Die Sebalduskirche in Nürnberg

Part 6

Chapter 63,373 wordsPublic domain

Die Wahl gleicher Höhe sowohl wie gleicher Spannweite der Schiffe brachte außerdem noch ein günstiges Verhältnis für die Stabilität des Baues mit sich. Der Schub der mittleren Gewölbe wird auf diese Weise naturgemäß durch die seitlichen völlig aufgehoben, so daß die Außenmauern und ihre Strebepfeiler nur dem Schub der Seitenschiffsgewölbe Widerstand zu leisten haben. Außenmauern und Strebepfeiler hätten somit auf ihre geringste Stärke reduziert werden können, ebenso die Innenpfeiler, welche ja nur unter senkrechter Belastung stehen. Allein eine solche Reduzierung hätte für den Bestand des Bauwerkes gefahrdrohend sein müssen. Man wollte den ganzen Chor mit seinen drei Schiffen und seinem Umgang, wie es damals bei Hallenbauten üblich war, unter ein einziges Dach bringen, und ein solches Dach mußte bei den riesigen Dimensionen schon durch sein eigenes Gewicht, dann aber vor allem durch den Winddruck, den es auszuhalten, und die Schneemasse, die es zu tragen hatte, den Gewölbebau ganz beträchtlich belasten. Und so unterblieb die theoretisch zulässige Reduzierung von Pfeiler- und Wandstärke auf das Mindestmaß.

Die schlanken Innenpfeiler (Abb. 23) zeigen bereits ausgesprochenen spätgotischen Charakter: ihr Horizontalschnitt besteht aus einem regulären Achteck mit vier angelegten kreisrunden Diensten. Der Pfeilersockel hat die erweiterte Form des Pfeilers, mit dem Unterschied, daß der achteckige Grundriß an den Diagonalseiten zu einem rechteckigen ergänzt ist. Den Übergang vom Sockel zum Pfeiler stellt eine einmalige wellenförmige Abstufung mit zwei kleinen Hohlkehlringen, bei den Ecken eine pyramidenförmige dreiteilige Abstufung her. Kapitäle fehlen. Der Übergang von der Stütze zur Last sollte unmittelbar sein. Doch wurde es unterlassen, den Grundriß des Gewölbanfängers in Übereinstimmung mit dem Pfeilergrundriß zu bringen oder umgekehrt. Denn der Pfeiler hätte, wenn Dienst mit Rippe oder Gurt, Scheidbogen mit einem Teile des Pfeilerkerns selbst sich hätten decken sollen, eine achteckige Grundrißform haben müssen, indem die beiden in der Querachse liegenden Seiten mit je drei Diensten für je einen Gurt und zwei Rippen ausgerüstet gewesen wären; die beiden in der Längsachse liegenden Seiten würden den Scheidbögen entsprochen haben. So aber -- bei einem achteckigen Pfeiler mit vier Diensten an den vier Hauptseiten -- mußten die seitlich einmündenden drei Rippen, einschließlich eines Gurtes, enger zusammengefaßt werden und sich auf einen einzigen Dienst beschränken, während die übrigen zwei Dienste mit den anschließenden Teilen des Pfeilers in die gänzlich anders profilierten Scheidbögen übergehen. Aber auch die Rippenprofile sind wesentlich verschieden von der runden Form der Dienste, so daß das Gesamtbild des Gewölbanfängers keineswegs mit der Form des Pfeilers übereinstimmt. Gleichwohl wird dadurch, daß sich die einzelnen Rippen und Bögen nur allmählich im Pfeiler verlieren, im Beschauer die Meinung erweckt, als wenn sich der Übergang vom Pfeiler zum Gewölbe in weitem, unmerklichem Fluß vollziehen würde.

