Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3
Part 9
Flimmer. Haben Sie die Gnade mich zu hören. Ich besuchte während Ew. Hoheit sich hier am Hofe aufhielten, nach meiner alten Gewohnheit zum Zeitvertreib die Tabagien; man findet an solchen Oertern die schönste Gelegenheit Menschengesichter zu beobachten, physiognomische und politische Betrachtungen aufzustellen. Unter andern frappirte mich ein alter, schlichter Kerl, aus welchem niemand eigentlich klug werden konnte. Man wußte mir von ihm nicht mehr zu sagen, als daß er täglich in den Weinhäusern herumläge, spielte, söffe und unserm Hergott die Tage abstöhle. Dazu wollte man sich erinnern, das er ein verschmizter Gauch wäre, welcher schon manchen dummen Streich begangen hätte. Das trolligste bei der ganzen Sache ist, daß der alte Schelm stumm ist.
Pr. Moriz. So. Wie beißt der Tagedieb?
Flimmer. _Badner_. Ich bemerkte, daß er Geld zu verschwenden hatte, drum währte es nicht lange, so saßen wir neben einander und tranken Brüderschaft. Ich unterhielt mich öfters ganze Abende mit ihm; seine Bleifeder diente ihm statt der Zunge.
Pr. Moriz. Nun?
Flimmer. Dieser sonderbare Taugenichts ging vor einiger Zeit zum _Grafen Duur_ in Dienste; seine Börse ist bankerot, vermuthlich gedenkt er sie durch die Freigebigkeit seines jezzigen Herrn wieder zu spikken. Allein seit einigen Tagen schien er mit seinem Schiksale nicht recht zufrieden zu sein; flugs machte ich mich an ihn, lokte ihn aus, und ich hatte den küzlichen Flek richtig getroffen. Ich ließ einige Worte von Ihnen fallen, von Ihrer Güte, Ihrer Mildthätigkeit. Der Kerl spizte die Ohren. Folgenden Tages ließ ich ihn merken, dass Ew. Hoheit ihn wohl in Dienst zu nehmen gedächten. Mein _Badner_ war wie ausser sich vor Freude. Am dritten Tage sprach ich von einem Werke, wodurch er sich Ew. Hoheit sogar verbindlich machen könne. Er fragte um nähere Umstände; ich konnte ihm weiter nichts erwiedern, als daß Ew. Hoheit dem _Grafen von Duur_ nicht wohl wollten, und daß, und so weiter. Und heut bring' ich Ihnen den Erzgauner, willig zu jedem Bubenstük, her. Ein Wort von Ihnen selber kann ihn zum Vatermorde stark machen. Er steht und wartet in der Antichambre.
Prinz Moriz. (läßt sich eine Chatulle reichen.) Führ' ihn her.
Der alte Badner. (tritt nach einer Weile mit dem Sekretair herein.)
Pr. Moriz. Höre _Badner_, Du willst des Grafen Dienst verlassen?
Badner. (schüchtern mit dem Kopf winkend) Ho.
Pr. Moriz. So kannst Du in den meinigen treten, wenn Du ein ehrlicher treuer Kerl bist. Ich bezahle meine Leute gut, aber sie müssen im Fall der Noth auch wohl ihr Leben für mich in die Schanze schlagen können. Bist du das auch gewillt?
Badner. (sich verbeugend) Ho!
Pr. Moriz. Schade alter Bursche, daß Dir das Maul vernagelt ist. (wirft ihm eine Börse voller Geld entgegen) Da, nimms zum Handgelde. Wie lange wirst Du noch beim Grafen bleiben?
Badner. (zieht eine Schreibtafel hervor und schreibt) Ein Monat noch.
Pr. Moriz. Ja, Bursche, das währt zu lange. Doch mein Sekretair wird Dir schon einige Winke gegeben haben, wie Du Dich zu verhalten hast.
Badner. (winkend) Ho, ho!
Pr. Moriz. Wird Dir auch wohl von den hundert Louisd'oren und von diesem Fläschchen gesagt haben, dessen Wasser Du -- --
Badner. (mit treuherziger Miene) Ho, ho!
Pr. Moriz. Du darfst dies Wasser nur unter seinen Wein, oder in eine Suppe schütten. In ein, zwei, drei Wochen keucht das Junkerchen seinen zukkersüssen Geist von sich, und Du empfängst noch funfzig Louisd'ors von mir. Funfzig hältst Du jezt schon der Hand.
