Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 3/3

Part 10

Chapter 103,404 wordsPublic domain

Josselin. Ei nun, die Welt wird ja mit jeder Periode älter, sollte sie nicht auch klüger werden? Man hat ja traurige Erfahrungen genug erlebt; sollte man sie nicht benutzen? Der Staat wurde schon von den alten Politikern mit dem menschlichen Körper verglichen, aber sie umfaßten den großen Sinn des schönen Vergleichs nicht. -- Wenn der Kopf alles Blut aus dem Leibe an sich ziehn will: so entsteht aus diesem falschen Verhältniß gewöhnlich Schwindel und Ohnmacht; die Füße schwanken und versagen beim besten Willen den Dienst -- ein Schlagfluß zerstört dann am Ende wohl die ganze Maschine. So ists mit dem Staat. Der regierende Stand ist das Haupt; Bauer und Bürger tragen und erhalten den Körper; das cirkulirende Geld ist das Blut. Das Haupt muß freilich _verhältnißmäßig_ immer das meiste Blut, der regierende Stand den meisten Reichthum haben. Zerstört dieser aber die Ordnung der Natur, zieht er den Reichthum _allein an sich_, schmachtet der erwerbende und ernährende Stand in Armuth: so verlieren die _Füße_ ihre Kraft, und der Körper stürzt unter dem falschen Verhältniß ohnmächtig nieder. -- Eine Reihe schrecklicher Revolutionen hat endlich im Catechismus der Politiker mit _blutiger Schrift_ das richtige Verhältniß der _verzehrenden_ und _ernährenden_ Volksklasse bestimmt.

Duur. Es ist traurig, daß die Menschen keine andre Lehren lieben können, als solche, die unter Donner und Blitz von Sinai herab gegeben, oder von der Erfahrung mit blutigem Finger geschrieben wurden.

Josselin. Das ist Menschenloos bis an der Welt Ende! Die Sterblichen gebrauchen die Vernunft, wie ihre Taschenuhren, mehr um mit den _Berloken_ derselben zu _glänzen_ und zu _spielen_, als sich nach ihrem _Weiser zu richten_. Daher sind die wenigsten Uhren aufgezogen, noch weniger richtig gestellt. Mit der menschlichen Vernunft stehts nicht besser.

_Florentin_ seufzte tief auf.

Sie erreichten endlich eine ansehnliche Stadt, worin _Florentin_ für seine Wißbegierde keine gemeine Nahrung zu finden hoffte.

»Zuerst ins Tollhaus!« rief _Josselin_: »damit Du Dich von Deinem Entzücken über die Menschheit etwas erholest.«

Sechstes Kapitel. Was ist der Mensch!

Am folgenden Tage, als sie sich von den Ermüdungen der Reise etwas erholt hatten, wanderten sie wirklich, _Josselins_ Vorschlag gemäß, den Behausungen des Elendes zu.

Abgesondert von der Stadt, auf einer Anhöhe lag, umgeben von hohen, unübersteiglichen Mauern, der Ort, welcher von den Einwohnern des Landes _die Jammerburg_ genannt wurde -- ein charakteristischer Name für das Aeussre und Innre dieser Stätte.

Der Weg führte über eine schmale Zugbrücke zum Eingang durch die Ringmauer. Ueber dem Thore lag, in Stein gehauen, der trauernde _Genius der Menschheit_, mit erloschner Fackel, die er an dem Altarfeuer, bei welchem die _Tugend_ und _Vernunft_ wachen, wieder anzünden zu wollen scheint. -- Darunter stand die goldne Inschrift: _Eingang zum Siechenhause des menschlichen Verstandes_.

»Du darfst aber nicht glauben,« sagte _Josselin_: »daß hier nur der Aufenthalt der Wahnsinnigen und Rasenden sey; nein, hier werden auch Verbrecher jeder Art aufbewahrt, die, abgesondert von der glücklichen Menschheit, ihre Sünden mit dem Verlust der Freiheit und bitter schwerer Arbeit büßen müssen. -- Man rechnet also auch die unmoralischen Handlungen und Gesinnungen zu den Krankheiten des Verstandes.«

Der Aufseher der Jammerburg, ein dem Anscheine nach sehr menschenfreundlicher Mann, führte unsre Pilger, so lange sie wollten, durch alle Zimmer der Unglücklichen, die nach den verschiednen Arten ihrer Krankheiten in verschiednen Revieren wohnten.

