Chapter 3
Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge. Jehans Blicke stachen lange in die des Ritters, bis dieser langsam zusammensank und die Schande auf sich nahm und zu dem Henker sprach. Als er zurückkam, war er bleich und Tränen liefen aus seinen Augen.
Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle der aufschwirrte und hinüberzischte wie ein Pfeil.
Auch in Beautrix' Gesicht schwebte ein Weinen und ging nieder, als sie zu Hause waren. Sie fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann getan hätte und zitterte, denn sie empfand, daß er grausam sei.
Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh aus weichem weißen Leder und malte mit dem Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und sagte: »Ich hatte ihn sonst töten müssen.«
Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung, wie sehr er sie liebte, und sie wusch sich viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen Wassern am Abend, um ihn beflügelt und festlich zu empfangen und verzehnfachte sich in den sieben Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff und klar waren und deren Nächte überstrahlt über sie gingen, heller und furchtbarer als tausend Gewitter.
Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger und übernachtete in Jehans Haus.
In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire d'Arras, er gehe durch einen Wald, dessen Bäume gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein Lied, das ihn schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne und floh in sie; sie bewegte sich, stürzte ab und über ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende Musik des Wassers, das an dem Glas rieb. Dann kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar nichts als Meer, und die Endlosigkeit überfiel ihn und eine weite Leere umringte seine Gedanken, und wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine Blumenspritze seine Sinne zerstäubte und ihn machte, als schwebe er.
Mittags ging der Provencale.
Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der Normandie und wallfahrte nach San Jago de Compostella.
Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare schwarz.
Er reichte Jehan dankend die Hand.
Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte er. Er nahm den Spiegel . . . und in die Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen zu einer Tiefe gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend, ihm neu und ihn zum erstenmal mit Maßlosem belastend, eine brandende Erkenntnis.
Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging durch das Zimmer. Stunde um Stunde. Beautrix klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht. Die ganze Nacht lag Beautrix allein in dem großen Bett. Der Mond spielte um sie. Das war ihr neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die Arme und weinte.
Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem Erker und sah durch das Fenster in die Stadt. Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos standen zwei Säulen auf beiden Seiten neben ihm. Dann stand er auf, und Schaum lief von seinem Mund. Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere, schlug mit einem Damaskener Fetzen aus seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie dann in Stücke, daß seine Hände von Röte brannten. Darauf saß er wieder und starrte auf die Stadt. Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf der Erde und rieb sich den Körper mit ascalonischen Zwiebeln. Dann saß er und schrieb fiebernd.
Beautrix wartete und klopfte.
Er gab ihr kein Wort.
Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend. Jehan biß die Lippen zusammen vor Schmerz und damit er nicht weine und sandte ihr lachend einen Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete.
Aber er tötete ihre Liebe damit nicht.
Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch die Stadt und die Umgebung, Jehan lese am Tage darauf sein neues Chanson.
Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix ein. Sie lag, bleich, da sie nicht mehr aß, auf einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem Bett.
Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn und mit ihm kommen. Sein Mund war streng. Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie zurück. Da faltete sich ein Zug Trotz quer über ihr Gesicht, sie spielte mit dem Knauf des Bettes und regte sich nicht, wie er ging.
Dann aber lief sie hinüber und schaute durch das maurische Gitter. Er saß auf der Ottomane wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen Augen geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten . . . Da zögerte sie nicht mehr.
Sie schlang den blauen und gelben Turban um die Haare und steckte sieben Dolche hinein und band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder an dem siebenten ein. Dann schloß sie um ihre kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne gerötete Zwicken hatte an den Achseln, welche in die Arme liefen mit engen Ärmeln aus reinem Goldbrokat und zwischen denen die weiße Seide des Rockes hinunterströmte zu den gekreuzten Schnüren aus Hermelin und dem Passepoil mit roten und lila Augen.
Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große Masse bedeckte ihn und schob sich in Reihen durcheinander. Neue Ströme rauschten durch die Tore von außen. Vereine mit Talaren und ein Priester, der in rotbekleideten Händen eine Fahne hielt. Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen sang dann Sommerlieder, und der Rhythmus der Kommenden hakte in sie hinein wie das abgerissen Zanken von Papageien.
Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand der figurenvolle, schlündige Eingang des Münsters, aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel hing über dem Platz. Lachend gaben sie ihm den Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in eine undurchsichtige Strenge, und er las Li congie de Jehan Bodel d'Arras, das heißt, er sagte den Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter unter ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine atemlose Erregung. Einer hob die Hand. Alle hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob an und warf seinen Willen gegen die Brüstung, daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten sich und flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie tobten und stürmten vor.
Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte sie ein und riß nach zwei Seiten das Kleid auseinander und stemmte ihrem Schreien seine nackte Brust entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf seiner Haut tanzten blaue Flecken, und ein rotes Geschwulst durchbrach die Brust.
Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das Ungeheure.
Die Arme sanken zurück Das Schreien ward Geheul. Männer rissen Weiber zurück von dem Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben verknirschte der Aufruhr und duckte sich. Eins gab es nur: Flucht! --.
Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft und brüllte »Pilori«.
Doch er blieb allein.
Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter wie im Wasser werde, kam etwas von ihm her und preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig.
Dann ward es still.
Kein Ton. --
Jehan lächelte: Wie in der Tonne.
Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt nach dem einen. Es war ein Tor in einem Turm, der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen denen eine große Glocke hängt. In seiner Mitte quoll ein Auswuchs heraus, formlos gewölbt, wie ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan sah die Straße hinunter. Er sah niemand. Darauf schritt er zurück über den Platz nach der anderen Seite. Kein Auge stand an den Fenstern, die ihn anklafften. Er trug den Aussatz auf seiner Brust gerade wie ein Schild. -- Hier lief eine dunkle Passage durch kleine wüste Gassen.
Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine Ärmel waren eng und trugen an den Gelenken Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn die Brust offen lassend, ein dunkelrotes Kostüm um seinen Oberkörper und rann dann unter dem Gürtel (aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander zu den Füßen, wo eine breite Pelzsäumung es aufhielt und ein Streifen aus Gold. Grün waren seine Schuhe.
So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und hoffte, daß ihn einer erschlüge.
Doch es erschlug ihn keiner.
Sein Haus hatte eine breite Front. In den oberen Teilen lagen große Fenster mit Säulen. Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den Tag und die Nacht. Niemand kam. Jehan wartete.
Niemand kam.
Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und Reihen von Menschen zogen mit Kerzen durch die Stadt und zur Kirche.
Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner Ottomane. Das Zimmer war verschlossen. Beautrix klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. Sie rief weinend Jehans Namen. Sie warf ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte auf den Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. Er hörte sie nicht. Die Tür knirschte kaum.
Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand das Tor offen an Jehan Bodels Haus. Niemand kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend schaute Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor die Tür gestreckt wie ein feines helles Tier. Später zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten.
Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme aus dem Dunkel hervorklingend unter Jehans Zimmer die Geschichte von Amis und Amile:
Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich und liebten sich. Da verführte Amis die Tochter des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen, aber Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man erkannte ihn nicht und gab ihm die Prinzessin als Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf sie, ließ er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig zur Strafe. Aber Amis tötete seine beiden Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. -- -- --
Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie auf, und am Morgen bot ein Mönch zwei Knaben an zum Verkauf.
Jehan lehnte ab.
An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür mit einem Messer und schälte Span auf Span heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus Eisen. Die Klinge brach ab.
Da legte sie sich stumpf über die Schwelle.
Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen die Tür, bis sie das Gefühl ihrer Hände verloren hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das Metall der Klinke und sank blutend auf den Boden.
Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die Tür auf in Jehans Haus. Sie spreizte sich auf, so offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein. Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel brauste.
Wie . . . ?
Stille, kein Ton kam durch die Straße.
Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der Tür, eine Rinne Blut über dem Kinn. Er sah es. Allein . . . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane zwischen den Säulen.
Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er sich. Er ging gerade auf die Tür und öffnete sie, Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der ersten Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände mit ascalonischen Zwiebeln, die die erste Ansteckung verhinderten. Langsam ging er darauf in das Zimmer von Beautrix. Er roch an den weißen Blumen in der Nische . . . der Kamin . . . das Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht aus Dijon. Er empfand wie der Papagei sich regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts mit derselben Drehung und die Täfelung und die Teppiche aus Palästina darüber. Er zündete Lichter an an der Wand, und sie blitzten auf. Sie spiegelten flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten das Zimmer mit einer dünnen Schicht Licht, in der er es mit einem Blick noch einmal aufnahm.
Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in die neue entsagensschwere Tiefe seiner Seele einzuschneiden, und er fühlte es nur als ein Wehtun auf der Oberfläche und ließ den Raum wie in Bedauern zurück. Dann öffnete er das Zimmer, in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib von Beautrix gelegen hatte. Er öffnete es in einem Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah die schmerzende Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den Geruch ein und sagte vor sich hin: Silberne Drossel . . . Scharf hoben in diesem Augenblick zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an.
Es wurde heller.
Silberne Drossel . . .
Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner Stute über den Hals. Sie sah ihn an. Da erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines Hirns noch einmal Bewußtsein von dem, was nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück. Ein Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand in das Maul der Stute. Die breiten Schultern zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen Lippen. Dann wandte er sich.
An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück und als sei die Last zu schwer und damit er auch dieses tilge, ging er zurück auf das Tier und tötete es.
Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens über die Straßen. Er ging vorüber, verächtlich an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. Alle Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit der Prim. Es war hell, wie er über den Markt schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem Platz, sang laut und betete. Menschen kamen zur Kirche. Jehan ging durch sie hin und sie traten zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an diesem Tage noch seine Macht.
Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er ging weiter, drehte sich einmal um. Die Tore waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer knieten die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks um das Tor. Er sah es sinnend. Dann schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen lag vor ihm. Wie eine Braue . . . schien es ihm.
Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen Arm. Etwas Weißes trennte sich von dem Busch. Beautrix warf sich ihm entgegen:
»Wo willst du hin?«
»Nach dem Wald.«
»Du nimmst mich mit!!«
Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem Fuß: »Es ist mir gleich.«
Jehan sagte ruhig: »Nein.« Sie hielt ihn am Arm: »Ich will auch aussätzig sein. Was geht es dich an?« Jehan wandte sich von ihr. Sie trat schäumend in den Weg:
»Du, der du mich küßtest . . . dort . . . das erstemal . . . schliefst du in meinem Bett Nacht auf Nacht . . . Weißt du, daß du mich hießest: Falke . . .«
Jehan wußte es noch. Er sagte: »Ja« und nickte. »Silberne Drossel . . .« sagte er.
Aber sie -- (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet sei und daß alles Weibliche in allen Beziehungen zu tief für ihn liege und kaum die äußersten Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist schon ganz eingerichtet war auf den neuen Sinn seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden Schwerpunkt lag) -- warf sich auf seine Füße und weinte, daß er sie mitnehme. Doch er befahl ihr zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es nicht. Da schrie er sie an: »Sklavin!« und als sie erstarrt sich aufreckte:
»Sklavin um zweitausend Denare.«
Sie klammerte sich an ihn.
Da stieß er sie zurück und schlug sie.
Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein großes Stück helles Fleisch, durchrast und geschwellt von maßlosem Schmerz, auf der staubigen besonnten Straße. Wie waren die Blumen farbig auf den Wiesen! Wie legte der Morgen sich licht um die Welt!
Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete Wallfahrern, die in Jericho Zweige gepflückt hatten. Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er ging auf die Seite, verbeugte sich.
Einmal noch mußte er wenden. Der weiße Hühnerhund lief ihm nach. Er trug ihn in den Graben und tötete ihn.
Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire d'Arras, trug das dunkelrote Gewand mit der Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus Pelz. Seine Füße gingen in grünen Schuhen.
So schritt er hinunter. Dann bewegten sich seine Lippen. Er sann. Sang ein Lied, das er wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen Spalt: Von einem Freund . . . An einem Kamin in der Bretagne . . . Gasse Brullè? -- -- --
Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken waren davon abgeschwommen. Er verstand den Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf, laut. Es war ein Liebeslied. Er sah auf seine Hände, die in Blut trieften:
Hé blanche, clere et vermeille, De vos sont tuit mi desir; Car faites en tel merveille Droiture et raison faillir. Quant je vos vueill a amie, Droiz nel poroit otriier; Se vostre grant cortoise, De gentil dousor garnie, Ne me deigne conseillier; Mar vos oi tant prisier.
