Die Sebalduskirche in Nürnberg
Part 9
Nach der Stärke und Beschaffenheit der Tünche zu schließen, welche die Wände bis zur letzten Restaurierung überzog, wurde die Ausweißung öfter wiederholt, möglicherweise auch gelegentlich der Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre des 17. Jahrhunderts betätigten Barockausstattung.
»Im Jahre 1515 erlaubte der Rat dem Michel Beheim, der Cramer Kapellen in St. Sebalds Kirchen am Gewölb und an den Fenstern und Altartafeln restaurieren zu lassen. Doch durfte er sein Wappen nirgends anbringen und mußte er die alten Wappen stehen lassen.«[59] Gemeint ist wahrscheinlich die Pömerkapelle zwischen der südlichen Sakristei und der Dreikönigstüre.
1657 und in den folgenden Jahren wurde das Innere der Kirche von dem Tünchermeister Jakob Fuchs nach dem Muster des Bamberger Domes -- Tüncher und Steinmetzen erhielten für die Reise dorthin zusammen 6 fl. -- renoviert, und zwar einschließlich der »damaligen Porkirchen« (wahrscheinlich der Engelschor) und der beiden Sakristeien. Akkordiert war die Summe von 900 fl. Über die Art und Weise der Renovierung, soweit sie die Architektur betrifft, erhalten wir keinen Aufschluß, auch führt ein Vergleich mit dem Bamberger Dom zu keinem Ergebnis, da das Innere desselben unter König Ludwig I. von allen späteren Zutaten »gereinigt« wurde. Nur folgende Angaben aus der erhaltenen Rechnung sind von Interesse: im Jahre 1657 u. ff. wurde außerdem noch renoviert (von verschiedenen Meistern) innen in der Kirche ... unter der Kanzel gepflastert (fl. 1·40), Fledermäuse über dem Gewölbe weggeschafft, Gemälde »oben an dem Gewölb des Chors« (6 fl.) etc.[60] Aus dem letzteren Posten geht hervor, daß die Gewölbe des Ostchores, denn nur dieser kann gemeint sein, mit Malereien wahrscheinlich aus der Zeit der Erbauung ausgestattet waren. Die letzte Restaurierung hat denn auch eine reiche Polychromie der Schlußsteine und eine Bemalung der anstoßenden Rippen aufgedeckt.
Eine besonders umfangreiche Erneuerung erfuhr 1657 die Innenausstattung der Kirche (Abb. 30). Sie bezog sich vor allem auf die Neuherstellung von Altären und der Kanzel sowie der beiden Orgelemporen im Querschiff. Außerdem wurden damals im Mittelschiff in der Höhe der Triforien und im nördlichen Seitenschiff hölzerne Emporen angebracht. Auf Einzelheiten dieser Erneuerung wird bei der Behandlung des Inventars zurückzukommen sein.
Soweit die Nachrichten über die Restaurierungen im Innern.
Bei einigen von den zahlreichen Veränderungen am Außenbau wurde durch die letzte Restaurierung der ursprüngliche Zustand, so gut es eben möglich war, wieder hergestellt. So mußten in erster Linie die beiden Dachwerkanbauten auf den Seitenschiffen an der Westwand des Ostchores weichen, in welchen die Blasbälge für die beiden 1443 und 1447 errichteten Orgeln auf den Ostchoremporen untergebracht waren. Zur Zierde des Ganzen hatten diese Anbauten nicht gereicht.
