Die sechs Mündungen: Novellen

Chapter 5

Chapter 53,724 wordsPublic domain

Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig bewegend, fielen Fifis Blicke plötzlich auf seine Augen, und die Blicke hingen sich ineinander, bis die Orgel mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg. Der Herkulische trommelte rasselnd auf einem Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge schob weiter.

Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt, als sie sich der Strömung übergaben, vorbei an dem grünbemalten Gerüst, in dem Menschenfresser hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen, kokett, über die eine ganze Prärie unbändig eine halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre, schossen zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft. Ein echter Mexikaner hielt eine Harpune hoch mit rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß die Menschenfresser -- Krokodile seien, und weil das Volk voraus wußte, daß es geleimt würde, zog man in Scharen hinein.

Dann kam die große Bude mit den »Fliegenden Menschen«, zwei Mädchen in blauen Trikots mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem Anfang der sich wölbenden Formen, die eine sonderbare Sinnlichkeit aussprühten, und die andere mit ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das Gesicht Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell (breit, gemein, verworfen) mit einem unheimlichen Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber. An der Galerie entlang stand die Familie, sechs Menschen, und bliesen Blechinstrumente, und die Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune der Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre Bude war ganz voll. Immer!

Und als Franz dem Strom entkam und wieder zurückeilte, sah er, wie Fifi, mit einem Stoß herausgedrückt, aus der leeren Baracke taumelte, rasch sich faßte und anfing zu tanzen, mühselig, müd und fein und beschwingter, als sie Franz erblickte. Nur kleine Truppen blieben stehen, die Masse strömte zu den Fliegenden Menschen.

». . . Augenstern . . .« rollte es von unten herauf.

Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi verbeugte sich. Der Athlet rief den Beginn der Vorstellung aus. »Soeben Beginn . . .« rief er und schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie. Niemand. Da ging er, von der Leere beschämt, verlegen einmal über das Podium, verschwand ins Innere, lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen hatte und trat wieder vor. Fifi schlich wieder heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische auf seinem Podium. Franz stand beiseite, beobachtend, den Kopf schief aufgelegt. Und wie eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges zu reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . .

Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später, das Gesicht des Alten rötete sich, er suchte die Uhr. Immer wieder verschwand Fifi, immer begann der Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf Szene: das Greifen und Locken nach spärlichen Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis und die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet manchmal und heftiger im Erblicken von Franz. Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit Seilen vor, die Pfeife des Dampfwerkes heulte, die Menge lief ab.

Über den leeren Platz, durch einen schmalen Gang, den Schutzleute freihielten, und um den Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die Artisten, zum Teil mit Mänteln, die sie über das Bunte und den Flitter gehängt hatten und die so zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden und mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend und doch noch von dem erregenden Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die Straße hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in der starken Lüge der hohen bespornten Lederschuhe sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und Garmisch.

Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand stak in der Revolvertasche, so daß Dienstmädchen erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven sich loslösten.

Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe mit dem haarlosen Bär schritt die Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie hatten alle halblange Röcke an und Kleider, welche schöne und zierliche kleine Blumenmuster trugen, im pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten und schön aufrechten Mutter eingehängt, die Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten, erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer kleinen, bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur.

Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch köstlich in einen gelben Gummimantel gehüllt, fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie auf den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand krampfte sie den Kragen über die Brust vor dem Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen waren rot und merkwürdig wie mit feinem Lack auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie stieß kurz vor der Straße mit den anderen zusammen. Die Alte trug einen Milcheimer. Der Herkulische schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu, Lydia -- ein dickes aufgeschwollenes Tier -- ging idiotisch, faul nebenher, ohne Umhang in grünen Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den Krokodilen Fifi auf der anderen Seite an, daß sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner erschien.

Schräg auf der Holztreppe, die in den großen gelben Wagen hineinlief, in dem sie wohnten, wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt nach der Stelle, an der Franz stand (den sie nicht -- dies war auffallend und seltsam zugleich -- gesehen haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns, während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie, mit auf ihre Hüften aufgesetzten Händen, ins Innere drängte.

Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der Achseln reagierte.

Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen. Eine Zigarette drehend, mit der Eleganz des Romanen alle Glieder bewegend, schlenderte er zur Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen umkreiste, sah Licht aus den schmalen Luken dringen und hörte keifende Stimmen das Innere des Raumes hin und her zerreißen. Dann nahten mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt die Patrouillen.

Es ward spät.

Er ging.

Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden. Ungeheuer gewölbt spannte sich der Himmel. Sinnlose Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah sich aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft und Dingen herausgerissen und in die Aura dieses Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen. Bei den »Fliegenden Menschen« stieg täglich der Kassensturm und die Sensation. Der »Orient« verdiente gut an reiferen Herren. »Paris« brachte es von 8--10 abends manchmal nur auf eine Vorstellung. In den Pausen tanzte Fifi. Der Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit hinlief. Verkündigte Anfang der Vorstellung, er öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte ins Innere. Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren. Und dann packte der Alte Fifi mit seiner Tatze an der Schulter und schleuderte sie hinaus. Die Orgel hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont der Draperien gab ihren Bewegungen Haltung und Relief, und die müden Schwingungen ihrer Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter einer Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem schönen Gewässer erblitzt. Langsam im Fortschreiten des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz hörte das Pfeifen ihres Atems. Und wenn sie, leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle des Herbstes auf ihren Schweiß.

Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des Zuschauens von Mitleid und schmerzlicher Bewunderung angefüllt. Manchmal schien es, als müsse der nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken lassen. Doch sie blieb. Ihm aber widerstrebte es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, die unter den Augen des klebrigen Athleten oder mit dem Beigeschmack der gewohnten leichterotischen Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er fühlte, daß er Inhalte in sich trüge, die in ihrem Wesen auf dieses Kind abgestimmt seien, und die Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut zur Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und wieder -- nicht oft -- aber in einem berückenden, außerweltlichen Zusammenhang.

Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als sie ihre Stimmen noch nicht kannten.

Dann kam jener Abend. Donnerstags.

Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle, sternhart, der Park voll gärendem Geräusch. Er zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch, überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, immer schön. Die Lichtgurte ganzer Grenzstraßen warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm alles auf mit großer, tiefer Selbstverständlichkeit. Stand geborgen, bergend, unberührbar, geschlossener Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein Zentrum, um das die Stadt mit Geleucht rotierte. Donnerstag abends . . .

Es war schön.

Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr im Schloß hakte ein: Fünf Minuten bis halb acht Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit, in der die Artisten aßen. Seine Gedanken gingen langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne Tatkraft um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis Tanz sich bewegend, Erklärungen ersinnend, von einer leisen Sehnsucht aufgelockert und beschwingt gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch sein Geträum das Bewußtsein heftiger Schritte und haschender Bewegungen ins Gedächtnis stieß, hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei in ihn hinein, warf ihn herum. Er lief über ein Grasrondell, stolperte, stieß an ein Gitter, sprang darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt, seine Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes Denkmal, mußte umkehren, lief in einen dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und schmiß ihn zurück, daß sein Körper krachend an die Stakete knallte und an ihnen wie eine dumpfe Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der rote Kopf einer Zigarette auf, bewegte sich her. Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch schräg aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und schalenhaft, in die nun plötzlich ein beinahe bläulich erglänzendes Licht floß. Zwei schimmernde Kreise, standen die Augen in ihrem Gesicht.

Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch ganz sich in der Geste erfüllend, tat sie einen unnennbar müden und langsamen Schritt auf ihn zu, das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden Hostien. In diesem Augenblick lief das Geknatter rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah: sah, wie Franz dem Hingesunkenen den Revolver aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd harrte, zuging.

Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette heraufgekommen, zwischen sie gesprungen und löste die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen.

Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie es: »Verletzt?« Franz zeigte den Revolver; er deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner riß sein Gesicht in Falten, fauchte, trat dem Klumpen in den Bauch, schnippte das Bein hoch, daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht neben den Liegenden und sog heftig an der Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde fiel, in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben und Stichwunden durchbohrtes Gesicht auftauchte.

»Der Fakir,« . . . schäumte der Mexikaner. »Man sollte ihn peitschen«, . . . und fing an, ihn mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn hinderte, fiel sein Blick auf Fifi.

Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie ein weißer Fels, über den in zuckhaft raschen Stößen rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten Hell und Rot und drohten, den Hals zu sprengen.

Und während sie wieder auf Franz zuging, als trüge sie alles gegen ihn, zitterte ein Klang, rauh, gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen zurück; sie warf den Kopf zur Seite, gewaltige Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen, der sie verwirrt aufnahm, der nach Franz schaute, wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt schien. Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung seinen Mund auf ihren warf und in langem Kusse sie wegzog.

Franz stand noch eine Weile.

Dann drehte er um.

Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen Revolver. Er sagte es englisch.

Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese Folge fremder Laute. Er gab ihm den Revolver.

Der Fakir verbeugte sich, ging. -- --

Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam. Der Herkulische beulte auf sie los und sie erschien unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin. Sie gab keinen Ton. Sie tanzte den Abend, daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß ihre Beine glühten wie die wundgespielten Saiten einer schönen Violine, während die Kühle auf ihre Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen ihr Atem rang.

Franz kam nicht.

Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag rasend und aufglühend herunter wie Spulen, die ihre Füße abtraten. Es wurde kälter; erbarmungsloser drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun Luise, eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi danach fragte, schrie der Alte sie nieder. Das dicke Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden und stolzen Gebärde auf den einträglichen Busen der Dame ohne Unterleib.

Sonntag tanzte sie den ganzen Tag.

Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich, in Keile zusammengepreßt, über den Platz, der staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne zusammenbrannte, auf die die Kühle so unmittelbar folgte, wie das Dunkel plötzlich und hastig vorsprang.

Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, streichelte das Gitter, an dem sie damals gelehnt, kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz gestanden und berührte mit den Lippen den Boden. Dann lief sie weiter, kam durch ein Tor, eilte durch eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit stillen Bäumen.

Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu dessen Tür viele Stufen führten, über der Fahnen hingen und in gewaltigen Lettern das Wort erglühte: »Deo«, das sie wohl nicht begriff, das sie aber sänftete und hineinzog, wo sie Weihwasser nahm und in einer Nische unter einem in vielen Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele der Steinfliese warf und so weinend ein Vaterunser schluchzte, daß von zwei vorübergehenden Damen eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige Stärke, höhnisch auflachte, wie von der schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit heuchelnd und darstellend.

Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen heraus, böhmisch, das die Leute nicht verstanden, aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus allen Seiten der Kirche wieder auf sie zurückströmte, ein Gebet.

Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Störung nachgehen, die Weinende, deren heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen übermäßig und sie gering machend auftürmte, beruhigen, sie hinausweisen . . . aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig gescheites Gesicht gestreut, wie hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen Geläute dieser Stimme.

