Die Sebalduskirche in Nürnberg
Part 7
Was das Abbiegen der Längsachse anlangt, die man auch bei anderen mittelalterlichen Kirchen, wenn auch nicht in so starkem Maße, beobachten kann, so gibt es dafür verschiedene Erklärungsversuche, die sich auf die Annahme schlechten Baugrundes oder von Mängeln in der Visierung stützen. Einwandfrei ist jedoch diese Frage bis jetzt noch nicht gelöst worden.
Die andere Unregelmäßigkeit in der Anlage des neuen Chors mag vielleicht darin ihren Grund gehabt haben, daß einer allzu großen Ungleichheit der Gewölbefelder bei dem sich verengernden Chorumgang dadurch vorgebeugt und zugleich für die am Hochaltar vorzunehmende Kulthandlung Raum gewonnen wurde. Ebenso beabsichtigt erscheint die allmähliche Verringerung der Abstände der Mittelpfeiler von Westen nach Osten, die es bewirkt, daß sich die Zwischenräume zwischen den Abschlußpfeilern des Binnenchors harmonisch dem Rhythmus der Pfeileranlage einpassen.
Dabei wurden diese offenbaren Unregelmäßigkeiten vom Baumeister von St. Sebald in so unauffälliger Weise vorgenommen, daß wir, im Innern der Kirche stehend, von den einzelnen Verschiebungen, Verkürzungen und sonstigen Unregelmäßigkeiten, ohne vorher darauf aufmerksam gemacht zu sein, gar nichts wahrnehmen.
Zeigen schon diese Maßnahmen, die sich zum Teil aus der Notwendigkeit ergaben, eine Choranlage von fortentwickelten Raumabsichten mit der ganz anders gearteten Raumwirkung der älteren Kirche in Einklang zu bringen, den Baumeister von St. Sebald als überlegenen Geist, dem wir ohne Zweifel auch einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Baugedanken seiner Zeit zutrauen dürfen, so wird diese Vermutung auch durch die Betrachtung der Durchbildung des Aufrisses bestätigt.
Wie bereits oben erwähnt, ist es uns bei der Gmünder Kirche nicht mehr möglich, die vom Meister Heinrich Parler ursprünglich geplante Wölbung mit Sicherheit zu rekonstruieren; wir wissen nicht, war ein komplizierteres oder ein einfacheres System gewählt worden. Mit Bezug auf die, wenn auch in kleineren Verhältnissen gehaltene, aber mit der Gmünder Kirche noch verwandte Nürnberger Frauenkirche wäre dort im allgemeinen das vierteilige Kreuzgewölbe, für den Abschluß des Binnenchores die Verbindung von Kreuz- und Sterngewölbe anzunehmen. Was nun den Chorumgang anlangt, so wäre die einfachste Lösung gewiß die: anschließend an die Seitenschiffe zunächst je ein vierteiliges Kreuzgewölbe mit ungleichen Seiten und Diagonalen, dann je zwei dreiteilige Gewölbe und zum Schlusse wieder ein vierteiliges Kreuzgewölbe. Die Stützen der Gewölbe sind runde Säulenschäfte, deren Kapitäle meist aus zwei Blattwerkkränzen mit polychromer Platte bestehen. Also von einer organisch-konstruktiven Verbindung von Gewölbe und Gewölbstütze keine Rede.
