Die Sebalduskirche in Nürnberg
Part 3
Der =Pfeiler= (Abb. 7) funktioniert im Innern der Kirche als freistehende Stütze der Hochwand und steht mit dieser in naher struktiver wie formaler Beziehung. Er ist quadratisch im Grundriß und hat im Seitenschiff eine Pfeilervorlage, an jeder Seite eine Halbsäulenvorlage. Die Ecken sind mit Rundstäben versehen. Der Sockel fehlt. Im Mittelschiff ruhen die Halbsäulenvorlagen auf Konsolen oder setzen auch trichterförmig am Pfeiler an. Durch die Halbsäulenvorlagen an den Schiffsseiten ist eine enge organische Verbindung zwischen Pfeiler und Gewölbeträger hergestellt. Das Gesims wird an den vier Seiten ringsum geführt, sogar um die Vorlagen, dort die Deckplatten der Halbsäulenkapitäle bildend.
Die =Säule= ist meist als Halbsäule mit dem Pfeiler oder der Pfeilervorlage verbunden und trägt als solche Gurte und Rippen. Sie stützt auch leichtere Lasten, und hier mehr in dekorativer als in konstruktiver Verbindung, so an den Kleeblattblendbögen, an den Schildbögen, an den Arkadenvorlagen. Freistehend findet sie sich nur in der Triforien- oder Zwerggalerie und im Engelschor vor. Als reines Zierglied steht sie an den Wandungen der Westportale. Die Behandlung des Schaftes ist glatt, die Form zylindrisch, ohne Schwellung und ohne Verjüngung, an der Triforiengalerie auch achteckig. Im Westchor, wo die Säule, als Dreiviertelsäule an die Wand angelehnt, die Gewölberippen trägt, ist ihr Schaft mit einem scharf profilierten Ring in der Mitte umgürtet. Ebenso an den beiden noch vorhandenen westlichen Vierungspfeilern.
Die =Kapitäle= (Abb. 8, 9, 10, 11, 12) gruppieren sich in Knospenkapitäle und solche mit Blattornament, beziehungsweise in Kelch- und Würfelkapitäle. Der Kern des Knospenkapitäls ist die Kelchform, die Behandlung des Reliefs zum großen Teil eine mehr zeichnende, abgesehen natürlich von den Knospen, welche zuweilen über den Rand der Deckplatte vortreten. Bei den Blattornamentkapitälen geht die Kelchform in die des Würfels über infolge plastischer Behandlung der Blätter; dabei zeigt sich eine Vorliebe für das bandförmige Blattornament, indem Stengel und Ranken wie gestickte Bänder gearbeitet, die Blätter gleichsam mit Schnüren von Perlen oder Edelsteinen besetzt sind. Eine freiere zum Teil phantastische Behandlung weisen nur die Kapitäle in der Triforiengalerie auf, wo auch die Würfelform mehr Anwendung gefunden hat. Häufig vertreten hier Fratzen die Stelle von Kapitälen.
Die =Basen=, von der bei romanischen Bauten üblichen attischen Art, sind nicht mehr starr und hoch, sondern biegsam und zeigen bereits die flache, gedrückte Gestalt, welche dem Druck elastisch nachgegeben hat und mit dem unteren Wulst über den Rand des Sockels hinausgedrängt worden ist. Manche Basen weisen Eckknollen auf.
Unter den =Konsolen= (Abb. 13, 14) sind die am häufigsten vorkommenden die Hornkonsolen, in welche die für die Diagonalrippen bestimmten seitlichen Halbsäulenvorlagen oder Dienste unmittelbar über dem Gesims der Arkadenpfeiler endigen. Sie sind meist glatt behandelt, die Spitze nach außen gebogen. Einige tragen auch schlichtes Blattornament. Die Gurtdienste im Mittelschiff werden zuweilen von hockenden bärtigen Gestalten gestützt. Die übrigen Konsolen haben einfache Form, in einen schaftartigen Rundbogenfries gehüllt.
