Die Sebalduskirche in Nürnberg
Part 22
Die Uhrglocke hatte zwei Vorgängerinnen. Die ältere wurde 1383, als der Turm oberhalb der Sturmglocke einer Ausbesserung bedurfte, ausgebessert und ist 1396 gesprungen. Die jüngere wurde von Meister Heinrich Grünwalt noch in dem gleichen Jahre gegossen und hatte ein Gewicht von 64 Zentner 66 lb; sie zersprang am 4. Mai 1482 ebenfalls. Ihre Inschrift lautete: »Ich Orglogck pin · des · Rats · zu · Nürmberg · eigen · hat · mich · erzeugt · als man · zalt · nach · Christj · geburt · M^{o}CCC^o · vnd · in dem · lxxxxvj Jar · in dem · Mayen · hat mich · begabt · Heinrich · grünwalt · herr · got · hilff · mir · zu · Dir · +«.
4. Die =Viertelstundenglocke=. Im oberen Durchbruch des Helmes. Laut Inschrift, welche nur bruchstückweise entziffert werden konnte, 1494 in Landshut gegossen.[XXI]
[XXI] Über die Einführung des Viertelstundenschlagwerkes durch Ulrich Grundherr vgl. Vereinsmitteilungen. VII, S. 224. -- Zu dem Schießen des Jahres 1493 in Landshut, so erfahren wir daselbst aus Kunz Has' Gedicht, hatte der Rat Herzog Georg zu Ehren die freiwilligen Nürnberger Schützen mit einem roten Kleid bedacht. Sie zogen aus unter der Führung des Schützenhauptmanns Ulrich Grundherr, eines der sieben Älteren Herren, der das Schlagwerk, wahrscheinlich als Preis, mit heimbrachte. Wie aus einem Ratsverlaß vom 8. Oktober 1493 hervorgeht, beschloß der Rat »ein neues slahglöcklein, das zu einer jeden stund viermaln slahe«, gießen und bei St. Sebald aufrichten zu lassen, dann beschloß er am 19. Oktober, »ein zimeln [kleine Glocke] 5 oder 6 zentnern swer... machen ze lassen und oben in sant Sebolts turn uber die slagglocken ze henken und zu dem slahen der vierteil einer hore zu gebrauchen«... und endlich am 29. Januar 1494 »ein gut hell slahglocklein von gutem zeug zu bestellen und in den turn zu s. Sebald zu henken«. Es wurde demnach 1494 das neue Viertelschlagwerk, wohl nach Muster des in Landshut erschossenen, errichtet.
Höhe (ohne Krone) etwa 0·50 m. Unter dem »Zeigerlein« der Chroniken wird diese kleine Uhrglocke zu verstehen sein.
Hier mögen schließlich die schönen Kunstschmiedearbeiten an den barocken Holzportalen Erwähnung finden (Abb. 127 und 128).
