Die Sebalduskirche in Nürnberg
Part 1
DIE SEBALDUSKIRCHE IN NÜRNBERG
IHRE BAUGESCHICHTE UND IHRE KUNSTDENKMALE
VON
FRIEDRICH WILHELM HOFFMANN
ÜBERARBEITET UND ERGÄNZT VON
TH. HAMPE, E. MUMMENHOFF, JOS. SCHMITZ
MIT 15 TAFELN, ZUM TEIL NACH DEN UNTER PROFESSOR DR. v. HAUBERRISSER GEFERTIGTEN PLANZEICHNUNGEN UND 144 ABBILDUNGEN IM TEXT
MIT UNTERSTÜTZUNG HERAUSGEGEBEN DER VOM VEREIN FÜR STADTGEMEINDE GESCHICHTE DER NÜRNBERG STADT NÜRNBERG
WIEN VERLAG VON GERLACH & WIEDLING 1912
DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.
Vorwort.
Im Frühjahr 1897 faßte der Ausschuß des Vereines für Geschichte der Stadt Nürnberg auf Anregung seines Vorstandes den wichtigen Beschluß, aus Anlaß des herannahenden Abschlusses des großen Unternehmens der Wiederinstandsetzung der St. Sebaldkirche in Nürnberg eine umfassende, reich illustrierte Geschichte dieses herrlichen Bauwerkes gleichsam zum Abschluß des Restaurationswerkes herauszugeben. Es sollte den Mitgliedern des Vereines und allen Freunden Nürnberger Kunst und Geschichte in Wort und Bild die Entstehung und Entwicklung des ehrwürdigen Gotteshauses mit seinen zahllosen Kunstschätzen eingehend geschildert und ein zuverlässiger Bericht über seine Wiedererneuerung durch die lebende Generation gegeben werden, so wie zehn Jahre vorher der Verein aus Anlaß des teilweisen Umbaues und der Erweiterung des Nürnberger Rathauses durch den unvergeßlichen August v. Essenwein und seinen getreuen Mitarbeiter, den städtischen Architekten und jetzigen Baurat Heinrich Wallraff, eine reich illustrierte, vom Stadtarchivar Ernst Mummenhoff verfaßte Geschichte des wichtigsten Profanbauwerkes der Stadt, des Rathauses, mit finanzieller Unterstützung der städtischen Kollegien herausgegeben hatte. Gleichwie diese schöne Publikation dem Verein allenthalben Ehre und Anerkennung eingetragen hatte, hoffte der Ausschuß sich ein Verdienst zu erwerben, wenn er auch das große Unternehmen der Restauration der St. Sebaldkirche nicht unbeachtet vorübergehen lassen, sondern nach besten Kräften zum Ruhme der um sie am meisten verdienten Männer, des vortrefflichen Kirchenrates Friedrich Michahelles und der Restauratoren Prof. Georg v. Hauberrisser und Professor Joseph Schmitz, beitragen würde. In der Tat fand auch dieser Gedanke überall Anklang. Aber niemand ahnte damals, welchen Schwierigkeiten seine Durchführung begegnen und wie viel Zeit vergehen würde, bis diese Geschichte der St. Sebaldkirche das Licht der Welt erblicken würde.
Wohl wissend, daß seine eigenen Kräfte zur Durchführung eines so großen Unternehmens nicht ausreichen würden, bemühte sich der Verein vor allem, sich auch in diesem Falle des Einverständnisses und der materiellen Unterstützung der städtischen Kollegien zu versichern. Bereitwillig und in dankenswerter Liberalität wurde der Bitte des Vereines von seiten der städtischen Kollegien entsprochen. Im Oktober 1897 wurde dem Vorstand die erfreuliche Mitteilung, daß die städtischen Kollegien beschlossen hätten, dem Verein zur Herausgabe eines illustrierten Prachtwerks über die St. Sebaldkirche für jedes der Jahre 1898, 1899 und 1900 einen Zuschuß von 1500 Mark aus der Stadtkasse unter bestimmten Voraussetzungen zu bewilligen.
Eine zur Bearbeitung des Textes geeignete wissenschaftliche Kraft wurde in der Person eines jüngeren Kunsthistorikers gewonnen, der, frei über seine Zeit verfügend, seine ganze Kraft der Aufgabe widmen konnte, des Dr. Friedrich Hoffmann in München. Nach dem mit ihm abgeschlossenen Vertrage sollte das Werk nach drei Jahren im Manuskript druckfertig vorliegen.