Am auffallendsten waren unserm _Duur_ zwei Erscheinungen, nämlich, das der größte Theil der Wahnwitzigen in der Jammerburg die Rolle der _Philosophen_ spielte, und daß die meisten von denen, welche in theologische Narrheiten verfallen waren, entweder _Schuster_ oder _Mediciner_ gewesen.

Unter den _philosophischen Narren_ zeichnete sich vorzüglich ein gewisses Faulthier aus, welches nichts anders that, als as und trank, schlief und träumte, und auch mit den größten Martern zu keiner nützlichen Arbeit bewogen werden konnte. Es war ein Mann in den besten Jahren, reich an Kenntnissen, aber ohne Gefühl für Ehr und Schande, für Tugend und Laster -- und das sonderbarste von allem, er war, was er war, aus _Grundsätzen_.

Wenn er sich ja noch einer Beschäftigung unterzog, so war es die, zu schriftstellern, nicht aber damit der Welt, sondern nur der Ausbildung seines eignen Ichs zu nützen, wie er vorgab. Seine Gedanken waren schön gesagt, zusammengreifend, oft sehr scharfsinnig. Er duldete es auch, daß sie gedruckt wurden, aber bald duldete es die Landesregierung nicht mehr. Denn sein philosophisches System, welches er aus den Systemen des Idealismus und Salomonismus zusammengeflickt hatte, machte Proselyten, und ein Dutzend Narren mehr, von seinem Schlage.

Er bildete sich ein, daß er ein höheres Etwas, ein Lieblingswesen des unbekannten Welturhebers sey, welcher ihn dazu bestimmt habe, ihn zu sich und zur seligen Theilnahme an seinen Vollkommenheiten zu erheben. Zu diesem Zwecke führe das höchste Wesen ihn durch die Schule des Universums, um ihn zu der großen Stufe auszubilden, welche er dereinst betreten solle. Er behauptete, schon früher existirt zu haben, als auf dem Wandelstern, welchen wir Erde nennen; allein von dieser Präexistenz seines Ichs sey nur eine dumpfe Ahndung in dem Gedächtniß heimgeblieben.

Die Welt, mit allen ihren Theilen, sagte er ferner, sey -- nicht für das höchste Wesen, denn dieses bedarf keiner Schule, keiner elenden Sinnenlust für sich, sondern -- für ihn erschaffen. Alle Gegenstände, ausser ihm, wären nur Erscheinungen, und für ihn da, um seinen Verstand daran zu üben. Diese vergänglichen Erscheinungen -- welche bei seinen Uebergang in eine höhere Schule auf immer verschwinden, wie die belustigenden Bilder einer Laterna magica, nachdem sie nicht mehr nöthig sind -- wären ein Spiel der Nothwendigkeit, nach dem Plan des höchsten Wesens, zu seiner Bildung; es habe daher eigentlich nichts einer wirklichen Freiheit sich zu rühmen -- Tugend und Laster, Ehr' und Schande sehen nichts als Begriffe, an deren Bearbeitung und Pflegung sein Ich nichts, als mehr subjektive Fertigkeit des Denkvermögens in ihm, gewönne. Die Begebenheiten der Vorwelt seyen nicht wirklich geschehn, sondern gehörten mit zu dem Schein, zu den Bildern, welche zur Veredlung seines Ichs aufgestellt, und in andern Mittelwesen eingepflanzt wären, um sie ihm vorzuhalten. -- Der Zweck seines Daseyns sey daher, nicht etwa zu arbeiten und mit dem ihm umgebenden Schein sich, als mit Realitäten, einzulassen, sondern nur in contemplativer Ruhe das für ihn aufgeführte Schauspiel zu betrachten, und darüber weiter nachzugrübeln. -- Was man ihm vom Tode sagte, sey nichts anders, als ein Wink, welchen ihm das höchste Wesen geben wolle über den Hintritt in eine andre Schule. Der Tod, oder die Vernichtung des gegenwärtigen Schauspiels, sey daher nichts weniger, als furchtbar, sondern ihm willkommen. Er müßte aber geduldig warten, bis ihn das große Weltwesen abrufen würde, mittelbar oder unmittelbar. -- Die Schmerzen und Einschränkungen, die er in seiner gegenwärtigen Lage zu erdulden habe, müßten mit in den großen, für ihn izt noch unbegreiflichen Plan des ersten Urhebers der Dinge liegen, sonst begriffe er nicht, wie er dazu käme, noch wozu sie ihm nüzten. Die Anstalten, welche man getroffen habe, ihn von seinen Ideen zurückzubringen, seyen von seinem Erzieher angeordnet, ihn darin fester zu machen, weil er dadurch Gelegenheit gewönne, noch mehr über die Täuschung und den Schein der Dinge nachzudenken, und seine Kraft beim Widerstande zu üben.