Von den =Türen= kommen nur die jetzigen beiden West- oder Turmportale (Abb. 15, 16, 17, 18) in Betracht. Dieselben treten mit ihrem verschrägten Gewände und ihrem bogenförmigen Abschluß als Umrahmung vor die Fläche der Turmmauer vor. Gewände und Bogenleibung sind durch drei rechtwinkelige Einsprünge aufgelöst. In den Winkeln stehen zu beiden Seiten je drei Säulen, welche mehrfach profilierte Bögen tragen. Plastischer Schmuck ist nur an den Kapitälen vorhanden, und zwar sind dieselben an der einen Seite als Knospenkapitäle, auf der anderen Seite als Blattornamentkapitäle unterschieden. Die Bogenfelder ruhen auf Pfeilern auf, welche aber mit den flankierenden Säulen nur das bekrönende Gesims gemein haben. Durch die beiden Turmportale hat die Westseite nachträglich die Bedeutung einer Fassade gewonnnen.
=Bisheriges Ergebnis.= Die im Vorausgehenden gegebene Beschreibung des Baues führt zu dem Ergebnis, daß die ältere Kirche St. Sebald im großen und ganzen ein der romanischen Stilart angehöriger Bau ist. Es haben allerdings die drei gotischen Grundelemente: der Spitzbogen, der Strebebogen und das einfache System bereits Eingang gefunden. Allein diese Anleihen haben nicht den Organismus des Gliederbaues völlig durchdrungen, sie sind nicht durchweg zu konstruktiver Notwendigkeit geworden. Hat man doch beim späteren Umbau der Seitenschiffe den Überfluß der Strebebögen erkannt und ihre Beseitigung herbeigeführt. Auch der Eindruck des Innern, wo erst das einfache System dem Beschauer sichtbar wird, ist trotz der reichen Hochwandgliederung und trotz der starken Höhenentwicklung nicht der eines gotischen Baues. Der Bau ist in seinem innersten Kern romanisch. Den romanischen Charakter bestätigen auch die Ornamente.
=Stilkritik.= Die erste Periode der Nürnberger Bau- und Kunstgeschichte fällt in das 12. Jahrhundert. Die ehemalige Schottenkirche St. Egidien mit der Euchariuskapelle und die Doppelkapelle auf der Burg sind ihre Repräsentanten. Die Egidienkirche brannte 1696 ab. Nur Abbildungen aus der Zeit vor und unmittelbar nach der Brandkatastrophe haben uns ein Bild der romanischen, in gotischer Zeit mehrfach umgebauten und erweiterten Klosterkirche überliefert, allein sie genügen nicht, um genau Konstruktion oder gar Ornamentik erkennen zu lassen. Wir wissen nur, daß die Kirche eine dreischiffige Basilika mit östlichem Querschiff, westlichen Türmen und Vorhalle war; vielleicht eine Säulenbasilika, in welcher die Seitenschiffe gewölbt, das Mittelschiff dagegen flach gedeckt war. Mit ziemlicher Sicherheit aber wird man annehmen können, daß die Kirche des um 1140 von Kaiser Konrad III. gestifteten und mit Regensburger, teilweise auch mit Würzburger Schottenmönchen besetzten Klosters auch in der Bauweise als Schottenkirche gekennzeichnet und mit St. Jakob in Regensburg eng verwandt war. Deutlich ist der Einfluß der Schotten an der Doppelkapelle auf der Burg, der Margareten- und Kaiserkapelle (etwa 1170 bis etwa 1180). Weniger in der Gewölbekonstruktion, als besonders durch Gestalt und Ornamentik der Kapitäle und durch die Anlage des Oratoriums mit den kurzen, gedrungenen Säulen wird man sofort an die Regensburger Schottenkirche erinnert. Dagegen deutet die gegen Ende des 12. Jahrhunderts erbaute Euchariuskapelle mit ihren Rippengewölben und den hohen, reich profilierten Sockeln, Basen und Kämpfern auf Bamberg.
