Die Sebalduskirche in Nürnberg
Part 4
Daneben machte sich aber eine Bewegung geltend, deren Einfluß nicht geringer als jener geschätzt werden darf. Es ist die Bewegung, welche durch die Bauschulen des Benediktiner- und des Zisterzienser-Ordens hervorgerufen wurde.[12] Ja, der Einfluß derselben ist in gewisser Hinsicht von weit höherer Bedeutung für die Kunstgeschichte als der der Dombauschulen; denn dieser war selten über ein eng begrenztes Gebiet, meist nicht über die Grenzen der Diözese hinausgegangen, der Einfluß jener Ordensbauschulen war aber nie lokal beschränkt, er erstreckte sich weithin nach allen Richtungen in die verschiedensten Länder, er darf mitunter geradezu als international betrachtet werden. Und waren es dort die Kirchen und Dome, welche von ihrer Zentral- oder Metropolitankirche Neuerungen empfingen und mit größerer oder geringerer Modulation in sich aufnahmen, so waren es hier die Kirchen des Landes, gewöhnlich die Klosterkirchen, denen -- natürlich ebenfalls in lokaler Anpassung -- das charakteristische Gepräge der entsprechenden Ordensbauschule aufgedrückt wurde.
Im 11. Jahrhundert hatte unter den Ordensbauschulen der Benediktinerorden die der Kluniazenser die Oberhand, im 12. Jahrhundert wurden dieselben von den Hirsauern abgelöst, und im letzten Drittel des 12. und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts hatte der Orden der Zisterzienser, neben dem sich auch die Prämonstratenser geltend machten, die weiteste Verbreitung.
Zwischen Würzburg und Bamberg, näher bei letzterer Stadt, liegt mitten in den stattlichen Nadel- und Laubwaldungen des Steigerwaldes im Quellgebiet der mittleren Ebrach das nach diesem Bache benannte Zisterzienserkloster. Es liegt -- was die Zisterzienser bei neuen Klostergründungen stets im Auge behielten -- in sich abgeschlossen, abseits von allen Verkehrswegen, gleichweit vom Main, von der Rednitz und von der Heerstraße Nürnberg-Würzburg entfernt.
Das Kloster wurde im Jahre 1126 gegründet.[13] Der Besitz hatte bald bedeutenden Umfang gewonnen teils durch Schenkungen, teils durch Ankauf von Gütern, teils durch den Fleiß der Mönche in der Kultivierung der umliegenden Waldungen. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts mußte bereits der Frage einer Erweiterung der Ökonomiegebäude wie der Kirche näher getreten werden. Was die Kirche anlangt, so entschloß man sich zu einem vollständigen Neubau, und zwar zu einem Bau von beträchtlichen Dimensionen, der an und für sich schon einen Rückschluß auf die damalige zahlreiche Besetzung und den Reichtum des Klosters zuläßt.
Bald nach 1200 wurde der Bau begonnen, eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit dem nach Schema Cisteaux II gebildeten Chorabschluß, nämlich einer einfachen geradlinigen Kapellenreihe an der Ostseite des Querschiffes und einer doppelten um den ebenfalls geradlinig abschließenden Chor. Die Wölbung besteht aus Kreuzrippengewölben in dem System des durchlaufenden Joches. Im 18. Jahrhundert wurde das Innere der Kirche im Stile der Zeit derartig umgestaltet, daß die romanischen Details nicht mehr zu erkennen, ja größtenteils überhaupt nicht mehr sichtbar sind. Doch steht fest, daß eine Triforiengalerie nicht vorhanden war. Die Hauptbauperiode fällt in das erste Drittel des 13. Jahrhunderts; die Vollendungsarbeiten zogen sich in die Länge, erst 1285 fand die Einweihung der Kirche statt.
