Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3

Part 2

Chapter 23,475 wordsPublic domain

Sie warens alle. _Holder_ fühlte sich nie glücklicher, als in diesen Augenblicken, wo _Idalla_, die fromme, unschuldige _Idalla_, in seinem Arm wohnend, plauderte. _Florentin_ saß dem glücklichen Paar gegenüber, in seinem Arme den kleinen _Karl_, seiner Louise Sohn. Zu seinen Füßen lag der treue Pudel, und um die Reihe voll zu machen, hatte sich der ehrsame Kater eingefunden, der gesellschaftlich Platz nahm und mit verschlossenen Augen schnurrte.

Viertes Kapitel. Die Erzählung.

»Ihr wißt doch, wie es jezt Krieg und Kriegesgeschrei ist im ganzen deutschen Lande?« hub die süßstimmigte _Idalla_ an: »Nun, und da sich das traurige Unwesen anspann, sagte mein Vater -- doch Ihr werdet nicht wissen, wer mein Vater gewesen? Er war der reichste Mann im ganzen Dorfe Eldern, und war ein sanfter, lieber, seelenguter Mann. -- Das Dorf Eldern haben die Nordmänner abgebrannt, dort ist alles Wüstenei -- ach und glaubt es, mein Vater würde bettelarm geworden seyn, hätte er nicht zur glücklichsten Stunde die Flucht ergriffen.«

»Kinder, sagte er zu uns -- denn ich hatte noch zwei Brüder -- Kinder, die Deutschen sind schlaffe, entnervte, mark- und saftlose Geschöpfe -- die Nordmänner kommen mit eisernen Gliedern und schlagen die Deutschen, und ehe wirs erwarten, dringen sie bis zu uns vor. Ja, vor alten Zeiten, vor vielen hundert Jahren -- da wars anders! Da lebte ein gewisser König -- nun, wie heißt er denn, der Vater wußte ihn zu nennen -- und dieser soll die Deutschen zu Helden gemacht haben -- soll -- o, was soll er nicht alles gethan haben! -- Drum, Kinder, fuhr der Vater fort, laßt uns von hinnen ziehn, gebt acht, die Deutschen werden unterliegen!«

»Der Vater hatte Recht. Wir flüchteten. Ich war damals noch ein Kind. Wie, das weiß ich nicht, kamen wir endlich auf diese Insel her, und sicher lebten wir vor jedem Ueberfall. Aber« --

»Aber mein armer Vater wurde endlich so schwach, so matt, daß ich ihn führen mußte. O, hättet Ihr ihn nur gesehn, Ihr hättet ihn wahrlich lieb gewonnen. -- Einen solchen ehrlichen sanften Blick und die zarten Falten, die von den Winkelspitzen seiner Augen ausliefen und bei jedem Lächeln sichtbarer wurden, einen solchen Mund, der noch nie Ursach gehabt hatte, begangne Sünden zu bekennen -- ach, solchen Mann habt Ihr gewiß noch nicht gesehn. -- Es war ein heisser Mittag. -- Vater, fragt' ich ihn, willst du nicht draussen ruhn in dem kühlen Schatten des hohen Eichbaums? -- Ich will, gab er zur Antwort, und hurtig führt ich ihn hieher, sezte mich neben ihn nieder und hielt sein Haupt in meinem Schoos -- Idalla, sagte er, Gott lohne Dirs, im bessern Leben sehn wir uns wieder. -- Da sehn wir uns wieder! entgegnete ich, und schluchzte.«

»Der Vater schlief. Ich ward still wie eine Maus, hörte auf zu weinen, athmete nur kaum, um den holden Greis nicht zu erwecken.«

