Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3

Part 3

Chapter 33,470 wordsPublic domain

»Ich war ein Kind, und _war glücklich_. Ich blühte zum Jüngling auf, und _hoffte_ auf einstige Seligkeiten! -- Ich wurde ein Mann, und -- _war unglücklich_. Louise machte mich unglücklich, oder vielmehr ich mich selber. Dem Tode nahe, wurd' ich errettet. Ich war der Verzweiflung nahe, und die Hand der _schwarzen Brüder_ führte mich von dem Abgrunde hinweg, über dessen Tiefen ich schwebte, Ich suchte Ruhe, suchte Zerstreuung, und befreite _Kanella_ mit Lebensgefahr. Lorbeern erndtete ich, aber keine Ruhe des Herzens. Meine Wünsche, meinen Lohn, welchen ich mir ersah, konnte mir des schwarzen Bundes Allgewalt nicht verleihen. Das Schicksal kämpfte wider mich mit eiserner Faust. Ich war elend, schmachtete nach einem _bessern Leben_ -- die _schwarzen Brüder_ wollten mich belohnen und ertheilten wir zum Geschenk -- ein andres Jahrhundert.« --

»Ich bin noch nicht glücklich, dacht' ich weiter. Und woher meine Unzufriedenheit? wohinaus will dies unaufhörliche Sehnen? -- Ich wollte in mein Innres hinunterschaun, und fand -- und fand die Phantasie mir _Louisens_ Bildniß vorhaltend.« --

»Also dahin willst du? Unmöglichkeit ist dein Ziel? -- o, rief ich mir selber zu, so unmöglich ist denn auch dein Glück hienieden! -- Verdammt sey der Schlaftrunk, der mich um den Rest des Zeitalters plünderte, in welchem noch eine _Louise_ wohnte. Verdammt sey die Stunde, in welcher ich den ungeheuren Riesensprung in der Zeit wagte, welcher eine Ewigkeit zwischen mir und _Louisen_ wälzte. -- So dacht ich. In dem Augenblick rauschte etwas hinter mir auf; mein Pudel bellte -- dies erweckte mich. Ich sah mich um; eine _Hündin_ sprang neben mir vorbei. -- Ich fuhr auf, verfolgte das Thier, welches vielleicht noch von keinem Jäger verfolgt worden war, denn es blieb oft stehn und neckte mich immer weiter.« --

»Du sollst mein werden! rief ich und dachte an _Louisen_: Du sollst mein werden, denn uns scheidet noch nicht die unüberspringliche Kluft von Jahrhunderten! -- ich verfolgte das Thier Stundenlang und erreichte es nie!«

»Der Mittag mochte noch nicht vorüber sehn, als ich, von der fatalen Hündin verführt, ziemlich entfernt von dieser Gegend, mich mit einemmale aus des Waldes Dunkel in einen grünen, zirkelförmigen Platz stürzte, in dessen Mitte zwei niedliche mit Wimpeln und Segeln versehne Kähne auf trocknem Boden standen!«

»Ich blieb stehn. Ich wähnte in der Feenwelt zu wohnen. -- Die Hündin entwischte, ich dachte nicht mehr an sie.«

»Nun, bei Gott!« sagte _Holder_: »läßt sich doch Deine Erzählung so drolligt an, wie irgend ein Märchen aus _Gallands_ Tausend und einer Nacht. -- Zulezt glaub ich gar, die Weltbegebenheiten laufen aus und repetiren sich, wie ein Uhrwerk. -- Wir leben und weben wieder in den Tagen, die _Wieland_ und _Ariost_ so schön besangen.«

»Das wird mir immer wahrscheinlicher!« sezte _Holder_ muthwillig hinzu, indem er sich in _Idallens_ großen blauen Augen spiegelte, die ihn so liebevoll anblickten.

»Erzähle Du weiter, armer Florentin!« sagte _Idalla_, und faltete ihre Hand in _Holders_ Hand.