Die älteste Gestalt der gotischen Seitenschiffdächer war die, daß an ein ziemlich flaches, bis an den unteren Rand der Hochschiffsfenster heranreichendes Pultdach von den Wimpergen der Seitenschiffe aus Giebeldächer anstießen. In späterer Zeit waren die Giebeldächer mitsamt den Wimpergspitzen und der Galerie beseitigt und das Pultdach steiler gelegt worden, so daß die reiche Dachbildung, die im Verhältnis zu der mannigfaltigen Gliederung der Wände der Seitenschiffe stand, verloren ging und die unteren Partien der Hochschiffsfenster zugemauert werden mußten, was für den Innenraum des Langhauses einen beträchtlichen Entgang an Licht bedeutete. Dieser Übelstand wurde durch die letzte Restaurierung infolge Tiefer- oder Flacherlegung des Pultdaches und Herausnahme der Fenstereinmauerungen behoben. Die Wimpergspitzen und die Galerie wurden erneuert, Giebel- oder Kapellendächer gelangten jedoch nicht zur Wiederherstellung.
Nach der Vollendung des Ostchores zählte die Kirche sechs Eingänge: die zwei romanischen Turmportale, im Westen, je zwei an der Nord- und an der Südseite, die Anschreibtüre und die Ehtüre, diesen entsprechend die Schultüre und die Dreikönigstüre. Im Jahre 1480 wurde, aus welchem Bedürfnis ist nicht bekannt, in der Südwand des Ostchores gegenüber der Schau unter dem Behaimschen Fenster eine niedrige Türe mit flachem Bogen und ohne Profilierung des Rahmens, nur mit Abschrägung der Kanten, ausgebrochen. Drei Stufen führen zu derselben hinauf. Wegen des gegenüberliegenden öffentlichen Gebäudes wurde sie Schautüre genannt.[61]
Am 20. November 1490 kam in früher Morgenstunde in der Wächterstube des südlichen Turmes Feuer aus. Einen größeren Umfang scheint dasselbe nicht angenommen zu haben, denn bauliche Veränderungen, die auf einen Brandschaden zurückzuführen wären, sind am Turm nicht wahrzunehmen. Es wird also nur ein Zimmerbrand gewesen sein.[62]
Wie bereits hinlänglich bekannt, mußte die Galerie des Ostchores 1561 wegen Baufälligkeit abgenommen werden. Am 27. Mai nahmen im Auftrag des Rates der städtische Baumeister Joachim Tetzel und vier Handwerksmeister eine eingehende Besichtigung des Umganges vor und erstatteten hierüber in einem ausführlichen Gutachten Bericht (vgl. Beilage 36). Danach sei die ganze Galerie durch die Einwirkung des Regen- und Schneewassers gleichsam zerfressen, insbesondere das die Galerie tragende Gesims, so daß einzelne Stücke, vor allem die ebenfalls stark beschädigten Wasserspeier, herabzufallen drohten. Eine Ausbesserung, von der man sich aber nicht viel versprechen könne, würde auf etwa 5000 fl. zu stehen kommen. Man halte die Abtragung der Galerie, die Deckung des Umganges mit Dachziegeln und die Anbringung kupferner Dachrinnen für die geeignetsten Maßnahmen. Dem Antrag entsprechend wurde beschlossen und gehandelt. Und so verschwanden nach nicht ganz 200jährigem Bestehen die Galerie, die Wimperge der Fenster, soweit sie den Dachrand überragten, die Fialen der Strebepfeiler und die vielen Wasserspeier, welche zusammen eine prächtige Bekrönung des Chores gebildet hatten, hinter der bei größeren Festlichkeiten, vornehmlich bei Einzügen von Fürsten, die Stadtpfeifer und -trompeter gar feierlich herabbliesen. Daß es sich damals nur um die Galerie des Ostchores und nicht auch um die der Seitenschiffe handelte, ist aus einer Angabe des vorerwähnten gutachtlichen Berichtes zu schließen, wonach die Länge der Galerie 333 Stadtschuh, also genau dem Umfang des Ostchores entsprechend, abgesehen von der Westwand desselben, betragen hat.[63]