»Es rückte der Abend heran. Meine Brüder erschienen mit ihm, sahen mich und den Vater und lachten, lachten ob meiner Einfalt, denn der Vater schlief den Schlaf des Todes. -- O, meine Brüder, wie sie so grausam waren! Sie lachten ein lautes, schallendes Gelächter -- indeß ich mich weinend über den Leichnam meines lieben Vaters hinbog. -- Der Mond ging auf, aber sehr blaß, als hätte er auch geweint. -- So viel Sterne am Himmel blinkten, so viel Thränen weint' ich in dieser Nacht, und meine unbarmherzigen Brüder gruben eine tiefe Gruft. -- Und der Morgen erwachte, aber mein Vater, nicht, da weinte ich noch mehr. Und die Brüder rissen mir den alten Mann, ach, denkt doch, rissen ihn mir aus dem Schoos -- und stürzten ihn hinunter in die Gruft. -- Ich lag auf den Knien vor den harten Männern, und bat für den armen lieben Vater, aber sie verstießen mich. -- Ich wollte mich hineinwerfen zum Vater in die Gruft, doch man zerrte mich bei den Haaren zurück. -- O weh, wie hatt' ich so grausame Brüder!«

»Gutes Kind!« rief Holder bewegt, und drückte die unschuldige Erzählerin an sich.

»Aber« fuhr _Idalla_ fort: »aber ich härmte mich endlich nicht mehr so sehr. Ich wurde wieder munter und sprang umher. -- Da kamen meine Brüder zu mir und sagten: es wird uns das Leben hier unerträglich. Folg' uns in die weite Welt hinein, oder wir gehn allein. -- Geht allein! sagt' ich, denn unser Vater prieß sich glücklich hier zu wohnen -- ich bleibe hier.«

»Sie verließen mich. -- Ich habe sie nicht wieder gesehn. Draußen ist Krieg und Kriegsgeschrei, Gott steh ihnen bei! -- und ich -- ach ich war zufrieden in meiner Einsamkeit, die wilden Brüder thaten mir nicht mehr weh. -- Ich fing mir meine Fische, fütterte meine Ziegen, plauderte mit meinem Pudel, badete mich in schönen Stunden, und in einer derselben -- nun das wißt ihr ja!«

»Ich sah Euch, und glaubte, Ihr wäret meine Brüder. Ich war bestürzt und froh. -- Ihr sahet meine Hütte, zeigtet auf sie. Ha, dacht ich, sie haben gewiß nichts sich zu bedecken, gieb ihnen die Kleider deiner Brüder. Und nun führt ich Euch hieher, und gab Euch die Kleider, und das war meine Geschichte. Mehr weiß ich nicht. -- Seid Ihrs zufrieden?«

Holder küßte ihre Stirne.

Solche Scenen hatte Florentin, hatte Holder noch nie gekannt; wären ihnen izt Königskronen für die Insel der schönen Idalla geboten; sie hättest keinen Tausch gewagt. -- Auch weiter hinaus in die Welt wagte sich keiner von ihnen; wie ein Paar Schiffbrüchige, die so eben den schäumenden Wirbeln des Oceans entwischt sind, angespült daliegen auf einer freundlichen Uferklippe, und sich dankbar und froh fest anschmiegen an diese, und nicht weiter forschen und fragen, ob dahinter blühnde Fluren wohnen: so _Florentin_ und _Holder_.

Zufrieden mit dem Leben, zufrieden nur noch _dazusein_, sehnten sie sich nach keinem Futter für ihre Neugier.

_Holder_ war gar nicht mehr der ernste, düstre Mann, sondern das wahre Muster einer feinen Jovialität. Die fünf Jahrhunderte hatten keine Spur ihrer Gewesenheit auf seinem Antlitz hinterlassen; mit frischer, bräunlicher Wange, hellem, brennenden Auge, hoher, lachender Stirn, webte er in voller, männlicher Schöne, und keine Krankheit, keine Leidenschaft blies die Schminke der Gesundheit von seiner Wange ab. Bei alle dem hatte er jenen interessanten, merkwürdigen Zug der Mienen verloren, welcher Männer- und Weiberherzen magnetisch an sich zog, welchen _Rikchen_ einst verführerisch fand, und dessen Gewalt auch -- Idalla eingestand, ohne sich dessen bewußt zu seyn.

Fünftes Kapitel. Die Verwandlung.

_Idalla_ schlich hinter dem Garten im Mondenschein umher und dachte und nannte -- _Ludwig Holdern_. Und _Holder_ schlich an der Hütte diesseits des Gartens, und dachte -- an wen? -- an _Rikchen_ und _Idalla_.

