Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3

Part 5

Chapter 53,375 wordsPublic domain

»Sie sind eine bittre Spötterin, und grade die _Damen_ sollten die Vorwelt am meisten lieben, weil sie von ihr am meisten vergöttert wurden.«

»Sie haben recht; allein ich weiß nicht, ob unser Geschlecht Ursach hat, auf solche Vergötterung stolz zu seyn. Ein Weib, das mit Schönheit und List das schwache Gehirn unter einem fürstlichen Schädel in Gährung brachte, konnte im Ueberfluß schwelgen, und würdige, verdienstvolle Männer mußten unterdessen in Armuth darben und umkommen.«

»Man schäzte auch _damals_ schon das Verdienst.«

»O ja, aber immer zu _spät_, wie die Narren _gewöhnlich_ pflegen. Nach _ihrem Tode_ erbaute man den braven Männern _Ehrensäulen_ und _Statüen_, denen man, so lange sie lebten, kaum ein abgelegtes Kleid und ein Stück Brod zuwarf.«

»Die Ehrensäulen waren nicht -- --«

»O ich weiß, was Sie sagen wollen, aber damit entwischen Sie nicht, Herr Professor. -- Waren die Monumente und Statüen für die _Todten_? O Himmel, wer konnte sich denn einbilden, daß sich die Schlummernden im Grabe über diese kahlen Ehrenbezeugungen freun würden? Sie ruhn und wissen nicht, ob über ihren Aschenhügel ein _Schandpfahl_, oder ein _Triumpfbogen_ errichtet steht. Sie werden damit nicht mehr gereizt, nicht bestraft, nicht belohnt. -- Oder sorgte man mit solchen Ehrenbezeugungen für die _Lebendigen_? Ach, mein lieber Herr Professor, so sorgte man schlecht; die Lebendigen verlangten gewiß nicht _Steine nach dem Tode_, sondern _Brod im Leben_; sie rangen nicht nach jenem, sondern nach diesem, und mit _diesem_ hätte man sie belohnen müssen. -- Was hilfts, wenn ich meinen Kanarienvogel, trotz seinem süßen Gesang, verhungern und verdursten lasse, und ihm, wenn er tod ist, von einem Gelegenheitsdichter lobpreisen lasse? Wäre das nicht närrisch? Nun, mein Herr, was waren nun die dankbaren Menschen in Ihrem beliebten Alterthum?«

»Ich würde besiegt seyn, wenn ich wider Sie hätte zu Felde ziehn wollen, mein Fräulein. Ich bin Ihr treuer Bundesgenosse. Aber baut man nicht auch in unsern Zeiten den Todten noch Ehrensäulen und Obelisken?«

»Gewiß, aber sie werden gebaut, nicht den Todten, sondern den Lebendigen zur Nacheiferung; und heutiges Tages Verdienst ums Vaterland zu haben, ist wahrlich der Mühe werther, als vor fünf, sechshundert Jahren.«

»Ständ es in meiner Macht, so sollte auch Ihnen ein Denkmal gesezt werden, um recht viel so schöne Vertheidigerinnen dieses Zeitalters zu erwecken.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden; der Ruhm gehört Ihnen, weil Sie allenthalben zur Vertheidigung Anlaß geben.«

So stritten Beide noch ein Weilchen hin, unter Scherz und Lachen. Die Gesellschaft theilte sich in Partheien und söhnte sich erst mit Anbruch der Mitternacht aus.

»Wir sehn uns doch wieder?« rief _Rosalia_ beim Abschiede, und der alte, biederbe _Silberot_ drückte dem entzückten _Duur_ freundlich die Hand.

Siebentes Kapitel. Die Spazierfahrt.

»O mein Oheim! mein guter, lieber Oheim, wenn Du izt lebtest -- wenn Du nun so herrlich verwandelt sähest Deine Träume von der glücklichen Nachwelt in Wirklichkeit!« rief der _ehmalige Graf_, als er nach Mitternacht in sein Quartier ankam, wo ihn der treue Pudel nach so langer Trennung mit freundlichem Gebell empfing.

_Matthias_ schlief süß und fest.