6. Altargeräte, Wandteppiche, Paramente.
Die mit Einführung der Reformation veränderten liturgischen Verhältnisse ließen einen großen Teil des alten Kirchenschatzes überflüssig erscheinen. Bei dieser Gelegenheit verschwanden wohl eine Reihe von kostbaren Paramenten und Altargeräten. Denn daß solche in Menge vorhanden waren, wird man bei dem auf allen Gebieten der Kunst und des Kunstgewerbes betätigten Stiftersinn der Nürnberger Geschlechter ohne weiteres annehmen dürfen. Indessen blieb der gesamte Kirchenornat, d. h. die Meßgewänder -- also das Überflüssigste bei Ausübung der neugestalteten Gottesdienste -- ungeteilt erhalten. Erst 1810 hat in Nürnberg die protestantische Geistlichkeit den aus der vorreformatorischen Zeit herübergenommenen Kirchenornat mit dem schwarzen Talare vertauscht. Eine weitere Reduzierung des Kirchenschatzes wurde schon 1552 vorgenommen; es bezeugt dies ein im Kreisarchiv Nürnberg aufbewahrter »Bericht wegen derer silberner vnd guldener clainodien, so in S. Sebalts, Laurenzen vnd vnser frauen kirchen gewesen a^o 1552 verschmelczt vnd dann das gold vnd silber verkauft worden.« Auch diesmal blieb der Ornat noch verschont. Dagegen wurde zu Ende des 18. Jahrhunderts, sei es aus Mangel an Interesse, sei es aus Geldverlegenheit, gründlich mit dem Kirchenschatz aufgeräumt und nur das Allernotwendigste behalten. Selbst der vorgesetzten Behörde ging dieses Vorgehen zu weit. Das Ende langwieriger, fast fünfmonatlicher Verhandlungen vom 12. Oktober 1797 bis zum 3. Februar 1798, welche die Aufsichtsbehörde mit den für die Veräußerungen verantwortlichen Stellen führte, war eine Rüge, die sich Losungsamt und Rat gefallen lassen mußten. Damals waren auch die Meßgewänder abhanden gekommen.[XXII]
[XXII] In den Akten über diese Verhandlungen ist ein interessantes Schriftstück enthalten, eine »Copia Commissions-Decrets an das Löbl. Losungsamt d. d. 12. Dez. 1797«. Das Dekret lautet:
Commissioni subdelegatae ist zu wissen erforderlich, welche Objecta seit dem unterm 10^ten Decbr. 1790 ergangenen höchst erforderlichen Reichshofraths-Concluso veräußert, welcher modus bei der Veräußerung beobachtet, ob der Erlöß noch vorhanden oder wozu derselbe verwendet worden, auch ob -- und welche annoch weiteres zu veräußern räthlich und thunlich sein mögte?
Worüber ein löbl. Losung-Amt den ungesäumten Bericht zu erstatten, auch, wie sich nunmehr von selbst verstehet, ohne Anfrage bei der Kaiserl. Commission und deren ausdrückliche Erlaubnis eine weitere Veräußerung nicht vorzunehmen hat!
=Nürnberg=, den 12. Dezbr. 1797. Von Kaiserl. Subdelegations-Commissions wegen. =Schrodt= Kaiserl. Subdel. Kommiss. Secretair.
Von den auf uns gelangten =Altargeräten= sind hervorzuheben:
=Meßkelch= mit =Patene= (Abb. 129). Kelchhöhe = 22 cm, Patenendurchmesser = 16·5 cm. Silber, vergoldet. Um 1500. Fuß sechspaßförmig mit abgestuftem Rand. Bis herauf zur Mitte der Cuppa mit durchbrochen gearbeiteten gegossenen Blattwerkornamenten überzogen und mit Steinen besetzt. An den schmalen freigebliebenen Teilen des Halses oberhalb und unterhalb des Nodus gravierte Ornamente. Kostbare Arbeit.
=Meßkelch= mit =Patene=. Kelchhöhe = 19·5 cm, Patenendurchmesser = 15·5 cm. Silber, vergoldet. Tuchersche Stiftung vom Jahre 1522. Nodus mit getriebenen und eingravierten Ornamenten. Fuß sechsblattförmig mit Horizontalprofilierung. Am Hals oberhalb und unterhalb des Nodus die Inschriften graviert: JHESUS und MARIA. An der Innenseite des Fußes das Wappen der Tucher mit der Jahrzahl 1522 graviert. Mit dem Beschauzeichen Nürnberg, ohne Marke. Siehe Marc Rosenberg, Der Goldschmiede Merkzeichen, 2. Aufl. 1911. Nr. 3059 o.
=Zwei Kannen.= Höhe je 16 cm. Silber, vergoldet. 1643. Datierung an den kleinen Wappen am Ende des Griffes. Auf dem Deckel das Nürnberger und Grundherrsche Wappen. Beschauzeichen Nürnberg und Marke. Siehe Rosenberg a. a. O. Nr. 3226 a und b.
=Zwei Kannen.= Höhe je 33 cm. Silber, vergoldet. Laut Inschrift 1658 zum Abendmahlsgebrauch gestiftet von Wolfgang Endter dem älteren. Die betreffende Inschrift hat folgenden Wortlaut:
»Wolfgang Endter der Elter, Buchhändler alhier übergiebt diese Zwo kannen sampt einem Kelch Paten, und oblaten schächtelein Zum Gebrauch des Heiligen Abendmahls, der jüngst verneüerten Kirchen zu S. Sebald mit Herzlichem wunsch das Gott die reine seligmachende Religion bei uns, bis an der welt ende unverfälscht erhalten wolle.
