Die Sebalduskirche in Nürnberg
Part 12
Es stellten sich -- wie so oft -- die Schäden an den Fenstern der Glockenstube als viel schlimmer heraus, als bisher angenommen war. Die freistehenden =Mittelpfeiler der Fensteröffnungen= zeigten sich auf der Nord- und Westseite vollständig zerrissen, so daß ein Herausnehmen derselben und ein Ersatz durch neue Pfeiler unabweislich war. Die Wegnahme einer solchen Stütze in einer Höhe von 40 m über der Erde und bei den in einem vielhundertjährigen Mauerwerk nicht mit absoluter Sicherheit festzustellenden Druck- und Schubverhältnissen erforderte natürlich große Vorsicht.
Nach eingehenden Beratungen auch im Bauausschuß wurde beschlossen, vor der Herausnahme der Pfeiler die Fensteröffnungen provisorisch zu vermauern.
Mit Hilfe dieses zwar nicht billigen, jedoch in Hinsicht auf den Zweck verhältnismäßig einfachen und dabei sicheren Mittels ging die =Auswechslung= ohne Störung vonstatten, so daß Mitte Juli der letzte Stein der provisorischen Ausmauerung wieder entfernt werden konnte. Das nordöstliche =Turmeck=, welches in der Kämpferhöhe des Mittelschiffes durch die schon früher aufgefundene Treppe in seinem Querschnitt bedenklich reduziert war, hatte vor diesen Arbeiten an der Glockenstube durch Ausmauerung die nötige Verstärkung erfahren.
Danach handelte es sich um die Wiederherstellung des oberen Teiles der beiden =Strebepfeiler= auf der Südseite des Turmes.
Bei dem westlichen dieser Pfeiler befand sich unter einem tief in die Mauer einbindenden und den oberen Teil des Pfeilers tragenden Baldachine ein überlebensgroßer =Kruzifixus=, der ebenso wie die Skulpturen an den Wimpergen der Pfeiler fast bis zur Unkenntlichkeit verwittert war. Der Kruzifixus wurde daher schon Anfang März heruntergenommen und in der Hütte erneuert.
Da der Baldachinstein aber unmöglich ohne Gefahr für den oberen Pfeiler in seiner ganzen Größe herausgebrochen werden konnte, so mußte er in einzelnen Stücken zum Teil in schwalbenschwanzförmigem Verbande ausgewechselt werden.
Auch der östliche Pfeiler erwies sich als so schlecht, daß er auf eine Höhe von 11 m vollständig abzubrechen und zu erneuern war, was besondere Rücksicht auf guten Verband mit dem Turmmauerwerk erforderte.
Im Oktober waren diese Arbeiten am Turme beendet, so daß die Gerüste, die auf mehreren durch die Fenster der Glockenstube laufenden Balken aufruhten, entfernt werden konnten.
Jetzt wurde auch das bisher eingestellte Geläute wieder in Tätigkeit gesetzt und die feststehende Feuerglocke, die als solche nicht mehr benutzt wurde, wieder läutbar gemacht.
Unterhalb der Glocken war ebenso wie auf dem Nordturm ein mit Zinn gedecktes Schutzdach zur Wasserabführung anzubringen.
Die hölzernen Treppenaufgänge im Innern des Turmes wurden verbessert.
Daneben hatte die Hütte anfangs Juni mit den Versetzarbeiten an dem ganz zu erneuernden =Dreikönigschore= begonnen. Er wurde mit einem neuen Kupferdach versehen und konnte nach Aufstellung der gleichfalls erneuerten =Statuen= im August abgerüstet und dem Gebrauch wieder übergeben werden.
Auch wurde den Sommer über das große Mittelschiffdach nach vorhergegangener Erneuerung der Lattung unter Ersatz vieler verwitterter Dachziegel umgedeckt.