Badner. (schreibt) Ew. Hoheit erlauben mir aber bei Ihnen Dienste zu nehmen?
Pr. Moriz. Nicht anders; so bald der _Graf_ das Wasser verschlukt hat, meldest du dich wieder. (er reicht ihm das Fläschgen) Leb wohl. Mache dein Probestük als Meister; mein Sekretair sage dir das übrige.
Flimmer und Badner. (entfernen sich)
Ein Bedienter. (bringt dem Prinzen einen Brief, worauf sich derselbe wieder wegbegiebt.)
Pr. Moriz. (bricht auf und liest:)
Prinz!
Da Ihr unsre Warnungen verachtet, unsern Rath verlacht, unsre Stimme tauben Ohren schallen lasset; so rufen wirs Euch zum leztenmale zu: seid auf Eurer Hut, entgehet der Rache beizeiten, ehe sie Euch unverhoft überfällt. -- _Giftmischer_ werden auf deutschem Boden nicht geduldet, schlaget Euch zu den Banditen in Welschland! -- Entfernet Euch binnen vierzehn Tagen aus dem Herzogthum, eine Stunde, so Ihr über die gegebene Frist verzögert, bringt Euch unfehlbaren Tod von dem Gericht der Euch _Unbekannten_.
Donner und Wetter was sollen die Mummereien? -- der dritte Brief schon den mir die unbekanten Spione zuschikken und kann nicht erkunden von wem und von wannen? -- Ists der _Herzog_ selber, der in dem richterlichen Tone zu mir spricht und mir sein Land zum Aufenthalt versagt, oder ists der vermaledeite _Graf_? -- Unmöglich, wie wußten diese um all meine Geheimnisse? -- Hier ist Verrätherei! (er springt vom Ottomann auf) Hollah! ho! Flimmer!
Flimmer. (kömmt.)
Prinz Moriz. (ihn hart anfahrend) Bösewicht, oder Dummkopf! sprich was bist Du von beiden?
Flimmer. (erstaunt) Ew. Hoheit verzeihn -- --
Pr. Moriz. Schurke, ich bin verrathen durch Dich!
Flimmer. Verrathen? Wie so? auf welche Art? was denn?
Pr. Moriz. He, weißt Du nicht _mehr_ zu sagen? Ich bin verrathen, die verfluchte Giftgeschichte -- alles ist bekannt!
Flimmer. (erblassend) Unmöglich!
Pr. Moriz. Wohl möglich! wohl möglich! -- He, Schurke, mache Dich allmählich zum Strik gefaßt!
Flimmer. Ich bin ausser mir. Ich bitte unterthänigst mir zu sagen, wie kann das verrathen sein? Badner ist nur jezt eben erst von mir gegangen; er vermaas sich noch hoch und theuer, daß er binnen heut und morgen dem Grafen das Gift beiringen, oder sein Leben einbüssen wolle. Eben, sag ich, ist er erst fortgegangen, und Ew. Hoheit wollen schon so genau wissen, daß wir verrathen sind?
Pr. Moriz. Nun da. (er hält ihm die Worte des Briefes dar.) Lies!
Flimmer. (ließt.) »_Giftmischer_ werden auf deutschen Boden nicht geduldet -- schlaget Euch zu den Banditen in Welschland.« -- Gnädigster Herr -- dahinter stekt mehr, als gewöhnlicher Menschenwiz; das ist Hexerei, oder der Satan äfft uns!
Pr. Moriz. Bedenke Dich, ob Du nicht hie oder da ein unüberlegtes Wort hingeplaudert hast.
Flimmer. Ich darf Ew. Hoheit nicht an so viele tausend Streiche erinnern, welche ich ausführte, und wodurch mir Ihre Gnade erwarb. Kein einziger verrieth einen Dummkopf, einen Stümperer und dieser einzige, einer der allerleichtesten von der Welt, dieser elende Streich sollte durch mich selber verrathen worden sein? --
Pr. Moriz. Vielleicht hat Dich Dein Weinglas, oder Dein Freudenmädchen plauderhaft gemacht. Besinne Dich!
