Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3

Part 6

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»So wird uns die Geschichte nicht mehr, als Zahlen, Namen und dürre Begebenheiten, ohne Zusammenhang, wie Glieder einer zerrissenen Kette, liefern;« erwiederte der _Gelehrte_.

»Es ist die Frage: ob die Geschichte mehr zu leisten berechtigt sey?« antwortete _Duur_.

Der edle _Gobby_ unterbrach den beginnenden Streit. »Zur Sache. Der Kanellesische Revolutionair hat nicht nur mit unserm Freunde hier gleichen Namen, sondern -- sehen Sie her, meine Herrn und Damen! -- sondern auch dasselbe Gesicht gemein!«

[Fußnote A: Die Geschichtsklitterer des drei und zwanzigsten Seculums hatten auf diese Weise noch viel Aehnlichkeit mit ihren Brüdern des achtzehnten Jahrhunderts.]

Ein tiefes Erstaunen ergriff die ganze Versammlung; man gaffte den Kupferstich bald, und bald dessen lebendiges Ebenbild an; das Spiel des Zufalls war hier mehr, als seltsam.

_Duur_ stellte sich nicht weniger betroffen; er konnte ein anhaltendes Erröthen nicht verbergen, und wagte es nicht, das Stillschweigen zuerst zu unterbrechen.

»Das ist wunderbares Zusammentreffen der Umstände!« rief endlich einer.

»Etwas Unerhörtes, Niegesehnes!« ein andrer.

»Und scheint wahrhaftig mehr, denn absichtslose Tändelei der Natur zu seyn!« ein dritter.

Jeder gab endlich seine Meinung darüber, und _Gobby_ machte das Ganze zulezt zum Scherz. »Sie könnten,« sagte er zum bestürzten _Florentin_: »Sie könnten nach Kanella gehn, und dort mit Glück den _Pseudo-Duur_ spielen. Wenn die Kanelleser noch den Enthusiasmus der Vorältern für die Revolution haben: so wird es Ihnen leicht seyn, aus dem unbekannten Privatmann ein bedeutender Diktator zu werden, um Kanella zu erobern.«

»Würden Sie das?« fragte Rosalia.

»Wenn Sie Kanella wären -- gewiß.« antwortete _Duur_.

Zehntes Kapitel. Der Salomonismus.

_Gobby's_ Einsiedelei war so anmuthig, sein Ton so herzlich und einladend, die Gesellschaft, welche er um sich versammelt hatte, so intressant, der Wind zum Zurückschiffen den Luftgondeln so wenig günstig, daß der Commendant mit seinen Gefährten sich sehr bald entschloß, mehrere Tage bei dem wackern _Gobby_ zu verweilen.

_Florentinen_ war diese Verzögerung nichts weniger, als ungelegen. -- Er blieb gern, denn fast alles, was ein Herz, wie das seinige, zu fesseln im Stande war, fesselt es in Gobbys lieblichen Bezirk. -- Der Abentheurer des achtzehnten Jahrhunderts schwamm in einer niegefühlten Seligkeit -- er sah die Nachwelt, sah die weissagenden Träume von ihr erfüllt, und sich unter den glückseligen Bewohnern einer gebildeten Welt.

Noch hatt' er nirgends einem melancholischen Gesicht begegnet, worauf Gram und Verzweiflung, Hunger und Bettlersorgen ihren Empfehlungsbrief geschrieben; noch hatt' er keiner weinenden Unschuld Thränen gesehn, noch keines Unterthanen Flüche gehört unter den Druck eiserner Gesetze -- aber noch hatt' er auch nur wenige Menschen erblickt, und wenige beobachtet.

Hier in _Gobby's_ fröhlichem Cirkel, wo man Unzufriedenheit und Kummer zulezt gesucht hatte, erblickte _Duur_ den ersten Mann des glücklichen Zeitalters, der unglücklich, und wie es sich anließ, durch sein Zeitalter unglücklich zu seyn schien. -- _Josselin_ war sein Name, und die Erscheinung viel zu fremdartig, als daß sie nicht von unserm philosophischen Kundschafter aufs genauste hätte beobachtet werden sollen.

