Die Sebalduskirche in Nürnberg

Part 13

Chapter 133,064 wordsPublic domain

Die Abschabung der Tünche und die an einzelnen Stellen erforderliche Wegnahme des Verputzes hatte aber außer der Feststellung der alten Bemalung leider eine im höchsten Grade bedauerliche Entdeckung zur Folge. Es zeigten sich nämlich bauliche, den Kern des Mauerwerkes betreffende =Schäden=, welche von niemand bei der Inangriffnahme der Restaurierung erwartet worden waren. Zunächst war dies beim =nördlichen Turm= der Fall. Da, wo an der Ostseite des Turmes die später hinausgerückte Außenwand des nördlichen Seitenschiffes früher angebaut war, trat das innere Brockenmauerwerk ohne schützende Quaderverblendung zutage. Die romanischen Mauern bestehen an St. Sebald durchweg aus einer beiderseitigen Quaderverblendung; deren innerer Zwischenraum mit zum Teil sehr mangelhaftem Brockenmauerwerk ausgefüllt ist. Es zeigte sich ferner in dieser Ostmauer des Turmes oberhalb des Spitzbogens der vermauerte Zugang zu einem =Treppenhause=, welches sich in seiner ungefähren Lage aus dem Vorhandensein eines kleinen Fensters und eigenartiger vermauerter Öffnungen im linken Gaden des Turmes annähernd bestimmen ließ. Da dieses Treppenhaus innerhalb der Mauer lag, so war diese infolge des mangelnden Verbandes selbst bei einer nachträglichen Ausmauerung geschwächt und hatte der Belastung nicht standhalten können. Daher waren zahlreiche bis zu 12 cm breit klaffende Risse entstanden. Schleuniges Eingreifen tat not, war aber um so schwieriger, als vorerst keine sichere Kenntnis darüber bestand, ob das Treppenhaus ausgemauert oder noch hohl war. Einbrüche vorzunehmen, um hierüber Auskunft zu erhalten, erschien wegen der damit verbundenen Gefahr unmöglich. So konnte nur mit vorsichtigen Bohrungen und mit in diese eingeführter künstlicher Beleuchtung des 1·50 m starken =Mauerinnern= festgestellt werden, daß der Treppenraum mit schlechtem Brockenmauerwerk teils ausgemauert, teils nur zugeschüttet worden war. Bei den vorhandenen außerordentlich großen Belastungen ein wenig tröstliches Ergebnis.

Der Arbeitsplan wurde nun, wie folgt, entworfen. Zunächst war der Spitzbogen zwischen Turm und Seitenschiff mit starken Rundholzstämmen auszubolzen und darüber eine eiserne Verschlauderung anzubringen, sodann wurde in die nur mangelhaft zusammenhängende Turmmauer eine Öffnung von der Größe weniger Backsteine eingebrochen und mit harten Backsteinen in Zementmörtel wieder vermauert. Durch Wiederholung dieser Arbeit gelang es, einen horizontalen, etwa 50 cm hohen Streifen von Backsteinmauerwerk einzubringen, der innerhalb der Mauer etwa wie ein eingesetzter fester Balken wirken mußte. Solche Streifen wurden in Abständen von 50 cm sechs untereinander eingebracht, und sodann die noch bestehenden Zwischenteile durch Quadermauerwerk -- natürlich kam jedesmal nur ein Quader zur Vermauerung -- ausgewechselt. Hernach gelang es durch vorsichtige Einbrüche in das Treppenhaus selbst auch hier den größten Teil des schlechten Mauerwerkes nach und nach durch gutes tragfähiges Zementmauerwerk zu ersetzen.

Auch in der südlichen Wand des nördlichen Turmes zeigten sich in der Höhe des Engelchores verschiedene =Treppenläufe= innerhalb der Mauer, welche nicht vermauert, sondern vollständig hohl waren. Daneben fanden sich andere, vielleicht zur Aufnahme von Holzbalken bestimmte verborgene =Höhlungen=, welche den Querschnitt der Mauern verringerten. Es erwies sich somit, daß die romanischen Türme viele Treppenaufgänge innerhalb der Mauer besaßen, und daß man beim Aufbau des 75 m hohen nördlichen Turmes in der gotischen Zeit auf die durch die Hohlräume geschwächten Mauern unbedenklich weiter gebaut hatte. Den infolgedessen aufgetretenen Verschiebungen des Mauerwerkes war zum Teil schon bei der Außenrestaurierung durch starke Verschlauderungen entgegengearbeitet worden, ohne daß damals jedoch die Ursache schon in ihrem ganzen Umfang bekannt gewesen wäre.