Flimmer. Ich selber weis ja erst seit gestern um die Vergiftung; wie konnte mich in dieser Zeit ein Mädchen auslokken, da ich den ganzen Tag in dem Zimmer Ew. Hoheit Briefe schrieb, und mir nur ein Stündchen für _Badnern_ abmüssigte! und selbst Badnern lies ich nur halb den Plan Ew. Hoheit errathen.
Pr. Moriz. Donner und Wetter, ich könnte rasend darüber werden! Wer hat denn nun geschwazt? die Wände werden doch nicht horchen und es den fatalen Briefschreibern wiederposaunen? -- Und werden die unbekannten Sittenrichter nicht auch dem Grafen die ganze Geschichte schreiben und ihn warnen? -- Es ist alles umsonst!
Flimmer. Fürchten Sie nichts, gnädigster Herr, fürchten Sie nichts; im Nothfall sezz' ich meinen Kopf zum Pfande, daß der stumme _Badner_ demungeachtet seinem Herrn den _Tofanatrunk_ beibringen wird.
Pr. Moriz. Ich fasse Dich beim Worte. Geh auf Dein Zimmer, man soll Dich nicht eher herauslassen, bis es mir gefällt.
Flimmer. (kriechend) Allein Ew. Hoheit -- --
Pr. Moriz. Fort! fort! der Teufel soll auf jeden Verräther und auf die fürchterlichen Correspondenten fahren! fort, fort! -- --
_Florentin_ ahndete nichts von dieser Seite und blieb ruhig; allein seine ganze Heiterkeit war verschwunden; düster und ernsthaft ging er vor sich umher, verschlossen in seinen Zimmern lag er und sann er nach Rettung, aber vergebens.
»Zum Richtplaz! -- zum Richtplaz! wohl denn, ich bin ein Mensch; der Tod ist einmal mein gewisses Ziel; -- ich gehe!«
So sprach er oft bei sich, und fühlte in jeder Nerve kühne Entschlossenheit. Nur ein Gedanke war fähig ihn um diese schauerliche Ruhe des Geistes zu bringen, der Gedanke an seinen _Onkel_ und seine gute _Schwester_. --
Zuweilen wieder dämmerte ihm der Hofnung liebliches Morgenroth durch die Finsternis; _Holder_ lebte ja noch, und _Holder_ könnte vielleicht helfen. Aber haben nicht _Holder_ und die, welche in seinem Namen schrieben, ihre Pflicht erfüllt? warnten sie nicht oft genug, und, ach! nur zu spät? -- Wer ist denn der Sonderling _Holder_, daß er retten dürfte? ein gemeiner Unterthan des Herzogs, der für seine Cur an dem kranken Fürsten theuer genug bezahlt worden ist! ein Flüchtling, ein Abentheurer, der in der Welt umherschwärmt, und nun es sich belieben läßt aus Italien wieder nach Deutschland zu wandern. -- Allein sein Karakter ist doch so edel, so schön! wird er nicht alles für den verurtheilten Freund _wagen_? -- wagen? und was denn? was liesse ein erbitterter Fürst wider sich wagen? O es ist alles umsonst, und _Florentin_ in jedem Falle der baldige Gegenstand der Rache eines beleidigten, tief beleidigten _Landesherrn_.
Indeß verzagte der _Unglükliche_ nicht ganz. Flucht hätte ihn vielleicht vor dem Zorn des Richters sichern können, aber fliehn wollte _Graf Duur_ nicht. »Besser ein _beklagter Unglüklicher_ sein, rief er seiner Seele zu, als ein _glüklicher_ Bösewicht!« --
_Badner_ trat zu ihm herein und grüßte freundlich. Noch nie sah der _Graf_ diesen Alten so vergnügt; es fiel ihm auf, und er fragte.
_Badner_ lächelte und winkte bedeutend mit dem Kopf, zog dann ein Gläschen hervor, sezte es auf den Tisch vor seinem Herrn, zählte funfzig Louisdor's daneben und schrieb in die Schreibtafel: »Das Gifttränklein für Sie, und die Funfzig für mich.«
_Florentin_ starrte ihn verwundert an. _Badner_ lächelte und schrieb weitet:
»So will es _Prinz Moriz_, aber _Badner_ wills anders.«
Hierauf öfnete der Alte das Fenster, zerschmetterte das Glas an das Strassenpflaster, und strich das Geld triumfirend ein.
»Schikken Sie das Blutgeld an das Armenhaus, und bleiben Sie mir gut!« schrieb er auf das Pergament.
