Die Schwestern im Kreuz

Part 1

Chapter 13,549 wordsPublic domain

Remisow / Die Schwestern im Kreuz

Alexej Remisow

Die Schwestern im Kreuz

Erzählung

1913 München und Leipzig bei Georg Müller

Copyright 1912 by Georg Müller München

Autorisierte Uebersetzung von Fega Frisch

Einleitung von Professor Eugen Anitschkow (St. Petersburg)

Alexej Remisow ist im Herzen Rußlands, in Moskau, geboren. Dort sind vierzig mal vierzig Kirchen; täglich dröhnen dort zur Früh- und Abendmesse die Glocken, die großen und feierlichen in den Klöstern und Kathedralen, die Zarenglocken des Kreml; es antworten ihnen mit allen ihren Glocken die kleinen und niedrigen Glockentürme in den uralten Pfarrkirchen. Gar viele Pfarrkirchen hat Moskau; um sie herum schlängeln sich die Straßen und Gäßchen, in ihnen lebt der Moskauer Handelsstand sein eigenes urwüchsiges Leben. Alle Fasten werden streng eingehalten; an den Feiertagen ziehen die Priester mit dem ganzen Klerus aus einem Haus ins andere, um die festlichen Tafeln zu segnen; dort werden bis heute die Märtyrer- und Heiligenlegenden in der uralten Schrift gelesen, dunkle und vertraute Mitteilungen über Gottesmänner und große Märtyrer. Mancher ist sauber gekleidet und sieht ganz europäisch aus: ein gestärktes Vorhemd und eine Krawatte nach der letzten Pariser Mode – doch beginnt er sich auszuziehen, so entdeckt man ein kattunenes russisches Hemd darunter und einen geweihten Gürtel mit eingewebten Gebeten. Voll Inbrunst kniet der moderne Stutzer vor dem Familienschrein mit den Heiligenbildern. Der unter der neumodischen Wäsche verborgene geweihte Gürtel schützt vor Uebel. Der alte Glaube ist fest in ihm, und der uralte Kaufmannsstand in Moskau lebt nach der Väter Art.

Einst wurde er von dem Advokatensohn Ostrowskij auf die Bühne gebracht. Seitdem war es Mode, sich über die rührseligen Mitjas, die gutmütigen Andrej Bruskows, die durchtriebenen Podchaljusins, über die dünkelhaften Väter: Tit Tititsch und Torzows zu amüsieren. Das „finstere Reich“ nannte die Kritik den Moskauer Kaufmannsstand. Diese eigenartige Welt blieb ganz abseits von den großen Wegen der russischen Literatur. Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts war die Literatur vorwiegend ländlich, Gutsbesitzer- und Bauernliteratur. Die Stadt schämte sich gleichsam ihrer selbst. Was in ihr geschah, besonders unter der Handelsbevölkerung in den alten Kirchspielen, das wußte man nicht, das wollte man nicht wissen. Und wenn in der Literatur auch einige Sprößlinge aus dieser Welt auftraten, so waren sie bemüht, möglichst rasch zu vergessen, zu verschweigen und tief im Herzen alles zu verbergen, was sie von dorther aus dem „finstern Reich“ in die Helligkeit der volkstümlichen Bildung, auf welche die fortschrittlich Gebildeten so stolz waren, mitbrachten.

Erst seit kurzem sind die stillen Kirchspiele auf den sieben Hügeln des russischen Rom, des Mütterchens Moskau, gleichsam erwacht. Die neue Kunst, die sozialdemokratischen Tendenzen, die Beziehungen zu westeuropäischen Firmen, die Errungenschaften der Technik, die Verfeinerungen in den Anschauungen, alles das ist bis in die dunkelsten Winkel gedrungen. Und von da kam zu uns der Neueste: ein Erneuerer der Kunst, ein Prophet von morgen, der dennoch nichts von gestern vergessen hat: Alexej Remisow.