»Holder, was werd' ich Dir alles zu erzählen haben, was werd' ich noch alles erleben! Ich war in meinem Jahrhundert keiner der unvollkommensten, und gleiche in der neuen Welt einem unwissenden Schüler, der allenthalben lernen muß. Ach, könnt' ich sie aus ihren Gräbern rufen, die begeisterten Apologeten und Lobredner meines Zeitalters, könnten sie hören das Urtheil der Nachwelt über unser _hochgepriesenes, aufgeklärtes Jahrhundert_!«

Mit solchen Apostrophen entschlief er, und erwachte er wieder.

Einige Juwelen von bedeutendem Werth wurden sogleich am andern Tage in die Welt gesandt und in klingende Münze verwandelt. _Duur_ kleidete sich dem damaligen Geschmack gemäs vom Kopf bis zu den Füßen neu; wer ihn izt sah, hätte nicht vermuthet, daß dieser Elegant ein Sohn der frühern Vorwelt war.

_Rosalia_ sah ihn einige Tage später, und bemerkte mit einem gutmüthigen Lächeln, daß der _Professor der Alterthumskunde_ schlechterdings für sein antikes Fach nicht geschaffen sey.

»Wissen Sie was Neues, Freundchen?« rief ihm eins Morgens der Commendant entgegen, welcher ihn hatte zu sich bitten lassen: »wir haben so viel von Edelleuten gesprochen, aber noch haben Sie keinen gesehn. Hier in der Stadt ist kein einziger -- aber drei Meilen von hier auf dem Lande wohnt ein Edler; er ist mein guter Freund, wir wollen ihn besuchen. Der Wind ist trefflich, in einer halben Stunde können wir da sehn.«

_Florentin_ war willig.

»Es ist ein simpler, schlichter Biedermann; Sie müssen ihm keine Complimente machen. Vielleicht kennen Sie ihn schon, es ist der brave _Gobby_.«

»Ich kenn' ihn nicht.«

»Als Gelehrter müßten Sie ihn doch kennen.«

»Ich versichre, er ist mir durchaus unbekannt.«

»Hm! nun seine Geschichte ist kürzlich folgende, denn die müssen Sie wissen, um ihn schätzen zu können. Er ist der einzige Sohn und Erbe des reichsten und filzigsten Bankiers; sein Vater starb und hinterließ ihm ein ungeheures Vermögen, von welchem er gemächlich, wie ein Fürst leben konnte. Statt das Gold in den Kisten und Kasten gefangen zu halten, wie sein Vater, verschwendete ers auf die wohlthätigste Weise. In fünf deutschen Städten legte er fünf gleich große Kapitalien nieder, von welchen der Arbeit unfähige Greise, Krüppel, arme Wittwen, Waisen, Findelkinder und andre Unglückliche, so lange sie der Unterstützung bedürftig sind, erhalten werden sollten. Für sich selbst behielt er nur so viel, daß er ein mässiges Auskommen hatte und eine Reise vollenden konnte, die schon längst projectirt ward. -- Nämlich, er ging nach Amsterdam, kaufte ein batavisches Schiff, warb auf eigne Unkosten Freiwillige und segelte nach den _Sandwichsländern_. Von hier aus steuerte er dem Südpol zu, so weit er konnte, versorgte sich mit Proviant und andern Bedürfnissen, und segelte mit zwanzig Luftgondeln und fünf geschickten Matrosen über den unbekannten Südpol, von welchem er uns die erste gute Karte geliefert hat. -- Seine Reisebeschreibung läßt sich nicht ohne Schaudern lesen; drei von seinen Gefährten erfroren am Pol, weil sie im Genuß des Feuergeistes zu nachlässig waren.«

»Des _Feuergeistes_? was verstehn Sie darunter?«

»Was ich darunter verstehe? haben Sie noch keinen Feuergeist gesehn in den Apotheken?« Der _Commendant_ klingelte, ein Bedienter erschien und brachte nach einger Zeit auf dessen Befehl ein Fläschchen, welches, ins Dunkele gehalten, phosphorisch schimmerte.

»Sehn Sie,« fuhr er fort: »dies chemische Produkt ist ausser dem gröbern Feuer das einzige, welches die Wirkungen der Kälte besiegt. Es erhält das Blut im warmen Kreislauf beim höchsten Grad der Kälte, und ein Tropfen davon in einen Becher voll Wassers, bewahrt dieses mitten im Winter auf dem höchsten Gebürge vor dem Frost.«

_Florentin_ starrte bald das Fläschchen, bald den Commendanten mit einer Miene an, wie sie im achtzehnten Jahrhundert die Einwohner _Australiens_ hatten, als sie zum erstenmal der Explosion einer Flinte beiwohnten.