Hieran schloß sich die Umdeckung des Daches auf dem Löffelholzchor, wobei durch eine Umänderung des Dachstuhles zwischen den beiden Türmen die dortigen Dachanschnitte verbessert wurden. Bei dieser Gelegenheit fand sich innerhalb des Dachraumes der Giebel zwischen Chor und Mittelschiff mit einem Bogenfries geschmückt vor, so daß anzunehmen ist, daß das Chordach früher unterhalb des Giebels anschloß. Rinne, Abfallrohre und Blitzableiter wurden auf diesen Dächern in Kupfer wieder erneuert.
Im Mittelschiff wurde auch der Dachstuhl selbst ausgebessert, der Schutt aus dem Gewölbezwickeln entfernt und der Boden gebrettert.
Eine im April angestellte Untersuchung des =Löffelholzchores= hatte ergeben, daß im Innern einzelne Steinstücke herunterzufallen drohten, so daß eine Absperrung für nötig gehalten wurde. Als im November mit unterdessen aufgestellten Gerüsten genauer untersucht werden konnte, ergab sich als Ursache eine Anzahl von Bewegungen, die in den fünf Seiten des Chorabschlusses stattgefunden hatten. Nach Wegnahme des auf den Gewölben lastenden Schuttes ließen sich vom Hauptgesims bis zum Erdboden laufende Risse verfolgen, deren Breite bis zu 10 cm betrug.
Eine alte hölzerne Verschlauderung fand sich denn auch auf dem Engelschor, hatte sich aber als ganz unzureichend erwiesen.
Daher beschloß der Bauausschuß, im Innern eine neue radiale und im Äußern zwei Ringschlaudern von Eisen anzubringen, jedoch so, daß dieselben äußerlich nicht sichtbar sein sollten.
Im übrigen waren für die Instandsetzung des Löffelholzchores bereits eine Anzahl von Werkstücken fertiggestellt. Die Versetzarbeiten sollten aber erst im nächsten Jahre beginnen.
Von den an der Kirche befindlichen Grabdenkmälern wurden im laufenden Jahre mehrere erneuert.
Dem Stadtmagistrat wurden eine Anzahl interessanter Steinstücke vom Dreikönigschor und der südlichen Turmgalerie zur Aufstellung an der Stadtmauer überlassen.
=1902.= Das neue Jahr wurde in der Hauptsache durch die Wiederherstellung des =Löffelholzchores= in Anspruch genommen.
Im Innern wurden die Risse gereinigt und ausgemauert sowie eine große Zahl zersprengter Werkstücke erneuert. Im Frühjahr konnten die Gerüste wieder entfernt werden, doch blieb die Instandsetzung der unteren Wandflächen, an denen des Gestühles wegen viele Gesimse abgeschlagen waren, ebenso wie die des =Engelchores= der späteren Innenrestauration vorbehalten.
Auch im =Äußern= begannen im Frühjahr die Versetzarbeiten. Trotzdem viele Werkstücke schon im Winter fertiggestellt waren, konnte die benötigte Anzahl nicht mehr in diesem Jahre bearbeitet werden.
Während der Versetzarbeiten fand auch die Verlegung der Schlaudern statt. Zunächst wurden die beiden Ringschlaudern oberhalb und unterhalb der Engelschorfenster, welche aus einzelnen mit Bolzen verbundenen Eisengliedern bestanden, in die Mauer eingelegt und mit Steinplatten verkleidet. Auf der Nord- wie auf der Südseite fanden die Schlaudern ihren Halt in den starken Turmmauern.
Danach wurde die Radialschlauder in der Fußbodenhöhe des Engelschores verlegt. Diese, welche aus einzelnen Gabelschlaudern bestand, die die Ecken des Chores faßten und sich in der Mitte vereinigten, fand ebenfalls ihren Halt in den Turmmauern.
Die äußere Wiederherstellung des Westchores nahm dann ihren Fortgang und war bis zum Ende des Jahres bis zur Höhe des ehernen Kruzifixus fortgeschritten.