Das in Anwendung gebrachte Gewölbesystem ist das einfache Kreuzgewölbe über quadratischem Grundriß. Der Gewölbescheitel liegt nahezu horizontal, auch in den beiden äußeren Gewölbevierteln der ersten Seitenschiffsjoche, welche wegen des vorhandenen romanischen Mitteldienstes geteilt wurden. Es steht demnach auch die Wandfläche als solche nur unter senkrechter Belastung. Rippen, Gurte, Schildbögen sind unter sich gleich stark und in gleicher Weise profiliert, die Schlußsteine sind kreisrund und führen die Profilierung der Rippen fort. Das Profil der Scheidbögen zeigt zwischen zwei tief einschneidenden Hohlkehlen einen polygonalen Vorsprung.

Bei der Einwölbung der rechteckigen und dreieckigen Felder des Chorumgangs hatten sich Besonderheiten nicht ergeben. Ebensowenig bei der Einwölbung des Binnenchorabschlusses, indem zu den drei gleich großen Achteckseiten die beiden anstoßenden etwas größeren Pfeilerabstände hereingenommen wurden, so daß die Lösung der Wölbungsfrage in der einfachsten Weise geschehen konnte.

Das Material des Kappengemäuers ist Bruchstein in Mörtelbettung.

Dieselbe Einfachheit, mit der Grundriß und Aufriß, beziehungsweise Querschnitt durchgebildet sind, zeigt sich auch bei der Gliederung der Innenwand (Abb. 24). Die bereits gegebene Teilung wurde ohne eigentliche Zutat belassen. Die senkrechte Teilung in einzelne Wandflächen besorgen die Wandpfeiler, oder, besser gesagt, die Fortsetzungen der Wölbungsgurte, welche aber nicht besonders auffällig aus der Wand heraustreten, denn sie haben nicht nur die Profilierung der Rippen, sondern auch deren Stärke behalten. Etwa 4 m über dem Boden beginnen die Fensteröffnungen und ziehen sich hoch hinauf bis an das Gewölbe. Diese starke Betonung des Vertikalen wird nur unterbrochen durch ein in der Nähe und in Verbindung mit den Fensterbänken horizontal um den Chor herumlaufendes Gesims, das jedoch an den Mauerdiensten absetzt. Als einziger Schmuck wurden zu beiden Seiten der Fenster für noch zu stiftende Statuen Konsolen und reich gestaltete Baldachine angebracht (Abb. 25).

In der Profilierung der Fensterleibungen wechseln mehrere Hohlkehlen, Rundstäbe und Stege miteinander ab. Charakteristisch ist außer der Betonung einer größeren Hohlkehle die Anfügung des Rundstabes, der mit einem Doppelpolster auf einem kanellierten stabförmigen Sockel aufsitzt.

Die Anwendung der Polychromie war nur spärlich. Trotzdem war der Eindruck des Innenraumes auf den Beschauer ein malerischer. Die Kirche war von Anfang an getüncht, so daß die scharfe Wirkung, welche die nackte Steinarchitektur ausgeübt hätte, wesentlich gemildert erschien. Ungemein wohltuend wirkten dann die einzelnen bemalten Stellen, gleichsam Farbflecke im Gesamtbilde der Architektur. Die Leibungen der Fenster waren mit roter Steinfarbe gestrichen, mit einfachem Strichmuster waren die Gewölbrippen belebt, bunte Fassung mit reichlicher Verwendung von Gold zeigten nur die Schlußsteine. Die farbige Ausschmückung der Chorwände unterhalb der Fensterbank und auch der Baldachine war dem Wohltätigkeitssinn der Patrizier und anderer reicher Familien überlassen, ebenso wie die Ausfüllung der großen Fensterflächen mit Glasmalereien.

Der Eindruck des Innenraumes an und für sich, des Raumbildes selbst, ist ein überaus günstiger. Schon in der Beleuchtung des Raumes liegt eine Reihe von Vorzügen. Dadurch, daß sämtliche Schiffe gleiche Höhe haben, verteilt sich das Licht gleichmäßig auf den ganzen Raum, es entsteht nirgends eine finstere Ecke. Gesteigert wird diese Wirkung noch durch den Umstand, daß fast sämtliche Fenster mit Glasmalereien bis zur halben Höhe ausgestattet sind, beziehungsweise bei der 1379 erfolgten Einweihung ausgestattet waren, so daß die Beleuchtung den Gewölben zu verstärkt, nach unten gedämpft wird und daß andererseits die tief herabgezogenen Seitenfenster weniger stören.

