Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3

Part 12

Chapter 123,370 wordsPublic domain

»Warum? ich gestehe, mir selbst gefällt dieser Luxus, der, wie immer, seine besondern Abstufungen hat. _Das Verbrennen auf_ _dem Scheiterhaufen_ ist kostbar, und darum selten, unsre Verfahren haben, ihrem Egoismus zufolge, uns Nachkommen herzlich schlecht mir Holz bedacht. Sie haben ganze Wälder zerstört und in Aecker verwandelt, das Holz üppig vergeudet und selten an Ersatz gedacht. Deswegen ist der Gebrauch des Brennholzes, besonders zu den Werken des Luxus, nach den Landesgesetzen, sehr kostspielig. -- Auf eine wohlfeilere und gewöhnlichere Weise werden daher die Leichname durch einen chemischen Proceß in Staub verwandelt; nur die Armen werden noch unter die Erde begraben, so auch Missethäter und Menschen, welche ihrer Familie nicht theuer genug gewesen sind, um ihre Asche aufzubewahren.«

»Das ist nun freilich einerlei, _wie_ wie verwesen, ob im Grabe, oder in der Flamme.«

»Nein, Freund, den hinterlassnen Freunden ist es nicht so ganz gleichgültig. Ich muß bekennen, daß der heiligste Schatz für mich zwei Urnen sind, welche den Staub meines Vaters und meiner Mutter umfassen. Ich finde ein Glück darin, von diesen beiden Theuern noch die köstlichen Ueberbleibsel zu besitzen, und zu wissen, daß ihre faulenden Cadaver nach dem Tode nichts zur Verpestung der Luft beigetragen haben.«

»Wie? die Asche der Verstorbenen wird aufbewahrt?«

»Das wird sie; und ich wette hundert gegen eins, daß das Verbrennen der Leichname in der physischen und moralischen Welt ungleich mehr Vortheile bringt, als das Vergraben der Todten.« --

»Ich kanns zwar dunkel beahnden -- aber, Du thätest wohl daran, mir diese Vortheile einleuchtender zu machen. Denn unter uns gesagt, es schaudert mich, wenn ich daran denke, daß mein Leichnam -- --«

»Schaudert? pfui! was _ist schauderlicher und ekelhafter_, durch die _Flamme_ in reine Theile aufgelöst zu werden und als Staub in Urnen verwahrt zu ruhn -- oder, mit Fleisch und Blut unter der Erde zu _faulen_, von schwelgenden Würmern durchwühlt zu werden, und nach funfzig Jahren nackte Knochen und hohle Schädel für den Muthwillen der Kinder zu liefern, die auf den Gräbern mit den Gebeinen ihrer gottseligen Ahnen zu spielen gekommen sind? -- Antworte!«

»Freilich, es ist zulezt wohl einerlei, ob -- -- --«

»_Nicht_ einerlei! um Gotteswillen nicht. -- Nutzen, Nutzen! Dies ist die ewiggeltende Foderung aller Lebendigen; auch die Todten müssen mehr noch nützen, als mit ihrem Fette einen unbesäeten Strich Landes düngen. -- Keiner, der verbrannt oder chemisch aufgelöst seyn will, hat zu fürchten, im Grabe lebendig, von einem Scheintode wieder zu erwachen -- schreckliche Fälle, die man in der Vorwelt zu oft erlebt hat. Nach den Landesgesetzen darf kein Leichnam, ohne Erlaubniß und vorherige Besichtigungen vom Land- oder Stadtphysikus zur Auflösung abgeliefert werden. Ist er einmal aufgelöst worden: so darf niemand das Wiedererwachen auch nur als eine bloße Möglichkeit fürchten.«