Beim =südlichen Turm= haben die angestellten Untersuchungen eine beim gotischen Aufbau vorgenommene Verbesserung des romanischen Unterbaues ergeben.

So bedauerlich es nun im archäologischen Interesse auch war, so mußte doch der bestehenden Schäden wegen eine Einmauerung von Pfeilern und teilweise eine ganze Ausmauerung bei den hohlen Treppenräumen ausgeführt werden. Übrigens hat in jedem Falle eine genaue geometrische und, wo dies möglich war, auch photographische Aufnahme des Befundes stattgefunden.

Als noch ernster erwies sich die Lage bei den beiden =romanischen Vierungspfeilern=, auf denen die Hauptlasten der Kirchenmauern ruhen. Während der Abnahme des Verputzes schon fiel ein auf der Westseite des =nördlichen Pfeilers= angebrachter, aber von der Mauer abgerissener und nur noch lose anhaftender steinerner Baldachin herab. Es ist als ein Glück zu betrachten, daß er nicht während des Gottesdienstes auf die Kirchenbesucher herabgestürzt war. Dieser Pfeiler war im übrigen auf allen vier Seiten durch und durch zerrissen. Da im Innern nur schlechtes Brockenmauerwerk zu erwarten war und die großen Mauerlasten (etwa 620.000 kg) lediglich auf den zerborstenen Außenquadern ruhten, so mußte schleunige Abhilfe getroffen werden, wenn man nicht mit einer Katastrophe rechnen wollte, denn der Zusammenbruch des Pfeilers mußte den Einsturz der nördlichen Hälfte der ganzen Mauerwand und des Giebels zwischen Ostchor und Basilika sowie der anstoßenden Gewölbe zur Folge haben.

Die Ursachen, aus denen ein so bedrohlicher Zustand erwachsen war, sind verschiedener Art. Zunächst ist zu bedenken, daß die Vierungspfeiler ursprüglich Tragpfeiler einer romanischen Gewölbeanlage waren, die beim Umbau der Kirche in der gotischen Zeit zum Teil abgebrochen wurde, so daß sich in der Beanspruchung der Pfeiler eine Verschiebung ergeben mußte. Damals sind vielleicht schon die ersten Deformationen entstanden.

Der Anbau des Ostchores und des großen Westgiebels desselben brachte sodann den Pfeilern neue Belastungen, während andererseits durch die Verbreiterung des Seitenschiffbogens und in der Barockzeit durch Einbrüche für Balken, Emporen und Stuhlwerk der Querschnitt der Pfeiler an verschiedenen Stellen weit über das zulässige Maß geschwächt und der Verband aufgehoben wurde. Ist aber einmal der Zusammenhang eines Mauerkörpers gelockert, so wird jede weitere Schädigung von um so schlimmeren Folgen sein. Man kann daher nur staunen über die sorglose Art, in der besonders die letzten Jahrhunderte das Bauwerk, welches schon durch die mittelalterlichen Umbauten die Einheitlichkeit der Konstruktion eingebüßt hatte, vernachlässigt haben.

Der =südliche Pfeiler= erwies sich dem äußeren Anschein nach als in besserer Verfassung, doch ließen bereits vorhandene Backsteinmauerungen und Verschlauderungen nichts Gutes vermuten. Immerhin war am meisten der nördliche Pfeiler gefährdet; auch die Behörden forderten aus Sicherheitsgründen eine Erneuerung des Pfeilers.

So hatten sich neben den künstlerischen Aufgaben noch Arbeiten ergeben, die in konstruktiver und technischer Beziehung große Anforderungen stellten und zudem außerordentliche Geldmittel erheischten. Als ein schätzbarer Berater der Bauleitung erwies sich bei diesen Arbeiten der Ingenieur =Otto Weber=, welcher bei der Lösung der mannigfaltigen technischen Fragen großen Anteil hatte. Aber auch Steinmetzmeister =Johann Göschel=, stets gewissenhaft und unermüdlich, hat sich den ihm gestellten Aufgaben auf das beste gewidmet.