Dagegen hat sich eine an die Nordseite des Querschiffes der Kirche angebaute Kapelle, die Michelskapelle, bis auf den heutigen Tag unverändert erhalten. Sie wurde ebenfalls zu Beginn des 13. Jahrhunderts in Angriff genommen, 1207 schon fand die Einweihung der Kapelle und dreier Altäre statt. Dieser Epoche gehört der größere Teil der Kapelle an, nämlich der mit sieben Stufen über das Niveau der übrigen Kapelle erhöhte Chor einschließlich Querschiff mit vier Wölbungsquadraten und das anstoßende Quadrat der unteren Kapelle. Die beiden westlichen Rechtecke mit den sechsteiligen Gewölben wurden erst im folgenden Jahrzehnt angefügt. Hier in dieser Kapelle haben Architekturglieder und Ornamente die reichste Verwendung gefunden, hier finden sich wieder Kleeblattblendbögen und Hornkonsolen, welche in der allgemeinen Form sowohl wie in der Detailbearbeitung stark an den Dom zu Bamberg und an St. Sebald in Nürnberg erinnern. Und wenn wir uns vergegenwärtigen, wie damals die Zisterzienser mit ihren Mönchen und Laienbrüdern sich häufig auch an anderen Kirchenbauten, welche im Auftrage von Pfarrgemeinden oder weltlichen Geistlichen errichtet wurden, rege beteiligten, so liegt die Vermutung sehr nahe, daß zwischen dem Bau der Klosterkirche in Ebrach und den zeitlich mit ihm übereinstimmenden Bauten in Bamberg und Nürnberg enge Beziehungen bestanden haben.
Die Vermutung wird in erster Linie durch den Umstand bestätigt, daß sämtliche Steinmetzzeichen am alten Bau von St. Sebald nicht nur am Dom zu Bamberg, sondern auch mit noch etlichen Zeichen dieses Baues wieder an der Klosterkirche in Ebrach angetroffen werden. Es steht somit fest, daß eine Anzahl ein und derselben Steinmetzen an allen drei Kirchen tätig waren. War diese wandernde Kolonie an dem einen Bau fertig, so zog sie zum anderen Bau, um dort ihre Tätigkeit von neuem aufzunehmen.
Der Anzahl der Zeichen nach zu schließen waren von den Steinmetzen, die am Bau der Klosterkirche Ebrach arbeiteten, mehr am Dom zu Bamberg tätig als an der Kirche St. Sebald. Trotzdem war den Ebrachern an der Nürnberger Pfarrkirche ein größeres Arbeitsfeld eingeräumt als dort. Was am Bamberger Dom direkt auf Ebracher Einfluß zurückgeht, ist der Westchor bis zum Dachgesims, beziehungsweise bis zu den Gewölbeanfängen im Innern und das Nordportal des Querhauses mit den Kleeblattblendbögen; ferner die Schranken des Westchores.[14] Der Dom war eben in seinen Hauptteilen: Ostchor mit Türmen, Langhaus und Querschiff, bereits vollendet oder wenigstens der Vollendung nahe, als man in Ebrach die Neubauten aufzuführen begann. Beim Weiterbau am Bamberger Dom mußte die einmal gegebene Disposition beibehalten werden, und so hatten sich die Ebracher den Anordnungen der Dombauleitung unterzuordnen. Anders bei St. Sebald. Hier konnte sich die Tätigkeit der Ebracher viel einflußreicher gestalten, weil man überhaupt erst zu bauen anfing, als die Ebracher kamen. Hier konnten also die von den Ebrachern in ihr Bauprogramm aufgenommenen Neuerungen volle Verwertung finden. Und so finden sich bei St. Sebald nicht nur dekorative Glieder, wie kleeblattförmige Blendnischen oder Hornkonsolen vor, welche auf eine nahe Verwandtschaft mit Ebrach hinweisen, sondern auch Konstruktion und System, d. h. fast alles, worin St. Sebald mit Bamberg nicht übereinstimmt, bilden ein Produkt der engen Beziehungen.