»Es läßt sich hören.«

»Da ich einmal die Apologie meines Zeitalters übernommen habe, so höre mich geduldig weiter an. Ehmals, in den Tagen des Aberglaubens und der Bigotterie, ließ man die Todten in der Stadt, in den Kirchen und bei den Kirchen, närrischer Hoffnungen, lächerlicher Meinungen willen beerdigen. Späterhin, als mit der fortschreitenden Kultur sich auch die Nasen zu verfeinern schienen, quartirte man die Todten ausser der Stadt, wo mans der Laune des Windes überließ, die pestilenzialischen Ausdünstungen der Aeser nach Süden oder Norden zu führen. Jezt, da die Sitte der chemischen Auflösung so allgemein geworden, und wirklich wohlfeiler ist, als das ehmalige Beerdigen mit unnützem Sang und Klang, izt, sag ich, da der gemeinste Mann seinen Erben so viel Scheidemünze hinterläßt, um ihn dafür veraschen zu lassen, izt hat man von der giftigen Athmosphäre der Leichname nichts zu befürchten. Noch mehr -- -- --«

»Vergiß Dich nicht; Du erwähntest auch gewisser moralischen Vortheile. Ich bin sehr neugierig, sie zu kennen; denn ich fürchte grade, vom Verbrennen zum Beispiel, das Gegentheil.«

»Unmoralische Erfolge?«

»Natürlich. Denn wenn sich die bravsten Bürger als Leichname verbrennen lassen: so ist der Scheiterhaufen für die Missethäter weder Strafe noch Schande.«

»Sonderbarer Mensch, Du wirst doch nicht glauben, daß man in unsern Tagen noch lebendige Menschen »von Gottes- und Rechtswegen« verbrenne? Aus der Barbarei sind wir endlich heraus. -- Und überdem, war der Scheiterhaufen wohl noch für den _todten_ Verbrecher eine _Strafe_, oder für ihn eine _Schande_? -- Doch, ich will Dirs auch angeben, wie die Asche der Verstorbnen noch einen, wiewohl immer nur zufälligen, moralischen Nutzen stiften könne.«

»Welches Kind liebt nicht seine Eltern? ich führe dies Beispiel an, weil es mir das rührendste und ehrwürdigste ist. Kann nach dem Tode eines zärtlichgeliebten Vaters der Sohn wohl ein köstlicheres Denkmal von ihm übrig behalten, als den Staub des Leibes, welcher ihn zeugte, und in dessen Bezirk einst ein wohlthätiger menschenfreundlicher Geist wohnte?«

»Wir haben Erfahrungen, daß der Anblick der väterlichen Asche verführte Jünglinge von ihren Irrwegen zurückgebracht habe; wir haben Erfahrungen, daß manches Mädchen ihre Unschuld gerettet hat, wenn die Stauburne ihrer Mutter und das Bild der Vergänglichkeit sie zu ernstern Vorstellungen necessitirte. -- Die Vasen, welche Du fast in allen Wohnungen, mit Blumen bestreut, unter den Spiegeln findest, sind mehrentheils heilige Todtenurnen; Kann man einen bessern Prediger wider die Eitelkeit, einen beredsamern Ermahner zur Tugend dahinstellen, wohin jeden Morgen Jünglinge und Mädchen eilen?«

»Von dem Eindruck eines solchen Gegenstandes überzeugt, werden in den _Gerichtshöfen_ die Todtenurnen auch beim _Eide_ gebraucht. Der Sohn muß über der Asche seines Vaters schwören, der Bruder über der Asche seiner Schwester, die Gattin über den Staub ihres Geliebten, oder ihrer Kinder u. s. f. -- Der muß ein verstockter, arger Bösewicht seyn, welcher ohne Gefühl die Asche seiner Lieblinge zum Spiel seiner Meineide macht!« --

Zehntes Kapitel. Die Fußtapfen der schwarzen Brüder.

Wie konnte _Florentin_ müde werden, immer weiter zu fragen und zu forschen unter den Bürgern dieses Jahrhunderts? -- Schon einmal, nun von einem günstigen Vorurtheil bestochen, sah er allenthalben das Gute nur und drückte gefällig das Auge zu, wenn er den Scenen des menschlichen Elendes begegnete. -- Ihm wars, als wandelt' er auf einer neuen Erde, als wölbte sich über ihn ein neuer Himmel.