Anders bei St. Sebald. Das Wölbungssystem stimmt mit dem an der Gmünder Kirche eben rekonstruierten so ziemlich überein, bis auf den Chorumgang, dessen Einwölbung sich hier infolge des für den Binnenchorabschluß gewählten Achtecks natürlicher gestalten mußte: es wechseln vier dreieckige Felder mit drei rechteckigen ab. Der Hauptunterschied liegt jedoch darin, daß hier das Gewölbe nicht auf runden, sondern auf polygonalen Stützen ruht, d. h. nicht auf Säulen, sondern auf Pfeilern, und zwar haben diese Pfeiler achteckige Form mit vier vorgelegten Diensten. Ferner ist der Ansatz des Gewölbes nicht durch ein Kapitäl markiert, sondern Scheidbögen, Gurtbögen und Rippen wachsen gleichsam unmittelbar aus den Diensten, zum Teil auch aus dem polygonalen Pfeiler selbst heraus. In Anbetracht der dem Wesen des Hallenbaues zugrunde liegenden Tendenz der Vereinfachung alles Konstruktiven bedeuten also die Pfeiler im Chor von St. Sebald gegenüber den Säulen der Gmünder Kirche einen Fortschritt in der Entwicklung.
Vorbildlich für die Pfeilerbildung im Ostchor von St. Sebald mag die Frauenkirche in Eßlingen gewesen sein. Bekanntlich besteht die Schwäbische Schule des 14. und 15. Jahrhunderts aus zwei Gruppen, von welchen der einen die Hallenbauten mit Chorumgang, der andern diejenigen mit vorgeschobenem Chor und einem in der Mitte der Fassade stehenden Turm angehören. Die erstere Gruppe wird vor allem vertreten durch die Heiligkreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd, die letztere wird repräsentiert durch Bauten wie die Frauenkirche in Eßlingen und das Ulmer Münster. Wohl war die Gmünder Kirche zugleich auch der Ausgangspunkt für die große zumeist auf bayerischem Boden befindliche Gruppe von Hallenbauten, wie den Kirchen St. Georg in Nördlingen und Dinkelsbühl, St. Lorenz in Nürnberg, St. Martin in Landshut, der Frauenkirche in München. Allein bei den engen baugeschichtlichen Beziehungen zwischen den beiden Schwäbischen Schulen ist es ja ganz natürlich, daß auch Elemente der zweiten Schule bei Bauten der bayerischen Gruppe Eingang gefunden haben. So ist z. B. die Fassade der Nürnberger Frauenkirche nicht nur, wie bereits oben erwähnt, von der Gmünder Kirche, sondern in viel höherem Grade von der Frauenkirche in Eßlingen beeinflußt.
Was nun die vorbildliche Bedeutung der letztgenannten Kirche für den Ostchor von St. Sebald in Bezug auf die Pfeilerbildung anlangt, so sei zunächst darauf hingewiesen, daß zwischen der Gmünder Kirche und der Eßlinger Frauenkirche trotz Verschiedenheit in der Anlage eine nahe Verwandtschaft besteht. In die Augen springend ist dieselbe -- abgesehen von der erwähnten Fassadenbildung -- ja nicht. Allein eine Reihe von gleichen Steinmetzzeichen an beiden Bauten geben einen unwiderleglichen Beweis hiefür, was man bei der geringen geographischen Entfernung der beiden Orte und bei dem Umstand, daß das Langhaus der Gmünder Kirche zum Teil ebenso wie der östliche Teil der Eßlinger Frauenkirche dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts angehören[37], ganz selbstverständlich findet. Die Eßlinger Kirche hat wie der Ostchor von St. Sebald polygone Pfeiler mit vorgelegten Diensten, welche, ohne von Kapitälen unterbrochen zu werden, unmittelbar in Gurte und Rippen übergehen, um vierteilige Gewölbe zu tragen. Also auch hier war der Baumeister bestrebt, gegenüber dem bisher Üblichen eine wesentliche Vereinfachung eintreten zu lassen. Nur hat, möchten wir hinzufügen, der Eßlinger Meister eine schönere und auch konstruktiv richtigere Lösung in der Pfeilerbildung gefunden, während der Baumeister des Ostchores von St. Sebald, ohne besondere Rücksicht auf das Gewölbesystem, mehr auf eine gleichmäßige Gestaltung des Grundrisses gesehen hat. Denn dort gruppieren sich auf den beiden Schiffsseiten eines Pfeilers je drei Dienste, von welchen sich jeder einzelne als Rippe, beziehungsweise Gurt fortsetzt und die Arkadenbögen setzen am Pfeilerkern selbst an, hier dagegen wachsen die Arkadenbögen aus Diensten heraus und den drei Rippen (zwei Diagonalrippen und eine Gurtrippe) an einer Schiffsseite steht nur ein einziger Dienst zur Verfügung. Durch den Ansatz mehrerer mit Hohlkehlen profilierter Rippen an einem Dienst sind aber ganz neue Bildungen entstanden, wie sie häufig erst an späteren Bauten, wir erinnern nur an die St. Georgskirche in Dinkelsbühl, wiederkehren, allerdings dort infolge der im 15. Jahrhundert üblichen reichen Sterngewölbe in komplizierterer Form. Allein trotz dieser Unterschiede der Pfeiler im Ostchor von St. Sebald von den Pfeilern der Eßlinger Frauenkirche erscheint doch die Annahme gerechtfertigt, daß der Baumeister von St. Sebald die ganze Idee, polygone Pfeiler mit vorgelegten Diensten zu schaffen und dieselben ohne Kapitäl gleich direkt ins Gewölbe überzuführen, der Eßlinger Frauenkirche entnommen hat.