Der Charakter des Hallenbaues kommt voll und ganz zum Ausdruck. Die Verzichtleistung auf ein Querschiff und somit auf die Kreuzform überhaupt, der in die Breite gehende Aufbau bei verhältnismäßig kurzer Längenausdehnung des Ganzen haben zur Erreichung des Hallenprinzips den größten Teil beigetragen. Die breite Anlage, der kühne Aufbau kommt erst recht zur Geltung, wenn man von dem romanischen Langhaus in den neuen Chor übertritt. Ein gewisses beengendes Gefühl, das einen in den fest geschlossenen Schiffen -- die gotischen Seitenschiffe nicht ausgenommen -- überkommt, schwindet mit einemmal, man atmet auf und glaubt in freier Luft zu sein.

Welch gewaltiger Unterschied liegt da zwischen dem Bauwerk der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und dem der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts! Ruhen dort die Vorzüge in der Darstellung und in der bis zu einem gewissen Grade konsequenten Durchführung des =Organischen=, so breitet hier die =Raumkunst= ihre gesamten Vorteile in mächtiger Entfaltung aus. So verhältnismäßig kurz der dazwischenliegende Zeitraum auch ist, aus dem älteren Bau kann der Neubau nicht erklärt werden; man glaubt vor einem Rätsel zu stehen. Denn der im Anfange des 14. Jahrhunderts erfolgte Umbau der Seitenschiffe des romanischen Langhauses gibt, obwohl er mit ein Glied in der Entwicklungskette bildet, keinen Aufschluß und kann auch keinen geben, da das basilikale System beibehalten worden ist und daher die Seitenschiffe wegen ihrer untergeordneten Bedeutung nicht in Frage kommen können.

Das Innere des Ostchores zeichnet sich aber auch noch durch besondere Vornehmheit in der Gesamtwirkung aus, ganz im Gegensatz zu der Nüchternheit der spätgotischen Hallenkirchen. Es ist dies vor allem einem überaus fein gestimmten Proportionsgefühl des Erbauers zuzuschreiben. Zudem zeigte sich derselbe auch frei von dem Streben nach der in der Spätzeit so beliebten Kontrastwirkung und hat kleinliche Details streng vermieden. Bei dem Gebrauch des dekorativen Elementes hat er sich eine weise Beschränkung auferlegt.

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Die Struktur des Außenbaues (Taf. VII, VIII, IX) ist analog der Gestaltung der Innenwand an sich wenig reich an Gliederung. Es wechseln die schlanken Strebepfeiler mit den fast ebensolangen Fenstern ab, also in der Hauptsache ebenfalls Betonung des Vertikalen. In Vereinigung mit den Fensterbänken zieht sich ein kräftiges Gesims um den ganzen Chor herum, die Streben mitinbegriffen, und als zweite Horizontallinie kann die auf der Chormauer aufsitzende Galeriebrüstung betrachtet werden. So einfach, ja man möchte sagen, so primitiv die Gliederung des durch die Hallenanlage bedingten Außenbaues ist, schwerfällig kann derselbe keineswegs genannt werden. Denn mit der Wahl von sieben Seiten des Sechzehnecks für den Chorabschluß wurde eine enge Aneinanderreihung der Streben erzielt, so daß die verhältnismäßig schmalen Fenster nahezu die ganze Zwischenwand einnehmen und somit das Mauerwerk wesentlich auf den konstruktiven Bedarf reduziert wird. Und auch Eintönigkeit und Einförmigkeit, die eine natürliche Folge im Außenbau einer solchen Anlage hätten sein müssen, sind durch Gliederung im einzelnen und durch reichen Aufwand an Dekoration gänzlich vermieden worden.