In den Jahren 1571 bis 1647 wurden eine Anzahl Reparaturen am südlichen, dem sogenannten Schlagturm vorgenommen. 1571 fand eine Besichtigung der Kranzgalerie, die infolge Baufälligkeit das Schicksal der Ostchorgalerie teilen sollte, statt. Einige Jahre darauf, vielleicht 1577, wurde auf ein ausführliches fachmännisches Gutachten hin, welches zugleich ein kurzes Projekt der Restaurierung enthielt und dem ein Plan der Galerie beigegeben war, dieselbe erneuert, und zwar genau im ursprünglichen Stilcharakter. Die beabsichtigte Aufsetzung von Kugeln auf den Ecken des Geländers scheint unterblieben zu sein. Die übrigen Renovierungen beziehen sich meist auf das ruinös gewordene Zinndach. 1591 wurde der schlechte Zustand desselben zum ersten Mal festgestellt. 1609, 1613 und 1616 folgten weitere Besichtigungen und Ausbesserungen. Schließlich, 1647, blieb nichts anderes übrig, als eine Neubedachung vorzunehmen, und da man mit dem Zinn so schlechte Erfahrungen gemacht hatte, wurde Kupfer gewählt. Seitdem besteht an dem Turmpaar von St. Sebald ein für das ganze Stadtbild charakteristisch gewordener Farbenkontrast, der nördliche glatte Turmhelm zeigt sich in dem matten Grau des Zinnes, der südliche durchbrochene in der grün schimmernden Patina des oxydierten Kupfers.[64]
Samstag den 3. August 1754 schlug ein »Donnerwetter« in die Kirche St. Sebald, und zwar ein »Feuer-« und ein »Wasserstrahl«. Der erstere fuhr durch das Dach des Langhauses »gegen den Milchmarkt über« auf das darunter befindliche Dach »auf den Boden, wo man in die kleine Orgel gehet«, und zündete einen Querbalken an. Der Brand wurde sofort bemerkt und gelöscht. Der »Wasserstrahl« ging durch das Langhaus bei den Türmen, eine »ziembliche« Anzahl Ziegel erschlagend, auf das Dach direkt über der Löffelholzkapelle, wo die Türmer Holz und Späne liegen hatten, und wo er mehrere Dachsparren völlig zerschmetterte. Die entstandenen Dachöffnungen wurden aus eigener Initiative des Almosenamtes noch am selbigen Abend mit Ziegeln zugedeckt. Die erforderlichen Ausbesserungen waren für den Bau selbst nicht von Belang.[65]
Wie beim südlichen Turm so mußte man auch beim nördlichen Turm die schädlichen Folgen einer schlechten Zinnbedachung erfahren. Hier bedurfte aber nicht allein die Bedachung, sondern der ganze Dachstuhl des spitzigen Helmes einer Erneuerung. Für die neue Bedachung wurde nicht wie 1647 beim anderen Turm Kupfer, sondern wieder Zinn in starker Vermischung mit Blei gewählt. Die Restaurierung nahm die Jahre 1768 und 1769 in Anspruch und erforderte einen Kostenaufwand von über 5500 fl. Die Einzelheiten sind aus der Beilage 38 ersichtlich.
1805 wurde die Fahnenstange auf dem südlichen Turm wiederholt ausgebessert. Die zur Vornahme der geringfügigen Ausbesserung notwendige Rüstung des Helmes kostete 361 fl. 20 kr.[66]
Die 1647 in Kupfer ausgeführte Neubedachung des südlichen Turmes wurde 1807 an mehreren Stellen ausgebessert, wobei die abgenommenen schadhaften Kupferplatten für Reparatur eines Braukessels im Weizenbierbrauhaus Verwendung fanden.[67]
Aus dem Vorausgehenden ist ersichtlich, daß wesentliche Veränderungen am Bau von St. Sebald, wie ihn das Mittelalter der späteren oder neueren Zeit überliefert hat, nicht vorgenommen wurden, obwohl sich schon früh genug die Wahl weichen Steinmaterials für ornamentale Teile oder architektonische Zierglieder gerächt hatte. Es darf dieser Umstand vielleicht als ein Glück bezeichnet werden. Denn spätere Umbauten im Renaissance-, Barock- oder Rokokostil, wie sie sich so häufig in den katholisch gebliebenen Gegenden vorfinden, würden, selbst wenn sie zu den hervorragendsten Leistungen zu zählen wären, nur den Bau seiner ursprünglichen künstlerischen Feinheiten und einer Reihe kostbarer historischer Erinnerungen beraubt haben; das mittelalterliche Leben, das noch aus allen Ecken und Winkeln der Kirche atmet und ein mächtiger Zeuge der früheren politischen Höhe Nürnbergs ist, wäre zerstört. Der Gegenwart war es vorbehalten, das schadhaft gewordene Bauwerk durch eine gründliche Restaurierung in seinem alten Glanze wiederherzustellen.