Noch in einem anderen Punkte des Aufrisses verrät der Ostchor von St. Sebald gegenüber der Heiligkreuzkirche in Gmünd einen hohen Grad von Selbständigkeit; es betrifft dies in der Hauptsache auch mit die Gestaltung des Außenbaues.
Während an der Gmünder Kirche die Wände des Schiffes lange, bis hinauf an die Wölbung reichende Fenster aufweisen, sind die Chorwände in zwei Stockwerke geteilt. Es sind dort nämlich die Strebepfeiler in ihrer unteren Hälfte eingezogen, oder besser gesagt, die Chorwand ist in ihrer unteren Hälfte hinausgeschoben, so daß sich um den Chorumgang eine Reihe von Kapellen gruppiert. Beim Ostchor von St. Sebald dagegen hat man auf den Kapellenkranz verzichtet und wie beim Langhaus der Gmünder Kirche -- auch hierin kann die Frauenkirche in Eßlingen anregend mitgewirkt haben -- hohe, die ganze Länge der einzelnen Wandabteilungen einnehmende Fenster gewählt. Dies hat zur Folge, daß hier die Beleuchtung des ganzen Chors viel stärker wird als im Chor der Gmünder Kirche und andererseits, daß dort die Chorwand eine reichere Gliederung erhält. Der Baumeister von St. Sebald hat nun unter gleichzeitiger Erhöhung des gewonnenen Vorteils den entstandenen Nachteil dadurch gemindert, daß er die Breite der Fenster fast bis an die Strebepfeiler hin ausdehnte und so die Mauerfläche gleichsam in eine Reihe von Gewölbestützen auflöste. Und was die Außenansicht allein anlangt, so wurde der Mangel an Gliederung noch weiter durch eine reiche Ausstattung ersetzt. Von dem in der Höhe der Fensterbänke sich herumziehenden Gesims an weisen die in drei Stockwerken sich abstufenden Strebepfeiler, übergreifend auf den kleinen Rest von Wandfläche, eine Fülle von Schmuck auf, bestehend in vielem Blendenwerk, Konsolen, Baldachinen und Fialen. Um nun von den mächtigen, aber monoton wirkenden Chordach soviel wie möglich zu verdecken, hat der Meister einen bereits an der Gmünder Kirche zum Ausdruck gebrachten Gedanken wiederholt, indem er auf die Mauer eine Galerie aufsetzte, welche mit den die Fenster überragenden Wimpergen und den die Pfeiler bekrönenden Fialen dem Chor ein geradezu prächtiges Aussehen verleiht.
