Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3
Part 8
»Wahr ists, Künste und Wissenschaften sind seit fünfhundert Jahren zu einer Höhe emporgestiegen, welche unsern Vorfahren gewiß ungedenkbar seyn mußte; eine ungeheure Zahl von Entdeckungen und Erfindungen in allen Gebieten der Erkenntniß hat die Summe unsers Wissens so vermehrt, daß izt das Erlernen einer einzigen Wissenschaft hinreichend ist, einen Menschen durch sein ganzes Leben zu beschäftigen, da vor einem halben Jahrtausend ein Gelehrter noch im Besitz vieler Wissenschaften seyn, und sie alle gründlich studirt haben konnte; wahr ists, Cultur, Aufklärung, Wissenschaftsliebe ist nicht mehr, wie sonst, das Eigenthum einiger Nationen; _Deutschland, Frankreich, England, Schweiz, Batavien_ sind nicht mehr die alleinglänzenden Gestirne, welche Europa und die übrigen Welttheile erleuchten, sondern _Amerika_ und _Ostindien_, selbst _Australien_ haben ihre Staaten, ihre Gelehrte, welche mit uns um den Vorrang wetteifern, über den verwehten Pyramiden _Aegyptens_ sind izt Schulen der Philosophie errichtet, aus welchen große Männer hervorgingen, deren Einfluß das barbarische Afrika und Asien ehrt; und jene Fürstenthümer und Republiken, welche man sonst unter dem Namen der Russischen Monarchie begriff, wo sonst Bären und Wölfe durch die Wälder heulten, und Unwissenheit und Aberglaube nisteten unter den Zellen und Hirnschädeln der Pfaffen, sehen izt mit Stolz auf die traurige Vergangenheit zurück. Allein was ist damit für die Glückseligkeit und Zufriedenheit der Sterblichen gewonnen? Nichts. Denn wenn wir auch _Engel_ würden dem _Geiste nach_, so bleiben wir doch immer elende, gebrechliche, leidende Wesen durch den Einfluß der _Sinnlichkeit_. Sinnlichkeit ist die unverwüstliche Kette, welche uns _ewiglich_ mit Unvollkommenheit und Elend verbindet!«
»Vor Zeiten glaubte man, und es war ein verzeihungswürdiger Glaube, daß die Art der Regierungsformen keinen geringen Einfluß auf das Glück, auf die Zufriedenheit der Nationen habe. Es gab eine Zeit, wo man begierig wünschte alle Monarchien in _Republiken_ zu verwandeln, und selbst unser Orden, benebelt von dem Rausche seines Jahrhunderts, neigte sich zu jenem Wunsche.«
»Allein die Erfahrung hat uns endlich gelehrt, daß nicht die _Art_, sondern die _Beschaffenheit_ der Regierungsformen die Aufmerksamkeit der Völker verdiene; wir hörten Republiken seufzen unterm Despotismus ihrer Gesetzgeber, wir sahen monarchische Staaten Freudenthränen weinen ihren Königen. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß nicht Liebe und Achtung für die Menschheit, sondern Egoismus und Stolz, die Stifter und Zerstörer gewisser Regierungsformen beseelten; das Wohl der Sterblichen war nur Deckmantel ihrer mörderischen Pläne, der Epheu ihres vergifteten Weins. -- Ehrgeiz und Habsucht der Großen waren die Eltern der Monarchien, Geldgeiz und Bettelstolz des Pöbels die Urquelle des Republikanismus.«
»Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß so lange die Erde um die Sonne tanzt, und tanzen wird, selbst die besten und weisesten Menschen die _Thorheit_ als ihr _Schooskindchen_ pflegen und hegen. Die Fürsten raffiniren noch immer izt, wie sonst, auf Vergrößerung ihrer Macht, auf Ausdehnung ihrer Reichsgränzen. Die blutigsten Kriege werden noch immer _dieser_ unedeln Maxime willen geführt, aber doch heißt es: es geschehe alles _zum Besten des Volks_; man sezt die _Vaterlandsliebe_ der Unterthanen für die Grillen ihrer Beherrscher in Contribution, ungeachtet das Volk keine _Minute an Freude_ mehr dadurch gewinnt, wenn sein Regent eine Provinz mehr in seinem Titel trägt. -- Welteroberungsträume