Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3

Part 13

Chapter 133,526 wordsPublic domain

»Der Tod ist für manchen Bösewicht ein wünschenswerthes Gut; besonders wenn er so gegeben wird, wie ehmals, da noch Priester den Delinquenten zur Schädelstätt begleiteten, und seine Phantasie mit angenehmen Bildern von den nahen Freuden der Ewigkeit erhizten, um ihm die Schauer des Todes minder empfindlich zu machen. Folglich war der Tod kaum einmal eigentliche Strafe des Sünders, und durch den Verlust seines Lebens ersprang dem gemeinen Wesen wenig Heil.«

»Man begnügte sich in Deinem Zeitalter überhaupt nur die negativen Zwecke der Staatsverbindungen zu erfüllen; man dachte nicht daran, ein _glückliches_, sondern nur ein _ruhiges_, _gesichertes_ Volk, nicht _aufgeklärte Bürger_, sondern nur _keine Wilden_; nicht _Edle_ und _Tugendhafte_, sondern nur _keine Bösewichte_ zu haben.«

»Die Gesetzbücher Deiner Zeit prangen daher gewöhnlich mit Galgen und Rad, Schwerd und Scheiterhaufen; sie _drohen_ überall, verheissen aber nirgends.«

»In unsern Tagen sind im Gefolge der Gesetze nicht nur die _öffentlichen Strafen_ für den _Uebertreter_, sondern auch die _öffentlichen Belohnungen_ für den _Erfüller_. Unsre Bürger werden weit mehr zur Umarmung der Tugend _gelockt_, als vom Verbrechen _zurückgeschreckt_. Und es kömmt darauf an, in welcher Schule die besten Kinder gezogen werden? Da, wo die Ruthe ewiglich herrscht, oder wo am Ziel eine schönvergeltende Palme weht?«

_Duur_ starrte verwundert, mit freudiger Seele, den Mann dieses Jahrhunderts an.

»Ich schwöre Dirs!« rief er: »ich schwöre Dirs, Josselin, so weit strebte die Kühnheit unsrer verwegensten Politiker nicht; ich schwöre Dirs, daß _solch ein großer Gedanke_ durch die Seele der wenigsten gegangen ist -- daß man im achtzehnten Jahrhundert noch an der Möglichkeit verzweifelte, ob ein Staat jemals zu solch einer idealischen Höhe der Cultur gehoben werden könne. -- Ja, ich bekenne es nun gern, ich habe gelebt unter Barbaren, für welche das Gesetz nur Zuchtruthen, aber keine Palmen hatte; die menschliche Gesellschaft erscheint mir von jenen Zeiten wie ein zusammengetriebener Haufe wilder Thiere, welcher nur _gezähmt_ werden sollte, aber nicht _beglückt_.«

»Du bist schon wieder hoch entzückt, und doch seh ich überall keine durchgreifende Ursachen. Verdient es denn unser Entzücken, nicht unter wilden Bestien zu wohnen, verdient es unsre Freudenthräne, wenn die Menschen endlich _sich selber ähnlicher_ werden, oder geworden sind?«

»Diese Vorwürfe sind Dein Ernst nicht, Josselin. Gedenke der Menschheit, was sie war vor einem halben Jahrtausend, wie sie damals noch schmachtete in ihrer _Knechtschaft_, und zitterte unter der Ruthe des Gesetzes, und gedenke ihrer izt, wo sie _wahrhaftig frei_ ist, selbst in den souverainesten Monarchien! -- Ich müßte ohne Gefühl seyn, wenn ich hier kalt bliebe. Ach, Gott! an Belohnung des _guten Bürgers_, des ausgezeichneten Biedermanns dachte man _selten_ -- zum Gefängniß und zum Schaffot schickte man _öfters_; die Obern fragten nicht nach der Tugend und Aufklärung ihrer Unterthanen, sondern nach deren Gehorsam und richtigen Abgaben nur. Die Hirten schüzten ihre Heerden und führten sie nur darum auf gute Weiden, um bessere Wolle scheeren zu können. Die genaue Verschwisterung der Politik und Moral waren Dichterschwärmereien, und izt? -- -- --«

»Nun ja, wir haben die Knechtschaft verloren, und den Geist der Kindschaft empfangen. Was sonst die Ruthe bewirkte, wirkt izt das vorgehaltne Zuckerplätzchen. Es ist nichts mehr, als eine Vertauschung der Mittel in der Erziehung. Aber _Männer_ sind wir noch nicht, die die Tugend lieben, nicht aus Furcht vor der Strafe, nicht aus Lust zur Belohnung, sondern um ihres eignen Werths, den sie für die Vernunft besizt.«

»O, Josselin, es ist noch eine große Frage: ob wir Menschen in dieser Welt jemals mehr werden können, denn _gute Kinder_; ob wir jemals in dieser Schule _männlichen Geist_ empfahen können?«

Zwölftes Kapitel. Die Heimath.