Eine Gliederung des Mauerwerks unterhalb des in Fensterhöhe sich herumziehenden Gesimses ist unterlassen worden; nur ein schlichter Sockel, wie am übrigen Bau wellenförmig mit der Mauer verbunden, ist zu erwähnen. Erst von dem Hauptgesims ab beginnt die Architektur lebendig zu werden. Die sich verjüngenden Strebepfeiler sind in drei Stockwerke abgeteilt, wobei die markierenden feinen Gesimse auch auf die zwischen Pfeiler und Fenster als Rest verbliebenen Wandstreifen übergreifen. Die einzelnen Absätze nun sind mit einer Fülle von Blendwerk, jedoch in klarer Disposition, ausgestattet. Die Blendnischen der unteren Stockwerke enthalten zur Aufnahme von Statuen Baldachine (Abb. 27 und a, b) und Konsolen, welch letztere, bald auf Säulen ruhend, bald nur in die Wand eingelassen, ornamentalen und figürlichen Schmuck zeigen; neben den Fenstern sind, entsprechend dem Pfeiler, zu demselben Zweck Postamente, auf dem Hauptgesims stehend, und hohe, bis an das nächste Pfeilerstockwerk hinaufragende Baldachine angebracht. Das Blendwerk des zweiten Stockwerkes setzt sich auch auf die Wand bis an die Fenster hin fort; dagegen fehlen hier Konsolen und Baldachine. Vorne ist dieses Stockwerk dreieckig gestaltet, die Nischen der beiden Dreiecksseiten enthalten wiederum kleine Postamente und Baldachine; über dem Dreieck erhebt sich eine mit Krabben und Kreuzblume geschmückte Fiale bis über die Hälfte des nächsten Stockwerkes, dessen Blendwerkgliederung infolge des geringeren Umfanges wesentlich vereinfacht ist.

Die Profilierung der Fensterleibungen ist ähnlich der an der Innenwand und wird hauptsächlich durch eine größere Hohlkehle bestimmt. Das Maßwerk der Fenster hat noch keine komplizierten Formen und erinnert meist an die Zeit der Hochgotik. Die vier Teile, in welche die Fenster durch einen stärkeren Mittel- und zwei schwächere Seitenpfosten geteilt sind, schließen einzeln mit Spitzbögen ab, welche wiederum paarweise zusammengefaßt sind, und die Füllung in diesen beiden Spitzbögen bilden gewöhnlich Dreipässe. Nur in den Fenstern des ehemals romanischen Querhauses, die durch Verlängerung der dort schon bestandenen gotischen Fenster entstanden sind, ist die Bildung der Maßwerkfüllung eine freiere, weniger zum Gesamtorganismus passende, es tritt sogar die Fischblase auf.

Über den Fenstern ragen Wimperge, in Kreuzblumen endigend und mit Laubbossen auf den Kanten, empor; sie sitzen seitlich auf hohen, bis zur Fensterbank hinabreichenden Rundstäben auf und überschneiden oben die zinnenbekrönte, an ihrem Fuß mit Ranken und Blattwerkfries geschmückte Galerie. Ein weiteres, die Gesamtarchitektur belebendes Moment sind die mit Blendwerk, Krabben und Kreuzblumen ausgestatteten Fialen auf den Strebepfeilern.

So ist es gelungen, durch Gliederung im einzelnen wie durch reiche, aber immer maßvolle Entfaltung ornamentalen Schmuckes den Mangel an Gliederung des Ganzen zu ersetzen. Und außerdem ist mit dem von der Chorgalerie, den Fensterwimpergen und Fialen gebildeten prächtigen Kranz für den Beschauer ein gut Teil des gewaltigen Daches verdeckt.