Wir lassen nun eine Würdigung der 1906 beendeten Restaurierung folgen nebst den ausführlichen Berichten der Bauleitung.
2. Das Restaurierungswerk der Neuzeit. 1888-1906.
Die im vorausgehenden Kapitel behandelten, in der Zeit vom 16. bis zum beginnenden 19. Jahrhundert an der Kirche vorgenommenen Ausbesserungen, amtlich »Reparaturen« genannt, waren in der Regel untergeordnete Instandsetzungsarbeiten an schadhaften Stellen des Baues. Die Architektur als solche blieb unangetastet, wenn sie auch noch so restaurierungsbedürftig erschien.
So ist die Kirche St. Sebald, zwei kleine Anbauten an der Giebelseite des Ostchores und die Steilerlegung der Seitenschiffdächer ausgenommen, in ihrer äußeren Erscheinung in der Gestalt der Spätzeit des 15. Jahrhunderts fast unverändert auf uns gekommen. Dagegen war der Erhaltungszustand des Baues der denkbar schlechteste. Bei dem weichen Steinmaterial, das man für das ganze Mauerwerk und auch für die feinen Zierglieder der Hoch- und Spätgotik verwendet hatte, konnte die Zeit bald und ausgiebig mit ihrer Zerstörungsarbeit beginnen, so daß die Kirche zuletzt, verwildert und verstümmelt, den Anblick einer Ruine gewährte (Abb. 31). Dazu kam, daß die an dem ursprünglichen romanischen Baukörper nach und nach vorgenommenen Umbauten jedesmal einen empfindlichen Eingriff in den konstruktiven Organismus bedeuteten, der Verschiebungen und Schwächungen der einzelnen Mauerteile zur Folge haben mußte. Der Zustand des Verfalls war allmählich in ein bedenkliches Stadium getreten. Eine durchgreifende Wiederherstellung war nicht länger aufzuschieben.
Die Verwaltung des vereinigten protestantischen Kirchenvermögens, die Eigentümerin des Bauwerkes, erkannte diese Notwendigkeit und ging energisch zu Werke. Eine Menge langwieriger Vorarbeiten war zu erledigen, so daß von dem ersten Entschluß bis zur Inangriffnahme der Wiederherstellung eine geraume Zeit verstrich. Man war auf das bereitwillige Entgegenkommen und die emsige Mitarbeit der verschiedensten Faktoren angewiesen. Denn weder der Umfang und die Zeitdauer der Restaurierung, noch die Höhe der entstehenden Kosten konnten trotz Untersuchungen, Gutachten und Voranschlägen genau bestimmt werden. Insofern aber sah die Kirchenverwaltung dem Zustandekommen des Unternehmens mit Zuversicht entgegen, als sie wußte, daß hinter ihr ein auf die Erhaltung seiner historischen Kunstschätze bedachtes Bürgertum stand, welches dem Aufruf zur Instandsetzung des bedeutenden Baudenkmals und der dort aufgespeicherten Schätze opferwillig Folge leistete.