»Wo nun?« fragte _Josselin_ nach einigen Tagen, als sie die Gegenden erreicht hatten, wohin _Florentin_ seufzte, da wo er die Tage seiner Kindheit einst so glücklich verlebte.

»Ich kenne diese Gegend nicht mehr;« antwortete _Florentin_: »Aber nun hinauf auf diesen Hügel, den ein kleiner Fichtenwald bedeckt. Einst stand dieser Wald nicht, sondern auf dem Gipfel ragte einsam ein einziger Baum nur empor. -- Das ist nun so alles anders worden, und ich kenne meine Heimath nicht wieder.«

Sie klimmten den Hügel hinan. Wehmuthsvoll stand der Sohn der Vorwelt da, im Strahl der Abendsonne, und sah hinab auf die veränderte Bühne seiner Kinderzeiten. Er stand da, sprachlos und unbeweglich; große Thränen perlten ihm über die Wangen.

»Hier ists!« rief er: »hier ists! -- ich erkenne diesen Hügel, diese Landschaft wieder an matten Aehnlichkeiten mit der Vergangenheit; auch der Greis behält ja noch manchen Zug von dem Kindheitsalter, wenn er gleich schärfer und fester worden. Dies ist der Hügel, ich kenne ihn, wo ich mit Rikchen oft gesessen, und mich der schönen Aussicht freute; hier lasen wir so gern unsern _Geßner_, unsern _Ossian_ und wiegte uns ein in schöne Träume unser _Wieland_. -- Hier unten ist der kleine Bach, auf welchem ich so manche Flotte von Papier und Eichenrinde seegeln ließ und scheitern sah. -- Ach alles, alles ist nun anders worden! Wo ist das Dorf geblieben, wo das väterliche Schloß von Ulmen umringt? -- Dort drüben ist die Stätte, und -- sie ist leer!« --

Sie stiegen schweigend den Hügel von der andern Seit' hinab; sie wandelten am krummen Bach entlang; sie sahn umher und suchten noch die Spuren der Vergangenheit, und fanden endlich hinter wuchernden Gesträuchen einige Ruinen vom ehemaligen _Duurschen_ Schlosse, izt fast der Erde gleich.

_Florentin_ konnte izt sich nicht ermannen; er weinte wie ein Kind, und stürzte nieder und küßte das kalte Gestein, die lezten Reste der väterlichen Burg.

»Mein Oheim! -- o mein Rikchen!« schluchzte er: »so ists vorüber, alles nun vorüber! -- Eure Asche ist verweht, verweset euer Name im Gedächtniß der Lebendigen, verwittert eure Wohnung. Ach, und ihr waret doch so gut, -- so gut! wir waren alle einst so glücklich!«

_Josselin_ wurde durch seines Freundes bittre Wehmuth zum Mitgefühl gestimmt: -- »die Welt ist ein Theater nur; ein jeder Akt hat andre Decorationen, andre Spieler, und das Vergangene läßt keine Spur; -- Wir spielen noch und gehen ab, und wissen nicht, warum wir spielen mußten? -- Was haben wir zulezt von unserm Seyn gerettet? Unsterblichkeit des Namens? -- Das ist noch weniger, als der Schatten unsers Ichs. Fürwahr der Nachruhm ists nicht werth, daß man ihm für _Jahrtausende_ auch _eine_ einzige Lebenslust nur opferte.«

»Hier steh ich nun zum leztenmal!« rief _Duur_: »ach wär' es auch die lezte Thräne, die ich dir nachweinte, heilige Vergangenheit! -- Auch ich werde bald meine Rolle auf diesem Theater zu Ende gespielt haben; bald wird mein Vorhang fallen -- o Gott! o Gott! was bin ich dann gewesen? wofür hab' ich die tausend Thränen dann geweint? wofür so viele Leiden, so manchen namenlosen Schmerz getragen?« --

Die Sonne sank unter. In ihrem röthlichen Wiederschein glänzten noch die Wipfel der Gebüsche, aus welchem die Finsterniß der Nacht hervorschlich.