Unter allem was er sah und hörte, intressirte ihn bald nichts mehr so sehr, als die Religion dieses Zeitalters. Ueberzeugt vom wechselseitigen Einfluß religiöser Meinungen auf den Charakter des Volks, und des Charakters auf die Meinungen, vertraut mit dem Geiste des Christenthums, der Geschichte und den mannigfaltigen Verwandlungen desselben, beschloß er auch hier, einen unermüdeten Forscher abzugeben. --

»Wird Jesus Christus noch verehrt in Euern Tempeln?« -- fragte er eines Tages seinen Freund und Gefährten.

»Es ist wahr, wir haben auch noch nicht einmal die Kirchen besucht;« antwortete dieser: »Ich verwechsle noch immer mein Interesse mit dem Deinigen. Er wird verehrt!«

»Es gab eine Zeit, da der Stand der Prediger in denjenigen Provinzen, welche sich der Aufklärung rühmten, immer tiefer und tiefer in der öffentlichen Achtung sank. Wer für einen Wizling gelten wollte, mußte gewisse Waidsprüche und Anekdoten über Pfaffen auftischen können.« --

»Wie?« rief _Josselin_ erstaunt: »in Euerm Zeitalter, da die römischen Fürsten sich noch Christi Statthalter nannten und als geistliche Regenten angesehn seyn wollten, in Euerm Zeitalter, da -- -- --«

»Halt! Du sprachst von Römerfürsten -- meinst Du -- --«

»Die sonst Päbste hiessen.«

»Ist es möglich?«

»Was ich Dir sage. Die Römer haben ihre Oberherrn aus eben dem Grunde secularisirt, aus welchem das Volk Gottes weiland die Theokratie in eine Monarchie verwandelte. Das Licht der Wahrheit brannte längst auch in den Klosterzellen Italiens, wenn gleich versteckt; eine starke politische Erschüttrung brachte dies Licht zur öffentlichen Erscheinung. Vor ohngefähr neunzig Jahren war das falsche Verhältniß des Reichthunis bis aufs äusserste getrieben; der Bürger war ärmer, als weiland ein Leibeigner, Adel und Geistlichkeit besaßen alles. Hier durfte nun kein neuer _Cola di Rienzo_ wider die _Colonna's_ auferstehn -- es erstand das ganze Volk und die Revolution war begonnen und vollendet. Eine Folge der Begebenheit, welche den witzigen Köpfen vielen Spas machte, war die Secularisirung der Pabstheit.«

»Das ist mehr, als ich erwartete.«

»Ich hoffte, Du würdest sagen: _weniger_.«

»Und die christliche Religion?«

»Dauert ewig fort. Freilich giebt es noch immer _Partheien_ und _Sekten_ ohne Zahl, denn dies liegt einmal in der Natur des Menschen und seiner Religion, aber man kennt keine Ketzer mehr.«

»Herrlich!«

»Die herrschende oder die zahlreichste Kirchparthei ist anizt die, welche sich ohne Zusatz _die christliche_ nennt. Wir haben übrigens noch Lutheraner, Calvinisten, Katholiken und andre kleine Sekten, welche aber sämmtlich im Aussterben begriffen sind.«

»Führe mich in eine _christliche_ Kirche.«

Sie gingen. -- Es war Sonntag, und öffentliche Versammlung zum Gottesdienste.

Voll stiller Neugier trat _Duur_ in den Tempel der Christen, welche weder Lutheraner noch Calvinisten, weder Catholiken noch Socinianer, weder Orthodoxe noch Dissenters seyn wollten, welche, wie _Josselin_ sagte, sich von allen übrigen Sekten schelten und verdammen liessen, ohne wieder zu schelten und zu verdammen.

Ihr Tempel war einfach, ungeziert, rein, ohne Spielwerk für Aug' und Phantasie, ohne dämmernde Tiefen und gothische Winkel -- ein Symbol ihres Glaubens.

Ein kurzer, rührender Gesang ging der Predigt voran; die Predigt selbst beschäftigte sich mit der Entwickelung einer Christenpflicht, und deutete besonderes auf die verschiednen Abwege, welche sich die Menschen bei Erfüllung dieser Pflicht so gern zu erlauben pflegen. --

Man sah, man hörte, daß der Prediger vor einem Auditorium des drei und zwanzigsten Jahrhunderte stand. Eine scharfsinnige Absonderung und Verbindung der Vorstellungen und Theile der Rede; ein schönes Gewand von Seiten der Einbildungskraft über das Ganze; studirtes Mienenspiel, schwesterliche Harmonie unter Tönen und Geberden -- alles verrieth die hohe Stufe der Polizirung, von welcher den Bürgern der Vorwelt kaum eine Möglichkeit im Traume anschwebte.