Aus dem klaren und in langen tönenden Linien verschwebenden Glanz ihrer Sätze aber lief in verströmenden Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet begann mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen mußten: Sie und Lydia und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf die äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief im Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der Alte den Teller, voll von heißer Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie beten wollte nach einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken daran sprangen alle Ventile der Angst und Unterdrückung weit auf, und in einem köstlichen und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus, wie eine lang im Tiefen der Rohre. gehaltene Fontäne sich in einen späten Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren Worten glommen die Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: Franz und der Mexikaner, den sie Partufa nannte. Und der Klang ihrer Stimme sank etwas zurück in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an denen jener bei ihnen eindrang, begrüßt vom entsetzlichen Gelächter Luises, den tierisch und röter aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch das indolente Nichtbeachten des Alten, in dessen schmierigen Beutel die Hälfte von dem floß, was die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf im höchsten Schmerz tiefer senkte, dachte sie an das Gefletsch und den Schaum um den Mund des Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf gegen die Wand gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt blieb und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen Mädchen (o über Lizzys Gelächter und schmutzige Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine ganze Nacht hindurch mit Nadeln stach. -- Doch ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, den mit dem gütigen Gesicht und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und herrlich errötend für die Nächte, die er im Traum diese Augen über ihren Schlaf wie hütende Gestirne verteilte und so die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz und keine Demütigung des Tages berennen konnte. Und wieder und immer wieder dankte Fifi dafür, daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not sandte, damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, um dann wie vor einer Mauer und endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (während ihre Stimme fast erlöschte), wie sie damals plötzlich und wie von einer Macht, die aus ihr selbst heraus allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den Arm des Mexikaners warf und die kalte Übelkeit seiner Lippen auf den ihren fühlte und den anderen stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos für den Ziehenden, langsam am Ufer verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten über den Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen kann, die höchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmähen -- o vieles mehr -- sie zu höhnen und zu begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem strengsten Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, in Verzweiflungen wälzend um diese Fragen wand, erschien es ihr, als ob es eine Angst vielleicht oder ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen Glück überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun lassen, und sie schrie auf, wie sie dieses Entsetzliche -- sich selbst in den Armen des Partufa -- erblickte. Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen sei. Sie erkannte etwas, das einer Schuld ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun betend und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, nicht Angst; daß es Aufbäumen gewesen sei aus der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens vor der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener höchsten Erfüllungen. Aus diesen hin und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen hatte, fiel sie wieder in ein beruhigtes Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung sie umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine Zeitlang ausgestreckt auf den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang sie auf und eilte durch Straßen und Park zur Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit dem Fuß in den Bauch.

Aber sie spürte es nicht.

Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, in Tragik und Schmerz vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand.

Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den Leib ihr hinanstieg, alles löste und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren Blick des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand danach, die Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte und Erstaunte nun alles begreifen müsse: daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All dieses tanzte sie nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte auf Wirkung, wie einer an Abenden hinter der Ebene den Mond über dem Strich der Wälder sucht. Sie glaubte nicht mehr, daß alles verloren sei, wieder überbrandete sie die absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was, als alles zu ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fühlte, wie jene Schauer des Glücks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine Keule überfiel, nun in langsamen Zügen wiederum in sie einzogen.

Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah dies nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart.

Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich Wellen stießen die Anstürme der Menschen gegen die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die Höhe. Das spitze Geknatter von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und Pfeifen der Maschinen

Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß und erzählten alles, was sie wußte noch von der dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie riefen um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich erstrahlen zu sehen glaubte, und dankten ihm.

Aber er verstand sie nicht.

Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten Bogen, ihre Hände schienen etwas zu glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein Tempo der größten Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien. Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten überirdischer, ein leises Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute . . . und so tanzend, geklärt und eine merkwürdige Leisheit erregend, die kurz eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch sie, während die Rohre der Dampfmaschine plötzlich lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem Platz wie grundlos von einer hellen Strahlung mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte . . . losch sie, sich in sich selbst verströmend, tanzend, zusammensinkend, hin wie ein seltsames und gutes Licht.

Yousouf

. . . ich glaube indessen, daß, hier wie überall, Liebe eine Kunst ist wie das Reiten und Flöteblasen.

Der Marquis de Langle

Die Herren standen in dem Vorsaal und klirrten leis mit den Degen. Ihre Gespräche liefen verhalten und erwartungsvoll.

Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas trat aus dem Kabinett. Sie sahen sofort sein Gesicht, das beherrscht in der Rampe stand und dann an ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und verbeugten sich. Einer ging auf ihn zu und sagte ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten Rücken. Der andere dankte mit der Höflichkeit einer wahnsinnigen Verachtung und ging weiter.