Also auch nach dieser Seite hat es der Baumeister von St. Sebald, der seine Zugehörigkeit zur Schwäbischen und speziell zur Gmünder Schule nicht verleugnen kann, aber völlig frei ist von sklavischer Abhängigkeit, verstanden, den im Wesen der Hallenkirche begründet liegenden Anforderungen gerecht zu werden. Er hat durch Vereinfachung und Reduzierung aller konstruktiven Elemente, wodurch zunächst eine willkommene Sparsamkeit in der Bauausführung erzielt wurde, eine Vervollkommnung des Prinzips der Hallenkirche erreicht.
=Der Baumeister.= Lebhaftes Interesse erregt nun die Frage: Wer mag wohl der Schöpfer dieses herrlichen, kunstgeschichtlich so bedeutenden Bauwerkes gewesen sein? Wie heißt er?
Die Zugehörigkeit des Ostchores von St. Sebald zur Gmünder Schule wurde im Vorhergehenden sehr wahrscheinlich gemacht. Es hatte sich gezeigt, daß beide Bauten in den engsten verwandtschaftlichen Beziehungen zueinander stehen, ja, daß der Hallenbau von St. Sebald ohne den Vorgang von Schwäbisch-Gmünd vielleicht überhaupt nicht, jedenfalls nicht in seiner jetzigen Gestalt möglich gewesen wäre. Denn der Ostchor von St. Sebald weist eine Summe von Erscheinungen auf, welche sich nur aus dem Bau der Heiligkreuzkirche oder durch Vermittlung desselben aus anderen Bauten erklären lassen. Dieses Abhängigkeitsverhältnis wird auch durch das Vorhandensein einer großen Anzahl von gleichen Steinmetzzeichen an beiden Kirchen bestätigt, woraus mit Sicherheit folgt, daß eine ganze Gruppe von Steinmetzen von Schwäbisch-Gmünd nach Nürnberg gezogen ist, um hier an dem Bau von St. Sebald zu arbeiten. Es befinden sich sogar unter den gleichen Steinmetzzeichen häufig wiederkehrend solche, welche infolge ihrer gleichen Grundform einen engeren Zusammenschluß ihrer Träger erkennen lassen, d. h. welche beweisen, daß ihre Inhaber bei einem und demselben Meister gelernt haben. Und jenes Meisterzeichen, von welchem diese Zeichen ihre Variation entlehnt haben, hat sich anscheinend tatsächlich vorgefunden. Bei der letzten Restaurierung wurde hinter einem Baldachine eines Ostchorstrebepfeilers ein kleines Erzschild entdeckt, welches ursprünglich wohl an der Galerie über dem Hauptgesimse befestigt war und beim Abbruch derselben (1561) heruntergefallen und an diesen verborgenen Platz gelangt ist. Das Schild (Abb. 26), welches heute im Ostchor an der südlichen Wand angebracht ist, zeigt im Inneren einen nach unten offenen rechten Winkel mit darin befindlichem senkrecht gestelltem Kreuz und hat den Stilcharakter der Erbauungszeit des Chores. Dieses Zeichen kann nach den gegebenen Umständen wohl als das Zeichen des Baumeisters angesprochen werden.
Trotz sorgfältiger, mühsamer Untersuchung des Baues der Gmünder Heiligkreuzkirche, soweit derselbe eben für diesen Zweck zugänglich war, konnte das Meisterzeichen von St. Sebald dort nicht gefunden werden. Es ist auch dieser Umstand für die weitere Beweisführung nicht von besonderem Belang, denn einerseits steht dadurch keineswegs fest, daß das Zeichen dort überhaupt nicht vorkommt, und andererseits ist es doch mehr als selbstverständlich, daß an dem Bau, welcher die meisten Anregungen für die Gestaltung des Ostchores von St. Sebald geboten hat, ja überhaupt die unerläßliche Vorbedingung für die Existenz des Nürnberger Hallenbaues war und an welchem die Schüler des Erbauers des letzteren gearbeitet haben, auch der Meister selbst tätig gewesen sein muß.
Es liegt somit nahe, in dem Baumeister von St. Sebald einen Angehörigen der Familie jenes Heinrich Parler, des Erbauers der Gmünder Kirche, zu vermuten.