»Hier wirst Du nicht viel Neues erblickt haben; unser Gottesdienst ist ohne Aufwand, ohne Ceremoniel, einfach und belehrend!« sagte _Josselin_.

»Eben dies ist das Neue.«

»Die Illustration der Christen durch die Taufe und die schöne Feier des Abendmahls sind allein noch üblich.«

»Desto ehrenvoller für Euch. Ceremonien und Symbole sind zur Unterstützung der sinnlichen Menschheit, ein Leitband für die noch schwache Vernunft, nothwendig in der Kindheit, überflüssig und wohl belästigend im reifern Alter des menschlichen Geistes. Ihr seid des Gängelbandes nicht mehr bedürftig, aber für die Christen des achtzehnten Jahrhunderts war es durchaus nothwendig. -- Nichts fiel mir in Euern Tempel von den Zuhörern mehr auf, als daß ich unter ihnen keine Kinder entdeckte. Sind diese vom öffentlichen Gottesdienst ausgeschlossen, oder war ihre sämmtliche Abwesenheit ein Zufall?«

»Nichts weniger, denn Zufall. Wen ich mich recht erinnre: so ward einmal eine Preisfrage über die Ursachen am Verfall des öffentlichen Gottesdienstes gegeben. Sonderbar stimmten ohne Ausnahme alle Antworten auch darin überein, daß ein zu früher, gezwungner Besuch der Kirche in den Kinderjahren einen gewissen Widerwillen, eine schädliche Gleichgültigkeit gegen den öffentlichen Gottesdienst erzeuge. -- Seit dieser Zeit wurden die Kinder allmählig, bis zu ihrem reifern Alter, ausgeschlossen.«

»Das gefällt mit nicht ganz. Ich fürchte, daß auch _diese_ Sitte die Liebe und Achtung für den Gottesdienst schwäche.«

»Gewiß nicht. Die Erfahrung überzeugt uns vom Gegentheil. Eltern und Erzieher reden nur in den ehrfurchtsvollsten Ausdrücken von der öffentlichen Gottesverehrung, und flössen dadurch ihren Zöglingen eine gleiche Ehrfurcht ein, welche theils durch die Neugier und das Verlangen, endlich in das Allerheiligste eintreten zu dürfen, theils durch einen gewissen Stolz, nun dem feierlichen Schritte näher zu seyn, vergrößert wird. -- Der Tag, an welchem der junge Christ zum erstenmal am Genuß des Abendmahls Theil nimmt, ist der erste Tag, an welchem er dem öffentlichen Gottesdienst beiwohnt. Eingeweiht mit den Thränen seiner Eltern, eingesegnet von seinen Lehrern, umringt von einer andachtsvollen Menge, welche einstimmig singt und betet, einmüthig höret und lernet, wird ihm dieser Tag einer der rührendsten und feierlichsten seinen Lebens. Er erinnert sich seiner nie ohne ein Wiedererwachen aller damaligen Empfindungen; er erneuert dieses Fest, so oft neue Mitglieder in die Versammlung eingeweiht werden. Er prägt seinen Kindern nachmals eben dieselben Vorstellungen ein und spannt ihr Verlangen zur Gemeinschaft und Theilnahme an der feierlichen Verehrung Gottes.«

»Ich selbst« fuhr _Josselin_ fort: »bin jenes heiligen Tages noch immer nicht ohne Rührung eingedenk; unauslöschlich währen jene Eindrücke in mir fort, welche damals das _Ungewöhnliche_ erzeugte. -- Und wie läßt es sich auch wohl denken, daß Kinder, welche gequält von heimlicher Langeweile, vielleicht wohl umringt von plaudernden, lachenden oder schlafenden Gefährten, Achtung und Liebe für den öffentlichen Gottesdienst erhalten sollten? Man hat Gelegenheit, hin und wieder, besonders in den lutherischen und den weiland auch sogenannten reformirten Kirchen lehrreiche Bemerkungen über diesen leztern Punkt zu machen.«

_Duur_ wollte nicht widerstreiten, denn im Gebiet der Erfahrung ist nur die _Erfahrung_ Schiedsrichterin; er erkundigte sich statt dessen mit brennender Neugier nach dem Lehrbegriff der Christen.

