Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3
Part 11
_Florentin_ stand lange da, wie ein Träumer. »Mein Gott! mein Gott! welche Menschen leben izt, welch' ein Jahrhundert ist dieses!« sprach er bei sich, und zerdrückte mit den Augenwimpern eine Thräne, die sich unwillkührlich hervordrängte: »O, mein Oheim, könntest du mit mir feiern das Fest der Menschlichkeit und Menschheit!«
Indem er so vor sich hinstarrte, und sein Herz voll war von Rührung und Seligkeit, fühlte er den sanften Druck einer Hand auf seiner Achsel.
»So traurig?« fragte ein wohlgekleideter, ältlicher Mann, mit biedrer Herzlichkeit.
»Nichts weniger, als das!« antwortete _Duur_: »ich sah mich nach einem Gefährten um.«
»Kommen Sie mit mir.«
»Mit Vergnügen. Ich bin ein Fremdling in dieser Stadt; führen Sie mich, wohin Sie wollen.«
Der Fremde lehnte sich freundlich an ihn, und so wanderten sie durch die Stadt ins Freie hinaus, von Promenade zu Promenade, von Garten zu Garten, wo sie allenthalben Geselligkeit und Freude fanden.
»Ich wundre mich,« sagte _Duur_: »daß alles in so guter Ordnung bei so gemischter Gesellschaft bleibt.«
»Vielleicht eben daher, weil die Gesellschaft zu gemischt ist; es finden keine Partheien, keine Faktionen statt. Der gemeine Mann mässigt sich und verfeinert sich selbst im Umgang mit den Vornehmern und Gebildetern; man erlaubt sich nicht so leicht auch nur die kleinsten Ausschweifungen, und vielleicht eben darum, weil man, alles Zwanges los, keine grössere Freiheit wünschen kann. -- Zur Vorsicht für die Ruhestöhrer sind freilich allenthalben Wachen beordert, inzwischen hat man seit sechs Jahren keine Beschäftigung für diese gefunden.« --
»Wird aber nicht mancher durch solche Gelegenheit zu einem übermässigen Aufwand verführt?«
»Ein Narr wäre, wer sich verführen liesse. Der Reiche giebt, der Arme empfängt. Jeder thut, so viel er kann, so weit seine Kräfte reichen. Der stockende Kreislauf des Geldes erhält hier einen neuen Anstoß; selbst der filzigste Kaufmann wird durch das allgemeine Beispiel der Humanität zur Freigebigkeit gereizt; Geldkasten, welche, sonst immer verschlossen, ihr goldnes Eingeweide sparten, öffnen sich an diesem Tage zur Wohlthätigkeit.«
In einem grossen, volkreichen Garten trennte sich im Getümmel der Fremde von unserm Pilger, welcher bald wieder neue Bekanntschaften anspann, und in der fröhlichen Gesellschaft von Männern und Frauenzimmern aus allen Ständen, Altern und Religionen sein Mittagsbrod verzehrte. Er genoß dabei das Vergnügen, einen armen Knaben, welcher in seiner Nähe war, auf eigne Kosten, zu speisen und zu tränken.
Von Wein und Freude berauscht, durchschwärmten sich die zahllosen Tausende izt wilder, welche hier allein das heilige Band der Menschheit und Menschlichkeit umschlang. --
Der braune Abend sank herab. Musik brach aus allen Gebüschen hervor; Tänze, um Mittag, beim hellen Sonnenlicht begonnen, wurden im Schimmer des Mondes, der Lampen und Fackeln fortgesezt.
_Florentin_, allenthalben und nirgends, ward von einer reizenden Bacchantin aus einem Cedernbüschchen entführt, worin er sich selbst überlassen, den schönen Göttergang des Menschengeschlechts übersinnend, umher lustwandelte.
Zu nahe an ihre zaubrischen Wirbel gelockt, überließ er sich der verführerischen Charybdis -- tanzend verweilte er hier bis gegen Mitternacht. Dann entschlüpft er heimlich wieder um auszuruhn; aber seine Führerin verließ ihn nicht; schmachtend hing sie an seinem Arm, schmachtend sank sie neben ihm nieder auf das Rasenbänkchen einer matt erleuchteten Laube.