_Josselin_ war ein junger Mann von fünf und zwanzig Jahren, der, wenn er sich gleich keiner apollonischen Schönheit rühmen konnte, doch durch gewisse, intressante Züge seines Gesichts, den vielsagenden Blick seines Auges, das Angenehme seines Betragens und das Geistvolle seiner Unterhaltung allen Kennerinnen das Geständniß ablockte, er sey ein liebenswürdiger Mann. Der auffallendste Beweis seiner Gewalt über daß weibliche Herz war für _Florentinen_ dieser, daß _Rosalia_ von ihm bezaubert wurde, ehe sie es selbst wußte, so daß ihr ganzes Wesen an jedem Tage deutlicher von gewissen Empfindungen predigte, die ganz verschieden von denen waren, welche sie bisher für _Florentinen_ hatte.

_Josselin_ wurde geliebt von allen Weibern, geliebt von allen Männern, und nur er schien es nicht zu wissen, sondern stand ernst und melancholisch da, wie ein Verbannter aus dem Lande des Glücks.

_Florentin_ konnte bei diesem Anblick sich nicht einer unwillkührlichen Erinnrung an Holder, den Jüngling im achtzehnten Jahrhunderte erwehren. Er drängte sich näher an den Schwermüthigen; _Josselin_ selbst kam ihm immer entgegen -- beide sympathisirten, ehe sie sich kannten.

»Aber wer ist Josselin?« fragte _Duur_ den edeln _Gobby_ in einer vertraulichen Stunde.

»Er war Lehrer der Weltweisheit an einer Akademie, hatte einen ausserordentlichen Anhang und Beifall, näherte sich aber endlich dem Salomonismus und legte eben deswegen sein Amt nieder.«

»Und er scheint sehr unglücklich.«

»Haben Sie je einen Salomonisten gesehn, der sich ganz glücklich fühlte?«

»Sie sprechen immer von Salomonisten und Salomonismus -- -- -- verzeihn Sie, wenn ich meine Unwissenheit gestehe -- was soll ich mir darunter denken?«

»Sind Sie in der Geschichte der Philosophie so unbewandert?«

»Ich reiche, wie Sie schon wissen, nicht weiter mit meinen Kenntnissen herunter, als zum achtzehnten Jahrhundert. Damals ward die kritische Schule von _Kant_ gestiftet, und die größten Denker jener Zeit gingen aus ihr hervor. Hat die Welt seitdem einen neuen _Kant_ gehabt?«

»Ich bekenn' es Ihnen frei, daß ich selbst nur Dilettant in der Philosophie und ihrer Geschichte bin. Ich wag es also auch nicht über _Kants_ Geist zu urtheilen, und ob die Welt schon wieder einen Mann seines Gleichen gehabt. Aber dies weiß ich Ihnen zu sagen, daß _Kant_ einer der merkwürdigsten Reformatoren in der Geisterwelt gewesen, der zwar selbst zu der großen Reformation nichts mehr, als das _erste Signal_ gab, aber durch seine _Schüler_ auf das _kultivirte Europa_ und _Amerika_ einen seltnen Einfluß gewann. Selbst die Wissenschaften, welche außer dem Gebiet der eigentlichen Philosophie gelegen sind, empfingen neues Licht und eine gewisse Vollendung, die ihnen vorher mangelte; die _edeln Künste_ wurden erhabnern Zielen entgegengeführt.«

»Deutschland hatte schon glänzende Fortschritte auf der Bahn gemacht, welche _Kants_ Genie vorzeichnete, als man außer seinem Namen im Auslande noch wenig von ihm wußte, und von seiner ehrenvollen Revolution. Erst im neunzehnten Jahrhundert breiteten sich die Grundsätze der kritischen Schule in England und bald darauf in der Republik Frankreich aus. Früher zwar als in beiden Staaten war der Kantianismus unter den Dänen aufgenommen, aber wenig gepflegt worden.«

»Erhielt sich die kritische Schule lange in ihrer Oberherrschaft?« fragte _Duur_.