Seine Haltung war stark und königlich.
Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er auf den Wald zu, der ihm entgegenkam.
Maintonis Hochzeit
Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. Ganz steil stand sie tief am Horizont auf der weißen glühenden Straße.
»Es sind noch fünf Minuten«, murmelte Antoine.
Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; da nahm Antoine meinen Arm und zog mich unter die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen. Das Gras war am Rand der Chaussee leicht gelb. Im Schatten stand es satt und buschig. Wasser lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß. Nun sagte Antoine: »Fahren sie mit nach Paris!« Nach einer Pause wiederholte er mit eigentümlich gedehnter Betonung: »Paris.« Dann wandte er sich um und sprach ganz laut und anders:
»Sie müssen nicht daran denken!«
Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest zusammen: »Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .«
»Kurz! Ich sah ihn«, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff. Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hügelzug verloren. Durch die ganze stille Luft hörte man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm Antoine beim Arm:
»Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß ich mich nicht täusche. Ich weiß Ihnen gewiß Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie müssen doch einsehen, daß Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf Grund der damaligen Verhältnisse verhaften lassen wollte, hätte ich durchaus keine Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind. In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, auf unangenehme Ideengänge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die Pyrenäen.«
Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten Baumganges ein und fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte ihn in die Schulter: »Der arme Perdican . . .«, flüsterte er.
Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf flog eine rasche Spannung über seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf einen Stein. Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein paar Worte. Ich nahm, etwas verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir eine Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen Straße die Post herbei. Antoine rief mir rasch zu: »Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!«
Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an. Antoine winkte. Sein Bart und sein schräges Profil traten bedeutend aus der Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Häuser.
Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines. Es mußte ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte ich wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah man, daß sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlösen konnte, Karten aus einer doppelten Manschette schüttelte. Man verband damals noch andere seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lächerlich, daß wir uns damit begnügten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig. Damals hatte niemand hieran gedacht.
Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien höchstens drei Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie laut vor.
Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück und streckte den Span mit gespanntem Arm noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hörte verhandeln. Ein Mann mit einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prüfte mich, während das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor. Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. Währenddem sagte er, es seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich meine Auskunft über den Weg von Tarragona erzählte. Drinnen saßen noch drei Männer. Sie tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrähten über einem Tisch.
Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer nahm mich bei der Hand, verbeugte sich und sagte: »Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .«
Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, das ich wieder nicht verstand, worauf jeder mir die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann ward ich müd. Auf einem Strohsack in einer Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich niemand mehr. Ich durchsuchte das ganze Haus. Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung sein, als das hölzerne Geklapper eines Maultiers mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin Pelayo.
Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er stand vor seinem Haus und wusch sich den Oberkörper mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte sich zuerst, durchaus keine Notiz von mir zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann wiederholte ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen. Darauf stellte ich mich aufgerichtet vor ihn hin und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß. Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über seinen Arm laufen. Die Muskeln brachen wie Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig krümmte.
Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt konnte mich betrogen haben. Nun nahm ich meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit der Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum wuchs etwas vor mir in die Höhe. Ich hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen Lage wie eine Kinderfahne.
Ich erstaunte über die Würde des Mannes und seine unnatürliche Größe.
Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir die Hand. Er fragte nach seinem Freunde Antoine. Antoine war doch ältester französischer Adel. Ich ließ nicht merken, daß ich verblüfft war. Ich redete rasch und abgerissen. Er schloß sein Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn noch größer machte. Dann rief er zweimal : »Maintoni . . .«
Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen der Lider meine rechte Hand und zog mich ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang und traten in ein hohes Zimmer. Maintoni drehte sich um und rief hinaus: »Rodriguez!« Eine alte Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich hin. Maintoni küßte ihr die Hand und ging hinaus.
Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen aus. Sein Körper war schlank und von wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das Gesicht wirkte in der Nähe kantig gegen die Harmonie des Wuchses. Die Nase war ein wenig zu lang.
Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme hatte eine knarrende Biegungslosigkeit. Einige Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch vor ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte. Sie dankte, sprach aber weiter. Dann sagte er mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur noch in ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung kannte sie nicht mehr. Eine dichte Luftschicht, von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie körperlich und schloß hermetisch alle Berührungen mit der Welt ab.