waren von jeher eine Erbsünde der monarchischen und republikanischen Regenten; man unterjochte sich Land auf Land, bis der Körper des Staats zu einem Ungeheuer anschwoll und in eine Menge kleinerer Reiche auseinanderfiel. Dann begannen diese kleinern Staaten das alte Spiel von neuem, arbeiteten sich wieder zu einer gewissen Grösse hinan, und stürzten wieder auseinander. Was ist izt noch von der alten persischen, römischen, fränkischen, oder russischen Allgemeinherrschaft übrig? -- kaum ein _matter Schatten_ in den Büchern der Weltgeschichte -- der _Name_! -- Dafür wurden tausend gute Menschen, die sich ihres Daseyns auf Erden weit länger erfreuen konnten, hingeschlachtet? Dafür wurden tausend Familien in Elend gejagt? Dafür wurden die ruhigen Wohnungen glücklicher, stiller Bürger und Bauern mit Feuerkugeln, Bomben und Pechkränzen in Aschenhügel verwandelt -- dafür die zahllosen Thränen und Blutstropfen vergossen?«
»Ach, es ist bitter, sich an alles dies zu erinnern -- zu übersehen das große Jammerfeld des menschlichen Elendes und dabei zu fühlen, daß man zu ohnmächtig sei, um zu ändern, zu bessern, zu helfen. Es ist bitter daran zu denken, daß doch am Ende niemals das gute Herz und die veredelte Vernunft, sondern List und Gewalt und die aufgewiegelte Leidenschaft im Kampfe obsiegten; daß wir in fünf Jahrhunderten, mit fünfhundertjährigem Fleis nur immer wenig zur Genesung der Sterblichen beitrugen. Wir ersparen mit aller unsrer Arbeit höchstens der allesheilenden Zeit einige Mühe; wir stillen am Körper der menschlichen Gesellschaft einige blutende Wunden früher, können aber nicht verhindern, daß immer neue geschlagen werden!«
»Was frommt also unser Dichten und Trachten, unser Ringen und Streben? -- _eitel wenig_! und der Salomonismus hört auf für eine melancholische Schwärmerei zu gelten, wenn man sich diesen Betrachtungen weiter überläßt.«
»Für Euch, Ihr edeln Söhne des achtzehnten Jahrhunderts, _Julius_ und _Vinzenz_! die Ihr Euer Zeitalter freiwillig verliesset, um ein glücklicheres aufzusuchen, muß diese Nachricht, welche ihr von uns empfanget, wenig tröstend seyn, da sie Euern schönen Traum von einer frohen Nachwelt unwiederbringlich zerstört. Allein Ihr seid _Männer_ -- wir geben Euch den herben Trank der Wahrheit, wie er ist, und wollen ihn nicht mit dem Honig der Lüge verzuckern.«
»Wir sind _vollkommner_ und _elender_ geworden; wir haben tausend _neue Erfindungen_ gemacht, und tausend _neue Räthsel_ in der Natur gefunden; wir haben neue _Wissenschaften, Lehrsätze und Wahrheiten_, aber auch eben so viel _neue Irrthümer_; wir haben unzählige _neue Produkte_ der edeln und unedeln Künste, aber auch eben so viel _neue Bedürfnisse_; wir haben viele _sonst unbekannte Speisen_ und _Getränke_ und _Bequemlichkeiten_, aber auch viele _sonst unbekannte Krankheiten_ -- seht, dies ist alles, was wir Euch über die Fortschritte der Menschheit sagen können.«
»Seyd glücklich, Ihr Beide, so sehr Ihrs nach der Disposition Eures Körpers und Geistes seyn könnet. An uns soll es nicht liegen, wenn Eure Wünsche nicht erfüllt werden.«
So sprach der ehrwürdige _Redner_, und schwieg. Eine tiefe, schwermüthige Stille folgte seinen Worten.
_Vinzenz_ und _Julius_ verliessen ihren Thron und mischten sich unter die Versammelten. Gern hätte Florentin tausend Fragen an Holdern gethan, aber theils war dieser von vielen andern Fragern umringt, theils hatte er selbst für sich genug den neugierigen Schwarzen zu beantworten. -- Die Becher wurden mit Wein gefüllt; alles überließ sich der Freude, und Florentinen erstarben allmählig die Gegenstände dieser Versammlung, wie die Bilder eines Traums.
