Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3
Part 4
»Ich muß gestehn, Matthias,« sagte der _Graf_: »daß die Thorschreiber dieses Jahrhunderts in der Cultur richtige fünfhundert Jahre voraus haben vor den Thorschreibern meiner Zeit. Vom Thorschreiber auf die Obern dieser Stadt, und von dieser Stadt auf das ganze Reich zu schliessen, muß unterdessen eine gewaltige Revolution der Sitten vorgegangen seyn.«
»Ei!« rief _Matthias_: »und ich muß gestehn, daß ich mir nicht geträumt habe, einen _Grafen von Duur_ zu fahren!«
Der Offizier kam an den Wagen. »Mein Herr, Sie geben sich für einen Grafen aus, ohne weder in Diensten zu seyn, noch gewesen zu seyn. Erlauben Sie, wie hängt das zusammen? Womit legitimiren Sie sich?«
Florentin ward bestürzt.
»Sie verzeihn,« fuhr der _Offizier_ fort: »der Krieg im Lande hat das strengste Examen nothwendig gemacht. Also?« --
»Ich kann doch unmöglich meine Diplomen bei mir führen, oder meinen Stammbaum.«
»_Stammbaum?_ Was wollen Sie damit sagen?«
»Um Ihnen meine Herkunft zu beweisen.«
»_Herkunft?_ reden Sie deutlicher. Was intressirt uns Ihr Stammbaum und Ihre Herkunft?«
_Duur_ fand sich in einer häßlichen Verlegenheit; er sah leicht ein, daß hier ein Mißverständniß herrsche, nur wußte er nicht, auf welcher Seite. Der Thorschreiber blinzelte den Offizier seitwärts an, mit einem bedeutenden Blick, der so viel sagen sollte, als: bei dem Herrn ists nicht richtig im Kopf, oder im Herzen.
»Sie wollen wissen, _woher_ ich _Graf_ sey?«
»Richtig, und _durch wen_?«
»Durch wen? ei durch meine _Geburt_. Mein Vater und Großvater waren im Grafenstand.«
»Sie sind doch aus Deutschland?«
»Ganz gewiß.«
»Mein Herr, _Grafen werden hier zu Lande nicht geboren_.« --
»Nicht _geboren_?« stotterte _Duur_ verwirrt.
Der Offizier lachte laut auf, winkte einem Soldaten, und befahl diesem, den Wagen zu folgen. »Mögen Sie seyn, wer Sie wollen, so muß ich Sie dem _Commendanten_ melden. Wo treten Sie ab?«
»Im ersten besten Gasthof.«
»Zur _goldnen Hoffnung_!« tief der Offizier und _Matthias_ fuhr bin zur goldnen Hoffnung, wo der Soldat den Grafen bewachte.
Drittes Kapitel. Der Commendant.
_Duur_ war etwas ärgerlich über den Empfang in der Welt des drei und zwanzigsten Jahrhunderts. Er ward sich fremd mitten im Vaterlande, und schien sich in seinen eignen Augen, wie ein unwissender Knabe.
»Wein her?« rief er. Ein niedliches, gefälliges Mädchen brachte Wein. »Befehlen Sie mehr?« fragte die Zofe mit einem lockenden Lächeln.
»_Matthias_ soll zu mir aufs Zimmer kommen.«
Das Mädchen ging. _Matthias_ kam.
»Aber Matthias -- -- --« seufzte _Duur_ mit einem tragischen Lächeln.
»Aber mein Herr« seufzte der _Luftgondler_: »ich bitte Sie, besinnen Sie sich doch, was haben Sie dort alles am Schlagbaum gesprochen? -- Beinah möcht' ich Ihnen Ihren Spas glauben, daß Sie fünfhundert Jahre geschlafen haben.«
»Ich sehe nur nicht ein, was ich _Böses_ gesprochen?«
»He, he, he! Sie sagten zum Beispiel, Sie wären ein Graf von Geburt -- wie in aller Welt kann man denn _gräflich_, oder auch nur _edel geboren_ werden? Besinnen Sie sich doch! Freilich, vor alten Zeiten, da die Menschen noch kindisch genug waren, sich einzubilden, daß die Sünden erblich wären, glaubte man auch noch, die _Tugend_ wäre so erblich, wie ein Geldkasten. Damals wurden noch die edeln Leute _geboren_! he, he, he! aber izt ist man kein Kind mehr.«
»Die Geburt von adlichen Eltern adelt also nicht mehr?«
»Sie wollen mich zum Besten haben. Verstellen Sie sich doch nicht. Ein Schulknabe kann ja das berechnen.«
»So, so!« murmelte _Florentin_ und ahndete, daß es in dieser Welt um seinen Adel gethan sey.