»Ist es möglich!« rief er.

»Kurz!« fuhr der _alte Silberot_ mit einem sanften Lächeln in seiner Erzählung fort: »_Gobby_ kam glücklich mit seinen beiden Reisegefährten zurück zu dem Schiffe. Ein Jahr nachher theilte er den Europäern seine Entdeckungen mit. Ganz Europa zollte dem kühnen Mann den wärmsten Dank, und daß man ihn unter die verdienstvollen _Edeln des Landes_ sezte, war Schuldigkeit.«

_Rosalia_, heut schöner, als je, trat in diesem Augenblick mit einer ihrer Freundinnen ins Zimmer. _Florentin_ hätte gern noch Stundenlang dem gastfreundlichen Lehrer zugehört. Aber er mußte auch nur _so_ in seiner Unterhaltung gestört werden, um freundlich zu bleiben.

»Es ist alles bereit!« rief _Rosalia_ ihrem Vater entgegen. Der _Commendant_ nahm die fremde Dame und führte sie in den Hof hinunter; _Rosalia_ bot lächelnd dem träumenden _Duur_ ihren Arm.

In einem geräumigen, mit Quadersteinen gepflasterten Hof standen zwei Gondeln, mit Segeln von rosenfarbner Seide, und Fischbeinrudern von Taffent, die viele Aehnlichkeit mit Flosfedern des Wallfisches hatten.

_Rosalia_ sprang in einen dieser Kähne, und winkte dem versteinerten _Duur_, der nun wohl merkte, wohin es mit ihm sollte. -- Er betrachtete das leichte, magische Gebäu mit einer sonderbaren Aengstlichkeit, und würde alles darum gegeben haben, wenn man ihn mit dieser Promenade verschont hätte.

»Kommen Sie, kommen Sie, lieber Duur!« rief _Rosalia_, und streckte die Hand ihm entgegen. Ein leichter Schauer überlief ihn; zitternd faßte er des Fräuleins Hand und -- hätte ein herzliches _ex profundis_ beten mögen -- und sezte sich. Der Gondelier stieg ein. Der Kahn schwoll auf allen Seiten an. _Florentin_ sah sich verlegen nach allen Seiten um und preßte sich dichter an _Rosalien_.

In diesem Augenblick sanken vor seinen erstaunten Augen die hohen, massiven Mauern und Gebäude rechte und links neben ihm nieder, wie auf der Bühne beim Klingeln des Soufleurs die gemalten Straßen; schon dampften, in gleicher Richtung mit ihm, die Schornsteine; bald verloren sie sich unter ihm, und die hohen Kuppeln der Kirchthürme näherten sich ihm vertraulich. Der Kahn gaukelte izt noch um die funkelnde Spitze des Thurmgipfels, wie ein Schmetterling um die Blume, und die aufgescheuchten Dohlen flatterten mit ängstlichem Geschrei an den Wimpeln der Gondel vorüber. Aber bald verloren sich auch die Thürme unter ihm hinab und wurden wie kleine Stäbe, und die Dohlen darum wie Fliegen.

»Mein Gott!« rief _Duur_: »wohin mit uns?«

»In den Himmel!« antwortete _Rosalia_ mit einem schalkhaften Blick.

»Sie haben Recht, denn ich habe ja schon einen Engel an meiner Seite,« erwiederte er und drückte _Rosaliens_ Hand fester an sich.

Ein falber Nebel umfing sie. Die Nebengondel, worin sich der Commendant mit der Fremden befand, verschwand vor ihren Blicken. Sie schwebten allein über der stillen, furchtbaren Tiefe im unendlichen Raum.

Plötzlich scholl aus den Nebeln herüber eine Stimme: »Rosalia, versieh Deine Pflicht! Duur passirt die Linie zum erstenmal!« -- Es war die Stimme des Commendanten.