»Indem ich,« fuhr _Florentin_ erzählend fort: »versteinert dastand, und die beiden prachtvoll ausgeschmückten Kähne mit der waldigten Wildniß zu paaren suchte, flüsterten die Zweige eines nahen Wacholdergebüsches neben mir. Ich wandte meine Augen dahin, und, o Gott, wie wurde mir, als ich -- _Louisen vor mir stehn sah!_« --

»Sie bebte vor mir zurück -- ich vor ihr. Wir starrten uns lange an -- ich fand sie schöner, als ich sie je gesehn hatte -- ich wollte sprechen, wollte ihr Vorwürfe machen -- meine Lippen bewegten sich, aber die Worte erstarben in ihrem Werben.« --

»Unwillkührlich fühlt' ich mich zu ihr hingezogen, zu ihr, die wie eine Gottheit da vor mir stand. Ich wähnte ihren _Geist_ zu erblicken, sank zu ihren Füßen nieder, umarmte die Kniee eines _irrdischen Weibes_, die Kniee meiner _Louise_! -- Schreck, Hoffnung, Entzücken, alles umfing mich mit gränzenloser Kraft; meine Vorstellungen wurden dunkel, die Welt verschmolz vor meinen Sinnen in Nichts -- ich ward ohnmächtig!«

»Gott im Himmel!« rief die weichgeschaffne _Idalla_: »was ist das!«

»O, wär' ich so vernichtet, so ganz ausgestrichen geblieben aus der Liste der Schöpfung, ich wäre vielleicht glücklicher! -- -- Aber ich erwachte -- wie -- von einem _Kusse_. Ich schlug die Augen auf. _Louise_ kniete neben mir auf dem Erdboden, sie schien sich mit mir beschäftigt zu haben. -- Ihr Auge sprach etwas, das -- ach, wer hat Worte dafür?« --

»Und plötzlich entstand ein Geräusch im Walde von Männerstimmen. Es drang immer näher. _Louise_ drückte mir die Hand, sah mich noch einmal an, und lief zum nächsten Kahn. Es liessen sich verschiedne Männer sehn, die sich in die beiden Kähne vertheilten. Sie sprachen heftig unter einander, aber ich verstand sie nicht. -- Plötzlich schwollen die Kähne von allen Seiten auf, und vergrößerten sich in einigen Minuten ungeheuer; in eben den Augenblicken stiegen sie in die Luft empor und mit Vogelschnelle schwammen sie über den Wipfeln der höchsten Bäume hin -- und verschwanden meinem Gesicht.«

»Noch immer lag ich auf dem Erdboden; meine Augen starrten auf den Luftpunkt hin, in welchem mir _Louise_ entflog. -- Hier lag ich im dumpfen Hinbrüten, ich empfand vieles und nichts, ich dachte an _Louisens_ lezten Blick, an ihren lezten Händedruck; So übereilte mich der Abend, und ich konnte mich nicht trennen von dem Orte, an welchem _Louise_ mir erschienen war. Ich sah das Laub des Waldes, die Wolken des Himmels verrinnen ins nächtliche Schwarz, allein ich blieb, wo ich war. Ein leichter Schlummer erquickte mich; er war mir wohlthätig.«

»Ich erwachte eher, als die Sonne. Ich dachte an das Gestrige, und mir wars, wie Rückerinnrung an einen Traum. _Louise_ kam nicht heim; vergebens erwartete ich sie. Ich stand auf und begab mich, in düstre Melancholien verloren, hieher zurück. -- Unterwegs ward ich des Mannes gewahr, der mich um Gotteswillen bat, ihn im Walde zurechtzuweisen. Ich winkte ihm, mir nachzufolgen. Er wollte mir mit seinem Gewäsche die Zeit vertreiben, ich hörte nicht auf ihn.« --

»Versetze Dich im Geist in meine Lage, Holder, und zweifle noch, ob ich unglücklich, ob ich wahnsinnig sey, wenn ich mich noch im achtzehnten Jahrhundert zu befinden glaube. _Louise_ lebt ja noch!« --

»Desto besser!« entgegnete Holder: »so lebt Dir auch noch die Hoffnung, wieder glücklich werden zu können, wenn denn _Louise_ einmal Deinen Himmel enthält.«

Neuntes Kapitel. Imada.

Das ganze Räthsel löste sich zum Theil am folgenden Tage, als die kleine arkadische Familie beim Frühstück versammelt sas. --

Der _Fremde_ nemlich, welcher sich _Matthias_ nennen ließ, erzählte seinen neugierigen Zuhörern auf _Holders_ Verlangen die Begebenheit, durch welche er in das benachbarte Gehölz und zu _Florentin_ gekommen sey.