Die Bouteille war noch nicht leer, als er zum _Commendanten_ gerufen wurde.
Er ging und fand einen liebenswürdigen Greis, dessen sanfte Miene ihm alles Liebe voraus versprach.
»Setzen Sie sich, mein Freund;« sagte der gute _Commendant_, indem er ihm einen Stuhl zuschob.
»Gnädiger Herr, Sie müssen verzeihn -- -- --«
Der _alte Herr_ lächelte, und winkte mit der Hand und dem Schütteln des Kopfs zum Stillschweigen.
»Wofür halten Sie mich, lieber Freund, daß Sie mich wie einen _Fürsten des Landes_ anreden? Ich bin ja nur Commendant dieser Stadt. -- Allein der wachthabende _Offizier_ hat mir schon von Ihrem sonderbaren Betragen Nachricht gegeben. Gestehn Sie offenherzig. Sie kommen entweder aus der _Krim_, oder aus _Portugal_; denn ich kann Sie weder für blödsinnig noch boshaft nehmen.«
_Duurs_ Bestürzung wurde immer größer. Er unterstand sich kein Wort von seinem langen Schlaf zu erzählen, um nicht für vollkommen verrückt gehalten zu werden. Und doch sah er auf der andern Seite keinen einzigen Weg, um sich aus den immer neu anwachsenden Verlegenheiten zu erretten.
»Sie schweigen?«
»Gnädger Herr -- --«
»Still! ich bitte Sie! erholen Sie sich. Ich bin, wie gesagt, nur _Commendant_.«
»Herr Commendant -- --«
»Nun?«
»Wie ich endlich wohl einsehe aus allen den seltsamen Verhältnissen, worin ich durch mein Betragen verstrickt werde: so hab' ich von meinem Vater die albernste Erziehung erhalten. Ich bin in allen meinen Kenntnissen und Handlungen noch um ein paar Jahrhundert zurück.«
»Wer ist Ihr Vater.«
»Er lebte mit mir, ausser eingen Bedienten, abgesondert von der Welt auf seinem Landschlosse an den Alpen, studierte die ältere Geschichte und erzog mich so, als wär' ich ein Bürger des achtzehnten Jahrhunderts. So brachte er mir von allen Dingen die absurdesten, schiefsten Vorstellungen bei, bis die Ausschweifungen seines kranken Verstandes sichtbarer wurden. Er starb unter den Händen der Aerzte und ich wurde von meiner Familie auf Reisen geschickt, um mich selbst auszubilden.«
_Duur_ gab sich alle Mühe, seine Nothlüge noch mehr auszuschmücken und wahrscheinlicher zu machen. Der _alte Commendant_ zweifelte so lange, bis ihn der Inquisit offenbare Beweise von der speciellsten Kenntniß des achtzehnten Jahrhunderts lieferte.
»Nun muß ichs endlich glauben, was Sie mir da sagten; aber ich gestehe auch, daß dies der wunderlichste Fall sey, der mir in meinem Leben vorgekommen ist. Seyn Sie ruhig, Sie sind frei. Aller hüten Sie sich in Zukunft, von Ihrer Grafenwürde zu reden.«
Der _Ex-Graf_ gratulirte sich im Stillen, diesmal so entschlüpft zu seyn. Er unterhielt sich mit dem humanen _Commendanten_ noch einige Zeit, und dieser, der den gewizten Bürger des achtzehnten Jahrhunderts Geschmack abzugewinnen schien, nöthigte ihn, zum Abendessen zu bleiben. _Duur_ schlugs nicht ab.
Viertes Kapitel. Für keinen Freund des achtzehnten Jahrhunderts.