Wie sollte der nördliche Pfeiler ausgewechselt werden? Von den wenigen Beispielen einer solchen =Auswechslung= in der neueren Geschichte der Technik schien die Auswechslung im Bremer Dom von Interesse. Allein eine Abstützung aller in Betracht kommenden Gewölbe- und Mauerlasten, wie sie dort stattgefunden hatte, war hier sowohl wegen der großen Höhe und Unsicherheit eines Holzgerüstes als auch wegen der Feuersgefahr und Kosten nicht zu empfehlen, denn die profilierten Bögen boten für die Abstützungen nur mangelhafte Angriffsflächen und bei einem Holzgerüst waren Setzungen nicht zu vermeiden. Wurden die Lasten aber etwa durch Eisenstützen wirklich abgefangen, so ergaben sich für die Fundierung der letzteren in dem von romanischen Grundmauern durchzogenen, aufgefüllten Chorboden neue Schwierigkeiten. Aus den Beratungen erwuchs schließlich der Plan, den ganzen geborstenen Pfeiler mit einer =Armierung= aus eisernen Trägern ringförmig zu umgeben (Abb. 44 und 45) und innerhalb dieser Ringe unter Beobachtung der größten Vorsicht einen Quaderstein nach dem anderen auszuwechseln; dabei sollte auch in den Mauerkern möglichst tief eingedrungen und dieser durch Ausmauern und Einspritzen von Zementmörtel verbessert werden.

Der =Bauausschuß=, der von allen Vorgängen unterrichtet war, beschloß, die Sicherung des Pfeilers durch die beabsichtigte Armierung sofort vornehmen zu lassen, die Erneuerung selbst aber erst in Verbindung mit der Restaurierung des Ostchores zu bewirken.

Die baulichen Arbeiten in der Westhälfte der Kirche waren damit noch nicht erschöpft. Die =Triforien= (Abb. 4) des Mittelschiffes zeigten sich ursprünglich konstruktiv korrekt zwischen den Tragpfeilern der Joche angelegt. Sie schwächten zwar die Schildmauern, jedoch an einer Stelle, wo dies ohne Nachteil geschehen konnte. Die eigentlichen Tragpfeiler waren massiv und wurden zum Teil durch äußere Strebebögen gestützt. Bei der im Anfang des 14. Jahrhunderts stattgehabten Erweiterung der Seitenschiffe wurden die Strebebögen aber abgebrochen, und als durch die Erhöhung der Gewölbe die Triforien vom Dachboden aus nicht mehr zugänglich waren, wurden die Tragpfeiler durchlöchert, um eine Verbindung der einzelnen Triforien untereinander sowohl wie mit den Gewölbetrichtern zu schaffen. Denn letztere ermöglichten durch hölzerne Treppen wieder einen schmalen Zugang zu dem höher gelegten Dachboden. Infolge dieser Durchbrüche war aber die Sicherheit der Konstruktion des Mittelschiffes wesentlich beeinträchtigt. Noch schlimmer wurde die Sachlage, als in der Barockzeit hölzerne =Emporen=, deren Balken große Löcher im Mauerwerk erforderten, aus den Triforien herausgebaut und aus den letzteren selbst zur Erzielung eines bequemen Zuganges viele Säulen und Bögen entfernt wurden. Bei dem im 19. Jahrhundert erfolgten Abbruch dieser Emporen hatte zwar ein Wiedereinsetzen dieser Säulen, aber ohne jedes Verständnis für die bestehenden Schäden in der sorglosesten Weise stattgefunden, so daß diese »Restaurierung« nichts als eine oberflächliche Kaschierung war.

Hier mußte überall in gewissenhafter und gründlicher Art Abhilfe geschaffen werden. Da außerdem an verschiedenen anderen Stellen der Kirche, z. B. an der zu einem Schrank mit Fächern aus steinernen Platten umgewandelten Arkade zwischen Löffelholzchor und nördlichem Turm, Veränderungen und Ergänzungen am Mauerkörper stattzufinden hatten, so kann nicht Wunder nehmen, daß über 2000 Werksteine aus Wendelsteiner Quarzit im Laufe des Jahres eingewechselt oder neu eingesetzt werden mußten.

An den reizvollen romanischen =Skulpturen=, Konsolen, Kapitälen und sonstigem Laubwerk wurden die vielfach fehlenden Teile durch freie Anmodellierung in Masse mit Hilfe von Dübeln wieder neu hergestellt.

Eine Anzahl von rechteckigen Vertiefungen an den Pfeilern des nördlichen Seitenschiffes, welche ehemals wohl =Bronzetafeln= enthielten und auf das Vorhandensein von Gräbern dortselbst schließen lassen, wurden in dem aufgedeckten Zustande belassen. Auch die Reste eines im Löffelholzchor aufgefundenen romanischen =Steinfußbodens= wurden zu beiden Seiten des Altares dortselbst wieder verwendet.