»Die Religion,« sezte _Duur_ hinzu: »ist wirklich für das menschliche Gemüth alles das, und mehr, als Gold und Lorbeerkränze nur jemals für die Sinnlichkeit seyn und werden können. Der heisse Trieb zum Leben, das unvergängliche, mit jedem Jahre anwachsende Verlangen unsterblich fortzudauern nach der Todesstunde; das falsche quälende Verhältniß, in welcher oft auf Erden die Tugend und das irrdische Wohlseyn stehn; die nie gerächten Thränen der Unschuld, die ungestraften, glänzenden Triumpfe der Bosheit, -- alles treibet hin zum Glauben an die hohen Lehren von Gottheit, Ewigkeit, Vergeltung, -- zur Umarmung einer Religion.«

»Und doch, was hat nicht oft den schönen Namen tragen müssen? der Pfaffen schlauer Witz, der Laien blinde Thorheit hieß oft Jahrhunderte hinab Religion. -- Wie viele tausend glückliche Erdensöhne bluteten ihr Leben aus für ihre Religion? Wo sind noch Foltern, Todesmartern, die nicht für die Religion von Pfaffen in Requisition gesezt sind?«

_Josselin_ hörte ihm lächelnd zu: »Wie, Mann des philosophischen Jahrhunderts, sprichst Du von Deiner Zeit?«

»Nein und Ja!« antwortete _Florentin_: »Wenn selbst in protestantischen Staaten die freien Protestanten nicht von neuen in die alten Ketten der Symbole geschlagen, Inquisitionen und ew'ge Kerker, Scheiterhaufen und dergleichen eingeführt, und das Volk in seine halbverlassne Finsterniß zurückgetrieben wurde, so lag die Schuld wahrhaftig nicht am Willen der Pfaffen. Versuche sind gemacht, ob sie gelungen sind -- -- --«

»Wie kannst Du dieses fürchten?« fiel _Josselin_ ihm ins Wort: »Der Gang der Menschheit zur Vollendung ist nicht Plan, nicht freie Ausführung von Menschen selber, sondern Nothwendigkeit, Vollstreckung eines dunkeln Plans, den eine höhere Hand entwarf. Der Menschheit Gang ist Wogenbruch durch neue Ufer; mag sich hie und da doch immerhin ein Strauch, ein Baum dem Laufe widerstämmen, er hindert nichts, er macht den Strom, wenns viel ist, etwas lauter.«

»Du fragst mich nach dem Lehrbegrif der Christen? Ein fester Lehrbegrif ist hier nicht geltend. Ein jeder glaubt und meint uneingeschränkt, was nach der Disposition und Stärke oder Schwäche seines Geistes ihm das beste scheint. Glaubensformen gelten nicht mehr, denn endlich hat die Welt gelernt, daß über Glaubenssachen kein fremder Spruch entscheidend gilt, und daß der Zepter eines Herrn der halben Welt sich auch nicht über das unbedeutendste Produkt im Geisterreich erstreckt.«

»Allein ich sollte glauben, die Christen würden doch gewisse Lehren unter sich gemeinschaftlich hegen, wodurch sie sich von andern Sekten trennen.«

»Nun ja, die haben sie. Sie glauben einen Gott, der unaussprechlich, unbeschreiblich ist, das höchste Ideal der reinsten Sittlichkeit, der sich nur matt im Wesen der Vernunft und in den Wundern der Natur nach eingen Eigenschaften offenbart. Sie nennen ihn den Weltgeist, der Dinge Urkraft; in ihm leben, weben und sind wir.«