Der _Commendant_ führte seinen Gast in ein größeres Zimmer, worin sich mehrere Damen, größtentheils Verwandtinnen des alten Herrn, befanden. _Florentin Duur_ wurde ihnen vorgestellt, und von allen mit zuvorkommender Liebe aufgenommen. Es dauerte nicht lange: so hatte er sich in diesem Cirkel orientirt. Jeder und jede gewann den Abentheurer lieb; an Unterhaltung konnt' es nicht mangeln.
An der Seite stand ein prächtiges _Euphon_, dessen Aussenseite in allem einem Claviere glich. _Duur_ vermuthete auch nichts anders darin und darunter. Er mußte sich setzen und spielen, weil er das _Können_ schon gestanden hatte.
Aber welche Töne entzückten hier sein Ohr -- er war ausser sich. Nie hatte er die Möglichkeit eines solchen sanftdurchdringenden Klanges gekannt; er phantasirte leicht und wirbelte durch Moll und Dur, und sein Geist lebte in einer andern Region.
»O welch ein Jahrhundert!« seufzte er leise bei sich, und ahndete eine Reihe von Seligkeiten, welche ihm bevorstanden bei der nähern Erkenntniß des großen Fortschrittes der Menschheit.
Die Damen umringten ihn lächelnd und beobachteten nur den schwärmerischen Blick des liebenswürdigen Gastes.
Zuweilen berührte sein Auge sie, und der Anblick dieses schönen Halbzirkels erhöhte die Grade seiner angenehmen, unerklärlichen Empfindungen. Hier sah er keine _Buffanten_, _Trompeusen_, _Cü de Paris_, und künstliche _Pendüles_ -- sondern Einfalt und Natur, wiewohl die anwesenden Schönen gallamässig kostbar gekleidet waren.
Ein einfarbiges, leichtes Uebergewand floß hinab bis zu den Füßen, unterm Busen zusammengeschlossen von einem gestickten Gürtel. -- Keine Schnürbrust, keine Poschen gaben dem Körper ein steifes, gedrechseltes, eckigtes Aeußere -- sondern die ganze schöne, weiche Bildung den Weibes stand unverrathen da. Ein Schleier verhüllte mit tausend Falten des Busens Heiligthum, von keinen fischbeinernen Stützen und Drathbügeln aufgebläht. Das Haupt trug keinen sinnlosen Tok, kein gothisches Gebäude von Haarwulsten und Locken oder Flor und Spitzen, Drathskelets und Straussenfedern; sondern das Haar lief ungepudert in natürlichen Locken um Nacken und Hals. Die jüngern Damen schmückten ihr Haupt mit einer schimmernden Tiara, die ältern verhüllten es mit einem weissen Schleier.
Er war die Tracht der griechischen Grazien.
_Duur_ sas noch immer am Euphon, und sein Ohr konnte sich nicht sättigen im Genuß dieser süßen Tone. Er spielte einige Symphonien von _Reichard_ und _Rolle_ und _Graun_, und erndtete dafür den verbindlichsten Dank ein. Was ihn am meisten freute, war, daß die Namen jener Tonkünstler den Genossinnen des drei und zwanzigsten Jahrhunderts nicht unbekannt waren. Die reizende Tochter des Commendanten nannte ihm sogar die Namen eines _Händel_ und _Bach_ mit einer gewissen Begeisterung, wie man sie nur für Lieblinge fühlt. Noch mehr, sie spielte ihm selbst Theile von den Arbeiten dieser Meister mit vieler Geschicklichkeit vor.
»Ist Ihnen auch _Dittersdorf_, _Martin_, _Salieri_ bekannt?« fragte _Duur_ nach einem Weilchen.
Die Spielerin schüttelte den Kopf. Die Namen waren ihr fremd.