Von wie hoher Bedeutung auch für die Kunstgeschichte Nürnbergs in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Beziehungen zu Regensburg gewesen sind, eine =Nürnberger Bauschule= scheint sich aus jener nicht allzu umfangreichen, im wesentlichen auf die beiden ersterwähnten Kirchen beschränkten Bautätigkeit nicht entwickelt zu haben. Es ist anzunehmen, daß die Bauleute für die Doppelkapelle auf der Burg und für die Egidienkirche von auswärts, das heißt von Regensburg, gekommen waren und nach Vollendung der Bauten wieder weitergezogen sind, also weder aus der Bevölkerung Nürnbergs hervorgegangen sind, noch sich in Nürnberg dauernd angesiedelt haben.
Mit der Wende zum 13. Jahrhundert war auf einige Jahrzehnte eine Stockung im Bauleben Nürnbergs eingetreten, bis sich mit der Niederlassung der Bettelorden, vor allem aber mit dem Bau von St. Sebald eine um so regere Tätigkeit entfaltete. So kam es, daß sich an die von den Schotten angewendete Bauweise keine Tradition knüpfte und man die technischen Vorteile und die dekorative Eigenart, welche jene mitgebracht, völlig vergaß. Und als das Bedürfnis nach einem größeren Gotteshaus wach wurde, war in Nürnberg ein gänzlicher Mangel an geschulten Baumeistern wie Steinmetzen, welche einen umfassenden Auftrag hätten übernehmen und durchführen können. Dazu handelte es sich jetzt nicht mehr um eine Kirche für einen geschlossenen Orden, sondern um die Kirche für eine Pfarrgemeinde. Stand bereits die zum Egidienkloster gehörige Euchariuskapelle unter dem Einfluß des Bamberger Domes, so war es ganz natürlich, daß die unterbrochenen Beziehungen zu dem erst 1237 vollendeten Dom wieder aufgenommen wurden, um so mehr als Bamberg die Diözesanhauptstadt von Nürnberg war.
=St. Sebald und der Dom zu Bamberg.= Bei der Gründung der Diözese Bamberg durch Kaiser Heinrich II. im Jahre 1007 wurde der neue Sprengel gegen den von Eichstätt mit dem Laufe der Pegnitz abgegrenzt. Was also vom jetzigen Stadtgebiet Nürnbergs nördlich dieses Flusses lag, gehörte zu Bamberg, was dagegen auf der anderen Seite lag, zählte vorerst zu Eichstätt. Dieses Verhältnis scheint jedoch nicht lange bestanden zu haben, denn schon 1162 wird die Kapelle zum Heiligen Grab, an deren Stelle sich jetzt die Pfarrkirche St. Lorenz erhebt, als zu Fürth eingepfarrt erwähnt, und Fürth gehörte damals zur Diözese Bamberg. Im 13. Jahrhundert kommt also für Nürnberg als Diözesanhauptstadt nur Bamberg in Betracht.
Im ersten Drittel dieses Jahrhunderts entwickelte sich in Bamberg im Anschluß an den Dombau ein reges Kunstleben. Der unter Kaiser Heinrich II. erbaute, 1081 abgebrannte, unter Bischof Otto dem Heiligen wieder aufgebaute und 1185 abermals durch eine Feuersbrunst zerstörte Dom wurde gleich nach dem Brande von neuem aufgebaut. Begonnen wurde mit der Ostpartie. Nach Vollendung derselben vor 1202 trat eine kurze Unterbrechung ein. Man ging nun energisch an die Vollendung des ganzen Baues. Auf die provisorische Einweihung von 1232 folgte am 6. Mai 1237 die letzte und endgültige.[7] Es ist ganz natürlich, daß bei dem Bau eines Gotteshauses von den Dimensionen des Bamberger Domes, der noch dazu in verhältnismäßig kurzer Zeit zur Ausführung gelangte und infolgedessen eine zahlreich besetzte Bauhütte erforderte, sich eine eigene Bauschule heranbildete, die im Bedarfsfalle imstande war, auch nach auswärts Parliere und Steinmetzen abzugeben. Was liegt da näher, als daß die Nürnberger Pfarrgemeinde, als man nach einem monumentalen, nur mit dem Aufgebot gediegener und geschulter Kräfte zu erbauenden Gotteshaus verlangte, zur Dombauschule der Diözesanhauptstadt in engste Beziehungen trat.