Gott! Deine Gnad hat mir beschert Was ist zu Danckbarkeit verehrt. Am Palmsonntag im Jahr Christi 1658.«
Beschauzeichen Nürnberg und Marke. Siehe Rosenberg, a. a. O. Nr. 3226 e und f.
=Abendmahlskelch= mit =Patene=. Kelchhöhe 25·5 cm, Patenendurchmesser 17·5 cm. Silber, vergoldet. Gestiftet von Wolfgang Endter dem Älteren 1658 (siehe oben). Fuß sechsblattförmig mit Horizontalprofilierungen. Am Nodus und am Fuß Gravierungen: am Nodus Blumenornamente, am Fuß Engelsköpfe, außerdem Blattfriese und Fruchtkränze. Auf dem Boden des Kelches eingraviert die Wappen des Stifters und seiner Ehegattin, gehalten von einem Engel, darüber die Jahrzahl 1658.
Mit dem Beschauzeichen Nürnberg und Marke. Siehe Rosenberg, a. a. O. Nr. 3226 g.
Auf der Rückseite der Patene ist, von einem Kranz umrahmt, das Wappen des Stifters graviert, auf dem Rande ein Kreuz.
=Krankenkelch= mit =Patene=. Kelchhöhe 17 cm, Patenendurchmesser 10 cm. Silber vergoldet. Gestiftet von Joachim Kern und dessen Ehefrau 1675. Fuß sechsblattförmig. An der Rückseite des Fußrandes die eingravierte Inschrift: »Joachim Kern und dessen Ehewürthin Catharina 1675.«
Beschauzeichen Augsburg und Marke JV (oder M?).
=Etui= mit =Löffel=. Etuilänge 17 cm, Breite 4·5 cm. Beides Silber, teilweise vergoldet. Um 1700. An der Seite und am Deckel des Etuis gepunzte Darstellungen der Leidenswerkzeuge, ferner auf dem Deckel getriebenes Kruzifix, wovon der rechte Arm fehlt. Darüber in Gravierug der Hahn.
Beschauzeichen Nürnberg und eine Meistermarke, die sich aus einem I, V und N zusammenzusetzen scheint.
=Klingelbeutel.= An der Vorderseite die Gruppe Christus am Kreuz mit Maria Magdalena aus gegossenem und ziseliertem Silber. An der Rückseite rundes Schild von Silberblech, darauf das Monogramm AMM (ineinandergestellt) und die Jahrzahl 1723 graviert. Durchmesser des Schildes 6 cm. Beutel von neuem rotem Samt.
=Hostienbüchse=, rund. Durchmesser 13·5 cm, Höhe 9·5 cm. Silber, vergoldet. Auf dem Deckel eingraviert das Bild des hl. Sebald und: 'M. M. W. 1744.'
Beschauzeichen Nürnberg und undeutliche Marke.
=Zwei Abendmahlskelche= mit =Patenen=. Kelchhöhe 28 cm, Patenendurchmesser 18 cm. Silber, vergoldet. Rokoko. Getriebene wellenförmige Ornamente an Cuppa, Nodus und Fuß. Fußrand mit Horizontalprofilierungen. Um 1755.
Beschauzeichen Nürnberg und Marke. Siehe Rosenberg, a. a. O. Nr. 3275 b und c.
=Taufbecken= mit =Kanne=. Taufbecken oval 46·5 × 34·5 cm, Kannenhöhe 21 cm. Silber. Um 1755. Mit getriebenem Wellenornament.
Beschauzeichen Nürnberg und Marke. Siehe Rosenberg, a. a. O. Nr. 3204.
=Sanduhr.= (Abb. 130.) Viereckiger Behälter mit vier Uhren: 1/4, 2/4, 3/4 und 4/4. Gehäuse 32 × 26 cm. Silber. Mit zwei Holzschuherschen Wappen. Oben und unten:
»17 Fr. M. M. M. H. v. H. 81« und »17 Fr R. H. H. v. H. 81«.