»Aber was halten Sie von unsern neuem Komponisten, denn alle, die wir bisher kritisirten, gehören zu den uralten Vätern in der Musik. Es ist wahr, man muß erstaunen, wie weit es jene Patriarchen der Tonkunst schon im achtzehnten Jahrhundert brachten -- allein, man kann doch auch nicht läugnen, daß ihre Manieren gewaltig altfränkisch und ängstlich sind, wiewohl unsre jungen Künstler ihre Werke noch immer studieren müssen.«
»Das wollen wir auf ein andermal verschieben!« rief lächelnd der _Commendant_, welcher sich an der Verwunderung seines Gastes weidete: »Jezt zu Tische, ehe die Suppe erkaltet. Ueberhaupt, Rosalia, muß ich Dich im voraus daran erinnern, daß Du unserm Gaste keine Fragen über die Produkte unsers Zeitalters vorlegst, denn er ist nur im achtzehnten Jahrhundert, und wahrhaftig sonst nirgends zu Hause.«
_Duur_ ward feuerroth. _Rosalia_ lächelte ihn an, und ihr Lächeln machte alles wieder gut. Sie sezte sich am Tische neben ihn, und noch hatte _Florentin_ in diesem Jahrhundert keinen fröhlichern Abend für seinen Geist gehabt, als diesen.
Es war schon Dämmerung. Der _Commendant_ sah sich allenthalben um, klingelte endlich und -- eine krystallene Sonne sank aus der Mitte der Zimmerdecke, um den ganzen Saal mit Tageshelle zu überströmen.
Unser Pilger fühlte sich bei allen diesen zauberhaften Erscheinungen recht wohl. Er hätte bei jeder Kleinigkeit fragen mögen, wie ein Kind: »wie ist das? wie heißt dies? wodurch entspringt jenes?« -- Aber eine Empfindung der Schaam und Furcht, dieser Gesellschaft, und besonders der gefälligen _Rosalia_ lächerlich zu werden, fesselte seine Zunge und ließ ihm die beste Belehrung vom gewognen Zufall erwarten.
Fünftes Kapitel. Fortsetzung, oder: der Commendant plaudert.
Nach aufgehobner Tafel zog der brave _Commendant_ (dessen Namen ich nicht länger verschweigen will) _Silberot_ den Mann des achtzehnten Jahrhunderts zu sich auf einen elastischen Divan.
Die Damen, deren Geist durch Wein und geselligen Scherz zur Freude gestimmt war, spielten, plauderten und tändelten unter einander; eine von ihnen behauptete immer den Sitz am Euphon; nur _Rosalia_ entwischte öfter ihren Freundinnen und dem Euphon, um dem sonderbaren Fremdling etwas näher zu kommen.
Der alte Commendant verwickelte sich aber bald mit seinem Gaste in ein neues Gespräch, wozu besonders _Florentins_ Abentheuer am Schlagbaum den meisten Anlas gab.
»Zwar bin ich kein Gelehrter,« sagte er: »aber ich habe doch sonst gern, besonders in meinen jüngern Jahren, von alten Geschichten gelesen, und besonders von einem preussischen König _Friedrich_, den seine Zeitgenossen den _Einzigen_ nannten. Wahrhaftig, der Mann war zu _früh_ in die Welt gekommen. Man muß erstaunen, nicht sowohl über das, was er gethan _hat_, sondern was er, wenn er in einem polizirtern Zeitalter gelebt hätte, gewiß gethan haben würde, und was sein ganzes Wesen auch ahnden ließ. Fürwahr! dieser Einzige hat den Beinahmen des _Großen_ in den Annalen der Weltgeschichte theuer gemacht, da man ihn vorher an _jedem Menschenschlächter_ und _bigotten Narren_ zu verschwenden gewohnt war.«
Duur. Sie haben recht. Aber Sie sagten, er sey zu früh geboren worden. Ich möchte behaupten: grade zur _rechten Zeit_.
Commendant. Nun ja. _Christus_ und _Luther_ kamen auch zur rechten Zeit, wenn sie gleich unter blinden Barbaren leben mußten. Das _Licht_ brennt dann immer zur rechten Zeit, wenns _dunkel_ umher ist. Ich gebs zu.
Duur. Halten Sie denn das Zeitalter jenes preussischen Königs für so _dunkel_?
Commendant. Für _hell_ wenigstens nicht. Sie haben heut an unserm Thore sich selbst den Beweis geliefert, als Sie von Ihrer -- nehmen Sie's mir nicht übel, wenn ich lache, denn der Spas war einzig in seiner Art! -- als Sie von Ihrer _adlichen_ Geburt sprachen, ha, ha, ha!