Wir fassen zunächst die beiden Grundrisse, beziehungsweise Plandispositionen ins Auge.
Beim Bamberger Dom ist die Plandisposition des alten Heinrichsbaues -- doppelchörige Basilika mit westlichem Querschiff -- beibehalten worden. Es kann daher weder in der doppelchörigen Anlage, noch im westlichen Querschiff eine auf Rechnung des Neubaues kommende Besonderheit erblickt werden, es ist vielmehr auf andere ähnliche Beispiele, nämlich einerseits auf die Dome von Mainz (erster Bau 978-1009) und Worms (996-1016), andererseits auf die schwäbisch-bayerischen Bauten, so auf den Dom von Augsburg (994 bis 1006), auf Obermünster (1010 und 1020) und St. Emmeram in Regensburg (1002 und 1020), unter deren Einfluß der Heinrichsbau des Bamberger Domes zweifelsohne stand, zu verweisen.[8] Das Schwergewicht bei der Anlage einer Kirche nach Westen zu verlegen, wurde, wenn nicht ähnliche zwingende Gründe vorhanden waren, von jener Zeit ab vermieden. Um so auffälliger muß es erscheinen, daß bei dem Bau einer Kirche wie St. Sebald, der von Grund aus einen Neubau bildet, zwar nicht das Hauptgewicht auf den Westchor verlegt, aber doch demselben eine dem Ostchor beinahe gleichkommende Bedeutung zuteil wird, ja daß überhaupt ein Westchor noch Anklang findet. Denn spätere doppelchörige Anlagen sind nicht bekannt.
Wie schon erwähnt, stand zuvor an Stelle der Kirche St. Sebald eine Kapelle. Dieselbe war von Anfang an dem hl. Petrus geweiht und bewahrte Reliquien von ihm. Im letzten Viertel des 11. Jahrhunderts fand allmählich auch der hl. Sebald Verehrung, er wurde bald zum Stadtpatron erhoben, ohne daß auf die Verehrung des hl. Petrus verzichtet worden wäre. Auch vom hl. Sebald waren Reliquien vorhanden. Es mußte daher, als man eine Gemeindekirche größerer Ausdehnung als Ersatz für die kleine Kapelle erbauen wollte, gleich von vornherein auf beide Heilige Rücksicht genommen werden. So blieb nichts anderes übrig, als den Grundriß einer doppelchörigen Kirche zu wählen, und hierzu bot der Bamberger Dom das geeignetste Vorbild. Man begnügte sich aber nicht mit der bloßen Kopie, sondern ging in einer Hinsicht sehr selbstständig vor. Beim Bamberger Dom liegt, weil die Plandisposition des Heinrichsbaues beibehalten wurde, das Querhaus im Westen. Vom 11. Jahrhundert an jedoch wurden überall nicht nur doppelchörige Anlagen soviel wie möglich vermieden, sondern auch die Kirchen regelmäßig nach Osten angelegt. Infolgedessen ist der Grundriß von St. Sebald gegenüber dem Bamberger Grundriß in der Himmelsrichtung gerade umgekehrt. Und da im Laufe des 12. Jahrhunderts der hl. Sebald Stadtpatron geworden war, nach welchem auch die Kirche benannt werden sollte, so wurde seiner Verehrung der größere Ostchor eingeräumt, während dem hl. Petrus der kleinere Westchor zufiel.[9]
Eine weitere Selbständigkeit liegt in dem Mangel eines zweiten Turmpaares am Querschiffe von St. Sebald, welches dafür zwei Apsiden als Nebenchöre hat.