Soweit wir die Familie Parler zurückverfolgen können -- die Kunstwissenschaft hat sich seit längeren Jahren viel mit ihr beschäftigt --, wird die erste uns bekannte Generation durch Heinrich Parler vertreten, welcher, aus Köln gebürtig, etwa im dritten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts wahrscheinlich infolge einer Berufung nach Schwäbisch-Gmünd eingewandert ist, um den Bau der dortigen Heiligkreuzkirche zu leiten.[38] Von seinen Söhnen kommen für uns zwei in Betracht, nämlich Peter und Heinrich. Peter Parler, 1330 geboren[39], erhielt 1353 als junger, erst 23jähriger Mann von Kaiser Karl IV. einen Ruf nach Prag zur Übernahme der Vollendung des seit dem 1352 erfolgten Tode des Matthias von Arras unterbrochenen Dombaues. Peter Parler entfaltete in Prag nicht nur, sondern auch in ganz Böhmen eine umfassende Tätigkeit, baute die Barbarakirche in Kuttenberg, die Bartholomäuskirche in Kolin u. a. m. Von seinem Bruder Heinrich Parler dagegen wissen wir nur aus den Wochenrechnungen des Prager Dombaues, daß er im Jahre 1378 dort gearbeitet hat. Außerdem wird von verschiedenen Forschern mit ihm jener Heinrich von Gmünd als identisch bezeichnet, welcher in den Jahren 1381, 1384 und 1387 als Baumeister des Markgrafen Jodok von Mähren in Brünn tätig war, ja sogar ein Enrico da Gamodia, vom 11. Dezember 1391 bis zum 29. Mai 1392 in Mailand am Dombau beschäftigt, wird auf Heinrich, den Bruder des Peter Parler, bezogen.
Wir bemühen uns vorerst nicht, die Identität des Heinrich Parler, der 1378 in Prag gearbeitet hat, mit den anderen, Heinrich von Gmünd genannten Personen nachzuweisen, sondern uns interessiert vielmehr zunächst zu wissen, worin denn die Tätigkeit des jüngeren Heinrich Parler in den Jahren vor 1378 bestanden hat. Man wird natürlich annehmen, daß Heinrich nicht nur im Jahre 1378, sondern auch in der Zeit vorher am Prager Dombau beschäftigt war, zu welchem Zwecke er wahrscheinlich 1353 mit seinem Bruder oder doch bald nach der Berufung desselben Schwäbisch-Gmünd verlassen hat. Allein warum werden in den Prager Dombaurechnungen, welche die Jahre 1372 bis 1378 umfassen, neben dem Meister Peter Parler alle Steinmetzen und sonstigen Handwerker, welche am Dom gearbeitet haben, aufgeführt, nur, abgesehen vom Jahre 1378, dieser Heinrich Parler nicht? Weil er, wie wir vermuten, vor 1378 überhaupt nicht in Prag war, sondern -- in Nürnberg den Bau des Ostchores von St. Sebald geleitet hat.
Und in der Tat, der Zufall hat es gewollt, daß in den Verzeichnissen Nürnberger Künstler des 14. Jahrhunderts auch der Name eines Heinrich Parler aus Böhmen der Nachwelt überliefert ist. Im Jahre 1363 wurde einem Heinrich Beheim Balier zu Nürnberg das Bürger- und Meisterrecht verliehen und in den folgenden Jahren wird er noch verschiedentlich genannt.[40] Es fragt sich nun, ob dieser Heinrich Beheim Balier wirklich kein anderer als der vor 1378 in Prag nicht auffindbare Heinrich Parler ist.