»Meiner Kunst und Profession nach« sagte er: »bin ich eigentlich ein Luftgondler. Mein Vater und Großvater, und deren Ahnen, so weit sie mir bekannt sind, trieben dies Geschäft. Ich lebte dabei sehr gemächlich, bis der unselige Krieg ausbrach, welcher izt einen Theil meines Vaterlandes verwüstet. Wider meinen Willen ward ich bei der Armee als Luftgondler angeworben. Ich mußte mich in mein Geschick ergeben, und konnt' es um so leichter, da ich zu Hause weder Weib noch Kind zu ernähren hatte.«

»Eines Tags wurd' ich mit meiner Gondel zur Recognoscirung des feindlichen Lagers commandirt. In meiner Barke befand sich der General nebst mehrern Offizieren. Zwei Nebengondeln waren mit uns zur Beschützung. Es war ein trüber, neblichter Morgen. Das Wetter kam uns zu Statten, um unvermerkt aufsteigen, und beim fallenden Nebel das ganze Lager den Norder überschaun zu können. Allein, wie erschraken wir, als wir in den höhern Revieren der wolkigten Luft auf feindliche Segel stießen, die in gleicher Absicht dort schwebten und an Zahl uns beiweiten überlegen waren. Wir hatten uns noch kaum besonnen: so umzingelten sie uns, und der Luftscharmützel begann.« --

»Von allem, was Ihr da saget, versteh ich kein Wort, Herr Luftgondler!« rief _Holder_ mit Lächeln des Erstaunens: »führt man denn izt _Kriege in der Luft_, wie die Vögel?«

»Sie scheinen auf Ihrer Insel hier in einer glücklichen Unwissenheit zu leben, mein Herr!« entgegnete der Luftschiffer: »eine Unwissenheit, die mir ans Unbegreifliche gränzt, da Sie doch übrigens so viel Kenntnisse zu verrathen scheinen.« --

»Wir leben hier« erwiederte _Holder_ mit lustiger Verlegenheit: »wir leben hier zu Lande ohne Umgang mit andern Menschen, ohne Bücher, ohne Zeitungen. Kurz und gut, ich glaubs Euch. Die Europäer bekriegen sich nicht nur auf Erden, auf dem Wasser, sondern auch in der Luft.«

»Ich sagte vorhin,« fuhr der _Gondler_ fort: »daß wir von den Nordern umzingelt wurden; wir schossen tapfer auf einander, allein die Uebermacht war zu groß. Zum Unglück hatten wir uns nicht einmal mit Lärmgeschütz versehn, um ein Nothzeichen zu geben. Unten hörte man und wußte man von nichts.«

»Erlaubet,« fiel _Holder_ ein: »unten _hörte_ man nichts? War man denn so weit von der Erde entfernt, daß der Flintendonner unten nicht mehr hörbar war?«

Der _Gondler_ lächelte: »Sie müssen wissen, mein Herr, daß zu geheimen Expeditionen, Ueberfällen, Recognoscirungen u. s. f. im Kriege die Patronen mit stillem Pulver gefüllt werden. Der Schuß ist ohne Lärmen, und am Tage kaum sichtbar. Vor Zeiten, da die Kriegskunst noch in der Wiege lag, wußte man von den schrecklichen Wirkungen und Vortheilen des stillen Pulvers nichts. -- Doch zur Sache. Meine Barke verlor die Luft. Der General warf sich in den Nothschirm, und stürzte auf gut Glück hinunter -- einige Offiziere folgten. Wir übrigen ergaben uns.«

»Ich ward als Kriegsgefangner einem nordischen Heerführer, dem _Grafen von Gabonne_, zu Theil. Dieser behandelte mich sehr menschlich -- allein ich schmachtete doch nach Freiheit und Vaterland. Und die Gelegenheit erschien endlich vor kurzem. Der Friede ist izt so gut, als unterzeichnet -- _Preussens Adler_ ist diesmal Deutschlands Genius geworden. Der Waffenstillstand war schon längst geschlossen zwischen beiden Herren. Mein Herr, der _Graf von Gabonne_, konnte es also vom Oberfeldherrn um so leichter erhalten, die Armee auf einige Zeit zu verlassen. Er benuzte diese, um seine Beute in Sicherheit zu bringen.«