Achtes Kapitel. Ach!
Nahe vor der Laube erhob sich unter einer Anzahl mehrerer Statüen eine, als einzig und vorzüglich über alle empor; beschirmt von dem gewaltigen Arm einer alten Eiche, überflossen vom Licht des Mondes. -- _Duur_ hatte sie schon, vor dem Eintritt in die Laube näher betrachtet, und die Gestalt _Friedrichs des Einzigen_ erkannt.
Wovon sollt' er mit der ermüdeten Führerin plaudern im heimlichen Dunkel der Laube?
»Sie heissen?« fragte das schwarzäugigte Mädchen, indem es die düstern Haarlocken von Stirn und Nacken sich zurückwarf, und bei der Gelegenheit einen weissen, sanft gerundeten Arm an den Strahl der Lampe sichtbarer werden ließ.
»Duur!« Antwortete der Befragte, und drückte der Fragerin die Hand: -- »und Sie?«
»Imada.«
»_Imada_? -- _Imada_?« fuhr _Florentin_ auf, als wenn vom klaren wolkenlosen Himmel ein schwerer Blitz herabstürzte.
»Sie erschrecken mich!« sagte _Imada_: »warum springen Sie so auf?«
»Warum? -- ich -- ich liebe den Namen -- ich liebe alles, was ihn führt -- der Name hat etwas Magisches für mein Ohr und mein Herz.«
»Dann sind Sie sehr unglücklich. Wie viele Mädchen tragen den gefährlichen Namen, wie viele Mädchen müssen Sie nicht lieben!«
»Ich hörte ihn nirgends und nirgends so oft, als in dieser Gegend, worin ich ein Fremdling bin.«
»Ein Fremdling? -- So muß ich denn wohl natürlich fragen: wie Sie sich diesen Tag über bei uns gefallen haben?« --
»Wie im Himmel.«
»Sind Sie denn schon mit dem Himmel so vertraut?«
»Seit ich bei Ihnen bin, kann ich ja sagen.«
»So haben Sie ein gnügsames Herz, wenn Sie vom Himmel nicht mehr erwarten, als von meiner Gesellschaft.«
»Sie können die Grade meiner Seligkeit versteigern, können mich weit über meine Erwartungen hinausführen.«
»Ich versteh Sie nicht. Wohin führen?«
»Wohin Gefühl und Einsamkeit in einer nächtlichen Laube führen _können_.« Antwortete _Duur_ und sah dabei dem liebenswürdigen Mädchen tief ins Auge.
Ihre Hände verstrickten sich von beiden Seiten fester in einander, ihre Blicke verloren sich in einander. -- Das Mädchen lächelte ihn unbefangen an, und schüttelte den Kopf zu seinen Worten.
_Duur_ fand sich in einer kleinen Verlegenheit; er kannte seine Gegnerin zu wenig, und zu wenig den Charakter der itzigen Zeitgenossinnen.
Er nahm sichs vor, diese Gelegenheit zur Bereicherung seiner Erfahrung zu benutzen, obwohl schüchtern; denn er wußte nicht, wer zulezt in der gefährlichen Prüfung mehr verlieren könnte, er, oder das Mädchen.
Das Umhertreiben seiner Gedanken machte ihn ein Weilchen stumm. Gott weiß, womit sich inzwischen des Mädchens Geist beschäftigte; es maß und musterte den sonderbaren Fremdling, und schien doch dabei immer mehr, mit sich, als mit ihm zu schaffen zu haben.
Beide wurden der unartigen Pause inne; beide hatten den Faden des Gesprächs verloren; beide suchten ihn ängstlich auf und keiner wußte ihn zu finden.
»Wem mag die hohe Statue vorstellen sollen unter der Eiche?« sagte er, indem er mit der Hand auf Friedrichs Bild hinauszeigte, und nicht bemerkte, daß in eben dem Augenblick ein junger Mann und ein Mädchen, an die Bildsäule gelehnt, sich schweigend umarmten.
»Wahrscheinlich einen weissen Raben;« antwortete _Imada_, und schlug die Augen nieder.
