Die Sebalduskirche in Nürnberg

Part 18

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Am zweiten südlichen Pfeiler des Mittelschiffes ein Steinrelief mit der =Kreuztragung von Adam Kraft= (Abb. 87) aus dem Jahre 1496.[IX] Das Relief war früher an der Stadtgrabenmauer am Steig beim Zeug- oder Kornhaus eingemauert und wurde nach Auflassung des Grabens zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die Kirche St. Sebald verbracht, wo es an der bezeichneten Stelle als Altaraufsatz dient.

[IX] Das bei Daun, Adam Kraft und die Künstler seiner Zeit, Berlin 1897, S. 79, erwähnte Entstehungsjahr 1506 findet sich nirgends belegt. Nach 1500 könnte das Relief auch stilistich gar nicht mehr entstanden sein. Es ist mit den Stationen und namentlich, was den Hintergrund anlangt, zu nahe mit dem Schreyerschen Grabmal verwandt, als daß es zeitlich so weit von denselben abgerückt werden dürfte. Auch nach der kostümlichen Seite gehört die Darstellung in die neunziger Jahre des 15. Jahrhunderts. Es ist somit kein Grund vorhanden, an der Richtigkeit der überlieferten Jahrzahl 1496 zu zweifeln.

Komposition wie Ausführung erinnern stark an die Kraftschen Stationen in der Burgschmietgasse und an das Schreyersche Grabmal am Ostchor der Kirche. Der obere Teil des Rahmens ist ornamental behandelt. Höhe 2·30, Breite 1·10 m.

In der Mitte des Westchores ein eherner =Taufkessel= (Abb. 88), etwa um 1410 entstanden. Um den Hals sowohl wie um den Kessel laufen in Reliefs Arkadenbögen, dort 12, hier 21, mit ebensovielen Figuren: Christus am Kreuz, Maria, Johannes, Apostel, Propheten und andere Heilige. Die übrigen Teile sind durch Ringe mehrfach profiliert und mit Weinranken verziert. Vor dem Hals stehen auf Postamenten, welche mit dem Fuß des Kessels organisch verbunden sind, in gleichen Zwischenräumen vier männliche Figuren, mit ihrem Häuptern gleichsam den Kessel stützend, von denen drei aus einer und derselben Gußform gegossen zu sein scheinen. Der Innenraum des Halses, der an der Nordseite mit einer Tür versehen ist, war für Heizung eingerichtet, um das für die Taufe bestimmte Wasser an Ort und Stelle wärmen zu können.

Der Taufkessel hatte dadurch historische Berühmtheit erlangt, daß in ihm am 11. April 1361 der nachmalige König Wenzel getauft worden sein und das Taufwasser besudelt haben soll. Dabei kursierte die andere Erzählung, daß man beim Wärmen des Taufwassers im Pfarrhof bei St. Sebald mit dem Feuer unvorsichtig umging, so daß der Pfarrhof abbrannte. Daß der Pfarrhof 1361 abbrannte, ist urkundlich nachweisbar. Beruht auch jene erste Anekdote auf Wahrheit, so hat es sich damals um den jetzt nicht mehr vorhandenen =Taufstein= gehandelt, womit dann auch übereinstimmt, daß das Wasser im Pfarrhof vorgewärmt wurde.

Der Taufkessel verdient weniger wegen der Ausführung des einzelnen als vielmehr wegen seiner originellen Gesamterscheinung Beachtung. Er ist das älteste bekannte Denkmal Nürnberger Gießkunst. Sein ursprünglicher Standort war wie der seines aus Stein gefertigten Vorgängers im Schiff der Kirche.

1572 wurde der Kessel gereinigt und unter den Fuß eine Steinplatte gelegt. Der einfach profilierte Holzdeckel stammt aus der Zeit der Spätrenaissance.

Im östlichen Joch des südlichen Seitenschiffes in einer Nische die Büste des Pfarrers an St. Sebald Friedrich Michahelles ([gestorben] 1903), von Fritz Zadow in griechischem Marmor ausgeführt.