Duur. Ich räum es ein, daß -- -- -- allein -- --
Commendant. Ich bitte Sie um des Himmels willen, liebster bester Schatz, die gesunde Vernunft giebts ja an die Hand, daß wir alle, groß und klein, arm und reich, wie wir da sind -- allzumal als elende Krüppelchen in die Welt treten! -- Freilich auf die grausamen, finstern, barbarischen Zeiten der _Vorwelt_ müssen wir nicht sehn, denn damals wußte die liebe Menschheit noch blutwenig von der _Vernunft_; ja, die Menschen sind damals so toll gewesen und haben die Vernunft verschrien, wie wir heutiges Tages die _Verrücktheit_. -- Nun freilich, da gings denn unter den Sterblichen nicht viel besser, als unter den wilden Thieren; wer die schärfsten Zähne und derbsten Fäuste besas, der hatte das Recht immer zur Seite.
Duur. Sie sprechen von den Ritterzeiten.
Commendant. Nun ja. Damals gabs _Freie_ und _Sklaven_; pfui, Blut und Galle möchte man speien, wenn man daran denkt, daß der Mensch vorzeiten ein _Thier_ war! -- Die Freien bildeten sich ein, sie wären bessere Menschen, wie die armen Unterjochten, und nannten sich _Edle_. Die Könige und Fürsten machten diese Leute zu ihren Freunden, Räthen und Unterbefehlshabern. Das konnte man den _Fürsten_ gar nicht verargen, denn der gemeine Mann, der sogenannte _Unedle_, war abgeschnitten von aller guten Erziehung und Bildung. -- Als aber endlich die Aufklärung allmählig zum _Durchbruch_ kam, fingen auch die Unedeln an sich in Künsten und Wissenschaften hervorzuthun, und im Durchschnitt genommen waren am Ende die Bürgerlichen reicher, klüger, gelehrter als die Edeln, noch mehr, sie waren auch biederer, als diese. Trotz dem allen behauptete sich dass alte barbarische Herkommen noch lange. Die Edelleute erhielten sich, trotz ihres auffallenden _Minderwerths_, oben an, und hatten den spashaften Einfall, den sie auch männiglich verfochten: daß sie mit mehrern Rechten geboren würden, als die Unedeln. -- Nun fragte man freilich: Wie könnt ihr denn, ohne Verdienst, blos durch Geburt, mehr Rechte haben, als andre ehrliche Menschen, eure Brüder? Aber darauf hörte man nicht. -- Kurz, man behielt die barbarische, vernunftwidrige Grille der Vorwelt bei.
Duur. Im achtzehnten Jahrhundert?
Commendant. Im _achtzehnten_ und _neunzehnten_.
Duur. Verzeihn Sie, Herr Commendant, daß ich das achtzehnte im Schutz nehme. Schon damals beschnitt man die alten Vorrechte des Erbadels sehr, und der Bürgerliche genoß, wenn er Verdienste besaß, mit dem Adlichen gleiche Achtung, nur mit dem Unterschiede, wie Sie selbst schon bemerkt haben, daß der Adliche die höchsten Würden und Aemter des Staats allein besezte.
Commendant. Sie sind diesmal ein nachgiebiger Advokat von der Lieblingsperiode Ihres Vaters. Eben dies, daß man zu der Zeit schon einsah, die Natur oder Gottheit habe _einen_ Menschen mit so vielen Anrechten ausgestattet, als den _andern_; daß man einsah, des _Vaters_ Genie erbe nicht auf die _Kinder_, macht jene Zeit noch _lächerlicher_. Dem besten Kopf und dem besten Herzen, nicht dem besten Stammbaum gehören die ersten Posten des Reichs. -- Unter uns gesagt, liebster Mann, ich war in meinem Leben immer ein elender Wortfechter, aber bei _diesem_ Streit würd' ich siegen, wenn ich Ihre Einwürfe auch gar nicht widerlegte.
Duur. Sie meinen, die Sache spräche für sich.
Commendant. Meinen Sie anders? -- Apropos, lebte nicht der alte _Balladendichter Bürger_ so ungefähr in jenen Zeiten? Wie mirs deuchtet, so ums neunzehnte oder zwanzigste Seculum.
Duur. Ich bitt' um Verzeihung, im _achtzehnten_ schon.