Er erwachte von einem festen, tiefen Schlafe. Die Sonne stand hoch am Himmel und schien warm durch die Zweige der Jelängerjelieberlaube, wo Freund _Josselin_, auf die Rasenbank hingeworfen, noch ruhig fortschlummerte.
Florentin rieb sich die Augen, und sah sich wild um. --
»Was ist das?« rief er: »hab' ich wirklich nur geträumt, oder war dies eine Spielerei der schwarzen Brüder?«
Josselin schnarchte, und lies sich nicht stöhren. »He Josselin! Josselin!«
Josselin erwachte; er sah sich bestürzt um; »Nun, wahrhaftig!« fing er lächelnd an: »wir können doch in der Welt noch für _Schläfer_ gelten!«
»Und zur Noth auch für _Träumer_!«
»Auch das, wenn Du willst.«
»Aber ich sehe nicht ein warum die Schwarzen mit mir den Scherz trieben?«
»Nothwendig war es freilich nicht -- aber man wollte Dir wahrscheinlich beweisen, daß man im drei und zwanzigsten Jahrhundert sich noch eben so gut auf Sinnenspiel und Gaukelei verstände, als vor fünf Jahrhunderten.«
»Und wahrhaftig man hat es in der Kunst sehr weit gebracht.«
Sechzehntes Kapitel. Dialog. Aufklärungen.
In diesem Augenblick erschien ein _Bedienter_, welcher ungerufen ein willkommnes Frühstück brachte; bald nach ihm meldete ein andrer, daß der Edle von Gobby mit seiner Gesellschaft binnen einer Stunde eintreffen würde.
_Florentin_ saß still vor sich da, mit seinem Geiste bei den Abentheuern dieser Nacht, -- beschäftigt mit _Holder_ -- mit _Imada_.
Josselin. Wie gefiel Dir der Inhalt Deines Traums?
Florentin. Verschieden, wie er selber war; ich muß gestehn, er hatte viel Zauberartiges und Du erwiesest mir einen Gefallen, wenn Du mir die Magie der schwarzen Brüder enthülltest.
Josselin. Eine gute Unterhaltung beim Frühstück. Der Commendant _Silberot_, selbst ein Schwarzer, war der erste, welcher Deine Erscheinung dem Orden bekannt machte, die anfangs wenig Glauben fand. Dein Bedienter, der Gondler _Matthias_, verrieth dem Commendanten _Holders_ Aufenthalt und Verhältnisse; auch dies erfuhr der Bund, und es wurde sogleich eine Gesandschaft und Einladung an _Holdern_ abgeschickt. Dein Abentheuer im Walde mit der schönen Nichte des Grafen von _Gabonne_ kam auf eben diese Weise zu unsrer Kenntniß. _Gobby_, ein vertrauter Freund desselben, meldete ihm die Erscheinung eines Mannes aus dem achtzehnten Jahrhundert, bat ihn mit _Imada_ zu sich, und alles ging nach Wunsch. _Gabonne_, _Imada_ und _Holder_ kamen; die Versammlung der schwarzen Brüder ward berufen und ich gab Dir den Schlaftrunk, der Dich zwei Stunden ums Bewußtseyn brachte. -- Man hatte es einmal beschlossen, Dich mit Wundern zu überraschen, folglich gehorcht' ich.
Florentin. Und _Holder_ ward nicht in die Zaubereien verwickelt?
Josselin. Nein; er hat drei Tage mit den Obern der schwarzen Brüder conferirt; gestern eilte auch _Gobby_ und die andre Gesellschaft zu ihm. Ich hab' ihn diese Nacht gesprochen. Es ist ein äusserst intressanter Mann. -- Bruder, ich reise mit Dir nach _Idallas_ Insel -- ich will meine übrigen Tage bei Euch verträumen in einer himmlischen Zufriedenheit.
Florentin. Nun wird mirs schon licht! wohin bin ich in dieser Nacht gebracht worden?