»Jezt hin zur neuen Heimath, Florentin!« sagte _Josselin_ nach einem langen Stillschweigen: »hin auf _Idalla's_ schöner Insel, wo in sel'gem Frieden wir unser Leben schliessen wollen. Sey doch der Zweck unsers Hierseyns auf Erden, welcher er wolle; mag jenseits des Grabes die abgestorbne Blume unsers Ichs von neuem aufblühn, oder mit Saat und Wurzel auf ewig verwesen, so wollen wir uns nicht muthlos machen lassen; Leben wollen wir, als würde jenseits nichts mehr seyn; und sterben, als hätten wir das Beste noch von drüben zu erwarten.«

Sie brachen auf, und verliessen traurig die Ruinen des Duurschen Schlosses.

»Gute Nacht; mein Oheim! gute Nacht, Rikchen! gute Nacht, du liebe, theure Heimath meiner Jugend!« rief weinend _Florentin_.

Ein Westwind säuselte durch die dunkeln Gesträuche; ein leiser Schauer umwallte die Wandrer; im Flüstern des Windes wars, als lispelten die Geister der Entschlummerten ihm ein stilles Lebewohl nach.

Vierter Abschnitt.

Erstes Kapitel. Mont-Rousseau.

»So sey es denn! Ich bin des Wanderns müde. Die Reise war der Mühe werth; die kleine Mühe ist mir herrlich belohnt. -- Ich bins zufrieden, Josselin, laß uns eilen nach Mont-Rousseau. Der erste September liegt nahe vor der Thür; Du sehnest Dich nach Deiner _Rosalia_, und ich mich endlich nach Ruhe!« --

Herzlich stimmte _Josselin_ in den Willen seines Reisegefährten; sie kehrten um, und zogen graden Wegs nach Mont-Rousseau.

»Die wengen bittern Stunden dort werd' ich ja auch noch überleben, und dann weg von der Welt, aus welcher ich nichts mitnahm, als ein blutendes Herz, auf ewig in den Schoos der Einsamkeit!«

_Josselin_ lachte bei diesen Seufzern seines Freundes. _Duur_ sah ihn verlegen an; das Lachen war ihm räthselhaft, so räthselhaft wie einst beim Abschiede von _Gobby_.

Er konnte länger nicht seine Verwundrung verheelen. Er bat den Lacher um Aufschluß; aber statt dessen erhielt er eine Menge Worte mit unbedeutendem Sinn.

In der nächsten Stadt ward zur mehrern Bequemlichkeit ein Reisewagen angeschafft, und nun gings ohne Rast dem Ziel entgegen.

Glücklich trafen sie am lezten Tage des Augusts an dem erwünschten Orte ein, Schon war es gegen Abend, als ihnen die Kuppeln und Söller eines prächtigen Schlosses, hinter hohen Eichbäumen halb versteckt, entgegenfunkelten.

Sie stiegen ab vom Wagen, als sie eben aus einem kleinen Birkenwalde hervortraten. Der Wagen blieb zurück; sie wanderten zu Fuß voran, um ihre Freunde unverhofft zu überfallen, allein sie hatten sich verrechnet. --

Kaum waren sie einige Schritte vorwärts geeilt, als ein Pistolenschuß in ihrer Nähe fiel. Auf diesen Schuß folgten mehrere. Dies Signal machte bald die hohe Kastanienallee, die sie zu durchwandern hatten, lebendig von allerlei Spaziergängern.

»Wir sind verrathen!« sagte _Josselin_: »der Lärmen gilt uns!«

_Duur_ schwieg. Eine sonderbare Empfindung bemächtigte sich seiner -- es waren Schmerz und Vergnügen, welche mit jedem Schlage des Pulses in ihm abwechselten. -- Er sollte wiedersehn, zum leztenmale wiedersehn die Holde, welche er über alles liebte, und deren Miene, Blicke, Sprache, Kuß und Händedruck ihm Gegenliebe verheissen hatte; er sollte sie wiedersehn, an welcher sein ganzes Seyn, die ganze Seligkeit seiner Erdentage hing -- um sie auf immer wieder zu verlieren.