Stellte man diesem Philosophen vor, was aus der menschlichen Gesellschaft werden würde, wenn jeder einen ähnlichen Egoismus in sich nährte, so antwortete er: die mir scheinbar ähnlichen Gestalten hängen so wenig von ihrer, als meiner Willkühr ab; sie _müssen_ sich so bewegen, so handeln, so zu wollen scheinen, als es dem Plan des höchsten Bildners entsprechend ist. Sie _können_ folglich nichts, können auch nicht einmal _wollen_.

_Duur_ fragte ihn: »womit er sich denn bewiese, daß alles ausser ihm nur Spiel und Schein, er allein nur das Lieblingswesen des höchsten Urhebers sey? -- und womit er diesen ausschliessenden Vorzug verdient habe?«

»Womit ichs verdient habe?« antwortete der Philosoph: »da müßtest Du nicht _mich_, sondern das höchste Wesen fragen, wenn Du _könntest_. Ich bin ohne Verdienst; es ist aber nun so der Wille des grossen Weltwesens, mein Ich zu schaffen und zu bilden. -- Womit ich beweise daß außer mir nur alles Spiel und Schein sey? -- Dies sagt mir erstlich mein innres, vom Weltwesen mir gegebnes, leitendes Gefühl, zweitens weil ich wirklich von der Außenwelt auch durchaus _nichts anders weiß_, als daß sie eine Reihe vorübergehnder Erscheinungen sey, die sich auf mich bezieht. Noch hat mir das Gegentheil keiner bewiesen.«

»Warum aber sollte das Urwesen sich nur _einen_ Liebling geschaffen haben, warum nicht _mehrere_ glücklich machen wollen?«

»Warum sollte das Urwesen _mehrere_ Lieblinge sich erkoren, und nicht an _einem_ sich begnügt haben?«

»Stimmt jenes nicht harmonischer mit dem großen Ideal, welches der menschliche Geist sich von der Gottheit entwerfen _muß_?«

»Freilich _muß_! -- Du _kannst_ nicht anders, als _so_ denken, wie Du denkest. Hast Du aber Deines Ideales reelles Objekt jemals kennen gelernt? Hast Du dem verborgnen Weltwesen in den ewigen, willkührlichen Plan geschaut?« --

Bei diesen Worten wandte sich der Philosoph mit vieler Ruhe und Selbstzufriedenheit von dem Frager ab, wahrscheinlich, um über diese Unterredung weiter zu speculiren.

_Duur_ konnte sich einer Verwundrung über die sonderbare Mischung von _Scharfsinn_ und _Narrheit_ nicht erwehren.