Am südlichen Seitenschiff waren noch die Arbeiten vom Kaffgesims ab zu vollenden. Die Schuppen und Gerüste, welche dies bisher verhindert hatten, wurden im Juni abgebrochen, so daß auch diese Arbeiten und daneben die Herstellung neuer kupferner Abfallrohre und einer neuen Kanalisation zu Ende geführt werden konnten.
In Verbindung damit wurde auch der untere Teil der =Südseite des südlichen Turmes= in Stand gesetzt. Doch zeigten sich hier wieder bedenkliche Risse, welche die Anbringung einer größeren (übrigens zum Teil im Äußeren sichtbaren) Schlauder erforderlich machten; größte Vorsicht war bei den Auswechslungsarbeiten geboten. Diese Arbeit währte bis in den Dezember hinein.
Das Relief »Mariä Verkündigung«, bisher am Nordturme, wurde an die nördliche Sakristei versetzt.
Da nun bald mit der Wiederherstellung des =Innern der Sebalduskirche= begonnen werden sollte, nahm Professor =von Hauberrisser= mit Rücksicht auf die hierbei erforderliche ununterbrochene Anwesenheit des leitenden Architekten Veranlassung, der Kirchenverwaltung vorzuschlagen, den mit ihm bestehenden Vertrag zu lösen und denselben vom 1. Januar 1903 ab für alle weiteren Arbeiten mit dem Unterzeichneten abzuschließen, was geschah.
=1903.= In diesem Jahre fand zunächst die Beendigung der Auswechslungsarbeiten am unteren Teile des =Westchores= statt, die von der Höhe des Kaffgesimses an bisher noch zurückgeblieben waren.
Der bestehende =Eingang= in die =Krypta=, dessen reich profilierte Umrahmung aus dem 19. Jahrhundert stammte, wurde durch Wegmeißeln der stillosen Profile vereinfacht. Das Gleiche geschah mit der Türe, die reiche pseudoromanische Bänder aus dünnem Blech zeigte.
Am südlichen sowohl wie am nördlichen Turm harrten noch die =romanischen Portale= der Restaurierung (Abb. 15, 16, 17, 18). Bei beiden Portalen, die ohne organische Verbindung mit dem eigentlichen Baukörper der Kirche sind, waren die Bogensteine nicht eigentlich verwittert, aber an den Kanten bei den Stoßfugen stark verletzt, die Kapitäle teils schlecht erneuert, teils fast ganz unkenntlich geworden und auch die Säulenschäfte in schlechtem Zustand.
Wegen der unterdessen bei der Innenrestaurierung aufgedeckten Schäden am nördlichen Turm mußte jedoch die Restaurierung des dortigen Portales, damit der Turm nicht gleichzeitig an mehreren Stellen durch Ausbrüche geschwächt würde, vorläufig zurückgestellt werden.
Im April wurde mit den Versetzarbeiten am =südlichen Portal= begonnen. Im November war dasselbe erst vollendet.
Die Hütte war hauptsächlich mit der Innenrestaurierung beschäftigt, daher waren für die äußeren Arbeiten weniger Steinmetzen tätig als bisher.
=1904.= Die Aufgabe, welche für das letzte Baujahr der äußeren Wiederherstellung noch verblieb, bestand in der Restaurierung des =nördlichen Turmportals= und des unteren rings um die Kirche laufenden Sockels, der viele Schäden zeigte und in früheren Jahren wohl oft, aber niemals gründlich ausgebessert worden war.
Die Restaurierung am nördlichen Turmportale wurde im März begonnen und fand in der gleichen Weise wie am Südturm statt. Sie war im Juni vollendet.
Dann begannen die Ausbesserungen des Sockels, der besonders am Ostchor eine große Anzahl neuer Quadern und sorgfältiges Ausstopfen der vielen ohne Mörtel vorgefundenen Lagerfugen erforderte.