_Florentin_ drükte gerührt seines treuen _Dieners_ Hand. »Ich danke dir,« sagte er: »ich danke dir für deine Ergebenheit; bezahlen kann ich solche biedre That nicht. Indessen hättest du _Morizens_ Befehl immerhin ausführen können, ich würde dir auch gedankt haben, und du hättest mir vielleicht gütlicher gethan.« --
_Badner_ schien sich verwundern.
»Nein, lieber Alter, verwundre dich nicht! Dein Herr ist unglüklich. In einem Monate hast Du vielleicht mehr erfahren!«
Achtes Kapitel. Eine Episode.
Es war des Morgens um vier Uhr, als _Pr. Moriz_ auf der Straße von vier starken, verkleideten Kerlen angehalten wurde. Er kam so eben aus den Armen der Signora _Biondina_, welche ihrem Galan eine seelige Nacht geschaffen hatte.
»Hör' Er, Freund,« sagte einer von den Verkleideten, indem er den _Prinzen_ beim Arm faßte: »Er nimmts uns wohl nicht übel, daß wir so dreist sind, mit ihm ein Paar Worte zu plaudern.«
Ein Andrer. Freilich, wir haben lange auf Ihn warten müssen.
Prinz. (einen Schritt zurüktretend) Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?
Verkleideter. Wer wir sind? das kann man Ihm nachher sagen. Was wir wollen? eine Bestellung wollen wir an Mann bringen.
Prinz. Warum fallt Ihr mich auf der Strasse an?
Verkleideter. Bewahre Gott, _anfallen_! Banditen fallen Leute an.
Ein Andrer. Hör Er, wer Er ist, wissen wir nicht, aber daß Er beim Prinzen _Moriz_ in Diensten steht, das wissen wir.
Prinz. (horchend) So ists; nun weiter? Ein Dritter. Wenn ich nicht irre; so ist Er der Sekretair Flimmer.
Prinz. Ihr habts errathen.
Verkleideter. Grüss' Er seinen Herrn von uns unbekannter Weise.
Prinz. Soll gern geschehn, wenn ihm anders mit Eurem Grus gedient sein wird.
Verkleideter. Gedient oder nicht gedient; das ist einerlei.
Prinz. Nur zur Sache, Schurken.
Verkleideter. Sehr Verbunden. Vors erste rathen wir ihm wieder zu erzählen was ihm geschehen ist.
In dem Augenblik stürzten die vier _Bravo's_ auf ihn zu. Ehe sich der Prinz besinnen konnte, ward sein Mund verknebelt, jeder seiner Arme von einem Kerl gehalten, sein Couteau de Chasse aus der Scheide gezogen und ihm auf die Brust gesezt.
Der Prinz strengte umsonst alle Kräfte an, sich loßzureissen, er war ohnmächtiger, als ein Kind, und die _Kerls_ lachten. Der, welcher ihm den Stahl auf die Brust hielt, fing an zu reden.
»_Prinz_!« sagte er: »wir kennen Euch wohl, nur zu wohl. Ihr habt dem unglükseeligen _Grafen von Duur_ einen Gifttrunk zugeschikt; er hat ihn am gestrigen Abend in einem Glase Brunnenwasser hinuntergeschlürft, und ihr seid also sein Mörder. Ihr seid gewarnt von unbekannten Fingern, aber Ihr habt gespottet, und in den Händen der Verspotteten seid Ihr jezt! -- Was erwartet Ihr von denen, welche nach dem Rechte richten, und vor deren Stuhl Titel und Bettlergewand keinen Unterschied machen?« -- --
Eine lange, schrekliche Pause erfolgte. Der _Prinz_ starrte den fürchterlichen Mann an, der die Todesworte so kalt hinsprach, und schauderte. Rings umher herrschte nächtliche Stille; die Sterne funkelten traurig durch die Lüfte, und der Mond ging hinter einem Wolkengebirg unter.
»Blutsünden,« fuhr der _Mann_ fort, vor dem jezt ein _Prinz_ zittern mußte: »Blutsünden können nur mit Blut wieder abgewaschen werden!« -- --
Der _Prinz_ versuchte eine Bewegung und stöhnte ängstlich.