»O,« rief _Josselin_ lächelnd: »wundre Dich nicht. Es giebt der philosophischen Narren in Deutschland heuer so viele, daß nicht diese Jammerburg, und wäre sie dreimal größer, sie beherbergen könnte, wenn sie versammelt würden. Aber man läßt sie frei unter den Menschen umherwandern, wohl gar von den _Cathedern_ predigen, weil sie zum Glück ihre Theorien nicht im gemeinen Leben anwendbar machen.«

»Sie haben recht,« sagte der _Aufseher_, indem er ein andres Gemach eröffnete: »auch dieser Mensch hier hat in der Theorie noch viele seines Gleichen. Er ist ein theologischer Narr, dem die Schriften des Bischofs von Hippo den Kopf verrückt haben. Er glaubt und, lehrt, daß Gott, ohne Rücksicht auf die Handlungen der Menschen, einen Theil der Erdbürger zur ewigen Lust, den andern zur ewigen Quaal verdammt habe, und eben darum nahm ers sich nicht übel, seinen einzigen Sohn tödtlich zu verwunden, weil dieser das Gegentheil behauptet hatte.«

_Duur_ seufzte: »treibt das Augustinische Gespenst auch noch im drei und zwanzigsten Jahrhundert seine Spuckerei?«

»Weißt Du nicht, daß von tiefen Wunden wenigstens tiefe Narben bleiben?« entgegnete _Josselin_.

»O!« fuhr _dieser_ fort, als sie nach einigen Stunden die Jammerburg wieder verlassen, und noch immer die grausenhaften Bilder des Elendes vor der Seele schweben hatten: »wo bleibt _hier_ des Menschen schönste Hoffnung, sein seligmachender Traum von Hoheit und Majestät der menschlichen Natur? -- Worin gründet sich diese Majestät, oder der Traum von ihr? -- gewißlich leider in unsre Unwissenheit über uns selbst, wo Eitelkeit und Phantasie das liebliche Lustschloß hinbauten, ohne den Boden zu prüfen! -- Elend und gebrechlich erscheinen wir in der Welt, oft ohne Absicht unsrer Urheber. Wer dachte an uns in der fröhlichen Stunde, darin wir gezeugt wurden, wo nicht wir, sondern die Stillung eines wilden Nervenkützels lezter Zweck war? -- _daß_ wir erschienen, war die Folge einer Tändelei, wozu ein Gläschen Weins, Einsamkeit und Ohngefähr das Signal gaben.«

»Eben so gehn wir hinaus aus der Welt, und bleiben uns am Ende der kurzen und mühseligen Laufbahn selbst die Antwort zur Frage schuldig: _wozu waren wir da?_ -- Wir kamen, ohne unsern Willen, und müssen davon, ohne daß wirs wünschen. Wir haben im Leben kein Auge für den Tod; er wandelt uns immer zur Seite. Wir trinken seinen Gift aus Weinkelchen und Arzeneigläsern; im frohsten Tanze springt unsichtbar der Würger mit.«

»Das Beste hoffen wir freilich von unsrer unsterblichen Seele und ihrer Fortdauer in andern Welten. Aber es ist traurig, daß von den Gegenden jenseits des Grabes immer nur diejenigen erzählten, schrieben und, schwärmten, welche das goldne Eldorado selbst nur erst aus _Büchern_ kannten. Niemand, welcher dahin wanderte, drehte sein Angesicht zu uns zurück und rief: Land! Land!« --

»Wir schmeicheln uns unnennbare Vollkommenheiten vor, welche drüben das Eigenthum den Geistes werden sollen. Die gutwillige Einbildungskraft leiht zu dem Gemälde ihre schönsten Farben her, und unsre Philosophie behauptet mit weisem Ernst: Vervollkommnerung ist das hohe Ziel unsers Daseyns!« --

»Aber wenn wir nun schon auf Erden abfallen sehn, nach einem gewissen Zeitpunkte, die Blüten und Früchte der Vollkommenheit? wenn wir nun sehn, wie der _gereifte Mann_ allmählig wieder zum _welken Greise_ abstirbt, und mit dem _Körper_ zugleich der _Geist_? -- Wenn wir den Mann, welcher die höchste Ausbildung in sich trug, der die Sterne und ihre Bahnen maß, die Wunder der Natur entschleierte, oder Welttheilen Gesetze schrieb, wenn wir ihn in einem Alter von siebzig, achtzig Jahren wieder entkleidet finden von seinen Vollkommenheiten, und sehn ihn wieder _kindisch mit seinen Windeln_ spielen? -- was sagen wir da? was sollen wir dann noch hoffen? Wohl dem, der dann die Augen wegdrehen kann; wehe dem, der mit dumpfen Erstaunen das Bild der Vergänglichkeit durchforscht!«