Die bis jetzt beschriebenen Arbeiten füllten fast das ganze Jahre 1903 aus; Mitte Oktober waren die Hauptgerüste gefallen und auch der in seiner Architektur so reich und reizvoll ausgestattete =Engelschor=, dessen Gewölbekappen wegen der Jahrhunderte lang stattgehabten Durchfeuchtung größtenteils erneuert werden mußten, fertiggestellt. Bis auf den tödlichen Sturz eines Tünchergesellen war alles glücklich vonstatten gegangen. Nun konnten die Gerüste immer weiter entfernt und mit den Arbeiten an den =Holzgalerien=, =Altären= und =Votivbildern= begonnen werden. Hier sind besonders zu nennen die steinerne =Kreuztragung= von Adam Kraft (Abb. 87) sowie die prächtigen Stammtafeln der Patriziergeschlechter =Löffelholz=, =Ebner= (Abb. 113) und =Pömer=. An diesen Kunstwerken fanden Ergänzungen vieler abgeschlagener Teile, Abschaben der weißen Übermalung und die Wiederherstellung der Vergoldung und Polychromie unter möglichster Schonung des alten Bestandes statt.

Den Hauptteil der figürlichen Plastik in der Westhälfte der Kirche bilden die an den Mittelschiffpfeilern angebrachten elf =Apostelstatuen= (Abb. 77 bis 81), welche im ganzen gut erhalten waren. Die Attribute, die bei einigen fehlten, waren leicht festzustellen und wurden erneuert. Im Mittelschiff fanden sich ferner auf der Südseite die Statue =Johannes des Täufers= und auf der Nordseite ein =Thomaschristus=, beide gut erhalten, im nördlichen Seitenschiff zunächst das Kaiserpaar =Heinrich und Kunigunde= (Abb. 82 und 83); der Kaiserfigur war das Szepter neu beizugeben. Ohne Ergänzung konnten sodann die vortreffliche Statue =Bischof Erhards= (Abb. 84) sowie ein =Thomaschristus= bleiben. Im südlichen Seitenschiff waren eine =Katharina=, eine =Helena= (Abb. 85) und eine =Antoniusstatue= vorhanden, bei denen teils Ergänzungen, teils Erneuerungen der Attribute erforderlich wurden. Für eine =Marienstatue= mit dem Christuskind, die sich in der südlichen Turmhalle zur Seite gestellt vorfand, konnte am ersten südwestlichen Mittelschiffpfeiler der alte Standplatz festgestellt werden. Sie wurde an demselben wieder aufgestellt und erhielt ein neues Szepter, das Kind einen neuen Arm. Ein kleiner =Thomaschristus= mit dem Ebnerwappen, der unter der Fülle von Statuen an diesem Pfeiler erdrückt erschien, wurde in den Löffelholzchor versetzt. Die =ursprüngliche Polychromie= ließ sich bei allen Statuen leicht ermitteln und wurde sorgältig wiederhergestellt. In vielen Fällen, besonders auch bei den teppichartigen, farbigen Hintergründen konnte sich diese Arbeit auf eine Restaurierung der im ganzen noch gut erhaltenen Bemalung beschränken.

Auf diese Weise erhielt die bisher weiß getünchte Kirche an Pfeilern und Wänden einen reichen farbigen Schmuck, zu dem der lichte, etwas ungleichmäßige Mauerton einen glücklichen Hintergrund bildete.

Noch fehlten jedoch den Pfeilern die ehemals dort angebrachten zahlreichen und prächtigen =Totenschilde= der Patrizier, welche in den alten Kupferstichen gewissenhaft dargestellt sind. Kirchenrat Michahelles richtete eine Anfrage und Bitte an die in Frage kommenden Familien um Wiederherausgabe dieser Schilde. Der Erfolg war hocherfreulich. Von der =von Löffelholz=schen Familie wurden 21 Schilde (Abb. 115) überlassen, von den Familien =von Haller= 12 (Abb. 117 und 118), =von Kreß= 7 (Abb. 116), =von Ebner= 4 (Abb. 119) und =von Harsdorf= 11 Schilde. Die Wiederherstellungsarbeiten wurden in der Bauhütte ausgeführt und die Schilde in der Kirche an Pfeilern und Wänden in Gruppierungen, wie sie möglichst dem früheren Bestande entsprachen, aufgehängt.