Dagegen spricht wieder deutlich für die enge Verwandtschaft, daß bei den östlichen Apsiden der Kirche St. Sebald genau wie bei der Ostapsis des Bamberger Domes die halbrunde Form gewählt, während hier wie dort der Westchor polygon abgeschlossen wurde.
Abgesehen von dieser Ähnlichkeit im Grundriß haben die beiden Westchöre auch fast den gleichen Aufbau, wenn wir die durch den Unterschied der Größenverhältnisse gegebenen Abweichungen außer acht lassen. Außen: Mangel an Strebepfeilern, Abtrennung eines oberen Stockwerkes mit Oberfenstern durch ein kräftiges Gesims, an den Ecken Dienste, welche nicht bis zum Dachgesims reichen; ein Unterschied besteht in den hier runden, dort spitzbogigen Fenstern und darin, daß bei St. Sebald auch das untere Stockwerk Oberfenster hat. Innen: sechsteilige Gewölbe in den Rechtecken, Dienste mit Schaftringen und Kleeblattblendarkaden an den Wänden der Apsis.
Sowohl hier wie dort ist die Außenwand des Mittelschiffes so schlicht wie möglich behandelt. Wandgliederung fehlt. Die Anzahl der Fenster stimmt überein, es trifft auf jedes Joch ein Fenster. Die Fenster sind bei beiden Bauten rundbogig, mit glatten Wandungen, und sitzen unmittelbar auf dem Ansatz der Seitenschiffdächer auf. Ein ebenfalls übereinstimmender Rundbogenfries, welcher sich unter dem Dachgesims hinzieht, bildet den einzigen Schmuck der Hochwand.
Ferner ist im Außenbau der Ansatz der Chornische, beziehungsweise des Chordaches an den Mittelschiffgiebel der gleiche (bei St. Sebald im Westen, beim Dom zu Bamberg im Osten), und ebenfalls belebt der eben erwähnte Rundbogenfries die Giebellinie. Übrigens hat aller Wahrscheinlichkeit nach beim Bamberger wie beim Nürnberger Westchor der Abschluß in einem Kranz von Giebeln mit Giebeldächern bestanden, wie die Endigungen der Eckdienste beweisen; zum mindesten war eine derartige Bekrönung bei beiden Apsiden geplant wie an rheinischen Bauten des Übergangsstiles.
Sonst fällt von den Übereinstimmungen am Außenbau noch der an den beiden Westapsiden unter dem das untere vom oberen Stockwerk trennenden Gesims sich hinziehende Rundbogenfries auf, der auch auf die flankierenden Türme übergreift und dessen Bogenansätze von blattwerkgeschmückten Konsolen getragen werden.
In allen übrigen Punkten kommt beim Außenbau der Unterschied zwischen der reich ausgestatteten Bischofskirche und der einfachen, schlichten Pfarrkirche zum Ausdruck.
Bezüglich der Einzelglieder und der Dekoration im Innern der beiden Kirchen kann nur eine teilweise Übereinstimmung festgestellt werden: die Kleeblattblendarkaden im Westchor (bei Bamberg auch an den Westchorschranken)[10] in der Anlage sowohl wie in der Detailbildung, Abschluß der Dienste in halber Höhe durch stützende Konsolen, auch Hornkonsolen (bei Bamberg nur im Westchor, bei St. Sebald durchgehends) und Abrundung der Scheidbögenkanten in Wulste.
Zum Schlusse sei noch betont, daß sämtliche Steinmetzzeichen von St. Sebald sich unter den zahlreichen Zeichen des Bamberger Domes vorfinden.