Sein Leben verläuft äußerlich wie das vieler gebildeter Russen der letzten Zeit. Im Jahre 1877 geboren, hat er seine Bildung in einem Handelsgymnasium und später auf der Universität empfangen; er hat Nationalökonomie und deutsche Philosophie studiert, den Marxismus und die Bewegung „Zurück zu Kant“ mitgemacht, in den Seminarien Aufsätze über wirtschaftliche Fragen und über Statistik geschrieben, Arbeiterzirkel gegründet, und war infolgedessen erst in die milde Verbannung eines großrussischen Gouvernements, dann ins Gefängnis geraten, hat mit einem ganzen Haufen revolutionärer russischer Intelligenz die Strapazen und Mühsale des Etappenlebens mitgemacht, hat so manches Jahr im fernen Norden, wo oft im Juni noch Schnee genug fällt, daß man Schlitten fahren kann und wo das Nordlicht in seiner kalten Schönheit leuchtet, verbracht. Er hat dies alles erduldet, sein Herz zermartert, eine Menge Bücher studiert und kam zu uns nach Petersburg als ein fertiger Schriftsteller zurück, als ein symbolistischer Schriftsteller und Stilist von neuester Prägung.

Wichtig aber ist, daß er seine uralte Moskauer Seele bewahrt hat; in seiner Seele dröhnen die vierzig mal vierzig Kirchenglocken weiter und er liebt noch immer die Legenden und Sagen von den Gottesmännern, Heiligen und Märtyrern, von den von Gottes Gnade erleuchteten Buhlerinnen, vom tapferen Georg, von allerlei märchenhaften Seltsamkeiten: von Totenfeiern, Teufeln, Zauberern und Hexen. Alles was die Philologen, die sich mit alter Literatur befassen, studieren und was die Engländer Folklore nennen: Märchen, Runen, Volkslieder und Riten, Volksglauben und Apokryphen – dies alles pflegt er mit dem Talent eines modernen Dichters, und sein Stil ist eigenartig, seltsam und prächtig, so verfeinert und reich, als hätte sich ihm die ganze geistige Schatzkammer des tausendjährigen heiligen Rußland aufgetan, zum Dank für seine Liebe zu den vertrauten Kirchspielen aller sieben Hügel des Mütterchens Moskau.

Remisows erster großer Roman „Der Teich“ zeigt noch den jungen Schmerz einer Seele, vor der sich eben erst das Böse des Lebenskampfes erschlossen hat. Woher kommt das Böse? Es wird schon in der ganz naiven kindlichen Seele geboren. Die rationalistischen Theorien aus den Büchern tragen zur Lösung dieses schicksalsmäßigen Rätsels nichts bei – im Gegenteil! – vielleicht muß man also nach rückwärts, in den uralten von den Ahnen ererbten Sagen vom bösen Geist, in dem sagenhaften Teufel und Spötter die Antwort suchen? – Remisows von den Fragen unserer Zeit durchdrungener Geist vertiefte sich in das Studium alter Sagen und Legenden, und eins an das andere reihten sich etwas wie Märchen oder moderne Apokryphen und bildeten eine Art neues pratum spirituale, das mit seiner Buntheit alle seine größeren Werke gleichsam einrahmt.