»Diese Beute war ein schönes, liebenswürdiges Mädchen, von welchem ich nicht mehr, als den Namen, _Imada_, weiß. Daß diese _Imada_ von bedeutender Herkunft war, konnte man gar nicht bezweifeln. Sie soll dem _Gabonne_ durch einen seltsamen Zufall in die Hände gerathen seyn; man erzählte sich im Lager davon allerlei Anekdoten. Kurz, er beschloß, sein Liebchen in Verwahrung zu bringen; es wurden einige Luftgondeln ausgerüstet und unsre Fahrt ging anfangs nach der _Lombardei_; von da wieder, warum? ward mir nicht gesagt, zurück nach _Mont-Rousseau_, an den Gränzen der fränkischen Republik. Als wir uns eines Tages in jenem Walde niederliessen, entschlüpft' ich meinen Feinden und entkam glücklich. Aber gewiß hätt' ich meinen Tod in jenen Wildnissen gefunden, wenn dieser Herr nicht das Werk der Barmherzigkeit gethan, und mich hieher geführt hätte.«

_Florentin_, der diese Erzählung anhörte, sas unbeweglich da, wie ein Marmorbild. -- »Nicht _Louise_ also wars, sondern eine unbekannte _Imada_!« rief er, und sank _Holdern_ in die Arme.

Unaufhörlich schwebte ihm nun _Imada's_ und _Louisens_ Bildniß vor der Seele. _Imada_ und _Louise_ waren eins; die Erscheinung trug nur einen _doppelten Namen_.

Diese _Imada_ wich nicht an Reizen der _Louise des achtzehnten Jahrhunderts_. Ihr Hervorschweben aus dem Gebüsch war das Hervorschweben einer Göttin, den ätherischen Hallen der Oberwelt entschlüpft. Zwar ihren Lippen war kein Laut entflossen, aber welche Sprache ging nicht aus ihren Mienen, ihren Blicken? Mit welcher Theilnehmung fand er die Seltne nicht über sich hingebogen, und was verrieth ihm ihr lezter Blick, ihr Händedruck?

»Sie ists wohl werth, solch eine Körperform, wie die _Louisens_ war,« dachte der gute _Graf_ bei sich selber: »daß die Natur sie der Welt _mehr als einmal_ vorzeigt. Und mein Herz ist geschaffen, solche Form zu lieben.«

Freilich war der Gang der Geschichte, und noch mehr der Gang seiner Empfindungen etwas abentheuerlich -- allein er lebte nun einmal in einer Welt von Unbegreiflichkeiten, und es fiel ihm daher um so weniger bei, sein Empfinden, Denken und Wollen systematisch zu ordnen.

Es ward beschlossen, die _Louise_ dieses Zeitalters aufzusuchen, in welchem Winkel der Welt sie auch versteckt leben möchte. Es war ihm überdem noch immer so unwahrscheinlich die Begebenheit in der Alpenhöhle -- und räumte er _Holdern_ viele Kunst ein: so glaubte er höchstens an den widernatürlichen Schlaf _einger Jahre_, aber nicht einger Jahrhunderte.

Auch im Verlauf einger Jahre konnten die Gewänder abmodern, und die Schicksale der Welt ungehoffte _Veränderungen_ erleiden -- aber _Louise_ konnte auch noch leben! -- _konnte noch!_ und neugeboren fühlte sich _Duur_ bei diesem Gedanken. Er athmete dann freier und tiefer, als wär er von einem dumpfen Traum erwacht, worin eine despotische Einbildungskraft ihn an wüste, menschenlose Inseln warf, und er kämpfen mußte mit wüthenden Brandungen und schrofen Klippen, getrennt durch einen unermeßlichen Ocean auf ewig von seinen Geliebten. -- Es ward ihm dann wieder so wohl, so heimisch. Das Zeitalter hatte nichts Fremdes, Entlegnes mehr; er schmeichelte sich noch, bald hie und da, auf seinen Wanderungen durchs Vaterland, einen Freund, ein altes, bekanntes Gesicht wieder zu finden. -- Ungern ließ er sich aus diesen Träumereien aufstören.