Durch diese Nebeneinanderstellung wird die von der Kunstgeschichte ausgesprochene Vermutung, daß die Kirche St. Sebald in ihrer ersten, durch spätere An- und Umbauten noch nicht erweiterten Gestalt durch den Bamberger Dom wesentlich beeinflußt ist, vollauf bestätigt. Es gilt dies in erster Linie von der Plandisposition, in zweiter Linie vom Außenbau. Was vom Dom zu Bamberg aus dessen erster Bauperiode vor und kurz nach 1200 auf die Kirche St. Sebald übertragen wurde, ist die doppelchörige Anlage und die Idee, die Chorapsis mit zwei Türmen zu flankieren. Beides wurde in selbständiger und eigenartiger Weise vom Baumeister von St. Sebald verwertet. Alle übrigen Übereinstimmungen der beiden Bauten gehen auf die zweite Bauperiode des Bamberger Domes zurück, welche die Zeit vom Ende des zweiten Jahrzehnts bis 1237 umfaßt. Und da die Nürnberger Steinmetzzeichen nur am westlichen, der zweiten Bauperiode angehörenden Teil des Bamberger Domes vorkommen, so steht fest, daß die zweite Bamberger Bauperiode und die erste Hälfte der Nürnberger Bauzeit durch keinen größeren Zeitraum getrennt sein können.
Es erübrigt nun beide Bauwerke auf ihre =Verschiedenheiten und Abweichungen= zu untersuchen.
Technik und Konstruktion der Gewölbe ist bei beiden Kirchen so ziemlich die gleiche: Bruchsteingewölbe in reicher Mörtelbettung, spitzbogige Kreuzrippengewölbe mit schwacher Busung und nahezu horizontalem Scheitel. Allein die angewandten Systeme sind grundverschieden: beim Dom zu Bamberg das gebundene, bei St. Sebald das einfache System.
Ferner ist bei St. Sebald an einigen Stellen der Versuch gemacht worden, durch Stützwerk eine Verringerung der Mauerstärke herbeizuführen und so den Gliederbau mehr zu betonen: an den Türmen und am Querschiff durch Strebepfeiler, am Mittelschiff sogar durch Strebebögen. Am Dom zu Bamberg fehlt -- abgesehen von den beiden Stützpfeilern an den Osttürmen aus dem Jahre 1274 -- jede Strebe; es entspricht fast durchwegs die Mauerstärke der Stärke der alten Grundmauer, so daß Strebepfeiler oder Strebebögen auch überflüssig waren.
Was die Maßverhältnisse und die Raumwirkung anlangt, so macht sich am Bamberger Dom im Querschnitt ein Streben nach imposanter Breitenentwicklung geltend. Die Höhe des Mittelschiffes verhält sich zu dessen lichter Weite wie 2 : 1. Anders bei St. Sebald. Hier ist bei einem Verhältnis von 3 : 1 eine ganz bedeutende Höhenentwicklung festzustellen.[11]
Im engsten Zusammenhang mit den Unterschieden im Querschnitt stehen die in der Hochwandgliederung. Der breiten Anlage im Querschnitt beim Dom zu Bamberg entspricht im Mittelschiff die breite Wandfläche eines Joches, welche sich über zwei Arkadenbögen erhebt und um so breiter erscheint, weil sie vom Gesims bis zum Fenster völlig leer geblieben, d. h. weil jede Gliederung streng vermieden ist. Bei St. Sebald entspricht der Höhenentwicklung des Mittelschiffes die schmale Bildung einer Jochwand, die schon dadurch schlank erscheint, daß sie sich bei enger Aneinanderreihung der Stützen nur über =einer= Arkade erhebt und außerdem durch Belebung mit einer Triforiengalerie und Gliederung des Lichtgadens kurzweiliger wirkt.
