Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3
Part 14
»Sie wollen also davon, und wissen doch, wie unaussprechlich theuer Sie mir sind? -- Nun, so muß ich Gebrauch von meiner Gewalt machen. -- He, herbei! der Deserteur ist gefangen!«
Kaum hatte sie diese Worte gerufen, als lachend die ganze Schaar, welche _Florentin_ längst im tiefsten Schlummer glaubte, aus dem Schloßthore hervoreilte, _Josselin_, _Gabonne_, _Holder_, _Gobby_, _Silberot_ und die Damen.
_Florentin_, umringt von der scherzenden Menge, welche ihn mit freundlichen Vorwürfen bestürmte, mußte sich gern oder ungern zum Kriegsgefangnen ergeben.
»Es schlafen nicht alle, welche die Augen verschliessen!« rief lachend der alte _Gabonne_: »Glauben Sie nicht, daß ich in meinem eignen Hause ein sorgloser Commendant sey. Ihre Flucht war mit verrathen, als Sie den ersten Schritt zur selbigen gethan hatten -- morgen soll Kriegsrecht über Sie gehalten werden. Jezt sind Sie unser Gefangner.«
_Florentin_, immer verlegner, mißmühiger, doch zu discret, um den gutmüthigen Scherz zu verderben durch seinen Ernst, stotterte nur Entschuldigungen.
»Seyn Sie ruhig, lieber Deserteur!« sagte der Graf: »Ich muß Ihnen offenherzig bekennen, daß Sie mir durch ihre Desertion noch liebenswürdiger geworden sind, und dies wird Ihre Strafe morgen sehr lindern. -- Verlassen Sie sich darauf. Inzwischen, damit Sie mir nicht den Versuch zur Flucht in dieser Nacht wiederholen, so sollen Sie eine Wache von eitel Frauenzimmern empfangen. -- Rechts und links neben Ihrem Zimmer liegen die Schlafzimmer von unsern Damen. Wollen Sie also entfliehn, so müssen Sie erst vor den Betten Ihrer Wächterinnen vorüber. Und wehe Ihnen dann!«
Man brachte ihn wie im Triumpf zurück ins Schloß. _Holder_ sah seinem niedergeschlagnen Freund lächelnd ins Gesicht, sprach zwar kein Wort, aber blinkte ihm mit den Augen Muth zu.
Die Greise übergaben den versammelten Damen, zu welchen sich auch mehrere Fremde gesellt hatten, den Gefangnen feierlich in Verwahrung. -- Diese führten ihn nun, als Siegerinnen, die Treppen hinauf, in sein schönes Gefängniß, vor welchem sie selber die Wacht halten sollten.
Jede empfahl sich ihm mit einem Kuß der Versöhnung -- _Imada_ war die lezte.
»Ich habe sie nicht verdient, diese Liebe diese peinigende Freundlichkeit!« rief er: »ich kann sie auch nicht erwiedern. -- O Imada, wie wäre der Schluß im Roman meines Lebens so schön gewesen, wenn Ihre Liebe mich schadlos gehalten hätte für die unzähligen Leiden, die ich trug.«
»Lieb ich Dich nicht, Flüchtling?« flüsterte sie, und es schauerte ihm warm durch sein ganzes Wesen bei dem vertraulichen Du.