»Nein, Florentin, nein!« rief er: »ich verlasse diese Insel und diese _Idalla_ nicht! -- Und hinge der Weltlauf dieses Jahrhunderts in einem Spiegel vor mir, ich höbe meine Augen nicht zum Spiegel auf. Ruhe der Seelen ist ein Kleinod, welches mit keiner Monarchie bezahlt, mit aller Stubenweisheit nicht erphilosophirt werden kann. Ich habe dies Kleinod gefunden und vertausch es nicht für die Befriedigung meiner Neugier.«

»Zwar mißfällt mir dies idealische Schäferleben nicht,« entgegnete dann gewöhnlich _Florentin_: »Aber, Holder, dies Jahrhundert zu betrachten, und seinen Kontrast mit dem unsern -- dies wär' eine Seligkeit mehr. Ich gehöre nun einmal schon zu den Alltagsmenschen, die das Leben bloß aus Neugier lieben.«

Holder. Ach, glaube mir, es werden die Menschen dieses Zeitalters um nichts besser, um nichts glücklicher seyn, als ihre Brüder in der Vorwelt. Die Weltordnung wird keine Revolutionen erleben; das Wesen bleibt, wenn gleich das Kleid veraltet; die Dinge verlieren nichts, sondern wechseln nur Farb' und Namen. Ist dies Jahrhundert reich an Philosophen: so ists gewiß auch reich an gediegnen Narren; erblickst du starkes Licht, so fehlt gewiß auch der grelle Schatten nicht.

Florentin. So hätten wir unsern Schlaf ersparen können.

Holder. Nein, er war nothwendig zu unsrer Ruhe. Siehe, izt schwimmt die Vergangenheit nur in nebelhaften Gestalten vor mir, wie ein halbvergeßner Traum. Alle meine Wunden sind geheilt; ich fühle in mir nichts, als Anlagen, glücklich zu werden. Weg nun mit der Welt, weg mit ihrer Herrlichkeit, ihren Lorbeerkronen; sie lockt mich nicht mehr, denn ich kenne sie.

Florentin. (mit Verwunderung.) Holder, bist du es wirklich?

Holder. Ich habe gelebt; habe gerungen, gearbeitet, gelacht und geblutet und der ganze Schatz welchen ich mir endlich eroberte, ist nur ein kleines, goldnes Sprüchlein: Glücklich zu seyn ist unser großer Beruf: _suche dein Heil nicht auf den Schlachtfeldern als Held_, denn die Lorbeern, welche du dort pflückest, wurden begossen mit Thränen und Blut, und höchstens die feile Fama der Zeitungen, höchstens ein gewässertes Band -- ist dein Lohn. _Suche dein Glück nicht neben den Thronen;_ dort gedeiht die zarte Pflanze des ächten Glücks nicht; zwar lockt der Sonnenstrahl der Fürstengunst das Pflänzchen schnell hervor aus dem Boden, aber es verwelkt auch eben so leicht an diesem heißen Strahl; _Suche deinen Himmel nicht in dem buhlerischen Blick der Weiber;_ deine Nerven werden stumpfer und dein Himmel wird trübe. _Berechne deine Seligkeit nicht nach der Summe deiner Goldstücken;_ wer den Schlüssel zum Thor der Freuden hat, versteht darum noch nicht das Zauberschloß zu öffnen, sondern friert oft zeitlebens an der Schwelle von außen. -- Losgekettet von der sogenannten großen Welt, wo der Zufall über das Verdienst, die Narrheit über die Vernunft, der Geldbeutel über die Tugend, die Mode über die Wahrheit siegt, eben so fern vom Mangel, als vom Ueberfluß, in unverdorbner Gesundheit des Leibes und der Seele leben, nicht von _tausenden_ bewundert, aber von _einem_ freundlichen Herzen recht heiß geliebet werden, -- Bruder, dies ist Erdenseligkeit!

Florentin. Ich widerspreche dir nicht.