Mit dem Ende des Jahres war auch diese Arbeit beendet und die =Restaurierung= konnte als abgeschlossen gelten. Die Hütte wurde nunmehr im ganzen Umfange für die Zwecke der Innenrestaurierung verwendet.
Daher mußte auch die Regulierung der Umgebung der Kirche auf der West- und Südseite, die besonders einer Verbesserung bedürfte, vorläufig zurückbleiben.
Die =Bausammlung= der Kirche, zu welcher der Anfang schon im Jahre 1889 durch Aufbewahrung der aufgefundenen Reste der Ostchorgalerie gemacht worden war, hat im Laufe der Jahre einen ziemlichen Umfang angenommen; sie enthält nicht nur von fast allen Teilen der Außenfassaden in einzelnen Stücken die hauptsächlichsten Originalreste, welche für die Wiederherstellung maßgebend gewesen sind, sondern auch eine große Anzahl von Modellen und mancherlei Fundstücke.
Die =Hauptpläne= der Restaurierung überwies Professor von Hauberrisser dem =städtischen Archiv=. Die große Zahl der gefertigten =Detail- und Werkpläne= sind jedoch gleichfalls der =Sammlung= einverleibt. Diese selbst ist an zwei getrennten Orten untergebracht: zum Teil in der Westchorkrypta (Abb. 139), zum anderen Teil im Obergeschoß der nördlichen Sakristei.
Von den Mitgliedern des =Bauauschusses= war im Laufe der Jahre Magistratsrat Tauber gestorben und Fabrikbesitzer von Forster und Ingenieur Rupprecht wegen Wohnungswechsels ausgetreten. Die Lücken wurden ergänzt durch Kommerzienrat Liebel, an dessen Stelle später Magistratsrat Häberlein trat, ferner durch Großhändler und kgl. Handelsrichter Heerdegen und Fabrikbesitzer Thäter.
In der Vorstandschaft der =Kirchenverwaltung= war Stadtpfarrer und Dekan =Heller= durch Stadtpfarrer =Lotholz= abgelöst worden. Seit dessen Erkrankung führt Stadtpfarrer =Schiller= den Vorsitz.
Stadtpfarrer Lotholz ist unterdessen gestorben, Kirchenrat Heller [[gestorben] 1907] steht heute der Restaurierung der Schwesterkirche St. Lorenz vor.
Für die Beschaffung der =Mittel=, welche abgesehen von drei Lotterien aus den namhaften Unterstützungen seitens deutscher Fürsten, dann der Stadt und vieler kunstsinniger Familien und anderer Personen flossen, war der =Verein für die Restaurierung der Sebalduskirche= tätig, in dessen Vorstandschaft Justizrat Freiherr von Kreß, Justizrat Vollhardt und Kommerzienrat Schwanhäußer die Verwaltung führten unter dem Vorsitze des Kirchenrates =Michahelles=, =des eifrigsten Freundes und Förderers des ganzen Wiederherstellungswerkes=.
=Nürnberg=, den 31. Dezember 1904. Prof. J. =Schmitz=, Architekt.
4. Bericht der Bauleitung über die Instandsetzung des Innern. 1903-1906.
Bei einem Besuche der Sebalduskirche wird sogleich die Verschiedenartigkeit der baulichen Anlage ins Auge fallen. Denn die noch bestehenden Teile der engen =romanischen Basilika= bilden einen großen Gegensatz zum weiten =gotischen Hallenchor=: es mangelt daher die Einheitlichkeit der Raumwirkung. Auch in der formalen Detailausbildung kommt jede der beiden Hauptbauperioden charakteristisch zur Erscheinung, doch verleiht dies der Kirche neben dem kunstgeschichtlichen Interesse einen außerordentlichen malerischen Reiz. Erhöht wurde dieser noch durch die Fülle von wertvollen Kunstwerken, mit denen die folgenden Jahrhunderte die Kirche schmückten.