Allein durch eine ganze Reihe widriger, hier nicht näher zu erörternder Umstände wurde die programmäßige Fertigstellung des Werkes um Jahre verzögert. Besonders hinderlich stand der Förderung der Arbeit entgegen, daß Dr. =Hoffmann= nicht, wie man doch hätte erwarten müssen, seinen Wohnsitz in Nürnberg nahm, wo er in beständiger Fühlung mit dem Bauwerke selbst und dem bauleitendem Architekten sowie unter der Aufsicht der niedergesetzten Kommission viel eher seine Aufgabe hätte bewältigen können, sondern in München blieb. Ein weiteres Haupthindernis eines rüstigen Fortschreitens der Arbeit war die Annahme einer Assistentenstelle am bayrischen Nationalmuseum durch Dr. =Hoffmann= im Jahre 1898, infolgedessen er nur einen verhältnismäßig geringen Teil seiner Zeit und Kraft auf die übernommene umfassende Aufgabe verwenden konnte.
Da die Fortführung der Arbeit nach und nach immer mehr ins Stocken geriet und schließlich sogar das Erscheinen des Werkes in Frage gestellt wurde, sah sich der Vereinsausschuß gezwungen, von dem ihm vertraglich eingeräumten Rechte, die Vollendung des Werkes selbst in die Hand zu nehmen, Gebrauch zu machen, und übertrug im September 1909 die Durchführung der erforderlichen Abänderungs- und Ergänzungsarbeiten einer aus den Herren Direktor Dr. =Hampe=, Archivrat Dr. =Mummenhoff= und Professor =Schmitz= bestehenden Subkommission, die schon seither die Arbeit vom kunsthistorischen, historischen und architektonischen Standpunkte aus einer eingehenden und sorgfältigen Prüfung unterzogen hatte.
Das Werk wurde jetzt nochmals durchgeprüft, und es war dann keine geringe Arbeit und Mühe, welche die Abänderung des Textes, die Ausmerzung der Irrtümer und Mängel, die teilweise völlige Umgestaltung ganzer Partien und die mannigfachen Ergänzungen, zumal des Inventars, welch letztere schwierige und zeitraubende Arbeit die Herren Direktor =Hampe= und Professor =Schmitz= ausschließlich auf sich nahmen, endlich die gänzliche Umarbeitung des Urkunden- und Regestenteiles erforderten. Gern wären die Überarbeiter in den Änderungen und Ergänzungen noch weiter gegangen, aber sie hielten sich dazu nur im äußersten Notfall für berechtigt und wollten noch tiefere Eingriffe in die Arbeit des eigentlichen Verfassers vermeiden. Vor allem auch mußten sie auf die Beibringung weiteren Quellenmateriales verzichten, und so wird sich denn in Zukunft noch so manches zur Geschichte der Sebalduskirche beischaffen lassen, das der Verfasser nicht gebracht hat. Aber alles zu geben, was oft in ganz versteckten Quellen ruht, ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit, zumal bei einem Werke, das auf Jahrhunderte zurückgeht.
Trotz so vieler Hindernisse, die sich dem Werke in den Weg stellten, und trotz aller Widrigkeiten, die oft alle Hoffnung auf das endliche Zustandekommen schwinden ließen, liegt es nun doch, wenn auch erst nach jahrelanger Verzögerung, in einer Gestalt vor, die hohen Anforderungen genügen dürfte. Auch hier darf man wohl sagen, wenn man das Werk und seine schöne, ja glänzende Ausstattung durch die bewährte Firma Gerlach & Wiedling ins Auge faßt: Ende gut, alles gut!
Freuen wir uns deshalb, daß es dem opferwilligen Zusammenwirken einer Reihe von berufenen Kräften endlich gelungen ist, ein der herrlichen St. Sebaldkirche würdiges Buch zustande zu bringen.