Die Westwand des romanischen Querhauses, welche schon wegen der höheren Einwölbung des neuen Ostchores erhöht werden mußte, ist bis über den First des romanischen Mittelschiffes weitergeführt, jedoch nicht bis zum First des Chordaches, sondern, vielleicht um weniger Widerstand gegen Wind und Wetter zu bieten, vielleicht auch nur aus Sparsamkeitsrücksichten, abgewalmt.[35]

Der Eindruck des Außenbaues auf den Beschauer ist ein mächtiger, um so mehr, als man beim Anblick unwillkürlich zum Vergleich mit den älteren, in kleineren Verhältnissen errichteten Bauteilen der Kirche gezwungen wird. Nur liegt hier die Sache anders als beim Innenbau. Dort wird der Hauptunterschied mehr in der Breitendimension gefunden, hier mehr in der Höhendimension.

Ist auch das Mauerwerk des neuen Ostchors nicht bedeutend höher als die romanische Hochwand, so übt doch das Dach mit seiner mächtigen Ausdehnung eine geradezu erdrückende Wirkung auf den übrigen Bau aus, und zwar deswegen, weil die drei Schiffe mit einem einzigen Sattel überzogen sind. Angenommen, es wäre möglich gewesen, jedem einzelnen der Chorschiffe, wie es z. B. bei verschiedenen Bauten in Hessen öfters der Fall ist, eine besondere Bedachung aufzusetzen, so würden diese einzelnen Dächer ebenso wie das Mauerwerk das romanische Mittelschiff nur wenig überragt haben. So aber ist der neue Ostchor mitbestimmend für das Stadtbild geworden, was hundert Jahre später auch bei der Kirche St. Lorenz der Fall war. In der Silhouette der Stadt, welche mit der Burg und den beiden Turmpaaren von St. Sebald und St. Lorenz im wesentlichen gegeben ist, ragen auch die beiden Chorbauten empor; von Westen gesehen, blicken sie durch die Türme durch, von Süden gesehen gewähren sie den Anschein, als wäre jede Verbindung zwischen ihnen und ihren Türmen aufgehoben.

Ein Vergleich des Neubaues mit dem alten Bau drängt sich aber noch bezüglich der Wirkung der Architektur selbst auf. Der Unterschied zwischen dem Ostchor und der romanischen Hochwand ist im Außenbau noch überraschender als im Innenbau. Denn hier fehlt beim romanischen Bau jegliche Struktur. Aus der glatten Wand mit den fünf rundbogigen Fenstern ist ein Rückschluß auf die Art der Innenkonstruktion, beziehungsweise der Einwölbung unmöglich. Doch tritt für den Beschauer der romanische Teil des Baues zu sehr in den Hintergrund zurück, als daß er unbedingt zu einem Vergleich mit dem Chor herausfordern würde. Anders verhält es sich mit den Seitenschiffen. Im Innern werden dieselben trotz ihrer erheblichen Breite kaum beachtet. Ihr Außenbau jedoch führt eine beredte Sprache. Seit 1309 begonnen, zeigen sie in der Gliederung der Architektur wie in der Dekoration den Geist der Hochgotik, voll Feinheit und Geschmack. Und der Stilcharakter im Außenbau des Ostchores scheint bei der über ein halbes Jahrhundert betragenden Zeitdifferenz nicht weit verschieden zu sein: dasselbe Prinzip der Gliederung und Dekoration hier wie dort, bestehend in Galeriebrüstung und überschneidenden Fensterwimpergen und Pfeilerfialen.

=Stilkritische Würdigung.= Wir fragen uns nun, welche Stelle nimmt der Ostchor von St. Sebald in der Bau- und Kunstgeschichte seiner Zeit ein, in welchen Beziehungen steht dieser Bau zu anderen Hallenbauten und aus welchen Quellen hat sein Meister geschöpft?