Schon die =Gotik= hat ein Dekorationsmotiv ihrer Art in den romanischen Bau hineingetragen, indem sie, abgesehen von anderem statuarischem Schmuck, an den Pfeilern des Mittelschiffes unter Baldachinen zwölf Apostelstatuen anbrachte. Daneben wurde, wie sich im Laufe der Restauration erwiesen hat, in jener Zeit fast die ganze Kirche an Wänden und Gewölben mit einer einheitlichen Polychromie versehen, die an verschiedenen Stellen durch figürliche Darstellungen eine Steigerung erfuhr.
Das =15. und 16. Jahrhundert= haben sodann eine Reihe weiterer Schmuckstücke an kostbaren Bildwerken, Epitaphien und Einrichtungsgegenständen hinzugefügt, welche der Verehrung des Kirchenpatrons, den gottesdienstlichen Zwecken und dem Gedächtnisse der Patrizierfamilien, die hier ihre Grabstätten besaßen, ihre Entstehung verdanken.
In der =Barockzeit= ging freilich von der mittelalterlichen Erscheinung vieles -- unter anderm durch Übertünchung die farbige Wirkung des Innern -- verloren. Auch die hauptsächlichsten Mobiliarstücke wurden entfernt. Es entstand ein anderes Bild durch die Errichtung eines neuen mächtigen Hauptaltares, neuer Seitenaltäre, einer neuen Kanzel und hölzerner Emporen, welch letztere, zum Teil an den Wänden des Mittelschiffes angebracht und von den Triforien aus zugänglich, das Mittelschiff noch mehr einengten und verfinsterten.
Engelsstatue von der Volckamerschen Verkündigung mit Baldachin und Konsole.]
C. =Heideloff=, einem Hauptvertreter mittelalterlicher Romantik in der Architektur des 19. =Jahrhunderts=, blieb es vorbehalten, die Kirche von barocken Zutaten zu purifizieren, den Hauptaltar und einen Teil der Emporen zu entfernen und an Stelle des ersteren ein Werk eigener Erfindung aufzustellen. Bei der Orgel und beim Stuhlwerk schienen ihm Änderungen unerläßlich. Auch sonst wurde den noch vorhandenen nachmittelalterlichen Kunstwerken in dieser Zeit eine besondere Wertschätzung nicht zuteil. Die neugotische Kanzel entstand an Stelle der barocken als ein gemeinsames Werk von Heideloff und A. Kreling.
Nunmehr sollte im Anschlusse an die 1888-1902 stattgehabte =Restauration des Äußeren=, die bereits durch Freilegung der Mittelschiffenster der Kirche eine größere Lichtzufuhr gebracht hatte, auch eine =Instandsetzung des Innern= der Sebalduskirche erfolgen. Mit der Leitung derselben betraute die Verwaltung des Vereinigten Protestantischen Kirchenvermögens auf Empfehlung Prof. von Hauberrissers den Unterzeichneten und schloß einen diesbezüglichen Vertrag am 12. Dezember 1902 mit ihm.
Niemand war darüber im Zweifel, daß es sich um eine umfangreiche und mehrjährige Arbeit handle, denn der Zustand der Kirche war ein sehr bedauernswerter. Die in den letzten Jahrhunderten ganz vernachlässigten Altäre, Statuen und sonstigen wertvollen Bildwerke waren zum guten Teil zerbrochen und ihres Schmuckes beraubt. Die Vergoldungen und die farbigen Gewänder der Statuen fanden sich dick mit weißer Ölfarbe überstrichen. Wertvolle Holzornamente sowie zierliche Eisenteile des 15. Jahrhunderts lagen mit Unrat vermengt in offenen Schränken und Kästen; dazwischen Stoffteile von alten gewebten und gestickten Paramenten. Schon vor einigen Jahren hatte Kirchenrat Michahelles, dem die Abstellung solcher Mängel sehr am Herzen lag, durch Prof. von Hauberrisser einen 4 m breiten neuen Schrank herstellen lassen und in diesem die vorhandenen kostbaren =Gobelins=, nachdem ein Verzeichnis derselben angefertigt worden war, unter sicheren Verschluß gebracht. Zur gleichen Zeit gelang es dem Unterzeichneten noch eben, aus einem zur Abfuhr bestimmten Schutthaufen ein steinernes =Relief=, die Auferweckung des Lazarus, dem Anschein nach von Veit Stoß, zu retten.