»Ein Paar Jahrhunderte;« antwortete _Gobby_: »sie verdrängte allmählig alle übrige Schulen und Systeme, so heftig man sie auch, bald mit den Waffen des Dogmatismus, bald mit denen des Skepticismus bekriegte. In England ward der spekulative, in Frankreich besondere der praktische Theil der Philosophie nach Kantischen Grundsätzen bearbeitet. -- Deutschland blieb inzwischen immer die Mutterschule der kritischen Philosophie, bis diese endlich allmählig von ihrem gefährlichsten Feinde, dem Salomonismus, größtentheils zerstört ward.«

»Sie machen mich neugierig! Im achtzehnten Jahrhundert glaubte man durch die Kantische Philosophie das _Nonplusultra_ aller menschlichen Weisheit erreicht zu haben. Wär es möglich, daß auch _Kant_ seinen Ueberwinder gefunden?«

»Sehn Sie nur, dies nahm einen sehr natürlichen Gang. Die Verbreitung der kritischen Philosophie regte bald allenthalben einen allgemeinen Skepticismus auf, der zulezt so weit um sich griff, daß die Sekte der Skeptiker im zwei und zwanzigsten Jahrhundert mächtiger, als jemals auf Erden war. Aus den Skeptikern entwickelte sich zu Ende des vorigen Seculums eine neue Parthei, welche allen übrigen den Krieg ankündigte, und wirklich nicht ohne Glück kämpfte; spottweise nannte man diese Schule die Salomonische, welchen Namen die Sekte zulezt, als ihr Eigenthum, beibehielt. Herr _Josselin_ könnte Sie mit den Grundsätzen der Salomonisten vertrauter machen, inzwischen, da wir einmal im Gespräch sind, geb' ich Ihnen soviel, als ich selbst habe. Es kann Ihnen dies um so willkommner seyn, weil Sie dadurch Gelegenheit erhalten, selbst _Josselins_ Charakter näher zu kennen.«

»Dies wäre mir sehr lieb, denn ich läugne es nicht, daß mir der liebenswürdige Mann seit meiner ersten Unterhaltung mit ihm das Herz abgenommen habe. Es ist mein Vorsatz, mich dichter an ihn zu schließen, wenn er mich anders nicht zurückstoßen wird.«

»Seyn Sie ruhig. Er liebt Sie -- er hats mir gestanden. Doch, lassen Sie uns mit einander in die Laube drüben am Kanal treten. Die Sonne ist heut brennend; wir wollen im Schatten weiter philosophiren.«

Sie wanderten Arm in Arm mit einander durch den Garten, der Laube entgegen. Die Hitze war drückend; kein Lüftchen kühlte den Wandrer und das Laub hing welk und schmachtend von Zweigen und Blumen und Stauden.

»Ich wollte Ihnen einen ohngefähren Begriff von dem Lehrgebäude der Salomonisten geben,« -- hub der sanfte _Gobby_ an: »nehmen Sie also mit meinen kleinen Notizen vorlieb, wie sie mir beifallen. Das System dieser neuen, herrschendwerdenden philosophischen Parthei ist ein sonderbares Gewebe von Dogmatismus und Skepticismus, daß man glauben sollte, es könne unmöglich von Festigkeit seyn; und doch ist dies nicht nur der Fall, sondern, wie mirs scheint, auch die Ursach an dem wunderbar schnellen Wachsthum der Sekte, indem Dogmatiker und Skeptiker zu ihr übertreten, weil sie zwischen beiden Faktionen mitten inne liegt.«

»Die Salomonisten behaupten, wiewohl es nützlich seyn könne, im gemeinen Leben Wahrscheinlichkeiten, Hypothesen, Meinungen, Glauben und dergl. mehr zu hegen: so müßten diese doch gänzlich aus dem Gebiet der Philosophie verwiesen werden, und man dürfe und könne, als vernünftiges Wesen, durchaus nichts anders glauben, als was für uns den Stämpel der apodiktischen Gewißheit trüge -- oder Wahrheit.« --

»Das Gebiet der Wahrheit, sagen sie, ist sehr klein und in sich selbst unsicher, weil das, was der Mensch für Wahrheit halten muß, nur eine nothwendige Folge seiner ihm eigenthümlichen feinern Nervenorganisation, oder Produkt seiner Gemüthseinrichtung ist. Dazu kömmt noch, daß die Kenntniß dieser wenigen Wahrheiten nicht einmal etwas zu seiner Glückseligkeit beiträgt.«