»Einen weissen Raben?« entgegnete _Duur_.
»Nun ja, einen _guten_ König aus der barbarischen Vorwelt. Das Gute muß damals, und besonders unter den Königen, äusserst selten gewesen seyn, daß man es in steinernen Denkmahlen verewigte.«
»Ist die Gruppe darunter auch ein Bild der Barbarei?« lächelte _Duur_.
»Vielleicht!« antwortete verschämt das Mädchen.
»So wünscht' ich unaufhörlich unter Barbaren zu leben.«
»Dann würd' ich Ihren barbarischen Geschmack bemitleiden.«
»Bemitleiden?«
»Gehn Sie hin, Sie werden noch viele Weiber, viele Mädchen Ihres Sinnes finden, die die öffentliche Tugend zum Toilettenstück machen, und sie Abends, oder in der Einsamkeit wo der Putz lästig ist, mit dem übrigen Schmuck ablegen.«
»Ich liebe die Damen nicht, welche die Schminkdose und die Tugend neben einander liegen haben.«
»Sie scheinen sich izt auch zu schminken.«
»Gewiß nicht -- nie gern -- bei Ihnen am aller wenigsten.«
»Ich möchte den Versuch nicht machen, Ihnen die Schminke abzublasen!«
»Ich würde bei der Prüfung nicht verlieren.«
»Held!« antwortete das Mädchen mit ironischem Lächeln und klopfte ihm schalkhaft auf die Wangen.
Sie schwiegen.
Aus den fernen Gebüschen herüber tönte lieblich die Musik durch die Nacht; das Getümmel der Menschen ward leiser; nur hin und wieder schlich verloren durch die einsamen Gänge ein liebendes Pärchen. Wie Sterne aus schwarzen Wolken funkelten die Lampen in der Ferne aus Bäumen und hohen Gesträuchen.
»Die Tänze haben mich ermüdet!« seufzte _Imada_, und lehnte sich an den Fröhlichen, der mit Sehnsucht und Schüchternheit seinen Arm um das Mädchen warf. _Imada's_ Stirn berührte seine Wange. Er schwieg, und ward immer unruhiger. Heiß glühten alle Adern in ihm auf, sein Odem flog schneller, denn ach, die er im Arme hielt, war wirklich schön, und wurde schöner vor seinen Augen in jeder Minute, und -- _Imada_ war ihr Name.
Draussen wards immer stiller und stiller -- hier und da erstarb die Musik -- aber in ihm wards immer lauter, immer stürmischer.
»Sie wagen viel, schöne Imada!« stotterte er.
»Wagen? was wag ich?«
»Tanz, Wein und Gesang und leichtes Blut, Einsamkeit, halbe Ermüdung und Nacht, welche gefährliche Feinde unsrer Tugend!«
»Wir haben von Wein, Tanz, Gesang und Einsamkeit nichts zu fürchten -- sie sind keine Feinde der Tugend -- nur die _Männer_ sinds!« lispelte sie und lächelte mit schelmischem Blick zu ihm hinauf.
»Das war bitter! dafür verdient dieser lose Mund die härteste Strafe!« entgegnete _Duur_ und küßte des Mädchens Lippen. -- Sie küßte zurück -- wie brennendes Feuer durchliefs ihm Adern und Nerven.
Man schwieg; wie konnte in so süßen Beschäftigungen der Mund zum Plaudern gemißbraucht werden? _Duur_ ward ungestümer -- matten Widerstand leistete die Müde. Man zankte flüsternd und versöhnte sich küssend.
»Eva's Töchter bleiben sich gleich durch alle Jahrhunderte!« dachte _Duur_, und sank berauscht mit seinen Lippen auf ihren schönen Busen.
Plötzlich brach die -- _Unbesiegte_ in ein helles Gelächter aus: »Sie sind geschminkt; geschminkt! ich hab' Ihnen abgeblasen Ihre Tugend!« rief sie lachend, stand auf, entschlüpfte aus seinem Arm, aus der Hütte und verschwand im Gebüsch.
Tiefbeschämt und erröthend verweilte _Duur_ einen Augenblick auf der Stelle -- bald sammelte er sich wieder, flog der Fliehenden nach und rief ihren Namen.