Holder. Topp, folge mir! Glaube mir, daß alle Erfahrungen, welche wir über dieses Zeitalter einsammeln werden, mehr unsre glückliche Laune tödten, als nähren werden. Ich mag von der Iztwelt grade nicht mehr und nicht weniger wissen, als mir das Ohngefähr davon zu Ohren bringt. -- Wenn mich ja einmal der Dämon Neugier zu sehr foltert, ei nun, so wird sich ja wohl ein historisches Compendium auftreiben lassen, worin die Genealogien, Rathen und Thaten der Könige, Kaiser, Fürsten, Republiken, Helden, Narren, Scribler und Queerköpfe erzählt sind. Damit will ich mich gern begnügen. --

Florentin. Aber Kanella, und Frankreich, und Pohlen, und Preussen -- -- --

Holder. (lächelnd.) Und Dänemark, Otaheite, die ottomanische Pforte, Abessynien, China, Rußland und Spanien!

Florentin. Wo ist meine Flinte und mein Pudel?

Holder. Du wirst doch nicht Knall und Fall in diesem Augenblick -- -- --

Florentin. Wenigstens ein Schmalthier!

Sechstes Kapitel. Der Wechselgesang.

»Der späte Abend kömmt, aber Florentin nicht!« lispelte die kleine _Idalla_, indem sie im Mondenschein stand vor _Holder_. Sie schlug ihr grosses Auge traurig nieder zur Erde; ein loser Abendwind wehte die Locken ihres braunen Haars vom Scheitel und Nacken zum Angesicht vor, als wollt' er ein Thränchen verstecken, welches im Begriff war, dem schönen Auge zu entfallen.

»Vielleicht hat er sich verirrt.« Entgegnete _Holder_ und sein Auge verirrte sich unwillkührlich in _Idalla's_ Reize und in die Nacht der Zukunft. Wie ein Engel der Unschuld stand die kleine Liebenswürdige vor ihm; sie war um so verführerischer, je weniger sie es wußte, daß sie es sey. --

Er ergriff ihre Hand -- er küßte sie. _Idalla_ sah lächelnd und schwermüthig zu dem Fremdling auf, mit einem Blick, so reich an Liebe, so reich an Zweifeln.

»Er wird und verlassen.« Seufzte sie, und ihr Auge sezte hinzu: »auch Du mich bald!«

»Das glaub' ich nicht!« antwortete _Holder_: »wer wollte Dich verlassen?« sagte sein Auge und ein Kuß auf ihre blühnde Wange.

Als sie zurückkam, war er verschwunden; Tiefer hinein in einzelnes Gebüsch hatt' er sich verloren, dem Ufer des umschilften Sees näher. Hier saß er und rauschte er mit leichtem Finger über die Saiten seiner Laute, und sank mit seinem Geist hinunter in dass stille Grab der fernen Vergangenheit.

Hier waren _Rikchen_ und ihr trauter Oheim in der Sorbenburg die Gespielen seiner Seele. Er gedachte mit leiser Wehmuth jener elysischen Zeiten, da sie noch sein waren auf Erden, und der Tod ihren Himmel zerstöhrt hatte.

Er griff stärker in die Saiten, und sang wie sein Herz ihm diktirte:

Ergieß Dich in die Adern, süsse Schwermuth Dränge mein Herz, bis das Auge thränt, Und eine Zähr auf blasser Wange Im Mondenschein zittert!

Der Abend ward stiller. Kein Lüftchen säuselte durch der Bäume schlummernde Zweige; das Ufer des Sees drüben hauchte sanft über die Wellen den sterbenden Ton der Stimm' und Saiten zurück.

_Idalla_ horchte vor der Hütte. _Holder_ hatte sie das Spiel der Laute, die Natur aber sie Empfindung und Gesang gelehrt. Kaum herrschte die alte Stille, so hub sie an, in Begleitung der Saitenakkorde:

_Freud'_ und _Ruhe_ sind Geschwister, Sie nennen dich Mutter, Natur! Sie flüstern im hangenden Maibusch, Sie wohnen im Busen Des duftenden Veilchenthals; Sie tanzen vertraulich auf deinen Zitternden Wellen, o See!

Holder. Weinend gedenk' ich deiner, Heilige Vergangenheit! Weinend gedenk' ich eurer, Heilige Minuten der Freundschaft, Heilge Momente der Liebe. -- -- Entblätterte Rosen Blühen nicht wieder, -- Und ihrem Grabe entsteiget Nicht die gestorbene Freude.