„Der Teich“ kann nur im Licht dieser apokryphischen Skizzen ganz verstanden werden. Der Grundgedanke dieses Werkes ist noch nicht ganz klar herausgearbeitet; die einzelnen Episoden wirken zwar an sich erschütternd, doch fehlt noch das Allgemeine. Dies Allgemeine erscheint klar auf eine neue Weise in einer objektiveren Form, losgelöst von den tragischen poesieumwehten Erinnerungen im zweiten Roman „Die Uhren“. Hier handelt es sich nicht mehr um die Chronik eines Moskauer Handelshauses in einem der Moskauer Kirchspiele, in den „Uhren“ wollte der Autor das Geheimnis der ganzen Stadt in all seiner Vielgestaltigkeit auffangen, und die Frage nach dem Bösen hat eine größere Bestimmtheit erhalten. Dennoch ist es auch hier schwer, den heimlichen Gedanken des Autors herauszufinden und seine Symbole zu begreifen, die geheimnisvoll sind wie uralte Runen. Erst später in den nachfolgenden Erzählungen sind endlich die Schwierigkeiten überwunden, eine Klarheit ist erreicht und im Herzen ist das ausgesprochen, was so lange nach außen drängte, aber keine entsprechenden Bilder und Symbole fand. Ja, das Böse ist schicksalsmäßig, es ist notwendig, es hat keinen Sinn, Idyllen zu schreiben, man muß das Böse erkennen und verstehen, diese irdische Hölle, die irdischen Leidenschaften.

Schwierig waren seine Romane „Der Teich“ und „Die Uhren“. Schwierig sind auch jetzt in den „Schwestern im Kreuze“ und im „Unbezähmbaren armen Teufel“ die Betrachtungen über die schicksalsmäßige und offenbar notwendige Schuld. Im „Unbezähmbaren armen Teufel“ ist diese Theorie schon anschaulich und entschieden durchgeführt. In den „Schwestern im Kreuze“ ist alles auf ihr aufgebaut. Marakulin denkt: „Der eine muß verraten, um durch den Verrat seine Seele aufzuschließen und in der Welt er selbst zu sein; der andere muß töten, um durch den Mord seine Seele aufzuschließen und wenigstens als er selbst zu sterben; er aber mußte offenbar eine Quittung ausfertigen – aber nicht der Person, der sie zukam –, um seine Seele zu erschließen und in der Welt zu sein, und zwar nicht mehr als irgendein beliebiger Marakulin, sondern als dieser Peter Alexejewitsch Marakulin, der er war, sehen, hören und fühlen.“

Doch muß man sich fragen: Findet denn die Persönlichkeit sich selbst nur in einem Verbrechen? Das scheint nicht glaubhaft. Natürlich nicht. Aber gerade dieser Gedanke in seinem Rohzustand sozusagen führt uns zum Verständnis einer der wichtigsten Fragen der Gegenwart. Darum lockte es den Symbolisten Remisow, den Fall aller Einwohner des Burkowschen Hauses zu schildern, weil dieses Symbol unseres zeitgenössischen russischen Alltags sich durch alle traurigen Fälle der letzten Jahre aufgeschlossen hatte.

Remisow versucht jetzt, seine Symbole zu deuten. „Die Katze miaute, Murka miaute. Und plötzlich sah Marakulin so klar, wie noch nie zuvor, daß Murka stets gemiaut hat, nicht nur gestern, sondern alle die fünf Jahre hier an der Fontanka auf dem Burkowschen Hof; er hatte es nur nicht bemerkt, und nicht nur hier auf dem Burkowschen Hof an der Fontanka, sondern auch auf dem Newsky und in Moskau an der Taganka – bei der Auferstehungskirche –, an der Taganka, wo er geboren war, überall, wo etwas lebt. So klar sah er es, so deutlich sprach es in ihm, daß er sich vor diesem Miauen, vor dieser Murka nirgends hätte verstecken können. Und er fühlte es, daß Murka nicht dort unten im Hofe miaute, sondern hier ...“ Das stöhnende Burkowsche Haus ist ganz Rußland, das heilige Rußland, und zwar das ganz gewöhnliche, alltägliche. Es ist schuldig geworden, es hat sich unvermögend erwiesen, es hat mehr versprochen, als es gehalten hat. Hier hat es sich eben gezeigt, so wie es wirklich war und nicht wie es nach den Programmen geschienen hat. Man muß sich von allen Theorien lossagen, um es so zu sehen. Noch wichtiger ist der Mut, es gegen alle Programme und Theorien auszusprechen. Dies ist Remisows Stärke: sein Held ist eine wirkliche Individualität. Er ist nicht aus Theorien geboren und nicht verstandesmäßig gesehen. Marakulin lebt sein eigenes Leben, er ist ein durchschnittlicher Mensch, aber eben von diesem Eigenen geht der Symbolismus zum Allgemeinen. Auch Marakulin ist symbolisch. Waren wir nicht alle noch vor kurzem ebenso offenherzig und vertrauensselig, als hätten wir keine Lehren der Geschichte vor Augen? Damit haben wir Schuld auf uns geladen. Das Leben ist bei uns erstarrt. Jetzt haben wir Zeit, uns umzusehen.

Lange und hartnäckig hat sich Remisow mit den Fragen des Glaubens befaßt, mit den Altertümern, mit der Volkspoesie, mit Sagen, aus denen das uralte heilige Rußland sich Pein und Belehrung schöpfte. Man verstand ihn nicht und hielt der unverstandenen Kunst Remisows den Realismus entgegen. Es schien, daß sein Stilisieren kein Ende nehmen wollte in diesem ganzen Strom von Skizzen, in denen er vor allem seine Meisterschaft zeigte. Aber diese Skizzen Remisows waren nur seine Lehrlingsarbeit.

Wer ihn gut kannte, der konnte nicht daran zweifeln, denn dieses Stilisieren beschränkte sich nicht auf die Form. Es führte in das wahre Verständnis dessen ein, was einst Volksseele genannt wurde. Denn die Volksseele läßt sich nicht in Kategorien pressen, welche die politischen Parteien für sie aufstellen, weder in die der volkstümlichen rechten oder linken Partei, noch in die Kategorien derer, die der ganzen Menschheit Heil versprechen. Das Geheimnis der Volksseele blieb verschlossen; jetzt sehen wir es endlich klar ein. Im „Unbezähmbaren armen Teufel“ ist die verwirrte moderne Seele, die Seele eines Trödlers geschildert. Plötzlich hat sich alles das aus der Vergessenheit erhoben, was man ein für allemal hinter sich zu haben glaubte. Dieses Alte in der jetzt ohnedies schon konventionellen Gestalt des Trödlers zeigt sich auch mitten in Petersburg, es klafft aus der Tiefe des Burkowschen Hofes wie aus der Unterwelt, und man fühlt: dies ist wahr! Paradox ist vielleicht nur die Gestalt der Hörerin der Hebammenkurse, welche alte Weisen singt. Hier hat die Phantasie Remisows sich hinreißen lassen, die gewöhnt ist, auch im Neuesten etwas Altertümliches herauszufinden. Aber da haben wir Akumowna; das Schicksal hat sie in die Stadt getrieben, das Schicksal jagt ganz Rußland wenn nicht in die verderblichen Gegenden Sibiriens, so doch in die Städte, wo das Neue geschaffen wird, neuer Glaube und neue Forderungen an das Leben. Aber das Alte stirbt noch lange, lange nicht aus, es bewahrt sich länger, als wir glauben. Daher die Vermengung und das Zusammenfließen des Alten mit dem Neuen. Die Bewegung ins Volk suchte lange den Traum vom freien Grundbesitz zu verwirklichen. Der Bauer hörte dem Sozialismus zu und verstand, daß die Rede von freiem Grundbesitz war. Akumownas Märchen und Lisaweta Iwanownas Geheimnis flossen zusammen mit den Lehren der Verbannten Maria Alexandrowna. Dieses Ineinanderfließen zu schildern, ist eine der vornehmsten künstlerischen Aufgaben, die sich Remisow stellt.