»Imada!«
Er sah sie nicht; statt ihrer erblickte er ein andres Frauenzimmer, welches, aufmerksam durch sein Rufen sich zu ihm hindrehte. Im hellen Mondenschein erkannt' er das Gesicht der Fremden -- sie war ihm sehr bekannt -- sie war -- _Imada_, _Gabonnens_ Nichte!
»Ach!« rief _Florentin_, und blieb wie festgewurzelt stehn.
»Ach!« rief _Imada_, indem sie bei _Florentins_ Anblick einen Schritt rücklings bebte.
Neuntes Kapitel. Hoffnungen. -- Die Todtenfeier.
Solch' ein Wiederfinden, dem einen sowohl als dem andern unvermuthet und überraschend, mußte sie Beide auf einige Augenblicke entgeistern.
Er näherte sich der schönen Erscheinung, begrüßte sie schüchtern und erinnerte sich seines schändlichen Sündenfalls in der Laube. Er freute sich, die »Theure, Liebe,« so bald, so unerwartet wiedergefunden zu haben -- und doch war ihm die plötzliche Erscheinung so demüthigend in diesem Augenblick, daß er vieles darum gegeben hätte, seinem Herzen die unangenehme Empfindung zu sparen.
»Ich suche meinen Oheim,« sagte _Imada_, indem sie sich an seinen Arm lehnte: »er befindet sich drüben, in jenem Lusthause. Wollen Sie mich begleiten?«
_Duur_ gehorchte gern.
»Mein Oheim will sich einen ruhigen Winter in Mont-Rousseau bereiten; deswegen hat er einige Reisen zu machen, auf welchen ich ihm Gesellschaft leiste. Wir fahren in einer Stunde wieder ab. -- Wo haben Sie Ihren Freund _Josselin_?«
»Er hat mich schon heut früh verlassen; Gott weiß, wo er umherschwärmen mag.«
»Und Sie riefen meinen Namen? -- galt er mir, oder einem andern Frauenzimmer?«
»Liebe Imada!«
»Sie waren so eilig -- so, ich weiß nicht wie? -- hatten Sie mich erkannt, wußten Sie -- -- --«
»Nein -- ich wußte nichts -- ich vermuthete Ihre Nähe nicht -- -- -- ich war im Begriff, eine Sünde wieder gut zu machen.«
»Eine Sünde?«
_Florentin_ wurde feuerroth; -- aber die Dunkelheit verhinderte _Imaden_, es zu bemerken.
»Eine Sünde?« fragte sie nochmals.
_Florentin_ ward immer verlegener. Er wußte nicht, ob er bekennen oder schweigen sollte. Er übersann die ganze Begebenheit mit seiner Tänzerin; es lag izt viele Wahrscheinlichkeit darin, daß _Gabonnens_ Nichte selbst bei dem verdrüßlichen Handel eine Rolle mitgespielt, wohl gar die _Imada_ in der Laube instruirt habe, um ihn -- auf die Probe zu stellen.
Auf die Probe? sehr unwahrscheinlich, da _Gabonnens_ schöne Nichte schon die versprochne Braut eines andern war. -- Aber wie wäre die unbekannte Tänzerin darauf gekommen, sich in der Nähe eines kritischen Augenblicks _Imada_ zu nennen? -- und dann, bei aller möglichen Nachgiebigkeit, zulezt so rasch zu entfliehn, und ihn auf diese Weise der _eigentlichen_ Imada in die Hände zu liefern? -- Beantworten ließ sich die Frage wohl; _Imada_ war ein Vorname, welcher mehrern Frauenzimmern angehörte; -- und daß _Imada_ die Geliebte grade da stand, wohin die Unbekannte entfloh, konnte ja ein Spiel des Zusalls seyn.
Um sich auf jeden Fall zu sichern, beschloß _Duur_ ein reuiges Geständniß seiner Sünde abzulegen, und _Imada's_ Richterspruch abzuwarten. Er beichtete also die ganze Begebenheit, und kleidete sie so behutsam, als möglich, in seine Worte, daß die ganze Begebenheit zulezt den Schein gewann, als sey er der Prüfende, die Unbekannte aber die Geprüfte gewesen.