»Jedoch wisset, daß Euch diese Schandthat vergeben ist. Vergeben ganz und gar, ohne alle Rüge und Ahndung, sobald Ihr binnen _dreizehn_ Tagen ausser den Gränzen dieses Herzogthums seid, mit Eurem ganzen Gefolge. _Eine Stunde_ Verzug ist Euch gefährlicher, als dem Grafen das Giftfläschgen! -- Und nun _Prinz_ vergeßt bei jedem Plan der Bosheit nicht dieser Nacht zu gedenken; vergesst nicht, daß es in der Welt auch Augen giebt, die ins Verborgne eindringen. -- Gehabt Euch wohl!«
In dem Moment warf man ihm ein Pflaster über das Gesicht, ließ ihn loß und verschwand.
_Moriz_ riß das Pflaster ab; entknebelte sich; sah mit funkelnden Augen umher, und begab sich fluchend nach seinem Pallast.
Vierter Abschnitt.
Erstes Kapitel. Holder erscheint wieder.
Ruhig wohnten der alte brave _Onkel_ und seine reizende Nichte _Friedrike von Duur_ auf ihrem Landschlosse, indessen der arme _Florentin_, hingeworfen in den großen Strom der Welt, auf ihren Wogen umhergewirbelt wurde. Sie wußten nichts von dem unseeligen Geschik desselben, sie wähnten ihn glüklicher, als sich, und ach, wie gern hätte _Florentin_ seine glänzende Rolle mit der Rolle des unbedeutendsten Landjunkers vertauscht! -- Wie gerne hätte er der Schmeicheleien des Hofs entbehrt, für die zärtlichern Schmeicheleien seiner _Schwester_; wie gern hätte er den Kuß einen _Herzogs_ mit dem väterlichen Kuße seines _Onkels_ verwechselt! Allein jezt war alles zu spät; jeder Rüktritt Unmöglichkeit. Nur _einmal_ wünschte er noch die Fluren zu sehn, in welchen er den Traum der Kindheit geträumt hatte; nur noch einmal die angenehmen Wildnisse zu durchirren, in deren heiliger Dämmerung er oft begeistert in die Zukunft hinausstarrte, und sich von tausend Zungen als den Wohlthäter des Vaterlands ausgerufen hörte; nur einmal noch in der Mitte seiner Verwandten ehmalige Freuden wieder zu fühlen.
Sein Wunsch wurde ihm eher gewährt, als ers glaubte. Er kam ein Brief vom _Onkel_, welcher ihn ersuchte, _übermorgen_ in sein Schlos einzutreffen; beileibe aber nicht _später_. Der Brief des guten Alten hatte so viel Geheimnisvolles an sich, daß _Florentins_ Neugier nicht ungereizt bleiben konnte. Er ging zum _Herzog_ und bat ihn um Erlaubniß seinen _Onkel_ besuchen zu dürfen.
Der _Fürst_ war ausserordentlich gnädig.
»Wenn eher darf ich denn hoffen Sie wieder bei uns zu sehn?«
Sobald es Ew. Durchlaucht befehlen.
»Befehlen? Pfui, _Graf_, Sie wissen, daß wir uns einander nicht befehlen. Also, wenn darf ich Ihre Rükkunft hoffen?«
»Vierzehn Tage wenigstens würd ich mir ausbitten.«
»_Vierzehn Tage?_ nun ja; aber ich bitte Sie, auch nicht eine Minute länger.«
Wenn Sie wollen, so unterlass' ich die Reise gänzlich.
»Nein, nein! das dürfen Sie auch nicht. Ihr Onkel und Ihr Fräulein Schwester würden mir böse werden. Nur vierzehn Tage! die durchleben sich leicht.«
Haben Sie noch einige Befehle!
»Vor ihrer Wiederkunft erfahren Sie nichts, allein nachher desto mehr. Ich habe einen vortreflichen Anschlag, bei dessen Ausführung Sie mir schlechterdings beistehn müssen. -- O Graf, Sie haben mich auf eine vortrefliche Bahn geführt; reden dereinst die Jahrbücher der Welt auch nicht von mir, als dem _Eroberer_, dem _Heiligen_, vergißt man mich auch, weil ich keine auffallende Thaten that: so belohnt mich doch jezt schon die Freude meines Volks.«
Nein, Theuerster; _Vater des Vaterlandes_ wird die Nachwelt Sie nennen, ein Beiname, der unendlich schmeichelhafter klingt, als der Name des _Grossen_, des _Weltüberwinders_.