Die Ornamente gegossen und ziseliert, das übrige getrieben. 1906 auf der Historischen Ausstellung der Stadt Nürnberg, vgl. Katalog Nr. 166.
=Kanne=, den beiden 1658 von W. Endter gestifteten Kannen nachgebildet. H. 34 cm. Silber, vergoldet. Laut Inschrift 1838 gestiftet von Therese Rohrmann, Witwe des Kaufmanns und Marktadjunkten Georg Peter Rohrmann. Vorne Spruch Joh. XV, 5.
Beschauzeichen Nürnberg und Marke G (?).
Ferner befinden sich in der südlichen Sakristei noch zwei kleine alte =Messingleuchter= ohne künstlerische Bedeutung.
=In der nördlichen Sakristei=:
=Zwei Altarleuchter.= H. 76·5 cm. Silber. Modern gotisch um 1830. Basis sechseckig, auf sechs Drachen ruhend. Schutzteller mit Zinnen, von Krabben getragen.
=Auf dem Hauptaltar=:
=Altarkruzifix.= H. 1·28 m. Der Kruzifixus aus Silber gegossen und ziseliert, Kreuz und Sockel Holz. Um 1700. Vorzügliche Arbeit.
=Zwei Altarleuchter in Gestalt von Kerzen haltenden Engeln= (Abb. 131). Höhe der Figuren ohne Leuchter und Flügel 39·0 und 39·5 cm. Gegossen, massives Silber, vergoldet. Auf jedem das Volckamersche Wappen. Kostbare Arbeiten aus der Zeit um 1490.
Zwei Paare gedrechselter und ein Paar zum Teil gedrechselter, zum Teil gegossener =Messingleuchter=; das letztere Paar aus der Barockzeit.
=Auf den Rückwänden zu den Seiten des Hauptaltares= zwei holzgeschnitzte und bemalte, insbesondere reich vergoldete knieende =leuchtertragende Engel= auf Postamenten, der eine eine vortreffliche Arbeit aus der Zeit um 1500, der andere (rechts vom Hochaltar) eine moderne Kopie von jenem im Gegensinne.
=Auf dem Löffelholzaltar=:
=Altarkruzifix.= H. 1·31 m. Der Kruzifixus aus gegossenem und ziseliertem Silber, Kreuz und Sockel Holz mit reichem Silberbeschlag, an der Vorderseite ein sich aus M und W zusammensetzendes Monogramm. Gute Arbeit aus der Mitte des 17. Jahrhunderts.
=Vier messinggedrehte Leuchter=, darunter zwei gleiche mit Löffelholzischen Allianzwappen und der Jahreszahl 1696 (auf einem querovalen Schildchen am Fuße).
=Auf dem Muffelaltar= ein Paar kräftige gedrehte =Messingleuchter=, je mit dem Muffelschen Wappen am Fuße.
=Auf dem Petrusaltar= ein Paar einfache gedrechselte =Messingleuchter=.
=Auf dem Tucheraltar= ein Paar gedrungene messinggedrechselte =Leuchter= mit dem Wappen der Schnecken (2 gekreuzte Lanzenspitzen) je an ihrem Fuße.
=Auf dem Halleraltar= und gegenüber vor der Adam Kraftschen Kreuzschleppung vier gleiche einfach gedrechselte =Messingleuchter=.
Besonders hervorzuheben ist hier sodann noch die über der Tucherschen Begräbnisstätte, vor den Gedenktafeln dieses Geschlechtes aufgehängte =Ewiglichtlampe= aus Messing, deren Körper durchbrochen gearbeitet und mit schön stilisiertem Blattwerk und drei Tucherschen Wappen reich graviert ist. Drei groteskenartige weibliche Halbfiguren, ebenfalls aus Messing gegossen, stellen die Verbindung zwischen dem Körper der Lampe und dem Gehänge her. 16. Jahrhundert.
Einige hölzerne =Barockkruzifixe und sonstige Altargeräte= sind von keiner künstlerischen Bedeutung.