»Man muß sich vor Ihnen in Acht nehmen,« sagte _Imada_: »wer bürgt mir dafür, daß Sie mich nicht auch in _Gobby's_ Garten auf die Probe stellten?« --
Die Sache, welche anfangs von schweren Folgen zu seyn schien, wurde nun vergessen; _Florentin_ fühlte sich wieder beglückt in der Nähe der _Louise_ des drei und zwanzigsten Jahrhunderts. Was hätt' er darum gegeben, so Arm in Arm mit ihr durch das ganze Leben wandern zu können?
Er bat sie, nebst ihrem Oheim nur noch einige Tage in dieser Gegend zu verweilen. _Imada_ gestand es gern, daß sie mit Vergnügen seinen Wunsch, der zugleich der ihrige wäre, erfüllen möchte, wenn die Geschäfte des alten _Grafen von Gabonne_ nicht jeden stündlichen Verzug unerlaubt machten.
Indem sie sich so dem Lusthause näherten, bemerkten sie, ohngefähr tausend Schritt von sich, ein großes helles Feuer, von unzähligen Menschen umringt.
»Gewiß die lezte Feierlichkeit über einen Verstorbnen!« sagte schaudernd _Imada_ und blieb stehn: »lassen Sie uns einen Augenblick von dieser Todtenfeier einen Zuschauer abgeben.«
»Gern, sehr gern -- es ist ein Trauerfest für mein eignes Herz -- so werd' ich nie wieder stehn dürfen in dieser Welt neben _Imada_. Ein eifersüchtiges Auge Wird _sie_ bewachen, und _mich_ und meine Schritte hüten, meine Blicke belauern, meine Worte auf Wagschaalen legen.«
_Imada_ lächelte ihn schalkhaft an; ihr leiser Händedruck, der feurige Spruch ihres Auges ließ ihm alles Schöne dieses Lebens für sich sehn und hoffen, -- »Nun« -- flüsterte sie: »den ersten September nicht zu vergessen!« --
»Vergessen? -- so leicht vergißt man den Sterbetag seiner Freuden nicht.«
»Nennen Sie ihn nicht so. Ich hab es beschlossen; Sie sollen ihn vergnügt feiern, und wenn sich die ganze Welt sich dawider auflehnte. Aber Sie kommen doch gewiß mit _Josselin_!«
»Gewiß!«
»Dann will ich Sie dreimal mehr, als heut lieben, und -- -- -- doch ich verspreche gern weniger, um doppelt mehr zu leisten.«
»Imada!« tief _Duur_ und schlang seinen Arm mit Entzücken um das holde Weib: »wie dürft' ich in meinen frechsten Träumereien wohl bis da hinausschwindeln!« --
Es erfolgte eine Pause.
Der Mond sank in ein düstres Meer von Wolken -- hin und wieder schimmerte das zitternde Licht einer verglimmenden Lampe; in der Ferne das Todtenfeuer -- sonst tiefe Dunkelheit um die beiden, deren Lippen schwiegen, deren Seelen feierlich zu einander sprachen.
Vertraulicher durch Nacht, verheelte Lieb' und das goldne Ohngefähr, welches, sonderbar genug, sie hier zusammenführte, schlossen sie sich dichter an einander, und überliessen sie sich fessellos dem sanften Drange ihrer Empfindungen.
»Du naschest von verbotner Frucht!« lispelte _Imada_.
»Und sie ist so süß!« erwiederte _Duur_. Er stammelte ihr dass heiligste und theuerste Wort jeder Sprache, das Wort: _Liebe_ vor, ungeachtet er sein Unglück voraussah, wenn ein andrer dereinst _Imaden_ vor dem Altar an sich fesseln würde. Aber eben der Gedanke an diesen möglichen Augenblick erfüllte ihn mit Muth; er wollte einen _Raub_ begehn; er fühlte es tröstlich für sein eignes Herz _Imada's_ Herz zu überwinden; -- »vielleicht,« dacht' er: »wenn ich sie abwendig mache von dem glücklichen Gegner, und das Ohngefähr einst ihren Oheim sanfter gegen mich stimmt -- vielleicht giebt sie mir dann meine verwegensten Wünsche erfüllt zurück.«
_Imada_, viel zu schlau, nicht den glücklichen Moment zu benutzen in der Gesellschaft eines Mannes, der in ihrem schönen Herzen schon eine Stelle erobert hatte, ehe er seine Siege selber wußte, _Imada_ stammelte »_Liebe_,« und verbarg ihr Angesicht schaamhaft an seine Brust.
