen grünen Auge. Sie schnitten ihn los, aber seine Haltung, die ihre Wut durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude ihnen selbst verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn davor, daß sie an ihn rührten.
Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. Als sie ihn nicht fanden, brachten sie den Bassa nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er. Das Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur Exekution führte.
Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas' größter Ehrgeiz, dem er sie opferte, von einem Subalternen blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie empfand es, als hätte man ihren Körper beschmutzt, und schien sich gering geworden.
Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der Gefangene um und sagte kalt: »Ist es zum Tod?«
»Ja!« . . . brüllten ihm zehn ins Gesicht.
Da spie er ruhig den Henker an.
Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor.
Von Las Casas keine Spur. --
Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile eine Fregatte in den Hafen. Ein Kapitän stand vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land, eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte, die Silber aus Mexiko und Gold aus Peru brachte, ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn verfolgte, geschlagen habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Der Hingerichtete war nicht der Bassa gewesen . . .
* * *
Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses, über dessen Bühne ein Stück von Moreto ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von Zeit zu Zeit auf sie ein. Sie folgte angestrengt den schwerbeladenen Szenen und bat in der Zwischenpause, als ein burleskes Entremes wie eine klebrige Kette von Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr belästigte, den Grafen, sich neben sie zu setzen.
Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie dann, an was sie denke. Sie antwortete nicht, sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer.
»Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so enttäuschen«, sagte er dann und legte die Hand auf ihren Fächer.
Sie sprach sehr nachlässig: »Bei Gott, was habe ich gehofft?« . . . und wagte nicht aufzusehen.
»Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine niederschlagende -- -- Komik ausgelaufen sind . . . wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in die Knutscherei des Zwischenaktes.«
Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das Spöttische seiner Mundwinkel besiegte sie. Sie brauste auf: »Was wollen Sie mit Las Casas?«
Er hob die Achseln: »Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos ehrgeizig . . . jung, jung! -- --« Quijadas Stimme klang kühl, klang gerecht. Er fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach ihn einmal höhnisch: »Neid.« Er schüttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr selbst, denn es waren Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und haßte ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich in der Wirkung, aber scharf und zergliedernd und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das unerträgliche Heiß ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die wohltuend in sie ströme, wo sie am Ersticken war.
Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, daß er schweige, weil sie plötzlich begriff, daß seine Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in der Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre Intellekt seiner Worte überschwemmte sie. Sie fühlte in einer wohligen Apathie, wie er das Heiße, das Begeisterte und das ungenau, aber groß Aufstrebende in ihr wie zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las Casas' Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte und verschieden beleuchtete, bis seine Silhouette klein vor seinen Worten stand und er phantastisch und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam und beschämt in der Schwankung der Ereignisse und sich das Bewußtsein dahinein verstrickte, daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt einer Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen dieser Dinge, zürnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust der Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hörte ihm gern zu.
Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er war, und sie zwang sich, daß es ihr gefiel. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --