Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3
Part 9
Mit heimlichen Vergnügen? Nun warum nicht? Welcher Feldherr zählt nicht mit _Vergnügen_ auf dem gewonnenem Schlachtfelde die _Leichen seiner Feinde_, sieht nicht mit heimlicher Wollust vor sich auflodern die feindlichen Städte unter den wirksamen Feuerkugeln, -- und _doch_ mag ihm das Herz bluten. -- Welches Mädchen, welches Weib sieht nicht mit Lust auf die verheerenden Siege, welches seine Schönheit erwirbt, selbst dann, wann es die Siege nicht geniessen darf. Denn Weibern ist es genug, _gesiegt zu haben_; die liebe Eitelkeit ist mit dem Opfer zufrieden und der Stolz fodert nicht _mehr_ noch.
Ich sehe -- meine _Leserinnen_ -- Sie werden böse; ich lese den Wunsch in Ihrer Seele, daß Sie mich wohl mit eben den Waffen strafen möchten, die ich izt schalt. -- Aber wahrhaftig, ich hätte diesen gelegentlichen Ausfall nicht gewagt, wenn ich vor Ihnen Allen nicht viel zu sicher wäre. -- Ein Greis, der beinah siebzig Jahre zählt, und des Morgens sein Haupthaar, ohne Puder, weisser, als das Haar manches Stutzers, findet -- der _fürchtet_ sich nicht mehr vor schönen Augen, den _locken_ nicht mehr blühnde Wangen, den führt kein stürmischer Busen _irre_. -- Welche Rache wollen Sie nun an mir nehmen?
Es ist nicht artig, sagen die _Kunstrichter_, wenn ein Erzähler mitten im Text abbricht, und mit seinen Lesern von sich und ihnen spricht. Es ist eben so wenig fein, als wenn ein Prediger mitten in seinem Eifer wider die eitle Lust der Welt seinen Kragen in Ordnung zupft und den Locken eine bessre Richtung giebt.
Also still!
Unterdessen, daß wir hier mit einander schwazten, hatten _Florentin_ und _Imada_ ebenfalls nicht geschwiegen. Inzwischen was sie gesprochen haben, weiß ich wirklich nicht; nur izt, da wir sie wieder ansehn und anhören wollen, finden wir sie nicht mehr in der vorigen Lage, auf dem moosigten Erdboden sitzen, sondern sie _stehn_ -- und das sonderbarste ist, sie stehn so, wie ich ebenfalls in meinen jüngern Jahren oft gestanden _habe_, und mancher meiner Leser vielleicht in diesem Moment um alles in der Welt gern stehen _möchte_. -- Nämlich? -- Arm in Arm verschlungen, Aug in Auge gesenkt, Mund an Mund gepreßt -- das heißt mit einem Worte: _küssend_. --
Wie sie zu dieser wirklich unvermutheten Stellung in allmähligen Uebergängen des Gesprächs gekommen seyn mögen, weiß ich selber nicht. An alle dem sind unsre episodischen, unzeitigen Plappereien Schuld gewesen. Künftig wollen wir uns besser in Acht nehmen.
Also: _küssend_ -- --
»Und nun ists gewiß?« sagte _Imada_, indem sie den _Traurigfrohen_ sanft zurückdrängte.
»Gewiß! ich komme zu Ihnen nach Mont-Rousseau, und zwar zu Ihrem Vermählungsfeste, und wenn mich der Schmerz beim Anblick des Glücklichen tödten sollte. -- Ich _komme_!«
»Das soll mir die reinste, entscheidendste Probe Ihrer Freundschaft seyn. -- Mein Vermählungstag ist der _erste September_!«
»Gott, so bald?«
»Schon wieder der alte Ton? -- Mit einem Worte, Sie kommen. Dann wird doch der unglückselige Tag _eine_ Freude für mich haben, und die ist -- Sie zu sehn. O, Duur, lieber Duur -- ich hätte Sie nicht so sehr liebgewinnen müssen, wenn meine einstige Ehe nur halbleidlich für mich seyn sollte -- -- -- Duur, Sie lieben mich, ich Sie --, Freundschaft ist oft zur Liebe ausgeartet, lassen Sie bei uns izt die Liebe zur _Freundschaft_ werden.«
»Freundschaft ist der schönsten Lebenslust erster Sprösling; der Sprösling treibt unter glücklichen Verhältnissen weiter auf, wird _Blume_, heißt _Liebe_. -- Unsre Liebe in Freundschaft verwandeln, heißt der Blume ihre Krone abschlagen, und sie dem Sprösling ähnlich machen -- ach sie wird nie _Sprösling_ werden, sondern bleibt der _traurige Stumpf_ -- einer zerstörten Blume.«
»Und auch dann noch dem, _der sie kennet_, lieb und theuer!«
»Wie ein Schattenriß von verstorbnen Freunden!«
»Still davon -- wir sehn uns wieder!«
»Wir sehn uns wieder!« rief _Duur_ mit Wehmuth und sank an _Imada's_ Herz.
Es war dunkler und kühler geworden. Man vermißte die _Beiden_ schon längst in der Gesellschaft. -- Es ließ sich ein Räuspern in der Nähe hören.
»Man sucht uns auf!« lispelte _Imada_; und indem sie dies sagte, trat ihr Oheim, der _Graf von Gabonne_ -- ein alter, freundlicher Krieger mit narbenvoller Stirn und schneeweissem Haupte -- aus dem Gebüsch am Teich hervor.
_Imada_ flog ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen; sie warf sich an seinen Hals; ihre ganze Bewegung schien dem bestürzten _Duur_ Ausbruch eines verhaltnen Entzückens, ihre Stimme ein seliges Jauchzen zu seyn.
Er rieb sich die Stirn -- diese Verwandlung hatt' er nicht erwartet; eine solche Freude verrieth mehr, als Liebe für den Oheim, oder Vergnügen an seinem Hieherkommen.
»Weiber! wer ergründet Euer Herz, wer studirt Eure Laune aus, wer die Falten Eures Charakters? Niemand in der Welt, auch der erfahrenste Menschenkenner nicht -- und Ihr selbst? -- am _allerwenigsten_!« -- rief _Duur_ mit eingem Unwillen.
Drittes Kapitel. Sie wandern alle in ihre Heimath.
»Leb wohl! und folg mir bald!« rief _Holder_, indem er seinen Bruder noch einmal in die Arme schloß und an sein redliches Herz drückte.
»Leb wohl! tausend Küsse Deiner _Idalla_, und meinem _Karl_, die in der Einsamkeit Dir entgegen seufzen. Leb wohl! Ich folge Dir bald!« entgegnete _Florentin_, dems weh und bang ums Herz ward, ungeachtet die Scheidung nicht auf ewig gelten sollte.
_Holder_ umarmte izt den ehrwürdigen _Grafen von Gabonne_ -- und Beide, statt einige Rührung bei ihrer Trennung zu empfinden, und zu äussern, da sie sich doch einander so theuer geworden waren, Beide, sag ich, brachen statt in Thränen, -- in ein lautes schallendes Gelächter, aus.
_Florentin_ machte ein paar große Augen. -- Aber die Herrn liessen sich nicht stöhren, sondern lachten so herzlich und so anhaltend fort, daß die ganze Versammlung bald darauf mit einstimmte und _Florentin_, der auf keine Weise errathen konnte, warum sich das Zwergfell dieser scheidenden Freunde so unwillkührlich erschütterte, geneigt ward, selbst mit zu lachen.
Er erkundigte sich endlich, mit sehr verzeihlicher Neugier, nach dem Grund dieser unerwarteten Erscheinung, aber statt aller Antwort -- lachte man. -- Lachend stieg _Holder_ in die für ihn bereitete Luftgondel; lachend empfahl er sich nochmals und in einigen Minuten war er in der Luft ihren Blicken entführt.
Weinend stand _Imada_ an eine Mauer gelehnt -- eben sie, die vor wenigen Augenblicken selbst an dem Gelächter ihren grossen Antheil nahm. Schluchzend wankte sie _Florentinen_ entgegen, schweigend küßte sie ihn, verhüllte sich das Gesicht, und nahm in einer andern Montgolfiere ihren Platz.
_Florentin_ verbiß seinen Schmerz.
»Am ersten September sind Sie doch bei uns?« fragte sie mit einem wehmüthigen Lächeln.
»Gewiß!« antwortete bebend _Duur_.
»Das _müssen_ Sie,« rief der alte _Graf von Gabonne_, indem er _Florentins_ Hand schüttelte: »das _müssen_ Sie mir _feierlich_ noch einmal vor dieser ganzen lieben Gesellschaft angeloben. Es soll Ihr Schade nicht seyn; ich will alles dran wenden, Sie vollkommen vergnügt zu machen!«
»Ich werde erscheinen -- gewiß erscheinen!« antwortete _Duur_ mit stockender Stimme.
»Verlassen Sie sich auf mich!« rief _Josselin_ dazwischen: »ich bürge für ihn; er trifft mit mir zugleich bei Ihnen ein!«
Der Bund ward mit Küssen und Händedrücken wechselseitig bestätigt -- der alte Graf sezte sich zu seiner reizenden Nichte -- die Gondel flog auf und ruderte langsam und majestätisch durch die Luft hin, wie ein Schwan in den Wellen.
So riß sich einer nach dem andern von _Gobby_ los. Der _Commendant_ und _Rosalia_ mit ihrer Freundin, _Josselin_ und _Duur_ waren in einigen Stunden wieder in der alten Heimath.
»Wie behagte Ihnen die kleine Spazierfahrt?« fragte der biedre _Commendant_ den träumenden _Duur_.
»Sie war reicher an Intresse, als das ganze Leben manches Menschen!« erwiederte der Träumer, nicht um seine Meinung, sondern um eine Antwort zu geben.
Viertes Kapitel. Sie reisen zur Hochzeit.
_Duur_ war niedergeschlagen und so mißvergnügt, nach seiner Heimkunft, daß er keine kleine Lust hatte, sich in den Salomonismus einweihen zu lassen.
Er verließ ungern sein Zimmer; floh alle Gesellschaften, so sehr es thunlich war; nachtwandelte in seinem Zimmer, träumte, schwärmte, seufzte, klagte und zankte mit dem Schicksal, wie es seit dem achtzehnten Jahrhundert noch immer die Sitte der unglücklichen Liebhaber war.
_Josselin_ hingegen schien seinen Trübsinn zu verlieren und seinen Vorsatz ausführen zu wollen, in Zukunft sich ganz dem schönen Spiel der Sinnlichkeit zu überlassen. -- _Rosalia_ war ein reizendes Mädchen; das wußte _Josselin_, er wußte auch noch mehr, daß er -- von ihr geliebt wurde.
Es dauerte nicht lange: so kam es zwischen ihm und ihr zu umständlichen Erklärungen; der alte brave _Silberot_ hatte gegen diese Erklärungen keine Sylbe einzuwenden, und -- eh mans sich versah, hieß _Josselin_ des braven _Commendanten_ Schwiegersohn.
_Florentin_ wünschte seinem Freunde Glück -- mit schwerem, traurigen Herzen wünschte er Glück, freuen konnt' er sich nicht.
»Damit die Lust vollkommen werde,« sagte der brave _Commendant_: »so soll die Vermählung ebenfalls am ersten September, und zwar auf dem Gute des Grafen von _Gabonne_ vollzogen werden. _Rosalia_ und _Imada_ sind Freundinnen; -- das giebt ein Doppelfest, eine Doppelhochzeit.«
_Josselin_ und _Rosalia_ nickten freundlich und schweigend mit dem Kopf.
»Damit aber,« sezte _Josselin_ hinzu, indem er _Florentinens_ Hand faßte: »unser lieber Freund dort heitrer sey, als ers bei uns izt ist; so werd' ich mit ihm zu Fuß nach Mont-Rousseau reisen, kreuz und quer durch Deutschland. -- Das vertreibt die hypochondrischen Grillen. Vielleicht finden wir unterwegs ein niedliches Mädchen, das sich nicht schämen darf, neben _Rosalia_ und _Imada_ vor dem Altar zu stehn, das nehmen wir mit uns, wenn _Florentin_ will -- und die Triple-Allianz ist da. Zum ersten September treffen wir gewiß in Mont-Rousseau ein.«
_Rosalia_ wollte freilich bei diesem Vorschlage etwas böse seyn -- aber dann fiel ihr Blick auf den schwermüthigen _Duur_, und sie wars zufrieden.
_Florentin_ hatte _Josselinen_ selbst gebeten, mit ihm eine solche Wanderung zu unternehmen, weil er doch, vor seinem Rückzuge nach _Holders_ Einsiedelei, die Genossen des dreiundzwanzigsten Jahrhundertes noch ein wenig näher kennen zu lernen wünschte.
Es wurden also die besten Anstalten zu der Pilgerschaft getroffen, und --
Warum soll ich meinen Lesern vorerzählen von den Thränen der schönen _Rosalia_, die sie beim Abschiede ihrem lieben _Josselin_ und _Duur_ nachweinte? -- Warum soll ich die Küsse berechnen, die wechselseitig gegeben und genommen wurden? --
Man reiste ab.
Fünftes Kapitel. Zuerst ins Tollhaus!
Die Reise hatte für den Bürger des achtzehnten Jahrhunderts kein gemeines Intresse, denn, wo _Josselin_ nichts, als alltägliche Dinge, erblickte, fand _Duur_ bewundernswürdige Neuigkeiten. Jener mußte es sich daher oft gefallen lassen, bei den unbedeutendsten Quisquilien, wie vor ausgemachten Seltenheiten stehn zu bleiben.
_Florentin_ lebte ganz auf; er vergaß beinah seines eignen Leidens über den Reichthum an Glückseligkeit, welchen sich vorzugsweise selbst der ärmste Landmann vor den Zeitgenossen des achtzehnten Jahrhunderts zu freuen hatte; er wünschte tausendmal, daß sein ehrwürdiger Oheim izt ihn unsichtbar begleiten, und die Wunderdinge dieses Zeitalters mit ihm betrachten möchte; er bildete sich ein, auf dem Boden einer idealischen Republik zu wandern.
Von allen Seiten her lachte von den schönbepflanzten Weinbergen, von den unermeßlichen Saatfeldern, von den schiffreichen Flüssen ihm Freude entgegen; wohin er sah, fand er die goldnen Spuren der dankbaren Industrie -- und zwar das alles in einer Gegend des deutschen Vaterlandes, wo vor fünf Jahrhunderten noch kein Geist herrschte, wie er damals schon in der preussischen Monarchie sich regte.
Die Dörfer waren zierlich gebaut; sie glichen kleinen Städten. Auf den Gesichtern der Einwohner las man Zufriedenheit und Lust. Ländliche Einfalt und städtische Wohlhabenheit paarten sich freundlich in jedem Hause; wohin sie kamen, fanden sie, selbst in den Hütten der Armuth, einen großen Schatz -- _Reinlichkeit_.
»Wie sich das alles so schön verändert hat!« tief _Duur_ in einer frohen Ekstase seinem Gefährten zu: »um wie viel glücklicher ist doch, bei allen ihren Mängeln, dennoch diese Nachwelt! -- Zu meiner Zeit hätt' ichs nicht einmal wagen mögen, in die Hütten armer Landleute zu treten. Ich glaube, die Gefängnisse sind izt Palläste gegen die meisten Dorfhütten des achtzehnten Jahrhunderts.« --
»Nun wahrhaftig,« entgegnete _Josselin_: »schilderst Du doch das Vaterland Deiner Zeit wie ein Kamschatka.«
»Es ist die Frage, ob ich daran Unrecht thäte? -- Denke Dir einen Haufen unordentlich durch einander geworfner Hütten, als hätte sie ein Sturm zusammengeführt und ein Wirbelwind geordnet -- diesen Haufen nannte man sonst ein Dorf. Denke Dir eine alte, kothige Cajütte, mit Schmuz austapeziert, mit einem Fenster, zwei Spannen lang und breit; ein niedriges, enges, dumpfes Gemach, worin drei Odemzüge die Luft verpesten konnten -- dazu Kinder und Eltern im Schmuz _erzogen_, mit Schmuz _bekleidet_ -- und Du hast das anschauliche Bild von den meisten Bauerwohnungen jener Zeit.«
»Dann hast Du Recht. So sind unsre Kerker wahre Palläste.«
»Der Bauer meiner Zeit war in vielen Gegenden nichts mehr, als das nützlichste Vieh der _Gutsherrschaft_. Er mußte für die Ueppigkeiten seines Herrn im blutigen Schweiß seines Angesichts arbeiten, und hatte nichts -- gar nichts davon, als einen kümmerlichen Unterhalt -- _Kartoffeln_, und _Lumpen_.«
»Warum duldete es der Bauer?«
»Weil er _mußte_. Es kam freilich hin und wieder zu Aufständen und Tumulten; die Sklaven rüttelten an ihren Ketten, und foderten Entlassung von dem grausamen Frohndienst, der Ursach daran war, daß sie nie ihrer Tage froh, und ihrer Arbeit Früchte mächtig wurden -- allein selten halfs. Die Edelleute und Gutsbesitzer hatten Geld, Gönner und einen Schein des Rechts.«
»Was? einen Schein des Rechts? willst Du mir von Deinem Jahrhundert Märchen aufbinden? einen _Schein des Rechts_ Menschen für sich, die ihre Mitmenschen statt des Lastviehs gebrauchten und sie nothdürftig dafür mit Kartoffeln und Lumpen bezahlten?«
»Warum nicht? die Gutsbesitzer beriefen sich zum Beispiel auf alte Verträge, und sagten: unsre Vorfahren luden vorzeiten diesen und jenen ein, ihr Land zu bauen. Dafür wollten sie eine Hütte, und soviel Acker geben, daß man sich davon nähren konnte. Der Vertrag war geschlossen, und erbte auf Kinder und Kindeslinder fort. Daher schwelgte der Gutsbesitzer immer in Ueberfluß und sein armer Unterthan mußte sich bei Wasser und Brodrinden _quid iuris_ lehren lassen, wenn es ihm zur unrechten Zeit beifiel, daß er doch _auch ein Mensch sey_. Ja, der Gutsbesitzer ließ sich wohl gar noch einen _Menschenfreund_ und _Wohlthäter schelten_, wenn er bei schlechten Erndten seinen armen Unterthanen aushalf, damit sie nicht -- _verhungerten_. Im Grunde that er ihnen nicht mehr Gutes, als seinem Vieh_,_ welches er füttern _mußte_, wenn er seine Felder in der Zukunft damit bestellen wollte.«
»Das ist traurig!«
»Wenn nun so ein armer Schelm _vier_ saure Tage in der Woche für seinen Herrn, und einen, oder zwei für sich gearbeitet hatte, so war der siebente Tag -- Ruhetag. Dann ging er in die Kirche, und ließ sich von seinem oft herzlich unwissenden Pfarrer etwas _über die Leiden der Gerechten in diesem Jammerthal_, oder einige Geheimnisse der _Dogmatik_ vorpredigen. -- Du kannst leicht denken, wie es da um die _Bildung des Geistes und des Herzens_ der Bedauernswürdigen stand. Die wenigsten konnten lesen und schreiben.«
»Schändlich! und doch haben die Genossen jenes Zeitalters ihr Jahrhundert das _philosophische_ nennen können?«
»Scherz! es gab damals noch _Philosophen_, die sogar in Barbara und Ferio bewiesen, daß es _höchst schädlich_ seyn würde, dem _größten Theil derselben vernünftige Begriffe beizubringen_, behaupteten: der Landmann müsse in seiner dumpfen Unwissenheit gelassen werden; die Frohndienste wären das fruchtbarste Befördrungsmittel der ländlichen Industrie, besonders da man dann und wann fände, daß _freie_ Bauern weit armer und _lüderlicher_ wären, als die frohnenden.«
»Ich mag nichts weiter hören von der Barbarei Deiner Philosophen -- so was kömmt mir in _bösen Träumen_ wieder vor!« rief Josselin bewegt: »so dank ich dem Schicksal, welches mich ein halbes Jahrtausend später in die Welt warf.«
Mit solchen Gesprächen verkürzten sich unsre Pilger den Weg. _Josselin_ fühlte sich dann jedesmal einen Grad trauriger, _Florentin_ einen Grad fröhlicher.
Sie kehrten unterwegs gewöhnlich bei den Pfarrern auf dem Lande ein, welche im Durchschnitt Männer von Kenntniß und Erfahrung waren, die so viel Gehalt besaßen, daß sie _ohne Nahrungssorgen_ gemächlich leben _und_ sich ihrem wichtigen Amte _ganz_ widmen konnten.
Die Wichtigkeit ihres Amtes bestand aber nicht darin, daß sie ihre Catechismusschüler zu _Papageichristen_ bildeten, sich _magre_ Predigten und _fette_ Aecker besorgten, auf Beichtgroschen lauschten oder in träger Muße ihre Tage gedankenlos hinhungerten: sondern sie waren die Sittenrichter, die Lehrer, die Seelenärzte ihrer Gemeinde, und ausserdem die _leiblichen_ Aerzte derselben. Jeder Landprediger mußte Medicin studirt, und so gründlich studirt haben, daß er im _Collegio medico_ der Hauptstadt reif befunden wurde. Dies gab den guten Pfarrern in ihren Bezirken einen doppelten Werth und doppeltes Verdienst. -- Statt der _Septuaginta, Concordanz_ und _hebräischen Bibel_ fand man in ihren Zimmern ein _Arzneischränkchen_, welches auf Unkosten der Gemeinde immer im Stande gehalten ward.
Aber unsre Wandrer entdeckten auch auf ihrer ganzen Reise kein Dorf, in welchem der Leib- und Seelenarzt nicht der Liebling, der Allgemeinverehrte war; wo nicht mit Freundlichkeit und kindlichen Vertrauen sich ihm jechlicher nahte. Mit welchem Gefühl mußte so ein Mann auf der Kanzel stehn, wenn er die um sich versammelt sah, welche ihm oft die Rettung des Lebens, oft die Rettung der Seele zu danken hatten!
»Ja, meine Herrn,« sagte einstmals ein Landgeistlicher im Gefühl seines Werths zu unsern Abentheurern: »ich gesteh es gern, daß der Stand, in welchem ich lebe, ein beneidenswürdiges Glück mit sich führt für jedes gute Herz. Wer in der Welt kann sich der Freude rühmen, so täglich mit eignen Augen die Saat reifen zu sehn, welche er auswarf? Meine Gemeinde ist meine Familie; ich bin ihr Vater, ihr Vertrauter zu dem sie in Verlegenheit flieht, der Schöpfer ihres guten Herzens, der Beschirmer ihrer Gesundheit.«
»Ein schönes Loos!« rief _Florentin_: »vorzeiten wars nicht so. Da mußte der Landgeistliche hebräisch und grichisch verstehn; man hätte ihn ausgelacht, wenn er statt dessen seine medicinischen Kenntnisse zeigen wollte.«
»Das war _vorzeiten_! Gott seys gedankt, wir leben in einem _vernünftigern Jahrhundert_, wo die Lehrer des Volks den _ersten_ Lehrern des Christenthums ähnlicher werden. Waren nicht auch Christus und die meisten seiner Apostel Leib- und Seelenärzte? -- So lange man in den Kirchen noch _hölzerne Kelche_ besaß, hatte man noch _goldene Priester_; seitdem die Christen sich _goldner Kelche_ freuten, hatten sie _hölzerne Priester_. -- Sehn Sie, es wäre ja traurig wenn mir uns nicht endlich wieder über das barbarische Alterthum emporschwingen wollten.«
Nicht genug, sich nur mit den Honoratioren in den Dörfern vertrauter zu machen, besuchte _Florentin_ auch die glücklichen Landleute in ihren Wohnungen. -- Ueberall ward er mit Höflichkeit und patriarchalischer Gastfreundschaft empfangen; niemand fragte auch nur mit einem scheelen Blick: wer bist du? was willst du? -- Selbst der Aermste sezte ihm ein reinliches Butterbrod, ein klares Glas Wassers vor.
»Gott! welch ein herrliches Volk ist das!« rief _Duur_ mehr, als einmal: »und Du, Josselin, kannst da so ruhig, so gefühllos stehn, -- auch nicht einmal eine Spur von Freude äussern?«
»Ich sehe nicht ein, warum ich immer, wie Du, den Entzückten spielen soll?« entgegnete _Josselin_: »ists denn so was Wunderbares, daß der Bauer kein _Vieh_, sondern ein _Mensch_ ist?«
Einigemal hatten unsre Pilger das Vergnügen, einem Bauernexamen beizuwohnen, einer Sitte, welche _Josselinen_ selbst neu war, weil sie erst auf landesherrlichen Befehl seit Kurzem eingeführt war.