Josselin. Eine halbe Meile von hier, auf das Landgut eines Edeln, und Obern. Du schliefst in seinem Doppelzimmer, bei dessen Verwandlung Dir _Imada_ zugeführt ward, welche überhaupt Deine Feindin nicht zu seyn scheint.
Florentin. Doppelzimmer? -- Du mußt mich immer, als ein Kind betrachten, welches unwissend und neugierig vor allen Kleinigkeiten stehn bleibt. Was nennst Du ein _Doppel_zimmer?
Josselin. Wahrhaftig, ich hätt' es nie geglaubt; dermaleinst noch der Lehrer eines canellesischen Revolutionairs zu werden. -- Sieh nur, die Landhäuser unsrer Vornehmen werden so gebaut, daß die eine Fassade der Flügel, welche immer im Durchschnitt nur ein Zimmer breit sind, gen Morgen, die andre gen Abend sieht. Gegen Morgen und Abend sind Fenster. Die Wände sind mit Tapeten bekleidet, welche mit leichter Mühe aufgerollt werden. Daher kann man nun aus einem Zimmer gleichsam zwei machen; das Morgenzimmer hat Fenstern nach Osten, das Abendzimmer Fenstern nach Westen. So wie man an _einem_ Tage oft gern verschiedne Kleider trägt, so kann man sich auch in ganz verschiednen Zimmern befinden, ohne einen Fuß von der Stelle zu rühren.
Florentin. Eine mir ganz neue Art des Luxus!
Josselin. Imada führte Dich in den grossen Saal der Brüderloge, wo Dir nun nichts Unbegreifliches gewesen seyn wird. Ich trank mit Dir zugleich einen kleinen Schlaftrunk und wurde bei Sonnenuntergang mit Dir hiehergeschafft.
Florentin. Die Räthsel waren kurz und bündig gelöst.
Josselin. Elende Spielereien, für den vielleicht noch zu gebrauchen, der an ihnen einen Gefallen finden kann. Für mich sind sie ohne Reiz. Ich ziehe mit Dir in _Holders_ und _Idallas_ Einsamkeit; ich will mich meiner Tage freuen, so sehr ichs noch kann; die Welt, mit allen ihren Tändeleien kann mich nicht mehr ergötzen und fesseln. Laß uns eilen nach _Idalla's_ romantischer Insel; da wollen wir eine freie, unabhängige Colonie gründen und man soll sie weit und breit _die Colonie der Glücklichen_ nennen.
Florentin. Aber, lieber, bester Josselin -- -- --
Josselin. (lächelnd.) Imada?
Florentin. Kannst Du in mein Herz sehen?
Josselin. Ruhig! ich habe Lust an Sympathien zu glauben, denn in der vergangnen Nacht sagte _Imada_, als sie Dich verlassen hatte, zu ihrem Oheim: _Vinzenz_ glaubte in Elysium zu seyn, und mir wars beinah auch so!
Florentin. (indem er Josselin feurig umarmt.) Josselin! Josselin! dann hin nach Idallas Insel, um ein Götterleben und die Colonie der Glücklichen zu beginnen, deren Patriarchen wir seyn wollen!
Dritter Abschnitt.
Erstes Kapitel. Nur Einleitung.
Mit Schüchternheit und Sehnsucht erwartete _Duur_ die Ankunft der Gesellschaft. Er zitterte, die schöne _Imada_ wieder zu sehn; noch mehr aber vor seinen verwegnen Wünschen.
Die Stunde schlug; hoch wirbelten die Staubwolken daher vom Wege, welcher sich aus dem Walde hervorzog; die nahen Bachbrücken dröhnten unterm Huf der Rosse; man hielt still und die fröhliche Gesellschaft umringte in wengen Augenblicken unsern Abentheurer.
Auch _Holder_ und _Imada_ waren da; _Imada_, deren Blick sich durch das bunte Gewühl der Versammelten zu ihm herüberstahl. _Holder_, welcher seinen Freund hier mit zärtlichem Enthusiasmus umarmte.
_Duur_ näherte sich _Gabonnens_ schöner Nichte; wie ein Gefühl von Schaam und Verlangen preßte es ihm das Herz, röthete es seine Wangen. _Josselin_ hing an _Rosaliens_ Arm.
»So wollen wir die _Colonie der Glücklichen_ gründen!« rief _Josselin_ lächelnd seinem Freunde zu, indem sie in das Haus traten.