Wir sehen nämlich in Ebrach, und zwar zunächst in der Klosterkirche selbst, vor allem das einfache System mit durchlaufendem Joch wieder, die rechteckigen Gewölbefelder im Mittelschiff und infolgedessen im Längsschnitt der Mittelschiffjoche eine bedeutende Höhenentwicklung (Bamberg 2 : 1, Ebrach 3 : 1); ferner eine im Gegensatz zu Bamberg große Entfernung der Gewölbkämpferlinie von den Arkadenbögen, Vorlagen in den Arkadenbögen, von Säulen getragen, nicht vollständige Herabführung der Mittelschiffdienste im Gegensatz zu den Seitenschiffdiensten und schließlich am Außenbau Strebepfeiler. Ebenfalls ist der Rundbogen in den Fenstern, der Spitzbogen in den Arkaden und im Gewölbe vertreten. In der Michelskapelle und zwar in deren jüngerem Teil kehren das sechsteilige Gewölbe, Verringerung der Mauerstärke des Lichtgadens und Aufsitzen des Schildbogens auf kleinen Säulen, außerdem nahverwandte Formen an den Halbsäulenkonsolen und an den Kapitälen wieder.
Die soeben festgestellten Übereinstimmungen zwischen St. Sebald und der Ebracher Klosterkirche sind architektonische Elemente, welche dem Bamberger Dombau völlig fern liegen, und zum weitaus größten Teil konstruktiver Natur, in der Hauptsache: das Strebesystem und das System des einfachen Joches. Wir fragen uns nun: wie kamen bei Ebrach zu Anfang des 13. Jahrhunderts diese wesentlichen Elemente gotischen Stiles in die spätromanische Baukunst Ostfrankens?
Bekanntlich war Frankreich das Kulturland des Mittelalters. Am meisten hatte Deutschland im 13. Jahrhundert den Einfluß Frankreichs im gesamten Bereich der Kultur zu verspüren und nicht zum mindesten in der Baukunst. Mit dem 13. Jahrhundert hatte die Gotik in ihrem Geburtslande Frankreich den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht, und von dieser Zeit an datiert ihre Einführung nach Deutschland, und zwar in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Einführung der entwickelten Gotik, in der ersten Hälfte die Einführung einzelner Elemente dieses Stiles. Und die Einführung einzelner gotischer Elemente wurde von dem weit verbreiteten Orden der Zisterzienser besorgt.
Gewiß fand in Ebrach auch nach Vollendung des 1126 gegründeten Klosters die Baukunst durch die Mönche und Laienbrüder weiterhin Pflege. Erweiterungen der Klosteranlage, welche durch den rasch anwachsenden Reichtum bedingt wurden, und Aufträge in der Umgegend werden genügend Arbeit zugeführt haben. Als jedoch das Kloster zu Beginn des 13. Jahrhunderts beschloß, einen bedeutenden Neubau dem Zeitcharakter entsprechend aufzuführen, da reichten die vorhandenen bau- und kunstverständigen Mitglieder des Ordens nicht aus, man bedurfte eines bedeutenden Zuwachses neuer Kräfte, insbesondere eines entsprechend geschulten Bauleiters. Es blieb daher nichts anderes übrig, als sich an das Mutterkloster zu wenden und sich von dort eine Anzahl von Konversen samt Baumeister, Parlieren und Steinmetzen kommen zu lassen. Nur auf diese Weise erklärt sich das plötzliche Auftauchen französischer Bauweise in Ostfranken, zumal in Ebrach.