Die Hallenkirche nimmt in der Baugeschichte der Spätgotik einen breiten Raum ein. Es hatte sich diese Bauart aus dem Grunde fast überall Eingang verschafft, weil sie dem Zeitgeist am besten entsprach und weil die in ihrem Wesen begründet liegende Einfachheit im Raum sowohl wie in der Konstruktion und die daraus sich ergebende größere Sparsamkeit der Bauausführung ihr den Vorzug vor dem basilikalen Bausystem gaben. Am meisten wurde die neue Bauart in der deutschen Spätgotik in zwei ganz verschiedenen Gegenden kultiviert: in Hessen und in Westfalen einerseits, in Schwaben und in den bayerischen Ländern andererseits. Dabei hatten sich bald verschiedene Typen gebildet oder es wurden frühere Typen wieder aufgegriffen und so entstanden Hallenkirchen mit glattem Schluß der Schiffe, solche mit polygon geschlossenem, vorgeschobenem Chor und solche mit Chorumgang. Der letztere Typus hatte sich vornehmlich im nordöstlichen Schwaben, in Bayern und Österreich eingebürgert, und so scheint auch unser Ostchor von St. Sebald mit in die Gruppe zu gehören.

Der erste Bau dieser langen Reihe von unter sich mehr oder weniger verwandten Hallenkirchen war die Heiligkreuzkirche zu Schwäbisch-Gmünd, erbaut von dem aus Köln gebürtigen Meister Heinrich Parler.[36] Die Bauzeit dieser Kirche umfaßt nahezu ein Jahrhundert: in den zwanziger Jahren des 14. Jahrhunderts wurde an Stelle einer romanischen Kirche mit dem Bau des Langhauses begonnen, 1351 wurde der Neubau des Chores in Angriff genommen und erst 1414 fand die Einweihung des ganzen Bauwerkes statt. Aus den letzten Jahren dieser Bauzeit wird die Einwölbung dieses Langhauses stammen. Das Gewölbe des Chores gehört erst dem Ausgang des 15. Jahrhunderts an.

In der Anlage nun ist die Heiligkreuzkirche in Gmünd eine dreischiffige Hallenkirche mit Chorumgang und Kapellenkranz. Die Seitenschiffe sind bedeutend schmäler als das Mittelschiff, im Chor noch mehr als im Langhaus; die Gewölbfelder im Mittelschiff sind rechteckig, die in den Seitenschiffen haben fast quadratische Form. Der Abschluß des Binnenchors ist aus drei Seiten gebildet, welchen im Chorumgang sieben Seiten entsprechen, so daß in der Mittelachse ein Chorfenster liegt. Die Strebepfeiler des Chores sind in ihrer unteren Hälfte zur Bildung von Kapellen eingezogen, welche geradlinig geschlossen sind. Von der ursprünglich geplanten Wölbung kann nicht viel gesagt werden, doch soviel scheint sicher, daß die Scheitelhöhe der Gewölbe auch damals schon in den drei Schiffen einander gleich gedacht war; daraus hätte sich dann, ebenso wie es jetzt der Fall ist, für das Mittelschiff eine gedrücktere, für die Seitenschiffe eine schlankere Form der Gewölbe und eine ungleiche Verteilung der Drucklinien ergeben. Die Gewölbe ruhen auf Säulen.

Der Bau des Ostchors von St. Sebald, in der Bauzeit mit der Gmünder Kirche teilweise sogar zusammenfallend, scheint unter dem Einflusse derselben zu stehen.

Das Prinzip der Hallenkirche ist beim Ostchor von St. Sebald viel reiner zur Erscheinung gekommen als bei der Heiligkreuzkirche zu Schwäbisch-Gmünd. Die langgestreckte Ausdehnung hier konnte bei St. Sebald leicht vermieden werden, da es sich in Wirklichkeit nur um einen Chor und nicht um eine ganze Kirche handelte, und auch das gleiche Maß der Schiffsbreiten, wenn auch nicht bei jedem Joch genau eingehalten, war mit dem Anschluß an die drei Quadrate des romanischen Querschiffes gegeben. Und infolge der gleichen Höhe der drei Schiffe wird der Schub der mittleren Gewölbe aufgehoben, die inneren Pfeiler sind nur senkrecht belastet und den Strebepfeilern außen obliegt lediglich die Aufgabe des Widerstandes gegen den Gewölbeschub der äußeren Schiffe. Es hat somit eine in jeder Weise gleichmäßige Gestaltung des Baues bewirkt werden können, und so sieht der Beschauer im Innern des Chores nach jeder Richtung hin das gleiche System, wohl das Endziel des Hallenbaues, was bei der Heiligkreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd bei weitem nicht der Fall ist.