Commendant. Er schrieb eine Ballade: _des Pfarrers Tochter von Taubenhain_. Ein sogenannter Edelmann verführt und verläßt um seines Standes willen ein Mädchen, welches in der Verzweiflung das Kind ermordet und selbst nachher aufs Rad geflochten wird. -- Wahrhaftig, heutiges Tages, wenn wir noch Räder hätten, würde der Kerl und nicht das Mädchen aufs Rad geflochten seyn. -- Gabs wirklich im achtzehnten Jahrhundert solche unmenschliche Szenen und Verhältnisse?
Duur. (stockend) Sehr viel.
Commendant. Gabs wirklich _edle Leute_, die einem armen Mädchen alles -- alles nahmen, um Ruhe, Ehr' und Liebe der Menschen brachten, und dann satanisch genug waren, sich hinter ihren _Stammbaum_ zu verstecken?
Duur. O viel! viel!
Commendant. Viel? -- nun mein Gott, so dank ich Dir, daß ich nicht geboren ward unter den Barbaren, die _edel_ genannt wurden, und _schändlich_ sich wälzten in Lastern, deren Geburt _Adel_, deren Leben _Unadel_ war. Hätt' ich damals gelebt -- beim Himmel, ich hätte Mordthaten begehn müssen! --
Duur. Und izt?
Commendant. O, ich möchte den Bösewicht sehn, der ein Mädchen entehren, und dann es nicht wieder zu Ehren bringen wollte, weil er -- _edler_ wäre, als die Unglückliche! -- Doch lassen Sie sich erzählen, wie's späterhin ward.
Duur. Ich bin sehr begierig.
Commendant. Der Bürger stieg immer mehr durch seine Verdienste, der Erbadel sank. Er sank, weil die gesunde Vernunft siegreicher wurde. In Frankreich war er schon im achtzehnten Jahrhundert vernichtet -- weit später in Deutschland. Hier schien er sogar wieder zu steigen im neunzehnten Jahrhundert, denn die Könige und Fürsten adelten in solcher Menge, und so ohne Unterschied, daß es zulezt eine Ehre war -- _unadlich zu seyn_. Ich erinnre mich, in einem alten Historienbuche gelesen zu haben, daß die Könige sogar ihren Köchen und Leibschustern, wegen einer _guten Suppe_, oder eines _schönen Stiefelschnitts_, die erblichen, unnatürlichen Vorrechte verliehen haben.
Duur. Ich erstaune.
Commendant. Aber so mußt' es kommen, wenn die Deutschen ihre Thorheit endlich einsehn sollten. Man konnte sich zulezt vor allen Edelleuten nicht mehr retten. Man hatte nicht mehr Aemter genug für sie. Die Aermern bequemten sich zu äusserst bürgerlichen Handthierungen; verdienstvolle Bürger betraten, ohne Adel, die erhabensten Ehrenstufen im Militair- und Civilwesen, und da man endlich bemerkte, wie sich das Land dabei sehr wohl befand, so -- -- --
Duur. Und das ging ohne Gährungen und Revolten ab?
Commendant. Ohne Geräusch. Freilich, die Edelleute schrien wohl dagegen und prophezeihten, daß mit ihrem Untergang _alle Monarchien einstürzen würden_, aber dies war eben so lächerlich, als da die Mönche in den uralten katholischen Zeiten, bei Schmälerung ihrer Rechte, schrien: die Welt würde untergehn und der Antichrist sich von seinen Ketten losrütteln und die Erde verwüsten.
Duur. Sonderdar!
Commendant. Nein, sagen Sie lieber, sehr natürlich. _Dännemark_ machte endlich den Anfang zur Reformation des Adels. Der _Erbadel_ ward durchgängig aufgehoben, und statt dessen der _Verdienstadel_ eingeführt. -- Das deutsche Reich, um allen Verwirrungen abzuhelfen, bequemte sich endlich auch zu dieser Reforme.
Duur. Also giebts noch einen Adel?
Commendant. Freilich. Machen Sie sich um das Vaterland durch eine große That, durch Lebensrettung des Monarchen, durch Erhebung und sichtbare Vermehrung der Wissenschaft und Kunst, durch wohlthätige, große Erfindungen, die der Menschheit willkommen sind, um den Staat, um die Menschheit verdient: so werden Sie in die Reihe _der Edeln des Volks_ versezt; ganz Deutschland wird Sie schätzen, und im Ein- und Auslande erhalten Sie Freundschaft und Ehrenbezeugungen, als wären Sie der Sohn eines Fürsten.