»Aber morgen?«
»Morgen?«
»Verlier ich dies Herz, diese Hand und das vertrauliche Du. Doch ich wills erwarten. Sehn will ich den Mann wenigstens, welchen _Imada_ zum irrdischen Gott macht.«
»Hättest ihn beinah nicht gesehn. Er ist zwar schon gekommen -- -- --«
»Schon hier?«
»Freilich. Allein, da er ankam, ließ er sogleich wieder umwenden, als er von Deiner Anwesenheit hörte. Er ist wirklich eifersüchtig; ich hätt' es, seinem Alter nach, nicht von ihm geglaubt. Mühsam gelang es mir, ihn fest zu halten.«
»Ach hättest Du -- -- --«
»Ihn _laufen_ lassen. Nicht so? Nein, Wort muß man halten. Sieh, ich will mich theilen. Meine Person gehört _ihm_ ein für allemal an; _Dir_ aber meine Liebe, mein Herz?«
»Wolltest Du das? Könntest Du das? Nein, Imada, ich wills, ich kanns nicht. Gieb Dich ihm ganz hin. Erinnre Dich, was Du sprachest, als wir unverhofft uns im Garten bei der Todtenfeier fanden vor einigen Wochen.«
»O Florentin, wir Weiber schwatzen manches, von dem unser Herz keine Sylbe soufflirt hat. Worte sind nicht immer der Wiederschall unsrer Empfindungen und Wünsche. -- Dabei bleibts. Morgen siehst Du meinen künftigen Gemahl, und er soll seinen beglückten Nebenbuhler sehn. Ich hoffe, Ihr werdet Beide in freundlicher Eintracht mit einander leben. Damit er aber nicht Ursach hat, vor der Zeit eifersüchtig zu werden ohne Noth, so sag ich izt: Florentin, gute Nacht! Denn wenn er erführe, daß seine Braut um Mitternacht mit Dir allein in einem Zimmer kosete: so möchte ihm dies doch nicht die besten Gedanken erregen.«
Bei diesen Worten schmiegte sie sich freundlich an ihn. _Florentin_ nahm Abschied in einem langen süßen Kuße -- _Imada_ entwischte, und mit unruhigem Herzen schlummerte, träumte und wachte alles dem kommenden Morgen entgegen.
Viertes Kapitel. Der Bräutigam erscheint.
Die Natur feierte einen Festtag; duftiger, erquickender strahlte das mannigfache Grün herab von Bäumen, Gebüschen und Hügeln; schöner sangen die kleinen Sänger in den düstern Hecken und unter des Frühhimmels azurnem Gewölbe; majestätischer erschien der Sonne Aufgang am flammenden Horizont, in jeder Sekunde mit verwandeltem Farbenspiele an dem schwebenden Gewölk. --
_Florentin_ verließ das Bett; er eilte dem Fenster zu, um sich zu laben an dem erquickenden Anblick der aufwachenden Landschaft. Der emporsteigende Duft von Blumen und Kräutern, die im Morgenschimmer verklärten Gestatten einer anmutigen Gegend, alles machte einen wundersamen, wohlthätigen Eindruck auf sein Herz.
Er fühlte sein ganzes Wesen leichter, ruhiger sein Herz und abgeschieden von aller Leidenschaft. Er sah die Bilder der gestrigen Nacht, des gestrigen Tages, der ganzen stürmischen Vergangenheit, wie einen zurückgelegten Traum in nebelhafter Ferne noch schweben vor seinem Geist.
Ihm wars so wohl in dieser Verwandlung; sein lebendigster Wunsch wars izt, daß diese liebliche Wiedergeburt nicht das vergängliche Spiel einer angenehmen Morgenlaune seyn möchte. -- Er war so zufrieden mit sich, er hätte -- beten mögen.
Was hätt' er darum geben mögen, wenn er diese feierliche Stille in seiner Natur mehr einem philosophischen Siege seines Geistes über die rebellische Sinnlichkeit, als der einstweiligen Disposition seines Körpers zu danken gehabt hätte!
Bald darauf wards neben ihm in den Zimmern lebendiger. Er hörte das Flüstern und verstohlne Gelächter der Damen. Es dauerte nicht lange, so öffneten sich von beiden Seiten die Thüren.
Umringt von blühenden Jungfrauen erschien _Imada_, in einem einfachen Morgenkleide, einen lebendigen Blumenkranz durch das freischwebende Haar geschlungen.
Sie war nicht mehr _Imada_, sie war eine Göttin in allen ihren Bewegungen. Mit Seligkeit und Liebe umkleidet schienen die übrigen Mädchen und Weiber nur Reize von ihrer Nähe zu erborgen -- eine Sonne unter leuchtenden Gestirnen, wandelte sie.
_Florentin_ bebte ihr näher. Der süßeste Morgengruß ward gegeben und genommen. _Florentin_ war entzückt, aber er ahndte es, wie bald dies Entzücken Verzweiflung werden würde.
»Im Namen meines Oheims und der übrigen lieben Gesellschaft befehle ich Ihnen, als meinem Gefangnen, mir zu folgen, um für Ihre gestrige Flucht Red' und Antwort zu geben, und Urthel und Recht zu empfahen, als es billig ist!« sagte _Imada_ lächelnd.