2. Die Plastik im Ostchor.

Es folgt zunächst die Beschreibung der Statuen an der Ostchorwand, und zwar derjenigen neben den Fenstern auf den vom Chorbau herrührenden Konsolen in fortlaufender Reihe von der Brauttüre an.

Rechts über der nördlichen Sakristeitüre der Apostel =Jacobus= d. Ä. mit Pilgerhut, Tasche und Stab, lebensgroße Steinfigur. Um 1335. Einer der letzten Ausläufer der mit der Erweiterung der Seitenschiffe gegründeten Schule. Die »Renovierung« der Barockzeit hat den Jacobus durch Beigabe eines Kirchenmodells in einen hl. Sebald verwandelt.

Links vom Mendelschen Fenster =Christus als Weltheiland=, die Weltkugel in der Linken, mit der Rechten segnend. Lebensgroße Holzfigur in der Art des Veit Stoß. 1657 wurde die Statue »aus dem Werkhaus in der Karthausen« an den jetzigen Ort verbracht (Rechnungen im Freiherrlich von Tucherschen Familienarchiv). Aus dieser Zeit stammt der in Kupfer getriebene Heiligenschein. An der Konsole das Wappen der Tucher.

Rechts vom Mendelschen Fenster der hl. =Andreas= mit Kreuz und Buch (Abb. 89). Überlebensgroße Holzfigur, ohne Zweifel von =Veit Stoß=, in der Naturfarbe mit leichter Andeutung der Farbe von Lippen und Augen. Um 1495. An der Konsole das Wappen der Tucher.

Links vom Tucherschen Fenster der Apostel =Johannes= (Abb. 90), den Giftkelch in der Linken, mit der Rechten segnend. Lebensgroße Figur von gebranntem Ton. Um 1410. Hände und ein Teil der Gewandung sind neu. An der Konsole das Wappen der Tucher.

Rechts vom Tucherschen Fenster der hl. =Johannes der Täufer= mit Buch und Lamm in der Linken. Überlebensgroße Steinfigur. Um 1430. An der Konsole das Wappen der Tucher.

Links vom Fürerschen Fenster ein hl. =Apostel= mit einem Buch in der Linken. Lebensgroße Steinfigur. Um 1335. Einer der letzten Ausläufer der mit der Erweiterung der Seitenschiffe gegründeten Schule. Die rechte Hand ist ergänzt.

Rechts vom Fürerschen Fenster der Apostel =Johannes=. Lebensgroße Holzfigur. Jedenfalls von einer Kreuzigungsgruppe stammend. Um 1460.

Links und rechts vom Stromerschen Fenster die beiden Holzfiguren einer =Verkündigung=, links der =Engel= und rechts =Maria=, knieend. Um 1460. Das Zepter des Engels ist erneuert. Am linken Sockel das Wappen der Starck, am rechten das der Imhoff.

Zu beiden Seiten des Bambergischen Fensters die fast lebensgroßen Steinfiguren der Heiligen =Heinrich= (Abb. 48, 49) und =Kunigunde=. Um 1335. Wiederum letzte Ausläufer der mit der Erweiterung der Seitenschiffe gegründeten Schule. Die beiden Statuen waren vor der letzten Restaurierung bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die gefundenen Spuren berechtigten zur Ergänzung der Figuren als Diözesanheilige. Bei Heinrich ist das Modell des Bamberger Domes, bei Kunigunde das Zepter neu.

Zu beiden Seiten des Maximilianfensters die überlebensgroßen Steinfiguren der Apostel =Paulus= und =Petrus=. Um 1375, aus der Zeit der Vollendung des Ostchorbaues die einzigen Statuen der langen Konsolen- und Baldachinreihe. Schule des Meisters des Sakramentshäuschens. Beide Apostel mit ihren Attributen. Gut erhalten. An der Konsole der Paulusstatue das Wappen der Usmer.