Daß sich _Duur_ von nun an mit dem Luftgondler in öftere Plaudereien vertiefte; daß _Imada-Louise_, _Gabonne_ und _Mont-Rousseau_ allein ihrer Gespräche ewiger Text war; daß er jede Kleinigkeit, welche die Unbekannte betraf, genau und mit kritischer Aengstlichkeit erforschte; daß ihm _Idalla's_ schöne, einsiedlerische Insel immer trauriger, wüstenhaftiger, unerträglicher wurde -- alles dies läßt sich errathen. Ich darf davon nichts erzählen.

Kaum nur, und mit ungeheurer Ueberwindung, gab er _Holders_ und _Idalla's_ zärtlichen Bitten nach, seine Reise bis zum künftigen Frühling zu verschieben und den Winter über in ihrer Gesellschaft zu bleiben.

Herr _Matthias, der Luftgondler_, fing an, sich in diesem schönen Cirkel zu gefallen. Man behielt ihn auch gern bei, weil er ein guter, ehrlicher Schlag von Menschen war, der weiter keinen Fehler hatte, als daß er gar zu gern philosophirte und docirte, wozu ihn wahrscheinlich die Unwissenheit der Insulaner verführte. Er versprach auch, den Grafen auf seinen Reisen als ein getreuer _Sancho_ zu begleiten, und, wo möglich, den _Badner_ des achtzehnten Jahrhunderts vergessen zu machen.

Zehntes Kapitel. Der Winter.

Es brach der Winter ein; die Silberflocken des Schnees gaukelten lustig um die kleinen Scheiben der Hüttenfenster, und die blätterlosen Gesträuche und Bäume strahlten im funkelnden Reif. Der See erstarrte im kalten Hauch des Dezembers; das Wild brüllte durch den Forst und vor der Hütte schwärmten vertraulich kleine Schaaren von Sperlingen und Meisen, _Idalla's_ Wohlthätigkeit in Versuchung zu führen.

_Duur_ wurde in seinem Innern ruhiger; er durchstreifte, mit seinem Pudel, fleissig die Waldung und versorgte _Idalla's_ Heerd mit Wild. -- _Imada-Louise_ stand freilich noch immer in einsamen Stunden vor seinem Geiste, umgeben mit aller Pracht, zu deren Erfindung eine schwärmerische Phantasie fähig ist. Allein er betrachtete dies schöne Bild mit immer kältern Blute, und überließ es dem gütigen Zufall, ob je noch seine Lieblingswünsche erfüllt werden sollten.

Auch hatt' er sich allmählig für die Zukunft schon sein Plänchen entworfen, einfach und nützlich. Er wollte mit dem Frühlinge auswandern in die Welt, um die Verwandlungen der Welt zu studieren, seiner Neugier zu gnügen und zu erfahren, ob der Favorittraum seines guten Oheims _von der glücklichen Nachwelt_ realisirt wäre. -- Nebenbei wollt' er dann umhersuchen unter den Töchtern des Landes -- _Imada-Louise_! um eine Theilnehmerin seiner Leiden und Freuden mit sich in _Idalla's_ Insel zu führen, seinem Abgott, seinem _Karlchen_, eine Mutter zu geben, und der lieben _Idalla_ eine schwesterliche Gesellschaft.

Denn fest hatte ers beschlossen, sich nimmer wieder verwickeln zu lassen in die quälenden Verhältnisse der großen Welt, sondern die Seligkeiten des häuslichen Lebens und der Einsamkeit jenem leeren Geräusch vorzuziehn, welches nur den Unwissenden entzücken, und die Thoren beschäftigen kann.

_Holder_ war von seiner Seite ebenfalls nicht müssig, sich den traurigen Winter zu verschönern. Er nannte _Idalla_ Weib, _Idalla_ war glücklich durch ihn und ahndete Mutterfreuden.

Jeder, vom ersten bis zum lezten in dieser kleinen Republik, sann, wünschte, empfand nicht für _sich_, sondern nur _für die andern_. Jeder Tag war ein kleines Fest. Man liebte und wurde geliebt. Man war erfinderisch in neuen überraschenden Freuden für die übrigen, und sah den schönsten Theil der Lust auf sich selbst wieder zurück strömen.