_Florentin_ wollte der Holdseligen eine Antwort geben, aber _Imada_ winkte; _Idalla_ und _Rosalia_ ketteten sich an seine Arme und führten ihn, als einen Staatsverbrecher, mit muthwilligem Ernste davon.
Sie führten ihn hinab zum Verhör; eine hohe Thür sprang vor ihnen auf; _Florentin_ stand in einem großen Säulensaal, voll königlicher Pracht. In der Ferne ein Altar, mit brennenden Kerzen; von beiden Seiten eine zahlreiche Versammlung.
Freundlich begrüßte sich unter einander die Menge, aber bald trat die vorige, feierliche Stille wieder ein.
Der _Graf von Gabonne_ trat lächelnd in die Mitte der Versammlung, kündigte nochmals die Vermählung _Rosaliens_ und _Imada's_ an, sprach darauf von _Florentins_ frevelhaften Beginnen, in der Nacht zu entfliehn, und kündigte ihm im Namen der Gesellschaft, im Fall er Besserung geloben wolle, Erlassung der schweren, wohlverdienten Strafe an.
»Aber,« fuhr der liebe Greis in seinem feierlichen Sermon fort: »aber da wir, die wir hier um Dich, Flüchtling, versammelt stehn, wir _Gabonne_, _Gobby_ und _Silberot_, _Josselin_ und _Rosalia_, _Holder_ und _Idalla_ beschlossen haben, in dem romantischen Reviere Mont-Rousseaus fernerhin zu wohnen, gemeinsam uns einträchtig, bis der Tod das Band unsrer Gesellschaft auflösen wird, -- da wir befürchten müssen, daß Du Deine Versuche zur Flucht erneuern möchtest; so diktiren wir Dir hiemit _eine ewige Gefangenschaft_!«
»Um selbst sichrer zu seyn, vertrauen wir Dich ganz besonders der Wachsamkeit unsrer _Imada_ an, und binde ich Dich durch dieses Wort auf ewig an sie!«
_Florentin_ horchte, und traute seinen Sinnen nicht. Er war am Ziele, mit welchem man ihn überraschte, da er sich am fernsten von ihm glaubte. Er hörte nichts, er fühlte nichts mehr. Sprachlos sank er in _Gabonnens_ und _Imadas_ Arm; träumend stand er mit _Imada_, an _Josselins_ und _Rosaliens_ Seite vor dem Altar, und empfing er den Segen des Greises _Gabonne_.
»So, Vinzenz!« rief _Gobby_ lächelnd: »lohnen Dich die schwarzen Brüder!«
Betäubt, entnervt vom gewaltsamen Gefühl seines unaussprechlichen Glücks sank er in _Holders_ offnen Arm. _Imada_ küßte ihn als Weib, und _Josselin_ rief: »Segen über diesen Augenblick! so wollen wir gründen die Colonie der Glücklichen!«
Fünftes Kapitel. Epilog an die Leser.
Der Vorhang fällt; das Schauspiel ist geschlossen! -- Man legt das Buch zurück; man rümpft die Nase, spizt den Mund, und sinnt auf ein Bonmot. Der Kritiker schnizt seine Feder, um das Märchen, welches ich auf gutes Glück erzählte, nach Gebühr zu würdigen und zu verdammen. -- Ich sehe allenthalben krause Stirnen, keiner will mir einen stillen Dank entgegenlächeln.
Wohlan, es sey; ich habe nichts dagegen. Vergessenheit sey meines Buches Loos. -- Auch Tadeln macht Vergnügen, denn es giebt dem Gefühl unsers Besserseyns zweifaches Leben.
Wer aber in den Labyrinthen meiner Träumerein ein frohes Stündchen schlagen hörte; wem ich durch mein Geschwätz nach ernstern Geschäften den Augenblick der Ruh versüßte; wer bei den Abentheuern meiner Helden sein eignes Leid auf einge Zeit vergaß; wem hie und da ein frommer Wink, ein Wort aufs Herz, wie Funken auf den Zunder fiel, -- der zürne wenigstens mir nicht, daß ich nichts bessers gab.
Ich hätte freilich manches -- manches Gemälde noch aus dem drei undzwanzigsten Jahrhundert liefern können: das Feld war groß, der Beute viel; allein ein andrer mag den Faden nehmen und die Erzählung weiter spinnen, ich schweige still und höre selber zu.
Anmerkungen zur Transkription
Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.