Ein eigens für die Restaurierung der Kirche gegründeter Verein machte sich ausschließlich die Beschaffung der erforderlichen Geldmittel zur Aufgabe. Von allen Seiten flossen Zuschüsse herbei, wenn auch in Anbetracht der enormen Ausgaben, welche das Unternehmen verursachte, zuweilen etwas langsam und in geringen Beträgen. Private Kreise, die Stadtbehörde, Fürstlichkeiten, voran der Deutsche Kaiser und Bayerns Regent, und insbesondere die alteingesessenen Patriziergeschlechter der ehemaligen Reichsstadt hielten mit Unterstützungen nicht zurück.
Das Unternehmen der Restaurierung war vom Schicksal begünstigt. Schon der Umstand war von unschätzbarem Vorteil, daß man sich an die Wiederherstellung nicht früher gewagt hat, als es in der Tat geschehen ist, obwohl der Zustand des Baues von jeher Anlaß genug gewesen wäre. Ein Menschenalter vorher beispielsweise hätte bei den maßgebenden Faktoren und ebenso in Künstlerkreisen nicht das gleiche Verständnis für =alle= Stilperioden des Baues und noch weniger für =alle= Gegenstände der Inneneinrichtung bestanden. Es wären zweifellos viele Inventarstücke der Renaissance, des Barock und Rokoko dem damals noch vielfach angewendeten Purifikationssystem zum Opfer gefallen.
Ein überaus glücklicher Griff wurde in der Wahl der Bauleitung getan. Die Kirchenverwaltung bestellte als Oberleiter den Professor =Georg von Hauberrisser= in München, der wiederum seinen Schüler Professor =Joseph Schmitz= mit der örtlichen Leitung betraute. Beide sind Gotiker von anerkanntem Ruf. Während der Restaurierung des Außenbaues behielt Hauberrisser die Oberleitung bei, die Restaurierung des Innern und des Inventars leitete Schmitz allein. Die beiden Meister huldigten dem Grundsatz der gleichen Existenzberechtigung sämtlicher Teile des Baues wie des Inventars, gleichviel ob künstlerische oder historische Interessen in Frage ständen, und dem anderen Grundsatz: besser zu wenig als zu viel restaurieren. Mit liebevoller Pietät und peinlicher Sorgfalt wurden alle Einzelheiten behandelt, und waren Ergänzungen von größerer Ausdehnung vorzunehmen, so boten die künstlerischen Qualitäten der Leiter Garantie für zutreffende Form.
Ein allgemein bindendes Programm oder bestimmte, für jeden speziellen Fall gültige Satzungen wurden nicht aufgestellt. Die Restaurierung erfolgte in einzelnen Abschnitten und wanderte von Bauteil zu Bauteil (Abb. 32). Während der Vollendung eines Abschnittes wurde die Arbeit für den nächstfolgenden vorbereitet. Setzte die folgende Wiederherstellungsarbeit eine andere Art der Behandlung voraus, so wurden von der Bauleitung die geeigneten Maßnahmen beraten, die beschlossenen Absichten dem Bauausschuß der Kirchenverwaltung vorgelegt und nach den entworfenen Plänen die Ausführung in Angriff genommen.
Mit der Außenrestaurierung des Ostchores wurde der Anfang gemacht; es folgten die Nordseite, der Westchor und das südliche Seitenschiff. Die Türme bildeten den Schluß. Um während der Innenrestaurierung den Gottesdienst nicht auf längere Zeit unterbrechen zu müssen, teilte man die Kirche in zwei Hälften, welche nacheinander in Arbeit gegeben wurden. Zugleich mit der Innenrestaurierung des Baues wurde auch die Renovierung der Inventargegenstände betätigt.