Seit Florentin sich in der neuen Welt umhertummelte, hatte er für Herz und Geist nicht so anhaltende Schwelgerei gefunden. Es blühte alles um ihn her, wie ein Paradies; alles wollte sich zu seiner Seligkeit vereinen. _Gobby's_ ernste Weisheit, verbunden mit der liebenswürdigsten Laune, _Silberots_ deutsche Biederkeit, _Holders_ stille Selbstzufriedenheit, _Josselins_ grell abwechselnde Melancholie und Frohsinn, _Rosaliens_ tändelnder Muthwille, _Imada_'s Schüchternheit und Liebe bildeten den schönsten Kontrast von Karakteren, in deren Gesellschaft man gern auf Erden den Himmel vergessen hätte.
_Duur_ überzeugte sich bald, daß _Imada's_ Wünsche mit den seinigen in geheimer Eintracht lebten, daß er unter allen Männern dieser Gesellschaft der einzige sey, auf welchen _Imada's_ Augen mit entschiednem Wohlgefallen ruhten; er hatte ihr seine Empfindungen auf mannigfache Weise kund gethan, ohne _einmal_ das Wörtchen Liebe ihr zu nennen; erröthend hatte sie ihm bei den auffallenderen Geständnissen die Hand gedrückt -- und doch wars ihm immer, als fehle zu seiner vollendeten Seligkeit etwas; als mischte sich ein fremdes Wesen zwischen ihm und _Imada_ mitten in ihren vertraulichsten Unterhaltungen.
Seine Ahndung betrog ihn nicht. Er fühlte immer mehr, daß seine Besorgnisse gegründet seyn mußten. Begierig spürte er allen Gelegenheiten nach, um sich _Imada_ ganz zu entdecken und ihr ein offenherziges Geständniß über ihr Herz zu entlocken.
Zehnmal des Tages fand er die Gelegenheit, aber niemals wagte er sie zu benutzen. Schüchtern wich er von seinem Vorsatz zurück, wenn er seiner Erfüllung am nächsten stand.
So verstrich ein Tag nach dem andern. Es wurden allmählig von allen Seiten Anstalten zur Abreise getroffen. Florentin bemerkte dies und verlor seine Heiterkeit.
Müde, sich mit den ewigen Zweifeln und Besorgnissen zu quälen, entschloß er sich endlich, am lezten Abend vor der Abreise den entscheidenden Gang zu wagen; er machte sich selber wegen seiner kindischen Zaghaftigkeit die heftigsten Vorwürfe, und niemand hatte auch wichtigere Ursachen dazu, als er, der in den Fehden und Irrgängen der Liebe kein Neuling war.
Zweites Kapitel. Verzweiflung.
ES war ein prächtiger Abend; frisch duftete das Grün der Gebüsche und Halmen rings umher; die Lerchen wirbelten ihr leztes Lied der halbversunknen Sonne nach, und die Wipfel der Bäume strahlten in feuriger Verklärung des Abendroths.
_Imada_ sas im Garten am Teiche.
Ein wildes Pflaumengebüsch, durchwachsen vom freundlichen Epheu, hatte sich um und über dem schönen Weibe zu einer natürlichen Laube gebildet; zu Füßen plätscherten die kleinen Wellen am Blumenufer, und spielten die Fische sorglos ihr Spiel. -- Buchfinken und Meisen sangen von allen Zweigen herab; Schmetterlinge verfolgten sich in weiten tändelnden Ringen umher, und im tiefsten Dunkel eines alten Nußbaums girrte ein Turteltaubenpaar.
_Imada_ sas in sich selbst geschmiegt, tief in Betrachtungen verloren da, die weissen Arme nachlässig auf den blumigten Rasen hingeworfen, die Augen unverwandt auf die schimmernden Furchen des Wassers.
_Florentin_ sah sie -- kaum hundert Schritt stand er entfernt von ihr. Es war ihm vor den Augen, wie ein prächtiges Sommerstück von _West_. Sein Odem verengte sich; er hätte die schöne _Imada_, umgeben von allen Schönheiten der ländlichen Natur, hinzeichnen mögen auf ein Blatt zum ewigen Andenken dieser kostbaren Minute.