Wir glauben, daß daran kaum zu zweifeln ist. Zunächst jedoch wird man den Einwand erheben, daß beide schon deswegen nicht identisch sein können, weil der Prager Heinrich Parler in den Dombaurechnungen bereits am 19. September und am 3. Oktober 1378 erwähnt wird, während die Einweihung des Ostchores von St. Sebald erst am Sonntag nach Bartholomäi 1379 stattfand. Kann mit diesem Einwand an und für sich gar nicht bestritten werden, daß Heinrich Parler im Jahre 1379 wieder nach Nürnberg gezogen wäre, um an der Einweihungsfeier teilzunehmen -- wir wissen, daß im Mittelalter Baumeister sowohl wie Steinmetze ihre Arbeitsstätten häufig wechselten --, so ist weiterhin zu betonen, daß die Anwesenheit des Baumeisters bei der Einweihung seines Werkes keineswegs erforderlich war. Der Ostchor von St. Sebald war als Bauwerk, wie wir oben gesehen haben, bereits 1372 in der Hauptsache vollendet; was die Einweihung hinausschob, war jedenfalls nur die noch zu leistende Fertigstellung oder Stiftung von Glasmalereien, Paramenten, Kirchengeräten usw. Der Baumeister hatte somit im Jahre 1372 oder bald nachher seinen Auftrag erledigt, er konnte jetzt andere Arbeiten übernehmen, und zwar, wie wir vermuten, in Schwäbisch-Gmünd und Eßlingen, kam vor oder in dem Jahre 1378 wieder nach Nürnberg und wird dann noch in demselben Jahre wieder zu seinem Bruder nach Prag gewandert sein, um sich dort an der Weiterführung des Dombaues zu beteiligen.
Man könnte weiterhin auffällig finden, daß der urkundlich in den Prager Dombaurechnungen erwähnte Heinrich Parler hier Heinrich Beheim Balier genannt wird. Die verschiedene Form des Wortes oder Namens Parler darf indessen keinen Anstoß erregen, denn es ist zur Genüge bekannt, daß im 14. Jahrhundert die Schreibweise der Familiennamen noch keineswegs fixiert, sondern ganz bedeutenden Schwankungen unterworfen war, so daß der Name Parler ebensogut durch Parlier, Parlierer, Palier, Balier ersetzt werden konnte. Aber auffällig erscheint der Zusatz Beheim. Beheim heißt nichts anderes als Böhmen und bezeichnet, als Beiname eines Personennamens gebraucht, die Herkunft der betreffenden Person. Unser Heinrich Balier wird demnach ausdrücklich als aus Böhmen kommend aufgeführt. Doch werden diese lokalen Beinamen nicht immer angewendet, in vielen Fällen nur zur Unterscheidung von anderen Personen gleichen Namens oder zur besonderen Hervorhebung. Es kann also, da zur Führung eines solchen Beinamens für den Träger von vornherein keine Verpflichtung bestand, dieselbe Person anderwärts ohne solche lokale Bezeichnung begegnen, und es dürfte somit mehr als wahrscheinlich sein, daß Heinrich Beheim Balier in Nürnberg so bezeichnet wurde, weil er zu der Zeit, als ihm der Bau des neuen Ostchores von St. Sebald übertragen wurde, aus Böhmen kam.[41] Heinrich Parler scheint nach der Mitte der fünfziger Jahre nach Prag gezogen zu sein, um bei seinem Bruder, Peter Parler, am Dombau und anderen Bauten Böhmens mitzuwirken. Und von Böhmen aus wird man ihn, vielleicht durch Vermittlung Kaiser Karls IV., unter dessen Protektion ja die Nürnberger Frauenkirche in den Jahren 1355-1361 erbaut wurde, nach Nürnberg berufen haben. Als Heinrich Parler in den siebziger Jahren wieder nach Böhmen und Prag zurückkehrte, war die Führung des Beinamens Beheim, welche in Nürnberg gerechtfertigt schien, gegenstandslos geworden, und so erscheint der Bruder des Prager Dombaumeisters in den dortigen Wochenrechnungen nur mehr als Henricus Parlerius.