Idalla. Im weichen Arm der Ruhe Schläft die Vergangenheit; Am Arm der Freude tanzet Die junge Gegenwart! Und Ruh und Freude wohnen In deinem Schoos, Natur!

Holder. Und euer Staub, Und eure Gräber Sind längst verweht, Ihr, meines Lebens Engel, Verwandte meines Herzens! Ach, euer Geist Durchwandert fremde Sterne. Und denkt nicht mehr Des Weinenden im Staube.

Idalla. Was Grab sonst war Wird eine Freudengrotte; Wo sonst die Freude schwärmte Ist nun der Ruhe Schlummerbett. Was hier verblüht, Blüht herrlich drüben auf. Denn Freud' und Ruhe Sind zärtliche Geschwister.

Holder. (indem er sich Idallen nähert.) Laß uns, so lange sie uns lächelt, Die Freude küssen, Und dann ermüdet sinken In ihrer Schwester Arm!

_Idalla_ eilte ihm entgegen: »Du hast das Lied mich gelehrt, Holder, und so straf' ich Dich mit Deiner eignen Lehre. Hättest Du Dich nicht bald bekehrt und _mein_ Lied gesungen: so hätt' ich Dir die Laute genommen.«

»Aber Deine Augen sind ja feucht, Idalla. Hast Du geweint?« fragte _Holder_.

»Beinah.«

»Warum denn?«

»Warum? Dich machte die Vergangenheit, mich die Zukunft traurig. Ach, Holder, wenn ich Dir die Vergangenheit vergessen machen könnte, und Du _Idallen_ in Schutz nähmest für die Zukunft! -- Ich hab so allerlei bei mir gedacht -- meine Brüder haben mich verlassen, dem guten _Florentin_ gefällts bei mir nicht mehr, und, dacht' ich dann, wenn _Holder_ mich -- -- --«

»Was denn?« fragt' er zärtlich.

»Mich nicht mehr -- -- -- ach, lieber Holder!« sagte sie stockend und schlug ihren Arm um seinen Nacken.

»Würde mich Idalla gern verlieren?«

»Ich antworte Dir nicht.«

»Gute Idalla!« seufzte er, und starrte ihr ins freundlich-traurige Auge.

»Was willst Du?« lispelte sie unruhig, und ihr Busen erhob sich. Der Mond brach in diesem Augenblick durch ein falbes Gewölk und überströmte die unbefangne Engelsmiene dieser kleinen Heiligin mit einem verklärenden Glanz. _Holdern_ ward, als wär er verzaubert in eine wunderbare Feenwelt; als wandelt er neben einer Ueberirrdischen. Das feierliche Schweigen allgemein umher; nur dann und wann ein melancholisches Aufmurmeln der fernen Wellen; das magische Helldunkel der Landschaft, der grelle Wechsel und Contrast des tiefsten Schattens und hellsten Silberlichts -- alles wirkte sonderbar auf sein empfindsames Herz.

»Holder, lieber Holder!« sagte endlich nach einer langen Pause die schöne Insulanerin, und wußte nicht, oder sehnte sich nicht, mehr zu fragen. Aber unwillkürlich entschlüpfen ihren Lippen die Worte: »Ich mögte wohl etwas wissen von Dir.«

»Und was denn?«

»Ob ich -- ob Du -- ob Du meines Vaters Grab weißt?«

»Eine seltsame Frage. Nein ich weiß es nicht.«

»Hier, hier unter uns, am jungen Eichbaum hier.«

»Laß ihn ruhn!«

»O, wenn er doch noch lebte, wenn er Dich doch auch sähe, wenn -- -- -- er würde Dir gewiß auch recht herzlich gut seyn.«

»Idalla ist mit also _herzlich_ gut?«

»O, Holder, so hätte ich Dich nicht fragen mögen. Wenn ich nur alles, _alles_ Dir _so sagen_ könnte. Wenn ich nur -- -- o, Du verstehst Idallen niemals!«

»Ich versteh Idalla's Sprache _dennoch_!«

»Aber ist Dir denn auch so zu Muth bei Idallen, wie Idallen bei Dir?«

»Eben so, und ewig so.«

»_Ewig_ so? das ist ein kleines Wörtchen mit unermeßlichem Sinn. Ach, dann könntest Du auch Idallen nie verlassen, denn Idalla kann Dich nicht verlassen.«

»Ich will es nie.«

»Holder! Holder!« schluchzte sie und warf sich an sein Herz und weinte heiße Thränen.