Duur. (mit Rührung) Ich erstaune.
Commendant. Der Adel ist daher selten, und jeder strebt nach ihm -- aber Kinder erben ihn nicht vom Vater, so wenig, als sein Verdienst, wodurch er ihn gewann. Sollte auch nun ja einmal bei Ertheilung des Adels menschlich verfahren werden, so hat dies doch für die Nachwelt keinen Schaden. Es giebt izt unadliche Feldherrn und adliche Künstler. Zudem würde man den, der seinen Adel erschlichen hätte, leicht und auffallend bemerken, da erwiesen werden müßte, daß er allgemein bekannte, öffentliche Verdienste errungen habe; auf _geheime Verdienste bei den Königen_ wird nicht reflektirt.
Duur. _Wer_ erhebt denn aber in den Adelstand?
Commendant. Ich sehe, Sie sind in allen ziemlich unwissend -- verzeihn Sie mir diese Bemerkung, denn Sie sind mir das auffallendste Räthsel, was ich kenne. -- Das Land und der allgemeine Ruf schlägt den Candidaten vor; das Collegium der Edeln wählt und der Landesherr bestätigt. --
Duur. Man hat auch Grafen und -- -- --
Commendant. O ja, allein diese sind in Würden nicht mehr, als andre Edle. Der Landesherr hat das Recht, einen verdienstvollen Adlichen -- blos auf seine Lebenszeit -- mit Gütern, kleinen Grafschaften zu belehnen. Daher denn der _Name_. Nach dem Tode des Adlichen fällt das Gut einem andern zu.
Duur. Glückseliges Zeitalter!
Commendant. _Glückselig_ möcht' ichs nun wohl nicht nennen. Aber freilich, wenn Sie an Ihr achtzehntes Jahrhundert denken: so muß ich Ihnen Recht geben. Allein wie können Sie auch zwischen diesen Zeitaltern eine Paralelle ziehn?
Duur. Ich fühls beinah, die Paralelle würde sehr gedehnt ausfallen. -- So kann ich mir nun auch das Betragen derer erklären, die mich am Thore empfingen.
Commendant. Ha, ha, ha! --
Duur. Ich glaubte nicht, daß die Ehrenbezeugungen mir gelten könnten; ich bildete mir ein, man verwechsle mich.
Commendant. Ha, ha, ha, ha!
Duur. Ich wills mir nie wieder beikommen lassen, mich _Graf_ zu nennen.
Sechstes Kapitel. Rosalia medisirt.
Die schöne Tochter des Commendanten konnt's unmöglich länger dulden, daß der Fremde auf dem Divan wie geschmiedet sas. Sie mischte sich ins Gespräch, wiegelte auch die andern Damen auf, und der ehrliche Commendant mußte in dieser allgemeinen Revolution seinen aufmerksamen Schüler fahren lassen.
Die Unterhaltung ward mit diesem Augenblick gemeinschaftlicher und lebhafter; _Florentin_ mischte sich unter die lieben Schwätzerinnen, und ohne daß er es wußte, drängte er sich _Rosalien_ näher.
»Um Verzeihung, mein Herr!« fing das _Fräulein_ an, mit einem ironischen Lächeln, worin doch noch so viel Seelengüte wohnte:
»Sie sind wohl gar _Professor der Alterthumskunde_ auf einer Akademie?«
»Beinah errathen, mein Fräulein.«
»Wirklich? Sie sehn doch aber so jung? Ich dachte mir unter solchen Alterthumsprofessoren wenigstens Graubärte von sechzig Jahren.«
»Sie wissen _mein_ Alter nicht.«
»Aber sagen Sie offenherzig, gehören Sie denn wirklich zu den sonderbaren Leuten, die in der Vorwelt alles besser finden, als in der Iztwelt?«
»Wer könnte bei _Ihnen_ die _Vorwelt_ schöner finden?«
»Das kam nicht von Herzen.« --
»Gewiß. Darin war die Vorwelt besser, daß sie nicht halb so _mißtrauisch_ war.«
»O ja, sie war _gläubig -- leichtgläubig, abergläubig, übergläubig_, wie Sie wollen, dafür ist sie bekannt.«