Die Wandmalereien: =Christophorus= (Abb. 46), =Tod Mariä= und =Gregoriusmesse=, welche aufgedeckt worden waren, wurden durch Kunstmaler Pfleiderer unter Mithilfe des Konservators Professor Haggenmiller restauriert und die beiden letzteren mit hölzernen Schutztürchen versehen. In der südlichen Turmhalle fand ein neues brunnenartiges Becken mit Wasserleitung seinen Platz.

Der Fußboden aus Wendelsteiner Quarzitplatten war fast ganz zu erneuern; und auch die =Glasmalereien= erforderten zwar nicht wesentliche Restaurationen, jedoch kleinere Ausbesserungen und neue Bleifassungen. In den Fenstern des Löffelholzchores gelangten sechs neue =Bildtafeln=, von Zettler in München nach Professor Wanderers Entwurf gefertigt, zur Aufstellung. Daneben wurden teils alte, teils neue Wappen angebracht. Stifter dieser Fenster sind die Familien von Löffelholz, von Haller, von Kreß, von Scheurl und von Tucher.

Störend wirkten bis jetzt die =Kirchenbänke=, deren Seitenteile mit pseudogotischen Verzierungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts versehen waren. Die heutige Denkmalpflege verlangt da, wo nicht etwa an einem alten Objekt kleine Teile zu ergänzen, sondern wo neue Objekte zu schafren sind, =neuzeitliche= Formen. Eine gefährliche Aufgabe in einer so ehrwürdigen Umgebung. Dem Unterzeichneten schien es am zweckmäßigsten, in solchen Fällen möglichst =indifferente, einfache Formen= anzuwenden, welche gegenüber den vorhandenen Kunstwerken in den Hintergrund treten sollten. In dieser Art war schon die Gestaltung des Wasserbeckens im südlichen Turm und der Holzläden vor der Gregoriusmesse erfolgt; sie sollte auch für die späteren Arbeiten im Ostchor (Sakristeivertäfelung und verschiedene Eisenbeschläge) beibehalten werden. Daher entstanden nun auch an den Bänken neue Seitenteile mit einem einfachen, schlichten Schneckenabschluß. Andererseits fand da, wo vorhandene alte Teile dazu Veranlassung gaben, z. B. bei den mannigfachen eisernen Schranktüren, die Ergänzung im alten Stil und Charakter statt. Das geschilderte Prinzip wurde nach besten Kräften durchgeführt; wo eine kleine Abweichung stattfand und eine Neuschöpfung den Archäologen zu einem Irrtum verleiten könnte, wurde die Jahreszahl beigefügt.

Ende März konnten die von Konservator Mayer geschickt restaurierten Gemälde wieder zur Aufstellung gelangen. Bei den =Predellabildern= des Löffelholzaltares hatte sich unter einer wertlosen Übermalung die mittelalterliche Darstellung der alten Stifter gefunden. Auch bei den anderen Bildern war hie und da eine unverständige spätere Übermalung entfernt worden. Namentlich die alte Vergoldung kam unter einer überdeckenden stumpfen Farbschicht, z. B. bei den Hintergründen des Halleraltares, und zwar meist gut erhalten, wieder zum Vorschein.

Die alte barocke =Orgel= auf dem Engelchor erhielt ein neues Orgelwerk, das eine Erweiterung des Gehäuses nach den beiden Seiten zur Folge hatte und von Orgelbaumeister Strebel gebaut wurde.

Alle Kunstschreinerarbeiten und die hiebei erforderlichen Schnitzereien wurden in den Werkstätten der Bauhütte gefertigt. Schließlich ist zu erwähnen, daß im ersten westlichen Joche des nördlichen Seitenschiffes eine Reihe von steinernen =Originalstatuen= vom Äußeren der Kirche, welche im Laufe der Jahre erneuert worden waren, zur Aufstellung gelangten.

So konnte Ostern 1904 die Restaurierung der =Westhälfte= von St. Sebald nach 15monatlicher Bauzeit beendet werden; und nachdem der Bauausschuß die dargelegten Grundzüge für die Wiederherstellung des =Ostchores= genehmigt hatte, wurde sogleich mit den Arbeiten in diesem begonnen.