Er ging, und jeder Schritt ward ihm ein Schritt zum unaussprechlichen Unglück. Er blieb stehn, schwankte wieder vor, blieb abermals stehn, inzwischen _Josselin_ ihm schon weit vorausgeeilt war, und sich in einer jauchzenden Versammlung, in unaufhörlichen Umarmungen, von Brust zu Brust, von Mund zu Mund stürzte.

»Ach, es ist peinlich, dazustehn, wie ein Verwiesener aus dem Lande der Freude, und arm an aller Lust unter Glücklichen zu wohnen!« seufzte er: »es ist peinlich, unter den Frohen mitzulächeln, inzwischen das Herz blutet und die Augen ihre Thränen mühsam verbergen müssen.«

Er schlenderte langsam weiter. Schon hörte er näher und lauter das Geräusch der Kommenden, ihr Frohlocken, ihr lustiges Geschwätz, ihr Entgegenjauchzen. -- Er rieb sich hurtig von den Wimpern eine Thräne, und eilte ihnen mit verstellter Lust zu.

Zweites Kapitel. Das Willkommen.

»Willkommen!« rief der ehrwürdige _Graf von Gabonne_ indem er unserm Betrübten entgegenwankte, und ihn mit Jünglingskraft an seine Brust drückte. »Fast verzweifelten wir an Ihrer Heimkunft; aber -- so ists recht! -- nun ist die Reihe an uns, Ihre Liebe zu vergelten. Was Wetter -- mir ists, als hätten Sie eine Thräne in den Augen. -- Was will der ungebetne Gast in diesen Wohnungen der Freude? Weg mit ihm, wenn Freude nicht seine Mutter heißt!«

»Gewiß heißt Freude seine Mutter -- ich bin ja wieder unter den Meinigen; ich sehe ja meine Lieblinge in der Welt alle wieder beisammen, und Sie an der Spitze derselben!«

»Seyn Sie uns gegrüßt, Wandersmann!« jauchzte der wackre Commendant _Silberot_, und schüttelte _Florentinem_ herzlich die Hand: »haben Sie sich endlich müde geschwärmt? -- Nach der Arbeit ist die Ruhe süß! -- Ich will nun auch ruhn, von meiner Arbeit. Mein Haar ist weiß worden; meine Kräfte erlahmen. -- Wie gefällt Ihnen hier die Gegend?«

»Sie ist romantisch!« antwortete _Florentin_.

»O, da sollten Sie sie nur erst näher kennen lernen. Ein irrdisches Paradies blüht hier. Da sind Wälder, Felsen, Thäler, Seen, Wiesen, Bäche in einer prächtigen Mischung durcheinander geworfen, daß es eine Lust ist, anzuschaun; und nun, wissen Sie was neues? Hier werd' ich mir eine Hütte baun, und mich ansiedeln, und wohnen darin mein Lebelang. Commendant bin ich nicht mehr!«

»Ich wünsche Glück!« lächelte _Duur_.

»Ihm nicht allein!« unterbrach ihn der sanfte _Gobby_. »Mein Wohnhaus lehnt sich dicht an meines _Silberots_ Hütte. Ich wohne mit ihm hier, bis er mit meiner Asche eine Urne füllt. Willkommen indessen, Herr Revolutionair, haben Sie nicht auch Kanella besucht, um die Eitelkeit des menschlichen Dichtens und Trachtens zu bejammern?«

»Nein, nimmermehr wär ich dahin gegangen! Es ist ja nichts mehr daran gelegen, ob die Staaten einen Freiheitshut, oder eine Fürstenkrone im Wapen führen; die Bürger dieser Welt sind von den Tändeleien längst zurückgekommen, und ich mit ihnen!« sagte _Florentin_, und schloß den liebenswürdigen Greis in seinen Arm.

Indem er ihn küßte, hatten sich die Damen allmählig rings umher versammelt. Eine derselben hielt ihm die Augen zu. Errathen sollt' er ihren Namen, er rieth her und hin und errieth ihren Namen nicht. -- Sie ließ los.