Er ging einige Schritte vor. Die Sonne verlor sich hinter dem Hügel; _Imada_ schlug die Augen auf.
»Duur!« rief sie mit einer sanften Stimme, die Löwen und Tyger gebändigt hätte.
_Duur_ stand dicht vor ihr.
»Wo schwärmen Sie umher, Schmetterling?« fragte _Imada_ und reichte ihm lächelnd die Hand.
»Ich schwärmte nach meiner Lieblingsblume und fand sie nicht.«
»Hat ein Schmetterling auch eine _Lieblingsblume_? -- mir ists, als nascht der Luftprinz gern von _allen_.«
»Von _allen_, wenn er _naschen_ will; von _einer_, wenn er _geniessen_, _schwelgen_ will.«
»Schmetterlinge können nur _naschen_.«
»Dann bin ich kein Schmetterling -- ich sehne mich nach einem _bleibenden_ Genuß.«
»Man sagt, dies sey nicht _Männerart_. -- Sie werden doch nun nicht behaupten: dann bin ich kein Mann?«
»Wenn die Männer _Schmetterlingsnatur_ haben, so liegt die Schuld an den Weibern und ihrer _Blumennatur_, die sich _jedem_ öffnet, und _keinen_ verstößt.«
»Wir sind das schwächere Geschlecht -- die armen Blumen _müssen_ ja wohl geduldig jeden Räuber leiden.«
»_Das ist_ eben das Unglück der Männer!«
»Sie werden boshaft.«
»Gewiß nicht. Gestehen Sie nur ein, daß wir so wenig Aehnlichkeit mit den Schmetterlingen, als die Damen mit den Blumen haben.«
»Das lezte gern, das erste nie.«
»Wohlan, ich schwärmte nach meiner Lieblingsblume -- und nun hab ich sie gefunden -- nun bleib ich -- hier! (indem er ihre Hand an seine Lippen drückt.) hier!«
»Ob wohl auch die Blume gewinnt, wenn der Schmetterling wirklich bei ihr bleibt und an ihren Zweigen sein Wohnhaus zusammenspinnt? Was wird aus dem schönen, kosenden Liebhaber? -- eine häßliche, giftige Raupe -- ich wollte sagen, -- ein Ehemann.«
»Wer hat _nun_ Ursach, über _Bosheit_ zu klagen?«
»Ach wie _manche_ Blume hat schon mit Entsetzen die Verwandlung ihres Liebhabers erlebt!«
»Imada! -- Bosheit um Bosheit, so wünsch' ich Ihnen nie einen treuen Freund, einen treuen Liebhaber!«
»Der Wunsch kann leicht erfüllt werden; weil treue Freunde und treue Liebhaber ohnedem zu den Seltenheiten unterm Monde gehören?«
»Salomonisiren Sie auch schon?«
»Nichts weniger, als dies. Und doch möchte manche Blume ihren Favoritschmetterling gern aufnehmen und beherbergen, wenn sie gleich voraussähe, daß er dereinst ihr Mörder werden würde, denn es soll ja süs seyn, zu sterben von geliebter Hand -- aber wie, wenn sich nun ein häßlicher Nachtvogel bei ihr einnistet, und sie wider ihren Willen seine Beute wird?« --
»Wenn mir ein Nachtvogel meine Blume stehlen wollte, bei Gott, so verwandelt' ich mich aus dem Schmetterling in eine Wespe.«
»Das war eine lächerliche Hyperbel! -- Kann der Schmetterling seine Natur vertauschen? Sie würden traurig umherflattern und sich ein andres Blümchen suchen.«
»Das könnt' ich nicht; bei Gott das könnt' ich nicht! -- Zum Beispiel -- liebe, theure Imada -- zum Beispiel -- Sie, _Sie_ wären meine Lieblingsblume -- -- --?«
»So würden Sie ein fremdes Eigenthum verletzen.«
»Fremdes Eigenthum?« stammelte _Florentin_ und wurde todtenblas.