»Können Sie denn wirklich ein Mädchen lieben, welches dem einstigen Gemahl schon treulos wird, ehe einmal der Frühling der Ehe begonnen ist?«
»War der Frühling nicht von jeher dem Winter treulos? Sollen Sie allein die Ausnahme machen? Sie sollen einen Mann lieben, der wie Sie mir selbst sagten, an Gold und Jahren reich ist, aber von dessen Herz Sie nicht die mindeste Kundschaft besässen, wie kann man da Ihrem Herzen verargen, wenn es sich nach den goldnen Abwegen der Freiheit sehnt?«
»Duur! Duur! Sie sind ein Bösewicht, ein fürchterlicher Bösewicht, der seine Beredtsamkeit nie mit besserm Glück, als bei den Weibern verwendet. Duur ist das Recht? -- Was würden Sie sagen, wenn Sie sich ein Mädchen gewählt hätten, um mit ihm das Erdenleben himmlisch hinzubringen; wenn Sie wirklich von diesem Mädchen nicht gehaßt, sondern geschäzt, wenn auch noch nicht geliebt, würden, und ein andrer käme und schwazte mit süßem Munde ihm Herz und Liebe ab -- Duur, und Sie müßten eine Treulose zum Altar führen!«
»Imada!«
»Was würden Sie sagen, wenn die Gattin in Ihrem Arm entschlummerte, um von einem Geliebtern zu träumen? wenn sie sich, beim heissesten Kusse, bei der glühendsten Umarmung einen andern dächte? wenn sie in der Einsamkeit nach einem Fremdling seufzte und ihre Thränen nicht Ihnen flössen? -- Und Sie spürten die traurige Verrätherei, sahen sich um die Paradiese betrogen, welche Ihnen die Liebe des Mädchens aufzuschliessen versprach.« --
»Imada -- ich fühl' es -- ich bekenne es.« --
»Duur, Duur, es ist grausam, es ist gottlos, einen Feuerbrand in die friedliche Wohnung glücklicher Menschen zu werfen, und doch ihn nicht löschen können und wollen. Aber es ist noch unendlich grausamer, ein Herz um seinen Frieden zu betrügen, das stille Glück einer Ehe zu vergiften, ohne dafür etwas wieder geben zu können. Niedergebrannte Städte können endlich wieder erbaut werden, aber Hymens Rosenbande, einmal zerrissen, können nie wieder so innig, als vorher, zusammen geflochten werden.«
_Duur_ war durch diese Rede bis in sein Innerstes erschüttert -- er drückte wehmüthig _Imada's_ Hand.
»Ist wirklich Ihr einstiger Gatte zweimal und dreimal Ihnen an Jahren überlegen?«
»Er ists.«
»Sind Sie gezwungen, sich mit ihm zu vermählen?«
»Ich bins. Noch mehr, ich hab' ihm meine Hand angetragen, selbst angetragen, und _will_ sie ihn nicht wieder rauben.«
»Dann leben Sie wohl, Imada! -- dann verzeihn Sie, daß ich die Ruhe Ihres Herzens anzugreifen wagte. -- Ach, ich bin zu entschuldigen, sehr zu entschuldigen; Sie sollten meine Schicksale, und den wunderbaren Gang derselben kennen, und Sie würden mir Ihr Mitleid nicht verweigern.«
»Nur Mitleid?« rief lachend _Imada_: »ich verweigre Ihnen ja meine _Liebe_ nicht.«
»Leben Sie wohl!« rief _Duur_, als sie ganz in der Nähe des Lusthauses sich befanden: »Leben Sie wohl, Imada!«
_Imada_ wollte ihn festhalten; er aber drückte einen Kuß auf ihre Wangen und entfloh.