Und versammelte sich Abends die liebenswürdige Familie um das lodernde Feuer des Camins; schien die Unterhaltung stocken zu wollen, und die Fröhlichkeit zu schweigen: so rief _Holder_ zur Aufmerksamkeit, und erzählte die seltsam verwickelten Begebenheiten seines frühern Lebens, die ihn zu dem herrlichen Manne machten, der er war.

Dann schmiegte sich schauderndfroh _Idalla_ an den Arm ihres Gattens; dann drückte _Duur_ sein schlummerndes Kind fester an seine Brust und _Matthias_ der Luftgondler starrte mit Verwundrung und Entsetzen den Mann an, welcher als Jüngling Thaten vollendete, woneben seine Bataille in den Wolken wie Kinderspielerei aussah.

Es thut mir viel zu leid, hier den Faden der Geschichte abzureissen und die Begebenheiten des wilden, großen _Holders_ in einer Episode dürr zu skizziren -- sie verdienen wohl, eigen behandelt zu werden.

Vielleicht erzähl ich sie meinen Lesern zu einer andern Zeit -- vielleicht bald!

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Auswanderung in die neue Welt.

So verlor sich der Winter unter Lust und Arbeit. Die Flocken des leuchtenden Schnees zerschmolzen am milden Hauch des Aprils, und die erwachenden Gesträuch' und Bäume trieben Knospen an Knospen und Blüten an Blüten. Der Grund der Wiesen und Anhöhn und Thäler vertauschte das falbe, veraltete Kleid mit einem duftigen Grün, und die Lerchen schwangen sich mit süßem Wirbelton dem mildern Himmel entgegen.

»Das war ein Jahr!« rief _Holder_ an einem schönen Maitage: »Ein schönes, einförmiges Jahr, ohne Sturm und Drang, und doch so üppig reich an stiller Lust! -- Gewährt der Himmel mir eines Wunsches Erfüllung: so sey der Rest meines Lebens dieser kleinen Vergangenheit gleich.«

»Ich will werden, wie Du« -- lächelte _Duur_: »darum will ich hinaus und mir eine _Idalla_ suchen.«

»Und ich will auch nicht müssig bleiben während Deiner Entfernung,« entgegnete _Holder_: »eine Hütte will ich Dir und Deiner _Idalla_ inzwischen bauen, und wenn Du heimkömmst sollst Du alles vollendet finden, um ein patriarchalisches Leben zu führen.«

Die Anstalten und Zurüstungen zum Ausfluge in die neue Welt wurden gemacht; _Florentin_ belud sich mit einem Theil der Juwelen und Steine des achtzehnten Jahrhunderts; _Matthias_ der Luftgondler ließ sich von der geschäftigen _Idalla_ den Renzel füllen mit Speis' und Trank; jeder nahm seinen Wanderstab zur Hand und der treue Pudel sprang hoch und freundlich an dem Grafen auf.

»Lebt wohl!« tief _Florentin_, und preßte _Holdern_ und _Idallen_ in einer langen Umarmung an seine Brust und seine Augen funkelten von einer Thräne, als er den weinenden _Karl_ zu sich empor hob.

_Holder_ geleitete die Wandrer bis zum jenseitigen Ufer des Sees, und schied dann von ihnen mitWehmuth. _Idalla_ und _Karlchen_ standen am Inselufer und riefen tausendmal Lebewohl und warfen tausend Küßchen hinüber, bis die Theuren unter dem Laube der Gebüsche ihnen aus den Augen verschwanden.

Der Graf kannte dies Revier meilenweit umher durch seine Jagden. Er wanderte gen Nordost, wo er am ehsten Weg und Steg und Menschen zu finden hoffte.

Gegen Abend trafen sie wirklich in der Wildniß eine Spur von befahrnem Wege, und ohne Zögern ward die glückliche Entdeckung benuzt. Die Waldung schien sich allmählig zu verdünnen; die Gegend wurde unebner, felsichter. Auf dem Gipfel eins Berges hielten sie zulezt an, um auszuruhn, denn die Nacht war schon eingebrochen.