»Und Idalla weint?«

»Ach, Idalla muß weinen, denn sie ist Holdern zu gut!« rief sie, und klettete sich fest an ihn, und es war ihr, als ständ' ihr Vater ihr zur Seiten und segnete sie.

_Holder_ sank an _Idallens_ Busen. »Ich glaub' eine Seelenwanderung,« rief er mit nassen Augen: »ich höre _Rikchens_ Stimme; aus dir spricht wieder meiner _Friedrike_ Geist zu mir!«

Er schwieg. Die Eichen summsten im Winde. Die abendliche Natur feierte mitempfindend das Fest der schönen Seelen. _Rikchens_ Geist schien auf einer Wolke niedersinkend, ihrem _Holder_ Beifall zu lächeln.

Siebentes Kapitel. Das Abentheuer im Walde.

Erst am Abend des folgenden Tages kam _Duur_ von seiner Jagd heim. Aengstlich und bekümmert hatten _Holder_ und _Idalla_ den ganzen Tag vergebens seine Zurückkunft gehofft.

Wie heiter lachte ihm _Holder_ nun entgegen; wie freundlich drückt' ihm _Idalla_ die Hand! Er kam aber nicht _allein_, sondern ein fremder Mann mit ihm.

_Florentin_ war finster. Er warf die Flinte in einen Winkel nieder und bat für den Fremdling um Speis' und Trank und Nachtlager.

Gastfreundlich trug die liebe Wirthin ihr Bestes auf. _Florentin_ warf sich in einen Sessel, und lachte bald und knirschte bald mit den Zähnen.

_Holder_ lehnte sich ihm gegenüber an die Wand, und betrachtete das seltsame Mienenspiel seines Freundes mit Verwunderung.

Alles schwieg. _Holder_ wollte doch ein Gespräch anknüpfen, und fragte, um etwas zu fragen, den Fremden: »was giebts neues in der Welt?«

»Neues?« entgegnete der Gast: »Das Neuste wäre nun wohl, daß der deutsche Kaiser in der vorgen Woche zu Berlin gestorben ist.«

»Wie? sind Preußen und Oesterreich so gute Freunde und Nachbarn?«

»Ich verstehe Sie nicht?«

»Ihr sagtet, der Kaiser sey in Berlin gestorben.«

»Freilich -- in der Residenz.«

»In der Residenz? residiren die Kaiser in der preußischen Residenz?« fragte Holder und sah den Gast mit verdächtigem Lächeln an.

»Nun ja, wo denn anders? Ach, Sie scherzen -- ja, ja, ich besinne mich. Vor dreihundert Jahren sollen sie noch in Wien gewohnt haben. Ich weiß das noch von der Schule her, wenn wir das dürre Namenregister der deutschen Kaiser auswendig lernen mußten.«

_Holdern_ schoß bei diesen Worten das Blut ins Gesicht -- er erinnerte sich der Alpen, und das, woran er unterweilen selbst noch zu zweifeln gewohnt war, bestätigte sich ihm immer mehr und auf neue Art zur sonderbaren Gewißheit.

Aber _Florentin_ saß da, starr und unbeweglich, sah und hörte nicht. Sein räthselhaftes Betragen ward mit jedem Augenblick auffallender.

Es war ein langweiliger Abend. Der _Fremde_ sehnte sich endlich zur Ruhe. _Idalla_ wies ihm sein Lager.

»Was fehlt Dir, Florentin?« fragte _Holder_ endlich in einem herzlichen Tone, indem er die Hand des Sonderlings ergriff: »Du bist niedergeschlagen!«

»Laß mich!«

»Nein, ich kann unmöglich länger ein verlegner Zuschauer deines Mißmuths seyn. Erkläre Dich. Sey offenherzig. Was hast Du vor?«

_Florentin_ antwortete nicht, sondern ein tiefer Seufzer drängte sich aus seiner Brust auf. _Holder_ schüttelte den Kopf. _Idalla_ warf den Arm um ihren Liebling, und sah, das Haupt traulich an seine Achsel gelehnt, der ungewohnten Szene zu.