»Welch ein Bewandniß muß es mit unserm unsterblichen, zur ewigen Vervollkommnerung berufnen Geist haben, wenn eine Zerschellung des Hirnschädels seine Systeme zerrütten, sein Gedächtniß verwüsten, seine Einbildungskraft verwirren, seinen Verstand zertrümmern kann? Tödte einen Nerven in Deinem Hinterhaupte, wo man der unsterblichen Seele die Residenz anweiset, und Du tödtest mit dem Nerven eine Million Vorstellungen zugleich! -- Wenn einst dieser Nerven Spiel erstarrt, und ihre Organisation im Grabe von der Fäulniß verwüstet liegt, wird dann noch dem mörderischen Arm der Verwesung etwas entrinnen, was einer Vorstellung ähnlich sieht? -- Wird dann noch entfliehn, das was bis dahin in uns _Kraft_ hieß? Wenn der Baum, welcher einst lachende Früchte trug, so lang er mit seinen Wurzeln unter der Erde sog, dieser Erde entrissen ist, hat er dann noch die _Kraft_ zum Blütetreiben und Fruchtbringen?«

»Ach, Duur, lieber Duur, _was ist der Mensch_?«

Siebentes Kapitel. Das Fest der Menschheit.

Die Wandrer kamen in die Stadt zurück. Es war schon spät. Traurig und verstimmt legten sie sich zu Bett. -- »Hier ist Wohlseyn!« rief _Duur_.

»Ja wohl,« entgegnete _Josselin_: »_Nichts_ haben, _nichts_ empfinden, _nichts_ wissen, ist auch ein Reichthum, auch ein Glück!«

»Unser ewiger Reichthum im Grabe!« sezte _Florentin_ hinzu.

Unter dem lärmenden Schall der Trompeten und Pauken erwachten sie am andern Morgen. Die Sonne war schon hoch herauf. Man brachte das Frühstück; _Florentin_ und _Josselin_ warfen sich ins Fenster um sich am bunten Getümmel der Menschen in den Straßen unten zu weiden.

»Es scheint heut ein wichtiger Tag dieser Stadt zu seyn!« sagte _Duur_, indem er mit Verwundrung und Vergnügen die vielen fröhlichen Gesichter zählte.

»Das Fest der Menschheit!« erwiederte mit lachender Miene der _Aufwärter_.

»Ein herrliches Volksfest!« intonirte _Josselin_: »Heut wollen wir wieder selig seyn, und die düstre Jammerburg vergessen.«

»Wie so?«

»Es ist ein Tag der allgemeinen Freude, ein Festtag der Liebe, der Barmherzigkeit und jeder gesellschaftlichen Tugend! Hurtig, wir wollen uns ankleiden, und unsre Börsen füllen, um den Armen wohl zu thun.«

»Du bist ja einem Entzückten gleich.«

»Und Du einem Erstaunten. Es ist wahr, ich dachte nicht daran, daß Du ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts seyst; aber wer kann sich auch immer daran erinnern? -- Ich muß Dir nun wohl erst eine umständliche Vorbereitung geben, wenn Du den heutigen Tag recht schmecken sollst. Aber wahrhaftig, ich bin grade izt zu den Vorbereitungen wenig aufgelegt.«

»Nur kurz und bündig den Inhalt und die Ursach des Festes!«

»Das ists eben, wovor ich mich fürchte; da muß ich Dir ja eine besondre Rede über unsre Feste halten.«

»Nur Skizze!«

»Wahrhaftig, mehr sollst Du auch heut nicht von mir fodern dürfen. -- Also _Ursach_ und _Inhalt_ des Fests? -- Ursachen kann ich Dir von dieser Feierlichkeit nicht mehr und nicht weniger angeben, als von jeder andern. Man will dadurch Herz und Geist des Volks erfreun, den Umlauf des Geldes rascher befördern, Gemeingeist und Brudersinn erwecken und was man nun von solchen Gelegenheiten mehr anzugeben pflegt. -- Vor Zeiten wurden mehr Kirchen- als Nationalfeste gefeiert; seit anderthalbhundert Jahren sind mehr National- als Kirchenfeste. Vor Zeiten war fast jeder _Sonntag_ ein christlicher _Festtag_, izt ist der Sonntag nur _Ruhetag_ und großer Volksfeste haben wir in jedem Jahresviertel nur ein _einziges_.«