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts waren für die Zisterzienser nicht mehr die fünf burgundischen Hauptkirchen die allein ausschlaggebenden Bauten. Dieselben waren im wesentlichen nunmehr Vorbilder in der Anlage. In allen übrigen Punkten kam jetzt die burgundische Schule überhaupt, also nicht nur die der Zisterzienser speziell, als Ausgangspunkt für neuere Bestrebungen in Betracht, und hier nahmen den ersten Platz die beiden im östlichen oder Niederburgund gelegenen Bauten, die gegen 1200 vollendete Kathedrale von Langres und die um 1220 erbaute mächtige Vorhalle von Cluny ein. Von da aus scheinen die beiden Hauptelemente der französischen Frühgotik, das einfache Wölbungssystem und die Verstrebung, bis nach Ostfranken und nach Nürnberg vorgedrungen zu sein. Auffällig ist nur, daß die dort einen Hauptteil der Hochwandgliederung bildende Triforiengalerie und der Strebebogen in Ebrach keinen Eingang fanden, um so mehr, als die Zisterzienser doch stets ein lebhaftes Streben nach Zweckmäßigkeit im Konstruktiven bekundeten. Nach dieser Richtung also kann Ebrach für St. Sebald nur eine vermittelnde Rolle gespielt haben und nicht selbst Vorbild gewesen sein.
Jedoch ist ein anderer Weg der Einführung nicht ausgeschlossen. Die Einwölbung des Bamberger Westchores ist ein Werk französischer Frühgotik aus den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts und hat mit Ebracher Baukunst, als deren Werk oben der übrige Teil des Westchores bezeichnet wurde, nicht das geringste gemein. Im Gegenteil weisen verschiedene Spuren darauf hin, daß die Einwölbung von dem nämlichen Meister geleitet wurde, nach dessen Plänen auch die Westtürme ihre charakteristische Gestalt erhielten. Die beiden Westtürme wurden nach dem Muster der Türme der Kathedrale von Laon gebaut, und diese, das letzte bedeutendste Bauwerk der nordfranzösischen Frühgotik, dessen Vollendung in die Zeit vor 1226 fällt, scheint denselben Anteil an St. Sebald wie die Kathedrale von Langres und die Vorhalle von Cluny zu haben. Ein bestimmtes Ergebnis dürfte natürlich erst durch eine eingehende, die erwähnten Punkte besonders berücksichtigende örtliche Untersuchung jener Bauten zu erzielen sein. Vorerst jedoch hat die Vermutung viel für sich, es gingen die nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Bamberg und Laon zuletzt auch auf eine Vermittlung von Ebrach zurück und liege so für die Einführung französisch-frühgotischer Elemente in St. Sebald eine durch Ebrach bewirkte Verschmelzung von Einflüssen der beiden angrenzenden Gegenden Burgund und Champagne zugrunde. --
Bamberg und Ebrach teilen sich in ihre Ansprüche auf die Gestaltung der Kirche St. Sebald. Konstruktion und System fallen Ebrach, Plananlage und Außenbau Bamberg, Ornamentik und Dekoration beiden zu. Man sollte glauben, daß die Wage sich dorthin, von wo Konstruktion und System entlehnt wurden, neigen müsse. Keineswegs. Der Baumeister von St. Sebald hat nie vergessen, daß er eine Pfarrkirche und nicht eine Klosterkirche zu bauen hatte. Das Programm der Zisterzienser lautete auf Verzicht von Krypten, St. Sebald birgt deren zwei, und eine reiche Verwendung plastisch-dekorativer Details wird noch durch die ebenfalls von den Zisterziensern verschmähte Polychromie besonders hervorgehoben. Durch die Kreuzung zweier so grundverschiedener Einflüsse wie die von Bamberg und Ebrach zählt St. Sebald nicht zu den gewöhnlichen Durchschnittsbauten des deutschen Übergangsstiles, sondern nimmt eine besondere Stellung ein. Freilich mußte darunter der einheitliche Charakter des Baues leiden. Einheitlich ist das Innere, einheitlich scheint auch der Außenbau, wenn wir von den Strebebögen absehen, gewesen zu sein; aber nach Ansicht des Außenbaues vermutet man beim Eintritt in das Innere nie und nimmer französische Frühgotik. Außenbau und Innenbau decken sich nicht. Und eben weil der Baumeister eine organische Verschmelzung beider nicht oder vielmehr noch nicht erreicht hat, muß der Bau den spätromanischen Bauten und darf nicht den frühgotischen Bauten eingereiht werden. Es hat sich in Deutschland nirgends aus der Vereinigung des spätromanischen Stiles mit französischen frühgotischen Elementen eine eigene Gotik herausgebildet. Die Gotik mußte als fertiges Ganzes von Frankreich herüber gebracht werden; erst dann konnte man in Deutschland gotisch bauen.