Jeder Bauer nämlich, welcher sich in einem Dorfe häuslich niederlassen, oder sich verheurathen wollte, mußte sich vorher einer gewissen Prüfung unterwerfen, die der _Prediger_ und der _Oberbauer_ des Dorfes führten. Er mußte beweisen, daß er Kenntnisse genug habe, um ein guter Mensch, ein guter Unterthan, ein guter Gatte, ein guter Landmann zu seyn.
Diese Kenntnisse konnten leicht erworben werden, theils durch den Schulunterricht, theils durch das Lesen nützlicher Bücher, welche für den Landmann geschrieben waren.
In den Schulen lehrten nun freilich keine _Invaliden_, keine _verlaufne Schneidergesellen_, wie im _philosophischen_, _achtzehnten_ Jahrhundert, sondern zu diesem Unterricht gebildete Männer. Ihre Schüler lernten nicht nur lesen, schreiben, rechnen, Religions- und Sittenlehren, sondern auch allerlei nützliche Haus- und Wirthschaftsregeln, und andre im gemeinen Leben heilsame Dinge.
Dazu kam noch, daß jeder Hausvater für seine Familie einige vom Landesherrn vorgeschriebne Bücher halten mußte, die deutlich und faßlich über allerlei Gegenstände der Natur und des häuslichen Lebens, vom Benehmen bei Feuer- und Wassergefahr, bei Gewittern, bei Kranken und Sterbenden, u. s. w. handelten. Ohne diese Bücher konnte kein Bauer so wenig ein Hausvater, als vordem ohne Bibel, Catechismus und Gesangbuch ein Christ werden.
»Schmäle, so viel Du willst,« sagte _Duur_: »meine Freude ist eben so gränzenlos, als meine Verwunderung! Ich begreif es in Ewigkeit nicht, wie man den Landmann zu einer solchen Stufe der Polizirung hinanbringen konnte.«
Josselin. (lächelnd.) Das find ich nicht unbegreiflich. Kann man doch Bären tanzen und Hunde exerziren lehren.
Duur. An der Fähigkeit des Bauern, ein Mensch zu _werden_, zweifle ich nicht. Ich wundre mich nur über den Willen, -- daß man ihn zum Menschen zu machen _gewollt_ habe.
Josselin. _Gewollt_? ich verstehe Dich nicht.
Duur. Das glaub' ich gern. Zu meiner Zeit hieß es noch: wozu hat der Bauer die Bildung des Herzens und des Verstandes nöthig? -- das ist Ueberfluß. Es ist genug, wenn er sein Feld bestellen und zur gehörigen Zeit seine Abgaben entrichten kann. -- Ob so ein wirklich _unglückliches_ Wesen nicht eben so gut Ansprüche auf die höhern Freuden der Menschheit, auf die Freuden des Herzens und des Geistes, auf gewisse Bequemlichkeiten u. s. w. habe, als der Stadtbewohner, darauf ward gar nicht einmal Rücksicht genommen. Kurz, er war ein Bauer, ein _gebornes_ Lastvieh in der Welt.
Josselin. Das ist schändlich gedacht.
Duur. Glaube mir, daß ich ausgelacht geworden wäre, wenn ich im achtzehnten Jahrhundert nur prophezeit und vorgeschlagen hätte, was izt Wirklichkeit ist.
Josselin. Das sieht dem achtzehnten Jahrhundert ähnlich.
Duur. Freilich entdeck' ich nicht, woher die Kosten zur Besoldung der Schulmeister, Prediger, Anschaffung der Bücher und dergleichen mehr gewonnen sind.
Josselin. Ich bin zu unbewandert in der speciellen Geschichte der Staaten und ihrer Finanzveränderungen, um Dir das Räthsel zu lösen. So viel aber weiß ich, unsre Fürsten füttern an ihren Höfen keine Ceremonienmeister, Hofmarschälle und Castraten mehr, wie sonst; sie vertheilen das ungeheure Gehalt solcher unnützen Staatsfiguranten, und befördern damit die Cultur ihrer Unterthanen.
Duur. (ihn anstarrend.) Bist Du -- -- -- ach, verzeih, ich lebe ja im dreiundzwanzigsten Jahrhundert! -- So ist wirklich also die Polizirung der obern und niedern Glieder des Staatskörpers in gleichen Verhältnissen gewachsen.