»Hören Sie wohl, was mein Vater sagt? Sie befahren diese Gegenden zum erstenmal; und wissen Sie wohl, was da Sitte ist?«

»Ich weiß wahrhaftig nichts.«

»Wenn ein Reisender zur See zum erstenmal die Linie passirt, wird er von den Schiffern nach Schifferbrauch getauft -- das heißt, nur ein paarmal ins kühle Meer untergetaucht.« --

»Das war schon vor alten Zeiten ein grausamer -- -- --«

»Kommen Sie mir schon wieder mit Ihren _alten Zeiten_? Ich will davon gar nichts mehr wissen. -- Mit einem Worte, Sie müssen sich alles gefallen lassen, was ich hier mit Ihnen vorzunehmen das Recht habe.«

»Nur -- Liebe -- _nur nicht tauchen_!«

»O Scherz, es ist noch dreimal ärger!«

»Noch dreimal ärger? Sie wollen mich doch nicht _hinauswerfen_? -- es ist verdammt tief unten, und ich kann für meinen Hals nicht bürgen.«

»Alles Protestiren hilft Ihnen nichts. Sie müssens sich nun einmal schlechterdings gefallen lassen -- -- --«

»Was denn?«

»Von mir -- --«

»Haben Sie Erbarmen!«

»_Drei -- Küsse_ anzunehmen.«

»Milder Genius dieses Jahrhunderts, ich erkenne Dich!« rief _Duur_, und hing an _Rosaliens_ Lippen.

»Duur!« rief sie endlich halbböse: »wissen Sie nicht mehr, wie viel _drei_ ist? Oder bedeutete drei in Ihrem achtzehnten Jahrhundert _mehr_, wie _bei uns_? -- Sie haben nun wohl zehnmal geküßt.«

»Ich bin im _Himmel_!« rief er: »und im Himmel soll ja Seligkeit seyn ohne _Aufhören_!«

»So werden sich dereinst die zehntausend Jungfraun vor Ihnen in Acht zu nehmen haben.«

»Nur _eine_, und die wären _Sie_!«

Sie wollte antworten, aber -- die Sylben erstarben in einem langen Kusse.

Die Gondel schwebte langsam über eine unabsehbare wellenförmigte Ebne falben Dufts, und des Aethers reines Ultramarin wölbte sich oberwärts herab.

_Duur_ wähnte sich in die Zauberwelt der Träume verirrt zu haben.

Majestätisch tauchte sich der Kahn wieder hinunter in die zerfliehenden Wollen -- ha! und mit niegesehner Pracht zeigte sich in tiefer Ferne unten ein Weltkörper, welchen _Duur_ nicht für die Erde anerkennen wollte.

»Wir sind nach dem Mond hin verschlagen!« jauchzte er an _Rosaliens_ Seite, die den naiven Mann und sein anhaltendes Erstaunen mit stiller Freude beobachtete.

Reglos, wie eine buntilluminirte Landcharte mit ihren Meeren und Provinzen, lags unter ihm ausgespannt. Wald und Wiese, Gebürg und Bach schwammen einförmig in einander verschmolzen in der Tiefe.

Mit jedem Augenblick aber dehnten sich die kleinen Gestalten immer weiter und größer aus einander, wie unterm Vergrößerungsglase; aus grünen Flecken entfalteten sich Wälder, das schimmernde Pünktchen rollte sich aus und ward ein Landsee; der schwarze Stumpf verlängerte sich zum Dorfthurm und aus den Maulwurfshügeln erstanden Häuser. --

Schon begrüßten die Vögel in der Luft die fremde Erscheinung in ihren Revieren; schon rührte den Geruchssinn ein aromatischer Duft, welcher die Nähe junger Blüten verrieth; schon rauschten seitwärts an den Gondelrudern die Wipfel der Fichten und Eichen -- ein prächtiges, regelmäßiges Landschloß stieg in der Mitte eines Gartens auf -- sie waren zur Stelle. --

Achtes Kapitel. Gobby.

»Wie gefällts Ihnen im Himmel?« rief unserm Luftfahrer der alte _Commendant_ mit herzlichem Lachen entgegen.

»Besser noch, als mirs die Bibel versprochen hat;« antwortete _Florentin_, indem er auf _Rosalien_ hinblickte.