Die äußerliche Schadhaftigkeit der spätromanischen Bauteile war bei dem Mangel feiner dekorativer Glieder am Außenbau naturgemäß geringer als die Schadhaftigkeit der gotischen Teile. Der Verwitterung am meisten ausgesetzt waren hier hauptsächlich die Bogenfriese und ornamentierten Kapitäle, welche durch getreue Kopien ersetzt wurden. An den ausgedehnten gotischen Partien fehlten nicht nur Krabben und Kreuzblumen, sondern auch Wimpergspitzen, Maßwerke, ja ganze Galerien waren dem Zerstörungswerk zum Opfer gefallen. Spärlich, doch ausreichend waren die aufgefundenen Überreste zur Ermöglichung zuverlässiger Rekonstruktion und Ergänzung. Von besonderem Interesse sind in dieser Beziehung die innerhalb der Mauerkrone des Ostchores aufgefundenen Reste der früheren Galerie. Die Restaurierung des Baues wurde daher durchgehends im Stilcharakter der einzelnen Bauteile durchgeführt. Die wiederholte Aufnahme des alten Baustiles und die Außerachtlassung neuzeitlicher Ausdrucksformen war ohne weiteres gerechtfertigt.
Auf leergebliebenen Konsolen des Ostchors und nördlichen Seitenschiffes fanden zahlreiche vom Bildhauer Georg Leistner in Nürnberg gearbeitete Statuen von Aposteln, Propheten und Kirchenvätern, dazu auch Luthers und Melanchthons Aufstellung. Sie erfüllen wesentlich einen dekorativen Zweck und fügen sich in ihrer gotischen Formengebung im allgemeinen gut der reichen architektonischen Umgebung ein.
Hauptarbeiten am Außenbau waren: Auswechslung der schadhaften Steine, Ergänzung, beziehungsweise Rekonstruktion der ruinösen oder abgefallenen Galerien, Pfeilerendigungen und sonstigen Zierglieder, Kopierung der verwitterten Bildwerke, Neubedachung der beiden Turmhelme und Flacherlegung der Seitenschiffdächer. Über diese Punkte, wie über alle Einzelheiten bei der Außen- und Innenrestaurierung, gibt der nachfolgende ausführliche Bericht der Bauleitung genauen Aufschluß.[68] Bezüglich der letzterwähnten Arbeit am Außenbau ist hinzuzufügen, daß von den verschiedenen Gestaltungen, welche den Seitenschiffdächern im Laufe der Jahrhunderte gegeben worden sind und deren jede für uns historische Berechtigung hatte: Kapellendach, flaches Pultdach, steiles Pultdach -- das flache Pultdach als diejenige Form gewählt wurde, welche sich praktisch als die vorteilhafteste erwies.
Das Steinmaterial des alten Baues besteht beim romanischen Teil aus grauem, bei den gotischen Bauteilen aus rötlichem Sandstein der Nürnberger Umgebung von ziemlich grobem Korn. Die Beständigkeit dieses Materials insbesondere bei Verwendung für dekorative Glieder und figürliche Darstellungen ist eine sehr geringe, dazu kommen die schädlichen Einwirkungen des Rußes der modernen Fabrikstadt, die den Fortschritt der Verwitterung bei einem schon angegriffenen Stein außerordentlich beschleunigen.
Um derartigen Übelständen für die Zukunft vorzubeugen, wurde bei allen Ergänzungen und Kopien außer verschiedenen oberfränkischen Hartsandsteinen meistens der sehr harte wetterbeständige und quarzitreiche Stein aus den Wendelsteiner Brüchen bei Nürnberg verwendet.
An der Außenarchitektur hatten die späteren Jahrhunderte keine wesentlichen Neuerungen hinzugefügt. Anders verhielt es sich bei der Innenarchitektur. Fast jede Epoche hatte ihre Spuren hinterlassen, bestehend in einer oder mehrmaligen Übertünchung der Gewölbe und Wände. Es war sofort klar, daß der künstlerische Wert dieser Ausweißungen nicht auf der gleichen Stufe mit der vornehmen Wirkung des ursprünglichen Zustandes stehen konnte. Untersuchungen und Proben bestätigten diese Anschauung. Hiemit war die Grundlage für die Innenrestaurierung gegeben: auch im Innern war dem Bauwerk sein ehemaliges, dann durch unverständige Behandlung beeinträchtigtes Aussehen wiederzugeben. Nur wurde der Zweck durch gerade entgegengesetzte Maßnahmen erreicht: dort hieß es aufbauen, hier abnehmen.