»Der Mensch kennt die Aussenwelt an sich nicht, er weiß nichts von dem da draussen, und die Erscheinungen, welche ihm durch den Kanal der Sinne zugeführt werden, beweisen von der Beschaffenheit der Aussenwelt nichts, weil sie nur Zeugungen der Sinne, berührt durch äussere Gegenstände, seyn können. Eine andre Construktion der Sinnorgane würde eine andre Welt vors Gemüth führen.«

»Der Mensch kennt sich nicht. Die Lehren vom Materialismus und Immaterialismus, Substanz, Kraft, Einfachheit u. s. f. sind lächerliche Hirngespinnste. Wir kennen die sogenannte Materie nicht und das Immaterielle gar nicht.«

»Die Vernunft lebt mit sich selber in einem unaufhörlichen Widerstreit, besonders wo sie sich auf das Praktische bezieht. So lange z. B. die Lehren von der Freiheit, von Gott, der Seelenunsterblichkeit und der moralischen Welteinrichtung zu einem Moralsystem nothwendig sind, werden wir nie die Moral zu einem _festen System_ erheben, denn wir wissen nicht, ob wirklich so etwas existirt, als wir uns unter Gott, Unsterblichkeit und moralischer Welteinrichtung vorträumen.«

»Die Philosophie stößt alles, was Religion heißt, von sich aus, betrachtet aber Religion und Moral als ein nothwendiges Gängelband für die Menschheit, damit sie unter einander in Frieden beisammen lebe.«

»Was von Vervollkommnerung des Menschen und der Menschheit gelehrt wird, ist nichts als eine liebliche Schwärmerei. Der erleuchtete Philosoph spielt im achtzigsten Jahre wiederum kindisch mit seinen Windeln; die aufgeklärtesten Nationen morden sich wechselsweise um leere Chimären, die nichts zur Seligkeit des Einzelnen und des Ganzen beitragen.«

»Mit einem Worte: es ist alles eitel unterm Monde! wie _Salomo_ bei den Juden sagte. Wir wissen nichts von der Aussenwelt, noch weniger von uns selbst. Wir wissen nicht, was wir sind, noch _warum_ wir sind, noch seitwann wir _waren_, noch wie lange wir _seyn werden_; ob wir als Zwecke, oder als Mittel hier umherirren in der räthselhaften Dämmerung. -- Der Mensch bildet sich aber ein, _mehr zu seyn_, als er wirklich ist; er läßt die Welt _für sich_ geschaffen, und einen Gott _für sich_ gekreuzigt seyn. Der Mensch bildet sich ein, _mehr zu wissen_, als er _weiß_, und zu den bisherigen Systemen der Philosophie hat die Phantasie mehr Materialien geliefert, als die Vernunft. Weil die Menschheit aber sich in den kindischen Träumereien von ihrer Hoheit glücklich fühlt so lasse man ihr den seligmachenden Eigendünkel.«

»Das ist ein gefährliches System!« tief _Duur_: »Religion und Moral, bürgerliche Glückseligkeit, Ruhe der Seelen -- alles wird von diesem Ungeheuer verschlungen. Wird der Salomonismus geduldet vom Staate?«

»Er wird geduldet, weil er wirklich keinen offenbaren Schaden stiftet und immer nur das Eigenthum der hellsten und scharfsinnigsten Köpfe ist. Zudem ist er noch nicht _widerlegt_; ja man hat die Beispiele erlebt, daß zwei der berühmtesten Philosophen und eifrigsten Antisalomonisten, durch das Gefühl ihrer Ohnmacht beim Widerlegen bewogen, zur Gegenparthei übergegangen sind.«

»Die Sekte lehrt an sich wenig neues; einzelne Sätze sind längst schon behauptet worden -- nur daß hier alles in einer so fürchterlichen Verbindung zusammengedrängt ist. Es ist eine Philosophie, die zur Verzweiflung führt.«

»Das ist sie, sagen die Salomonisten, so lange man noch nicht von der Ammenmilch der bisherigen Phantasiephilosophie entwöhnt ist.«

»Aber man fühlt sich glücklicher bei dieser Ammenmilch.«

»Dies gestehn die Philosophen selber ein, und erklären auch _dies_ für einen der vielen unauflöslichen Widersprüche in unsrer Natur, daß wir den drängenden Trieb in uns fühlen, so weit, als möglich, vorwärts zu eilen, und dann doch dreimal elender, als vorher, werden.«

Eilftes Kapitel. Josselin.