»O Väterchen!« sezte _diese_ hinzu: »unser Alterthumsprofessor sündigt oben, wie unten. Schicken Sie ihn nur erst ins Fegefeuer.«

Bei diesen Worten öffneten sich die Pforten -- ein blasser, hagrer Mann, mehr klein, als groß, einfach gekleidet, trat heraus. Hinter ihm zeigte sich im festlichen Kleide, von Goldstickereien blitzend, der wahrscheinliche Herr des Gebiets, mit einem ernsten, feierlichen Wesen.

_Florentin_ freute sich wirklich, den Umflieger und Bewandler des Südpols, den Freund und Schutzgeist der leidenden Armuth kennen zu lernen, als er bemerkte, daß der kleine, hagre Mann die Umarmung des _Commendanten_ verließ, um _Rosalien_ zu küssen.

»Dieser also?« lächelte _Florentin_, dem die Phantasie ihr gewöhnliches Späschen gespielt hatte, die nur große Geister in großen Gestalten und schöne Seelen in schönen Körpern sucht.

_Gobby_ -- er wars -- näherte sich endlich auch ihm, mit einem Blick voll gastfreundlicher Liebe und Vertraulichkeit; -- der _Commendant_ war im Begriff, seinen Gast zu präsentiren, als Gobby, wie mit Entsetzen, einen Schritt zurückprallte.

»Herr _Duur_, ein neuer Bekannter und Freund!« rief der _Commendant_.

»Und unser ehrenfester Professor der Antiquitäten« -- sezte _Rosalia_ hinzu, und, indem sie _Florentinen_ argwöhnisch anlächelte: »unser -- Freund?«

»Sie sind mir bekannt, Herr _Duur_ -- -- wir haben uns irgendwo gesehn, gesprochen -- ich weiß nicht wo? und nicht wie?« sagte _Gobby_: »seyn Sie mir willkommen!«

Man trat in einen Saal, der vom Geschmack und Reichthum des Besitzers zeugte.

Die Wände waren Spiegel, und jede Wand, wie ein einziger Guß, ohne Reifen und Fugen; oben hingen sich an goldnen Stäben und Ringen Blumenguirlanden, so täuschend, so frisch, als wären sie erst vor einem Augenblick den Beeten geraubt. Ausser den nothwendigsten Meublen erblickte man vier Nischen in den vier Wänden; in jeder einen Marmoraltar, worauf sich paarweise _Gobby's_ Penaten befanden -- Bronzebüsten. Ein _Sokrates_- und _Christus_kopf standen vertraulich beisammen, ein _Aristoteles_ und _Kant_, ein _Friedrich der Große_ und ein Unbekannter, ein _Rousseau_ und ein Unbekannter.

Es war schon mehrere Gesellschaft gegenwärtig; man mischte sich freundlich durch einander und sprach von diesem und jenen -- _Gobby_ aber entfernte sich mit dem _Commendanten_.

Am meisten unterhielt eine Note des verstorbnen Kaisers an seine Unterthanen, welche wenige Monate vor seinem Tode ans Licht getreten war. Man debattirte lange darüber, und schien sich nicht vereinigen zu können, ob der Kaiser billig gedacht habe, oder nicht. _Florentin_ mischte sich in die kleine Fehde, und, um richtig zu urtheilen, las man ihm die Note vor:

»An meine Unterthanen.«

»Da die vorliegenden nördlichen Provinzen durch den langen Krieg fast gänzlich verwüstet sind, und ich, ohne Noth, Euch durch keine Auflagen drücken wollte, um den Flor jener Provinzen wieder herzustellen: so entschlos ich mich, die kostbaren Feierlichkeiten, Opern, Feuerwerke und dergleichen an meinem Hofe einzustellen, auch die Gehalte der Prinzen und Prinzessinnen um die Hälfte zu verringern, bis die verwüsteten Dörfer und Städte wieder erbauet und die verarmten Familien gerettet seyn werden. Es war dies von meiner Seite ein freiwilliger Beitrag zur Linderung der allgemeinen Noth -- Aber daß man mich wegen meiner erfüllten Pflicht so unaufhörlich mit öffentlichen Lobreden und Lobgedichten heimsucht, find' ich von meinen Unterthanen nicht schön, weil damit nichts gesagt zu seyn scheint, als: es ist sehr ungewöhnlich, daß Fürsten auch Menschenpflichten erfüllen! -- Wie viel Elogen und Hymnen hätt' ich auf diejenigen von meinen Unterthanen zu verfertigen, die so viel nach Verhältniß ihrer Kräfte thaten, als ich?« --

»Nun sagen Sie Ihre Meinung!« rief man, nach Durchlesung der Note, dem bestürzten _Florentin_ zu.