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Zunächst waren auch hier die beweglichen Kunstgegenstände in der Bauhütte, wo sie restauriert werden sollten, in sichere Verwahrung zu bringen. Sodann wurden die Bildtafeln: =Maria mit Heiligen= von Hans von Kulmbach 1513 (Taf. XV), =Ecce homo= aus dem Tucheraltar von Merian 1659, die =Kreuztragung= von 1485, die =Auferstehung= aus dem Muffelaltar, das =Paradies= von Kreuzfelder 1603, die Flügel des =Petrusaltares= mit zwölf Bildern und schließlich die Flügel des =Annaaltärchens= in die königl. Gemäldegalerie nach Augsburg zur Restaurierung durch Konservator Mayer gesendet. Zu gleichem Zwecke wurde eine kleinere Anzahl von Tafelbildern an Kunstmaler Bär übergeben. Dann war der ganze Ostchor im Innern einzurüsten, um alle Wände, Pfeiler und Gewölbe zu gleicher Zeit in Angriff nehmen zu können; hernach begann das Abschaben der Tünche.

Das Ergebnis war im allgemeinen das gleiche wie in der Westhälfte. Es trat ein gelblicher Grundton der Wände zutage. Die Gewölbekappen, mit schwarzen Strichen versehen, waren etwas heller. An den =Schlußsteinen= fand sich die von der Westhälfte her bekannte Polychromie der übrigens außerordentlich reizvollen Skulpturen und eine ornamentale Bemalung der =Rippen= in der Nähe des Gewölbeschlusses. Ferner eine rötliche Tönung der Fensterleibungen. Außerdem waren aber =einzelne Partien= der plastischen Wanddekoration, z. B. Statuen mit zugehörigen Baldachinen und Rückwandflächen (Abb. 47), farbig behandelt, je nachdem wohl von den Patrizierfamilien, welche in den entsprechenden Jochen ihre Gräber und Totentafeln besaßen, eine Stiftung dazu stattgefunden hatte. Daher erwiesen sich einzelne Baldachine =reich polychromiert= und vergoldet, während ihre Nachbarn den =schlichten Steinton= zeigten.

An =Wandmalereien= wurde zunächst eine an die Restaurierung von 1657 erinnernde =Tafel= über dem Kaiserchörlein und ein =Veronikatuch= dortselbst aufgedeckt, bei welch letzterem die ursprünglich wohl vorhandenen Engel in die Apostel Petrus und Paulus umgewandelt waren, ferner figürliche =Fragmente= an der nördlichen und südlichen Sakristei, im Dreikönigschor und hinter dem Muffelaltar sowie Teppichmuster beim Tucheraltar und dem südwestlichen Chorpfeiler. Die Restaurierung all dieser Bildreste beschränkte sich auf das Notwendigste. Es wurde der archäologische Bestand möglichst erhalten und über ein vorsichtiges Austupfen der weißen Flecke innerhalb der farbigen Flächen nicht hinausgegangen. Die Fragmente behielten ihren Charakter als solche bei.

Weitere größere =Wandmalereien= zeigten sich bei den Tucherschen Chorstühlen. Über dem ersten westlichen Stuhl kam nach Wegnahme des Kulmbachschen Bildes eine =Kreuzschleppung= von 1473 (Gedächtnis der Frau Barbara Steinlinger) zutage, von welcher, so schlecht sie auch erhalten war, ein größerer Teil, eine isometrische Darstellung der Stadt Jerusalem, von der Wand auf Leinwand abgezogen werden konnte. Merkwürdigerweise fand sich darunter eine =zweite= frühere =Kreuzschleppung=, ebenfalls ein Steinlingersches Gedächtnis, allerdings in noch schlechterem Zustande vor; es gelang jedoch auch hier einige Teile, hauptsächlich Köpfe, abzuziehen und so zu erhalten.

Als in besserem Zustande erwiesen sich die Wandbilder beim Tucheraltar, nämlich eine =Pilgerstätte= und mehrere =Heiligenfiguren=. Den interessantesten Fund bildeten aber die in der Farbe auffallend gut erhaltenen =Malereien aus der Apostelgeschichte= (Abb. 106), welche hinter dem Petrusaltar zum Vorschein kamen. Da dieser Altar mit seiner alten Mensa nicht versetzt werden konnte, so mußten auch hier die Bilder von der Wand abgezogen werden. Sie wurden auf eine Mörtelschicht gebracht und hinter dem Muffelaltar aufgestellt. Das gleiche geschah mit dem erwähnten in Öl gemalten Pilgerbild. Die Restaurierung fast aller Wandmalereien führte Kunstmaler Pfleiderer aus. Die Abendmahl- und Ölbergdarstellung hinter dem Tucheraltar, ein Ölgemälde aus dem Jahre 1423 wurde unter Preisgabe einer schlechten Übermalung vom Jahre 1627 durch Konservator =Mayer= restauriert.