Zu den besten Episoden der Erzählung gehören die Szenen, in denen von der Reise ins Ausland geträumt wird. Darin liegt auch ein geheimer Herzenswunsch verborgen: vom Lande strebt man in die Stadt, aus der Stadt aber, aus allen Burkowschen Häusern, in denen sich das aufgewühlte heilige Rußland quält, drängen die Träume, Wünsche und Hoffnungen dahin, nach dem fernen fremden und seit uralten Zeiten vertrauten Westen. Und es genügt nur zu denken, daß bald, bald eine Möglichkeit eintreten könnte, hinzureisen, sich innerlich auszuruhen und das Martyrium des heimatlichen Schmerzes für eine Weile zu vergessen, dann wird es einem leicht zumute und die Freude leuchtet auf. Kommt von dort, aus der Heimat unserer allerbegehrtesten Ideale – ich brauche absichtlich ein Fremdwort – eine erfrischende Welle über uns, Verjüngung, Geist der sozialen Freiheit, so vergessen wir ganz das Burkowsche Haus und Murkas schmerzliches Miauen, das Weinen und Stöhnen des Volkes. Unsere Augen leuchten und wir atmen freier.

Das Weiseste, was Remisow in seinen „Schwestern im Kreuz“ gesagt hat, ist seine Theorie vom königlichen Recht. Gleich Raskolnikow zermartert Marakulin in einem Ausbruch von Verzweiflung sein Gehirn mit der Frage nach der Vertilgung der menschlichen „Laus“. Wie Raskolnikow sieht Marakulin ebenfalls das ganze Uebel in einer jämmerlichen alten Frau, und es dünkt ihn, daß man nur wagen, die konventionelle Angst vor dem Verbrechen nur überwinden müßte, um das Uebel zu vernichten. Nur ist die menschliche „Laus“, welche Marakulin sieht, keine Pfandverleiherin, sie tut niemand etwas Böses. „Sie hat nichts in ihrem Leben zu bereuen; sie hat weder getötet noch gestohlen und wird weder töten noch stehlen, denn sie tut nichts als sich ernähren, sie trinkt und ißt, sie verdaut und härtet sich ab.“ Was bedeutet das? Remisow schildert die Raskolnikowsche „Laus“ in der Gestalt einer Generalin, die von ihren Renten lebt. Eintönig und sinnlos vergeht ihre Zeit. Sie braucht niemand und niemand braucht sie. „Die Generalin rührt mit keinem Finger, tut rein nichts und erreicht alles: sie härtet sich ganz sichtbar und zweifellos ab, und ihrem Leben ist kein Ende abzusehen – der Chiromant hat sich nicht geirrt – sie ist vielleicht schon unsterblich!“ Ein Leben ohne Arbeit, das heißt ohne Verbrechen und ohne Heldentaten – denn jede Tat ist entweder ein Verbrechen oder eine Heldentat – ein solches Leben beruht, Remisows Meinung nach, nicht auf einem einfachen Recht, sondern auf einem königlichen Recht. So würden wir alle, wenn wir die Utopie vom allgemeinen Wohlergehen verwirklicht hätten, das kummerlose, sündenlose, unsterbliche Lauseleben der Generalin genießen.

Rechtschaffener aber ist das heilige Martyrium des Lebens, mit seinen Abstürzen, Ausbrüchen von Hoffnung, Kämpfen und zäher, qualvoller Erwartung.

St. Petersburg 1912.

Erstes Kapitel

Marakulin war mit Glotow befreundet; durchaus nicht etwa, weil der Dienst sie eng miteinander verband und einer ohne den anderen nicht hätte auskommen können: Peter Alexejewitsch gab die Quittungen aus, Alexander Iwanowitsch war der Kassierer. Man weiß ja, wie die Ordnung ist: Marakulin brauchte nur mit Tinte zu schreiben und Glotow zahlte genau so viel in Gold aus. Dabei waren sie so verschieden und einander so unähnlich: der eine schmalbrüstig, der Schnurrbart dünn wie ein Faden, der andere breitschultrig und der Schnurrbart wie bei einem Kater; der eine blickte von innen heraus, der andere strahlte. Dennoch waren sie Freunde, ein Herz und eine Seele.