In Dankbarkeit sei zunächst der städtischen Kollegien gedacht, die durch Gewährung einer bedeutenden finanziellen Unterstützung erst das Zustandekommen des Werkes ermöglichten. Besonderer Dank gebührt ferner dem ersten Direktor am Germanischen Museum, Herrn Dr. v. =Bezold=, der als Vertreter der Kommission zunächst dem Bearbeiter als sachverständiger Berater beigegeben war, in welcher Funktion er dann durch den damaligen Konservator am Germanischen Museum und nunmehrigen Direktor des Bayrischen Nationalmuseums in München, Herrn Dr. =Stegmann=, in dankenswerter Weise abgelöst wurde, ferner den Verwaltungen der Archive, Bibliotheken und Anstalten, welche bereitwilligst dem Bearbeiter die einschlägigen Materialien zur Verfügung stellten, und nicht minder der Verwaltung des vereinigten protestantischen Kirchenvermögens wie dem kgl. Pfarramt St. Sebald, welche vielen und oft einschneidenden Wünschen des Vereines, wie z. B. der Bitte um Gestattung von Nachgrabungen in der Kirche, unbedenklich Rechnung trugen und so das Unternehmen ganz wesentlich förderten, endlich all den Gönnern, die durch ihre freiwilligen Beiträge die Kosten der Aufgrabungen deckten. Prof. Dr. Georg Ritter v. =Hauberrisser= in München hat sich das besondere Verdienst erworben, daß er die während der Restaurierung gefertigten Pläne und Werkzeichnungen zur Verfügung stellte, um ihre Vervielfältigung für das Buch zu ermöglichen. Prof. Jos. =Schmitz= hat dem Werke in allen Stadien seines Entstehens sein tatkräftiges Interesse zugewandt, die so wichtigen Ausgrabungen geleitet, den Bearbeiter vielfach beraten und auf die Auswahl und Vervielfältigungsart der Illustrationen Einfluß geübt.
Dem Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg ist es endlich auch gelungen, in der Firma =Gerlach & Wiedling=, Buch-, Kunst- und Musikalienverlag in Wien, Verleger zu finden, die bereit waren, dem Druck und der künstlerischen Ausstattung des Werkes diejenige Sorgfalt angedeihen zu lassen, die ihren längst anerkannten Ruf begründet hat.
Noch eines Mannes müssen wir in Wehmut gedenken, der viele Jahre hindurch dem Werke seine Kraft und Fürsorge widmete und dessen unermüdlicher Beharrlichkeit und nie nachlassender Geduld es gelang, dasselbe, wenn es ins Stocken geraten, wieder flott zu machen, und der, als gar sein Erscheinen in Frage gestellt war, als ein bewährter Steuermann doch alles wieder zum Besten lenkte, des langjährigen ersten Vorstandes des Vereines Dr. Georg Freiherrn v. =Kreß=. Leider sehen seine Augen das vollendete Werk nicht mehr, um dessen Zustandekommen er sich so große Verdienste erworben hat. Wir aber müssen es immer wieder rückhaltslos anerkennen, daß er, hier wie sonst, um alles und jedes besorgt und bemüht, seine ganze Kraft einsetzte, um dem Vereine zu dienen und das gesteckte Ziel zu erreichen.
So möge denn das Buch hinausgehen und nicht nur den Ruhm der kunstsinnigen Vorfahren verkünden, die einst die Vaterstadt mit dem herrlichen Bauwerk der St. Sebaldkirche schmückten, sondern auch den des lebenden Geschlechtes, das den Mut besaß, rechtzeitig seinem Verfall Einhalt zu tun und den Nachkommen den Besitz der hohen ethischen, kulturellen und künstlerischen Werte, die das ehrwürdige Baudenkmal darstellt und umschließt, auf Jahrhunderte hinaus zu sichern.
=Nürnberg=, im Januar 1912. $Dr. Ernst Mummenhoff$, 1. Vorsitzender.
Inhaltsverzeichnis.
Seite Einleitung 11
I. Der romanische Bau, etwa 1225-1273 13
II. Die gotische Bauperiode 39 1. Die Erweiterung der Seitenschiffe und die Umbauten am Querschiff und Westchor. 1309-1361 39 2. Der Ostchor. 1361-1379 48 3. Der Umbau der Türme. 1345, 1481-1484, 1489, 1490 67
III. Die Restaurierungen der Kirche 75 1. Die Restaurierungen der Kirche bis zur Neuzeit 75 2. Das Restaurierungswerk der Neuzeit. 1888-1906 79 3. Bericht der Bauleitung über die Wiederherstellung des Äußern. 1888-1904 85 4. Bericht der Bauleitung über die Instandsetzung des Innern. 1903-1906 104 5. Nachtrag vom 15. Januar 1912 127
IV. Das Inventar der Kirche 129 1. Altäre und Kanzel 129 2. Die Plastik 138 A. Die Plastik am Außenbau 140 B. Die Plastik im Innern 153 3. Die Gemälde 168 4. Die Glasgemälde 177 5. Gedenktafeln, Totenschilder, Stuhlwerk, Orgeln und Glocken 187 6. Altargeräte, Wandteppiche, Paramente 196 7. Sammlung alter Skulpturen- und Baureste. -- Büchersammlung 206
Urkundliche Beilagen 213
Anmerkungen 226
Chronologische Übersicht 234
Verzeichnis der Abbildungen 243
Verzeichnis der Personen, Orte und wichtigsten Sachen 246
Einleitung.