Zu beiden Seiten des Markgrafenfensters zwei überlebensgroße Holzfiguren von =Veit Stoß= aus dem Jahre 1495 (an den Konsolen bezeichnet und datiert). =Christus als Schmerzensmann= und =Maria als Schmerzensmutter= (Abb. 91, 92). Die Holzfarbe ist beibehalten. An den Plinten wurden bei der letzten Wiederherstellung der Kirche das Zeichen des Meisters und die Jahrzahl aufgedeckt. An der Christusstatue sind eine Hand und ein Fuß ergänzt. An der Statue der Maria ist der über den rechten Arm geschlagene Gewandzipfel nachträglich, vermutlich von Stoß selbst, angefügt. Nach den Wappen an den Konsolen stellen sich beide Statuen mit den später behandelten drei Passionsszenen darunter als eine Stiftung der Familie Volckamer dar.

Zu beiden Seiten des Pfinzingschen Fensters die unterlebensgroßen Holzfiguren eines hl. =Papstes= und eines hl. =Bischofs= aus der Zeit um 1470. Besondere Attribute fehlen. Die Statuen stammen vermutlich von einem der früheren Altäre der Kirche. Hallersche Stiftungen.

Links vom Hallerschen Fenster die lebensgroße Steinfigur eines hl. =Bischofs=. Attribut zur näheren Bestimmung fehlt. Um 1335. Wiederum einer der letzten Ausläufer der mit Erweiterung der Seitenschiffe gegründeten Schule. Rechte Hand ergänzt. Am Sockel Wappen der Haller.

Rechts vom Hallerschen Fenster die lebensgroße Terrakottafigur eines =Apostels=. Attribut zur näheren Bestimmung fehlt. Um 1390. Aus der Schule des Meisters der Tonbildwerke in der Jakobskirche. Ursprünglich für einen anderen Ort bestimmt. Zuletzt neben dem Bamberger Fenster. Rechter Fuß und linke Hand in der Barockzeit mangelhaft ergänzt.

Zu beiden Seiten des Schürstabschen Fensters die überlebensgroßen Holzfiguren des hl. =Erasmus= (Abb. 93) und des hl. =Sebald=. Um 1450. Gegenstücke, vermutlich von dem gleichen Meister. Attribute zum Teile ergänzt. Zu den Füßen beider je ein kleines Lamm, außerdem beim hl. Sebaldus das Wappen der Schürstab-Groß; am Sockel der Erasmusstatue das Wappen der Haller-Tetzel, umgeändert in ein Wappen der Schürstab-Groß.

Zu beiden Seiten des Behaimschen Fensters die überlebensgroßen Steinfiguren einer =Heimsuchung=, die Heiligen =Maria= (Abb. 94) und =Elisabeth=. Um 1420. Ergänzungen an den Händen der Maria und am Gewand der Elisabeth; die Hände der Elisabeth sind neu. An jeder Konsole das Wappen der Behaim.

Zu beiden Seiten des Volckamerschen Fensters die überlebensgroßen Statuen einer =Verkündigung=, links der =Engel=, rechts =Maria=. Wie die beiden eben aufgeführten Statuen aus der Zeit um 1420 und aus der gleichen Schule. Am Engel sind Hände und Zepter neu, an der Maria nur weniges ergänzt. An jedem Sockel das Wappen der Volckamer.

Verschiedene der erwähnten Konsolen zeigen als figürliche Darstellungen Fratzen, groteske Tiergestalten usf., die von einem freien Spiel der Phantasie zeugen.