»Und die christlichen _Kirchenfeste_?«

»Sind beinah sammt und sonders secularisirt. Die Welt hat an ihnen nichts verloren; gewiß aber mit ihrem Verlust gewonnen.«

»Das möcht' ich nicht behaupten. Die _Religion der Christen_ hat _unstreitig_ durch die Aufhebung oder Secularisirung der Feste von ihrer Autorität und Wirksamkeit vieles eingebüßt.« --

»Laß doch die _Religion_ einbüßen, wenn die _Menschheit_ nur Vortheile erringt.«

»Ist eins ohne das andre _möglich_?«

»Gewiß; nur ehrlich Nach- und Vortheile gegen einander abgewogen! -- Wozu wurden die Kirchenfeste angeordnet? Wir wollen den Stiftern den _edelsten_ Zweck beimessen, wollen nicht daran denken, daß der hierarchische Sinn der ersten Anordner vielen Antheil daran hatte, sondern glauben: daß man sie einsezte, um durch die Feier der wichtigsten Begebenheiten des ersten Christenthums einen Enthusiasmus für die Religion selbst zu befördern.«

»Ich bin mit dem Zweck zufrieden.«

»Wurd' er _erreicht_? -- Selten war darunter ein Fest der Freude -- es waren mehrentheils _Buß_- und _Bettage_, welche den durch tausend Widerwärtigkeiten niedergebeugten Geist nicht im Stande waren aufzurichten und zu erquicken für die folgenden Schicksale. Das alte Sündenregister ward unaufhörlich revidirt und in der Nachbarschaft des Himmels der höllische Flammenpfuhl gewiesen. Eine schwermüthige, düstre Schwärmerei war gewöhnlich die ganze Frucht des Festes für den, welcher es mit ganzer Seele, nach der jedesmaligen Anlage der Tagesfeier, begangen hatte.« --

»Aber wie viele begingen es so?«

»Desto schlimmer; so ward die ganze Absicht der Stiftung verfehlt. Der Reichere, oder sich aufgeklärt Dünkende, erinnerte sich nicht an den Sinn des Festes, sondern machte dieses zu einer Gelegenheit größerer Lustbarkeiten. Man verpraßte den kostbaren Tag in dem Ringe seiner Tisch- und Kellerfreunde, und des Nothleidenden gedachte man grade dann am seltensten. Der Stolz des gemeinen Mannes feierte das Fest wieder auf eine besondre Weise; neue Kleider mußten an diesem Tage figuriren, und ein Wein- oder Brannteweinsrausch Leib und Gemüth erquicken. -- Was gewann dabei die _Religion_, was die _Menschheit_?«

»Ich kann Dir nicht widersprechen.«

»So lange die Deutschen mehr Kirchen- als Volksfeste hatten, war an keinen _Gemeingeist_ zu denken; nicht einmal an Gemeingeist in einzelnen _Städten_; ich will nicht von _Staaten_ sprechen. Man ließ die bequemste Gelegenheit ungenüzt entschlüpfen, das schöne Band der Eintracht um die Herzen der Bürger zu schlingen und für Tugend und Vaterland zu begeistern. Nie wurde ein Versuch gemacht, die Menschen einander, als _Brüder und Schwestern_, näher zu führen; nie wurde ein Versuch gemacht, den schneidenden Unterschied der Stände zu mildern, Stolz und Neid, Egoismus und Kabale, und alle tausend Wurzeln oder Nebenzweige des Partheigeistes, trotz seiner Verderblichkeit für das gemeine Wesen, zu vernichten. Es fehlte daher den Deutschen Deiner Zeit an dem, was _allein_ Nationen, so wie einzelne Familien, _liebenswürdig_ macht, -- _Geselligkeit, Humanität_! Der Vorwurf, welcher ihnen von jeher gemacht ward, gebührte ihnen _rechtens_; sie waren im Durchschnitt, halbpolizirte, steife, träge Thiere, unter sich selbst nie Freunde, sondern mit hündischem Geiz nur das eigne Intresse bewachend.«

Unter diesem Gespräch hatten sie sich beide angekleidet.