An Stelle der jetzigen Pfarrkirche St. Sebald in Nürnberg stand ursprünglich eine Kapelle, dem hl. Petrus geweiht. Ein urkundlicher Beleg kann hierfür nicht beigebracht werden, allein die älteren Chroniken berichten hiervon in übereinstimmender Weise und andererseits spricht für die Wahrheit jener Behauptung der Umstand, daß der Bau von St. Sebald erst dem 13. Jahrhundert seine Entstehung verdankt, während Nürnberg schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts den Rang einer Stadt besaß, und daß man in der späteren Pfarrkirche zur Aufnahme von Reliquien des hl. Petrus und zum Zweck seiner besonderen Verehrung durch Anlage eines eigenen Westchors einen entsprechenden Raum schuf. Denn so jung auch Nürnberg im Verhältnis zu anderen hervorragenden deutschen Städten des Mittelalters war, in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts war es schon ein ansehnlicher Ort; hatte doch der fränkische Kaiser Heinrich III. (1039-1056)[1] -- wenn auch nur vorübergehend -- den Markt von Fürth dorthin verlegt und er sowie sein Nachfolger Nürnberg mehrmals zum Aufenthalt erwählt. Selbstverständlich besaß die Gemeinde in jener Zeit zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse ein Gotteshaus. Dieses Gotteshaus war aller Wahrscheinlichkeit nach nur eine Kapelle; von einem größeren Kirchenbau würden in Gestalt von Mauerresten oder handschriftlichen Nachrichten noch Zeugen zu finden sein. Aber auch nicht zu klein wird man sich jene Kapelle vorstellen dürfen. Trotz der raschen Entwicklung Nürnbergs und der starken Zunahme seiner Bevölkerung im Laufe des 12. Jahrhunderts hatte die Kapelle genügt. Obschon nun die hohe Verehrung des hl. Sebald in Nürnberg uns bereits für den Beginn der siebziger Jahre des 11. Jahrhunderts bezeugt ist, verstrich doch noch über ein Jahrhundert, bis man zur Erbauung eines ihm besonders geweihten Gotteshauses schritt. Die alte Kapelle blieb dem hl. Petrus zubenannt.
Von dem Aussehen der Kapelle ist nichts bekannt. Auch nichts von der Zeit ihrer Gründung. Auffällig will aber der Name des Heiligen erscheinen, dem sie geweiht war; er kann vielleicht über die Zeit der Erbauung Aufschluß geben. Wie eben erwähnt, fanden Reliquien des hl. Petrus auch in der Sebalduskirche eine Unterkunftstätte, der Westchor wurde hierzu ausersehen, und, wie im I. Kapitel dargelegt wird, steht die doppelchörige Anlage von St. Sebald im engsten Zusammenhang mit dem Bau des Bamberger Domes. Auch in Bamberg ist der Westchor dem hl. Petrus geweiht, während der eigentliche Schutzpatron, dem der Ostchor eingeräumt ist, nicht Petrus, sondern Georg heißt. Dasselbe gilt beinahe von allen Kirchenbauten in Bayern und Schwaben, welche, um das Jahr 1000 gegründet, mit dem Dom von Bamberg in naher Verwandtschaft stehen: den Ausgangspunkt bildet Augsburg, es folgen St. Emmeram und Obermünster in Regensburg, von wo aus durch Vermittlung des Kaisers Heinrich II., des ehemaligen Herzogs von Bayern, Bamberg beeinflußt worden ist. Die basilikale Anlage, bei welcher der Schwerpunkt nach Westen verlegt ist, wird direkt auf die Petersbasilika in Rom zurückgeführt. Nur scheint diese Epoche der Baukunst, zu deren wichtigen Vertretern auch Mainz (978-1009) und Worms (996-1016) zählen, mehr den Charakter einer Mode zu tragen als den einer für die Folgezeit wichtigen Entwicklungsstufe. Der Bau von Westchören oder gar westlichen Querhäusern wurde bald wieder aufgegeben und damit kam auch sonderbarerweise die Verehrung des Schutzpatrons von Rom wieder in Wegfall. Denselben noch nicht genügend bekannten Gründen, welchen jene befremdliche Abart von der Tradition des Bauwesens ihre Entstehung verdankt, wird man auch die Gründung der Kapelle St. Peter zuschreiben dürfen. Hier muß noch darauf hingewiesen werden, daß die Mutterkirche dieser Kapelle und der späteren Sebalduskirche, die Pfarrkirche zu Poppenreuth, ebenfalls dem hl. Petrus geweiht ist.