»Was fehlt Ihnen, Duur? Sie verwandeln die Farbe?« fragte _Imada_, und schloß mit zärtlicher Bekümmerniß seine kalte Hand in die ihre: »Reden Sie doch! was fehlt Ihnen?«
»O, fragen Sie mich nicht! -- Es fehlt mir alles! Imada -- liebe, einzige Imada -- fremdes Eigenthum, _Sie_?«
»Bekümmert Sie _das so sehr_?«
»O mein Gott, wie sollts nicht! -- Imada, war das Ernst? -- Imada! Gehören Sie schon einem andern an?«
»Ja.«
»Entsetzlich! -- dies Ja schlägt meine Hoffnungen auf immer zernichtet zu Boden, und stößt mich aus dem Paradiese, wo ich schon so sicher zu wohnen glaubte.«
Das Mädchen sah ihn lange und schweigend an; sah den Sturm seiner Seele sich wiedermalen in dem düstern Spiel seiner Mienen und Blicke, sah wie er so gern sich verstellen, wie seine Lippe so gern Entschuldigungen seines sonderbaren Betragens hervorbringen wollte, aber nicht einen Laut ertönen ließ. --
»Das ist entsetzlich!« rief er endlich mit beklemmter Brust, und seine Augen funkelten feucht.
_Imada_ zitterte neben ihm. Unwillkührlich drückte sie seine Hand fester an sich, unwillkührlich stürzte eine Thräne aus ihren schönen Augen über die Wange herab.
»Was soll ichs Ihnen verheelen,« sagte _Florentin_ nach einer langen Pause mit verhaltner Wehmuth: »was soll ichs Ihnen verheelen, Imada, daß ich -- Sie unaussprechlich liebgewonnen habe? warum soll ichs Ihnen nicht gestehn, daß ich mir eine goldne Zukunft durch Ihre Gegenliebe vorschmeichelte? -- Ach, ja, Imada, Sie -- Sie waren mein lezter Wunsch in dieser Welt, weiter hatt' ich keinen, dann hätt' ich ruhig Grab und Tod erwartet. -- Morgen reisen Sie ab -- morgen will ich auch zurück von der Welt, und mich flüchten in _Holders_ Einsiedelei -- -- -- O, Imada, was haben Sie aus mir gemacht!«
»Lieber Duur -- beruhigen Sie sich. Ich hätte geglaubt, Sie wären mehr _Mann_. Ich habe gehört, Sie sollen schon der Leiden so viel getragen haben, -- wie, und Sie sind noch so schwach, so hinfällig?«
»Eben darum. Ich bin ein junger Baum, den alle Stürme, alle Ungewitter zu ihrem schadenfrohen Spiel erwählt haben. Meine Blüte ist verwüstet; ich bin zerrissen, zerschmettert; wie soll ich noch _stehn_ können, unter einem neuen Sturm.«
»Was gäb' ich darum, Sie zu beruhigen!«
»Sie _können_ nichts geben; Sie _haben_ nichts, mir zu geben -- Sie sind fremdes Eigenthum!«
»Würd' es zu Ihrem Troste beitragen, wenn ich Ihnen gestände, daß ich Ihnen herzlich -- herzlich gut sey? -- Ihnen hold ward beim ersten Anblick, als ich Sie im Walde traf?«
»Das ist ein matter Abendschein auf zerknickte Saaten, die ein schwarzes Hagelwetter zu Boden schlug. Dies Abendlicht richtet die hingeworfnen Saaten nicht wieder auf, sondern macht höchstens durch seine Erleuchtung das Bild der Verwüstung noch lebhafter. -- Nein, Imada, lassen Sie mich! -- Es ist so gut! ich bin es schon gewohnt, daß immer meine theuersten Wünsche vernichtet wurden auf eine schreckliche Weise.«
»Aber, so -- in dieser Stimmung lass' ich Sie nicht von mir! Sie müssen wieder heitrer werden. Sehn Sie mich an -- lächeln Sie einmal! -- Nein, so mit dem starren Blick, mit der finstern Stirn sind Sie gar nicht hübsch. -- Weg mit den Falten hier!« --
»O Imada, Ihre Freundlichkeit ist grausam!«
»Warum lernten wir uns nicht früher kennen?«
»O warum mußten wir uns jemals kennen lernen?«
Ein neues Stillschweigen trat ein. _Imada_ schien mit Wehmuth und heimlichem Vergnügen den Kummer des Unglücklichen in seinem Gesicht zu studiren.