Denn sie hatten beide ein gemeinsames Merkmal, oder eine Eigenschaft, und zwar eine grundlegende; etwas, das nicht zu verbergen ist: es würde unter den Augenlidern des Schlafenden hervorblinken, gleichviel, ob es sich in der Pupille versteckt oder aus der Pupille sich über den Augapfel verbreitet: beide nämlich hatten eine Art von Fühler oder Rüsselchen. Nicht nur daß dieser Fühler sich ans Leben klammerte, vielmehr sog er alles Lebendige in sich auf, alles, was ringsum lebte und wob, bis auf den Grashalm, der atmet, bis auf das Steinchen, das wächst, und er sog das alles so gierig und fröhlich in sich auf, so ansteckend fröhlich. Das war es.

Wer es bemerken wollte, konnte es sehen, wer es nicht sah, der fühlte es, und wer es nicht fühlte, der erriet es.

Dazu kam, daß sie gleich jung waren – beide waren an die Dreißig oder etwas drüber – und der Erfolg – dem einen sowohl wie dem anderen gelang alles – und die Kraft – keiner von ihnen war jemals krank oder klagte auch nur über Zahnweh. Sie waren auch von keinerlei Banden gefesselt, weder von gesetzlichen, noch von ungesetzlichen, sie waren wie in der Steppe, allein, und die Steppe dehnte sich vor ihnen in ihrer ganzen Weite und Macht, frei, ungebunden, unermeßlich – dein.

Vor drei Jahren etwa hatte Glotow seine rechtmäßige Gattin aus dem dritten Stockwerk auf das Pflaster hinabgestürzt, und die Aermste brach sich dabei das Genick; vielleicht aber war es nicht vor drei Jahren, es kann schon vor ganzen vier gewesen sein. Uebrigens ist das unwesentlich, – es handelt sich ja gar nicht um Glotow, sondern um Peter Alexejewitsch Marakulin.