Ein muthwilliger Schwarm junger Damen umringte mit lautem Gelächter die heimliche Laube und führte den sanften _Gobby_ und _Duur_ gefangen, wie im Triumphe zum Schlosse zurück, wo die übrigen versammelten Männer dasselbe Schicksal erfahren hatten.

Auch _Josselin_ war unter den Gefangnen. Er schien nur für die frohsten Scherze in der Welt zu seyn; er war die Seele der Gesellschaft; alle Weiber horchten auf ihn und die Männer bewunderten lächelnd seine Gewandtheit, sich als Gefangner mitten unter den Weibern aus der Sklaverei zur Souverainetät über dieselben zu heben.

Der Abend nahte sich mit lieblicher Kühlung; man floh die Zimmer, um sich im Freien unterm blauen Himmel zu belustigen; Gesellschaftliche Spiele von allerlei Art wurden angegeben und ausgeführt -- keine Kinderspiele des achtzehnten Jahrhunderts!

_Duur_ hatte anfangs im Sinn, auch ein Spielchen aus seinem Zeitalter vorzuschlagen -- etwa ein unterhaltendes _Pfandspiel_, wo zulezt Küsse, gegeben und geraubt, die Würze der Unterhaltung seyn mußten. Aber beschämt zog er sich zurück, als er wahrnahm, wie auch in gesellschaftlichen Vergnügungen der gebildete Geist dieses Jahrhunderts webte.

Man entlehnte Süjets aus der Geschichte der Vorwelt, und gab sie aus dem Stegreif in dramatischen Darstellungen wieder, oder drückte in Pantomimen und charakteristischen Tänzen eine liebliche Reihe von Empfindungen aus. Ermüdet von der schönen Arbeit ruhten dann die Spieler, und das Chor der Zuschauer bezahlte das genossne Vergnügen mit Absingung einiger Hymnen auf die großen Männer des Alterthums. Barmherzigkeit und Liebe, Großmuth, heldenmüthige Selbstaufopferung, und andre bewundernswürdige Tugenden waren der Gesänge Inhalt. Dann wurden extemporirte Melodramen aufgetischt -- _Rosalia_ entwickelte die Empfindungen der _Charlotte Corday_ unter dem reifenden Entschluß, _Marats_ Ermordung zu wagen für das Vaterland. _Rosalia's_ Deklamation war Gesang; in den Pausen phantasirte _Josselin_ auf einer Art von Harfe durch Moll und Dur in reizenden Tönen den Empfindungen _Rosaliens_ nach.

Gesang und Freude stimmten alle Seelen zu einem zärtlichen Verein. _Josselin_ ergriff einen vollen Becher Weins, mit lebendigen Rosen umkränzt, eilte _Florentinen_ entgegen und rief: »_Freundschaft! Freundschaft!_« Er trank den Becher zur Hälfte leer. Begierig nahm _Duur_ ihn von Josselins Hand und trank und rief mit einem unnennbaren Entzücken: »_Freundschaft! Freundschaft!_«

Beide sanken einander in die Arme. _Duur_ fühlte eine Thräne in seinem Auge zittern und _Josselin_ küsste ihn. »O laß uns einen Gott glauben! es ist so schön!« schrie _Josselin_ in einer begeistrungsvollen Ekstase.

»Laß uns einen Gott glauben!« rief der liebenswürdige _Gobby_, indem er sich, einen Becher Weins in der emporgehobnen Hand, den beiden Freunden näherte und sie beide küßte.