Jezt war ihm durch das traumhafte Abentheuer alle Lust, alle Freude dieses Tages wieder vergällt. Mismüthig schlich er vor sich hin, um Menschen zu finden, in deren Gesellschaft er zur Stadt kommen konnte.
Er erreichte den flammenden Scheiterhaufen, um welchen Tausende versammelt standen, und in ernster feierlicher Stille, bei den dumpfen Tönen einer schönen Klagemusik, dem Spiel der Flammen zusahn.
Die Scene, so grell sie auch neben den heitern Bildern des vergangnen Tages abstach, war izt seinem Herzen willkommen. Seine Seele schwelgte in den traurigen Accorden der Musik. Er fand Beruhigung und Zerstreuung, ohne sie zu suchen.
Je länger er über _Imada's_ Betragen nachsann, je verwickelter erschien ihm der Charakter dieses Mädchens. _Imada_ lächelte, wo sie weinen sollte, und ihre Klagen, ihre Vorwürfe, welche sie ihm hören ließ, waren immer in einem Ton gesprochen, als triebe sie Scherz. -- Unwillkührlich verband sich mit diesen Gedanken die Erinnerung an den Abschied auf _Gobbys_ Landhause, wo ebenfalls das räthselhafte Lachen, die Stelle der Thränen ersetzen mußte.
Beinah hätt' er an die Verwandlung der menschlichen Natur und ihre Freuden- und Schmerzäusserungen glauben mögen, um sich das Widersprechende in den sonderbaren Erfahrungen aufzulösen.
Eben so viel Widersprechendes fand er auch in diesem Augenblick bei dem gegenwärtigen Auftritt am Scheiterhaufen. Er sah in seiner Nachbarschaft betrübte Gesichter, und wer bringt diese wohl zu einem Scheiterhaufen. Er hörte Trauermusik, welche man sonst nur geliebten Verstorbnen, aber keinen bestraften Missethätern brachte.
»Er ist doch nicht lebendig verbrannt?« sagte er zu seinem Nachbar, um ein Gespräch anzuzetteln.
»_Lebendig_?« gegenfragte dieser, und schüttelte den Kopf und zuckte mitleidig die Achsel: »wer wird denn Menschen lebendig verbrennen?«
_Florentin_ wollte weiter reden, aber der Befragte wandte sich unwillig von ihm, und wollte nichts mehr hören. -- _Duur_ verließ die Stelle, und suchte einen gefälligern Mann auf.
»Was hat der Verbrannte verbrochen?« fragte er einen andern, der ihm freundlicher aussah.
»Verbrochen?« antwortete dieser und machte große Augen: »Bei Gott, es war ein würdiger Mann, der Liebling unsrer Stadt, der Wohlthäter aller Unglücklichen.«
»Ich bin hier ein Fremdling.«
»Das verrieth Ihre seltsame Frage.«
»Nun sagen Sie mir nur, warum läßt ihn denn die Obrigkeit nach seinem Tode noch -- --«
»Nicht die Obrigkeit -- seine Erben erweisen sich den Liebesdienst.«
»Das ist sonderbar.«
»Ich find' es nicht.«
»Bei mir zu Lande pflegt man Missethäter nur auf den Scheiterhaufen zu legen und sie in Asche zu verwandeln, um -- -- --«
»Wo sind Sie denn zu Hause?«
_Florentin_ gerieth in Verlegenheit und blieb die Antwort schuldig, indem er sich davonschlich.
Ein glückliches Ohngefähr leitete ihn zu seinem Freunde _Josselin_, welcher mitten unter den Zuschauern stand. Dieser gab ihm nun mit willigem Herzen über alles eine befriedigende Aufklärung.
»Zu Deiner Zeit,« sagte er: »warf man nur die Leichname der gröbern Verbrecher auf den Scheiterhaufen -- izt behält man diese Art der Auflösung nur den Leichnamen reicher und würdiger Personen auf. Das Verbrennen der Körper ist ein besondrer Zweig des tragischen Luxus. So verändern Schand' und Ehre ihre willkührlichen Trachten und Beziehungen!« --
»Ich erstaune.«