An der Wand des Bambergischen Fensters ein =Wandtabernakel= (Abb. 50) aus der Zeit zwischen 1372 und 1379.[X] Der in die Mauer eingelassene Schrein ist von einem in Relief dargestellten architektonischen Aufbau umgeben, welcher sich aus Strebewerk und Baldachinen zusammensetzt und durch eine Reihe von Figuren belebt ist. Der Aufbau ist symmetrisch, die Figuren korrespondieren. Der Gegenstand der Darstellung ist nicht historischer, sondern repräsentativer Natur. Unterhalb des Schreines die Einbalsamierung der Leiche Christi durch Joseph von Arimathia im Beisein von sechs Jüngern. Zu beiden Seiten dieser Darstellung unter einem Strebebogen je ein kniender leuchterhaltender Engel; darüber links der hl. Petrus, rechts der hl. Sebald; über diesen in Baldachingehäusen sitzend zwei Propheten mit Spruchbändern; in den Zwickeln zwischen der unteren und mittleren Etage ein Pelikan und eine Löwin mit Jungen. In den beiden äußeren niedrigeren Bögen unter Maßwerk oben zwei betende Stifter; über denselben, jedoch ohne organische Verbindung mit ihnen, zwei Baldachine und von hockenden Gestalten gebildete Konsolen mit Engeln, welche die Leidenswerkzeuge halten; unmittelbar unterhalb der Konsolen die Wappen der Stifter, links das der Groland, rechts das der Muffel. Oberhalb des Schreines die Dreifaltigkeit mit Maria und Johannes dem Evangelisten; über dieser Gruppe, bereits auf der Fensterbank, geschützt durch einen dachartigen, von einer Turmspitze gekrönten Baldachin Christus als Weltrichter mit Maria und Johannes dem Täufer als Fürbittern. Zu beiden Seiten dieser Komposition rechts Christus als Schmerzensmann auf einer Konsole mit einer hockenden Prophetengestalt und unter einem Baldachin, welcher Figur wohl links eine Maria als Schmerzensmutter entsprach, die jedoch nicht mehr vorhanden ist. Erhalten haben sich hier nur die ähnlich gebildete Konsole samt Baldachin.

[X] Rée (Nürnberg, Berühmte Kunststätten, Nr. 5, 3. Aufl., S. 43, vgl. auch S. 61) datiert das Sakramentshäuschen annähernd richtig. Daun, a. a. O., S. 10, setzt es an den Anfang des 15. Jahrhunderts ohne nähere Begründung, Pückler (Die Nürnberger Bildnerkunst) gar erst in die Zeit von 1430 bis 1442. Er erklärt diese Zeitangabe nicht nur mit stilistischen Gründen, sondern auch damit, daß in den beiden Stiftern Peter Groland und Jakob Muffel dargestellt sind, welch letzterer 1442 »anscheinend schon als älterer Mann« verschied. Pückler hält nämlich die Heiligenfigur auf der Seite mit dem Muffelschen Wappen für Jacobus den Älteren, während dieselbe doch als Sebald genau zu erkennen ist. Es sind eben die beiden Hauptheiligen der Kirche Petrus und Sebald dargestellt ohne weitere Bezugnahme auf die Vornamen der Stifter. -- Übrigens ist der Stil der Figuren um 1440 gar nicht mehr möglich.

Das ganze Gehäuse ist farbig gefaßt. Das Eisenbeschläge der Schreintüre ist ornamental behandelt.

Das Ganze ist, wenn auch in der Ausführung kein hervorragendes Kunstwerk, in der Komposition eigenartig. Es ist aus derselben Bildhauerwerkstatt hervorgegangen, wie die Passionsdarstellungen außen an den Ostchorpfeilern. Stiftung der Familien Groland und Muffel.

1514 hatte sich Propst Melchior Pfinzing vergeblich bemüht, das Sakramentshäuschen aus der Kirche zu entfernen. In dem Jahre, in welchem ihm der Rat erlaubte, die Quermauer zwischen der Pfarrkirche und St. Moritz abzubrechen, wollte er ein neues und größeres Sakramentshäuschen über dem St. Nikolaus-Altar errichten und hatte schon Mittel hierfür gesammelt. Allein Jakob Muffel, Jakob und Leonhard Groland als Nachfolger der Stifter des bisherigen Tabernakels widersprachen mit Erfolg und ließen das alte herrichten.