Die Identität zwischen dem Nürnberger Heinrich Beheim Balier und dem Prager Heinrich Parler scheint keinem Zweifel mehr zu unterliegen, der Erbauer des Ostchores von St. Sebald ist somit ein Bruder des berühmten Prager Dombaumeisters Peter Parler und ein Sohn des Meisters der Heiligkreuzkirche in Gmünd, Heinrich Parler.
Wohl aber möchten wir Bedenken tragen, jenen Meister Heinrich von Gmünd, welcher in den Jahren 1381, 1384 und 1387 urkundlich als Baumeister des Markgrafen Jodok von Mähren in Brünn erwähnt wird, mit unserem Heinrich Parler zu identifizieren. Ein Beweis für stilistische Übereinstimmung der Werke der beiden Meister ist in der Kunstwissenschaft nicht erbracht worden. Aber abgesehen hiervon, schon die Verschiedenheit der beiden Namen läßt uns auf Verschiedenheit der Personen schließen; niemals findet sich bei Heinrich Parler der Zusatz »von Gmünd« und niemals bei Heinrich von Gmünd der Name Parler. Der Zusatz »von Gmünd« wäre ja an und für sich erklärlich, ja wir würden diese Bezeichnung, wenn sie dem Namen Heinrich Parler in den Dombaurechnungen beigegeben wäre, verständlich finden. Auffällig ist aber, daß die Bezeichnung »von Gemünd«, während sie hier gänzlich fehlt, erst mit dem Jahre 1384 urkundlich auftritt. Kann somit also die Identität =dieser= beiden jüngeren Gmünder Meister Heinrich nicht als wahrscheinlich angesehen werden, so könnte man, zum Teil im Gegensatz zu den Vermutungen der mit dieser Frage beschäftigten Kunsthistoriker, wohl geneigt sein, anzunehmen, daß die beiden Heinrich von Gmünd, die zu wiederholten Malen und an verschiedenen Stellen erwähnt werden, ein und dieselbe Person bedeuten: der 1381, 1384 und 1387 als Heinrich von Gemunde oder Henricus de Gemunden lapicida in Brünn aufgeführte Meister wird der nämliche sein wie der von 1391-1392 ein halbes Jahr lang in Mailand am Dombau tätige Heinrichus da Gamundia oder Enrico da Gamondia.
Andererseits aber hat die Annahme viel für sich, daß unser Heinrich Parler, der Erbauer des Ostchores von St. Sebald, auch der Schöpfer des Schönen Brunnens in Nürnberg gewesen sei, dessen Erbauung man wohl entgegen der neuerdings von Albert Gümbel aufgestellten Vermutung, wonach sie bereits in die sechziger Jahre des 14. Jahrhunderts fallen würde, wieder in die Zeit von 1385 bis 1395 wird setzen müssen.
Die nahe stilistische Verwandtschaft dieses Bauwerks mit dem Ostchore von St. Sebald, die auch trotz des späteren Formcharakters -- es liegen ungefähr zwei Jahrzehnte zwischen den beiden Bauten -- anerkannt werden muß, spricht deutlich genug dafür.
Mit einem Meister Heinrich dem Parlier, dessen Tätigkeit in Nürnberg wir von 1397 bis zu seinem 1430 erfolgten Tode verfolgen können, ist der Baumeister des Ostchores von St. Sebald und, wie wir annehmen wollen, Erbauer des Schönen Brunnens nach den Forschungen Gümbels indessen nicht zu identifizieren. Unser Meister Heinrich war zwar in den achtziger und neunziger Jahren noch mannigfach für den Rat tätig, starb aber bereits zu Anfang des 15. Jahrhunderts. Sein und seiner Familie Jahrtag wurde im Barfüßerkloster zu Nürnberg am 23. Juni begangen, wie ein Eintrag im Totenkalender des genannten Klosters bezeugt: F. 9 Calend. (Julii) Obiit Heinricus Barlierer Lapicida et Kunigundis Uxor et Anna filia, quorum m(emoria) h(abeatur).[42]