»Die Menschheit weiter in des Lebens grosser Schule zu führen, sandt' er Lehrer, welche unter glücklichen Verhältnissen von ihm und unsern Pflichten predigten. Der Erste, Einzige und Unnachahmliche ist Jesus Christus. -- Nur was _er_ lehrte ist den Christen heilig; sie sehen nur auf _ihn_, als ihren Führer, sie glauben _seinen_ Worten nur. Was andre _von ihm_ zu andern, unter anderen Convenienzen in anderen Verbindungen predigten, das entkleiden sie vom Ausserwesentlichen, welches die Verhältnisse liehen. -- Vernunft und Christenthum, Vernunft und Glauben haben unter sich die alte Zwietracht aufgehoben. Wer die Vernunft verehrt, ist heut zu Tag ein Christ, wer Christ seyn will, huldigt die Vernunft.«

»Auch hier ein großer Schritt zur allgemeinen Seligkeit, zur wahren Menschenwürde!«

»Beinah ist die Religion in unsern Tagen, was sie seyn soll -- werden kann. Im Ganzen fühlt die menschliche Gesellschaft sich in ihrem Schutze sicher und getröstet. Wir haben wenigstens so viel gewonnen, daß kein blutiger Partheigeist, keine Proselytenmacherei, kein Verdammen, kein Verketzern unter uns mehr gilt. -- Uebrigens haben wir noch immer Narren, Schwärmer, Seher unter uns; allein die meisten wandern endlich den Weg ins Irrenhaus. Es kränkeln freilich auch noch izt so manche Pfaffen, vom Egoismus verführt, und von den Begebenheiten der Vorwelt aufgehezt, am Hierarchenfieber; doch ihre Pfeile, auf das Herz der Menschheit gerichtet, fallen kraftlos an der vorgestreckten Aegide der Vernunft zurück.«

_Josselin_ schwieg. _Duur_ pries die Menschen dieser Tage glücklich, und jammerte bei der Erinnrung an die traurige Vorwelt.

Eilftes Kapitel. Sie wandern weiter.

Der erste September näherte sich immer mehr; unsre Pilger fingen an, öftrer an Mont-Rousseau zu denken, _Josselin_ mit Vergnügen, _Duur_ mit heimlichen Grauen.

Zwar hatte _Duur_ von der neuen Welt nur immer noch sehr wenig gesehn und erfahren; aber was er gesehn und gehört, machte ihn nur noch lüsterner auf das Uebrige.

»Begnüge Dich mit diesem,« rief dann _Josselin_ oft: »ehe Du mehr siehest und Du zu Reue Ursachen erhältst, in diesem Zeitalter zu leben. -- Komm nach Mont-Rousseau, da wohnt für uns der Himmel.«

»Für mich nicht!« seufzte _Duur_.

»Kannst Du der Zukunft ins Herz sehn? Damit Du inzwischen doch noch einen Deiner Wünsche stillest, so wollen wir die Gegenden aufsuchen, in welchen weiland die Sorbenburg stand, und wo Du so glücklich Deine Kinderjahre vertändelt hast.«

»Das Grab meinen Oheims! -- Das Grab meines Rikchens!« rief _Duur_ und die Abreise war beschlossen.

Sie zogen von dannen, durch Dorf und Stadt, und allenthalben erblickte der Sohn des achtzehnten Jahrhunderts den schönsten Kontrast zwischen dieser Zeit und der Vergangenheit.

»Hier laß uns ausruhn!« rief eines Tages _Josselin_, und warf sich am Fuße eines grünen Hügels nieder, auf dessen Rücken alt und baufällig Galgen und Rad standen.

»Hier? -- die Aussicht ist nicht intressant.«

»Sehr!«

»Galgen und Rad über uns.«

»Eben deswegen. Weißt Du was das Merkwürdigste von jenem Gerüste ist? -- betrachte es genau.«

_Duur_ sah hinauf, aber er erblickte überall nichts, was seinen Blick fesseln konnte.

»Was denkst Du Dir dabei?« fragte _Josselin_.