Drei Stufen führen zu dem Wandtabernakel empor; ein fünfteiliges schlichtes Eisengitter schließt das Ganze ab.

Auf dem Petrusaltar steht jetzt die Holzfigur eines =Christus als Schmerzensmann= aus dem 17. Jahrhundert.

Hinter dem Hauptaltar an der Wand des Markgrafenfensters, die ganze Breite derselben einnehmend, ein Steinrelief mit =drei Passionsszenen= (Abb. 95) in ebenso vielen gleich großen Feldern von =Veit Stoß= aus dem Jahre 1499.

Von links nach rechts das Abendmahl, der Ölberg und die Gefangennahme. Christus und die zwölf Jünger in der Darstellung des Abendmahls sollen zufolge einer schlecht beglaubigten Tradition Bildnisse der Nürnberger Ratsherren von 1499 sein.

Auf der Säbelscheide des Türken oder Polen in der Darstellung der Gefangennahme das Monogramm des Veit Stoß und die Jahreszahl, die in ihrer Verschnörkelung erst 1863 von einem Maler Alexander Lesser aus Krakau hier entdeckt wurden. Im ersten Feld ist unten links der Stifter Paul Volckamer mit seinen beiden Söhnen und dem Familienwappen, im dritten Felde unten rechts seine beiden Frauen und seine drei Töchter mit den Wappen der Mendel und Haller in kleinem Maßstab angebracht.

Das Relief ist eine der wenigen Steinarbeiten des Veit Stoß.

Im Ostchor an der Wand zu beiden Seiten der Schautüre zwei Steinfiguren in Dreiviertellebensgröße mit Konsole und Baldachin. Die Statue links: =Christus als Schmerzensmann= aus der Zeit der Vollendung des Chorbaues mit dem Wappen der Behaim, die Statue rechts, eine =weibliche Heilige= mit Buch, aus der Zeit um 1400 mit dem Wappen der Volckamer.

Im Bogenfeld über der Schultüre (Dreikönigsportal, vgl. oben) ein farbig gefaßtes Holzrelief, das die von zwei Engeln gekrönte, das Christuskind säugende =Madonna= (Abb. 96) darstellt. =Ebnersche Stiftung= vom Jahre 1429.

Rechts das Bildnis der Nonne Christine Ebner, Äbtissin des Klosters Engelthal, und die Inschrift: »Die selig Cristina Ebnerin wart geborn anno domini M cc lxxvii jar vnd wart lxxix jar alt vnd starb anno domini mccc lvi an sant Johanes tag zv weinachtn vnd lebet seliglich im orden zv Engeltal do liegt sie begraben bitte gott für das geschlecht der Ebner.«

Darunter die Bildnisse von fünf Familiengliedern der Ebner mit den Jahrzahlen 1384 bis 1490 und die Inschrift: »Anno domini M cccc xxix Am Erichtag nach St. Paulitag do Starb Albrecht Ebner den gott genad. Anno domini Mcccc xxix Am Lorentzentag Starb Agnes Pömerin Sein Hausfraw der gott genad.« Dabei die eine Renovierung des Reliefs bezeichnende Jahreszahl 1656.

Das Relief ist eine der besten Bildhauerarbeiten der damaligen Zeit (vgl. über dasselbe Redslob, a. a. O., S. 57.)

Am ersten südlichen Chorpfeiler die überlebensgroße Steinfigur einer =Madonna= aus der Zeit um 1380; das aus Holz geschnitzte Christuskind ist nachträglich angefügt. Mit Konsole und Baldachin. Maria ist als Himmelskönigin mit Krone und Zepter dargestellt. Die Behandlung des nackten Christuskindes, welches einen Granatapfel hält und die Beine übereinander schlägt, weist auf eine etwa 100 Jahre spätere Entstehung.