»Ich thue auf den einen, so wie auf den andern Verzicht. Eine Thräne von der Dankbarkeit geweint, ist belohnender, als aller Weihrauch von der Nachwelt. Und nennt man mich: so nenne man auch Sie. Denn Sie haben gleichen Antheil an der Vervollkommnerung meiner Unterthanen. -- Graf, noch eins, warum seh' ich Sie seit einigen Tagen so ernst, so schwermüthig?«
Mich, gnädigster Herr?
»Nun ja; Ihr Lächeln dünkt mich so erzwungen, Ihre Freude so erborgt. Was ist ihnen? sagen Sie mirs. So wahr ich Herzog bin, und so weit sich meine Gewalt strekt, helf' ich ihnen! Ich mag kein trauriges Gesicht sehn, am wenigstens von Ihnen.«
Verzeihn Sie, vielleicht ists Laune, vielleicht die Annäherung einer Krankheit, vielleicht -- --
»Man hat Ihnen doch nicht einen Streich gespielt, wie dem Prinzen _Moriz_?«
Ich wüßte nicht welchen?
»Der Prinz wie Sie wissen, wird uns in kurzem verlassen, und zwar, weil er in Gefahr steht umgebracht zu werden.«
Umgebracht zu werden?
»Ja, ja; so sagt ers selber. Vor einigen Abenden ist er von vier verlarvten Kerln angehalten worden, die ihn um seine Börse plündern wollten.
Allein er hat sich durchgeschlagen, und da hat man ihm den Tod gedroht.«
Unerhört.
»Freilich unerhört. Indessen hab ich doch die Wachen verstärkt um Sicherheit auf den Straßen zu erhalten. -- Er wußte überhaupt vielerlei Klagen wider meine Polizei anzubringen, unter andern beschwerte er sich über gewisse _Unbekannte_, die ihm zuweilen Briefe zuschikt, worin sie sich das boshafte Vergnügen gemacht haben sollen, ihm seine heiligsten Geheimnisse wieder zu erzählen. Auch muthmaßt er stark, daß ihm eben diese unbekannten Briefsteller den Spaß mit den vier Kerln gespielt haben mögten.«
Es ist sonderbar!
»Das ists. Ich weiß nicht, was ich hievon urtheilen soll; denn gesezt, daß in der That einige Menschen sichs zur Absicht machten, im Dunkeln umherzuschleichen: wie soll man ihnen beikommen? -- Ich erinnre mich, daß schon vor einigen funfzig Jahren unter der Regierung meines Großvaters solcher Unbekannten, als heimlicher Richter erwähnt sind. Man fand nemlich eines Morgens einen Obristen ermordet, auf seiner Brust ein Blech; darauf stand: Gericht der Unbekannten geschrieben, und in seiner Tasche einige zusammengeheftete Bogen Papiers, worauf viel fürchterliche Handlungen des Ermordeten aufgezeichnet waren. Die Sache des Obristen und die ihm aufgebürdete Schuld wurde untersucht, und man fand leider alles gegründet. Ich wünschte indessen doch nicht, daß das alte, heimliche Unwesen wieder aufleben mögte.«
Der _Herzog_ sprach noch manches, umarmte sodann den _Grafen_, und beurlaubte ihn.
_Florentin_ ging. »_Wenn_ werd' ich dieses Schlos wieder betreten, und _wie_ werd ichs? -- O, Gott, wie er mich noch so brüderlich umschlos und küßte! -- wehe mir, wenn aus ihm der _beleidigte Bruder, der entehrte Herzog, der hintergangne Freund_ spricht. In Has verwandelte Liebe ist schreklicher, als jeder Has, der aus andern Quellen fließt. -- Jezt sprach der Freund zum Freunde, und einst, o bald! der richtende _Herzog_ zum Verbrecher der beleidigten Majestät. -- Sei es, ich will meinem Schiksale nicht entrinnen, wenn ich es gleich könnte!« --
Mit diesen Gedanken umgehend, kam der _Graf_ zu Hause. _Badner_ hatte alles zur Reise fertig gemacht, und folgenden Tags in aller Frühe setzte _Florentin_ sich in die Kutsche, _Badner_ ritte voran, so daß sie zum andern Tage gegen Sonnenuntergang die Kuppeln des Duurschen Schlosses in der Abendröthe schimmern sahen.