»Ist es nicht hart, wenn der Vater seiner Kinder Dank nicht hören will?« riefen einige.

»Ist es nicht billig und vernünftig vom Kaiser?« schrie die Gegenfaction.

_Florentin_ las das Blatt noch einmal und wollte seinen Augen nicht trauen. »Meine Herrn und Damen,« sagte, er endlich: »ich muß gestehn, _solche Denkart_ eines Fürsten, _solche_ Aeusserung des feinsten moralischen Gefühls ist nur allein dem drei und zwanzigsten Jahrhundert eigen.«

»Dies Urtheil konnt' ich voraussehn!« sagte _Rosalia_ lachend: »der Herr wird uns so gleich mit einen Beispiel vom Gegentheil aus der Vorwelt aufwarten.«

»Mit mehr, als einem!« erwiederte _Duur_: »ich erstaune izt weder über die Billigkeit noch Härte des kaiserlichen Wunsches, sondern darüber, daß Sie noch getheilte Meinungen hegen können.«

»Bravo!« rief eine Parthei.

»Welch ein edler Ton herrscht in der Sprache. Schon daß er von allen Curialwust abläßt, und seine Person mit dem simpeln _Ich_ bezeichnet, schildert den Kaiser« -- -- --

Ein verworrnes Gelächter unterbrach ihn. »Wie soll er denn von sich anders reden?«

»Es wird Ihnen bekannt seyn, daß sonst große und kleine Fürsten nie anders ihre Vielheit bezeichneten, als durch ein großes _Wir_.«

»O!« rief einer aus der Gesellschaft lachend: »das war in dem finstern Zeitalter guter Ton, als die Fürsten noch böse wurden, wenn man sie nicht die allergnädigsten, großmächtigsten, unüberwindlichsten nannte. Seitdem aber diese _unüberwindlichsten_ Herrn mehr als einmal _überwunden_ wurden, und die _allergnädigsten_ sich mehr als einmal sehr _ungnädig_ fanden: waren sie selbst so billig, ihre Titel in mildere zu verwandeln, um die Suppliken der Unterthanen für keine Satyre zu halten.«

»Erlauben Sie,« fiel dem Redner ein andrer ins Wort: »ich weiß nicht, ob die itzigen Titel: -- unser guter, _menschenfreundlicher König_, oder _Kaiser_, oder _Fürst_ und _Herr_ -- nicht weit _schmeichelnder_ sind, als die vorzeiten gebräuchlichen, welche man noch in alten Chroniken und Urkundensammlungen findet: denn unsre bestimmen den fürstlichen Charakter sehr deutlich, zwar nicht immer als das, was er ist, sondern als das, was er eigentlich _seyn sollte_; allein die alten waren oft ganz unverständlich, wobei sich weder der Unterthan, welcher sie schrieb, noch der Fürst, welcher sie las, etwas denken konnte -- zum Beispiel, wenn es hieß: _allerdurchlauchtigster_ -- -- --«

»Dagegen bemerk ich« erwiederte der _Gegner_: »daß es die _Alten_ verstanden, aber _wir_ freilich nicht, da unsre Sprache sich unterdessen sehr verändert hat.«

»Ich bitte um Verzeihung, daß ich Ihnen widersprechen muß,« entgegnete _Duur_: »auch die Alten wußten von solchen Ausdrücken keinen Sinn -- schon im achtzehnten Jahrhundert nicht.«

»Und dieser Herr« rief _Rosalia_, indem sie muthwillig auf _Florentinen_ deutete: »hat Autorität; er ist in der Vorwelt zu Hause, wie bei uns.«

»Ich geb es zu,« antwortete der _Widerlegte_: »allein dann wär es ja wunderlich gewesen von unsern Ur-Großvätern, wenn sie sich Redensarten bedient hätten, welche weder _die_ verstanden, so sie gaben, noch _die_, welche sie nahmen?«

»Was erwiedern Sie _darauf_, lieber Professor?« fragte _Rosalia_?

