Chapter 4
Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll die Hand, als er eintrat. Maintoni brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte der Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm seiner Tochter. Er trug einen Ring mit einem riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf, blendete er. Ich sah sofort, daß er echt war. Pelayo sagte zu Rodriguez, als Maintoni hinausgegangen war:
»Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr Zimmer abtreten! Sie werden unten schlafen bis zur Hochzeit.« Ich wollte Einwendungen machen. Aber man schlug mich mit Freundlichkeit nieder. Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez erzählte mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde. Maintoni sei dann gerade siebzehn Jahre alt.
Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf zusammen, daß das Gelenk knackte, und der bronzene Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er dehnte sich weit zurück, schlug rasch auf seine Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und an der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. Dann erst konnte er wieder reden, so nahm ihn die Freude mit.
Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als wir die Treppe hinaufstiegen, öffnete sich neben dem Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus. Pelayo schloß rasch wieder. Ich fühlte, daß mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein wenig und wollte Maintoni fragen. Aber sie ging so ruhig vor mir, daß ich es ließ.
Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde Hitze auf die Landschaft. Die Nerven lösten sich und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer aus hatte ich weite Schau und staunte über die Seltsamkeit der Gegend, die mit einer Welle von Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen das Haus prallte und sich hinunter nach Valencia zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus der, zäh und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet hinaufwuchs.
Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin Pelayo von mir. Er ließ Maintoni allein mit uns beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. Morgens liefen wir zwei Stunden südlich, wo der Postdampfer anlegte, und fragten, ob etwas für mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien ihnen fremd und eigenartig zu sein. Rodriguez tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das seine Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch nehme. Allmählich hatte er sich so in die Rolle hineingelebt, daß er meinte, seine Anwesenheit sei nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der die Post ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn herüberwarf und mit affenhaften Verrenkungen eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte er mich mit einer kleinen Gebärde von Ungeduld auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal allein gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als hätte ich ihm das Wertvollste anvertraut. Maintoni hatte eine stumme Verwunderung dafür. Sie strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief hin, beschaute ihn von allen Seiten und blieb mit einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens an den vielen bunten Marken hängen.
»Hätten Sie sie gerne?« fragte ich lächelnd. Ich löste sie und reichte sie ihr hin. Da ging ein namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie öffnete halb den Mund. Zwischen den sanften Bogen ihrer Lippen traten die Zähne, die weiß und außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte sie rasch den Blick, bewegte den Arm einige Male wie streichelnd über den Gürtel, wandte sich langsam um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu Rodriguez hin. Er umarmte mich:
»Hombre, si: Sennor!« Sie sind ein guter Mensch«, rief er enthusiastisch. Abends fuhren wir aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die heiße Stille des Tages zu einer bewegten Kühle, die einen Schauer von Ruhe und dämmerndem Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in dem Boot, dessen geschweifte Flanken in eine Spitze aufstiegen, die über meinem Kopfe stand. Maintonis Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, dessen braune Rückenmuskeln im Takt des Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und wieder unter der Haut verliefen.
Wenn die Sonne verschwunden war und die Berge um das Castel de Balaguer wie mit violetter Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt schienen, sang Maintoni eine Romanze, deren Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab ging. Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater, der vor fünf Jahren in Asturien auf einer Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm den Kopf abgerissen. Das Messer des Freundes schon im Herz, hatte es ihn mit einer der letzten Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. Man mußte den Leichnam ohne Kopf begraben. Rodriguez schien bang:
»Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem . . .«
Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend. Er hatte die Hand fest gegen sein Knie gepreßt und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig:
»Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben war und mit dem Kopf verschwunden ist . . .?«
Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz die Brust berührt habe . . .
Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber und verteilte ihn dünn und zärtlich über das Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand lag eine breite Klippe. Dort war, wenn die Flut nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen Gegend.
Nachts schlug das Meer gegen den Strand.
Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher. Es war am heißesten Mittag. Maintoni brachte eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und später Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen, und ich zeigte ihm ein paar Aufnahmen Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte ihm auch von dem Eindruck des Zettels auf den Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht:
»Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!«
Ich lachte: »Da müßte der Diamant an Ihrem Finger nicht unter Brüdern zwanzigtausend Francs wert sein . . .«
Es war, als hätte ich mit der Hand auf den Tisch gehauen. Alle wurden still. Rodriguez strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu ihrem Vater.
Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser Lähmung lief an uns ab, wir rauchten, und als es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen kniete sie nieder. Wir saßen auf der Galerie des ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer. Sie blieb lange unten bei der alten Frau, die immer mit sich sprach. Dann trat sie bescheiden heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in sonderbarem Widerspruch mit dem heroischen Risse des Gesichts. Nur die Augen linderten die Stärke der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie waren weit aufgebogen und leuchteten in hellem Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen von Hospitalitet.
»Sor Gracia, meine Schwester«, sagte Pelayo.
Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren. Die Linie der Küste zischte wie in versteckter Wut. Draußen an der Klippe sprang manchmal eine gepeitschte Welle springbrunnenhaft und heftig in die Höhe. Der Himmel nahm eine tiefrote Glut mit blauen Rändern an.
Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom Kloster; und wie sie sich freue, am jüngsten Tage eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.
Am nächsten Tage kam der betäubende Duft wieder heftig aus dem Zimmer im Erdgeschoß. Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton durch das Haus von splitterndem Glas.
Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. In den Zimmern ward alle Stunden gesprengt. Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute zum Strand über die kleine Bucht, wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines gelbes Tuch, das schlaff an einer Stange herabfiel. Wir schliefen den vollen Mittag. --
Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte am folgenden Morgen. Sie wehte wieder am Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit ihr. Er legte sich in die Falten, drehte sich darin und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es von neuem hoch.
Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an. Wir gingen am Strand entlang. Dann bogen wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis Haare glänzten kupfern. Wir trugen kurzgestielte Netze mit feinen Maschen. In kleinen Abständen blieben wir stehen und hielten mit kurzem Ruck die Laternen dicht über das Wasser. So schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein. Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran, das zuckende Heranschleichen der Aale zu beobachten. Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das Netz halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing keine.
Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben.
Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. Maintoni hatte die gleiche Ruhe wie stets. Sie hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der Haut. Ich schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, hörte ich, noch schlaftrunken, Stimmen. Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite, starke, die ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher Ausruf -- -- ein Wagen, der anzog -- -- noch ein paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog mich weit über die Holzstäbe . . . . . .
Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz knirschte. Ich fühlte, daß mein Atem pfiff. Ich sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . es waren dieselben Züge, es war derselbe, den ich zwei Tage vor dem Tod der Frau von Montbellaire mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben, mit schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, aus ihrer Loge stürzen sah.
In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige Männer.
Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute, in mich auf: Die Fahne wehte nicht mehr.
Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. Da drang ich in das Zimmer im Erdgeschoß. Ich hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz weit. Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich sah kurz ein Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich hinausgezogen. Er war höflich, schien aber verletzt. Er begriff meine Erregung nicht. -- -- Was sie gewollt hätten?
Das Haus mieten oder so etwas . . .
Es schien ihn gar nicht zu interessieren.
In diesem Augenblick rief draußen einer der Knechte. Pelayo sprang hinaus. Ich folgte. Der Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe raste etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir stürzten nach. Maintonis Kahn schaukelte leer draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte. Wellen mit breitem dunklen Rücken wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte es und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. An einem Vorsprung hielt sich Maintoni mit gekreuzten Armen.
Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust drängte sich heraus. Er bog die Hände vor die Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und aus dem qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes flog seine Stimme wie ein Schuß:
»Ay!« rief er.
»Ay! Maintoni -- --«
Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. Ich hielt das Steuer, sah sein Gesicht. Wie lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe gehn. Maintoni hatte den Vorsprung umklammert und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand uns zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. Wir wagten es nicht, zu atmen. Nein. Wir konnten nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge.
Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. Die Flut trieb es weg, während sie die Fahne einstrich.
Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am Morgen sehr früh weckte mich Pelayo und fragte, ob ich ihn begleiten wolle.
»Es wird zwei Tage dauern«, sagte er. Ich war dabei. Wir gingen Stunden. Wir schliefen den Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde dämmerig. Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen rauhe Bergwände einnistete. Ein abschüssiger Pfad führte zum Meer.
Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die Fahne auf der Klippe bedeute. Ich hatte ihn gefragt, woher er Antoine kenne. Dann hatte ich gefragt, was das Geheimnis des Zimmers sei, aus dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch ich das Blitzen sah.
Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei. Antoines Mutter sei aus dem alten Königsgeschlecht und in einem Zweige mit ihm verwandt.
Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht mehr. Sie mußte schon lange tot sein. »Bei Antoines Geburt«, sagte Pelayo. »Dieser Familienstamm ist älter als der ganze europäische Adel. Antoine und ich entdeckten unsere Verwandtschaft, als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu lassen.« Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: Sein Laboratorium. --
»Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. Es ist gefährlich, Sennor, wenn man weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden. Ich habe den Schmuck der Herzogin von Guise und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch geschliffen. Sie sehen, welche Werte ich manchmal im Hause habe. Die Fahne bedeutet je nach der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher komme. Das Schiff fährt an der Küste vorbei, und man läd hier aus.« Pelayo schaute angestrengt durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte er lächelnd: »Sie werden erstaunt sein, Sennor, . . . ein unbekannter Mann . . . hier in der Einöde . . . schleift den berühmtesten Schmuck. -- -- Ich habe in Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein System erhalten. -- -- -- Maintoni soll glücklich werden«, fügte er ohne Zusammenhang hinzu.
Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der dünne Ton einer Pfeife -- -- -- Pelayo verschwand. Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging das Tal hinauf. Mohn wuchs im Gras. Wilde Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe rauschte an mir vorbei. Leicht feucht war die Luft. Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen.
Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie die Sterne über das Meer hinauswuchsen und mich traurig machten.
Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem bettelnden Gendarmen Brot unterwegs. Maintoni weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht erwartet.
Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es niemand sah. Maintoni hatte goldene, glänzende Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen waren halb blau und halb schwarz und waren lang und so fein wie der Schatten einer Feder.
Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus ausgehängt wurden, die Türen wurden geöffnet. Die Diener wehten mit Palmblättern Wind, wenn wir speisten.
Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er setzte sich auf die Binsenmatte. Dann stand er wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne Kohlenbecken. Er sagte: »Sennor, Maintoni ist traurig.« Ich tröstete ihn. Ich sagte ihm: »Es wird die Hochzeit sein, Rodriguez.« Doch er schüttelte den Kopf.
Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: »Ich bin nicht traurig. Ich freue mich, Sennor.« Aber Maintoni hatte rote Augen.
Da sagte ich: »Maintoni! Rodriguez leidet sehr.« --
Maintoni bekam große blendende Augen! »Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich liebe ihn auch. Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, was habe ich, um es ihm wiederzugeben? Nichts, Sennor.« . . .
Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. Sie setzte sich lang zu der Alten, die immer sprach. Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine Borte von gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines jeden wuchs ein Arm aus Messing. In der Hand hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle Kerzen an. Es mochten hundert sein.
Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine kleine Harfe spielen werde. Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.
Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben Miedern. Frauen in Schuhen ohne Absätze, in Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit Gold, mit Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen Perlen bestickt. Sie tanzten Fandango. Sie tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez tanzte. Alle anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. Tamburine und Flöten klangen. Die Männer schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen in die Hände. Eine Sackpfeife spielte mit hohem, eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni trat allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. Die Glieder spannten sich in einen heißeren Rhythmus. Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie wölbten die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden heiß. Dann hielten sie in einer plastischen Pose, lösten sich und gingen allein in das Dunkel. Sie kehrten bald zurück.
Die Gäste gingen.
Ich stieg hinauf, um zu schlafen.
Es war spät in der Nacht.
Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, pfiff, peitschte sich durch das Haus. Ich stürzte die Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte, lag ich schräg auf der Treppe. Langsam stand ich auf und ging hinaus.
Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak in seinem Hals. Nur Leute, denen der Tod in die Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines. Es war Rodriguez.
Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten rote Räder. Flimmernde Punkte sprangen hin und her.
Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht nebeneinander. Ich ging hin. Da lag noch ein Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte mich nicht mehr. -- -- -- Es war dasselbe Gesicht des, der lächelte, als er Graf Perdicans Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grünunterlaufen war, wie ich es vor Frau von Montbellaires Loge sah.
Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif Schaum hing aus dem Mund. Im Gesicht waren blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und am Gurgelknopf rot wie rohes Fleisch.
Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten gereizt. Rodriguez war dazugekommen. Das Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte ihm den Kehlkopf zerdrückt. -- -- -- Ich sah alles.
Maintoni weinte nicht.
Das Meer lag wie eine große Perle da.
Der Kopf des Fremden stand schräg über die Schulter in die Höhe. Der Hals wölbte sich heraus. Es konnte nicht mehr lange dauern.
Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den Star. Die Pupillen wurden grau. Sie wurden breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. Die Nägel hatte er in die Handflächen eingeschlagen. Die Arme lagen still neben ihm. Alles Leben stand nur noch im Krampf der Pupillen.
Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom Hals über die Brust und spielte mit schwachen Erschütterungen über den Bauch.
Da tat Maintoni dies, das größer war und furchtbarer, wie alles, was Rodriguez gab, als er sie von der Klippe rettete . . . Maintoni tat es: sie trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins Gesicht; sein Kopf rollte schwerfällig zurück.
Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie warf sich vor dem Meer auf die Knie, und indem sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne viele Male hineinrief: »O Santa Maria . . . Santa Maria de la Mar . . .«, schlug sie die Hände vor das Gesicht, weinte laut und schrie.
Fifis herbstliche Passion
Brigitte: Und begreifst du nun das Leben? Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod.
Carl Sternheim
Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein, So voller Musik wie da . . .
Ernst Stadler
Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs wurden gesprengt, und die schweifhaften, breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten der Männer entflogen, legten sich klatschend und eigenwillig auf den Boden. Es wurde Abend. Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten scheu und flimmernd vor der ungeheuren Ruhe des opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das Wasser das Irisierende aus der Luft sog, schritten die Menschen über die Straßen wie über Bilder von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte die Stadt in einer stillen Glut von gelbem Getupf.
Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann in die Stadt und mischten sich Glockengeläut und dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung. Wie Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen brachen die Schloßfenster über die auslöschenden Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit noch hinaus.
Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen hinunter und erreichten, leichtes Geknatter der Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen von Licht geborsten und aufgerammt war und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter Herbsthimmel schräg und kühl heraufwuchs.
Fifi erschien auf dem Podium.
Von den Schießbuden klang schon das Hämmern der Treffer, die Spielorgel setzte ein. Aber aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein herkulischer Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel, die Orgel schwieg: Fifi setzte die Spitze des rechten Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel auf die Hüften und wartete. Der Große fing an zu schreien. Seine Arme ruderten durch die Luft, sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten sich gegenseitig und warfen sich in gelungenem Überschwall auf das Publikum, weit geöffnet, hinaus. Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An den Griffstellen glänzte er. Der Rock war zerdrückt und hing um den Körper, dessen Fleisch schwammig und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß die Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen, die, wenn die Brust und die Gebärde sich herausspreizten und mit pompösen Auftakten in die Höhe stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten und ängstlich wie Wassertropfen von einer öligen Fläche an dem angesammelten Publikum abliefen. Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie. Er warf geifernde Reden den Leuten ins Gesicht. »Seht,« rief er, »auf Fifis Tanz. Kommt herein, alle,« und er winkte, »nur Erwachsene dürfen kommen: Plastische Darstellungen . . . pikante Szenen . . . (es war, als zerdrücke er etwas Klebriges im Munde.) Der König von Griechenland haben uns beehrt in Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre Bewunderung« . . . und so sehr lief eine Welle von Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken seiner plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere selbst sich brüsk wandten und gingen. Über der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief!
Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an, und vor dem in einem Teil aus dem Strudel wieder zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren Tanz ein.
Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber eingetreten in »die Schönheiten des Orients.« Vor der Bude standen zwei Palmen und ein dickes Weib, alt, voll Vergangenheit, mit bösen weißen Augen. Sie war die Frau des Athleten; Orient und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden Seiten der Meßstraße und bissen sich Opfer heraus. Doch ging der Orient besser, und Paris sank von Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber Lizzy, genannt Luise, hatte Hüften wie ein Dynamo. Und an ihren Zoten gingen die beiden Männer vorbei, schauten durch runde Gläser eine Photographie von Dschiseh und traten, indem sie einen Teppich zurückstießen, bei Lydia ein, der Dame ohne Unterleib, die, in grünem Samt, in einem Sesselstuhl saß und rote entzündete Augen hatte.
Der eine der Herren zog seine Handschuhe an, und nach dieser symbolischen Handlung traten sie rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen Lizzy nach, genannt Luise.
Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies hinter sie zurück, und sie traten hinaus in das Erregte des Platzes, in dem die breiten, musikbeladenen Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer von Spiegeln, Lichtschnüren und bunten Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein Meer von Menschen schiebend, erregt und drückend sich schaukelte, über denen Schüsse knallten, Schreie hin und her zuckten und laute Glocken dunkel aufzitterten.
Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog den anderen mit. Sie brachen durch den Strom, und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz auf Fifi und sagte: »Die leichten Bogen dieser Beine sind entzückend schön . . .« Sein Gesicht hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und Auffallende dieses Profils in einen seltsamen Adel steigerte.