»Vom Inhalt des heutigen Festes magst Du Dich mit Deinen eignen Sinnen belehren!« sagte _Josselin_ und führte seinen Freund hinaus auf die Straße, wo alles von Fußgängern, Reutern und Wagen wimmelte.

_Florentin_ konnte sich des Lächelns nicht erwehren beim nähern Anblick dieses bunten Getümmels -- es war ihm die größte Maskerade, welche er je erlebt hatte, wenigstens einer Maskerade nicht ungleich.

Greise und Kinder, Männer und Weiber, Hohe und Niedre, Arme und Reiche tummelten sich freundlich durch einander. Jeder prangte, (so brachte es die Ordnung des Festes mit sich) mit dem besten Theil seiner Garderobe; alles erhielt dadurch einen glänzenden Anstrich von Wohlhabenheit und Feierlichkeit, und der Contrast des Reichthums und der Armuth ungemein viel Auffallendes.

Aber alles dies war das Unbedeutendste in der ganzen Erscheinung; nein die sonderbare Verbindung der Wandelnden machte das Schauspiel einer Maskerade ähnlich. Hier führte ein biedrer Handwerksbursch eine stattlich geschmückte Dame; dort führte ein junges, blühndes Mädchen einen alten, blinden Mann. Drüben schlenderte Hand in Hand ein christlicher Prediger mit einem jüdischen Lehrer; ein kraftvoller, schöner Jüngling stüzte dort einen schwachen, halbgenesenen Kranken.

»Wo bin ich?« rief _Florentin_ lachend.

»Unter _Menschen_!« entgegnete _Josselin_.

»Wohin solls gehn?«

»Wohin Du willst. Hinaus zur Stadt, ins Feld, in die Gärten. Allenthalben wirst Du Gesellschaft finden. Aber izt wollen wir uns den Gesetzen dieses schönen Tages unterwerfen: wir müssen uns trennen. Bekannte und Freunde dürfen heut nicht beisammen bleiben, Familien dürfen nicht an einanderhalten, sondern müssen sich unter die Fremden zerstreuen, sich den Unbekannten nähern, Freundschaften stiften und Bekanntschaften; Freude verbreiten, wo sie können; die Armen freigebig bewirthen; Krüppel, Lahme und Blinde das Ungemach ihres traurigen Geschicks vergessen machen.« --

»Träumst Du, oder träum' ich?«

»Keiner von uns. Ich verspreche Dir viel Vergnügen; wer ein reines Herz und einen gesunden Menschenverstand zu diesem Feste bringt, kann hier nicht anders denn glücklich seyn. Denke doch nicht ewig an die grauen, läppischen Thorheiten Deines Jahrhunderts, wo man sichs nicht einbilden konnte, daß die Menschen, wie Brüder und Schwestern, wie Glieder einer und derselben Familie unter einander zu wohnen im Stande wären. Siehe hier ist der allgemeine Pickenick, wo jeder sein freiwilliges Contingent zur Freude des Ganzen liefert, hier sind die Agapen des ersten Christenthumes wieder, wo der Reiche dem Armen seine Noth, der Frohe dem Weinenden die Thränen vergessen macht; hier ist wahre Polizirung des Volks und eben darum natürliche Einfalt, Wegwerfung des künstlichen und natürlichen Unterschiedes -- denn die lezte Sprosse auf der Leiter der Menschencultur ist wieder _Natur_. -- Geh hin, und werde froh, indem Du andre fröhlich machst. Heut Abend, oder morgen früh finden wir uns wieder zusammen.«

Mit einem herzlichen Kusse entfernte sich _Josselin_, und ergriff die Hand eines vorübergehnden Bürgers, welcher sich so freundlich mit ihm unterhielt, als hätt' er einen alten Bekannten wiedergefunden.