Nach Entfernung des weißen Kleides der dicken Tünchkruste kamen eine, wenn auch nicht reiche, so doch überaus geschickt verteilte Polychromie sowohl beim romanischen Bau wie beim Ostchor und mehrere wertvolle Wandmalereien des 14. und 15. Jahrhunderts zum Vorschein. Im Westchor wurden zwei romanische Doppelfenster, welche einst die Turmhallen vom Chor aus beleuchteten, freigelegt. Zu den erfreulichen Entdeckungen kam aber zum Schluß eine höchst unangenehme Überraschung, welche die Innenrestaurierung sehr in die Länge zog. Gelegentlich der Beseitigung der Farbschichten an den beiden dem Ostchor zunächst stehenden Pfeilern des Langhauses, welche zu den ehemaligen Vierungspfeilern zählten, mußte die schlechte Beschaffenheit dieser Hauptstützen und somit ihre geringe Haltbarkeit festgestellt werden. Bei der außerordentlichen Belastung dieser konstruktiven Glieder war ihre Auswechslung unter Anwendung äußerster Vorsicht mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Als nicht minder bedeutend ergaben sich die konstruktiven Arbeiten, welche an der unteren Ostwand des nördlichen Turmes, in dessen Mauern ursprünglich Treppenläufe angebracht waren, erforderlich wurden.
Mit der Aufdeckung der alten Polychromie und der Wandmalereien allein war die Aufgabe der Innenrestaurierung noch nicht gelöst. Es handelte sich um einen seinem Zweck nicht entfremdeten Bau, um eine noch als Gotteshaus dienende Kirche, und daraus ergab sich, daß das Innere, d. h. die bloßgelegten Malereien, Fenster usw. nicht nur durch Konservierung in einen haltbaren, sondern auch in einen das Auge der Kirchenbesucher nicht verletzenden Zustand versetzt werde.
Die erforderlichen Instandsetzungen wurden jedoch mit der äußersten Zurückhaltung und der größten Vorsicht vorgenommen. Bei alten Inventarstücken wurde unterschieden, ob es sich um Ersatz abgebrochener kleiner Details oder um Hinzufügung von selbständigen Teilen, z. B. von Türflügeln u. dgl. handelte. Im ersteren Falle wurde von Ergänzungen oft ganz abgesehen. Waren die Defekte gar zu störend und war die Ergänzung nach Vorbildern im Charakter des Originales einwandfrei herzustellen, so wurde sie dementsprechend vorgenommen. Bei selbständigen neuen Teilen aber, wie z. B. Türflügeln an Wandnischen oder vor Gemälden, Stuhlwerk, Anlage eines Wandbrunnens, Vertäfelungen der Sakristei, wurden primitive Formen ohne Zugehörigkeit zu einem besonderen Stile angewendet, die sich in die Umgebung ohne Mißklang einfügten, indem sie sich dem wertvollen historischen Bestande bescheiden unterordneten.
Die Erhaltung des gegenwärtigen Gesamtbestandes galt als Grundprinzip. Nicht das Verhältnis eines Gegenstandes in seinem Stilcharakter zur Wirkung der nächsten architektonischen Umgebung, auch nicht der Umstand, ob der Gegenstand heute noch den ihm zukommenden Zweck erfüllt, war für seine Erhaltung maßgebend, sondern einzig und allein die Tatsache seines Vorhandenseins. Bei den scheinbar unbedeutenden Gegenständen fiel das kirchen- und lokalgeschichtliche Interesse ins Gewicht. Eine besondere Beachtung wurde auch dem Standort der Gegenstände zugewendet. Gerade bei denjenigen Inventarstücken, welche ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet sind, ist die Beibehaltung des alten Standortes von großer Wichtigkeit. Die historische Beziehung zur Kirche, welche meist nur aus dem Standorte zu erkennen ist, erhebt den Gegenstand über die Bedeutung eines bloßen Museumsobjektes.