Die Wände der ganzen Kirche zeigten eine gleichmäßige Tünchung in zwei Tönen: gelblich und violett. Die Hunderte von =Totenschildern=, welche die Kirche ehemals schmückten, waren bei einer beim Übergang Nürnbergs an Bayern stattgehabten »Säuberung« hinausgeschafft und zum Teil den betreffenden Familien zurückgegeben worden. Daß unter der geschmacklosen =Tünchung= mittelalterliche Malereien verborgen seien, die der Auferstehung harrten, mußte jedem mit der mittelalterlichen Kunst Vertrauten zweifellos scheinen.
So wurde denn am 1. Januar 1903 mit den Arbeiten begonnen und zunächst, um während der Restaurierung den Gottesdienst möglichst wenig zu beeinträchtigen, die basilikale westliche Kirchenhälfte vom Ostchor, in welchem der Gottesdienst stattfinden sollte, durch eine Holzwand getrennt. Durch das Baugeschäft von G. Goll & Söhne erfolgte sodann die Einrüstung der Kirche, und zwar des Mittelschiffes und der Seitenschiffe des Löffelholzchores und der Turmhallen vom Boden bis zum Gewölbe. Von den =Gemälden= wurden die nachfolgenden zur kgl. Gemäldegalerie nach Augsburg gesendet, um dort von Konservator A. =Mayer= teils gereinigt und aufgefrischt, teils restauriert zu werden: Die Flügeltafeln des =Löffelholzaltares= (des Schreines und der Predella) (Abb. 43), die drei =Tafelbilder= im Löffelholzchor, die Tafel =Mariä Krönung=, der =Hallersche Altar=, die =Geburt Christi= (von 1478) und die =Auferweckung des Lazarus= von Ruprecht oberhalb der Nordtüre. Die übrigen kleineren Bildwerke und Skulpturen wurden in die Arbeitsräume der Bauhütte gebracht, während die größeren an Ort und Stelle vorläufig durch Einpackungen vor dem zu erwartenden Baustaub zu schützen waren.
Nunmehr wurde vorsichtig mit dem Abschaben und Abklopfen der Tünche begonnen. Schon bald zeigten sich an den Gewölben, und zwar an den Rippen und Schlußsteinen, Spuren von =Polychromie=, und es dauerte nicht lange, bis das System der ehemaligen Bemalung des Kircheninnern klar gestellt werden konnte. Zwei verschiedene Arten der letzteren waren zu unterscheiden. Eine einfache Quaderbemalung in zwei Tönen (grau und rot) im Löffelholzchore, dessen Gewölbefelder außerdem einen gemalten Steinverband aufweisen, sowie die vorgefundene schwärzliche Tönung einzelner Gesimse und besonders der Säulenschäfte -- ein Anklang an die Verwendung von Schiefer bei den rheinischen Bauten -- dürfte als noch zur romanischen Bauperiode gehörig anzusprechen sein. Andererseits muß die in schwarz, rot, gelb und blau hergestellte Bemalung der Rippen im Mittel- und Seitenschiff (Taf. IX) und die Polychromie der Statuen und ihre teppichartigen Hintergründe (Taf. XII) dem 14. und 15. Jahrhundert zugewiesen werden. Für die vorgefundene Bemalung erscheint der Umstand bemerkenswert, daß ein einheitliches starres System nicht aufdringlich zutage tritt; vielmehr bietet eine je nach Gelegenheit und Veranlassung stattgehabte farbige Ausschmückung einzelner Teile der Kirche ein ungemein abwechslungsreiches und malerisches Bild.