»O!« entgegnete _Josselin_ schluchzend: »könnt' ich mich ewig so vertiefen in den schönen Rausch der Sinnlichkeit -- könnt' ich einen Schleier ziehn vor den unseligen Offenbarungen der vorwitzigen Vernunft -- könnt' ich werden wieder ein Kind und arglos spielen im Schoos meiner Mutter Natur!«

Die Gesellschaft sah, schweigend um diese Gruppe versammelt, dem Spiele dieses Auftrittes zu, und, wie von _einem_ Geist ergriffen, von _einem_ Gefühl gerührt, ertönte plötzlich von allen Lippen der Gesang eines uralten deutschen Volksliedes: »Freude schöner Götterfunken!«

Eine liebliche Schwärmerei verbreitete sich über die Versammelten. -- »Den heiligen Manen des alten Dichters dieses Glas!« rief _Gobby_: »ihm, der nach Jahrhunderten noch erfreut und tröstet!«

»Schiller!« rief _Duur_. Alles rief ihm den Namen nach -- eine große Thräne stürzte aus _Florentins_ Augen.

Zwölftes Kapitel Brüderschaft.

_Duur_ bemerkte am folgenden Tage eine sonderbare Veränderung in _Gobbys_ und _Josselins_ Mienen. Es schien, als drücke irgend ein schönes Geheimniß ihr Herz; auch der brave Commendant, stimmte in den wunderlichen Ton jener Beiden ein.

Demungeachtet war diese Verwandlung so auffallend nicht, daß _Duur_ mit guter Art nach den Ursachen derselben kundschaften konnte. Er wars zufrieden, daß man ihn nicht nur nicht kälter oder fremder, sondern weit liebkosender behandelte, denn sonst. _Gobby_ trat zuweilen schweigend vor ihm hin, starrte ihn mit einem Blick voller Liebe und Bewunderung an und schloß ihn in seine Arme. -- _Josselin_ drückte ihm öfter die Hand, und küßte ihn öfter. _Silberot_ lächelte, so oft er ihn erblickte.

Am Nachmittage fuhren einige Karossen vor -- die Gesellschaft wollte einen benachbarten Freund des edeln _Gobbys_ besuchen. Nur _Josselin_ schloß sich aus, unter dem Vorwand einer Unpäßlichkeit, und ersuchte _Florentinen_ ihm zur Gesellschaft ebenfalls zurück zu bleiben.

Wer willigte lieber in _Josselins_ Wunsch ein, als _Duur_, der diesem einnehmenden Mann unmöglich etwas abschlagen konnte.

»Laß uns Bruderschaft trinken, du Lieber!« rief _Josselin_ am Abend dieses Tages, als sich Beide in einer schönen Jelängerjelieberlaube befanden, wohin ein Diener zwei Flaschen Weins brachte.

»Ach, es ist doch so schön, sich in dem Feenarm der Sinnlichkeit zu wiegen und zu entsagen dem Hinblick auf die schauerlichen Wüsteneien, welche die Vernunft entschleiert! Was haben wir vom Leben, wenn wir nicht pflücken die sparsam blühnden Rosen, und in dem Götterrausche der Lieb' oder Freundschaft vergessen, welche erbärmliche, elende Wesen wir sind!«

_Josselin_ schwang bei diesen Worten den Becher seinem Freunde entgegen. Sie tranken. Das Abendroth schimmerte durch die Fugen der Laube über ihre Wangen; ein kühles Lüftchen flüsterte unter den Blumen herüber, und im benachbarten Gesträuch schlug eine Nachtigall.

»Wenn der Mensch auf Erden elend ist, so klag' er nicht den Himmel, sondern sich selber an!« rief _Duur_: »Wohlauf! Brüderschaft, Josselin -- verdammt sey die schwarze Philosophie des Salomonismus, es leben die schönen Träume der Phantasie!«

Josselin. (düster.) Wohl dem, ders rufen kann vom Herzen.

Duur. Jede Blume hat hienieden ihren Honig, jede ihren Gift -- ich nenne, den weise, welcher nur vom Honig zu naschen weiß.

Josselin. Hast recht!

Duur. O Josselin, Du bist so unglücklich -- Du, und Du ein Bürger des drei und zwanzigsten Jahrhunderts?

