Die sechs Mündungen: Novellen

Chapter 2

Chapter 23,942 wordsPublic domain

In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm. Er hatte in New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer krank. Die gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange zwischen sich die Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.

Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn gewartet. Sie war ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb sie doch stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, daß die Verzweiflung aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit einer Kälte, die kaum die Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies zugestoßen sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie stockte, denn sie empfand, daß sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle. Und stotterte, daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen würde . . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es ihm nicht sagen. Raoul begriff, daß es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Möglichkeit einer solchen Sache beschämt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum sie das ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem Freiherrn die Schlinge über und schleifte ihn ein Stück.

Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte er einen Schuß und die Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den Schenkel gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, fand aber nichts.

Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den Weideplätzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem Onkel, er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst dazu komme, ihm zu schreiben, er sei jedoch sehr beschäftigt gewesen und habe die unmaßgebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. Er sei übrigens in Amerika, momentan wenigstens, für den Fall, daß der Präriestempel unleserlich sei. Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort ebenfalls unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche des Onkels, etwas für ihn zu tun, womit er ihn das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe, gar nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne Bedürfnisse sei. Vielleicht nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach zu kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus befinde, dort am dritten Dachfenster aus dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei präzisierten Wert an seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nämlich ein entzückender Mensch, Gourmand, und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. Woraufhin sich der Onkel vielleicht entschlösse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen seinen Neffen Raoul.

Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er hatte wegen seinem Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, daß es ihr aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen Gesicht. »Wohin . . .?«

Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und groß ins Weite.

»Vielleicht -- das wollte ich sagen -- reiten Sie für diesmal mein Pferd. Ich kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen . . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem Rücken) . . . dann . . . nehmen Sie etwa auch meinen Lazo mit -- ?«

Raoul zögerte.

Sie: »Ich -- bitte.«

Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war das beste Pferd im Umkreis. Wie leicht ihr Lazo war!

Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten sie, einander jagend, einen großen Pferdetroß. Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken Keilen zwischen sie. Sie konnten nicht schießen. Die Lazos peitschten die Luft. Plötzlich riß zwischen den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch. Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in die Beine strömte unter dem Druck der entsetzlich pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde. Die Arme waren angeschnürt, er konnte sie von den Ellenbogen ab erst bewegen.

Es genügte. Eh' der Gegner anzog, ihn zu schleifen, zielte er, stemmte das Knie hoch, schrie etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel mitten durch den Kopf.

Dann setzte er sich auf das Gras und schlug die Beine zusammen. Das da war ein Duell im Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte, was das sagen wolle, daß Helen ihm Pferd und Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr reich werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten, wenn er nach Süden ritte. Und sie war schön, war stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie liebe. Aber es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt sei, wo er ausgegangen. Kein Himmel werde seine nächtliche Lockung über ihn wölben. Der Himmel würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. Das Leben würde nichts mehr zum Steigern für ihn haben. Er begriff in einer qualvollen Sekunde, daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben sei, weil er mit einem satten Punkt eingesetzt und mit einem Ende begonnen habe, und daß nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich selbst höher zu werfen und weiter zu steigern, und er begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so weiter ungebunden und von unten weiterstoßend möglich sei.

Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, daß er über Helen hinausmüsse und ihre Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem, das ihren Trotz und ihre Erschütterung färbte . . . Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die Lider lange darüber. Dann erhob er sich.

Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, daß sie schnaubend allein nach Hause lief.

Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein, daß er nun, wo diese Schmerzlichkeit weiter über sein Leben hinaushänge, das Alte und Schwermachende nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich kamen Zweifel, ob alles dies, was so qualvoll an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen bestehe, die sich ineinanderfließend wiederholten im Hochhinaufgerissenwerden und in der Müdigkeit. Aber er schüttelte sie ab.

Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein wildes Pferd, bändigte es und sprang darauf. Der Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen geflochten und mit Silberringen breit geschmückt. Raoul Perten ritt nach Norden zu. Und ritt und warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in den Schwung eines maßlosen Trapezes und ließ den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen um seine Hände fahren -- -- . . . und ritt auf ein Stück Himmel zu, das sich wie ein blaues Dreieck zwischen zwei Hügel hineinbohrte und über dem ein Horizont aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden Rotunden kreisend wie ein von Rätseln durchstochener Schild.