II.
Die gotische Bauperiode.
1. Die Erweiterung der Seitenschiffe und die Umbauten am Querschiff und Westchor. 1309-1361.
Am 14. Februar des Jahres 1309 erschien Friedrich Holzschuher, Gotteshauspfleger von St. Sebald, vor dem Schultheißen Siegfried von Kammerstein und den Schöffen der Stadt, um im Auftrage des Rats den Verkauf eines zum Kirchenvermögen der Sebaldkirche gehörigen Hauses »vor der badstuben bi dem fleischpenken« an Herdegen Holzschuher und dessen Erben verbriefen zu lassen. In der vom Gericht ausgefertigten Kaufsurkunde ist der Zweck der Veräußerung jenes Hauses bei den Fleischbänken ausdrücklich angegeben: »sw[.a] daz wer durch des neuen poues wegen an sante Sebol[t]s kirchen, daz man den dest baz m[.o]cht volbringen an den apseiten«.[IV]
[IV] Siehe Beilage 18.
In der Literatur ist gewöhnlich als Grund für diese Bauveränderung der schlechte Zustand der Seitenschiffe bezeichnet, ja es wird sogar eine gefahrdrohende Baufälligkeit als unmittelbarer Anlaß vermutet.[15] Es ist nicht ersichtlich, wie vom ganzen romanischen Bau gerade die Seitenschiffe hätten schadhaft werden sollen, während alles übrige völlig intakt geblieben wäre.
Noch immer war damals die Sebaldkirche wie zur Zeit ihrer Gründung die einzige Pfarrkirche von Nürnberg. Denn soweit auch der für den südlichen Sprengel der Stadt bestimmte, im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts begonnene Bau von St. Lorenz gediehen sein mochte, er scheint zu Beginn des 14. Jahrhunderts noch nicht dem Gottesdienst übergeben worden zu sein. Zudem hatte sich Nürnberg im 13. Jahrhundert gewaltig entwickelt. Schon vor Mitte desselben wurde mit der zweiten Ummauerung begonnen, welche nicht nur das bisherige befestigte Gebiet zwischen Burg und Pegnitz westlich und östlich vergrößerte, sondern auch einen beträchtlichen südlich der Pegnitz gelegenen Teil mit in das Stadtbild hereinnahm. Die Mauerzüge sind heute noch deutlich zu erkennen, der Weiße Turm und der Laufer Schlagturm sind Überreste dieser Befestigung.[16] Der Rückschluß auf den Zuwachs der Bevölkerung und Pfarrgemeinde läßt die Notwendigkeit einer Erweiterung der Pfarrkirche deutlich erkennen.
Der Wortlaut der Urkunde steht dieser Annahme nicht entgegen. Denn von dem Zweck des Umbaues ist gar nicht die Rede. Es heißt schlechthin: wegen des neuen Baues bei St. Sebald ist der Hausverkauf notwendig geworden. Die Vermutung liegt nahe, daß der Bau, als der Verkauf jenes Anwesens durchgeführt wurde, schon seit einiger Zeit im Gange war und daß die nun gewonnenen Geldmittel zu einer reicheren Ausstattung des Baues verwendet werden sollten: daß man ihn desto besser möchte vollbringen.