_Duur_ wischte sich leise über die Stirn.

Neuntes Kapitel. Der Kupferstich.

»Eine Rarität, meine Herrn!« rief der edle _Gobby_, welcher mit einem Quartanten unterm Arm in Gesellschaft des alten _Silberot_ hereintrat.

Neugierig wandte sich jedes Auge auf den achtungswürdigen Mann hin, von welchem man, selbst wenn er scherzte, nichts ganz Gewöhnliches zu hoffen hatte. Die Versammlung schloß einen Kreis um ihn.

»Wers erräth _sit mihi magnus Apollo_!« sagte er mit einem bedeutenden Lächeln.

»Den Nachsatz erbitten wir Ungelehrte deutsch!« rief eine Dame.

»_Der_ oder _die_ soll heut König oder Königin unsers Cirkels seyn und von jedem Anwesenden einen Kuß empfangen!«

»Da ists der Mühe werth, zu rathen.«

»Der lezte Theil Ihrer Reise zum Südpol!« rief ein Gelehrter.

»Eine neue Ausgabe!« ein andrer.

»Das Buch vom Stein der Weisen!« ein dritter. Und so riethen sie alle und _Gobby_ schüttelte zu allem den Kopf.

_Rosalia_ lächelte ihren Reisegefährten an: »Merkwürdige Rathen, Thaten und Faten aus dem achtzehnten oder neunzehnten Seculum für Lehrer der Alterthumskunde!«

»Getroffen!« rief _Gobby_ und schlug das Buch von einander: »Eine äußerst seltsame Erscheinung muß ich Ihnen bekannt machen, die freilich nur für diese Versammlung ein anziehendes Intresse hat; Dies Buch enthält eine Kupferstichsammlung; unter derselben befindet sich auch ein gewisser _Florentin von Duur_ -- -- --«

_Florentin_ wurde feuerroth; das Blut pickte laut in allen Pulsen und Fingerspitzen.

»Und dieser Herr« fuhr _Gobby_ fort, indem er auf _Florentinen_ zeigte: »trägt denselben Namen. Er heißt _Florentin Duur_. Vor ohngefähr vier bis fünfhundert Jahren warf sich _jener_ Florentin von Duur in _Kanella_ auf, und bewirkte eine sehr schlau eingefädelte Revolution wider den damaligen Beherrscher Kanella's. Das Volk nahm eine republikanische Verfassung von seiner Hand an, aber diese Regierungsform war von kurzer Dauer; das Reich ward in sich selbst uneins; ehrsüchtige und gelddürstige Egoisten schwangen sich wechselnd empor, zerrütteten das Land, welches endlich wieder zertheilt unter den Zepter der benachbarten Monarchen kam. _Florentin von Duur_ ward von den Geschichtschreibern in die Gesellschaft der _Masaniello's_, _Kosciuskos_, _Fayette's_ und _Mirabeau's_ gesezt.«

»Ich selbst habe neulich noch in einem Traktate seiner gedacht,« sagte hierauf ein _Gelehrter_: »worin ich unter andern die Meinungen derjenigen Scribenten mit neuen Gründen unterstüzte, welche sehr wahrscheinlich behaupten, daß er nur den Namen hergeliehen habe zu der Revolution, deren Plan und Vollendung eigentlich dem versteckt gebliebenen, und mit ihm verbundnen _Badner_ angehörte. Der berühmte _Ocellius_ in seiner Dissertation _de Badnero vindicato_ bezieht sich allein auf die Statüe des _Badner_, und leitet von ihr seine Gründe her.«

_Duur_ spizte die Ohren mächtig; ein Wort von ihm wäre hinreichend gewesen, die gelehrten historischen Hypothesen der äußerst schlauen _Geschichtsklitterer_ dieses Zeitalters zu zerstören[A], wenn er nur irgend hätte Hoffnung hegen können, mit seinem fünfhundertjährigen Schlummer Glauben zu finden.

»In der Geschichte darf nicht philosophirt, sondern nur Datum an Datum gekettet werden, wenn sie uns mehr als Roman seyn soll;« sagte er, um den Mann doch einigermaßen zu widerlegen, und sein kleiner Ehrgeiz erwachte unter jener Beleidigung.