Der aussätzige Wald

Benoit de St. More: Ceste historie n'est pas usée

Jehan Bodel, Sire d'Arras ritt durch den Wald.

Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung keine Waffen außer dem kleinen damaskenischen Messer im Gürtel. Seine Arme hingen laß auf beiden Seiten des Sattels herunter.

Nach zwei Stunden pfiff es scharf.

Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen den Abhang herunter in die grelle Sonne. Einige hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig hochschnellend. In seiner linken Hand drehte sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere, deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen waren und die am Knöchel zu einem dicken roten Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges Schwert. Alle waren von furchtbaren Fetzen schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste und Narben fraßen sich durch die Gesichter der meisten. Langsam rollte etwas die Böschung auf allen Vieren ihnen nach herunter, hob sich mit langen weißen Haaren, stand ehrfürchtig zögernd, die Hände in Bewunderung und Tasten hebend und streckte zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das stechende Licht.

Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war zu klein. Sein Blick fuhr herum. Nichts war im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt zurück und spie aus vor Wut.

Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu. Ihr Anführer umtanzte ihn lautlos mit gierigen Sprüngen.

Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde, hieb drei Kerbschnitte in den Oberschenkel, drehte das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar der Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das schreiende Tier über Maul und Hals, tötete es und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen Waldweg weiter.

Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine Zeit hatte, das Maultier zu töten, eh' er es verwundete. Er dachte nicht daran, daß er auf ihm hätte fliehen können. Jehan floh nicht.

Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt war. Viele Auslagen färbten den Platz bunt, und ein erschütternder Tumult bewegte sich über die Straßen. Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten im Platz, und als Ruhe war und Kopf an Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor Ekel geschüttelt, jedem, der im Wald einen Aussätzigen erschlüge, zwanzig Denare.

Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug, einen schneeweißen Hühnerhund und eine Stute, deren Schweif den Boden peitschte.

Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte Spielleute und aß. Als er seinen Lieblingsfisch auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die Tür und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der Wirt spreizte die Arme und drückte ihn zurück. Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der Mönch bestand darauf und schwur lang und laut bei St. Vinzenz, bis Jehan aufmerksam ihn herbeiwinkte. Bis auf zwei Meter, denn er wünschte nicht, von seinem Atem belästigt zu werden. Der Mönch schlug ein Geschäft vor. Jehan aber machte eine so abweisende Geste, daß er zu winseln begann und schwur bei den runden Blutstropfen von St. Morant, Jehan werde nächtelang aus Reue seine Brust schlagen. Und wie er von dem gesättigten und zufriedeneren Mund des Gegenübers die herbe Strenge abfallen sah, stieß er hastig einen Schritt vor und sagte leis etwas.

Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs Fratze bedeckte sich aber mit einer fetten Vertraulichkeit und sagte und schwor bei dem Leibe der heiligen Afflise, die Ware sei gut.

Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und folgte ein wenig zurückgestoßen, mehr aber neugierig. Sie überquerten den Hof, schoben einen Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall . . . dann riß der Mönch eine verborgene Tür auf.

Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein schräg in die Mauer gerammtes Bett enthielt, auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung, von vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer adligen und beschämten Haltung erhob und eine rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch wollte ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies ihn zurück, verbeugte sich und fragte, wie sie heiße.

Sie sagte: »Beautrix« und sagte es in limusinischem Dialekt, dessen dunkle Schwingung Jehans Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend weiße Haut, daß sie unmöglich aus der Provence sein konnte. Der Mönch sagte: Aus Byzanz.

Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend Denare.

Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen aus der Stadt. Jehan sprach nichts zu einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein wenig hinter ihm. Plötzlich kam ihnen Gebrüll entgegen, schäumende Rufe spritzten durch die leere und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag vom Huf der Tiere durch den mahlenden Sand.

An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession an ihnen vorüber, Männer, die Fahnen trugen, schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit Säuglingen an den strotzenden Brüsten, Greise, die ihre müden Glieder vorwärts schnellten, und alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den Arm um die Weiber geschlungen und sich in sie verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten Haaren und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen, in die Männer wieder ihre Gesichter tauchten . . . und alle sausten singend und schreiend mit stampfenden Sprüngen vorbei.

Beautrix errötete und wandte den Kopf, als der Zug vorbeischoß.

Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan. Er schnallte seine Bügel hoher und hob sie herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier mit Gelächter, lachte, küßte sie und rannte mit ihr durch den Wald. Die Hunde jagten vor ihm.

Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er fühlte, wie die Glieder von Beautrix heiß wurden. Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig geworden. Der Hühnerhund sprang vor ihnen hin wie ein weißer Strich.

Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen Bogen gleich einer Augenbraue. Dumpf rauschend wie zwei Fledermausflügel zogen sich die Tore von Arras im Abend hinter ihnen zusammen.

Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise und sagte es so zu Beautrix. Denn Jehan Bodel war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit beging, es in seinem Leben auszudrücken und ohne daß es aus seinem Tun bewußt nur in einem Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie.

Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen auf seinen linken Arm, und indem er sie mit dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein großes getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures Bett stand, und sagte ihr, daß dies ihr Eigentum sei.

Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer Dame im Westen der Stadt, der er dort ein Haus unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame sei in der Kirche, und er kam gerade recht, als sie die Abendmesse verließ. Er nahm sie und ein paar Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe Schenke in der Ecke des Platzes.

Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das sie allein hatten. Holzpritschen mit Teppichen belegt umliefen die Wand und schlossen einen Kreis um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der Boden war mit leuchtend gelben und weißen Platten belegt. Es roch nach Wein und Rosen. Jehan ließ gemischten Wein kommen und nahm seine Dame neben sich. Eine Stunde später kamen noch einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken und sangen.

Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten. Eine Rote erzählte, die Zähne fletschend, was ihr ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge die Haare kürzer schneiden und als Mönch bei ihrem Orden eintreten. Und ob sie sich dann auch die Haare blond färben und den Namen »Innozenz« annehmen würde, fragte ein junger Mann . . . worauf sie beleidigt tat und ihm ihr Glas zwischen die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die Knie warf und ihn reuig in den Ohrlappen biß.

Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie tranken stark und lachten. Die Weiber schaukelten auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder durcheinander.

Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen, die ihm Stellung und Temperament zur sonstig mittelmäßigen Erfreuung -- mehr geduldet in der vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen -- machten, ließen ihn grenzenlos öd.

War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm des Zimmers ein fremder Duft wie von Frauenhaaren, die er kaum kannte, an seinen Händen schwebe?

Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen nicht ganz in seinem bewußten Grund, aber ergriff es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser Spannung, als er im Lauf des Abends von einer der anderen erfuhr, wie seine Dame ihn betrog. Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen Schatten hier seinen Weg kreuzte (nur daß er nahm dieses Mal und nicht darreichte), lachte alles in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne, die seine Hand gerade umfing, nicht einmal weg, griff seiner Dame mit der Linken ins Haar und warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch die Tür. Erhob sich lächelnd und frisch und schenkte das Haus im Westen der Stadt jener, die zuerst fünf Glas Mischwein trank und ging aufatmend, den Kopf schräg nach dem Himmel hinaufgelegt, die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht.

In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte noch an ein Tor und befahl einem Händler, dessen Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag mit seinen besten Sachen zu ihm komme.

Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen, und mit einem Anheben fingen alle Glocken an zu schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch sich die Hände und das Gesicht, stieg in den anderen Stock und öffnete in einem schmalen Ritz eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix und wie ihre lichten Glieder im Morgen blitzten.

Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei hinüber, Beautrix zum Essen zu holen. Es tat ihm leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien. Allein ihre Bewegungen waren so, als ob sie nichts trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über den Gliedern hätte und wie es Jehan in einer raschen Erkenntnis schien so in einem; als ob dies gar nichts bedeute für den Adel ihres Wesens.

Während sie aßen, geschah etwas Seltsames; Jehan, der spürte, wie etwas, je näher er kam, etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich zwischen ihn und die Sklavin schob, sah sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Er fragte. Da wies sie halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte, daß sie dieses Gemüse nicht essen könne. Es war Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er sie dem Händler mit den Stoffen.

Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett rote Blumen und Steine aus Alamanda. Den Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa:

Amic, s'eu vos tenia Dinz ma chambra garnia, De ioi vos baisaria, Qar n'audi Ben dir l'autre di. Qant lo gilos er fora, Bels ami, Vene-vos a mi.

Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die Flammen zuckten auf dem Leuchter.

Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, das in Brunst war, und nannte sie: Silberne Drossel -- und blieb und küßte sie. Sie nahm keine Scham vor ihm und zog sich an, während die ersten Lichtstreifen den Boden kräuselten. Sie bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete sie. Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten Hände hob sie vor jedem hoch auf im Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster verließen, war der Ausgang versperrt. Eine Frau lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch und Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze standen um sie und neben jedem Kreuz eine armlange Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige Leute standen um die Büßende, die nicht aufsah. Beautrix zögerte.

Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte die Frau. Er nahm Beautrix auf die Arme wie am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch den dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus ins Licht. Und setzte sie nicht nieder; trug sie so über den Markt. Als er in die Straße einbog, setzte ihm schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte er den Kopf: Schwarz, schäumend stand mit wehenden Armen die Dame vor dem Portal und nannte Beautrix eine Dirne.

Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus.

Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte keine Geschenke.

Aber wie die Dämmerung die Schatten vom aufgewühlten Gesicht der Beautrix abpflückte, nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war die ganze Nacht mit ihr.

Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix in jeder Frühe seinen Falken. Manchmal auch: silberne Drossel. Doch dies geschah selten und nur bei Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen das Fenster äderten und in eine überhitzte Glut anschwollen. Sie blieben einen kurzen Atem lang zitternd und wie ein Segel und zum Sprung gespannt in der Öffnung hängen mit gelbgrünen Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm und bebte ein wenig. Denn das bedrückte ihr Herz und war ähnlich wie das im höchsten Entsetzen zerbogene maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. Das haßte Beautrix.

Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy nach Rouen. Als er zurückkam, erwartete sie ihn lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn die weite Plaine heraufkommen. Er winkte ihr zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte ihr aus Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe schnurrte den ganzen Tag in seinem Bauer aus Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch. Da warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr eine weiße Blumennische bauen. Kaufte ihr einen ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und ließ ihr einen Hengst in den Stall stellen, der weiß war wie seine Stute. Denn ihm kam es vor, alles müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen, der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß war, wie er ihn verlangt hatte. Beautrix' Haut war das strahlende Licht und die ewige Lampe von Arras.

Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem Schlaf und holte sie aus ihm hervor, und Jehan legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße und zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand bis übers Knie. Beautrix warf ein kurzes Kleid drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei Sternen. Dann nahm sie zwei Falken und Jehan nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen Aufstieg abbog und in den kühneren Kampf aufstieß und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg und Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit einem Gesicht, das dies spiegelnd und das Übermäßige des Tages und dieses sich in das Heroische des Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, . . . da riß Jehan ihr den weißen, weiten Handschuh über Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den Unterarm aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie ritten lang durch eine Ebene mit Weidengestrüpp. Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen.

Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in einiger Entfernung später an den Pailletten erkannte, die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem Augenblick hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen Handschuh überreichte, indem er ihn lang küßte, während seine Augen nach ihr langten.

Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll waren von Jagd und satt und behängt mit Glanz und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, die glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen vom Gelächter einer der Frauen. Jehan ritt mit dem Ritter, der Girard hieß.

Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von Schreien. Aufbäumende, in wüste lange Schnörkel sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein Mann in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht die Larve, war an einen Pfahl gebunden, die Arme verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken hin und her in den fanatischen Konvulsionen eines Berauschten. Sein Kopf stand, am Hals in einer Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine Plastik aus Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten und die Augen, groß, rund und aufgesperrt sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein Mann bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein Tropfen dampfendes Öl auf den Schädel des Gemarterten.

Sie riefen und man antwortete aus einem Haus: es sei Thibaut de Nesle, den ein Aussatz überfallen habe und den man so strafe dafür, daß er es verheimlichte und nicht beim ersten Zeichen die Stadt verließ. Da schwoll Jehans Gesicht vor Zorn. Er erinnerte sich des Todes seines gelben Saumtieres, das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte den Einsatz für den, der einen Aussätzigen im Wald erschlüge und setzte ihn auf vierzig Denare. Dann warf er den Kopf zurück. Er ritt genau vor den Ritter Girard und befahl ihm, dem Henker zu sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen fünfzig Tropfen heißes Öl mehr geben solle auf seinen Befehl. Er sagte es laut vor den anderen Reitern. Er sagte es laut vor allen Köpfen, die in den Fenstern liegend, in Kreisen den Platz umschnürten.