»Ach, Gott, Idalla! Idalla!« rief _Florentin_ mit lebhafter Freude, und drückte das liebe Weib an sein Herz, als wär es seine Schwester.

»Endlich hat man Dich wieder, Du lieber Irrgeist, endlich!« stammelte Idalla, voll herzlicher Rührung, und ein helles, schönes Thränenpaar funkelte in ihren Augen.

»Sieh mich nur an, Du Irrgeist, und sage mir, wie hast Du so lange fern leben können von Deinem _Karlchen_, von _Holder_ und _mir_. Ach, tausendmal haben wir Dein gedacht an jedem Tage, und tausendmal heim Dich gewünscht zu unsrer Insel! Und Du bist nicht gekommen.«

»Nun bleib ich ewig bei Dir; nun will ich Dich nicht wieder verlassen, bis der Tod einen von uns abruft.« Antwortete _Duur_ und sank ihr von neuem in die Arme.

_Karlchen_ umklammerte izt seinen Leib, und rief »Vater! Vater!« ihm zu.

»O das ist der Seligkeit zu viel auf einmal!« jauchzte _Duur_, und hob den lieblichen Knaben zu sich empor und hielt ihn Minutenlang und konnte sich an ihm nicht satt sehn, satt küssen, satt freuen.

»Aber mich wirst Du doch nicht ganz übersehn und vergessen wollen?« tönte eine andre Stimme seitwärts. _Holder_, der alte treue Reisegefährte durch Leben und Tod, _Holder_ eilte ihm mit weit ausgebreiteten Armen entgegen. --

»Nein!« rief _Duur_: »wie sollt' ich Dich übersehen, Dich meinen Genius in zweien Welten, meinen ältesten und zärtlichsten Freund! -- O Holder, Holder, wieviel hab' ich Dir zu erzählen; die Wunder dieses Zeitalters sind es werth, daß man ihrentwillen fünf Jahrhunderte verschläft; sie müssen selbst gesehn und erfahren werden, denn in der besten Beschreibung verlieren sie an Glanz, und bleiben dennoch unglaublich.«

»Desto besser, daß Du mein Referent seyn wirst, denn Dir glaub' ich mehr, als zehn beeidigten Zeugen.«

»Auch, Bruder, auch Rikchens, _Deines Rikchens Grab_, -- auch meines theuern Oheims Burg und Grab, den Schauplatz meiner Jugendspiele habe ich aufgesucht; und in seiner wilden Verwandlung kaum wieder entdeckt. Das alte Duursche Schloß ist izt ein kleiner Hügel verwitterten Gesteins vom Fundament; die Gräber, ihre Spuren, sind verweht.«

»Dies wäre grade noch für mich das Sehenswürdigste gewesen.«

Indem sie sprachen, und die drei biedern Greise, _Gabonne_, _Gobby_, _Silberot_ sich in das trauliche Geschwätz mischten, erschien _Idalla_ seitwärts, an ihrem schwesterlichen Arm gelehnt, verschämt und selig -- _Imada_.

_Duur_ erblaßte, als er seine Augen aufschlug und sie erkannte; ein brennendes Roth flog dann wieder über die Leichenfarbe seines Angesichts; er konnte kaum sich nur ermannen, kaum einge Höflichkeiten stammeln, kaum einen Kuß mit starren Lippen auf ihre Hand pressen.

Da stand sie nun vor ihm, die ihn allein zum Gott auf dieser Welt hätte machen können, und welche nicht die Seine werden _konnte_, und _wollte_; stand vor ihm, angethan mit allen Liebreiz, welche Jugend und Harmlosigkeit, Kunst und Natur verschwenden können; stand vor ihm, bebend und schweigend und erröthend, und sah ihn an mit einem Blick, der so unaussprechlich mild und verführerisch war und doch nicht das verheissen durfte, was _Florentinen_ allein nur glücklich machen konnte.

Eingedenk der lezten, sonderbaren Unterredung in der Nacht, beim Schimmer des Todtenfeuers, wagte ers auch nicht, nur mit einem einzigen Blick, die quälenden Empfindungen verrathen zu geben, welche in seinem Innern tobten.