=Anlage.= Die um 1309 durchgeführte Erweiterung der Seitenschiffe (Abb. 19) besteht vor allem darin, daß die Mauer derselben bis auf die Breite des Querschiffes hinausgeschoben worden ist. Der Raumgewinn ist ein ganz bedeutender, denn die Bodenfläche der jetzigen Seitenschiffe beträgt fast das Doppelte der alten. In vertikaler Richtung hat man ebenfalls an Raum gewonnen, denn durch die größere Breite ist naturgemäß ein höheres Gewölbe bedingt worden.[17] Eine besondere Schwierigkeit hat sich dem Neubau nicht in den Weg gestellt. Zu erwägen war nur, was mit den beiden Paaren von Strebebögen, welche die mittlere Gewölbepartie des Langhauses stützten, anzufangen sei. Man hatte bei der kräftigen Konstruktion des romanischen Mauerwerkes wahrscheinlich bald die Entbehrlichkeit dieser Bögen erkannt und sie ohne jeglichen Ersatz beseitigt. Bedenken machte ferner die Lösung der Dachfrage. Die Erhöhung des Gewölbes brachte auch eine Erhöhung des Daches mit sich, wollte man für den Dachstuhl die für den Wasserablauf günstige und zur damaligen Zeit beliebte steile Form wählen. Allein man fürchtete eine Einbuße an Licht, weil die Fenster der Hochwand in ihrem unteren Drittel hätten zugedeckt werden müssen, und entschied sich beim nördlichen Seitenschiff für Kapellen- oder Giebeldächer, von welchen jedes einem Gewölbe entsprach. Um eine Benützung der romanischen Triforien während des Gottesdienstes auch weiterhin zu ermöglichen, wurden Treppenläufe innerhalb der Gewölbetrichter angelegt. Der First der Kapellendächer lief wagerecht, berührte also die Hochwandfenster nur an ihrer Sohle, und zwischen den Dächern lagen schräg nach außen dreieckförmige Dachzwickel, deren Rinnen neben den neuen Strebepfeilern in Wasserspeier endeten. Beim südlichen Seitenschiff sind die Kapellendächer nicht nachzuweisen. Hier scheint ein Pultdach, welches in die Mittelschiffenster einschnitt, vorhanden gewesen zu sein.
=Gewölbe.= Das vierteilige Kreuzgewölbe ist auch bei dem Neubau beibehalten worden, ebenso die Höhe der äußeren Kämpferlinie. Es ist ein Rippengewölbe ohne Stelzung und mit wagerechtem Scheitel. Die Stärke der Gurte unterscheidet sich nicht von der Stärke der Rippen; selbst in der Profilierung ist nur ein kleiner Unterschied bemerkbar: während dort auf Sockel und Hohlkehle eine ebenfalls gekehlte Rippe aufgesetzt ist, folgt hier ein herzförmiger Stab. Die Schlußsteine zeigen überaus reichen und anziehenden, teils figuralen, teils ornamentalen plastischen Schmuck. Die Wandpfeiler sind rund, gleichsam als Halbsäulen gedacht. Die Kapitäle gliedern sich in zwei Hälften: die untere hat zwei Kränze übereinander, die obere zwischen zwei polygonen Plinten einen Laubkranz.
=Fassade.= Durch die zur Stütze der Gewölbe erforderlichen Strebepfeiler ist die Fassade der Seitenschiffe von selbst gegliedert. Vier Jochwände sind mit Fenstern durchbrochen, eine, und zwar beiderseits die zweite von den Türmen an gerechnet, enthält ein Portal, dessen Körper vor die Mauerflucht bis auf die Tiefe der Strebepfeiler heraustritt. Über dem Portalkörper ist in der Mauer ein kleineres Fenster. Ein belebendes Moment bilden beim nördlichen Seitenschiff die Wimperge über den Fenstern und die den horizontalen Mauerabschluß bekrönende Galerie, so daß mit den Fialen der Streben ein abwechslungsreiches Bild entsteht. Im übrigen hat die Mauer der Fassade die an gotischen Bauten übliche Gliederung.