Marakulin, welcher seine Kollegen mit Fröhlichkeit und Sorglosigkeit ansteckte, gestand einmal, daß er, obschon dreißig Jahre alt, sich für nicht mehr und nicht weniger als zwölfjährig hielte, er wüßte selbst nicht warum, und er führte dafür Gründe an: so oft er mit jemand zusammenkäme, oder sich in ein Gespräch einließe, hätte er das Gefühl, als wären die anderen alle älter – alt, und er wäre der jüngste – ganz jung noch, zwölfjährig. Und ferner gestand Marakulin, daß er sich den anderen Menschen gar nicht ähnlich – nicht ein bißchen ähnlich fühle, wenigstens nicht jenen richtiggehenden Menschen, wie man sie gewöhnlich im Theater, in Gesellschaften oder in den Klubs beobachtet, während sie eintreten oder fortgehen, sich unterhalten oder schweigen, sich ärgern oder zufrieden sind – und daß alles an ihm, von der Nase bis zur kleinen Zeh wahrscheinlich nicht auf dem richtigen Fleck säße – so schiene es ihm wenigstens. Und weiter gestand Marakulin, daß er nie denke; er hätte einfach gar nicht die Empfindung, daß er denke; wenn er durch die Straßen gehe, so geschehe dies eben nur so mit den Beinen, und wenn er mit jemand bekannt werde, dann fände er an seinem neuen Bekannten weder Unterschiedsmerkmale noch Besonderheiten, nicht im Gesicht noch in den Bewegungen: er fühle nur unklar, daß der eine ihn anziehe und der andre abstoße, einer weniger, ein anderer mehr, und ein dritter sei ihm ganz gleichgültig; häufiger aber herrsche doch das Gefühl der Nähe und das Vertrauen in das Wohlwollen des anderen vor. Und weiter gestand Marakulin, daß ihn, seitdem er Bücher lese und mit Menschen zusammenkomme, die entgegengesetzten Meinungen nie abschreckten. Er sei vielmehr bereit, jedermann zuzustimmen, weil er jeden in seiner Weise für berechtigt hielte, und diskutiere nie; wenn er sich aber einmal selbst verstiege oder zu Auseinandersetzungen aufreize, so geschehe es aus ganz indiskutabeln Gründen, deren er sich jedesmal genau bewußt sei, obwohl er sie nicht verrate – gebe es doch genug solcher indiskutabler und doch alltäglicher Gründe! – Und weiter gestand Marakulin, daß er nie in seinem Leben geweint habe, ein einziges Mal ausgenommen, als seine alte Kinderfrau ihn verließ, an ihrem letzten Tag: damals wäre er, in der Rumpelkammer versteckt, an seinen ersten und letzten Tränen fast erstickt. Noch eine verrückte Eigenschaft hatte er, über die man sich lustig zu machen pflegte: wenn ihm irgendein Einfall in den Sinn kam, so stürzte er sich auf ihn mit einer solchen Hartnäckigkeit, als läge in ihm der Sinn seines Lebens, oder des Lebens überhaupt – aus Kleinigkeiten machte er wichtige Dinge. Zu den Feiertagen, zum Beispiel, wurde dem Direktor gewöhnlich ein Bericht überreicht. Dieser Bericht wurde stets mit der Maschine geschrieben, ihm aber konnte es einfallen, ihn mit der Hand abzuschreiben; und obwohl es mit der Maschine viel schneller, leichter und einfacher zu machen ging, – es gab auch vorgedruckte Formulare zu diesem Zweck – so ließ er es sich durchaus nicht nehmen und malte Tag und Nacht beharrlich und sorgfältig einen Buchstaben nach dem andern und reihte die Zeilen aneinander, als wären sie Perlen, und schrieb den Bericht so oft ab, bis er so war, daß er ausgestellt werden konnte, – so war er geschrieben! – denn Marakulin war wegen seiner Schrift berühmt. Am nächsten Tage schon wird so ein Bericht irgendwohin verlegt, man schenkt ihm keine besondere Aufmerksamkeit, man verlangt ihn nicht so, und eine Menge Zeit und Arbeit sind sinnlos verschwendet worden! Ein verrückter Kerl, und wie beharrlich in seiner Verrücktheit! Und weiter pflegte Marakulin noch etwas Seltsames zu erzählen – von einer ihm eigenen, durch nichts erklärbaren ungewöhnlichen Freude, die er ganz unerwartet empfinden konnte: manchmal, wenn er am Morgen ins Bureau lief, begann ihm plötzlich das Herz in der Brust zu flattern und er fühlte eine ungewöhnliche Freude. Und diese seine Freude umfing ihn so ganz und sie war so groß, daß ihm schien, er könnte sie jetzt warm aus der Brust herausnehmen und jeden mit ihr beschenken – es würde für Alle reichen; wie ein Vögelchen wollte er sie in beide Hände nehmen, damit ihm dies Paradiesvöglein nicht davonfliege, darauf hauchen, daß es nicht friere und es so den Newsky entlang tragen: mögen sie alle sehen, ihre Wärme einatmen, ihr Licht fühlen, – das stille Licht und die Wärme, die das Herz vor Freude atmet und ausstrahlt.

Natürlich ist es schwer, sich selbst zu beurteilen, und mit Geständnissen kommt man auch nicht weit: ob das alles stimmte oder nicht – wer kann es wissen? – Aber eine Liebe zum Leben, ein Instinkt zum Leben, die Heiterkeit des Gemütes – das war in ihm in der Tat.

Wenn man Marakulin zuhörte oder sah, wie er an Menschen heranzutreten pflegte, wer sein Lächeln und seinen Blick kannte, dem konnte manchmal der Gedanke kommen, daß so einer wie er, jederzeit imstande wäre, zu einer Bestie in den Käfig zu treten und, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne zu überlegen, die Hand auszustrecken, um das sich sträubende wilde Haar des grimmigen Tieres zu streicheln – und das Tier würde nicht beißen.