»Ho, ho, ho!« -- rief plözlich der _Vorreuter_, und wekte _Florentinen_ aus ernsten Betrachtungen.
»Was ists?« fragte dieser, und lehnte sich zum Flügel der Kutsche heraus. _Badners_ vorwärtsdeutender Finger gab die Antwort.
Ein Chor Musikanten, mit blasenden Instrumenten, traten aus einem Gebüsch hervor, ihm folgten ein Trupp gepuzter Bauern und Bäuerinnen, welche lachend und tanzend den Wagen umringten. Bald darauf hörte man sie ein allgemeines, jauchzendes »Vivat!« rufen, wozu die Waldhörner einstimmten.
»Ja, es lebe mein Neffe, der Kammerherr!« --
»Ja es lebe _Florentin_, mein Bruder!«
»Es lebe lange _Florentin_, mein Freund!«
Froh-bestürzt sprang der _Graf_ aus dem Wagen, Vergangenheit und Zukunft, alles war von ihm in diesem Augenblik vergessen, nur Thränen freudiger, inniger Rührung, ach, vielleicht die lezten welche er vergoß! entquollen seinen Augen -- er sprang aus dem Wagen, und o! -- in die Arme den _Onkels_, _Rikchens_ und _Holders_!
»Mein _Florentin_! mein _Florentin_!«
»»Meine Lieben!««
Ueberrascht, verwirrt, gerührt, lagen sich diese Guten endlich nach langer Trennung, nach vielen überstandnen Leiden einander in den Armen; sie vergaßen alles; Liebe schwamm in jedem Auge; Freundschaft glühte auf ihren Lippen; der Erde reinste Freude brannte in Ihrem Busen -- der Himmel schien sie umfangen.
Im Triumf führte man den angekommenen Liebling in das väterliche Schloß; unterwegs wurden tausend Fragen gefragt, tausend Glükwünsche gewünscht, unterwegs erfuhr auch _Florentin_, daß _Holder von Sorbenburg_ mit Fräulein _Friedriken von Duur_ morgenden Tags die Hochzeit feiern würde.
»Ja, ja!« sagte der _Onkel_, und lächelte schalkhaft dabei; »ja, ja, wir müssen unsern Flüchtling für die Zukunft fester binden. Ha, ha, ha! er soll uns diesmal, mein Seel, nicht entschlüpfen. -- -- Aber höre, _Florentin_, Herzensjunge, -- nun Du nimmst doch den _Herzensjungen_ nicht übel, Herr Kammerherr -- höre, wie gefiel Dir Deine feierliche Einholung? he? -- ja, ja! der Spas kam von dem alten, guten Onkel! ha, ha, ha, ha!«
Zweites Kapitel. Ein Traum.
Soll ich Ihnen, meine Leser, hier die förmliche Beschreibung eines Vermählungsfestes liefern? Ihnen etwa erzählen, wie alles in trauter, ländlicher Einfalt gehüpft, gescherzt, gesungen, geküßt, und gratulirt hat? oder _wie_ und _was_ die Herrn vom Lande und von der Stadt beim Wein und Knasterdampf kannegiesserten, philosophirten, und wizzelten, oder die Damen, Tanten und Kousinen medisirten, beliebäugelten u. s. w. oder wie das sanfte _Rikchen_ an diesem schönen Tage dreimal schöner als sonst war, und wie sie um die Mitternachtsstunde erröthend mit _Holdern_ dem Schlafgemach entgegentrippelte? --
»Um Gotteswillen nicht,« rufen die Leser und Leserinnen, welche sich nun seit Jahr und Tag im Stande der heiligen Ehe befunden haben: »Sie machen uns gähnen!«
»Beileibe nicht!« lispeln einige unverheurathete Leserinnen, und halten den Tuch vors Gesicht: »Sie machen uns -- --«
»Vor der Zeit lüstern!« fallen die jungen unbeweibten Herrn ein.
Es sei denn. Nach vier Tagen war Saus und Braus vorüber, _Holder_ ein Mann, _Rikchen_ eine Frau, das junge Ehepaar im Schloß _Sorbenburg_ eingezogen, und der Onkel, dems jezt in seinem Hause zu leer geworden, bei ihnen. --
»O _Florentin_, sagte _Holder_ an einem Nachmittage zu seinem Freunde, indem sie beide im Garten auf- und niedergingen; könntest Du izt doch mit uns stets beisammen bleiben!«