Der Platz, auf dem die Peterskapelle stand, wird sich ungefähr mit dem des Westchors der jetzigen Sebalduskirche gedeckt haben. Die Stelle bedeutete nach ihrer früheren Beschaffenheit, wie sich jetzt unschwer erkennen läßt, gegenüber dem östlich, südlich und westlich angrenzenden Gelände eine Erhebung, welche nach Osten nur wenig, nach Süden und Westen steiler abfiel. Nach Norden hatte die Erhebung Anschluß an den mit der Burg bekrönten Kegel, sie bildete gleichsam den südlichen in das sandige und sumpfige Nordufer der Pegnitz vorgeschobenen Ausläufer des Burgberges. An dem gegen den Fluß sich neigenden Südabhang der Burg siedelte sich nach und nach die Stadt an, vermied jedoch den weichen Boden der Pegnitzufer; die Kapelle St. Peter war somit eine Zeit lang der das Südende der Ansiedlung bezeichnende Punkt und lag ungefähr in der Mitte dieser Grenze an dem Knotenpunkte der alten Handelsstraßen.
I.
Der romanische Bau, etwa 1225-1273.
Am 1. Oktober des Jahres 1256 erteilte Bischof Heinrich von Bamberg einen Ablaß allen jenen Christgläubigen, welche die Pfarrkirche St. Sebald zu Nürnberg am Tag ihrer Einweihung und an den Tagen ihrer Patrone St. Peter und Paul und St. Sebald besuchen und Almosen spenden würden.
Dies ist im wesentlichen der Inhalt der für die ältere Baugeschichte von St. Sebald wichtigsten Urkunde.[I]
[I] Siehe Beilage 2.
Aus dem Text des in lateinischer Sprache abgefaßten Ablaßbriefes ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich, was der Ausdruck »Tag der Einweihung«: _dies dedicationis_ bedeuten soll. Handelt es sich hier um die Einweihungsfeier selbst oder um die Wiederkehr des Einweihungstages? In letzterem Falle würde die Einweihung der Kirche schon =vor= dem 1. Oktober 1256 -- sei es nun unmittelbar oder ein oder mehrere Jahre vorher -- stattgefunden haben und die Kirche als eine zu jenem Zeitpunkt vollendete oder wenigstens in einem ihrer Hauptteile vollendete zu betrachten sein. In ersterem Falle wäre die Einweihung der Kirche erst =nach= dem 1. Oktober 1256, und zwar bald nach diesem Termin anzusetzen.[2]
Der Inhalt unserer Urkunde ist in einfacher, schlichter Form vorgetragen. Der Bischof von Bamberg entbietet zunächst allen Christgläubigen, welche von dieser Ablaßeröffnung Kenntnis erhalten, seinen Gruß, spricht dann von dem Wert werktätiger Liebe und kündigt allen denen, welche die Kirche St. Sebald an den eingangs erwähnten drei Tagen besuchen und Almosen spenden, einen Nachlaß ihrer Sündenstrafen an. Der Inhalt ist überaus kurz und bündig. Es fehlt jegliche Zutat, welche als charakteristisches Kennzeichen dieser Urkunde zum Unterschiede von anderen, gewöhnlichen Ablaßurkunden gedeutet werden könnte. Demnach scheint es keine Urkunde zu sein, die aus Anlaß der feierlichen Einweihung der Kirche ausgefertigt wurde, ja es darf als ziemlich sicher gelten, daß mit dem _dies dedicationis_ der alljährlich wiederkehrende Kirchweihtag gemeint ist. Denn es müßte doch andernfalls vom Bau oder dessen Vollendung die Rede sein, oder es wären Feierlichkeiten erwähnt, die gelegentlich der Einweihung abgehalten werden, oder es wären die geistlichen Würdenträger aufgezählt, welche der Feier beiwohnen. Kein Wort verlautet von alledem. Oder man müßte doch erwarten, daß der Tag der Einweihung besonders hervorgehoben wird; im Gegenteil, abgesehen davon, daß er überhaupt nur allein genannt sein sollte, wird er aufgeführt im Verein mit zwei anderen Tagen, und es wird ihm gewissermaßen die gleiche Bedeutung wie diesen zuerkannt.
Außerdem spricht für eine gewöhnliche Ablaßurkunde noch der Umstand, daß mit den beiden Tagen St. Peter und Paul und St. Sebald nicht nur die ersten auf das Datum der Urkunde folgenden Heiligentage gemeint sein können, sondern auch die des übernächsten Jahres und der folgenden Jahre mitinbegriffen sein müssen. Denn ein bestimmtes Jahr ist nicht bezeichnet. Und dann wäre es doch sehr auffällig, daß man, falls es sich in der Urkunde um die Feier der Einweihung handeln sollte, gerade jene beiden Tage, so enge sie auch mit der Kirchengeschichte von St. Sebald verknüpft sind, gewählt hätte, obwohl zwischen ihnen und dem Datum der Urkunde ein Zeitraum von mindestens drei Vierteljahren (vom 1. Oktober bis 29. Juni, beziehungsweise 19. August) liegt. Und was für jene beiden Tage gilt, muß auch für den _dies dedicationis_ in Anspruch genommen werden: derselbe ist hier soviel wie »der stets wiederkehrende Kirchweihtag«.
Für die Baugeschichte von St. Sebald ergibt sich somit aus den bisherigen Erörterungen: Als der Bischof von Bamberg am 1. Oktober 1256 jenen Ablaß für die Kirche St. Sebald ankündigte, war die Kirche bereits eingeweiht und dem Gottesdienst übergeben.
Das gewonnene Ergebnis muß nun aber nicht unbedingt so gedeutet werden, als wäre der ältere Bau in allen seinen Teilen vollendet gewesen; es ist sehr wohl möglich, daß der Bau damals nur in einem seiner Hauptteile fertig war, in welchem vorerst provisorisch bis zur Vollendung des ganzen Bauwerkes Gottesdienst abgehalten wurde. Bekanntlich zog sich im Mittelalter die Vollendung von Kirchenbauten oft sehr lange hin, die größeren Bauten nahmen stets Jahrzehnte in Anspruch, mußten, wenn die Mittel ausgingen, längere Unterbrechungen erleiden, und so kam es häufig, daß man, um dem religiösen Bedürfnis der Gemeinde zu genügen, den zuerst in Angriff genommenen und am weitesten gediehenen Bauteil -- in der Regel war es der Ostchor -- für sich einweihte und Gottesdienst darin abhielt. St. Sebald war im Jahre 1256 offenbar in dem gleichen oder wenigstens in einem ähnlichen Zustande.[II]
[II] Dr. Hoffmann ist zwar der Ansicht, daß die Nennung der =beiden= Patrone der Kirche in der Urkunde vom 1. Oktober 1256 die Fertigstellung der =beiden= ihnen geweihten =Chöre=, also auch des Westchores, bereits voraussetze, somit der Tenor der Urkunde gegen die oben geltend gemachte Auffassung spreche. Die mit der Überarbeitung des Manuskriptes betraute Kommission konnte sich indessen dieser Ansicht um so weniger anschließen, als der Ablaßbrief vom 17. August 1274 deutlich von einer am 9. September 1273 stattgehabten Einweihung von Chor und Altar der Sebalduskirche berichtet. Dieses Datum (1273) mit baulichen Veränderungen anderer Art, die eine neue Weihe notwendig gemacht hätten, in Zusammenhang zu bringen, wie es Dr. Hoffmann wollte, schien der Kommission nicht angängig. Die das Innere der Kirche wenig berührenden baulichen Veränderungen, die Dr. Hoffmann im Auge hatte, nämlich der Ausbruch größerer Fenster und eine mutmaßliche Veränderung der Dachform beim Westchor, boten zu einer Neueinweihung sicherlich keine Veranlassung.