An dem ersten nördlichen Chorpfeiler die aus Birnbaumholz geschnitzte und farbig gefaßte lebensgroße Statue einer =Madonna= mit dem Christuskind aus der Zeit um 1410 (Abb. 97). Maria hält mit beiden Armen das nackte Kind, das die Beine übereinander schlägt und mit einem Apfel spielt. Zwei kleine Engel tragen die Krone und zwei Engel schweben um die schalenförmige Mondsichel, auf welcher die Himmelskönigin steht. Eine sternenbesäte Tafel mit großem Strahlenkranze bildet den Hintergrund. Konsole und Baldachin, in Stein gearbeitet, schließen das Ganze nach unten und oben ab. Die Statue zählt zu den besten Arbeiten Nürnbergs im beginnenden 15. Jahrhundert.

Das Bildwerk war ursprünglich als Schrein gedacht, der durch zwei Flügel geschlossen werden konnte. Es wird vermutet, daß die in der Pinakothek zu München befindlichen Tafelgemälde des Hans von Kulmbach mit den Heiligen Joseph und Zacharias die abhanden gekommenen Flügel sind.

Am dritten nördlichen Chorpfeiler die halblebensgroße Erzfigur einer =Madonna= (Abb. 98), die als ein Werk von =Stephan Godl= erkannt worden ist. Um 1515. An der hübschen Holzkonsole, die gleichfalls der Frührenaissance angehört, das verschränkte Wappen der Eseler und der Propstei von St. Sebald.

Mitten im Ostchor das =Sebaldusgrab=[XI] (Taf. XIV; Abb. 99). Es besteht aus zwei Hauptteilen: 1. dem zur Aufnahme der Reliquien des hl. Sebald bestimmten Schrein vom Jahre 1397 und 2. aus dem von Peter Vischer dem Älteren und seinen fünf Söhnen in den Jahren 1508-1519 in Erz gegossenen Gehäuse.

[XI] Über dasselbe vergleiche insbesondere Bergau in Dohme, Kunst und Künstler. Bd. II, 2, Leipzig 1858; Lübke, Geschichte der Plastik. 1880, II; Bode, Geschichte der deutschen Plastik. 1885; Autenrieth, Das Sebaldusgrab Peter Vischers, historisch und künstlerisch betrachtet. Ansbach 1887; Rée, Nürnberg. S. 102 ff.; Daun, Adam Kraft und die Künstler seiner Zeit. S. 115 ff. Zusammenstellung der Literatur über Peter Vischer und auch über das Sebaldusgrab findet sich bei Th. Hampe, Nürnberger Ratsverlässe. 1904, Bd. I, S. 50 ff. Ganz neuerdings erschien: Alexander Mayer, Die Genreplastik an Peter Vischers Sebaldusgrab. 1911. 2º.

1. =Der Reliquienschrein vom Jahre 1397.= Die Form des Schreines ist ähnlich der eines länglichen Hauses. Eichenholz, verkleidet mit Silberblech, welches abwechselnd mit dem reichsstädtischen Wappen und dem des Schultheißen von Nürnberg in Treibarbeit gemustert ist.[XII] Auf dem First ein durchbrochen gearbeiteter ornamentaler Fries, welcher zwei Kreuzblumen auf den Giebeln verbindet.

[XII] P. J. Rée, a. a. O., S. 65, will das Silberblech des Sarges erst 1506 hergestellt sein lassen, und zwar nach dem Vorbilde des mit Silberplatten belegten Schreines des 15. Jahrhunderts, in welchem in der Spitalkirche zum Heiligen Geist die Reichskleinodien aufbewahrt wurden und welcher sich jetzt im Germanischen Nationalmuseum befindet. Daran ist gar nicht zu denken. Das Verhältnis ist umgekehrt.