=Im Germanischen Nationalmuseum= endlich wird heute aufbewahrt:
Der »=Dilherrsche=« =Pokal=. Vom Jahre 1635 (?). Silber, vergoldet. H. mit Deckel 47·5 cm. Am Fuß, an der Cuppa und am Deckel getriebene Blumen- und Rankenornamente, an der Cuppa außerdem noch Engelsköpfe und in Medaillons drei figürliche Darstellungen des Sündenfalles. Den Hals bildet die gegossene und ziselierte Figur eines Engels, welcher einen Totenkopf hält. Auf dem Deckel die Erdkugel mit Schlange, darauf der auferstandene Christus. Inschriften sind über den ganzen Pokal verteilt. Der Pokal soll ein Geschenk des Rates der Stadt Nürnberg an den Pfarrer J. M. Dilherr von St. Sebald sein.
Ausführliche Beschreibung bei Essenwein, Einige Gold- und Silbergefäße aus dem Schatze im Germanischen Museum. In den »Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum«. II, 1887, S. 45. Vgl. auch Rosenberg, a. a. O. Nr. 3188 d.
Wandteppiche.
Ein weitaus besseres Schicksal als die Paramente erfuhren die Wandteppiche, mit denen die Kirche reich ausgestattet war. Außer den vorhandenen zehn Gobelins existiert noch einer vom Jahre 1477 aus dem ehemaligen Kirchenbesitz, der auf Umwegen wieder in die Hände der Stifterfamilien gelangt ist[XXIII]; und noch zwei weitere Stücke dürften sich im 15. Jahrhundert den übrigen angereiht haben: eine Fortsetzung der Katharinenlegende und ein Gegenstück zum Sebaldusgobelin.
[XXIII] Von einem der Teppiche, welche zur Schmückung der Gräber vorhanden waren, erzählt Baron Christoph v. Tucher a. a. O. S. 55: »Die Grabteppiche anlangend findet sich im Salbuch Hans VI. Tuchers de A^o 1477, welches in seinem vierten Teil sich ebenfalls über die von dem ältesten Tucher auszurichtenden Stiftungen verbreitet, am Schluß eine eigenhändige Notiz des Besitzers von folgendem Wortlaut:
»Anno MCCCCLXXVII ad XXVI matzo so haben wir Pertold und Hans Tucher senior geprüder und Anthony und Langhans Tucher von unser geselschaft gekauft ein grabtebich mit dem englischen grus, der kost hott 14 guld. rh. und für das Tucher wappen darauf und zu füttern kost 2 gulden. Den thebich soll fürpaß albeg der eltist Tucher, der die jartag ausricht, pei seinen handen gehalden zu denselben jahrtagen.«
»Dieser Teppich kam im Jahre 1884 in den Besitz der Antiquitätenhändler Rösch und Zimmermann dahier, wo ich ihn sah und für meinen Bruder Heinrich [Heinrich Freiherr v. Tucher Exzellenz, jetzt K. Bayer. Gesandter in Wien] um 4000 M kaufte. Dieser ließ ihn in den Werkstätten (fabbrica degli arrazzi) des Vatikans unter Cavaliere Centili für 1250 Lire renovieren und hat mit dem ehrwürdigen Familienmonument von wunderbarer Schönheit eine Wand seines Arbeitszimmers verkleidet. Heute ist der Teppich unter Kennern gewiß 20.000 M. wert.«
Die Darstellungen sind meist dem Marienleben und den Legenden der beliebtesten Heiligen der Kirchengemeinde Sebald, Katharina und Helena, entnommen; ein Wandteppich erzählt vom »Verlorenen Sohn«, einer vom alten Testament.
Der Entstehungszeit nach zerfallen die Teppiche bis auf einen 1497 gestifteten Gobelin in zwei Hauptgruppen. Zur ersten Gruppe aus dem Beginne des 15. Jahrhunderts, für welche außer der charakteristischen Formensprache in der Regel eine stärkere Belebung des Hintergrundes mit Architektur und Landschaft bezeichnend ist, zählt auch als später Ausläufer der um 1450 entstandene Mariengobelin. Der zweiten Gruppe nach der Mitte des 15. Jahrhunderts ist bei klarer Disposition der Figuren dunkelfarbiger Hintergrund mit ornamental stilisierten Blumen und Pflanzen eigen.