Erhöht wurde dieser Reiz durch die =figürlichen Wandmalereien=, welche an verschiedenen Stellen aufgedeckt wurden. Von diesen sei zunächst eine Figur des =Christophorus= erwähnt, welche in Riesengröße fast die ganze Wandfläche des südlichen Turmes innerhalb des dortigen Seitenschiffes bedeckt. Oberhalb derselben zeigen sich =Reste= einer noch früher vorhanden gewesenen und gut erkennbaren Christophorusdarstellung, vermischt mit Fragmenten eines ebenfalls an der gleichen Stelle bestandenen =Veronikatuches= mit dem Christuskopf, welches von Engeln gehalten wird. An einem südlichen Pfeiler des Mittelschiffes fand sich ein Gemälde, den =Tod Mariä= darstellend, das ehemals die Rückwand eines Altares dortselbst gebildet haben dürfte. Darüber Reste von kleineren Gemälden. An einem anderen Pfeiler beim Dreikönigsportal wurde ein weiteres Gemälde, die sogenannte =Gregoriusmesse=, aufgedeckt. An den Brüstungen der Empore im nördlichen Seitenschiff konnten nach Entfernung einer braunen Farbschicht hübsch gemalte Maßwerke und reiche =Wappen= der Patrizierfamilien, welche dort heute noch ihren Sitz haben, bloßgelegt werden.
Mußte auf der einen Seite als Vandalismus empfunden werden, wie frühere Zeiten einer so kunst- und geschmackvollen Bemalung gegenüber durch rücksichtslose Übertünchungen verfahren waren, so erforderte andererseits die Stellung, welche dem nunmehrigen Befunde gegenüber einzunehmen war, Überlegung und Vorsicht.
Das farbenfreudige Mittelalter hat diese Bemalungen offenbar in frischer lebhafter Wirkung hergestellt und an dieser keinen Anstoß genommen, während unser heutiges Farbenempfinden dem gegenüber ein ganz verändertes ist. Gerade die zarte Wirkung, welche die durch Tünchung und Wiederaufschabung in ihrer Kraft gedämpften Bemalungen aufwiesen, bot einen außerordentlichen Reiz, und die Gesamtwirkung war trotz der verschiedenen Zeiten, aus denen diese stammten, von durchaus harmonischer Einheitlichkeit. Der Respekt vor der Kunst der Alten machte außerdem größte =Zurückhaltung= bezüglich etwaiger Erneuerungen und gleichmäßige Fürsorge für alle alten Funde -- ob sie nun aus dem Mittelalter oder der Rokokozeit stammten -- zur Pflicht. Unter diesen Umständen trachtete der Unterzeichnete darnach, die Malereien in ihren vorhandenen Resten und Spuren auf das gewissenhafteste festzustellen und die Restaurierung in der alten Technik lediglich auf die Ergänzung der fehlenden, mit Sicherheit zu bestimmenden Teile zu =beschränken=, wobei auf die Erhaltung der beschriebenen allgemeinen malerischen Stimmung sorgfältig Rücksicht genommen werden sollte.
Zur Ausführung solcher eigenartiger Arbeiten waren geeignete Kräfte in Nürnberg nicht vorhanden. Es wurde daher der als trefflicher Meister in seinem Fach bekannte Vergolder und Faßmaler =Franz Ruedorfer=, beziehungsweise die Firma Barth & Cie. in München, welcher er angehört, mit diesen Arbeiten betraut. Ruedorfer, der wiederholt selbst anwesend war, sandte eine Anzahl Gehilfen, die seine Schule genossen hatten und die sich, teils in Bemalung, teils in Modellieren, Formen und Gießen geschickt, im Laufe der ganzen Restaurierung als willige Hülfskräfte erwiesen.