»Bruder!« rief _Florentin_ endlich, stand auf und ergriff _Holders_ Hand mit Ungestüm: »Hast Du mich betrogen? -- Bei dem ewigen Gott, bei unsrer Freundschaft, bei der Asche meiner Schwester, die Du einst so sehr liebtest, bei allem was dir theuer war und noch ist, sei beschworen: hast Du mich betrogen?«

Holder. (kalt.) Ich Dich betrogen?

Florentin. (mit glühndem Gesicht.) Hast Du mich betrogen?

Holder. Ich verstehe Dich nicht.

Florentin. Triebst Du Gaukelei mit mir in der _Alpenhöhle_? wirkte Dein Schlaftrunk auf fünf Jahrhunderte oder fünf Tage?

Holder. Wie kömmst Du erst jezt auf die Frage?

Florentin. (wilder.) Antworte mir! es liegt mir alles daran -- mein Leben, meine Seligkeit; antworte!

Holder. Nach meinem Willen auf fünf Jahrhunderte.

Florentin. So hintergehn mich Verstand und Sinne. Denn, Holder, -- Holder! ich, habe sie gesehn!

Holder. Wen hast Du gesehn?

Florentin. O, daß Du so fragen kannst; ich habe _Louisen_, -- _Louisen_, _Adolphs_ Schwester -- gesehn! Wir leben noch im achtzehnten Jahrhundert! Ich habe sie gesehn!

Holder. (verwirrt.) Du die Prinzessin?

Florentin. Eben die, welche mich an _Adolphs_ Hofe liebte, eben die, welche ich im Garten von Dosa gesehn!

Holder. Das ist unnatürlich! --

Florentin. Meinst Du? -- O, ich war beinahe zufrieden, hatte das achtzehnte Jahrhundert mit seinen Leiden und Freuden schon halb vergessen; mein Onkel, mein _Rikchen_, mein _Badner_, _Louise_, _Adolph_, _Kanella_, -- alles hing nur noch in verbleichten Farben vor meiner Seele. Ich glaubte die Wunden meines Herzens schon zugeheilt; kein Gram nagte mehr an meiner Ruhe -- o, mein Gott, und das alles hatt' ich mir nur vorgelogen. -- _Louise_ lebt noch, und ich mit ihr in _einem_ Jahrhundert.

Holder. Dich betrügt ein Traumbild.

Florentin. Sprich lieber, es hatte mich betrogen, und daß ich so -- so, davon _erwachen_ mußte! -- --

Idalla. (mitleidig.) Du bist unglücklich?

Florentin. Ja, liebe Idalla, ich bin sehr unglücklich.

Idalla. Armer Florentin!

Florentin. Ja wohl, _ärmer_ bin ich zu keiner Zeit gewesen!

Holder. Es bleibt mir alles ein Räthsel, ehe Du mir nicht umständlich Dein Abentheuer im Walde erzählst.

Florentin. Ich wills erzählen -- vielleicht machts mich ruhiger. O, klaube aus meiner Erzählung jedes Mögliche heraus, um mir nur zu beweisen, ich habe _Louisen_ nicht _gesehn_. Hörst Du? -- Ach, ich liebe sie noch, ich _muß_ sie lieben, trotz ihrer Untreue!

_Holder_ wußte nicht, was er glauben sollte, und sah seinem Freunde mit einer unbeschreiblichen Verlegenheit ins Gesicht.

Achtes Kapitel. Louisens Erscheinung.

Idalla zündete die Lampe an; sie und ihr Liebling nahmen den Schwärmer in die Mitte, der endlich ihre Neugier stillte und seine Erzählung begann:

»Gestern verließ ich Euch; ich war etwas düster; Gott weiß, was ich dachte, was ich empfand. -- Ich war noch keine Stunde umhergetrabt, als ich mich mißvergnügt unter einem Baum niederwarf, und mich in die Tage der Vorwelt heimträumte. -- Ist er nicht wunderbar zusammengesponnen der Traum meines Lebens, dacht' ich.«