»Und so kalt?« fragte _Gabonne_, der lächelnd ihnen beiden zur Seite stand: »Pflückt Rosen, so lange Ihr _dürfet_! -- hurtig, ich weiß, daß Ihr im Leben das Küssen nicht verschworen habt, gebt Euch Küsse, eh' der Bräutigam kommt und dem Spiel ein Ende macht.«

Er schloß beide in seine Arme. Erröthend näherten sie sich einander unter dem sanften Zwange; ihre Lippen hingen unauflöslich in einem entseelenden Kusse zusammen.

»Es verdrießt mich doch, daß die Dinge solch' einen Gang nahmen!« brummte der _silberlockigte Gabonne_ halb freundlich, halb böse: »würdet Ihr beiden Leutchen nicht das beneidenswürdigste Ehepaar auf Erden geworden seyn, wenn -- -- -- Doch, vergangene Dinge sind nicht zu ändern. Aber lieb wär mirs doch gewesen, wenn Ihr Beide so eins geworden wäret!«

_Florentin_ warf einen schwermüthigen Blick auf den plaudernden Alten. _Imada_ lächelte. _Duur_ seufzte.

An _Josselins_ Arm erschien, blühend wie eine Frühlingsrose _Rosalia_. --

Mit schwesterlicher Unbefangenheit umarmte sie ihren _Professor der Alterthumskunde_, und half ihn, wie im Triumpf, sie auf der einen, _Imada_ auf der andern Seite, einführen in die Burg des _Grafen von Gabonne_.

»Wo ist Ihr Bräutigam?« flüsterte _Duur_ unterwegs _Imada'n_ ins Ohr.

»Noch ist er nicht hier,« antwortete sie: »er kennt Sie sehr gut und liebet Sie herzlich. Aber hüten Sie sich doch etwas vor ihm, denn er soll sehr _eifersüchtig_ seyn. Bis dahin wollen wir beide unter uns allen Zwang vergessen.«

Drittes Kapitel. Die Flucht.

Sie traten ins Schloß des Grafen von _Gabonne_. Leben und Freude theilte sich allen Versammelten mit; nur _Florentin_ war allein der einzige, welcher bei allem Vergnügen düster und mißmüthig blieb. Vergebens waren alle Aufmunterungen; er konnte nicht froher werden.

An seinen sehr erklärlichen Trübsinn schloß sich eine neue Art des Mißvergnügens, welche aus der unangenehmen Bemerkung entstand, daß man sich im Grunde auch nicht zu viel Mühe zu geben schien, seine Aufheiterung zu bewerkstelligen, sondern sich sogar unter einander, lachend und flüsternd, wie heimlich, verband, ohne ihn in diesen Kreis einzuschliessen.

»Der Leidende ist der einzige Ueberflüssige in der Gesellschaft der Fröhlichen!« dachte er bei sich und der Plan war entworfen, der Entschluß gefaßt, mit einbrechender Nacht wieder davon zu reisen, bis die Hochzeitsfeierlichkeiten vorüber wären, und dann zurückzukommen, um den Heimweg nach _Idalla's_ Insel anzutreten.

Er ging hinaus; der Fuhrmann ward in aller Stille bestellt; er kam zurück und stellte sich froher.

Der Abend schlich allmählig vorüber. Um den künftigen Morgen desto besser zu geniessen, beschloß man ein frühes Zubettegehn.

»Gute Nacht!« sprach beim Abschiede der freundliche _Graf von Gabonne_ zu seiner Nichte: »morgen hast Du einen andern Freund, einen andern Beschützer an Deinem Gemahl. -- Heut hab' ich die Rolle zum leztenmal gespielt, und ich bins sehr zufrieden. Wahrhaftig, nichts ist gefährlicher, als ein Mädchen zu hüten; ich hätte bei meiner Ritterschaft leicht einmal das Leben eingebüßt.«

»Das Leben?« fragte Holder.