1379 wurde der Sebaldusaltar durch einen neuen ersetzt. Auch dieser wird in der Mensa die Gebeine des Heiligen bewahrt haben. 1397 wurde für dieselben ein eigener Schrein, eine Art Sarg, beschafft und in der Mitte des Chores aufgestellt. Anscheinend war auch ein Sockel für denselben vorhanden. Alle Jahre am Tage des Heiligen (19. August) wurde der Sarg in feierlicher Prozession in der Kirche herumgetragen. »In solcher Prozession trugen die Alten Herren des Rates St. Sebaldi Sarg um, welcher mit Pappenrosen besteckt war, unter demselben schloff das Volk hin und wieder, dann sie glaubten: es würde ihnen hernach weder Kopf noch Rücken wehe tun« (Vgl. M. M. Mayer, a. a. O., S. 31). In zwei Legaten von 1412 und 1415 hatte Klara Geuder zwei Lampen beim Sebaldusgrab gestiftet.

1461 wurde an dem Sarg ein Einbruch verübt. Seitdem fanden periodische Besichtigungen der darin enthaltenen Reliquien statt. So 1463, 1482, 1503. Über die 1503 vorgenommene Besichtigung findet sich in einer Chronik vom Ausgange des 16. Jahrhunderts (Kreisarchiv Nürnberg, Msc. XIV-1/2, 106) folgender Bericht: »Nachdem auch in gebrauch gewest, St. Sebalds hailthumb oder gebein bißweilen zu eröffnen und zu besichtigen, als ist solches a^o 1503, den 22. tag julii auch geschehen; solcher eröfnung haben beigewohnet die herren älteren des rats, der baumeister, der probst und kirchenpfleger Sebaldi; die zween loßungschreiber haben dabei knieen und ein jeder ein brennende wachskerzen halten müssen; die kirchen ist unterdessen verspert gehalten und ausen mit einer wacht beleget worden; es ist auch der kürchenmeister außer der kirchen herumgegangen, ob sich etwan ein unruhe erregen wolt; so große sorg hat man für St. Sebalds toden-gebain getragen, das ihnen nichts wiederwärtiges wiederfüre, zu dem man doch damahls die zuversicht getragen, daß er jederman helfen könnte. Im sarg sein zwo hölzerne laden gestanden und in jeder zween bündel mit roten zendel eingewickelt gelegen, die man heraus auf eine darzu bereitete tafel gehebt; in deren einer sein 18 stück großer, in der andern 91 stück mittelmäsiger und kleiner gebein, das haupt aber in einen sonderbaren silbern kästlein, in der gestalt eines brustbilds, verspert gewest, welches man zu hohen festtägen hat pflegen auf dem altar zu setzen, wigt an silber 35 mark, ist gemacht worden a^o 1425. Auch ist eine ganze bildnuß St. Sebalds vorhanden, die man an festtagen an dem sarg aufgerichtet, wigt 21-1/2 mark. Diese besichtigung diß heiligtums ist damals nicht geschehen gewest seit dem jahr 1482 und derowegen damals für gut angesehen und decretirt worden, hinfüro diese besichtigung alleweg nach verfliesung zwanzig jahren fürzunehmen, das heilthumb zu saubern und mit bisam in neuen zendel einzuwickeln, das ist aber zeit hero gar verblieben, dieweil mit ausgang der 20 jahr die änderung der religion eingefallen.«

Trotz aller Vorsicht wurde 1506 wieder eingebrochen und gestohlen. Der Einbruch hatte Reparaturen zur Folge. Vermutlich auf diese Renovierung bezieht sich die eine der beiden Inschriften, die sich auf der westlichen Schmalseite am Sockel finden. Sie lautet: »1506 IAR IST DISER SARCH FERNEIT VOR...« Die andere Inschrift berichtet von einer Erneuerung im Jahre 1628: »ANNO DNI MDCXXIIX IST DIESER SARCH VERNEVRT WORDEN.«

2. =Das Gehäuse aus den Jahren= 1508-1519. Höhe 4·30, Länge 2·50 und Breite 1·40 m. Es setzt sich zusammen aus dem für den Sarg bestimmten Sockel und der Sockel und Sarg umschließenden Halle.