Über den Entstehungsort ist nichts Bestimmtes bekannt. Er ist jedenfalls in Nürnberg zu suchen, vermutlich in einem der beiden Frauenklöster St. Klara und St. Katharina. Auffällig ist, daß nachweisbar drei Teppiche der zweiten Gruppe allein von den Tuchern gestiftet worden sind.
=Wandteppich mit sieben Darstellungen aus der Legende des hl. Sebald= (Abb. 132, 133). Um 1410. Mit Inschrift über den Darstellungen: der Leichnam des hl. Sebald schlägt einem Mönch, der ihn verhöhnt, ein Auge aus: »hi... ein münch sant sebolt tod leichna slug [=i] [=e] aug aus«[XXIV]; einer Frau, welche eine abgebrochene Kerze an der Bahre des hl. Sebald wieder aufrichtet, springt der zur Buße um den Arm getragene Ring: »hie pring [=e] fraw sant sebolt kertz[=e] die eise... fiell[=e] ir ab«; die Leiche des hl. Sebald wird von Ochsen gefahren: »hi zich[=e] ochs[=e] S sebolt leichn[=a] von popp[=e]reut g[=e] nurberg«; der vertauschte Käse, welchen eine Frau am Grabe des hl. Sebald opfert, wird in einen Stein verwandelt: »hie verwexelt fraw [=e] kes der wardt zu [=e] stain«; Pilger nehmen die sie überfallenden Räuber gefangen mit nach Rom: »hie fieng[=e] pilger[=e] die rauber und prochtens mit in gen rom«; die Räuber überfallen die Pilger wiederholt, aber St. Sebald lähmt sie: »hie wollen sie die pilger beraubt haben do erkrumpt sie«; St. Sebald erscheint Schiffbrüchigen: »hie wollten leut ertrincken do kam in S sebolt zu hilf«. Die Reihe der Darstellungen hat sich ursprünglich noch fortgesetzt. L. 7·28 m, H. 1·01 m. Als Hintergrund Architektur und Landschaft. Die Darstellungen sind äußerlich nicht getrennt. Mäßig gut erhalten, doch, insbesondere die braunen Fäden, durch Insekten zum Teil herausgefressen. Zu diesem Gobelin hat wahrscheinlich einer mit Darstellungen der Wunder des hl. Sebald vor seinem Tode als Gegenstück existiert.
[XXIV] Siehe Cod. lat. 901, f. 118-135 und Cod. lat. 23.877, f. 182 ff. der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München.
=Wandteppich mit sechs Darstellungen aus dem Alten Testament.= Um 1410. Darstellungen: Adam und Eva im Paradies, Vertreibung aus dem Paradies, Samson bezwingt den Löwen, Samson wird von Delila überlistet, Bathseba und David, David und Michal(?). Ohne äußerliche Trennung. L. 4·30 m, H. 0·63 m. Hintergrund blau mit Architektur und Landschaft.
=Zwei Wandteppiche mit Darstellungen aus der Legende der hl. Katharina.= Um 1420. Die Schrift über den Darstellungen teilweise erhalten. 1. =Acht Darstellungen=: Wunderbare Erscheinung des Kreuzes: »hi sahen die heinischen (!) meister ein czeichen am himel«; Opferung von Weihgeschenken: »dez heiligen creuz daz erten si mit güter«; Geburt der Katharina: »hi wart sancta katterina geporn«; religiöse Erziehung: »hi bart si gelert daz si dem kreuczigten got solt din«; Unterricht durch den Einsiedler: »hie lert si der einsidel daz si xpm...«; Maria mit dem Jesuskind (Fragment); Taufe der Katharina; mystische Verlobung mit dem Jesuskind. Die erste Darstellung ist möglicherweise nicht der Anfang des Ganzen, denn vor der Schrift jener Darstellung finden sich die Worte: »[St. Cath]erina leb[=e]«. L. 7·43 m, H. (mit Schrift) 0·92 m. 2. =Vier Darstellungen=: Katharina vor dem Kaiser Maxentius, Disputation mit den Philosophen, Katharina tröstet die wegen ihrer Bekehrung zum Feuertode verurteilten Weisen, Katharina wird gegeißelt. Fragment. Schrift fehlt. L. 4·95 m, H. 0·82 m. Hintergrund blau mit Architektur und Blumen. Die Darstellungen sind äußerlich getrennt. Gut erhalten, doch das Braun wiederum zum Teil herausgefressen.