_Matthias_ schnürte den Renzel auf und that sich gütlich; nur _Florentin_ konnte noch nicht rasten. Er kletterte von einem Fels zum andern in die Höhe, um wo möglich noch eine frohe Entdeckung zu machen.

Allein die wilden Berg und Klippen Stehn, wie ein Lanzenheer vor ihm gedrängt; Kein Moos, kein Laub; nur daß an Felsenrippen Noch hie und da ein ödes Strauchwerk hängt. Geborstne Schlünde, schrofe Mauern, Kühnhangende Stücke drohnde Last, Untiefen den dem Tag gehaßt, Des Stralen matt zurücke schauern. --

Dies war seine ganze Aussicht. Traurig schlich er zurück zum Reisegefährten, der neben dem treuen Pudel und offnen Renzel in süßer Ruhe schlief. Der Graf betrachtete Beide mit wohlgefälligem Lächeln, und warf sich in ihre Mitte nieder.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen am folgenden Tage, als die kleine Caravane schon ihre Straße weiter zog im Gebürge; allein mit ziemlich übeln Humor, weil sie den Weg verloren hatte, der zu Menschen zu führen versprach.

Eine Stunde mochten sie schon zurückgelegt haben, als sie den Gipfel eines benachbarten Berges erstiegen hatten. Müd' und odemlos langten sie oben an -- aber ihre Mühseligkeit wurd' ihnen überraschend vergolten, als sie den Blick von der andern Seite des Gebürgs hinunterwarfen.

Ein junges Eden lag hier ausgegossen, Vom Arm der Felsen eingeschlossen, Die mit dem tiefsten Schwarz das helle Grün Der Landschaft hoben. Her und hin Sahn sie ein fliessend Silber unter Bäumen Sich schlängeln; dort von schrofen Höhn Kaskaden brausend niederschäumen, Die unten sich in weiten Wirbeln drehn. Um jeden Baum, um Strauch und Hügel, Um jeden kleinen Blütenwald, Weit über stiller Seen Spiegel, Der dann und wann im Lüftchen wallt; Tief über Blumenschwangern Gründen, Sanft über hangende Gebüsch', Die ihr Gebild in reinen Wellen finden, Schwamm, allverklärend, lächelnd frisch Aurorens Schleier ausgebreitet, Von Glanz und Rosenlicht bereitet.

Doch reizender als alles war den Pilgern der Prospekt eines fernen Dörfchens, welches im Hintergrunde aus dem Duft des Morgens hervorstieg.

»Frisch auf!« rief der _Graf_, in einer Art von Begeisterung, wie damals, als er mit _Badner_ einst beim Sonnenuntergang auf dem Felsen an der Gränze des deutschen Vaterlandes lag.

Der Pudel ging voran und zeigte den Weg. Gegen Abend war das Dorf erreicht. -- Nun hatte _Duur_ überwunden. Er erkundigte sich nach dem Namen der Gegend und der Herrschaft, kaufte dem Gutsbesitzer einen bequemen Reisewagen nebst zwei prächtigen Wallachen ab und _Matthias_, der Luftkutscher, machte von nun an den Fuhrmann auf Erden.

Zweites Kapitel. Das Abentheuer am Schlagbaum.

»Wer sind Sie?« fragte ein wohlgekleideter Mann, der mit vieler Bescheidenheit zum Wagen trat, als sie eben vor einer ansehnlichen Stadt ankamen.

_Matthias_ hielt die Pferde an.

»Ich bin der Graf von Duur.«

_Florentin_ hatte kaum seinen Namen genannt, als sich der Examinator ehrfurchtsvoll verbeugte, und eine Schildwacht den Schlagbaum niederzog, auf welches Signal die ganze Thorwache heraus unter Gewehr trat.

Der Graf, welcher sich nicht einbildete, daß diese Achtungsbezeugungen seinetwillen geschahn, würdigte sie kaum eines Blicks, sondern sah nur auf den Examinator, welcher in ehrfurchtsvoller Stellung fragte:

»Aus Deutschland?«

»Allerdings.«

»In Diensten welches Fürsten?«

»Keines einzigen.«

»Oder gewesen?«

»Keines einzigen.«

Der Thorschreiber schüttelte den Kopf lächelnd und ging zum wachthabenden Offizier.