Nun liegt allerdings zwischen der 1326 mit dem Schiffe und 1351 mit dem Chor begonnenen Heiligkreuzkirche zu Gmünd und dem 1361 begonnenen Ostchor von St. Sebald der Bau der Nürnberger Liebfrauenkirche. Man fragt sich unwillkürlich, ob nicht diese Kirche das Bindeglied zwischen den beiden verwandten Bauten darstellte, d. h. ob denn ohne den Vorgang der Liebfrauenkirche die Fortschritte am Bau von St. Sebald wohl denkbar gewesen wären.

Innerhalb der schwäbisch-bayerischen Gruppe, und nur diese kommt hier in Betracht, ist die Liebfrauenkirche der erste Hallenbau mit gleich weiten Jochen, in die Länge wie in die Breite gemessen: der Grundriß besteht aus neun großen Quadraten. Abgesehen von diesem besonderen Punkte besteht im übrigen eine engere Verwandtschaft dieser Kirche mit der Heiligkreuzkirche in Gmünd. Es sei hier nur an die gleiche Bildung der Gewölbestützen in Form zylindrischer Schäfte oder runder Säulen mit Blattwerkkranz als Kapitäl und vor allem an die Gestaltung der Fassade erinnert. Die Verschiedenheit im Verhältnis des Mittelschiffes zu den Seitenschiffen hat aber aller Wahrscheinlichkeit nach darin ihren Grund, daß in Schwäbisch-Gmünd zum Teil der Grundriß der abgebrochenen romanischen Kirche, vielleicht auch deren Grundmauern mit in den Neubau aufgenommen wurden, und daß dem Baumeister die Anlage mit schmäleren Seitenschiffen gar nicht unwillkommen war wegen der einfachen Lösung der Frage der Umführung derselben um den Binnenchor, während an der Nürnberger Frauenkirche, als an einer Hallenkirche mit vorgeschobenem Chor, ohne Schwierigkeit das Prinzip des gleichen Maßes bei Mittel- und Seitenschiff zur Durchführung gelangen konnte.

Und dennoch wird man zugeben müssen, daß in der Entwicklung von der Heiligkreuzkirche in Gmünd zur Sebaldkirche in Nürnberg die Frauenkirche ein Zwischenglied =nicht= bildet. Denn der einzige übereinstimmende Punkt bei den zwei Nürnberger Kirchen ist eben das bei Seitenschiffen und Mittelschiff gleiche Maßverhältnis.

Wie oben bereits angedeutet, hängt beim Ostchor von St. Sebald die Teilung in drei gleiche Schiffe mit dem Anschluß an das vorhandene, in den Neubau übernommene romanische Querschiff zusammen. Von dem romanischen Querschiff wurde beim Neubau verwertet die ganze Westwand und die beiden Schmalwände. Auf das relativ hohe Gewölbe verzichtete man, da das neue Gewölbe im ganzen Chor durchweg noch um 1·5 m höher gelegt werden sollte. Dagegen ließ man die Mitteldienste an den Seitenwänden bestehen und, um sie nicht ohne Bestimmungszweck zu lassen, teilte man wie beim romanischen Bau die beiden äußeren Gewölbeviertel wiederum in je zwei Achtel.

Daß die östlichen Vierungspfeiler neuen Pfeilern weichen mußten, erscheint selbstverständlich. Jedoch steht, wenn auch bei Errichtung der neuen Pfeiler das Fundament der alten Pfeiler mitbenutzt wurde, die Achse des nördlichen Pfeilers außerhalb der Achse des alten.

Bei näherer Betrachtung des Grundrisses findet man zunächst, daß sich der ganze Chor von Westen nach Osten fortschreitend verbreitert, sowie ferner, daß seine Achse um einige Grade nach Norden verschoben ist.