Der Gesamteindruck des Außenbaues ist beim Bamberger Dom bedingt -- und zwar für den in spätromanischer Zeit errichteten Hochbau nicht in der günstigsten Weise -- durch die vom alten Heinrichsbau beibehaltene Anlage. Der ganze Bau ist langgestreckt und so scheinen gegenüber der leeren Mittelschiffhochwand die mehr oder minder reich behandelte Ost- und Westpartie in einem losen Zusammenhang zu stehen. Grundverschieden hiervon ist der Gesamteindruck des Außenbaues von St. Sebald, oder besser gesagt, wird er gewesen sein. Starke Anklänge an Bamberg hat eigentlich nur die Westpartie. Das Gesamtbild jedoch bietet eine ganz andere Massenwirkung und Silhouette. Vor allen Dingen fehlt ein zweites Turmpaar. Die Ostpartie mit den drei Apsiden ist Bamberg gegenüber ein neues, jedenfalls selbständiges Motiv. Und dann, dies dürfte wohl der Hauptunterschied sein, stellt St. Sebald von den Fundamenten an einen einheitlichen Bau dar, der auch nach außen hin die charakteristischen Merkmale des spätromanischen oder Übergangsstiles zur Schau trägt: die Entfernung vom östlichen Querschiff zu den Westtürmen ist im Verhältnis zu Bamberg eine überaus kurze, was bei der gleichen Anzahl von Mittelschiffjochen in der Verschiedenheit der Systeme liegt, die Baumassen sind demnach eng zusammengruppiert, und diese Wirkung wird noch verstärkt durch Strebepfeiler und Strebebögen.
Ein nicht gerade wesentlicher Unterschied ist an den Westchören zwischen den spitzbogigen Bamberger und rundbogigen Nürnberger Fenstern zu verzeichnen.
Diese mannigfachen, teilweise schwerwiegenden Unterschiede der beiden Kirchen lehren, daß St. Sebald in vielen Punkten noch auf andere Bauten zurückgehen muß. Die kunstgeschichtliche Bedeutung des Bamberger Domes liegt vor allen Dingen in der eigenartigen Verschmelzung fremder Einflüsse, die nicht nur verschiedenen lokalen, sondern auch verschiedenen zeitlichen Ursprunges sind. Fällt die Anlage unter den Einfluß Regensburgs im Anfang des 11. Jahrhunderts, so zählt anderseits der Hochbau zu den bedeutendsten Schöpfungen des deutschen Übergangsstiles, wobei der Außenbau des Ostchores vom Ende des 12. Jahrhunderts stark an die Ostpartie des Mainzer Domes und an andere rheinische Bauten erinnert; und während einzelne Bauglieder des Westchores aus dem zweiten und dritten Zehnt des folgenden Jahrhunderts der Ebracher Schule angehören, weisen die Einwölbung des Westchores und der Ausbau der Westtürme aus den dreißiger Jahren desselben Jahrhunderts auf Nordfrankreich, speziell auf Laon. Es ist ganz klar, daß von einem derartigen Bauwerk mit so vielen stilistischen Verschiedenheiten nur verhältnismäßig wenige Einzelheiten auf den Bau von St. Sebald übergehen konnten: ein Teil der Plandisposition, die Anlage des Westchores und Teile am Außenbau. Und dann war eben bei St. Sebald die Einführung zeitgemäßer Neuerungen möglich, weil nicht, wie beim Bamberger Dom, alte Grund- und Hochmauern einen Zwang auf die Gestaltung des neuen Hochbaues ausübten. Da nun bis zum damaligen Zeitpunkt eine Bauschule in Nürnberg nicht bestanden hat, so müssen jenen Neuerungen, welche St. Sebald gegenüber Bamberg aufzuweisen hat, andere verwandtschaftliche Beziehungen zugrunde liegen.
=St. Sebald und die Klosterkirche zu Ebrach.= Die Entwicklung der Baukunst in der romanischen Epoche wurde vorzugsweise in den großen Städten gefördert, welche Bischofssitze waren. Man braucht da nur an die Städte Mainz, Speyer oder Köln zu erinnern und man kennt sofort die Bedeutung ihrer romanischen Bauwerke und den Einfluß derselben auf die ganze Entwicklung.