=Strebepfeiler.= Der zweifach abgestufte Mauersockel setzt sich auch um die Strebepfeiler fort. Ebenso das Kaffgesims. In halber Höhe beginnt die bis zum Schluß sich steigernde architektonische Belebung, welche zunächst darin besteht, daß sich an den drei Seiten ebensoviele Giebelgesimse mit Krabben und Kreuzblumen anlehnen. Über denselben ein Zinnenkranz. Der obere Teil endigt mit je einem mit Kreuzblumen und Krabben geschmückten Giebel, darunter zweiteiliges Blendmaßwerk. Den Abschluß bildet eine krabbengezierte Pyramide mit Kreuzblume.
Bei den Strebepfeilern, welche die Portale flankieren, treten die oberen Teile zurück. Der dadurch ausgesparte Raum an der Vorderseite ist zur Aufnahme von Statuen bestimmt, wie die Baldachine andeuten. Es soll damit wahrscheinlich eine einheitliche Komposition dieser Wand als Portalwand betont sein.
=Fenster.= Die Breite der Fenster ist ungleich. Das Fenster in der letzten an das Querhaus anstoßenden Jochwand mußte mit Rücksicht auf den in das neue Mauerwerk mit hereingenommenen romanischen Strebepfeiler schmäler ausfallen als die übrigen. Hingegen wurde das Fenster in der an die Türme anstoßenden Jochwand mit Absicht breiter gestaltet, nämlich um mehr Licht in dem dunkeln Winkel bei den Türmen zu gewinnen. Daß dieses Fenster erst später seine jetzige Breite erhalten hätte, ist bei der genauen Übereinstimmung der Profilierung seiner Leibung nicht möglich. Überall ist die Leibung durch zwei Hohlkehlen gegliedert, welche durch einen im Profil birnförmigen Stab geschieden sind, während die äußere Kante ein Rundstab begleitet. Auch die Maßverhältnisse stimmen überein. Während die beiden östlichen Fenster Drei- und Vierteilung mit je drei Gruppierungen aufweisen, sind jedoch die Maßwerke der westlichen Fenster mehrfach gruppiert bei teilweiser Verwendung von halbrunden Bögen anstatt der Spitzbögen (Abb. 21 und a, b, c).
=Ornamente.= Beim nördlichen Seitenschiff ist die Galerie des Daches eine Neuschöpfung der letzten Restaurierung, zu der nur spärliche Anhaltspunkte vorhanden waren. Im Gegensatze hierzu bedurfte die Galerie des Portales nur einer Ergänzung; sie ist durch fünf freistehende und zwei Wandpfosten geteilt, welche schlichtes Maßwerk einschließen. Beim südlichen Seitenschiff fehlen sowohl die Wimperge über den Fenstern wie die abschließende Galerie.
=Portale.= Die beiden Portale sind bis auf die Galerie, welche am Portal des südlichen Seitenschiffes (Abb. 20) fehlt, vollständig gleich in der Anlage. Das Gewände ist in je vier Abstufungen aufgelöst, deren Kanten durch Stäbe gegliedert sind und in deren Ecken ebensoviele Säulen stehen. Die Säulen bestehen aus je vier Einzelsäulen, sind also gleichsam Säulenbündel. Dieselbe Gliederung setzt sich in Basis und Kapitäl fort. Die Basen ruhen auf Würfelsockeln und diese ihrerseits auf einem glatten Postament. Die trichterförmig sich erweiternden Kapitäle haben bald figürlichen, bald ornamentalen Schmuck; ihre Platten sind durch eine Hohlkehle gegliedert und bilden das Hauptgesims. Der Bogen hat eine dem Gewände entsprechende Gliederung.
=Mauerwerk.= Das Mauerwerk der Fassademauer besteht aus Werksteinen, das der Gewölbe aus Bruchsteinen in Mörtelbettung.
Der eben in seinen Einzelheiten beschriebene Bau der Seitenschiffe von St. Sebald gehört nach der stilistischen Seite noch in die Periode der Hochgotik. Er weist in der ganzen Anlage, in der Verteilung der Massen, in den Proportionen, in der Art der Ausschmückung, in der Ornamentik selbst alle Vorzüge derselben auf.