=Wandteppich mit zwei Darstellungen der Kreuzauffindung durch die hl. Helena.= Rummelsche Stiftung. Um 1420. Darstellungen: Die hl. Helena in Gegenwart des Kaisers Konstantin und des Gefolges bezeichnet den Platz, wo gegraben werden soll; von den drei gehobenen Kreuzen wird das Kreuz Christi an der Wunderwirkung der Auferstehung eines Toten erkannt. Unten links das Wappen der Rummel, rechts das Wappen der Haller. L. 1·80 m, H. 0·85 m. Hintergrund dunkelblau, mit ornamentierten Zweigen belebt; im Vordergrund Blumen. Die beiden Szenen sind äußerlich nicht getrennt.
=Wandteppich mit drei Darstellungen aus dem Marienleben= (Abb. 134). Um 1450. Hallersche Stiftung. Links Verkündigung, in der Mitte Heimsuchung, rechts Geburt Christi. Äußerlich abgeteilt. L. 1·81 m, H. 0·88 m. Architektur und Landschaft als Hintergrund. Das Allianzwappen der Haller mit dem der Pfinzing und Schürstab in der mittleren Darstellung. Weniger gute Arbeit.
=Zwei Wandteppiche mit Darstellungen aus der Parabel des Verlorenen Sohnes.= Tuchersche Stiftung. Um 1460. 1. =Fünf Darstellungen=: Der Jüngling auf schlechtem Lebenswandel (?), er wird von Weibern fortgejagt, weibliche allegorische Figur mit den Wappen der Tucher und Stromer, der Jüngling hütet Schweine, er kehrt zurück. L. 3·85 m, H. 0·63 m. 2. =Vier Darstellungen=: Zu Ehren des Wiedergefundenen wird ein Kalb geschlachtet und ein Festmahl gehalten, der vom Feld heimkehrende ältere Bruder erkundigt sich bei Zimmerleuten nach dem Vorfall und weigert sich, an dem Festmahl teilzunehmen. Auf der letzten Darstellung rechts oben das Tuchersche und unten das Stromersche Wappen. L. 3·14 m, H. 0·63 m. Hintergrund dunkelblau mit Bäumen und anderen stilisierten Pflanzen, im Vordergrunde Blumen. Die Darstellungen sind durch Säulen getrennt. Vorzügliche Arbeit.
=Wandteppich mit zwei Darstellungen der Grablegung einer Heiligen= (Katharina?). Um 1460. Tuchersche Stiftung. Links: der Leichnam wird von schwebenden Engeln gebracht; rechts: der Leichnam wird von den Engeln ins Grab gesenkt. Ohne äußerliche Trennung. L. 1·72 m, H. 0·78 m. Hintergrund blau mit Blumen und Bäumen. Unten in der Mitte die Wappen der Tucher und Stromer.
=Wandteppich mit der Darstellung der Geburt Christi und vier Heiligen= (Abb. 135, 136) über dem Hauptaltar. Laut Inschrift vom Jahre 1497. Die Darstellung der Geburt Christi mit Anbetung der Hirten und Engel in der Mitte, seitlich abgeschlossen durch je eine Säule, links die Heiligen Barbara und Johannes der Täufer, rechts ein heiliger Mönch mit Stock und Buch und die hl. Katharina. L. 3·04 m, H. 0·85. Als Hintergrund reiche Landschaft. Starke Verwendung von Gold. Oben rechts die Buchstaben D. S. Vorzügliche Arbeit. Der Gobelin soll ursprünglich beim Muffelschen Altar an der Wand gehangen haben.