»Es war kein Scherz.« antwortete der Graf: »aber eben der fatalen Begebenheit hat _Imada_ ihre erste Bekanntschaft mit unserm _Florentin_ zu danken. -- Im lezten Kriege hatte Imada das Unglück, von den Feinden in ihrem verwaisten, väterlichen Schlosse überfallen und gefangen zu werden. Es geschah dies nicht ohne Absicht. Der feindliche General war ein alter Liebhaber meiner Nichte. Weil der Himmel aber keine Sünde unbestraft läßt, so fügte ers, daß der General bei einer Rekognoscirung grade in meine Hände fiel. Ich ward zwar dabei verwundet, allein er mußte sich nun mit seiner Geliebten ranzioniren; aber ehe er den Vertrag unterschrieb, ward _Imada_ als Deserteur, in männlicher Kleidung, zu uns ins Lager gebracht. Niemand war froher, als ich; sobald ichs durfte, rüstete ich einige Luftgondeln aus, um meine Beute in eine entfernte Gegend zur Sicherheit zu bringen. Unterwegs erhielten wir die Nachricht vom Friedensschluß, vom Zurückzug der Armeen, und wir begaben uns also hieher nach Mont-Rousseau, wo wir denn vor weitern Anfechtungen geschüzt waren. Auf der Reise nach Mont-Rousseau fand _Imada_ unsern _Florentin_, wie einen Arkadier im Holze.«

Man scherzte noch vielerlei über das gefährliche Abentheuer; besonders gab _Imadas_ Heroismus, in Mannskleidern aus dem feindlichen Lager zu entwischen, zum Lachen manchen Stoff. Nur _Florentin_ nahm keinen Theil daran, indem er selbst schon mit dem Plan _seiner_ Flucht zu sehr beschäftigt war.

Die Freunde schieden aus einander; jeder erhielt sein Zimmer; _Florentin_ schrieb einige Zeilen, worin er seinen Schritt rechtfertigte, und als er alles im tiefen Schlafe wähnte, machte er sich auf, und entkam glücklich aus dem Schlosse.

Es war eine schöne Mondscheinnacht. Er hatte den Fuhrmann befohlen seiner am Ende der Allee zu erwarten. Wie erschrak aber unser Flüchtling, als er Pferd' und Wagen nicht weit vom Schlosse stehend fand! Wie leicht konnt' er hier entdeckt werden!

Um keine Zeit zu verlieren, eilte er sogleich zum Wagen und warf sich hinein.

»Um Gotteswillen, wer ist hier?« rief er bestürzt, als er eine weibliche Figur neben sich erblickte, die er in Angst und Eil nicht gesehn hatte.

»Eine Reisegefährtin!« lispelte ihm eine süße Stimme zur Antwort.

_Duur_ war ausser sich. _Imada_ selbst sas neben ihn. Seine Flucht war verrathen durch die Unvorsichtigkeit des Fuhrmanns.

In größerer Verwirrung und Bestürzung hatte _Florentin_ sich nie befunden. Er konnte kaum ein Wort zu seiner Entschuldigung hervorstammeln. Er fürchtete die bittersten Vorwürfe, aber -- _Imada_ lächelte.

»So haben wir nicht gewettet!« sagte sie in einem scherzenden Tone. »Nicht so, die Geschichte von meiner Desertion hat sie verführt?«

»Imada!«

»Nein, so entrinnen Sie nicht. Hier stehn Weiber auf der Wacht, und mich hüteten nur Männer damals, die ihr Geschäft handwerksmäßig betrieben. Weiber, wissen Sie ja wohl, sind in solchen Fällen wegen ihrer Schlauheit berühmt.«

»Sie sind grausam mit Ihrem Spotte.«

»Wollen Sie sich ergeben?«

»Ihnen? o wie gern!«

»Auf Gnad' und Ungnade?«

»Ich muß.«

»Und zugleich gestehn, warum Sie uns so ohne Abschied entrinnen wollten?«

»Um glücklicher zu sein, wenn ich mich und meinem Kummer selbst überlassen war. Ich wollte die Gesellschaft der Fröhlichen nicht stören.«

»Welcher Kummer quält Sie?«

»O Imada, können Sie noch fragen?«

»Allerdings. Hab' ich Ihnen von Ihrem Aufenthalte bei uns nicht alles Lieb' und Gute verheissen?«

»Aber nur das nicht verheissen, was mich in der Welt allein glücklich machen, und mit meinem unglücklichen Leben allein aussöhnen könnte.«

»Lieben Sie mich wirklich?«

»Imada -- zweifeln Sie wirklich?«

»So kommen Sie, ohne daß uns eine Seele bemerkt, sogleich wieder ins Schloß zurück.«

»Lassen Sie mich fliehn. Ich fürchte den morgenden Tag. Ich kann diesen schrecklichen Tag unmöglich in Ihrer Gesellschaft überleben. Lassen Sie mich fliehn.«