Josselin. Eben darum, _Duur_! hätt' ich gelebt in der barbarischen Vorwelt, als die Wissenschaften kaum noch der Wiege entschlüpft waren, so wär' ich glücklicher. Die Wissenschaften ziehn den Menschen ab von der Welt und auf sich zurück -- ach, und je mehr er abläßt von jener, je enger er mit sich vertraut wird, je elender er wird; denn er erkennt dann, daß die Gottheit seines Wesens ein disharmonisches Nervenspiel, sein Himmel ein eitler Traum sey. Glaube nicht, Duur, daß die Menschheit vollkommner werde, je länger sie auf dem Stern dieser Erde lebet und webet. Sie bleibt ewig, die sie von Anbeginn war. Ihre Gränzen sind unabänderlich festgesezt von der strengen Hand der Nothwendigkeit. Sie kann ihr Gebiet nicht erweitern, Seligkeit und Elend liegen ihr immer auf beiden Seiten; sie gewinnt nie ohne Verlust, verliert nie ohne Gewinnst. Wir vertauschen nur die Namen und Moden, aber behalten die Sache.

Duur. Du salomonisirst!

Josselin. Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit ist eine elende Flickerei, lieber Duur -- und doch flickt und bessert man immer so gern daran. Sieh Dich um, Duur, und Du wirst allenthalben mit Entsetzen die Spuren des Elendes finden, wo Du es am wenigsten suchest. -- Doch ich will Deine frohen Einbildungen Dir nicht zerstören -- sey, wer Du willst, glaube, was Du willst -- nur hüte Dich vor dem Einfall, die Hoheit und Seligkeit der menschlichen Natur zu anatomiren. -- Trink!

Duur. Ich glaube Dir nicht, Josselin. So weit ich die Welt izt gesehn habe, hab' ich auch allenthalben die herrlichen Fortschritte der Menschheit bemerkt.

Josselin. Du hast die Welt nur eine kleine Weile gesehn.

Duur. Die Sterblichen haben sich ihrer thierischen Natur mit Glück entwunden -- Gefühle und Empfindungen sind gereinigter, sind verfeinerter -- -- --

Josselin. Ist damit gewonnen?

Duur. Die dichterischen Träume vom schönen grichischen Sinn und Geist verwandeln sich in Wirklichkeit.

Josselin. Es ist wahr, das Empfindungsvermögen ist zärter, und durch den Fleiß der edeln Künste verfeinerter; die groben Belustigungen der Vorwelt sind uns ein Greuel; wir schwelgen izt da in Seligkeiten, wo man vorzeiten kaum ihr Daseyn ahndetet. Aber eben diese gebildetere Empfindsamkeit läßt uns auch doppelt fühlen jedes Leiden; wir empfinden izt da einen namenlosen Schmerz, wo die Männer der Vorwelt nicht einmal die Möglichkeit eines Uebels vermuthen konnten. Wo man sonst lächelte, in glücklicher Taubheit der Sinne, da weint man izt; wo man sonst weinte, verzweifelt man heutiges Tages.

Duur. Dafür hat aber auch die Vernunft an Stärke und Bildung gewonnen -- sie giebt dem duldenden Wandrer izt einen sichern Eisenstab, worauf er sich lehnen kann im Ungewitter des Lebens; die schändlichen Ketten der Priesterherrschaft und des Aberglaubens sind zerbrochen, in welchen der größte Theil der Sterblichen noch vor einem halben Jahrtausend keuchte.

Josselin. Freund, Du redest wie ein Mann, der die Welt nur aus Romanen kennt. Wo ist der Eisenstab der Vernunft? welchen Stab kann die Vernunft gewähren? Wenn sie sich selber nur aufrecht erhalten will, muß sie sich demüthig auf ihren verkrüppelten Bruder, den _Glauben_, stützen. -- Geh hin, und wo Du die Vernunft am gebildetsten findest, siehst Du trostlose Atheisten, die nicht wissen, warum sie sich in dieser Welt herumplagen sollen, die verzweiflungsvoll hinausstarren in die Gegend jenseits des Grabes, wo es nur immer dunkler wird, je länger ihr Auge dort verweilt. (Indem er die Gläser füllt) Trink, die Flaschen müssen leer werden! die Sonne geht unter -- einst, Bruder, wir, wie sie!

Duur. Du bist sehr verstimmt.