»Wahrhaftig wenig!«

»Es ist, was Du siehest, eine Reliquie der Vorwelt, der _lezte Galgen in Deutschland_ und das _lezte Rad_!«

»Da ists der Mühe werth noch einmal hinaufzusehn. -- Aber wie? Sind die Todesstrafen durchgängig aufgehoben?«

»Die Todesstrafen nicht, aber diese Arten der Todesstrafen.«

»Damit ist wenig gewonnen.«

»Immer genug für die Menschlichkeit; Muß es nicht ein abscheulicher, empörender Anblick gewesen seyn, wenn man verwesende Knochen und faules Menschenfleisch auf solchen Gerüsten, umringt von hungrigen Raben und Krähen, erblickte? -- Es ist wirklich ein redender Beweis von Rohheit und Barbarei, wo solch ein grausames Schauspiel noch Beifall finden konnte.«

»Gefallen hatte gewiß niemand daran.«

»Desto schlimmer. Der Tod war für den Verbrecher genug, und _hart_ genug. Ob sein Leichnam nachher von den Vögeln des Himmels beschmaußt, zum Ekel und Entsetzen aller Vorübergehnden dalag, oder unter der Erde verborgen ruhte, konnte ihm gleichviel gelten. Nach dem Tode sind uns _Ehrensäulen_ und _Schandpfähle_ gleich theuer. -- Dies weiß jeder, auch jeder Bösewicht wußte es, so gut, wie ein andrer. Die ekelhafte Ansicht war folglich ganz zwecklos. Ja, die Erfahrung hat es gelehrt, daß, so wie ehmals in Italien, wo die Statthalter Christi unaufhörlich fulminirten, die meisten Freigeister lebten, eben so auch in denjenigen Staaten die meisten Verbrechen begangen wurden, wo Galgen und Rad am gewöhnlichsten waren.«

»Daran hatten Galgen und Rad wenigstens die geringste Schuld.«

»Und ich möchte sagen: die meiste. Ein Volk muß noch sehr verwildert seyn, wenn die Glieder desselben dass Landesgesetz nur aus Furcht vor Rad und Galgen respektiren. Je seltner überhaupt die Todesstrafe in einem Lande wird, jemehr kann man darauf rechnen, daß der Geist der Nation veredelter und die Gesetzgebung vernünftiger geworden seh. Wenn endlich die Todesstrafen sich ganz verlieren im Codex des Criminalwesens; wenn der Staat mehr dahinstrebt das Volk zur Tugend selbst _hinzulenken_ statt es nur von Lastern _abzuhalten_, so hat die Gesetzgebung sich dort den lezten und herrlichsten Lorbeer gepflückt.«

»Ich verstehe Dich nicht ganz.«

»Daran hat vielleicht nur die Dir vom achtzehnten Jahrhundert eigenthümlich gewordne Denkart schuld. Ich will mich aber deutlicher erklären und Dir bei dieser Gelegenheit zeigen, wie weit wir wirklich das _philosophische_ Jahrhundert hinter uns zurückgelassen haben.«

»Zu Deiner Zeit bildete man sich etwas Großes darauf ein, daß die _Foltern_ abgeschaft wurden, nannte sie eine Erfindung der Barbarei und Grausamkeit, fand es übrigens gar nicht anstössig, an den öffentlichen Landstrassen stinkende Menschenkörper auf dem Rade geflochten zu sehn; fand es nicht anstössig, wenn Kindermörderinnen und andere Verbrecher, die den Gang ihres Verbrechens selten in kalter Ueberlegung entwarfen und vollendeten, sondern entweder in betäubender Verzweiflung oder verdorbner Erziehung sündigten, kurz und bündig vom Leben zum Tode gebracht wurden.«

»Jezt kennt man die Folter nur den Namen nach, und mit dem Tode wird nur der bestraft, dessen Leben nothwendig mit der Ruhe und dem Glücke der menschlichen Gesellschaft im Zweikampf stehen müßte. Die härteste Strafe ist eine _ewige Beraubung der Freiheit_; sie ist _härter_, als der _Tod_ selbst; eben darum _schrecklicher_, als er. Der Feind des öffentlichen Wohls wird dann gezwungen, den Schaden, welchen er stiftete, auf einge Art wieder zu vergüten.«